Ich bin Dennis, mitte 20 und schwuler Escort in Berlin (und wo immer ich gebucht werde). Seit knapp einem Jahr bin ich Mitglied im BesD und verfolge die Debatte, wie Sexarbeitende darum kämpfen, dass ihre Arbeit als Arbeit anerkannt wird.
Wie sie darum kämpfen, überhaupt existieren zu dürfen.

Stimmen in der SPD fordern das Prostitutionsverbot. Also, genau genommen fordern sie nur das Verbot der Nachfrage. Es darf keine Nachfrage nach Sexarbeit geben, denn Sexarbeit sei perse Vergewaltigung. Wenn es keine Nachfrage gibt, gibt es auch kein Angebot mehr – das ist die Logik hinter dem sogenannten „Schwedischen Modell“, der Freierbestrafung.

Diese Logik ist kaputt. Die Nachfrage nach Sexarbeit ist auch in Schweden nicht verschwunden – wo dieses Modell vor 20 Jahren eingeführt wurde. Es gibt noch immer Sexarbeit in Schweden. Es gibt Menschen, die Sexarbeit anbieten und es gibt Nachfrage danach.
Das Schwedische Modell sorgt hingegen dafür, dass Sexarbeit in den Untergrund geht. Sie wird unsichtbar, aber sie verschwindet nicht. Für Sexarbeitende, wird es gefährlicher.

Aber das ist alles längst klar. Das wissen alle in der Debatte. Auch die Sexarbeitsgegner*innen. Wer das nicht weiß, hat sich nie mit den Effekten beschäftigt. Oder ist offen ignorant.

Und ich glaube, es ist zumindest bei Leni Breymeier, Maria Noichl und Alice Schwarzer letzteres.
Ich glaube, es geht den Befürworter*innen des schwedischen Modells auch nicht um den „Schutz“ der Sexarbeitenden.
In der schwulen Szene ist Sexarbeit sehr verbreitet. Schwule Dating-Plattformen sind voll von „Taschengeld“-Nachfragen und Angeboten.
Die rechtliche Definition von Sexarbeit umfasst jede Gegenleistung für Sex. Jede Übernachtung gegen Sex. Jedes ausgegebene Essen gegen Sex. Jedes Geschenk für Sex.
Seit ich das gelernt habe, ist mir klar, dass ich schon viel länger Sexarbeit mache, als ich dachte. Dass meine Entscheidung vor 1,5 Jahren in die Sexarbeit zu gehen, faktische schon viel früher gefallen ist. Das ich es schon viel länger mache, weil ich schwule Datingplattformen auch zur Reiseunterkunft-Suche genutzt habe. Weil ich schon seit Jahren immer wieder einen Schlafplatz gegen Sex getauscht habe.

Darüber aber spricht niemand. Niemand regt sich darüber auf. Niemand fordert laut ein Verbot von derartigen Praktiken. Sie sind einfach so weit verbreitet in der schwulen Szene, dass ein Verbot wie ein Verbot der schwulen Szene nahe käme. Das trauen sie sich aber nicht. Die Szene ist zu sichtbar und zu mächtig geworden.

Die Forderung nach einem Sexarbeitsverbot konzentriert sich auf Frauen. Da wird ständig davon geredet, dass die Frauen geschützt werden müssten. Schnell wird es paternalistisch und will den sexarbeitenden Frauen erklären, dass sie zu schützen sind. Dass die Sexarbeitsverbotsfordernden eigentlich viel besser wissen, was den Sexarbeitenden gut tut, als die Sexarbeitenden selbst.

Diese strukturelle Bevormundung hat schon einen Begriff: Patriarchat. Andere wissen besser, was Frauen wollen (müssen), als diese selbst.
Wer ein Sexarbeitsverbot medial als „Befreiung“ verkauft, lügt. Freiheit wird nicht erschaffen, indem Menschen vorgeschrieben werden, was sie tun müssen oder nicht dürfen.

