Das Europäische Netzwerk für die Rechte und Gesundheit Migrantischer Sexarbeiter*innen (TAMPEP) ist in höchster Alarmbereitschaft. Die Pandemie ist für alle besorgniserregend – doch für migrantische Sexarbeiter*innen und Sexarbeiterinnen im Allgemeinen sind deren Auswirkungen bereits jetzt katastrophal.

Migrant*innen und bereits von Armut betroffenen Menschen in der Sexarbeit haben trotz der jetzigen Krise nach wie vor vor nur mangelhaften Zugriff auf öffentliche und staatliche Mittel und Schutzmaßnahmen. Ihnen droht vielerorts der Verlust ihrer Existenzgrundlage und Obdachlosigkeit, außerdem herrscht eine berechtigte Angst vor der Durchsetzung von Einwanderungsbestimmungen. 

Es ist wichtig, weiterhin die Strukturen in Frage zu stellen, die migrantischen Sexarbeiter*innen den Zugang zu finanzieller, gesundheitlicher und sozialer Unterstützung – die anderen zur Verfügung steht – verwehren. Im Licht der Corona-Krise ruft TAMPEP Regierungen in ganz Europa dazu auf,  folgenden dringenden Maßnahmen für den Schutz migrantischer Personen nach zu kommen:


  • Gewährleistung des Zugangs zur Gesundheitsversorgung

–  die Aufhebung aller anfallenden Gebühren betreffend der Gesundheitsversorgung
–  die sofortige Aussetzung des Datenaustausches mit Einwanderungsbehörden und anderen Strafverfolgungsbehörden
–  eine öffentliche Informationskampagne, die vermittelt, dass Gesundheitsleistungen für alle Migrant*innen und alle potentiell kriminalisierten Communities verfügbar und sicher zugänglich sind
  • Gewährleistung des Zugangs zu allen wesentlichen öffentlichen Dienstleistungen

– Aussetzung von Rechtsklauseln, die migrantischen Personen den Zugriff auf öffentliche Mittel, z.B. für Obdachlosenhilfe oder die Zuweisung von Sozialwohnungen verwehren ( No Recourse to Public Funds, NRPF)
–  Fachliche Unterstützung sowie Zugang zu medizinischen Dienstleistungen und Tests für in Gemeinschaftsunterkünften untergebrachte Personen, darunter viele migrantische und Wander-Sexarbeiter*innen, die aufgrund der Schließung ihrer Arbeitsplätze obdachlos geworden sind
–  Gewährleistung, dass niemand der versucht, Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und Gesundheitsversorgung zu erhalten, für die Ausübung kriminalisierter Arbeit bestraft wird
  • Verlängerung oder Anpassung von Aufenthaltsbestimmungen und Visa

–  Gewährleistung, dass niemand aufgrund von Selbstisolation oder Reisebeschränkungen wegen Verstößen gegen das Aufenthaltsrecht bestraft wird
–  Freilassung aller Personen, die derzeit aufgrund von Einwanderungsverboten inhaftiert sind – dies verringert außerdem das Risiko, dass COVID-19 in die Haftanstalten gelangt und vermeidbare Schäden verursacht
  • Sicherstellung, dass alle Personen, die auf Einkommen aus der Sexarbeit angewiesen sind, in finanzielle Nothilfemaßnahmen mit einbezogen werden – unabhängig von den jeweiligen Sexarbeit betreffenden Gesetzen.


Die Zusammenarbeit von Sexworker-Organisationen, Aktivist*innen, Verbündeten und Menschenrechtsorganisationen im Kampf gegen das Corona-Virus, sehen wir als ein wichtiges Zeichen der Widerstandsfähigkeit und Verbundenheit unserer Community in Krisensituationen. Es ist ebenso wichtig, dass weiterhin über die nationalen und internationalen Auswirkungen der Pandemie auf Sexarbeiter*innen, sowie die Unterstützungsbemühungen der von Sexarbeiter*innen geleiteten Organisationen berichtet wird.

Gerade jetzt hängt das Überleben vieler Menschen von unserer Fähigkeit ab, diejenigen unter uns zu schützen, die Schutz am nötigsten haben.

Mit einem gleichberechtigten Zugang für alle zu öffentlicher und staatlicher Unterstützung können wir die Auswirkungen von COVID-19 gemeinsam verringern.  Mehr denn je ist es daher jetzt an der Zeit, uns zusammen zu schließen und den Forderungen nach dem Schutz von Migrant*innen und migrantischen Sexarbeiter*innen Nachdruck zu verleihen.


Quelle: Migrants Sex Workers Rights in Light of Coronavirus (20.03.2020)

Das Europäische Netzwerk für die Rechte von Sexarbeiter*innen (ICRSE) fordert die nationalen Regierungen auf, dringend zu handeln, um sicherzustellen, dass Sexarbeiter*innen zusammen mit ihren Familien und Gemeinschaften während der COVID-19-Pandemie Zugang zum sozialen Sicherheitsnetz haben.

Diese Pandemie zeigt mit äußerster Dringlichkeit, wie Sexarbeiter*innen unter prekären Umständen ins Abseits und an den Rande der Gesellschaft gedrängt werden. Im Gegensatz zu anderen Arbeitnehmern können viele Sexarbeiter*innen auf keinerlei Schutz und Unterstützung zählen.

Während immer mehr Länder Sperren, Quarantäne und Reisebeschränkungen verhängen, verlieren viele Sexarbeiter*innen den größten Teil oder ihr gesamtes Einkommen. Sie sind dadurch finanziellen Schwierigkeiten, erhöhter Verwundbarkeit, Armut oder Obdachlosigkeit ausgesetzt. Dass Sexarbeit in vielen Ländern kriminalisiert wird bedeutet auch, dass viele Sexarbeiter*innen nicht die Möglichkeit haben, auf das soziale Sicherheitsnetz zurück zu greifen, das für andere Arbeitnehmer sehr wohl vorgesehen ist, z. B. Krankengeld.

Viele Sexarbeiter*innen kommen aus Gemeinschaften, die bereits einem hohen Grad an Marginalisierung und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind. Dazu zählen in Armut lebende Menschen, Migrant*innen, Flüchtlinge, Transsexuelle und Drogenkonsument*innen.

Gerade Sexarbeiter*innen ohne alternative Unterstützungsmöglichkeiten, die in ihrer Familie die Hauptverdiener sind, kämpfen jetzt um ihr Überleben. Sie sind in Gefahr, in noch unsicherere und gefährlichere Situationen gezwungen zu werden.

Sexarbeiter*innen in verschiedenen europäischen Ländern berichten von:

  • Drastischen Einkommensverlusten
  • Schließung von Arbeitsplätzen
  • Mangel an finanziellen Mitteln zur Deckung der Grundbedürfnisse, zur Unterstützung von Familienmitgliedern und Angehörigen
  • Unmöglichkeit, Zugang zu öffentlichen Gesundheitsdiensten zu erhalten, die ihre Aktivitäten eingestellt oder eingeschränkt haben
  • Erhöhter Druck, während der Arbeit Risiken einzugehen, um das Einkommen zu sichern

Der ICRSE befürwortet die Bemühungen der Regierungen, die Übertragung des Virus zu kontrollieren. Doch wenn Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit eine der am stärksten marginalisierten Gruppen nicht berücksichtigen, gefährdet dies den Gesamterfolg dieser Bemühungen.  

