Steuer

In Deutschland gibt es eine Steuerpflicht, die auch für das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen gilt.
Angestellt oder Selbstständig

Beide Beschäftigungsformen sind für sexuelle Dienstleistungen aller Art in Deutschland möglich.
In der Praxis gibt es so gut wie gar keine Angestelltenverhältnisse, sondern die Sexarbeiter*innen sind selbstständig tätig. Somit beschränken wir uns hier auf die selbstständige Arbeit.

Buchführungs- und Aufzeichnungspflichten

Jede in Deutschland selbstständige Person muss die Einnahmen aufschreiben und somit nachweisen können. Gut wäre, wenn man die Ausgaben auch gleich mit aufschreibt, denn diese kann man von den Einnahmen abziehen. Somit muss man dann weniger versteuern. Jede Ausgabe muss mit einem Beleg (Kassenbon oder Rechnung) nachgewiesen werden.

Wie und wo muss ich mich steuerlich anmelden?
Noch bis 1.7 gilt folgende Regelung:

Bis spätestens vier Wochen nach Aufnahme derTätigkeit müssen Sexarbeitende sich beim zuständigen Finanzamt melden. Am besten geht man da persönlich hin. Als Meldeadresse gilt der eigene Wohnsitz und nicht die Adresse des Bordells oder sonstiger (Prostitutionsstätte)
Als Beruf muss nicht Prostituierte angegeben werden. Wegen der hohen Stigmatisierung ist es erlaubt auch eine andere Berufsbezeichnung anzugeben: z.B. Coach, Wellnesstrainerin, Begleitung, Lebensberatung, Massagen, usw. Denkt euch was aus, denn dem Finanzamt ist das egal. Sie wollen nur Steuergelder einnehmen. Wer Massagen angibt, kann dann aber nicht die Latexanzüge und die Kondome von den Steuern absetzen. So was braucht man üblicherweise nicht bei Massagen.

Ab dem 1.7. gilt das neue ProstituiertenSchutzGesetz.

Alle Personen, die nach diesem Termin mit der Sexarbeit beginnen, müssen sich bei einer Meldebehörde anmelden. Welche das ist, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Die konkreten Adressen sind leider noch nicht klar. Diese Behörde meldet dann die Tätigkeit automatisch weiter an das Finanzamt. Im Grunde muss man sich dann beim Finanzamt nicht mehr extra anmelden. Aber auch das ist noch nicht klar.
Informationen zur Meldepflicht des PostSchG ? HIER
Solange das noch nicht klar ist, raten wir, sich einfach an die oben genannte Regelung zu halten, denn diese gilt für alle Selbstständigen.

Muss ich mich auch beim Gewerbeamt melden?

Sexarbeitende müssen sich NICHT beim Gewerbeamt anmelden und benötigen auch keinen Gewerbeschein. Auf Grund der hohen Stigmatisierung müssen wir nur eine Steuernummer beim Finanzamt holen, und können unter dieser dann die Steuererklärung abgegeben.
Dies gilt auch, wenn du dich mit einer andern Berufsbezeichnung als Prostituierte anmeldest!

Wir raten dringend von einer Meldung als Prostituierte beim Gewerbeamt ab.

Das Gewerbeamt leitet die Daten automatisch an bis zu 16 verschiedene Behörden weiter. Ihr werdet somit gläsern.
Beim Finanzamt sind die Daten relativ gut aufgehoben, denn das Steuergeheimnis ist in Deutschland heilig. Aus dem Finanzamt geht im Grunde nichts raus. Einzige Ausnahme ist die Weiterleitung an die IHK (Industrie und Handelskammer).

Auch nach der Einführung des neuen Gesetzes (01.07.2017) müssen wir keine Gewerbeanmeldung tätigen. Hier wurde tatsächlich auf die ständigen Hinweise von Branchenexperten gehört, dass die Meldung beim Gewerbeamt einem Komplettouting gleich käme.

Industrie und Handelskammer – Muss ich dort Mitglied werden?

Leider sind alle Gewerbetreibenden Pflichtmitglieder in der IHK. So auch wir. Das FA leitet unsere Anmeldung als Selbstständige automatisch weiter an die IHK. Blöd, aber das kann man leider gar nichts machen.
Die Beiträge sind überschaubar, aber im Grunde ist das Geld verschenkt, denn die IHK tut nichts für uns.
Hier geht es zum Beitragsrechner →
Der Berufsverband setzt sich aktuell dafür ein, dass die Berufsbezeichnung vom FA nicht an die IHK weitergegeben wird.
Außerdem setzt sich der BesD dafür ein, dass die IHK auch etwas für die neuen Pflichtmitglieder anbietet. Wir dachten an ein Fortbildungsystem.

