Ein Beitrag von unserem Verbandsmitglied Kristina Marlen:

TANTRA – KEINE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN HEILIG UND PROFAN?

Am 1. Juli 2017 ist das „ProstitutiertenSchutzGesetz“ in Kraft getreten. Das Gesetz mit dem irreführenden Namen hält eine Reihe neuer Bestimmungen und Auflagen bereit für Menschen, die professionell mit Sexualität arbeiten. Sowohl für Betreiber*innen von Prostitutionsstätten als auch für Einzelpersonen werden die Arbeitsbedingungen massiv erschwert. Insbesondere die eingeführte Meldepflicht für Prostituierte sowie die Pflicht, ab spätestens 1. Januar 2018 den sogenannten „Hurenausweis“ mit sich zu führen, lassen starke Zweifel daran aufkommen, ob das Gesetz wirklich zum Schutze gedacht war oder nicht vielmehr zur umfassenden Kontrolle und Überwachung von Sexarbeiter*innen.

Trotz des fachkundigen Protests hat der Gesetzgeber für diese sinnlose Konstruktion gestimmt, die vielmehr der Abschaffung von Prostitution dient als der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen, die in der Branche tätig sind.

Die Hurenbewegung hat sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen das Gesetz gewehrt. Wir sind wütend. Es ist eine Verfassungsklage anhängig, und man kann sich noch an einer Verfassungsbeschwerde beteiligen. Die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt“ ist gestartet und kann unterstützt werden!

Parallel dazu bricht in den eigenen Reihen Unruhe aus: Wie soll man sich jetzt verhalten? Anmelden? Boykottieren? Illegal arbeiten? Aufhören?

Der neueste Trend in einigen Segmenten der Branche ist dabei, sich und der Welt zu erklären, warum man von dem Gesetz eigentlich gar nicht gemeint sei.
So berufen sich etwa einige Escortdamen auf den Kunstbegriff und behaupten, dass ihre Leistung in Entertainment und performativem Amusement bestehe. Wie nahe die Künstlerinnen ihren Kunden dabei kämen, obliege der künstlerischen Freiheit.

Dominas, die darauf bestehen, keine Prostituierte zu sein, weil sie ja nicht vögeln und oft nicht einmal den Körper ihrer Kunden berühren, geschweigedenn sich selbst berühren lassen, bin ich in letzter Zeit nicht mehr begegnet. Ich glaube, als BDSM praktizierender Mensch ist man es gewöhnt, (sexuelle) Randgruppe zu sein. Das reicht, um um zu verstehen: ja, wir sind gemeint. Was wir machen, bewerten andere als pervers. Auch wenn unsere Klamotten teurer sind, wir ziemlich ausgefeilte Skills haben und unsere Stundenpreise höher sind- das Gesetz richtet sich gegen uns. Wir sind nicht erwünscht.

Tantramasseur*innen allerdings wollen mit den „Schmuddelkindern“ der Prostitution nichts zu tun haben. In der Stellungnahme des Tantramassageverbandes wird ganz besonders eindringlich argumentiert, mit seiner Arbeit zur Gesundheit beizutragen: „Wir verstehen unsere Arbeit als Beitrag zu einer aufgeklärten und fortschrittlichen sexuellen Kultur, zu selbstbestimmtem sexuellen Lernen und zu mehr Lebensqualität im Sinne der WHO-Definition von „Sexueller Gesundheit“.“

Sie berufen sich auf die Seriosität, Ausbildung und quasi therapeutische Wirksamkeit ihrer Arbeit. Der Gesetzgeber habe evtl „übersehen“, dass ihre „…Berufsgruppe nicht zu anvisierten Zielgruppe (gehöre)“ und stellt klar: „Ihre Angehörige bedürfen des Schutzes durch das neue Gesetz nicht“. Wer diesen Schutzes bedürfen würde, bleibt unklar: wahrscheinlich die „ungelernten“ und „unfreiwilligen“ Sexdienstleister, von denen in der Stellungnahme häufiger die Rede ist, die aber nicht näher beschrieben sind. Mit ihnen in einem Atemzug genannt, fühlen sich die Tantramassseur*innen …in ihrem Bemühen verkannt und torpediert, ihrer wichtigen, wirksamen und wertvollen ganzheitlichen Arbeit am Menschen eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu geben.“

Ich finde, es ist legitim, in der gegebenen Situation seine Felle ins Trockene zu bringen. Das Gesetz ist schädlich, und es wird uns viel kosten, und jedem, der sich irgendwie aus seinem Griff befreien kann, gratuliere ich von Herzen.

