Leider haben viele Bücher zum Thema Sexarbeit eine sehr enge Sicht der Dinge. Entweder werden alle Schwierigkeiten unter den Teppich gekehrt oder aus allem ein Problem gemacht und der ganze Beruf dramatisiert. In dem vor kurzem unter der Schirmherrschaft des Schweizer Kollektivs Sexarbeit-ist-Arbeit.ch herausgekommenen Buch “Ich bin Sexarbeiterin” ist das angenehm anders.

Die Texte und Porträts aus “Ich bin Sexarbeiterin” basieren auf Fakten, Studien und –  ganz wichtig! – den Stimmen von Sexarbeiter*innen. Leider können und wollen sich viele Sexarbeiter*innen aus Scham oder Angst immer noch nicht öffentlich oder in der Familie zu ihrem Beruf outen, da das Stigma in der Gesellschaft noch sehr stark verankert ist – umso wertvoller finde ich das Vorhandensein von Interviews, in denen Sexarbeiter*innen ihre Geschichten beschreiben und für sich selbst sprechen können.

Die Interviewten kommen aus verschiedenen Bereichen der Branche, sind weiblich, sind männlich, sind trans*, sind Migrant*innen. Was ihre Beweggründe zur Ausübung des Berufs angeht, ist die Bandbreite riesig: Sie reichen von größter Geldnot, über den Wunsch selbstbestimmt zu arbeiten, bis hin zur Selbstverwirklichung. Von “Ich hätte lieber etwas anderes gemacht/gelernt” zu “Ich will diesen Beruf ausüben” zu “Ich muss nicht gerettet werden!”.

In weiteren Texten werden Pro und Kontra von nationalen Regelungen zur Sexarbeit in der Schweiz sowie internationale Regelungen aus verschiedenen Ländern beschrieben. Es wird von illegalisierter und kriminalisierter Sexarbeit, zum Beispiel in der USA, oder unter dem Schwedischen Modell wie zum Beispiel in Frankreich berichtet. Auch entkriminalisierte, legale Sexarbeit hat ihren Platz im Buch. Dabei wird unter anderem ein Land unter die Lupe genommen, das meiner persönlichen Meinung nach ein großes Vorbild sein sollte. Warum Vorbild? Neuseeland hat seine Gesetze für die Branche mit Hilfe von Sexworker*innen verfasst. Sie wurden in den Prozess mit einbezogen, wurden gefragt undihnen wurde zugehört. Sie konnten  so dafür sorgen, dass die Gesetze auch wirklich den Bedürfnissen und dem Schutz von Sexarbeiter*innen dienen.

In einem Kapitel des Buches werden mithilfe von Studien die Beweggründe von Kund*innen geschildert. Auch Frauen als Kundinnen von Sexarbeiter*innen werden erwähnt, was ich sehr wichtig finde. Obwohl sie sicher eine Mehrheit stellen, gibt es eben nicht nur männliche Kunden. Über weibliche Kunden wird aber zu wenig berichtet, besser gesagt wird zu wenig auf sie aufmerksam gemacht. Besonders spannend fand ich in diesem Zusammenhang auch den Blick auf den sogenannten “Romantik Tourismus” –  wo Frauen sexuelle Dienstleistungen von Männern im Ausland in Anspruch nehmen. Nur die gesellschaftliche Definition unterscheidet hier von Männern die zum selben Zwecke zum Beispiel nach Asien reisen.

Zum allgegenwärtigen Thema Menschenhandel wird festgehalten, dass dieser klar in der Branche vorhanden ist, es sich aber um ein sensibles und wichtiges Thema handelt, das nicht zu dem Schaden einer einzelnen Branche auf deren Rücken ausgetragen werden sollte. Es wird darauf hingewiesen, dass Menschenhandel in vielen weiteren Branchen genauso ein Problem ist und deshalb Menschenhandel ganz klar vom Beruf Sexarbeit getrennt werden muss.

“Ich bin Sexarbeiterin” (ISBN: 978-3-03926-006-5) ist seit 26. November beim Verlag, im normalen Buchhandel, auf Medimops, oder auch auf auf Amazon erhältlich. Das Buch zeigt die Schwierigkeiten der Branche auf und ebenso mögliche Lösungswege. Es beschreibt, wie Menschen in der Sexarbeit unterstützt werden können und zwar OHNE ein generelles Verbot oder Sexkaufverbot, das sie in die Illegalität, ins Verborgene und in erhöhte Ausbeutungsgefahr treiben würde.

Ein empfehlenswerter Lesetipp für alle, die Wert auf eine differenzierte Darstellung von Sexarbeit und den darin tätigen Menschen legen. Und vielleicht auch ein schönes Last-Minute-Weihnachtsgeschenk für manche*n! 🙂


Diese Buchbesprechung stammt aus der Feder von BesD-Mitglied und Schweizer Sexarbeiterin Viktoria – vielen Dank dafür!

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