Abschlussveranstaltung des Runder Tisch Prostitution NRW

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Review einer Sexarbeiterin:

Vor 4 Jahren habe ich erfahren, dass es in NRW einen Runden Tisch zum Thema Prostitution geben soll. Da ich selbst seit einigen Jahren in NRW als Sexarbeiterin arbeite, war es mir sehr wichtig dabei zu sein, mitzureden über meinen Beruf und mitzubekommen wie Experten und Behördenträger über meinen Beruf sprechen. Außer mir gab es noch weitere Sexarbeiterinnen am Runden Tisch, als feste Teilnehmer waren 2 Sexarbeiterinnen geplant, je nach Thema wurden weitere Sexarbeiterinnen und andere Experten eingeladen. Es war das erste Mal, dass es einen Runden Tisch Prostitution mit einer so großen Sexarbeiterinnenteilnahme gab.

 
Es gab insgesamt 14 Sitzungen mit unterschiedlichen Themen zu denen jeweils verschiedene Experten eingeladen waren, die auch unterschiedliche Meinungen vertraten. In der ersten Sitzung war eine Mitarbeiterin von SOLWODI eingeladen, die von Prostitution ein negatives Bild hat, sie sprach von 800.000 Prostituierten in Deutschland („überschwemmen das Land“) und sie sagte, es könne nicht von Freiwilligkeit gesprochen werden, sondern nur von einem Grad der Freiwilligkeit, das wäre auf ein Minimum reduziert, wenn Frauen keine Alternative sähen. Wohingegen eine Mitarbeiterin von Madonna sagte „Was glauben Sie, wie viele Bäckereifachverkäuferinnen noch ihren Job ausübten, wenn sie denen den Ausstieg mit Qualifikation und besserer Bezahlung in eine angesehene Tätigkeit anbieten?“
Toll fand ich bei dieser Diskussion, dass die Leiterin des rT bei den Freiheitsgraden klug und geschickt nachgefragt und angesprochen hat, dass man nun doch wirklich bei Frauen, die wie Nina und ich arbeiten, unbedingt von freiwillig und selbstbestimmt sprechen müsse.
Ein weiteres Thema war „Umgang von Kommunen mit den Erscheinungsformen und Begleiterscheinungen von Prostitution“. Besonders interessant in dieser Sitzung war der Vortrag einer Mitarbeiterin des Ordnungsamtes Dortmund, die 10 vorgesehenen Minuten wurden überschritten, weil es um das heikle Thema „Schließung Straßenstrich Dortmund“ ging. Sie hat ausführlich erklärt, was zu diesem Entschluss führte (ohne es gutzuheißen). Unter anderem erklärte sie, der Straßenstrich sei kein Problem der Prostitution, sondern ein Migrationsproblem und es gäbe eine „Armutswanderbewegung“, die in Zukunft (vollständige Freizügigkeit) stärker würde.

 

Auch die Sitzung mit dem Thema „Umgang mit Prostitution in Schweden und in den Niederlanden“ war ziemlich spannend, die eingeladene Wissenschaftlerin aus Schweden stellte dar, wie man in Schweden darüber denkt: „In Schweden gibt es sogenannte „Soziale Ingenieure“. Sie entwickeln Ideale, haben Visionen wie eine „ideale Gesellschaft“ sein soll und die Politik soll dieses Ziel umsetzen. Das Ideal lautet „Sex auf gleicher Augenhöhe“, d.h. „einfacher, guter, gesunder Sex zwischen gleichwertigen Partnern wird sehr akzeptiert. Mit gleichwertig meinte man den sozialen Status, das Alter, die Finanzlage, die Intelligenz. Als schlechter Sex gilt Sex, der nicht auf gleicher Augenhöhe stattfindet, wo ein großer Altersunterschied existiert oder ein großer Unterschied in der finanziellen Situation. Besonders verabscheut wurde und wird Prostitution. Prostitution ist Vergewaltigung. Durch Prostitution wird die Gesellschaft geschädigt. Die Prostituierte soll nicht als Person geschützt werden, sondern durch Ausstiegsprojekte, dem Freier soll durch psychologische Therapie geholfen werden.“ Die Wissenschaftlerin erklärte auch, dass man mit diesem abolitionistischen Gesetz den Frauen, die in der Sexarbeit tätig sind, sehr geschadet hat.

 
Besonders beeindruckend fand ich die Sitzung, die das Thema „Prostitution und Gesundheit“ hatte. Weil ich den Punkt „Kondompflicht“ („ja klar, ist doch prima“) lange anders eingeschätzt habe, habe ich doch gemerkt, dass das eben kein einfaches Thema ist und man weiterdenken muss. Hier mal ein Auszug aus dem, was eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes Köln sagte:
„Es gibt keine soliden Daten, somit kann es keine Aussage über Zunahme oder Abnahme von Geschlechtskrankheiten geben, oder auch Aussagen über eine Zunahme ungeschützter Praktiken. Als Beispiel kann ich Ihnen sagen, dass ich 1991 eine Sexarbeiterin erlebte, die „all inclusive“ für 15,- DM anbot. Das gabs schon immer. Das „Gejammere“ über immer schlimmere Auswüchse kann ich nicht mehr hören, Sexarbeit kann auch als „Traumabewältigung“ gesehen werden, allerdings eine wohl unglückliche Form, darüber kann man streiten, es gibt sehr viele „Mythen und Legenden“ über Sexarbeit, in diesem Beruf treffen sich zwei erwachsene Menschen, die sollten selbstständig entscheiden und Verantwortung tragen. Anstatt „Scheinfreier“ soll man doch „Scheinsexarbeiterinnnen“ einsetzen, um unerlaubte Praktiken anzuzeigen.“
Das waren jetzt mal einige Auszüge aus den Diskussionen am rT, die mir besonders in Erinnerung sind. Es gab noch jede Menge mehr Themen und faszinierende Thesen und Theorien und Erklärungen z.b. gab es eine eigene Sitzung zum Thema männliche Prostitution und zum Thema Internet.

