Gedanken einer Sexarbeiterin aus Berlin:
Wir sind Menschen, die in der Sexarbeit unsere Berufung gefunden haben. Unsere Tätigkeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund_innen. Aber zwei Dinge haben wir alle gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt und wir leisten einen wichtigen zwischenmenschlichen Beitrag in dieser Gesellschaft. Dass wir dafür entlohnt werden unterstreicht unsere Professionalisierung. Sexarbeiter_innen waren und sind Teil der Emanzipationsbewegung. Dafür stehen z. B. autonome Einrichtungen wie Hydra e.V. seit 1980.Die Legalisierung und zivilgesellschaftliche Partizipation freier Sexarbeiter_innen muss ein Bestandteil einer freien Gesellschaft bleiben. Wir verfolgen mit verantwortungsbewusstem Ethos unseren Beruf. Sexarbeiter_innen hat es zu allen Zeiten gegeben. In der Vergangenheit wurden wir nicht selten an den Rand der Gesellschaft gestellt. Und doch gab es zu allen Zeiten durchaus selbstbestimmte Menschen in dem, was wir Sexarbeit nennen.Mit großer Befürchtung beobachten wir jetzt die zunehmende Diskriminierung und Ausgrenzung unserer Kolleg_innen im Jahre zwei nach dem Prostituiertenschutzgesetz.
Wer schützt uns?
Wir fühlen uns durch eine sehr tendenzielle klischeehafte Berichterstattung und einem uns gegenüber feindlich gesonnen Aktivismus betimmter feministischer Richtungen verunglimpft. Sexarbeit wird mit körperlicher Ausbeutung assoziiert und sogar in eine direkte historische Linie mit Sklavenhandel 1) gebracht. Wir verurteilen diese verhöhnende, geschichtsfälschende und menschenfeindliche Perspektive. Opfer von Gewalt und Menschenhandel können keine freien Sexarbeiter_innen sein. Freie Sexarbeit findet in einem Konsens zwischen zwei mündigen, gleichberechtigten Menschen statt. Kommunikation ist das wesentliche Stilmittel freier Sexarbeit und die Basis auf der sich jede Form von Erotik und Nähe entfalten kann. Wir verkaufen nicht unseren Körper sondern bieten eine Dienstleistung an im Rahmen unserer (sexuellen) Selbstbestimmung!Menschenhandel in jeder Form bedeutet keine freie Sexarbeit. In den letzten Monaten ist besonders mit dem Begriff „Loverboy“ ein weiteres düsteres Kapitel in den Vordergrund der Berichterstattung gespielt worden.
Wir sagen ‚Nein!‘ zu Loverboys!
Weder Loverboys, d.h. Männer, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen um diese im Rahmen eines emotionalen Abhängigkeitsverhältnis in die Prostitution/Sexarbeit zu bringen.
Die Abläufe bei der sog. Loverboy-Methode sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild einer individuellen rosigen Zukunft der Opfer aufgebaut mit der diese eingefangen und gefügig gemacht werden. Das Opfer wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert oder das engste Umfeld spielt sogar die Triebfeder und treibt das Opfer vor sich her. Die Loslösung aus einem perfide durchdeklinierten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.Wir veruteilen, diese Machenschaften. Es handelt sich nicht um freie Sexarbeit.

Freien Sexarbeiter_innen sind mündig und selbstbestimmt.
Und wir gehen hier auch davon aus, dass wir nicht in der Minderzahl sind, so wie es die Prostitutionsgegner_innen gerne sehen und oft verbreiten.
Die Beispielgeber der Antiprostitutionslobby scheuen einen offenen Diskurs mit uns. Wie kann man sich für die Grundrechte einsetzen, wenn es schon an der Artikulation und dem Austausch von Argumenten mangelt? Wir sehen uns hier, auch in Anbetracht des neuen parlamentarischen Arbeitskreises „Prostitution überwinden“ für die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“, dass Freier per se unter Strafe stellt, bevormundet und in voremanzipierte Zeiten katapultiert.
Es wird hier nicht mit uns gesprochen sondern über uns.
Und das ganze zwei Jahre nachdem dieselbe Regierung erst ein neues Gesetz verabschiedet hat.
Mit Sorge betrachten wir die eventuellen Folgen für unseren Berufsstand: Warum bekämpft Ihr uns und arbeitet nicht gegen Menschenhändler_innen?

Ansätze für freie Sexarbeit:

1. Strikte Trennung der Themenbereiche Menschenhandel und Sexarbeit.

2. Entstigmatisierung statt Kriminalisierung.
Sexarbeit in Abgrenzung zu Menschenhandel soll weiterhin nicht verfolgt, sondern als Bestandteil dieser Gesellschaft geachtet werden.

3. Rechte statt Verbote
Kein Sondergesetze, sondern Normalität über Arbeitsrechte wie in anderen Berufen auch

4. Entkriminalisierung der kompletten Sexarbeit – nicht Bestrafung unserer Kunden und Einnahmequelle

Dass Sexarbeit frei und selbstbestimmt in unserer Gesellschaft stattfinden darf muss der gesamtgesellschaftliche Minimalkonsens sein. Freier sollen straffrei bleiben!