Leider halte ich die Strategien nicht nur für aussichtslos, sondern auch ideologisch und politisch falsch. Sie sind kurzsichtig, unsolidarisch und ärgern mich maßlos.
Bei dem Versuch, sich unter dem Radar des reaktionären Gesetzes wegzuducken, begehen diese Kolleg*innen einen hässlichen, opportunistischen Fehltritt. Ihre Argumentationen entspringen dem gleichen menschenverachtenden Menschenbild, das dem Gesetz zugrunde liegt. Sie verstärken das Stigma, indem sie auf die populistischen, schlampig recherchierten Narrative von sprachlosen, geschundenen weiblichen Opfern zurückgreifen, die nicht wissen, was sie tun. Oder die wissen, was sie tun, aber das ist etwas Minderwertiges. Auch wenn unklar ist, wer „die“ sind, und was „die“ machen, dient die Konstruktion dazu, sich selbst wieder im rechten Lichte bürgerlicher Legitimität glänzen zu sehen.

Dabei ist im Gesetz genau festgelegt, was eine sexuelle Dienstleistung ist. Es bedarf weder des Geschlechtsverkehrs, nicht einmal der genitalen oder überhaupt körperlichen Berührung(* Zitat s.u.) Tantramassagen fallen klar unter die Prostitions-Definition des Gesetzes. Das geht auch aus dem Rechtsgutachten von Maria Wersig hervor.

In einem Absatz im Gesetz wird erläutert, warum sich die auch die vermeintlich qualifizierteren, gebildeteren Tantriker „Prostituierte“ nennen lassen müssen: „sexuelle Dienstleistung“ wird gleichbedeutend mit „Prostitution“ verwendet.

Ich verstehe das Unbehagen. Prostituierte nennt sich niemand gern. Niemand. Auch nicht diejenigen, die scheinbar so eindeutig welche sind. Die Anderen. Prostituierte nennt man sich nicht stolz und selbstbestimmt oder auch nur beiläufig wie „Kassiererin“ oder „Kartenabreißer“.

Prostituierte will sich deshalb niemand nennen, weil wir stigmatisiert sind. Der Ursprung des Stigmas ist eine tiefe Sexualfeindlichkeit und eine patriarchale Gesellschaftsordnung. So einfach ist das. Und so ätzend.

Die einzige Form, wie wir Stigma entgegentreten können, ist konsequente Solidarität unter und mit Sexarbeiter*innen. Wir sind verschieden, wir bieten unterschiedliche Dienste an, kommen aus diversen Hintergründen, arbeiten in einer Bandbreite von Preisklassen und Etablissements, für einige Zielgruppen mit facettenreichen Geschäftsmodellen. Die Unterschiede sollen benannt werden, so wird die Bandbreite sexueller Dienstleistungen sichtbar und wir können ein realistisches Bild von Sexarbeit in der Gesellschaft verankern. Sexarbeit verdient Respekt, aus unterschiedlichsten Gründen.

Wir sind verschieden, aber wir arbeiten alle mit Sexualität. Sexualität ist ein Tabu, und wir werden es immer mit konservativen Kräften zu tun haben, die uns Bedingungen stellen und definieren wollen, welche Sexualität(en) legitim sind und welche nicht. Es hilft nicht, wenn wir dem Tabu, das auf Sexualität lastet, begegnen, indem wir behaupten, das was wir tun, sei entweder kein oder höherwertiger Sex.

Wenn „gesund“ und „gebildet“ oder auch „künstlerisch“ jetzt die neue sexuelle Moral wird , dann ist das schlecht. Wenn nur noch ausgebildeter oder gesundheitsfördernder Sex legitim ist, dann ist das Rückschritt. Das ist Backlash.

„Gesundheit“ als Kriterium für richtige und falsche sexuelle Praxis einzuführen, geht gar nicht. Zu definieren, was „sexuell gesund“ ist, im Gegensatz zu gesundheitsschädlich oder krank, ist eine Unterscheidung, die in faschistoiden Kontexten zuhause ist. Die kranken, schmutzigen Frauen, Huren und Schlampen, also Prostituierten und promiskuitive Frauen, aber auch Schwule, Lesben und andere sexuell „Abnorme“ wurden in Psychiatrien, Krankenhäuser und Gefängnisse verschleppt und sicherten so das reinliche Selbstverständnis einer bürgerlichen Elite.