Ja, es gibt in der Sexarbeit Ausbeutung. Das ist ein riesiges Problem. Und es gibt viele Sexarbeitende, die lieber einen anderen Job hätten.
Diesen Menschen wird geholfen, wenn sie andere Optionen bekommen. Wenn es Angebote gibt, andere Jobs auszuführen. Wenn die Menschen Rechte bekommen. Das ist, was der BesD fordert: mehr Rechte und weniger Stigma für Sexarbeitende.
Wer nicht mehr als Sexarbeiter*in arbeiten darf, hat erstmal keinen neuen Job, sondern gar keinen.

Jedes platte „Sexarbeit ist Ausbeutung!“ verstärkt das Stigma gegen Sexarbeit. Jede neue Forderung nach (direktem oder indirektem) Verbot von Sexarbeit, macht es für Sexarbeitende schwieriger einen anderen Job zu finden.
Es ist absurd, die Freiheit für Sexarbeitende zu fordern – und ihnen dabei das Leben schwerer zu machen.

Die meisten Sexarbeiten, die ich kenne, kamen zu diesem Job aus einer Not heraus. Aus einem „Fuck! Ich kann meine Miete nicht bezahlen. Ich muss dringend Geld verdienen.“ (So auch ich.) Und Sexarbeit ist für viele von uns eine Möglichkeit, genau das zu tun: Geld verdienen. Das, weshalb die meisten Menschen einen Job haben: um Geld zu verdienen.

Die Sexarbeitsbewegung fordert „Sexarbeit ist Arbeit!“. Aber ich fange an zu glauben, dass Sexarbeitsgegner*innen gar nicht primär ein Problem damit haben, dass es Arbeit ist.

Ich fange an zu glauben, dass ihr Problem ist, dass Menschen frei über ihr (Sex-)Leben entscheiden. Dass wir selber entscheiden, wie wir leben und mit wem wir Sex haben. Und unter welchen Bedingungen – und eine dieser Bedingungen ist: Geld. So what?!

Die schwule Szene hat diesen Kampf lange geführt und heute ist es relativ akzeptiert, schwul zu sein. Es ist weitgehend okay, dass Männer auch mit Männern Sex haben. Yey!

Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft auch Frauen zugestehen Sex zu haben, mit wem, wann und wie sie wollen. Und wenn sie es gegen Geld machen, ist das allein ihre Entscheidung.
Die Zeiten, in der Frauen den Männern untergeordnet waren, sind vorbei. Es ist Zeit, dass wir, als Gesellschaft das auch leben und Frauen nicht mehr vorschreiben, wie sie Sex haben dürfen. Es ist ihre Entscheidung und nur ihre.

Am 2. Juni 1975 besetzten über hundert Prostituierte in der französischen Stadt Lyon eine Kirche, um auf ihre untragbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Seit der Ermordung zweier Kolleginnen im vorangegangenen Jahr fürchteten die Frauen um ihr Leben und hatten die Regierung mehrfach erfolglos um Hilfe gebeten. Der französische „Hurenstreik“ gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Prostitutionsbewegung und deren Engagement ist heute dringender denn je nötig: Denn die Verteidigung der Menschenrechte von Sexarbeiter*innen ist im Rahmen einer gerechten Gesellschaft nicht nur am Internationalen Hurentag, sondern an jedem Tag des Jahres brandaktuell. 

Der globale Trend hin zu politischem Konservatismus und postfaktischer Politik führte in den vergangenen Jahren dazu, dass Machthaber in Europa übermäßig auf das Strafgesetz zur Lösung sozialer und gesellschaftlicher Probleme setzen. Das Nordische Modell kriminalisiert einvernehmlichen Sex gegen Geld und wird von der mächtigen Lobby der selbsternannten „Abolitionist*innen“ europaweit als Methode zur Verhinderung des Menschenhandels angepriesen.

Seit 2017 ist auch Deutschland von dem Kriminalisierungs-Trend betroffen. Das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz verschärft die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen und erschwert menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Zwei Jahre nach der Einführung fiel die Bilanz der Evaluation des Gesetzes in NRW dementsprechend negativ aus. Nun nützen Prostitutionsgegner*innen auch in Deutschland die Gunst der Stunde, um das Schwedische Modell als „Lösung aller Probleme“ ins Gespräch zu bringen. Initiativen wie Stop Sexkauf! und Vereine wie SISTERS e.V. und SOLWODI engagieren sich für ein Sexkaufverbot und Freierbestrafung.

