Ende September lud das Orga-Team von Trans*Aktiv zu einer bundesweiten Tagung mit dem Thema „Möglichkeiten und Grenzen einer Trans*Politik in Deutschland“ – eine Gelegenheit zum Netzwerken, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Ich machte mich gemeinsam mit Caspar Tate, der sich neben dem Berufsverband für Trans*Sexworks engagiert, auf den Weg zur Akademie Waldschlösschen nach Göttingen. Leute, die Welt ist bunt und das Waldschlösschen ist wirklich schön. Also, wenn man sich als IT-Beauftragte einfach mal wegdenkt, dass es dort null Handyempfang gibt.

Insgesamt waren um die vierzig Teilnehmer*Innen vor Ort – nicht nur Menschen die selbst trans* oder inter sind, sondern auch allierte Cis-Menschen, die z.B. Eltern von trans*- oder intersexuellen Kindern sind. Die Atmosphäre war einfach schön, die Sprache angenehm inklusiv und es gab reichliche Angebote und Themen.

Da dies meine erste aber sicherlich nicht die letzte Teilnahme war, haben mich vor allem auch die Gespräche mit den Menschen und ihre Geschichten interessiert. Leider konnte ich nicht an allen Workshops teilnehmen, aber nur, weil ich zusammen mit Caspar selbst einen gehalten habe! Natürlich stieg am Ende die Technik aus und wir konnten die Präse nicht zeigen… Deswegen veröffentliche ich das mal hier: Präsentation „Sexarbeit und Trans“.

Alle Teilnehmenden engagieren sich an verschiedenen Orten und sind auf verschiedene Arten für die Rechte von Trans*- und Intermenschen aktiv – beraten, vertreten, kennen oder lieben sie.

Mich hat anfangs ein wenig gewurmt, dass alle Änderungen am Plan einstimmig im Plenum verabschiedet werden mussten. Basisdemokratie statt Mehrheitsmeinung war angesagt. Aber dann habe ich verstanden, warum dies hier sinnvoll ist. Wenn in einer Gruppe nur die Lauten bestimmen, gehen leisere Stimmen und Menschen die lieber mal zuhören schnell unter – und das kann nicht das Ziel sein. Wenn alle gehört und beachtet werden, haben wir alle was davon.

Natürlich waren auch amtliche Regelungen für Trans*- und Intermenschen in Deutschland Thema – diese ermöglichen (oder verunmöglichen) es in der Identität aufzutreten, in welcher man sich wirklich wohl und normal fühlt.

Rechtlich ist es absolut verbindlich, wenn ich einen Arbeitsvertrag mit Sarah Blume unterzeichne. Doch in amtlichen Dokumenten bin ich (noch) mit meiner männlichen Existenz eingetragen.

Das gilt zum Beispiel für die Rentenversicherung, die gesetzliche Krankenversicherung oder den Eintrag im Personenstandsregister. Seit 1998 bietet der Ergänzungsausweis der dgti e.V. Trans*- und Intermenschen die Möglichkeit, sich korrekt auszuweisen. Das bewahrt bei einer allgemeinen Personenkontrolle vor einem unfreiwilligem Outing. Der bundesweite Erlass der dahinter steht, gilt allerdings nur für Behörden – ich würde mir wünschen, dass daraus eine auf die Privatwirtschaft ausgeweitete Verordnung würde.

Dazu sei gesagt, dass seit meinem beruflichen Outing Ende 2019 keine meiner Arbeitgeber*Innen Probleme mit meiner weiblichen Existenz hatten oder haben. Aber leider läuft das nicht immer so.

Eine Verordnung würde jeden Betrieb verpflichten uns so anzunehmen, wie wir uns wohl und sicher fühlen. Wir hätten dadurch ein Stück Recht mehr gewonnen – ohne dass es Cis-Menschen auch nur im Mindesten schaden würde.

Wir wollen niemandem Rechte streitig machen oder wegnehmen, sondern benötigen einfach ebenfalls Rechte. Und, große Überraschung: Trotz der Ehe für Alle dürfen erstaunlicherweise auch Cis-Menschen immer noch heiraten.

Die meisten Trans*- und Intermenschen sind es leider gewohnt, im beruflichen und/oder familiären Umfeld mit Menschen umgehen zu müssen, die nicht wissen oder akzeptieren wollen, wo und wann eine Grenze überschritten wird.

Beim Trans*Aktiv-Treffen achtete hingegen jeder auf den anderen – allein das machte es für mich zu einer sehr angenehmen Veranstaltung. Klar gab es auch ein paar hitzige Diskussionen, aber bei Meinungsverschiedenheiten gelang es eigentlich immer sachlich zu bleiben. Wenn es doch mal persönlich wurde, reichten wenige Signale und wer über die Stränge geschlagen hatte, wusste sofort, was Sache war und nahm sich zurück.

Amtliche Regelungen sind das eine – die Akzeptanz von Trans*- und Intermenschen ist eine ganz andere Baustelle.

Ich habe nach meinem Coming-Out Blut geleckt und mich in die politische Arbeit gestürzt. Für den BesD sitze ich als Trans*-Vertretung am „Runden Tisch Prostitution“ in Köln. Ich habe mich als „Sachkundige Einwohnerin“ in den Ausschuss „Gesundheit und Inklusion“ beworben. Gerade „quäle“ ich mich durch die Niederungen der Partei „Die Linke“, um für diesen ganzen Zauber bestens vernetzt und vertreten zu sein. Und wer weiß, vielleicht lächelt mich mein Gesicht mal von einem Wahlplakat an?

Ich finde es extrem wichtig, für die Rechte von Trans*- und Intermenschen zu kämpfen. Wir mögen zwar eine relative Minderheit in der Gesellschaft sein, aber wir sind dennoch Teil der Gesellschaft. Wir gehen arbeiten, zahlen Steuern, hüten unsere Brut. Alltag eben.

Einige Menschen sagen zu uns, dass wir nicht normal seien. Und nicht nur meine Antwort darauf lautet: „Ja, ich bin nicht normal, aber ich bin auf dem Weg dorthin“.

 


Dieser Text stammt von der Kölner Sexarbeiterin Sarah Blume, Trans*-Beirätin und IT-Beauftragte beim BesD e.V. Mehr von ihr liest du auf ihrem Blog sarah-blume.de.

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