Einen Rückfall in dieses Denken können wir uns nicht leisten. Wenn die Agenda heißt, sich für eine sexuelle Kultur einzusetzen und im weitesten Sinne für Befreiung, dann ist das nicht die Befreiung einer bürgerlichen Elite mit „gesundem“ Sex.

Sexarbeit kann ein Ort sexuellen Lernens sein, und Genuss ist heilsam, davon bin ich überzeugt. Ich berate Menschen, begleite aber ganz konkret und praktisch in die Lust oder lasse mich berühren. Intimität öffnet Entwicklung. Das ist grundlegend, auch wenn unsere Arbeitsplätze, Arbeitsweisen , unsere persönlichen Grenzen und Methoden in der Sexarbeit unterschiedlich sind.
Das Magische an Sexarbeit ist für mich, dass die Parameter von Genuss, Heilung, Therapie, Geilheit, Entdecken und Lernen ineinander übergehen können und manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind. Das anarchische Moment, das ich in jeder Session erlebe, der freie Raum, der in der Begegnung zweier Menschen entsteht, wenn sexuelle Kommunikation möglich ist- das ist es, was mich interessiert.Das kann transformativ sein oder meditativ, emotional oder einfach sexy. So ist Sexualität, sie berührt nun einmal viele Facetten des menschlichen Seins.

Diese Anarchie, die dem Sexuellen innewohnt, muss erhalten bleiben. Sex und Intimität lassen sich nicht kontrollieren, das gehört zu ihrem Wesen, und das ist gut so. Das ist beängstigend, und unter anderem deshalb schielen wir auch so ängstlich auf „die Prostituierten“. In diesem scheelen, angeekelten und faszinierten Blick verbirgt sich auch tiefe Angst und Abscheu vor dem Sexuellen. Die Berührungsangst ist natürlich auch eine Klassenfrage; die unfreiwilligen Opfer, mit denen wir pflichtbewusst Mitleid haben, müssen anders sein als wir. Sie kommen von woanders, sie haben mit uns nichts zu tun. Aber vor allem ist es die Angst vor einer verrohten, entgleisten, (weiblichen) Sexualität.

In dieser Mischung aus sexueller Verklemmung und bürgerlichem Dünkel entstehen Bücher wie zuletzt „Rotlicht“ von Nora Bossong. Ein Buch, das unterirdisch schlecht recherchiert ist und schon nach wenigen Seiten langweilt, weil die Aufgeregtheit der Autorin, überhaupt irgendetwas zu sehen, was anders aussieht als ihre Blümchenbettwäsche im heimischen Schlafzimmer, unfassbar auf die Nerven geht.

Wenn wir in dieser Verklemmung verweilen, während wir für sexuelle Befreiung eintreten, wird sich nichts bewegen. Es geht um nichts weniger als um eine sexpositive Kultur.
Dafür braucht es Bekenntnisse. Stigma bekämpfen heißt öffentlich Stellung beziehen und protestieren. Keine opportunistischen Auswege suchen. Es heißt, die Definitionen an sich zu reißen, sich anzueignen und mit neuer Bedeutung zu füllen. Bahnbrechend wie die Slutwalks können wir auf die Straße gehen und stolz verkünden, dass wir tolle, wichtige, anspruchsvolle und glückspendende Arbeit machen – die für ALLE wichtig ist .

Deshalb: „Je suis une travallieur* du sexe“ ! Und Du?
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Bei der Reflexion über das Thema, das mich sehr beschäftigt, war es unmöglich, alle Gedanken in einem Beitrag unterzubringen.

Es folgt also :

Teil2: Genuss, Pädagogik oder Therapie? Über sexuelles Lernen.
schon bald!!
Danke an Ulrike Zimmermann und K.M. für das bewegte Am-Thema-denken und Arbeit am Text sowie auch immerwährende Inspiratorin Mithu Melanie Sanyal , (Zitat am Schluss: “Je Suis…”)

(*) Zitat aus dem ProstSchGesetz, Definition “sexuelle Dienstleistung”

(…)„Mit dem Begriff „Sexuelle Dienstleistung“ wird der Gegenstand des Prostitutionsgewerbes beschrieben. Erfasst sind alle sexuellen Handlungen, die gegen Entgelt vorgenommen werden. Umfasst sind damit alle üblicherweise der Prostitution zugerechneten Formen sexueller Handlungen gegen Entgelt einschließlich sexualbezogener sadistischer oder masochistischer Handlungen, unabhängig davon, ob es dabei zu körperlichen Berührungen oder zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs zwischen den beteiligten Personen kommt. Nicht alle dieser unter den Begriff der sexuellen Dienstleistung fallenden Erscheinungsformen werden im allgemeinen oder milieutypischen Sprachgebrauch durchgängig als „Prostitution“ bewertet. Für die Zwecke dieses Gesetzes und dieser Begründung werden die Ausdrücke „sexuelle Dienstleistung“ und „Prostitution“ gleichbedeutend verwendet.”