Der ICRSE fordert von den Regierungen:

  • Sofortige, angemessene und leicht zugängliche finanzielle Unterstützung in der Krise
  • Ein Stopp der Zwangsräumungen und die Bereitstellung von Notunterkünften
  • Die Bildung eines Schutzschild zwischen Einwanderungsbehörden und Gesundheitsdiensten – zum Schutz von Sexarbeiter*innen ohne Papiere, die medizinische Versorgung benötigen
  • Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle Sexarbeiter*innen, unabhängig von ihrem Einwanderungsstatus

Diese beispiellose Krise erfordert eine sinnvolle Zusammenarbeit zwischen allen Bereichen der Gesellschaft, einschließlich den am stärksten ausgegrenzten. Alle Maßnahmen im Zusammenhang mit Sexarbeit müssen . auf den Grundsätzen der öffentlichen Gesundheit und der Menschenrechte beruhen und  in Absprache mit Sexarbeiter*innen und ihren Vertretungen entwickelt werden, um negative Auswirkungen gering zu halten.

Bei Sofortmaßnahmen und Hilfsmaßnahmen müssen die Regierungen sicherstellen, dass sie auch die Arbeitnehmer*innen erreichen, die aus dem offiziellen Wirtschaftsleben ausgeschlossen sind. Nur durch die Einbeziehung von Sexarbeiter*innen haben Regierungen die Chance, die Pandemie zu begrenzen und schließlich auch zu beenden.

 


Quelle: Erklärung zu Covid-19 und seinen Auswirkungen auf Sexarbeiter*innen —> „COVID19 ICRSE STATEMENT“ (18.03.2020)

Wärend Corona-Krise ist das Wohnen in leerstehenden Bordellen erlaubt

Von Johanna Weber, politische Sprecherin

Verschiedene Meldungen gingen vor einer Woche fast parallel bei uns ein. Auf der einen Seite diverse Anfragen von wohnungslosen Kolleg*innen, die wissen wollten ob sie nicht in ihren Bordellen bleiben können solange diese wegen der Corona-Verordnung geschlossen sind. Auf der anderen Seite ereilten uns Nachrichten von Bordellbetreibern, die sich weigerten, ihre „Frauen“ auf die Straße zu setzen und dadurch zum Teil heftige Probleme mit Ordnungshütern bekamen.

In diesem Sinne machte der Betreiber des City-Eroscenter in der Stuttgarter Leonhardstraße und das Pascha in Köln Schlagzeilen, denn sie setzten Niemanden auf die Straße. Einige weitere Bordelle zogen nach, die wir auf unsere Unterseite aufgelistet haben. Eine gute Infoquelle mit Angeobten für „gestrandete Damen“ ist die Webseite kollegin.de. Man mag dies als gelungene Marketingmaßnahme abstempeln, aber es ist eine Maßnahme, die hilft und nicht ohne Risiko ist oder war.

Viele Bordellinhaber*innen trauten sich nicht, die Zimmer zum Wohnen zur Verfügung zu stellen, denn sie fürchteten den Verlust der Lizenz als Prostitutionsstätte. Jeder, der weiß, wie aufwändig es ist diese Genehmigung zu erhalten und auf wie gefühlt wackeligen Beinen diese steht, wird die Sorgen der Betreibenden verstehen. Hinzu kommt, dass in den meisten Bundesländern noch so gut wie gar keine Genehmigungen für Prostitutionsstätten erteilt wurden. Die Mühlen der Behörden mahlen doch oft sehr langsam. Jeder Antragsteller, der in dieser Warteschleife steckt, wird das nicht gefährden wollen.

Wie groß ist denn das Problem der drohenden Obdachlosigkeit nun wirklich?
Eine schnelle Umfrage an die Beratungsstellen im bufas-Verbund ergab, dass viele Sexarbeitende doch noch abgereist seien in ihre Heimatländer. Aber bei weitem nicht alle – mittlerweile gibt es kaum noch Möglichkeiten über die Grenzen zu kommen. Die günstigen Buslinien fahren nicht mehr und Flüge sind extrem eingeschränkt.
Auch gibt es nicht wenige Sexarbeitende, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und über keinen festen Wohnsitz verfügen. Sie wandern zum Arbeiten von einer Terminwohnung zur nächsten, wo sie dann in der Regel in separaten Zimmern auch Wohnen können. Diese Möglichkeiten fielen nun weg, denn alle Bordelle, Terminwohnungen, Clubs, Studios, usw. sind geschlossen.

Das Londoner Modell kam ins Gespräch. Dabei geht es darum, dass aktuell leerstehende Hotels oder Hostels umfunktioniert werden zur Unterkunft für Menschen ohne Wohnung. Ein wunderbar pragmatischer Ansatz. Allerdings erschien es uns in diesem Fall unkomplizierter, die Sexarbeitenden einfach an ihrem Arbeitsplatz zu belassen.

Dazu müßte im Prinzip nur das im ProstituiertenSchutzGesetz festgeschriebene Übernachtungsverbot ausgesetzt werden. Ob denn sowas überhaupt möglich ist, fragten wir uns.
Vor dem Hintergrund, wie viele Freiheitseinschränkungen und Verbote im Zuge von Corona schon ad hoc und auch wahrscheinlich auch zu Recht beschlossen wurden, sollte doch solch eine Kleinigkeit wie das Übernachtungsverbot auszusetzen wohl möglich sein.

Auf unsere Anfrage beim Familienministerium machte man uns keine großen Hoffnungen aber man leite das weiter. Und siehe da, wir wurden erhört. Vielleicht waren wir auch nicht die Einzigen, die diese Idee hatten. Es gab zumindest gleich am nächsten Tag eine Anfrage zu dem Thema an alle Bundesländer. Es wurde dann erstaunlich schnell gehandelt, und das Übernachten und Wohnen ist nun für die Corona-Zeit in Prostitutionsstätten erlaubt.

Zitate aus dem Rundschreiben des BMFSFJ (Familienministerium)

Maßnahmen zur Vermeidung von Obdachlosigkeit von Sexarbeitenden

Auslegungshinweise zu § 18 Abs. 2 Nr. 7 ProstSchG im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Beschränkungen zum Zwecke einer langsameren Ausbreitung des Corona

Es wird darauf hingewiesen, dass in der gegenwärtigen Ausnahmesituation und vor dem Hintergrund der akuten Gefährdung von Sexarbeitenden zur Abwendung einer Notlage eine ausnahmsweise Abweichung von der in § 18 Abs. 2 Nr. 7 ProstSchG vorgesehenen räumlichen Trennung derzeit aufgrund der umfassenden Untersagung von Prostitutionsgewerben rechtlich zulässig ist

HIER nachzulesen als Punkt 7 – Prostituierte schützen


16.4.20 – Ergänzung aus aktuellem Anlass:

1. Bei der Ansage des Familienministeriums, dass es aktuell erlaubt ist in Bordellen zu wohnen,
handelt es sich um eine Empfehlung. Diese muss nicht von allen Bundesländern befolgt werden. Fast überall wird das aber so gehandhabt. Leider gibt aber einige Städte und Gemeinden, die die Idee des Familienministeriums nicht aufgetriffen haben.