Akademiker*innen, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, LGBTI+-Organisationen, Sexworker-Verbände, Organisationen zur Bekämpfung des Menschenhandels sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS dokumentieren hingegen seit Jahren: Eine kriminalisierende Rechtsprechung hat nachweislich negative Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsqualität von in der Sexarbeit tätigen Menschen. Belege, dass die Kriminalisierung zu einer verbesserten Strafverfolgung von Menschenhandel innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche führen würde, fehlen. Im Gegenteil: Während Verfechter*innen das Nordische Modell als Methode zum „Schutz der Schwächsten“ inszenieren, zeigen die Gesetze besonders fatale Folgen für eine der schützenswertesten Gruppen in der Sexarbeit: Migrant*innen.*

In bereits durch Sexkaufverbote betroffenen Ländern wie Schweden, Norwegen und Frankreich kämpfen Sexarbeiter*innen unermüdlich um ihre Persönlichkeitsrechte, Arbeitsrechte und ihre Sicherheit. Menschen in der Sexarbeit benötigen dringend Unterstützung von Verbündeten aus verschiedensten sozialen Strömungen. Lasst uns gemeinsam einer noch umfassenderen Kriminalisierung durch das Schwedische Modell schon im Vorhinein entschlossen entgegentreten!

* Die Fulbright-Stipendiatin Nina Vuolajärvi hat das nordische Model in der Praxis untersucht und Feldstudien in Schweden, Finnland und Norwegen durchgeführt (2018) : Governing in the Name of Caring – the Nordic Model of Prostitution and its Punitive Consequences for Migrants Who Sell Sex

Dieser Text wurde von der Berliner Sexarbeiterin Fräulein Angelina verfasst. 

Die Frauenbewegung bewegt seit Jahrzehnten viele und vieles. Erfolge konnten verzeichnet werden. Und gleichwohl steht es um das Wohl der gleichberechtigten Gesellschaft noch nicht so gut, wie es wünschenswert wäre. Daher braucht es nach wie vor den Blick des Feminismus, den Drang, weibliche Belange vorwärts zu treiben. Denn das Patriarchat ist träge und zäh und tief in Köpfen, Konventionen und dem Konservatismus verankert, und das dauert. Außerdem ist da die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Und der ständige Wandel. Es werden Teilziele erreicht. Ein Grund zur Freude, aber kein Anlass aufzuhören mit dem Drängen und Treiben. Doch die Leit- und auch die Feindbilder müssen auf dem Weg immer wieder aufs Neue überprüft werden.

Wo wir uns einst von vorgeschriebenen Schönheitsidealen trennen mussten, mit der Forderung, auch Hosen und flache Schuhe tragen zu dürfen, wie es uns beliebt, wo ein wichtiger Schritt war, Abstand von dem zu bekommen, was Symbole der Unterdrückung waren, so sind wir mittlerweile an einem Punktwo wir uns auch wieder dieser Symbole bemächtigen können – sofern wir das möchten. Aus einem gesellschaftlichen Druck wurde eine Bewegung, die zum Ziel hatte, kollektiv die Frau vom Zwang zu befreien, damit sie individuell ihre Wahl und Entscheidung treffen kann. 

Kein Zwang, eine Hausfrau und Mutter zu werden, sondern die Entscheidungsfreiheit, diese Rollen abzulehnen – oder für sich zu wählen. Wir haben lernen müssen, dass auch Feministinnen unfeministisch werden können, wenn sie ihrem Blickwinkel kein Update gönnen. Nicht die Mutterrolle ist das Problem, sondern wer sie bestimmt.