Dieser Blogbeitrag stammt von Kristina Marlen:

Heute tritt das Prostituierten”Schutz”Gesetz in Kraft. Gedanken an einem traurigen Tag.

Vor etwas mehr als einer Woche war ich eine der glücklichsten Sexarbeiterinnen Deutschlands. Ich war Teil der „SexClinic“ , einer Performance von Dr. Annie Sprinkle und Beth Stephens auf der Documenta in Kassel.

In der „ Free Sidewalk Sex Clinic“ geben Sexratgeber*innen freie Beratung an das geneigte Publikum. Alle können kommen und dieses Angebot in Anspruch nehmen. Qualifizierte Ratgeber*innen sind zum Beispiel: Sexualpädagog*innen und -therapeut*innen, Pornodarsteller*innen, selbsternannte Heiler*innen, Stripper*innen, Dominas und andere Sexarbeiter*innen. Es handelt sich also um einen sehr breites Verständnis von „Expertise“ zum Thema Sex.
Eigentlich sollte die Aktion im Freien stattfinden, direkt vor dem sehr prominenten „Parthenon der verbotenen Bücher“, an dem Ort, an dem 1933 zensierte Bücher von den Nazis verbrannt wurden. Ein performativer (Sprech-) Akt der Befreiung, ein Kraftakt wider die Zensur.

Letztendlich fand wegen Gewitterwarnung die SexClinic im Inneren statt, im Fridericianum im „Parliament of Bodies“ – und der Ort, an dem sich einst ein totalitäres Regime versammelte und seine Beschlüsse verabschiedete, wandelte sich für drei Stunden in einen Raum, in dem frei, offen und voller Neugier über Sexualität verhandelt werden konnte.
Menschen kamen, hunderte, keine*r von uns hatte fünf Minuten Pause, so groß war der Bedarf der Besucher*innen, frei über Sex zu sprechen, zu fragen, sich mitzuteilen Das Forum des Fridericianums wurde zu einem Ort intimer Interaktion.

Ich könnte mich fast berauschen an diesen Akten der Fortschrittlichkeit, und zurück in Berlin wird wenige Tage später in einer Art sintflutlichem Überraschungsakt die Ehe für alle entschieden. Von Gegnerinnen als„Sturzgeburt“ kritisiert – ein passender Ausdruck für diese Mischung aus Wasserfall, der vom Himmel kam und innerer Erneuerung, die sozusagen sturzhaft auch konservative Ressentiments mit sich riss.
Ein Regenbogen hätte am 30. Juni diesen Jahres über Berlin erscheinen müssen, im unschuldigen Morgenlicht, rein und klar und von den Gött*innen der (LGBTIQ*) Befreiung gesandt, nachdem sie Berlin mit Überschwemmung gedroht hatten. Menschen fielen in Gullis, Lastwagen schwammen davon, Keller wurden geflutet und Kühe ertranken um Berlin – nur damit endlich auch Homos heiraten dürfen.

Wir haben es geschafft!

Ja, es gäbe etwas zu feiern, und ich würde es auch tun, wenn nicht in Berlin statt des Regenbogens über dem Bundestag immer noch Regen herabfiele, keine reinigend karthatische und spektakuläre Flut, sondern ausdauernd, nachhaltig nässend und überaus nervig, und in eben diesem Regen stehen ein paar ganz Widerständige, die, die nicht klein zu kriegen sind, mit ihren roten Schirmen, und protestieren gegen die Welle des Backlashs. Der erzkonservative Rollback erwischt uns eiskalt und klatschnass, und wir stehen da mit aufgerichteten Brustwarzen und Plakate tragend auf High Heels in Pfützen.