Welche Steuern sind zu zahlen?
1.Einkommensteuer

Es gibt ein steuerfreies Existenzminimum →, es beträgt 8.820,00 ,- Euro pro Jahr (Angabe für 2017 – Hier der LINK zu den jeweils aktuellen Zahlen ?
Wer also weniger als diese Summe „verdient“ muss keine Steuern zahlen.
Da man Vorsorgeversicherungen, Spenden, Kirchensteuer als „Sonderausgaben“ abziehen kann, könnten man „grob“ sagen, dass die Grenze bei einem Einkommen unter 10.000,- Euro pro Jahr liegt.
Ansonsten beträgt der „Eingangssteuersatz“ zur Zeit ca. 17% inklusive Solidarbeitrag.
Der Steuersatz ist „progressiv“. Das heißt je mehr man verdient, umso höher wird der Steuersatz. Bei ca. 52.000,- €/Jahr muss man etwa 48% Steuern zahlen.

Die Höhe der Steuern muss man nicht selber ausrechnen, sondern bekommt die vom Finanzamt mitgeteilt. Zuvor muss man seine Einkünfte dort melden. Dies kann man bequem durch einen Steuerberater erledigen lassen.
Wer das Geld für einen Steuerberater sparen will, kann die Steuermeldungen auch selber machen. Das ist leider nicht ganz so einfach und auch etwas aufwendig, aber man kann das lernen.
Infos erhältst du beim Finanzamt oder hier ein sehr gut erklärter Link →

2. Umsatzsteuer

Was ist das?
Die Umsatzsteuer ist eigentlich das selbe wie die Mehrwertsteuer. Der Satz ist zur Zeit in Deutschland bei 19%. Wenn du z.B. einen Liter Milch im Supermarkt kaufst, dann steht auf Preisschild der Bruttopreis. Das ist die Summe, die du an der Kasse bezahlen mußt. Das sind also dann 100% des Milchpreises, PLUS 19% Mehrwertsteuer. Diese MwSt muss der Supermarkt an das Finanzamt abführen.
Genauso ist es auch bei Dienstleistungen.
Beispiel: Du machst einen Kunden und hast nach Abzug der Bordellabgaben 50 Euro für dich. Diese 50€ sind also 119% (100% Deine Einnahme plus 19% MwSt). Diese 19% musst du als Umsatzsteuer an das Finanzamt abführen.

Muss jeder Umsatzsteuer zahlen?
Nein, erst ab einem Jahresumsatz von 17.500,- Euro muss Umsatzsteuer gezahlt werden.
ACHTUNG: Umsatz ist nicht gleich Gewinn.
Hier ein Erklärungsversuch:
Umsatz ist die Summe, die ich von meinen Kunden (Freiern) bar auf die Hand erhalte. Das ist ja leider nicht mein Gewinn, denn davon gebe ich ja einen Teil an das Bordell, Studio oder sonstige Prostitutionsstätte oder den Escort-Servie ab. Außerdem habe ich noch weitere berufsbezogene Ausgaben wie Arbeitshandy, Arbeitsklamotten, Kondome, Erotiktoys, Webseite, Taxikosten, Fortbildungen, usw.
Wenn ich dies alles am Ende des Monats von meinen Umsätzen abziehe, dann habe ich den Gewinn. Oft hört man auch den Begriff „Gewinn vor Steuer“, denn davon werden dann die Steuern berechnet.

Was ist die Kleinunternehmerregelung?
Alle, die weniger als 17.500,- Euro Umsatz pro Jahr machen gelten als „Kleinunternehmer“.
Wenn in einem Jahr diese Grenze überschritten wird, mußt du im Jahr drauf noch keine Umsatzsteuer zahlen. Du hast also ein Jahr „Narrenfreiheit“, es sei denn zu liegst im zweiten Jahr mit deinem Jahresumsatz über 50.000 Euro. Dies ist in der Sexarbeitsbranche eher ungewöhnlich.
Nach diesem Jahr Gnadenfrist kommst du nicht mehr um das Zahlen der 19% drum herum. Das Finanzamt meldet sich automatisch bei dir, auch wenn du keine Steuererklärungen abgegeben hast. Und das Finanzamt ist dann leider auch gnadenlos.
Normalerweise müßtest du dann auf allen deinen Rechnungen 19% Mehrwertsteuer draufschreiben. Es ist aber in unserer Branche ja völlig unüblich, Rechnungen zu stellen. Welcher Kunde will schon einen Quittung, wenn er in den Puff geht?

3. Gewerbesteuer

ACHTUNG: anders als die Umsatzsteuer richtet sich die Gewebesteuer nach dem Gewinn. Dieser ist in der Regel wesentlich niedriger als der Umsatz.
Erst ab 24.500,- Euro mußt du als Einzelunternehmer*in Gewerbesteuer zahlen.
Diese Summe wird aber vom Großteil der Sexarbeitenden eh nicht erreicht.
Solltest du diese Summe doch überschreiten, dann meldet sich das Finanzamt eh automatisch bei dir.

Zusammenfassung:
3 wichtige „Grenzen“
8.840,- = bis dahin steuerfreies Existenzminimum
17.500,- = Umsatzsteuerpflicht entsteht
24.500,- = Gewerbesteuer entsteht

Link zu Buchhaltung für Selbständige und Kleinunternehmer →