Genauso verhält es sich mit jeglichen anderen Entscheidungen bezüglich des individuellen Lebenskonzepts mit all seinen Details. Die angestrebte Freiheit besteht nicht darin, ins Gegenteil zu kippen und nun das Gegenteil und nichts als dieses zu propagieren. Das kann allerhöchstens ein Zwischenschritt sein. Ja, es gibt Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Arbeit. Zwischen verschiedenen Dienstleistungen. Sexarbeit ist eine Dienstleistung gegen Geld. Für die Möglichkeit zur Wahl hat die Frauenbewegung gekämpft. Wir können und sollten uns freuen, dass es für Mädchen und Frauen nicht mehr nur einen akzeptablen Werdegang gibt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich selbst zu entfalten und die Gesellschaft mitzuprägen. Der feministische Anspruch muss sein, Frauen in keinem Falle für das Nutzen ihrer Freiheit zu diskriminieren, auch und gerade bezüglich ihrer Berufswahl. 

Manchmal werden wir dennoch wieder von konservativen Erwartungen und den noch immer bestehenden patriarchalischen Mechanismen zurückgehalten oder zumindest verunsichert. Es ist längst nicht perfekt. Deshalb ist der Feminismus nach wie vor aktuell und notwendig, und besonders wichtig ist es, ihn zu überprüfen, gerade wenn es um Rollen und Berufe geht, die traditionell als „unfeministisch“ betrachtet wurden. „Unfeministisch“ ist lediglich, wer Frauen abzusprechen versucht, den Beruf oder die Rolle ihrer Wahl auszuüben oder sie für ihre Wahl verurteilt und diskriminiert.

Dieser Text stammt aus der Feder von Fabienne, aktive Sexarbeiterin und Vorstandsmitglied des BesD.

Anna Basener, Autorin des gefeierten Romans „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“, hat es wieder getan:  Mit ihrem Hörspiel „Die juten Sitten“ nimmt sie uns mit auf eine Zeitreise in das wilde Berlin der 20er Jahre. Wir treffen Anita Berber, Magnus Hirschfeld, bekommen einen Geschmack der Epoche. Ihre wahren Heldinnen sind jedoch vor allem die Frauen, die sich in Berlins Halbwelt mit einem kleinen Betrieb durchschlagen.

Protagonistin Hedi sitzt in den 50er Jahren im Todestrakt eines Gefängnisses in Hollywood. Sie hat einen Mann umgebracht, scheinbar ohne Grund, warum, will sie nicht sagen. Aber dem Journalisten vor ihr will sie eine andere Geschichte erzählen –   von ihrer Kindheit in Berlin, von (Wahl-)Familie, den Tragödien der Liebe, des Lebens und der Lust.

Hier könnt ihr mal reinhören: Zum Trailer von „Die juten Sitten“

Basener schafft hier wieder das, was viele andere Autor*innen nicht schaffen: Sie nimmt uns mit in den Alltag der Huren, ganz ohne Sensationalismus. Denn Hedi ist im Bordell aufgewachsen, in der „Ritze“, einem kleinen, selbständigem Betrieb in der Mulackstrasse. Ihre Grossmutter leitete den Laden, und betrieb eine kleine Gaststätte. Im Obergeschoss vermietete sie Hurenstuben, unter anderem an Colette – „die schönste Hure Berlins“ – und die Domina Natalia.

Wir Hörer*innen werden eingeladen,  den Figuren in ihr „verruchtes“ Treiben zu folgen. Und dann, ganz nebenbei, werden die Huren menschlich. Ihre Arbeit und Motivationen nachvollziehbar. Moralische Zeigefinger sucht man in „Die juten Sitten“ vergeblich. Stattdessen gibt es gut recherchierte authentische Einblicke in den  Hurenalltag des historischen Berlins. Von der ersten Legalisierung 1927, über polizeiliche und behördliche Korruption bis hin zum herzenswarmen Pragmatismus der Huren.

Ich wünschte mir, jede Autorin, die fiktional über Sexarbeit schreibt, würde sich ein großes Beispiel an Anna Baseners Arbeit nehmen: Ihre Figuren besitzen Tiefe, sind zwiespältig, entwickeln sich. Die tiefgehende Hintergrundrecherche setzt vorurteilsfrei den Rahmen für eine spannende und  tiefsinnige Geschichte (hier geht es zum Audible-Hörbuch auf Amazon).

Ich für meinen Teil nehme mir ein Beispiel an Natalias Trinkspruch und hebe mein Glas: „Auf die Frauen!“