2. Erfreulich ist, dass es viele Betreibende gibt, die die Sexarbeitenden kostenlos bei sich wohnen lassen in dieser Zeit. Leider gibt es auch Betreibende, die 30 Euro und mehr Miete pro Tag verlangen. Da Sexarbeitende aktuell nicht arbeiten dürfen und somit keine Einnahmen erwirtschaften, ist eine so hohe Miete (über 900 Euro pro Monat) nicht realisierbar.
Der BesD hält eine Beteiligung an Nebenkosten und Miete für akzeptabel sofern es sich um überschaubare Summen handelt.
Betroffene von „Wuchermieten“ können sich dazu bei uns im Mitgliederforum austauschen
oder wenden sich an die politische Sprecherin:
Johanna Weber -> johanna@besd-ev.de oder 0151-1751 9771

 

“Am Anfang hatte ich Angst, mich politisch zu engagieren und sichtbar zu sein”, berichtet eine Teilnehmerin auf dem Hurenkongress, der im vergangenen August bereits zum zweiten Mal Sexarbeitende aus Deutschland, Europa und der Welt in Berlin zusammenbrachte. “Aber dadurch, dass ich Sexarbeitende mit anderen Erfahrungen und Biografien getroffen habe, wurde mir klar, dass ich Privilegien habe, die ich nutzen muss, um unsere Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern”, fährt sie fort.

 

Zusammen mit 200 anderen Sexarbeitenden verbrachte die Sexarbeiterin und Aktivistin aus Lateinamerika daher auf dem Hurenkongress zwei Tage damit, sich in einem geschützten Umfeld untereinander auszutauschen, zu vernetzen und Strategien zu entwickeln. Dass die Anzahl der Teilnehmenden im Vergleich zum Vorjahr noch gestiegen war, sehen viele als Zeichen für den zunehmenden Widerstand, der sich gerade unter Sexarbeitenden in Deutschland formiert.

 

Ausschlaggebend hierfür ist insbesondere das neu verabschiedete Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen, kurz genannt Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), das seit 2017 die rechtliche Diskriminierung und zunehmende Stigmatisierung von Sexarbeitenden fortschreibt. Wesentliche Elemente dieses Gesetzes sind eine Anmeldepflicht und die Mitführung einer Anmeldebescheinigung, dem sogenannten Hurenpass; eine verbindliche Gesundheitsberatung sowie die Einführung einer Erlaubnispflicht für Betriebsstätten. Mit Schutz und Unterstützung hat das neue Gesetz aber wenig bis gar nichts zu tun: zum einen greift es unrechtmäßig in das Selbstbestimmungsrecht von sexarbeitenden Menschen ein und ist mit deren Menschenrechten nicht vereinbar. Zum anderen zeigt sich mehr als zwei Jahre nach Einführung des Gesetzes deutlich, wie sehr es die Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende verschlechtert.

 

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen war der Hurenkongress 2019 ein besonders bedeutendes Event für Sexarbeitende. Wir als Forschende nutzten ihn auch dazu, die persönlichen Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden zu erfragen und zu dokumentieren. Dazu kreierten wir einen anonymen Forschungsraum, in dem Sexarbeitende ihre Sichtweisen zu den Themenschwerpunkten Prostitutionspolitik und Sexarbeitsaktivismus teilen konnten. Wir erfragten insbesondere auch, wie sie die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland wahrnehmen. Hier zeigte sich ein deutliches Stimmungsbild. Von vielen Teilnehmenden wurde die Situation als “bedrohlich”, “beängstigend”, „restriktiv“ und “repressiv”, sowie als „existenzbedrohend“ und “gefährlich” beschrieben. Viele sehen in der momentanen Politik außerdem einen Rückschritt im langjährigen Kampf um Rechte und Anerkennung. Sie fordern stattdessen “Respekt”, eine “faire Behandlung, wie andere Arbeitsbereiche auch”, und die Einbeziehung von Sexarbeitende in politische Prozesse. Würde man mit Sexarbeitenden reden, ihre Meinungen ernst nehmen und ihren Empfehlungen folgen, so wäre die komplette Dekriminalisierung und Entstigmatisierung von Sexarbeit unabdingbar, so sind sich viele einig.

 

Um solche politischen und gesellschaftlichen Verbesserungen zu erreichen, organisieren sich Sexarbeitende gemeinsam. Dabei sind unvoreingenommene Begegnungen und ein Austausch auf Augenhöhe besonder wichtig, da es innerhalb der Sexarbeit unterschiedlichste Arbeitsbereiche und Arbeitsformen, und damit auch eine Vielfalt an Erfahrungen und Perspektiven gibt. Beim Hurenkongress kamen diese wie bei keiner anderen Gelegenheit in 2019 zusammen. In 12 unterschiedlichen Workshops lernten die Sexarbeitenden hier Neues, tauschten Expertise aus und hielten Debatten ab. Die Teilnehmer*innen zeigten sich selbst “überrascht, fasziniert, und begeistert von der Vielfältigkeit der Sexarbeit und der Menschen” und beschrieben, wie die unterschiedlichen Selbstbilder der Anwesenden ihren Blick öffneten.

 

Dass sie hierbei zuerst einmal unter sich blieben, ist für viele Sexarbeitende unabdingbar: nur in einem geschützten Raum können sie Perspektiven und Erfahrungen austauschen, ohne die Stigmatisierung und Verurteilung Anderer zu fürchten. Der Hurenkongress bot einen solchen Raum, in dem Sexarbeitende trotz aller Unterschiede und Marginalisierungserfahrungen Gemeinschaft, Solidarität und gegenseitige Hilfe finden konnten, und förderte damit das Verständnis und die Zusammenarbeit unter ihnen.

 

Dabei wurde die Bandbreite an Aktivitäten sichtbar, durch die sich Sexarbeitende politisch einbringen:  dass vor allem Sexarbeitende, die in Vereinen wie dem Berufsverband organisiert sind „öffentlich bei Demonstrationen, Paraden und Soliparties“ aktiv sind und/oder auch „Interviews geben, Vorträge halten, bei Podiumsdiskussionen, politischen Anhörungen und an Dokumentationen teilhaben“. Eine andere Teilnehmerin erzählt, dass sie Sexworker-Frühstückstreffen organisiert und in einem Arbeitskreis zu Sexarbeit tätig ist.

 

Gerade die Vernetzung mit Organisationen und NGO’s ist für viele Sexarbeitende ein erster Schritt zum Aktivismus – öffentlich auf der Straße, aber auch im virtuellen Raum wie auf Twitter, Instagram oder Facebook. So berichtet eine Sexarbeitende aus Argentinien: „Ich helfe bei Veranstaltungen aus, übersetze Texte, gehe zu Demos und mache Interviews mit Journalist*innen”. Eine weitere Sexarbeitende aus Brasilien erzählt, dass in lokalen Gemeinschaften organisiert ist und auch im Web aktiv ist, hier zwar noch “mehr im Alleingang, aber im Kontakt mit anderen”.

 

Das Engagement ist also bereits vielfältig, und doch in anderer Hinsicht noch begrenzt. Dies beschreibt eine weitere Sexarbeiterin, die auch beim BesD sowie auf verschiedenen sozialen Plattformen aktiv ist: „Ich zeige gern mein Gesicht, auch weil andere dies (noch!) nicht können.“ Damit weist sie darauf hin, dass politisches Engagement vor allem in der Öffentlichkeit für viele nicht möglich ist. Auch diejenige unter den Sexarbeitenden, die sich im Sexarbeitsaktivismus bis jetzt noch nicht engagiert haben, nutzten den anonymen Forschungsraum und erzählten, warum es für sie bis dato nicht möglich war. So schildert eine Sexarbeiterin: „Ich habe mich fast noch gar nicht aktivistisch engagiert, außer in den sozialen Medien zu kommentieren, dass aber natürlich auch anonym, da mein Nicht-EU Bürgerin Status es auch nochmals schwieriger macht.“ Eine weitere Teilnehmerin schreibt, dass sie sich „gar nicht aktivistisch engagiert, denn ein Outcoming kann ich mir sozial-gesellschaftlich nicht leisten“. Viele Sexarbeitende, sie sich öffentlich politisch engagieren, sind sich dieser Risiken und Einschränkungen bewusst, und fühlen sich in ihrem Aktivismus mitverantwortlich für diejenigen, die besonders mit Stigma und Rechtlosigkeit zu kämpfen haben.

