Sehr geehrter Herr Tschentscher,

Wir als Berufsverband für Sexarbeitende fordern Sie auf, Ihre Entscheidung, unsere Tätigkeit weiterhin zu untersagen, rückgängig zu machen.

Gerade in Hamburg gehen die zuständigen Behörden sehr pragmatisch und sachlich mit dem Thema Prostitution um. Ihre Sozialbehörde war federführend bei der Entwicklung eines gemeinsamen Öffnungskonzeptes für die sogenannten Nordländer. Sehr eng war die Zusammenarbeit mit Berlin, wo schon am 8.8. die erotischen Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr wieder zugelassen wurden und ab dem 1.9. auch die klassische Sexarbeit wieder stattfinden darf.

Die Testphase der letzten 3 Wochen verlief in Berlin sehr gut.

Erotik mit Maske erwies sich als unproblematisch. Es gab keine Beanstandungen, dass Hygienekonzepte nicht eingehalten oder Kontaktdaten nicht ordnungsgemäß aufgenommen wurden. Eine pauschale Annahme, dass Coronamaßnahmen in der Sexarbeit nicht funktionieren, ist ein Faustschlag nicht nur in das Gesicht unserer Branche, sondern auch gegen die großartige Arbeit Ihrer eigenen Sozialbehörde.

Besonders, da Wellnessmassagen, Kontaktsportarten und andere körpernahe Tätigkeiten in Hamburg schon lange wieder erlaubt sind, fordern wir Gleichbehandlung.

Sexarbeitende haben pro Tag im Schnitt 2-3 Kunden – wir feiern keine Sexparties.

Unser Berufsverband hat ein dezidiertes Hygienekonzept für unsere Branche erstellt, welches in Berlin als Grundlage für ein Branchenkonzept genutzt wurde. In Hamburg hat die Herbertstraße ein eigenes Hygienekonzept entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Bezirksamt-Leiter Mitte Falko Drossmann stellte unseren St.Pauli-Kolleg*Innen eine Öffnung zum 1.9. in Aussicht.

Die Tagesthemen berichteten vor wenigen Tagen über die prekäre Situation in der Herbertstraße und viele weitere Medien schließen sich dem Urteil an, dass diese Entscheidung eine ungerechte sowie diskriminierende Vorgehensweise gegenüber Sexarbeitern darstellt.

Ihre Sorge, Herr Tschentscher, es könnte zu Sextourismus aus den Nachbarbundesländern kommen, ist unbegründet, denn in Niedersachsen darf unsere Branche laut Gerichtsbeschluss wieder arbeiten, und Schleswig-Holstein ist einer Öffnung positiv gegenüber eingestellt.

Wir fordern Sie auf, das ursprüngliche Hamburger Konzept der stufenweisen Öffnung für Sexarbeit ab 1.9. umzusetzen – natürlich mit Hygienekonzept.

Gerade bei steigenden Infektionszahlen ist es besser, dass Sexarbeit legal und kontrolliert stattfindet, als illegal und unkontrolliert und Gefahr läuft, in Teilen weiter ins Dunkelfeld abzurutschen. Der Weg , Selbstbestimmungsrechte von Sexarbeiter*Innen zu stärken, sollte in Hamburg fortgeführt werden.

Diese Forderung teilen die Diakonie Hamburg 1) und die Deutsche Aidshilfe 2).

zu 1) https://www.evangelisch.de/inhalte/17410…6Yy-FZ6qpU
zu 2) https://www.aidshilfe.de/corona-krise-se…t-zulassen


Rückfragen zu diesem Brief
an Johanna Weber (Politische Sprecherin BesD)
johanna@besd-ev.de
oder 0151-1751 9771

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