Dieser Beitrag stammt aus dem Blog von BesD-Mitglied Ruby, die im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Red Umbrella Struggles” als Sprecherin eingeladen war. Die Ausstellung ist noch bis 23. Juni diesen Jahres im Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg zu sehen. 

Vor einigen Monaten las ich im Forum des Berufsverbandes eine Anfrage, wo nach einer Referent*in gesucht wurde, die anlässlich einer Gruppenausstellung mit internationaler Beteiligung bereit wäre, einen Input zum Thema Sexarbeit zu geben.

Nach einem total interessanten Telefonat mit Herrn Blum, der für die Städtischen Museen in Oldenburg tätig ist, entschied ich mich dazu, teilzunehmen.

Ich hatte nur sehr nebelhafte Vorstellungen davon, was mich erwarten würde. Medienkunst, Installationen, kollaborative Arbeitsweise, die Verbindung von Sexarbeit und Kunst, das klang alles irgendwie spannend, mir fehlte aber komplett eine Idee, wie das gelingen könnte und ja, ich war auch skeptisch, ob das irgendwie hochtrabend oder überkandidelt sein würde.

Als ich gestern die Ausstellung vor der Veranstaltung besuchte, kam es ganz anders. Die Ausstellung macht mich stolz, stolz auf meine Arbeit, stolz auf die Hurenbewegung und stolz auf die Künstler*innen, die sich getraut haben, mal genauer hinzuschauen.

Die Arbeiten sind meist Kollaborationen zwischen SexWorkern und Künstler*innen. Petra Bauer, die Stipendiatin des Edith-Russ-Haus für Mendienkunst ist, hat mit SCOT-PEP, der schottischen Sexworkergewerkschaft eine Installation geschaffen. Über zwei Leinwänden hängt das wunderbare Banner von SCOT-PEP, also direkt vor der Nase von jedem Besucher der Ausstellung.

Das Banner ruft zur Einheit der SexWorker auf. Petra Bauer hat zwei Leinwände dazu gruppiert, auf der einen wird historisches Filmmaterial gezeigt: zum einen die Besetzung der Kirche 1975 in Lyon von 200 Sexarbeiterinnen von Carole Roussopoulos mit Les Prostituées de Lyon Parlent sowie der Film von Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, die die Sexarbeiterin Jeanne in ihrem Alltag zeigt.

Auf der anderen großen Leinwand zeigt die Schwedin Petra Bauer ihren Film WORKERS!, in dem Angehörige von SCOT-PEP einen Tag lang den schottischen Gewerkschaftskongress für ihre Arbeit nutzen. Die Aneignung dieses offiziellen Gebäudes macht sofort den Anspruch der Organisation klar, nämlich die Rechte von Sexarbeitenden auf Augenhöhe mit anderen Arbeiter*innen zu verteidigen. Manche Akteur*innen wollen unerkannt bleiben, andere schützen ihre Gesichter mit dem roten Regenschirm, manche zeigen sich der Kamera komplett. Petra Bauers Film ist sehr nah dran und schafft durch die Kameraführung das Gefühl, Teil der Versammlung zu sein.

Zwischen den beiden Leinwänden ist ein Seminartisch aufgestellt worden mit aktueller Literatur und Pads zur Hurenbewegung. Es lädt ein, sich an den Tisch zu setzen und ins Thema einzusteigen.

5 weitere Arbeiten werden in der Ausstellung gezeigt. Besonders spannend für mich war dabei der slowenische Künstler Tadej Pogačar, der 2001 auf der Biennale von Venedig einen Pavillon für den ersten Weltkongress der Sexarbeitenden nutzte, aus dem dann auch der RED UMBRELLA MARCH resultierte. Von diesem Zeitpunkt an war der rote Regenschirm fest als das Symbol unserer Bewegung installiert. Es folgten weitere Aktionen bis heute. Der Oberbegriff für diese Installationen ist CODE:RED, unter diesem Titel begann Tadej Pogačar 1999 sein partizipatorisches Langzeit-Projekt, das eine Art Plattform für Expert*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Sexarbeiter*innen darstellt. Es gab CODE:RED-Beiträge in Zagreb, Bangkok, Madrid und Sao Paolo. In Brasilien gab es die Aktion mit dem Modelabel DASPU, das eine Kollektion von Sexarbeitenden entwerfen und präsentieren ließ. Zusammengearbeitet hat Pogačar dort mit Davida, einer brasilianischen NGO, die sich mit den Rechten von Sexarbeitenden befasst.

Neben der spannenden Ausstellung hatten wir eine absolut anregende Diskussion. Doro von Phönix e.V. und ihre Kollegin und ich unterstützen den Rundgang durch die Ausstellung mit Einwürfen, Ergänzungen und Anmerkungen. Bei dem schon vorgestellten Werk von Petra Bauer kam mir natürlich gleich der Hurenkongress in den Sinn, wo wir ja auch ein etabliertes Gebäude zwei Tage lang für unsere Themen mit Beschlag belegten, und bei CODE:RED kam dann auch das Schwarmkunstprojekt STRICH:CODE:MOVE zu Wort. Wir haben uns mit den Veranstaltungsbesuchern über Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen unterhalten, über das allgegenwärtige Stigma, die Situation mit dem ProstSchG und unsere Vernetzung in der Bewegung.

Eine Dame warf manchmal stark aggressiv immer wieder Zitate von Alice Schwarzer ein, fragte mich, was den Sex für mich persönlich sei und wie ich es wagen könne, für Frischfleisch, Menschenhandel und die Frau als Ware ganz andere Sichtweisen und Perspektiven zu haben. Es ging also hoch her. Mich hat das Publikum begeistert, das sehr rege mitdiskutiert hat. Die Besucher*innen bleiben immer reflektiert, und interessiert. Sie wollten Zusammenhänge besser verstehen und konnten auch für Außenstehende schwierige Zusammenhänge gut aushalten.

Solche Veranstaltungen nutzen uns, glaube ich, viel mehr als irgendwelche Schlagzeilen in den Massenmedien. Es war ein grandioser Abend mitten in der norddeutschen Provinz und ich habe viele Anregungen für meinen eigenen Aktivismus mitgegangen. In diesen tristen Zeiten ein echter Lichtblick!

Danke an das Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das Team vor Ort und an die Kolleg*innen von Phönix e.V.

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