 

Für viele Sexarbeitende ist der Hurenkongress aber auch ein Beginn, um sich aktivistisch zu engagieren: „Bisher habe ich mich noch gar nicht aktivistisch bewegt, aber das möchte ich hierüber ändern“, so eine der Stimmen aus dem Forschungsraum. Denn beim Hurenkongress mischen sich politische Neulinge mit den Sexarbeitenden, die bereits verschiedenste Erfahrungen im Aktivismus gesammelt haben. Diese sind so vielfältig wie Sexarbeit selbst, wie sich im Forschungsraum zeigte. So sind einerseits Stimmen zu vernehmen, die von positiven Erfahrungen im öffentlichen Umgang mit dem Thema Sexarbeit berichten: „Zu 95% positiv. Interessiert sind die meisten, sehr viele sind respektvoll und einige hinterfragen eigene Vorurteile.“ Eine andere Sexarbeitende schreibt: „Über das Netzwerken und die politische Arbeit, insbesondere in den sozialen Medien und auf Konferenzen, habe ich so viele liebenswerte und interessante Menschen in kürzester Zeit getroffen; sogar potentielle Klienten finden das oft gut und finden da manchmal den Einstieg ins Gespräch leichter.“ Auch auf Neugierde und Beachtung stoßen viele, so schreibt eine weitere Teilnehmende: „Interesse und Neugier, Überraschung über unsere Art der Arbeit und unsere Schwerpunkte (Achtsamkeit, Wertschätzung, Akzeptanz)“.

 

Andere berichten wiederum auch, dass sie auf Ablehnung und Ignoranz stoßen, wenn sie sich politisch engagieren: „Es begegnen mir auch Schweigen und Verurteilungen, meist nicht direkt, sondern es besteht kein Interesse mehr darüber zu erfahren, da Vorurteile (unmoralisch, sollte nur im Privatleben bleiben) vorhanden sind.“ Es wird außerdem deutlich, dass Sexarbeitende sich nicht überall erwünscht fühlen und gerade den Umgang mit Medien oft als schwierig empfinden, wie uns berichtet wird: „Ganz oft sind Menschen überrascht von unserer Vielfältigkeit im sexwork-Bereich und auch begeistert, aber im Kontakt mit Medien sind meine Erfahrungen auch sehr enttäuschend und frustrierend.“ Das politische und aktivistische Engagement ist einerseits von der Wahrnehmung eines Rückschrittes im Kampf um Anerkennung und Rechte begleitetet und von “erschreckenden Beobachtungen, über hysterische und melodramatische Geschichten von ‘Abolitionist*innen’, die immer mehr Gehör finden” und andererseits aber genau dadurch “ Vernetzung mit Kolleg*innen stattfinden” und auch “mehr Interesse von Medien” kommt. Und dennoch wird im Forschungsraum auch auf die Gefahr eines “Aktivismus Burnout” hingewiesen. Es lässt hier festhalten, dass die Erfahrungen mit politischem Engagement oftmals von Gegensätzen geprägt sind.

 

Viele der Teilnehmenden äußerten sich im Forschungsraum auch über den Hurenkongress selbst und beschrieben die Gemeinschaft unter Sexarbeitenden als ausgesprochen positiv. Viele hoben die „Offenheit und Solidarität innerhalb der Sexarbeitscommunity“ hervor, und lobten die Möglichkeiten zur „kollektiven Selbstorganisation“ und den „enormen Erfahrungsaustausch“, den die zwei Tage boten. Eine Teilnehmerin beschrieb, durch den Kongress ein regelrechtes “Gefühl der Selbstermächtigung” erfahren zu haben.

 

Mit ihrer zunehmenden politische Organisierung gliedern sich Sexarbeitende in Deutschland in die Kämpfe um Anerkennung und Rechte ein, die von Sexarbeitenden bereits seit vielen Jahren, über Ländergrenzen hinweg und in globaler Vernetzung geführt werden. Mit den seit Ende 2019 verstärkt aufkommenden Debatten zum “Sexkaufverbot” stehen Sexarbeitenden in Deutschland besonders turbulente politische Zeiten bevor. Doch davon lassen sie sich nicht entmutigen – getragen von den positiven Erfahrungen aus dem letzten Jahr und voller neuer Ideen laufen die Vorbereitungen für den nächsten Hurenkongress in 2020 bereits an.

Zu den Autorinnen:

Joana Hofstetter ist Soziologin und promoviert zum Thema Sexarbeitsaktivismus und Prostitutionspolitik in Deutschland an der Scuola Normale Superiore in Florenz.

Sabrina Stranzl ist Kulturanthropologin und beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit diskursiven Konstruktionen und visuellen Denkfiguren zu Sexarbeit und der Transformation und Handlungsmacht von Sexarbeitenden.

Und hier gehts zum großen Bericht über den Hurenkongress und die World of Whorecraft – Sexwork Messe

200 Sexarbeiter*innen aus ganz Deutschland und aller Welt kamen von 15.-16. September zum Hurenkongress in Berlin zusammen.

Am ersten Tag teilten 15 Workshopleiter*innen in insgesamt 12 Workshops ihre Expertise mit Kolleg*innen. Am 2. Tag fanden im Rahmen eines Barcamps weitere 14 spontane Workshops und Gesprächsrunden statt. Workshopleiter*innen sowie Teilnehmer*innen waren alle selbst in der Sexarbeit tätig – in den Workshops wurden Tricks, Tipps und Erfahrungen aller Art geteilt und Raum für Diskussionen und Fragen geboten. Manche Workshops fanden auf Deutsch statt, andere auf Englisch und einige in beiden Sprachen – viele internationale Kolleg*innen kamen zum Kongress und rund ein Drittel der Teilnehmer*innen hatten eine andere Muttersprache als Deutsch.

Der Kongress war eine außergewöhnliche Gelegenheit für Sexworker, sich über wesentliche Themen zu informieren und zu diskutieren: So gab es beispielsweise einen Workspace von Missy-Kolumnist Christian Schmacht, in dem die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*innen , die transgender/transsexuell/nicht-binär/genderqueer sind, diskutiert wurden. Anastacia Ryan von TAMPEP – dem europäischen Netzwerk zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexworkern – leitete eine Diskussion über die Auswirkungen von Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Nicole Schulze, Sexarbeiterin und seit kurzem auch im Vorstand des BesD e.V. vertreten, organisierte einen Workshop zum Thema Sicherheit am Straßenstrich und berichtete dabei von ihren langjährigen Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich.

Ob „Selbstmarketing & Kommunikation”, „Professional BDSM for Beginners”, „Fighting Burn-Out Through Self Love”, „Online Sicherheit für Sex Worker“ oder „Betriebsgründung – Selbstständig machen in der Sexarbeit” – alle Inhalte richteten sich explizit an Menschen, die in der Sexarbeit arbeiten und deren spezifische Bedürfnisse.

Es wurde geschnackt, gelacht, gelernt, vernetzt, informiert und diskutiert. Aktionspläne wurden geschmiedet, Allianzen geformt, alte Freund*innen wiedergetroffen und neue Bekanntschaften geschlossen – insgesamt war der Kongress also eine grandiose Gelegenheit für Austausch und Information zwischen Sexarbeitenden.

Auf der am 17. September anschließenden Sexwork-Messe „World of Whorecraft” zählten wir neben 150 teilnehmenden Sexarbeiter*innen rund 200 Gäste .

