
Ein Gerücht nimmt seinen Lauf: Fußball-EM 2024 wärmt alte Falschmeldungen auf
„Während der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland ist mit einer Zunahme von Zwangsprostitution zu rechnen“ – so zitiert die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA den „Bundesverband Nordisches Modell“ am 23. April 2024.Am 31. Mai ruft ein Text in der Berliner Zeitung dazu auf, im Rahmen der EM “das Schweigekartell zu zerschlagen“ und „Freier anzuzeigen“.Am 8. Juni postet der 1,6 Millionen starke Instagram-Account des ZDF eine Meldung, die über 15.000 Likes erhält: Darin wird die SPD-Familienpolitikerin Leni Breymaier zitiert, die von “noch mehr Zwangsprostitution” aufgrund der EM sowie “Benutzung von Frauen” und dem “Kaufen von Frauen in Deutschland” spricht.Ebenfalls zitiert wird Unionsfraktionsvize Dorothee Bär mit der Behauptung, dass “Frauen dafür zu tausenden aus den ärmsten Ländern an die Austragungsorte in Deutschland” gebracht werden. Auch sie spricht davon, “Frauen zur Benutzung auszuwählen”.Die angeblichen 40.000 Opfer der Fußball-WM 2006
2005, im Jahr des WM-Fiebers, tauchte die Meldung auf: “30.000 bis 40.000 Zwangsprostituierten“ sollten angeblich nach Deutschland geschleust werden, um dort „den Fans zu Diensten zu sein”.Für deutsche und internationale Medien war das Thema ein gefundenes Fressen. Selbst in den USA schrieb man über die „Frauen und Kinder die nach Deutschland gebracht werden (…) (für) käuflichen Sex in Mega-Bordells, Verrichtungsboxen … sowie großen Untergrund-Netzwerken, die in Deutschland existieren“.Fakt ist: Weder vor noch nach der Weltmeisterschaft 2006 fand eine nennenswerte Zunahme von Menschenhandel in Deutschland statt. Die „40.000 Opfer“ gab es schlicht nicht.Sexarbeiterin Undine de Rivière erinnert sich an die WM-Zeit und die Zeitungsmeldungen noch allzu gut: “Ich saß damals mit Kolleginnen im Bordell und wir warteten auf die angekündigten Massen an Sextouristen. Leider mussten wir am Ende der WM die Bilanz ziehen, dass der Ansturm völlig ausgeblieben war.”Der Deutschlandfunk rekonstruierte 10 Jahre später (!) die Verbreitung des Gerüchts. Die Spur führte zu einer kleinen Pressekonferenz und spekulativen Aussagen der früheren Bremer Landesbeauftragten Ulrike Hauffe, die von der dpa übernommen wurden.Recherchiert man Aussagen Hauffes rund um das Thema Sexarbeit, wird klar, dass sie zu jenem Personenkreis gehört, in dem der Unterschied zwischen Prostitution und Zwangsprostitution als reine Spitzfindigkeit gilt.Sie hatte die Zahlen wiederum angeblich von einer Arbeitsgruppe, die diese angeblich vom BKA hatte, wo das dementiert wird. Das erste Mal explizit von „40.000 Zwangsprostituierten“ schrieb dann die radikal sexarbeits-feindliche Zeitschrift EMMA im Dezember 2005.Aus dem Artikel des Deutschlandfunk: „Jeder der Beteiligten strickt ein bisschen am Gerücht mit: Erst heißt es, durch die WM würde Prostitution zunehmen – was durchaus sein kann.Dann taucht eine vage Zahl auf. Sie wird immer weitergereicht, irgendwann wird sie konkret: 40.000. Dann werden aus den freiwilligen Sex-Arbeitern Zwangsprostituierte. Man biegt sich die Wirklichkeit zurecht, damit sie sich zu einem sinnvollen Gesamtbild zusammensetzt.Ihre Ansprechpersonen:Johanna Weber, politische Sprecherin BesD e.V.