 
Die Stimmung am rT war immer ruhig, freundlich, die Begrüßung sehr herzlich. Vor allem das Team, das den Runden Tisch leitete und organisierte, das protokollierte und zusammenfasste, bemühte sich superlieb darum, dass sich alle wohl fühlten. Vor allem bei Teilnehmern, die einen schweren Stand hatten, z.B. die Dame von SOLWODI oder die Sexarbeiterinnen. Das gefiel mir sehr, sehr gut. Diese Unvoreingenommenheit und gleiche Freundlichkeit allen gegenüber.
Am rT ließ jeder jeden ausreden, laut wurde es nie und auch in den Pausengesprächen merkte man, dass diese Gespräche auf gleicher Augenhöhe stattfanden. Für mich waren es jedes Mal schöne, interessante Treffen, nach denen ich mehr über meinen Beruf wusste.
Nach vier Jahren Teilnahme als ständiges Mitglied am rT Prost NRW (als Sexarbeiterinnen waren ich und Melanie anwesend) war ich dann bei der Abschlussveranstaltung auf der auch der fertige Bericht vorgestellt wurde. Auf dem Weg dorthin hörte ich schon über wdr5 bei „Morgenecho“ ein Interview über den rT mit Melanie. Die Stimmung dort hat sie prima widergegeben („Gespräche auf Augenhöhe“).

Für die Veranstaltung war 1 Stunde vorgesehen, einleitende Worte von Frau Zimmermann-Schwartz (Leiterin des rT) gingen über die Teilnehmer, wie die Einzelnen sich engagiert einbrachten und die Termine des rT über 4 Jahre hinweg konsequent und vollständig einhielten.

Danach sprach Frau Steffens (Landesministerium GEPA), die auch ihren „Fettnäpfchentritt“ mit der damals befürworteten Kondompflicht erwähnte und dass sie das jetzt anders sieht, nachdem man ihr die Konsequenzen erklärte.

Auf meiner inneren Merkliste hatte ich die Punkte Meldepflicht, Untersuchungspflicht und Arbeiten-unter-18 – die hat Frau Steffens alle erwähnt und sieht die wie der BesD – also keine Meldepflicht, keine Untersuchungspflicht, keine Anhebung der Altersgrenze, sondern andere Lösungen wie z.b. Beratungsgutscheine oder Apps für Smartphones.

Anschließend haben wir vor allem über den ersten Punkt gesprochen, nochmals erklärt, Melanie zog Parallelen zu anderen Jobs und es gab keine anderen Meinungen darüber. Frau Steffens sagte, wie wichtig solche Runden und Gespräche sind und dass sie solche Informationen brauche, damit sie im Bundesministerium (Frau Schwesig) neue Argumente nennen kann.

Zum Schluss wurde der Bericht über die Sitzungen an Frau Steffens übergeben.

Gestern Abend schon habe ich mir gedacht, wie unterschiedlich die verschiedenen Zusammenfassungen der Zeitung nach der Presseerklärung ausfallen. Je nach Meinung nehmen die Journalisten die Überschriften, Gewichtungen, Schwerpunkte vor – und die Zusammenfassung derselben Veranstaltung kann sich so unterschiedlich lesen. Ich weiß, ich sag damit nix Neues, aber jedes Mal bin ich irritiert darüber.

Ich bin vor allem gespannt, was bei einem Gespräch der Landesministerien (NRW hatte als einziges Bundesland einen rT Prostitution, an dem Prostituierte teilgenommen haben) mit der Frau Schwesig herauskommt. Hoffentlich liest sie den Bericht genau. Das dürfte nicht schwer fallen, denn der Bericht ist prima geworden, leicht lesbar, gut eingeteilt, sehr übersichtlich und flüssig geschrieben. Ich bin beeindruckt, wie geschickt und verständlich komplizierte Sachverhalte erklärt wurden, der Bericht ist sehr gelungen und empfehlenswert für jeden zu lesen, der prägnant zusammengefasstes Expertenwissen über Sexarbeit wissen will.

 

Links:

MGEPA – Runder Tisch Prostitution

Abschlussbericht – Auftrag, Herausforderungen und Ergebnisse ald PDF

Pressemitteilung der MGEPA

Claudia Zimmermann-Schwartz – Prostitution – eine wissensbasierte feministische Debatte ist überfällig!

RP Online – NRW lehnt Kondompflicht und Anmeldepflicht für Prostituierte ab

Interview Sat1

Pressemitteilung auf Englisch