Dieser Beitrag stammt von Sexarbeiterin und BesD-Mitglied Nadine Kopp. Im Rahmenprogramm der kommenden ersten virtuellen Mitgliederversammlung des Vereins leitet sie die Austauschrunde „Sexarbeit und Schönheitsideale“.  BesD-Mitglieder die teilnehmen möchten, finden die Anmeldemöglichkeit im Forum und unserer Telegram-Gruppe, beziehungsweise können sich deshalb bei Charlie unter charlie@besd-ev.de melden. 


Mit meiner wohlgeformten, gut proportionierten Körperfülle, meinen ausgeprägten Rundungen, meiner offensichtlich geprägten Haut, und meiner auffällig langen, weichen, wuschelig in Lila getränkten Haarpracht fühle ich mich wohl. Ich bin humorvoll, lache laut, bin offen und direkt. Ich trete selbstbewusst auf und liebe mich so wie ich bin.

Schon allein das passt nicht jedem und ich werde leider oft diskriminierend behandelt.

Sätze wie: „Oh mein Gott, wie kann man nur so fett sein und so auffällig rumlaufen!“ sind da eher harmlos… Damit kann ich gut umgehen, denn sie haben ja recht, ich bin wirklich auffällig und fett!

Daneben kenne ich, wie wahrscheinlich jede Dicke, noch Beleidigungen wie „Du fette Sau“, „Kuh“, oder sonst was. So weit zum „normalen“ Alltag.

Nun ist es so, dass aufgrund der Corona-Krise lange ein Stillstand in meiner Branche – der Sexarbeit – herrschte. Deshalb haben sich ganz unterschiedliche Menschen zusammengetan, um in die Öffentlichkeit zu gehen. Auch ich nahm meinen ganzen Mut zusammen.

Es ist wahrlich nicht einfach mit meinem Erscheinungsbild und meinem klischeebehafteten Job in die Öffentlichkeit zu treten – dennoch, ich tat es!

Seitdem ich öffentlich mache, dass ich nicht „nur“ dick bin, sondern auch noch seit mehr als 15 Jahren leidenschaftlich als Sexarbeiterin arbeite, ist es meistens endgültig vorbei mit jeder Zurückhaltung – selbst aus den eigenen Reihen.

Ich musste mir Kommentare wie die folgenden anhören und lesen:

„Oh mein Gott, kommt überhaupt jemand zu dir?“
„Verdienst du überhaupt als Dicke Geld?“
„Welcher Mann will denn schon eine dicke Hure?“
„Was für Service bietest du denn an, bleibst du immer wie ein Marienkäfer liegen?“
„Wie sollen bei der Körperfülle andere Stellungen möglich sein?“

 

Gerade weil ich so bin wie ich bin, verbringen viele Menschen – auch meine Kunden – gerne Zeit mit mir.

Ich bin eine gestandene, bodenständige, auffällige, selbstbewusste, authentische, humorvolle Frau, mit einem lauten herzlichen Lachen, das die Sonne scheinen lässt. Mein Körper ist dick, wohlgeformt und kurvenreich. Männer buchen mich, um mit mir eine facettenreiche, ausgeprägte und bewegliche Sexualität zu erleben.

 

 

Als dicke Sexarbeiterin soll ich offenbar am besten unsichtbar bleiben.

Ich musste feststellen, dass ich von Reportern, Journalisten usw. gar nicht wirklich wahrgenommen werde. Ich habe mehr als einmal mitbekommen dass diskutiert wurde, ob sie „überhaupt ein Interview mit mir aufnehmen sollen“. Auch „ob sie mich wirklich ablichten sollen“ oder „ob sie mich öffentlich zeigen sollen“.

Mein persönliches Highlight: „Boah, eine dicke Prostituierte will doch keiner im Fernsehen sehen…“.

Ich frage mich, liebe Gesellschaft was läuft bei euch falsch? Habe ich als dicke Sexarbeiterin weniger zu sagen als ne schlanke? Bin ich weniger schön? Bin ich weniger attraktiv? Ist meine Not geringer? Ich finde es an diesem Punkt auch unglaublich wichtig, dass wir Sexarbeitende, die wir uns Akzeptanz für unsere Arbeit wünschen, auch selbst mehr Akzeptanz für einander aufbringen.

Nur wenn wir uns gegenseitig als Menschen achten und nicht gegenseitig niedermachen – egal wie unterschiedlich wir aussehen, wo wir arbeiten, wieviel wir verdienen etc. –  können wir dies auch von der Gesellschaft erwarten.

Ich hab genug davon, nicht gesehen und nicht gehört zu werden. Damit greift ihr nicht nur mich als Mensch an, sondern auch gleichgesinnte Sexarbeiterinnen, die sich weiterhin verstecken, weil sie Angst vor eurer Diskriminierung haben!  Andere haben vielleicht nicht das Selbstbewusstsein und die Stärke sich immer wieder zu beweisen.

Ich gebe mich jedenfalls nicht geschlagen, ich kämpfe weiter!

 

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