Von Verbündeten und interessierten Besucher*innen über Journalist*innen und Forscher*innen bis hin zu Partner*innen und Freund*innen von Sexarbeitenden, war alles unter den Besucher*innen der Messe vertreten. Unter den 17 Ausstellern waren branchenrelevante Dienstleister*innen (z.B. der queere Sexshop Other Nature) Beratungsstellen und Verbündete (z.B. das Beratungsprojekt für männliche Sexarbeiter smart berlin, Hydra e.V., oder Dona Carmen e.V.) und deutsche sowie internationale von Sexworkern geführte Organisationen, die ihre Arbeit und Ressourcen teilten (z.B. Wild Thing aus den Niederlanden).

Die Ausstellung Objects of Desire vom Schwulen Museum und der Bilderzyklus „Das neue Recht“ von Almuth Wessel sorgten für themenbezogene Kunst in der Location. Im Kinozelt konnten Fetisch-Filme aus der Produktion von libido film, die Dokumentation „Whores on Film“ von Sex Worker und Filmemacherin Juliana Piccillo, der Film „H’Or“ von Black Sex Worker Collective-Gründerin Akynos sowie Videos aus dem YouTubeChannel „Wissen.Macht.Sex!“ der Sexarbeiterin und Aktivistin Josefa Nereus bewundert werden.

 

 

Im Research-Zelt sammelten Joana Hofstetter und Sabrina Stranzl vom Netzwerk für Kritische Sexarbeitsforschung Erfahrungen und Meinungen Sexarbeitender für ihre Recherchen.

Das ganztägige Bühnenprogramm wurde von der Journalistin und Sexualforscherin Kuku Schrapnell moderiert. Neben Keynotevorträgen (z.B. von DAH-Frauenreferentin Marianne Rademacher, Sexarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Maya Mistress aus Brasilien und Pesha Shatte aus dem französischen Sexwork-Syndikat STRASS) gab eine spannende Talkrunde zwischen zwei Sexarbeiterinnen und einer aufsuchenden Sozialarbeiterin über die Gefahren des schwedischen Modells, Susanne Bleier Wilp stellte das Big Sister Projekt unter dem Dach von kaufmich.com vor, erotische Performances fanden statt und Lesungen von Sexarbeiterin und Autorin von „Mein HurenmanifestUndine de Rivière sowie der ehemaligen WELT-Kolumnistin und Sexarbeiterin Salomé Balthus sorgten für Begeisterung.

Die Ausgaben für beide Events beliefen sich auf 15.365 Euro – hierbei nicht mit einberechnet sind die Personalkosten für die Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Veranstaltungen. Diese wurden vom BesD getragen und beliefen sich bei einer 50%-Arbeitskraft für den Kongress sowie einer 25%-Arbeitskraft für die Messe auf rund 500 bezahlte Arbeitsstunden und 10.000 Euro.

1000 m² leerer Supermarkt, vier 60 m² Zelte, 844 Meter Kabel, 40 Lampen, 100 Stühle, 100 Bierbänke, 55 Tische – nicht überraschenderweise besetzte die Miete sowie Ausstattung der Location den größten Ausgabe-Posten.

Schon an zweiter Stelle folgten die Honorare und Fahrkosten für Workshopleiter*innen und Moderator*innen am Kongress – da hier ausschließlich aktive und ehemalige Sexworker als Teilnehmer*innen und Workshopleiter*innen anwesend waren, floß also ein beachtlicher Teil der Einnahmen zurück in die Community – an Sexarbeitende, die Kolleg*innen ihre Expertise zur Verfügung stellten.

Die Einnahmen beider Events ließen sich aus Kongress-Tickets, Messe-Eintritt sowie Sponsorengelder addieren und kamen auf 17.795 Euro.

Beinahe ein Viertel des Geldes kam dabei aus der Kasse der Deutschen Aidshilfe, welche drei Workshopleiter*innen, zwei Moderator*innen, sowie einen Zuschuss für die Raum- und Verpflegungskosten finanzierten.

 

Für die großzügige finanzielle Unterstützung von Kongress-Workshops sowie das Sponsoring von Freikarten für prekär arbeitende Kolleg*innen danken wir Autorin Anna Basener, dem Netzwerk Kritische Sexarbeitsforschung, den Erotikportalen berlinintim.de, erotikinsider.com, kaufmich.com, rotlicht.de, escort-advisor.com und escort-galerie.de, dem Serviceprovider zustellanschrift.de sowie der Online Marketing Agentur ImpulsQ.

Rund ein Drittel der Teilnehmer*innen am Kongress nahmen den ermäßigten Preis in Anspruch, ein Teil der Kolleg*innen konnte sich den solidarischen Eintrittpreis leisten. Fast 40% der Teilnehmer*innen konnten als Helfende oder mithilfe der gesponserten Umsonstticket kostenlos den Kongress besuchen.

Wir danken allen Teilnehmer*innen, Besucher*innen Workshopleiter*innen, Aussteller*innen und Mitarbeiter*innen für ihren Einsatz, ihr Interesse und ihr Engagement.

Rund 500 Arbeitsstunden wurden in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung von den BesD-Mitarbeiterinnen Charlie Hansen und Tamara Solidor gestemmt.

Ein besonderer Dank gilt auch WAM und seinem großartigen Team, mit der Fläming Kitchen haben sie den Kongress zu einem mehr als solidarischen Preis mit sehr gutem Essen versorgt.

Ein extra Dankeschön geht an die die unermüdlichen Helfer*innen und Unterstützer*innen, unsere Familien, unsere Partner*innen und die vielen BesD-Mitglieder die ehrenamtlich mit angepackt haben. Ohne die viele Unterstützung und gemeinsame Zusammenarbeit wären diese zwei großartigen Events überhaupt nicht möglich gewesen. Wir freuen uns riesig über euer tolles Feedback zu Kongress und Messe – und schmieden natürlich schon Pläne für nächstes Jahr …

TIPP: Auf unserem Facebook-Account unter @Sexarbeit, auf Twitter unter @SexworkID sowie auf der Homepage www.berufsverband-sexarbeit.de bleibt ihr über Aktionen, Veranstaltungen und Sexarbeit in den Medien auf dem Laufenden.

Dieser Beitrag stammt aus dem Blog von BesD-Mitglied Ruby, die im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Red Umbrella Struggles” als Sprecherin eingeladen war. Die Ausstellung ist noch bis 23. Juni diesen Jahres im Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg zu sehen. 

Vor einigen Monaten las ich im Forum des Berufsverbandes eine Anfrage, wo nach einer Referent*in gesucht wurde, die anlässlich einer Gruppenausstellung mit internationaler Beteiligung bereit wäre, einen Input zum Thema Sexarbeit zu geben.

Nach einem total interessanten Telefonat mit Herrn Blum, der für die Städtischen Museen in Oldenburg tätig ist, entschied ich mich dazu, teilzunehmen.

Ich hatte nur sehr nebelhafte Vorstellungen davon, was mich erwarten würde. Medienkunst, Installationen, kollaborative Arbeitsweise, die Verbindung von Sexarbeit und Kunst, das klang alles irgendwie spannend, mir fehlte aber komplett eine Idee, wie das gelingen könnte und ja, ich war auch skeptisch, ob das irgendwie hochtrabend oder überkandidelt sein würde.

Als ich gestern die Ausstellung vor der Veranstaltung besuchte, kam es ganz anders. Die Ausstellung macht mich stolz, stolz auf meine Arbeit, stolz auf die Hurenbewegung und stolz auf die Künstler*innen, die sich getraut haben, mal genauer hinzuschauen.

