Tod zweier Sexarbeiterinnen in der letzten Woche – Tatort Schweden und Türkei

Türkei und Schweden waren in dieser Woche die Bühne von gewalttätigen Morden an Sexarbeiter/innen.

 

Dora Özer (24) arbeitete als Transsexuelle Prostituierte in der türkischen Tourismus Hochburg Kushadasi. Sie wurde ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Sie ist das 31. transgender Opfer von gewalttätigen und tödlichen Angriffen in der Türkei seit 2008.

 

Die sechsundzwanzigjährige Schwedische Prostituierte, Petite Jasmin, wurde brutal ermordet. Vor mehreren Jahren hatte sie das Sorgerecht für ihre Kinder verloren, und die Kinder wurden ihrem Mann zugesprochen, der diese von ihr fern hielt.

Jasmin galt für die Behörden auf Grund ihrer Profession als ungeeignet das Sorgerecht zu erhalten. Ihr wurde vorgeworfen, dass sie die Prostitution romantisiere und nicht einsehen wolle dass Sexualarbeit eine Form des Selbstschadens sei.
Der Vater bedrohte sie, als sie versuchte die Kinder sehen zu wollen.
Schutz wurde ihr von öffentlichen Stellen nicht angeboten.
Am 11. Juli wurde sie vom Vater ihrer Kinder getötet.
Petite Jasmin hat immer gesagt, „Selbst wenn ich meine Kinder nicht zurückbekommen kann, werde ich sicherstellen, dass dies nie mit einem anderen Sexualarbeiter geschieht“.

In Schweden gilt das sogenannte Schwedische Modell, welches auch unter  Freier-Bestrafung in den Medien auftaucht. Sexarbeitern ist es erlaubt ihre Arbeit auszuüben, den Kunden (Freiern) ist es jedoch verboten, diese Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Sexarbeiter werden sehr stark diskriminiert.

In Italien wurden seit Anfang des Jahres drei Sexarbeiter_innen ermordet. In Frankreich wurden Kassandra und Karima ermordet bzw. begangen Selbstmord.

In jedem Land, in Europa und auf der ganzen Welt, werden Sexarbeiter_innen ermordet, weil unser Leben als weniger wert angesehen wird als das anderer. Wir werden nicht als gleichberechtigte Bürger/innen angesehen, und diese staatliche Diskriminierung rechtfertigt für viele das Stigma und die Gewalt, unter der wir leiden.

Infos:
https://www.facebook.com/events/552582234799603/
Aktion: Freitag, 19.Juli, 15:00 Uhr vor der nordischen Botschaft in Berlin

 

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Kommentare und Meinungen von uns dazu:

Melanie, Independent Escort, NRW:
„Dies ist ein trauriges Beispiel dafür, wozu es führen kann, wenn man Prostitution in die Illegalität drängt und kriminalisiert.
Diese schwedische Mutter wurde ihre Rechte beraubt, ihre Rufe ignoriert und sie somit zu einem Mensch 2. Klasse degradiert, nur weil sie Sexworkerin war. Mein Mitgefühl gilt der Familie von Jasmine, die durch das Versagen einer ganzen Nation, ihre Mutter, Tochter,  und Schwester verloren haben. Ich hoffe, das der Tod von Jasmine und der vielen anderen nicht umsonst war… Um es mit den Worten von Jasmine selbst zu sagen: “Selbst wenn ich meine Kinder niemals wieder bekomme, ich werde dafür kämpfen, das keine andere SexworkerIn das selbe Schicksal erleiden muss!” Viele SexworkerInnen in Deutschland verstecken sich ebenfalls, aus Angst davor, das man ihnen ihre Kinder wegnimmt. Ich selbst kenne diese Angst!!! Lasst uns den Kampf von Jasmine und allen anderen fortführen, so das nicht noch mehr Kinder ohne ihre Mutter groß werden müssen oder Sexworker wegen ihres Genders verfolgt, verletzt oder gar getötet werden!“

Lilien, als Transsexuell arbeitende Prostituierte, Berlin:
“Ich war bei der Protestkundgebung beim Taskim tent wegen der ermordeten Trans*person (Die meisten in der Türkei ermordeten Trans*femininen Personen sind Sexarbeiterinnen) und habe dort eine 4 minütige englishe agressive spokenwordsrede gehalten zu dem Thema.“