Sexarbeiter*innen protestieren auf verlorenem, durchnässten Posten gegen das ProstitutionsSCHUTZgesetz, das am 1 Juli in Kraft tritt. Die roten Schirme, das Symbol der Hurenbewegung, gibt uns mehr Schutz vor dem Wetter als vor dem vernichtenden Gesetz mit dem irreführenden Namen.
Dass das Gesetz dieser Tage in Kraft tritt, geht an der Öffentlichkeit vorbei. Einzig in den eigenen Reihen bricht auf einmal Unruhe aus und ich erhalte täglich aufgeregte Nachrichten von Kolleginnen: was heißt das jetzt? Ich muss mich anmelden? Mit meinem echten Namen? Soll ich das wirklich machen? Was passiert, wenn ich es nicht mache? Was passiert mit meinen Daten? An welche Stelle muss ich mich denn wenden? Und wer führt diese Gesundheitsberatungen durch? Was wissen die dann von mir? Wirst du Dich anmelden?

Diese Kolleg*innen sind: Tantramasseur*innen, Escorts, Dominas, Bizarrladies, Prostituierte.

Sie sind ansonsten Fitnesstrainer*innen, Ehefrauen, Student*innen, arbeitslos, in Ausbildung, haben Kinder, sind Büroangestellte, Übersetzer*innen, Künstler*innen.

Ich weiß nicht Antwort auf alle Fragen. Ich weiß nur eines: Während in Deutschland eine marginalisierte Gruppe einen Erfolg feiert, erlebt die andere einen Backlash und gerät in eine rechtliche Zeitschleife auf das Niveau 1930er Jahre.
Sexarbeiter*innen sind das neue LGBTIQ* – weiter geht es in den erbitterten Ausenandersetzungen um die Frage, welche Sexualität(en) wir legitim erachten, wenn sie nicht der Reproduktion dienen, welche sexuellen und welche Sprech-Akte stattfinden dürfen und durch wen legitimiert, wer wem Rechenschaft ablegen muss, wer kontrolliert, katalogisiert, erfasst, reglemeniert und limitiert wird und von wem.

Ab heute müssen Sexarbeiter*innen sich registrieren lassen, mit ihrem bürgerlichen Namen und in allen Gemeinden, in denen sie arbeiten oder in Zukunft arbeiten werden. Deutschland hat dann das ersten Mal seit dem Naziregime wieder eine „Hurenkartei“. Für alle, die sich nicht anmelden können oder wollen, sei es wegen eines prekären Aufenthaltsstatus, aus Angst vor Behörden oder wegen der Unmöglichkeit, sich zu outen (Familie, Kinder, Beruf)- bedeutet das den Entzug der finanziellen Lebensgrundlage. Oder: den Gang in die Illegalität- und damit in einen gänzlich ungeschützten und rechtsfreien Raum.

Obwohl es bereits kostenfreie und anonyme Beratungen gibt, die auch genutzt werden, werden nun verpflichtende Gesundheitsberatungen eingeführt und den sogenannten „Hurenausweis“ – den die betroffene Person bei der Arbeit immer mit sich führen muss. Ein solcher Ausweis ist stigmatisierend und gefährdet ihre Besitzer*innen, denn er kann jederzeit dazu führen, dass die berufliche Tätigkeit der Person unfreiwillig sichtbar wird.
Bordellbetreiber*innen sind angehalten, ihre Mitarbeiter*innen zu kontrollieren, alle Schritte regelgerecht einzuhalten. Das heißt, es ergibt sich auch hier ein Zwang zur persönlichen Offenbarung.

Es wird eine Erlaubnispflicht für Bordellbetriebe geben und massiv höhere Auflagen. Sie dürfen sich nicht mehr in Wohngebieten befinden und es gibt erschwerende bauliche Voraussetzungen. Für viele kleinere Bordelle, bedeutet dies aus finanziellen Günden das Aus. Doch sind es gerade diese Bordelle, die oft von Frauen geführt werden oder ein Zusammenschluss von Sexarbeiter*innen sind. Für die Großbordelle hingegen dürfte es kein Problem darstellen, die Auflagen zu erfüllen.
Hinzu kommt: Prostitutions- “Schutz“ – Gesetz ist die Kondompflicht festgelegt. Unklar, wie diese kontrolliert oder durchgesetzt werden soll, ist sie zunächst einmal eine haarsträubende Entmündigung und ein Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung.

Man muss nicht Foucault bemühen um zu konstatieren:

Das neue ProstitutionsSchutzGesetz ist Scheiße.