Die Arbeiten sind meist Kollaborationen zwischen SexWorkern und Künstler*innen. Petra Bauer, die Stipendiatin des Edith-Russ-Haus für Mendienkunst ist, hat mit SCOT-PEP, der schottischen Sexworkergewerkschaft eine Installation geschaffen. Über zwei Leinwänden hängt das wunderbare Banner von SCOT-PEP, also direkt vor der Nase von jedem Besucher der Ausstellung.

Das Banner ruft zur Einheit der SexWorker auf. Petra Bauer hat zwei Leinwände dazu gruppiert, auf der einen wird historisches Filmmaterial gezeigt: zum einen die Besetzung der Kirche 1975 in Lyon von 200 Sexarbeiterinnen von Carole Roussopoulos mit Les Prostituées de Lyon Parlent sowie der Film von Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, die die Sexarbeiterin Jeanne in ihrem Alltag zeigt.

Auf der anderen großen Leinwand zeigt die Schwedin Petra Bauer ihren Film WORKERS!, in dem Angehörige von SCOT-PEP einen Tag lang den schottischen Gewerkschaftskongress für ihre Arbeit nutzen. Die Aneignung dieses offiziellen Gebäudes macht sofort den Anspruch der Organisation klar, nämlich die Rechte von Sexarbeitenden auf Augenhöhe mit anderen Arbeiter*innen zu verteidigen. Manche Akteur*innen wollen unerkannt bleiben, andere schützen ihre Gesichter mit dem roten Regenschirm, manche zeigen sich der Kamera komplett. Petra Bauers Film ist sehr nah dran und schafft durch die Kameraführung das Gefühl, Teil der Versammlung zu sein.

Zwischen den beiden Leinwänden ist ein Seminartisch aufgestellt worden mit aktueller Literatur und Pads zur Hurenbewegung. Es lädt ein, sich an den Tisch zu setzen und ins Thema einzusteigen.

5 weitere Arbeiten werden in der Ausstellung gezeigt. Besonders spannend für mich war dabei der slowenische Künstler Tadej Pogačar, der 2001 auf der Biennale von Venedig einen Pavillon für den ersten Weltkongress der Sexarbeitenden nutzte, aus dem dann auch der RED UMBRELLA MARCH resultierte. Von diesem Zeitpunkt an war der rote Regenschirm fest als das Symbol unserer Bewegung installiert. Es folgten weitere Aktionen bis heute. Der Oberbegriff für diese Installationen ist CODE:RED, unter diesem Titel begann Tadej Pogačar 1999 sein partizipatorisches Langzeit-Projekt, das eine Art Plattform für Expert*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Sexarbeiter*innen darstellt. Es gab CODE:RED-Beiträge in Zagreb, Bangkok, Madrid und Sao Paolo. In Brasilien gab es die Aktion mit dem Modelabel DASPU, das eine Kollektion von Sexarbeitenden entwerfen und präsentieren ließ. Zusammengearbeitet hat Pogačar dort mit Davida, einer brasilianischen NGO, die sich mit den Rechten von Sexarbeitenden befasst.

Neben der spannenden Ausstellung hatten wir eine absolut anregende Diskussion. Doro von Phönix e.V. und ihre Kollegin und ich unterstützen den Rundgang durch die Ausstellung mit Einwürfen, Ergänzungen und Anmerkungen. Bei dem schon vorgestellten Werk von Petra Bauer kam mir natürlich gleich der Hurenkongress in den Sinn, wo wir ja auch ein etabliertes Gebäude zwei Tage lang für unsere Themen mit Beschlag belegten, und bei CODE:RED kam dann auch das Schwarmkunstprojekt STRICH:CODE:MOVE zu Wort. Wir haben uns mit den Veranstaltungsbesuchern über Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen unterhalten, über das allgegenwärtige Stigma, die Situation mit dem ProstSchG und unsere Vernetzung in der Bewegung.

Eine Dame warf manchmal stark aggressiv immer wieder Zitate von Alice Schwarzer ein, fragte mich, was den Sex für mich persönlich sei und wie ich es wagen könne, für Frischfleisch, Menschenhandel und die Frau als Ware ganz andere Sichtweisen und Perspektiven zu haben. Es ging also hoch her. Mich hat das Publikum begeistert, das sehr rege mitdiskutiert hat. Die Besucher*innen bleiben immer reflektiert, und interessiert. Sie wollten Zusammenhänge besser verstehen und konnten auch für Außenstehende schwierige Zusammenhänge gut aushalten.

Solche Veranstaltungen nutzen uns, glaube ich, viel mehr als irgendwelche Schlagzeilen in den Massenmedien. Es war ein grandioser Abend mitten in der norddeutschen Provinz und ich habe viele Anregungen für meinen eigenen Aktivismus mitgegangen. In diesen tristen Zeiten ein echter Lichtblick!

Danke an das Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das Team vor Ort und an die Kolleg*innen von Phönix e.V.

Beim Mitgliedertreffen des BesD im Herbst 2016 lernte ich Violett kennen. Witzigerweise leben und arbeiten wir beide in Leipzig und müssen bis nach Göttingen fahren, um uns kennenzulernen. Allein diese Tatsache schrie schon danach, endlich ein Sexarbeiter*innen-Treffen in Leipzig zu organisieren. Schon lange wünschte ich mir sowas, nachdem ich von Kolleg*innen aus anderen Städten viel Positives gehört hatte über diese ungezwungenen Treffen unter Sexarbeiter*innen.
Allerdings war ich im Jahr 2016 gerade nicht aktiv als Sexdienstleisterin und viel mit mir selbst beschäftigt. Auch Violett arbeitete viel, so dass wir nur in sehr großen Abständen miteinander Kontakt hatten. Wir sprachen aber das Thema Stammtisch immer wieder an und dass wir das doch endlich mal organisieren müssten …

2017 begann ich wieder als Independent Escort zu arbeiten, das ProstSchG trat in Kraft und so langsam bewegte sich in Sachsen und Leipzig etwas. Vom Gesundheitsamt Leipzig und weiteren Organisationen wurde der Arbeitskreis „Sexarbeit in Leipzig“ ins Leben gerufen. Da Violett und ich mit diesem spätestens seit letzten Sommer in engem Kontakt stehen, wurden wir dazu eingeladen und waren natürlich dabei. Das erste Treffen fand Ende Februar statt, wo auch jemand vom Verein „RosaLinde e. V.“ dabei war. Und wie das immer so ist … es werden vor Allem während der Pausen Kontakte geknüpft und so hatte Violett einfach mal gefragt, ob man nicht Räume von RosaLinde nutzen könnte, um ein Sexarbeiter*innen-Frühstück zu veranstalten.

Die Idee mit dem Frühstück war ihr zwischendurch gekommen. Wir hatten immer von einem Stammtisch gesprochen, der abends stattfindet, aber das ist für die meisten Kolleg*innen natürlich schwierig, weil sie abends arbeiten oder sich nach einem langen Tag ausruhen wollen. Außerdem finden Stammtische ja oft in Bars oder Kneipen statt und Violett hatte sich überlegt, ob das nicht abschreckend für Manche sein könnte, so in der Öffentlichkeit. Ich selbst hatte das Ganze nur am Rande mitbekommen, erhielt aber einige Zeit später eine Mail von RosaLinde. Man bat uns, sich doch dem Vereins-Plenum einmal vorzustellen und zu erklären, was wir vorhaben. Da musste ich nochmal bei Violett anrufen und nachfragen, was sie das eigentlich besprochen und gefragt hatte.

