Ich verdiene seit mehreren Jahren meinen Lebensunterhalt als berührbarer Dominus. Erfahren Menschen von meinem Beruf, bewerten sie meine Arbeit und meine Person durchschnittlich eher positiv – während die Gesellschaft eher Verachtung und Abwertung für weibliche und transsexuelle Sexarbeitende zu bieten hat. Das liegt vielleicht einerseits daran, dass mir anscheinend meine Freiwilligkeit weniger eilig abgesprochen werden kann – aber sicher auch daran, dass über männliche Prostitution so gut wie nicht gesprochen wird. Mehr Gedanken dazu habe ich für das BOX-Magazin in dem Artikel „Ich bin Sexarbeiter, das ist meine Berufung, aber auch schlicht mein Beruf.“ formuliert.

Hier soll es aber um ein Thema gehen, über das noch weniger gesprochen wird: Meine weiblichen Kundinnen.

Als Sexarbeiter, der nicht nur männliche Kunden hat habe ich Erfahrung mit Frauen, die für Sexarbeit – im meinem Fall inklusive BDSM-Elementen,  bezahlen. Zuallererst: Worauf auch immer der alte Spruch „Das schwache Geschlecht“ basieren soll, beim Thema Schmerzempfinden trifft er jedenfalls nicht zu. Im Gegenteil – meiner Erfahrung nach zucken viele Männergrippe-Kandidaten oft schon bei Androhung von schmerzhaften Handlungen zusammen, während so manche Frau bei den härtesten Peitschenhieben noch immer im tiefsten Lustmodus verharren kann.

Als Dominus weiß ich: Frauen können Schmerz vertragen und sich auch intensiv Schmerzen hingeben – und falls sie das dann auch noch wollen, komme ich ins Spiel.

In vielen Sessions habe ich erlebt, dass während der durchschnittliche Mann dem Schmerz noch als tapferer Indianer zu trotzen versucht, selbiger schon längst von der Frau in Lust verwandelt wurde. Es war eine Kundin, die meine BDSM-Sessions mit einem „Seelentanz“ beschrieben hat.

Oft kommt die Frage nach Unterschieden zwischen meinen Kunden und meinen Kundinnen. Abgesehen davon, dass einige meiner Kund*Innen sich nicht in binäre Geschlechteridentitäten einordnen lassen, gibt es da schon ein paar kleine Dinge, die mich immer wieder schmunzeln lassen:

Die ersten Anschreiben meiner männlichen Kunden lesen sich in der Regel wie die Bedienungsanleitung eines überdimensionalen Sextoys.

Und die Feedbacks nach den Sessions kommen mit  “War-geil-nächsten-Monat-wieder-aber-dann-die-große-Sitzung“ ohne Umschweife auf den Punkt. Die meist viel umfangreicheren Feedbacks meiner Kundinnen sind im Vergleich dazu oft kleine literarische Kunstwerke!

Und: Ich persönlich lege viel Wert auf das „Drumherum“ bei meinen Sessions – brennende Kerzen, passende Musik, und so weiter. Und während meine männlichen Kunden bei der Frage nach dem Ambiente erst einmal ihren auf mich fixierten Blick lösen müssen um sich um zu sehen (sogar direkt nach einer 3-Stunden-Session!), lassen mich meine Kundinnen oft bereits in der Anschreib-Mail wissen, welche Umgebung sie sich wünschen um so richtig loslassen zu können.

Gerade in einer BDSM-Session muss es übrigens nicht „politisch korrekt“ zugehen.

Viele Kundinnen, die mich als Dominus buchen, wünschen sich ein Hingeben-Dürfen in pseudo-„konservative“ Rollenverständnisse. Pseudo, weil einerseits hemmunglos mit Klischees gespielt werden kann und gleichzeitig weder meine Kundin noch ich mich in die 50er Jahre zurückwünschen!

Im Gegenteil ist die heute an vielen Orten schon größere Möglichkeit, als Frau über die eigenen sexuellen Wünsche und Gelüste zu sprechen und diese auch ausleben zu dürfen, ohne dafür verächtlich gemacht zu werden, eine Errungenschaft der Emanzipation, die sich noch in viel mehr Köpfen festsetzen sollte. Als BDSM-Dienstleister kann das in meinem Fall zum Beispiel die klassische Mr. Grey-Nummer mit viel Verbalerotik sein, bis zum „erzwungenen“ Gangbang.


Dieser Text stammt von Sexarbeiter Andre Nolte, alias Dominus.Berlin. Neben seinem Hauptjob ist er als Aktivist für Sexarbeiter-Rechte, als Kolumnist und als Dozent für Themen rund um BDSM und Sexualität tätig. 

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