1)   Quellen zum Thema Sklaverei und Sexarbeit:

„White Slavery“– ein Begriff mit problematischen Implikationen
https://menschenhandelheute.net/2011/10/12/white-slavery-%e2%80%93-ein-begriff-mit-problematischen-implikationen/

„Moderne Sklaverei“ als Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit im Kampf gegen Menschenhandel
https://menschenhandelheute.net/2014/12/12/moderne-sklaverei-als-begriff-in-der-offentlichkeitsarbeit-im-kampf-gegen-menschenhandel/

 

3 Kommentare
  1. Christian
    Christian sagte:

    Männer werden weiterhin zu Prostituierten gehen oder sie kommen lassen, auch wenn das Nordische Modell eingeführt wird. Wir leben in einer Gesellschaft, in der 90% der Vergewaltigungen nicht angezeigt werden. Warum sollten im großen Stil Freier angezeigt werden? Von wem? Aktivistinnen? Die können vielleicht sehen, wie ein Mann ins Bordell geht, was er dort macht nicht. Die Beweisführung ist sehr schwer, das geht nur über Selbstanzeige oder die Aussage der Prostituierten. Denn es ist ja nur strafbar, wenn Geld geflossen ist. Daher liegt es in der Verantwortung der Prostituierten. Klar könnt Ihr sie alle anzeigen, aber es zwingt Euch ja niemand. Ich denke, es stärkt eher die Bindung, da die Freier das Vertrauen brauchen, dass Ihr sie nicht anzeigt. Was ist gegen ein vertrautes Verhältnis zu Stammfreiern auszusetzen? Sie werden das Gefühl haben, was besonderes zu sein. Ist es nicht das, was die Freier sich wünschen („Niemals würde ich dich anzeigen, du bist so lieb und nett und zärtlich…“ : )?
    Problematisch wird es für grenzüberschreitende Freier. Sie sind nicht mehr fein raus, weil sie gezahlt haben und tun und lassen können, was sie wollen. Von ihnen wird Anstand erwartet, ansonsten müssen sie mit einer Anzeige rechnen. Das geht bei Vergewaltigung auch jetzt schon, aber im Ernst: Wer in unserer Gesellschaft nimmt eine Vergewaltigung einer Prostituierten ernst? Genau dafür habe sie doch Geld bekommen. Klar ist das unsinnig, aber so denken doch die meisten. Ist halt ein bisschen härter ausgefallen, aber sonst hätte er ja auch zu seiner Frau gehen können.
    Jeder Mensch, der sexuelle Gewalt erlebt, ist einer zu viel. Die durch die Liberalisierung geschaffene Öffnung schafft eine Nachfrage, die nicht mehr durch ein freiwilliges Angebot befriedigt werden kann. Alle Prostituierten als selbstbestimmt und freiwillig darzustellen geht an der Realität vorbei. Deshalb muss es ein Umdenken geben, um die Nachfrage zu senken. Daher halte ich das Nordische Modell für einen guten Kompromiss. Weil die Prostituierten frei ihrer Arbeit nachgehen können, die Männer aber auf die Bedürfnisse der Prostituierten eingehen müssen. Das kann ausgenutzt werden, aber das wird sich in Freierforen schnell rumsprechen.

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    • Johanna Weber
      Johanna Weber sagte:

      Lieber Christian,
      deine Überlegungen klingen logisch gehen aber an der Praxis vorbei. Wir können unsere Kunden nicht anzeigen, weil wir gar nicht wissen wer sie sind. Sie rufen oft mir unterdrückter Nummer an, was mit dem Schwedischen Modell sicher noch sehr stark zunehmen wird. Falls sie den Termin per Mail machen, dann in der Regel mit einer Schmuddel-Mailadresse, die oft auch nicht nachzuvollziehen ist.
      Ca. 75% der Sexarbeitenden arbeiten in Bordellen, Massagesalons, Studios oder Saunaclubs. Diese Etablissements werden dann alle schließen müssen. So sieht es der Gesetzgeber in den Ländern mit schwedischen Modell vor. Sollte dies in Deutschland anders gehandhabt werden, so wird kein Kunde mehr in die bekannten Etabissements gehen, denn die Polizei kann sich ja direkt vor die Tür setzen und jeden, der wieder rauskommt, verhaften.
      Somit müssen diese Sexarbeitenden alle ihre Kunden bei sich Zuhause in ihrer Wohnung empfangen oder sich eine „geheime“ Wohnung für Arbeitszwecke mieten, oder die Kunden Zuhause besuchen. Die Sicherheit wird durch diese Vereinzelung nicht erhöht.
      Vergewaltung von „Prostituierten“ ist strafbar. Recht hast du, dass es für Sexarbeitende schwer ist eine Anzeige zu erstatten. Hier hilft aber nicht das schwedische Modell, sondern Fortbildungen und Sensibilisierungen von Polizeibeamten.

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    • Scholar
      Scholar sagte:

      Das Schwedische Modell ist kein Kompromiss, da die Frauen durch dieses ja selbst auch verfolgt werden.
      Wenn du Englisch verstehst kannst du dir das Video hier anschauen, in dem unter anderem eine Evaluation des Gestzes durch die schwedische Regierung zitiert wird, in welcher die Anstiege in (Polizei-)Gewalt gegenüber Sexarbeiterinnen als „positiv“ bezeichnet wurde, da es andere Frauen davor abschrecke in dieser Branche tätig zu werden.
      Wer solche Äußerungen von sich gibt hat jedwede Glaubwürdigkeit, bei der Behauptung Sexarbeiterinnen helfen zu wollen, verloren.
      Quelle:https://www.youtube.com/watch?v=Q-W51iDgnWw

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