Der Verein RosaLinde e. V. ist toll – setzt sich für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*, Asexuelle und queere Menschen (LSBTIAQ*) in Leipzig ein und leistet seit seiner Gründung 1988/1990 Antidiskriminierungs- und Lobbyarbeit in diesem Bereich. Und so war unsere Vorstellung eigentlich eine reine Formsache, denn bei der Unterstützung einer weitreichend diskriminierten Gruppe, wie bei Sexdienstleister*innen war der Verein sofort dabei. Wir bekamen die Zusage, an einem Sonntag Vormittag im Monat endlich das erste Sexarbeiter*innen-Treffen in Leipzig abzuhalten.

Das Frühstück ist einfach ein offener Treff ausschließlich unter Kolleg*innen. Wir wollen uns über Alles austauschen, was uns mehr oder weniger unter den Nägeln brennt, über die Arbeit sprechen, über Schönes, Lustiges, aber auch Schwierigkeiten und Probleme können angesprochen werden. Violett und ich verstehen uns dabei auch als Sprachrohr, welches die Anliegen der sächsischen und Leipziger Sexarbeiter*innen in den neu gegründeten Arbeitskreis trägt. Auch können wir Infos zum ProstSchG und zum aktuellen Stand der Ausführung geben. Die Räume des RosaLinde e. V. bieten uns dafür einen geschützten Rahmen, indem wir komplett unter uns sind. Ort und Datum geben wir nur bei Anmeldung bekannt.

Das erste Frühstück hatten wir im Mai bereits. Es kam extra eine Kollegin aus dem Umkreis von Leipzig und wir hatten einen regen Austausch.
Ich freue mich schon riesig auf das nächste Frühstück mit hoffentlich noch einigen Kolleg*innen mehr.

Meldet euch einfach bei mir oder Victoria an.
Gruß,
Lydia


Infos und Kontakt:
Lydia: info@versuchung-lydia.de
Viktoria: 0176-32808941

Die behördliche Umsetzung des Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) ist nach wie vor ein einziges Desaster. Den Schaden haben die Sexarbeitenden. Wir vom BesD versuchen von Anfang an alle Problemlinien und Umsetzungsversuche im Rahmen des neuen Gesetzes zu sammeln. Und zwar nicht, weil wir dieses Gesetz für eine gelungene Idee halten, sondern weil wir nicht wortlos alles mit uns geschehen lassen wollen, was uns stigmatisiert, ausgrenzt oder sogar diskriminiert. Unsere Erfahrungen tragen wir in unserem geschlossenen Mitgliederforum zusammen. Dieses versteht sich als Informationspool, aber auch als unterstützendes Organ zur Selbsthilfe. Hier kannst du als Sexarbeiter*in Mitglied be uns werden.

Einer der Hauptgründe für das Behörden-Chaos ist, dass mit dem ProstSchG ein teures Bürokratiemonster geschaffen wurde, das sich kaum bändigen lässt. Die Probleme sind somit hausgemacht. Das ganze Gesetz bietet wenig Schutz aber viel Raum für Ärger für die in der Sexarbeit tätigen Menschen. Baustellen gibt es noch einige. Auch knapp ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes liegt noch keine Rechtsverordnung für die Betriebskonzepte vom Bund vor.

Ein weiterer Grund ist, dass es sich „nur“ um ein Bundesgesetz handelt, das in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich umgesetzt wird. Die Umsetzung wird an die unterschiedlichsten Behörden übertragen. Während die Gesundheitsberatung für Sexarbeitende nach § 10 ProstSchG meist von Gesundheitsbehörden durchgeführt wird, lässt sich für die Anmeldung von Sexarbeitenden nach §§ 3ff. ProstSchG und die Betriebserlaubnisse nach §§ 12ff. ProstSchG kaum eine einheitliche Struktur erkennen. Das kann zu großen Unsicherheitsfaktoren zum Nachteil von Sexarbeitenden führen. In Hamburg beispielsweise wurde eine eigene Behörde eingerichtet, die sich mit allen Belangen rund um das ProstSchG auseinandersetzt, in einigen anderen Bundesländern müssen sich Kolleg*innen im Gewerbe- oder Ordnungsamt anmelden. Dabei fallen auch eventuell anfallende Gebühren für die Zwangsregistrierung sehr unterschiedlich aus: Zum Beispiel sind in Hamburg, Baden-Württemberg, Brandenburg und Schleswig-Holstein die Beratungen für Sexarbeitende kostenlos, in anderen Bundesländern, wie Bayern, Niedersachsen und dem Saarland ist mit Gebühren von bis zu 100 EURO für die Registrierung zu rechnen. Diesen „Hurenausweis“ müssen auch männliche Sexarbeiter beantragen; für den Aliasausweis wird teilweise noch extra kassiert. Insbesondere der Entwurf einer Zuständigkeitsverordnung des Landes Sachsen-Anhalt (Seite 8 ff.) lässt sehr hohe Gebühren erwarten. Hier unsere Stellungnahme dazu.

Seit Monaten nehmen durch das „Schutzgesetz“ die Unsicherheitsmomente für Sexarbeitende stark zu. So werden beispielsweise Anmeldeversuchsbescheinigungen aus Berlin, wo das ProstSchG auch noch nicht regelrecht Anwendung findet, in anderen Bundesländern nicht akzeptiert und die betroffenen Berliner*innen in Bayern sogar zu Bußgeldern verdonnert. In Sachsen und Thüringen sind die Ausführungsgesetze noch nicht fertig; in Rheinland-Pfalz müssen sich die zuständigen Behörden noch mit ihrer neuen Aufgabe vertraut machen; in Baden-Württemberg ist die Anmeldung in einigen Städten schon möglich, allerdings ist die Finanzierung noch nicht geklärt und sehr provisorisch. In anderen Bundesländern sind die Kontrollen schon im vollen Gange, vielerorts machen sich Betrüger das Chaos zu Nutze und erheben als falsche Behördenmitarbeiter Phantasiebußgelder.

Hast Du auch schon schlechte Erfahrungen mit dem ProstSchG machen müssen? Wir haben für Dich unter http://www.beschwerdeformular-sexarbeit.de ein Beschwerdeformular eingerichtet. Wenn du Probleme mit dem ProstSchG erlebt hast kannst Du Dich bei uns, auch anonym, melden.

Über 1500 Einsatzkräfte für 50 Verdächtige, Ergebnis: 100 Festnahmen (Quelle: tagesschau.de)
Der größte Einsatz in der Geschichte der Bundespolizei.
Schon im letzen Jahr gab es eine Großrazzia im Berliner Bordell Artemis ohne nennenswerten Fahndungserfolg. Spätestens jetzt muss die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von derartigen Polizeieinsätzen gestellt werden. Stehen die Kosten und der Aufwand im Verhältnis zu den Ergebnissen? Oder geht es vielmehr um politisches Kettenrasseln?