Johanna Weber, Bizarrlady + Domina, Berlin:
„Interessant ist, dass dazu nichts in Deutschland in den Medien erscheint, wo sie sich doch sonst in letzter Zeit förmlich überschlagen mit Meldungen über Menschenhandelsopfer und sich zu unseren Rettern aufschwingen wollen.“

Matthias Lehmann, Unabh. Forscher, Forschungsprojekt Korea, Berlin:
„Es ist höchste Zeit, der schwedischen Regierung die rote Karte (bzw. den roten Regenschirm) zu zeigen für ihr sogenanntes schwedisches Modell. Es ist zynisch, dass die schwedische Regierung sich als Beschützer von Sexarbeiter_innen aufspielt, ihre Rechte aber in Wirklichkeit mit Füßen tritt, wie die Umstände, die zu der Ermordung von Eva-Marree Tabitha Smith Kullander alias Petite Jasmine führten, mehr als deutlich machen. Das schwedische Gesetz hat keine nachweislichen Erfolge erzielt und gehört abgeschafft, genauso wie sein aggressiver Export in andere Länder. Gerechtigkeit für Mütter wie Petite Jasmine! Gerechtigkeit für transsexuelle Sexarbeiter_innen wie Dora Özer! Gerechtigkeit für alle Sexarbeiter_innen – überall!“

Hiddenblonds, Sexarbeiterin aus Nürnberg:
Für Dora und Petite Jasmine
Auch in Deutschland wurden bis in die 50er Jahre Prostituierten das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, als wären sie nicht in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern. Sie selbst wurden ins „Arbeitshaus“ gesteckt. Damals musste aber auch noch jede Ehefrau ihren Mann um Erlaubnis fragen, ob sie eine Arbeit aufnehmen darf.
Seitdem hat sich viel verändert. Aber  Gewalt gegen SexarbeiterInnen wurde noch sehr lange toleriert. Wer eine Prostituierte umgebracht hatte, musste vor Gericht nur behaupten, sie hätte ihn „Schlappschwanz“ genannt, und die Tötung wurde als „minderschwerer Fall“ abgeurteilt.  Vergewaltigungen von Sexarbeiterinnen galten ebenfalls als „minderschwerer Fall“,  weil „Prostituierte ja generell zu sexuellen Handlungen bereit seien“. Dass auch wir selbst entscheiden dürfen, was wir mit wem und unter welchen Umständen tun – oder auch nicht – diese Erkenntnis hat sich nur langsam durchgesetzt.
Seit In-Kraft-Treten des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2002 hat sich die Rechtsprechung deutlich verändert, unser Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wird respektiert, unsere Entscheidung für unsere Tätigkeit wird respektiert – und das ist gut so.
Auch heute gibt es wieder Stimmen, die Prostituierte für unfähig erklären, eigene Entscheidungen zu treffen oder womöglich gar ein Bankkonto zu führen, insbesondere wenn sie aus Osteuropa kommen. Dann gelten sie vielen pauschal als Opfer von „Menschenhandel“. Damit wird eine Stimmung heraufbeschworen, die zur Gewalt gegen SexarbeiterInnen geradezu ermutigt. Gleichzeitig versuchen die gleichen Stimmen, rechtliche Verschlechterungen für Prostituierte durchzusetzen, angeblich zu deren besten, schließlich müssten sie ja vor ihrem grässlichen Job und somit vor sich selbst gerettet werden. Weia.
Mein Beileid gilt den Angehörigen der Kolleginnen Dora und Petite Jasmine, die in der Türkei und in Schweden umgebracht wurden. Und den vielen namenlosen SexarbeiterInnen, die Opfer von Gewalt wurden. Ich bedauere außerordentlich, dass es Länder gibt, die SexarbeiterInnen rechtlos stellen statt ihnen wie alle anderen BürgerInnen Schutz zu gewähren. Und ich hoffe, die Täter werden zu hohen Strafen verurteilt. Es reicht!
Only rights can change the wrongs!
hiddenblonds

Undine, Domina und Studioinhaberin, Hamburg:
„It is no measure of health to be well adjusted to a profoundly sick
society.” (Jiddu Krishnamurti)