Es verletzt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es diskriminiert. Es stigmatisiert. Es bringt Sexarbeiter*innen in gefährliche Lebenslagen. Es entzieht vielen die finanzielle Grundlage oder zwingt sie in die Illegalität. Es ist migrationsfeinlich und rassistisch. Es ist sexualrepressiv. Es verletzt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Es ist einfach mal wirklich das Allerletzte. Es ist ein Rückschritt es ist ein Schlag ins Gesicht einer stigmatisierten Gruppe, zu deren Alltag ohnehin Gewalterfahrungen gehören.

DANKE FÜR NICHTS, würde ich an dieser Stelle an einem Rednerpult ungehalten schreien, würde irgendwer Sexarbeiterinnen im Bundestag anhören.
Meine Hoffnung, dass dies jemals der Fall sein könnte ist unter den Nullpunkt gesunken, etwa auf Höhe unseres überschwemmten Kellers.

Die Motivation der Huren und ihrer Unterstützer*innen befindet sich zur Zeit ebenfalls auf diesem Pegel. Seit Jahren kämpfen wir uns ehrenamtlich die Seele aus dem Leib, stets neben unserer nicht immer einfach strukturierten, selbständigen Erwerbstätigkeit, zum Teil mit Doppelleben und auf die Gefahr hin, in der „Emma“ zwangsgeoutet zu werden.
Gegen das Gesetz haben sich nicht nur die Hurenorgansiationen und Beratungsstellen ausgesprochen, sondern auch die Deutsche Aidshilfe, der Deutsche Frauenrat, der Deutsche Juristinnenbund, die Gesellschaft für STI und die Gesundheitsämter – alle haben Stellungnahmen abgegeben, aus denen hervorgeht, dass das Gesetz keine Maßnahme enthält, die die Lebensbedingungen von Sexarbeier*innen verbessert. Keine.
Warum dann?, werde ich gefragt. Als hätte ich das Gesetz erlassen. Dummheit? Unkenntnis? Fang nach Wähler*innenstimmen? Angst?

Angst halte ich für einen validen Grund. Angst macht irrational, das ist oft so. Das Prostituiertenschutzgesetz ist ein Bollwerk der bürgerlichen Gesellschaft gegen Eindringlinge, gegen störende Objekte. Lose Dinger, sexuell freizügige Weibsbilder, Schlampen, Migrant*innen, Fremde. Ängstliche, ahnungslose Intellektuelle schreiben beleidigende Bücher über das „Rotlicht“ und die Menge, die sich gern gruseln will, kauft und geifert geil. Das Bürgertum bemitleidet pflichtbewusst die Zwangsprostituierten und gibt sich ansonsten liberal.

Dass hier im Gewande des Schutzes wieder einmal ein Eingriff in die Grundrechte stattgefunden hat, dass wieder einmal sexuelles Anderssein geahndet wird, in einen Dschungel der Ordnungswidrigkeiten verbannt, weit, weit weg vom sauberen, sicheren bürgerlichen Selbstverständnis, das bleibt getarnt.
Prostitution, das hat nichts mit uns zu tun, das sind „die Anderen“. Es sind nicht unsere Männer, die ins Bordell gehen, und es sind nicht unserer Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Geschwister, Mütter und Freund*innen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten.
Sexarbeit findet in der Mitte der Gesellschaft statt. Das darf nicht wahr sein, um keinen Preis.
Deshalb brauchen wir „Schutz“.

Dass Annie Sprinkle und Beth Stevens mit ihrer Arbeit auf der Documenta sein konnten, ist ein Politikum. Es bedeutet eine Anerkennung ihrer Arbeit als Künstlerinnen, aber es greift darüberhinaus auch die Frage auf, wie offen, wie expizit und wie direkt die Kommunikation über Sexualität in unseren Gemeinschaften sein darf. Welche Bilder, welche Filme, welche Worte, welche Praktiken, welche Berührungen , welche Dialoge erachten wir als legitim und wo?In welchen Räumen ist was erlaubt und wer darf sprechen?
Auf der Documenta ist dieses Jahr über dem Eingang des Fridericianums der Schriftzug ersetzt worden. Wenn man hinein möchte in das „Parlament der Körper“, dort, wo sonst in Stein gemeißelt „Fridericianum“ steht, liest man nun in gleicher Schrift:

„Being safe is scary“.

Man fragt sich, ob der Künstler * vom Prostitutionschutzgesetz gewusst hat.

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Danke für die Unterstützung bei der Arbeit am Text: K.M. und Mithu Melanie Sanyal