Bezogen auf die Sexarbeit bewegen sich die Opferzahlen im Promillebereich. Somit ist Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung ein Randphänomen. Das sagen die Zahlen im Bundeslagebild des BKA aus.
Quelle: Bundeslagebild Menschenhandel BKA

Zwang und Ausbeutung sind schwerwiegende Straftaten, unabhängig davon in welcher Branche sie stattfinden. Für Betroffene aus dem Bereich Sexarbeit ist dies besonders schwierig, denn keine andere Branche ist so hoch stigmatisiert. Problematisch sind auch die fehlenden Rechte für Sexarbeitende.
Opferschutzverbände wie der kok fordern seit Jahren mehr Rechte für Opfer von Zwang und Ausbeutung – Repressive Gesetze zum Beispiel gegen Prostitution im Allgemeinen verschärfen die Situation der Betroffenen.
Der kok kritisiert die Fokussierung auf Prostitution/Sexarbeit beim Thema Menschenhandel. Damit wird verschleiert, dass Zwang und Ausbeutung in vielen Branchen stattfindet, unter anderem auch in deutschen Privathaushalten.
Quelle: kok Studie Menschenhandel

Für unseren Berufsverband gilt, dass Sexarbeit nur freiwillig erfolgen kann – alles andere sind Straftatbestände, die geahndet gehören. Als Freiwilligkeit definieren wir, wenn eine selbstständige Entscheidung für die Ausübung der Sexarbeit stattgefunden hat. Die Gründe dafür sind unerheblich, wichtig ist der eigene Wille.

Nachtrag vom 23. April 2018:

In Anbetracht der hessischen Antidiskiminierungsgesetzgebung, einer hessischen Antidiskriminierungsstelle und des hessischen Aktionsplans für Vielfalt ist es jedoch verwunderlich, dass von den transsexuellen Prostituierten in der Presseerklärung der Generalstaatsanwalt als Männer oder „den“ Transsexuellen gesprochen wird, um sie nicht als Frauen beschreiben zu müssen. In Thailand gibt es keine Personenstandsänderungsverfahren, wie in in der Bundesrepublik. Faktisch handelt es sich hier um Frauen mit männlichen Papieren. Deutsche Behörden sollten Fingerspitzengefühl im Umgang mit Minderheiten und Randgruppen im Rahmen ihrer Möglichkeiten beweisen, auch, weil sie beispielgebend sind. Wenn ein Sprecher einer Behörde von transsexuellen Frauen als Männern oder „den“ Transsexuellen spricht, was noch viel weniger ein regelrechter Personenstand ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn es für viele transsexuelle Frauen kaum Platz in der Mitte irgendeiner Gesellschaft gibt und diese stattdessen nicht selten ein Leben von Frauen in Armut und Isolation führen müssen und so leicht Opfer von Ausbeutung werden können.

KOK Policy Menschenhandel Flucht

Policy Paper »Flucht & Menschenhandel – Betroffene erkennen, unterstützen, schützen«

Der bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK e.V.) hat einen neuen Bericht über die Identifizierung von Opfern von Menschenhandel in Deutschland veröffentlicht. Hintergrund für diesen Bericht ist die Beobachtung, dass in den letzten drei Jahren die Zahl der Asylsuchenden in Europa stark angestiegen ist. Laut dem Bericht wurden in 2016 in Deutschland 745.545 Asylanträge gestellt, davon 34,3% von Frauen. Es wird auf Reportagen von der UNO hingewiesen, die berichten, dass viele Menschen auf der Flucht oft ausbeuterischen Situationen ausgesetzt und von Menschenhandel betroffen sind, jedoch bleibt die Identifizierung und Unterstützung der Betroffenen eine große Herausforderung. Hauptursachen hierfür wären eine fehlende Sensibilisierung der behördlichen Mitarbeiter*innen im Asylverfahren und ein Mangel an Wissen unter den Betroffenen über ihre Rechte in Deutschland.

Es wurden mehrere Interviews mit Mitarbeitenden bei verschiedenen KOK-Beratungsstellen für Opfer von Menschenhandel geführt, um herauszufinden, aus welchen Ländern die meisten Ratsuchenden kommen und welche Erfahrungen geschildert werden. Ein interessantes Ergebnis der Interviews ist, dass die Herkunftsländer der meisten Ratsuchenden zum Thema Menschenhandel in den Beratungsstellen sich nicht mit der Statistik vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu den Hauptherkunftsländern der Geflüchteten deckt. Laut dem BAMF sind Geflüchteten aus den drei Hauptherkunftstländern Syrien, Afghanistan und Irak häufig vor, während und nach der Flucht ausbeuterischen Situationen ausgesetzt, unter anderem sexueller Ausbeutung. Die Beratungsstellen berichteten hingegen, dass die meisten Fällen von sexueller Ausbeutung aus westafrikanischen Ländern, wie z.B. Nigeria kommen. Alle befragten Beratungsstellen berichteten von einem Anstieg der Fälle sexueller Ausbeutung seit 2015. Es werden dann Gründe präsentiert, wieso viel weniger Opfer von Menschenhandel aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak als aus Nigeria nach Hilfe gegen sexuelle Ausbeutung suchen und wie diese besser erreicht werden können.

Ein Grund, der ausführlich beschrieben wird, ist die fehlenden Informationen bei Betroffenen über ihre Rechte. Die meisten Asylsuchenden verfügen zum größten Teil nicht über ausreichendes Wissen zu ihren rechtlichen Möglichkeiten in Deutschland, obwohl nach den Bestimmungen der EU-Asylverfahrensrichtlinie, Geflüchtete einen Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung während des gesamten Asylverfahrens haben. Wenn Betroffenen nicht mal bewusst ist, dass sie rechtlich gegen ihre Ausbeuter vorgehen können, erzählen sie oft nicht von ihren Erfahrungen. Im Paper wird auch betont, dass viele aus Scham oder Verunsicherung ihre Fluchtgründe weder vor den Behörden noch vor den Sozialberater*innen offenlegen wollen. Was nicht im Paper behandelt wird und was für eine Folgestudie eventuell interessant wäre, ist die Frage, wie es kommt, dass Betroffene aus westafrikanischen Ländern eher als Betroffene aus anderen Ländern dazu neigen von ihrer sexuellen Ausbeutung zu erzählen. Vielleicht könnte aus einer Untersuchung dieser Tatsache etwas über die unterschiedliche Wahrnehmung und Erfahrung des Asylverfahrens verschiedener Herkunftsgruppen gelernt werden.

Zum Schluss werden sinnvolle (aber nicht unbedingt neuartige) Handlungsempfehlungen vorgeschlagen:
Die Betroffenen müssten irgendwie besser über ihre Rechte in Deutschland aufgeklärt werden, damit sie auf die Idee kommen eine Beratung in Anspruch zu nehmen.
Asylberater/innen müssten mehr sensibilisiert werden um Betroffene besser identifizieren zu können.
Die Vernetzung von Beratungsstellen und Flüchtlingsheime müsste verbessert werden.
Verkürzte Asylverfahren sollten nicht zu Lasten einer gerechten Anhörung gehen. Betroffene sollten auch bei einem beschleunigten Verfahren genug Ruhe und Zeit haben um „erlittene Menschenrechtsverletzungen als Asylgründe vorbringen zu können.“

Interessant sind die Nachteile eines beschleunigten Asylverfahrens, die im letzten Teil des Papers betont werden. Es wird sonst oft über die (zu) langen Asylverfahren berichtet, die Asylsuchende in eine aussichtslose Warteschleife ohne klaren Aufenthaltsstatus zwingen. Ein verkürztes Asylverfahren sollte dann eigentlich im Sinne der Asylbewerber*innen sein, aber wie im Paper ausgeführt wird, kann ein voreiliges Verfahren sogar Nachteile für Betroffene von Menschenhandel bringen.

Der BesD befürwortet eine bessere Unterstützung von Betroffenen von Menschenhandel zur Arbeits- oder sexuellen Ausbeutung und erkennt die Wichtigkeit der Wissensverbreitung bei den Betroffenen an. Wir fordern konkrete und hilfreiche Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, anstelle von diskriminierenden Gesetzen zur Eindämmung der Sexarbeit.