Sehr geehrte Damen und Herren,

ein renommiertes Unternehmen wie Ihres, das Events rund um politische Bildung veranstaltet, hat bestimmt auch immer wieder kontroverse Gäste. Ich vermute aber, dass Sie einige aus guten Gründen trotzdem nicht zulassen würden, wie zum Beispiel die AfD.

Umso mehr verwundert mich die Veranstaltung die am kommenden Wochenende bei Ihnen stattfindet – die „Tagung der abolitionistischen Personen, Vereine und Parteien Deutschland 2020“. 

Bei dem Wort Abolitionismus denken Sie sicher zunächst an die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und Befreiung von People of Color in den USA. Die bei Ihnen tagenden „Abolitionist*Innen“ haben sich hingegen die „Befreiung“ von allen in der Prostitution arbeitenden Frauen auf die Fahne geschrieben – ihnen geht es um die (vermeintliche) Abschaffung der Prostitution. Hier handelt es sich nicht nur um eine anmaßende Aneignung eines Begriffs , sondern auch um übelstes Schubladen-Denken, das alle Prostituierte aus ihrer Tätigkeit „retten“ will, ob sie wollen oder nicht.

Ich gehe mal davon aus, dass Sie nur den „Schutz“-Gedanken dieser Vereinigung auf dem Schirm haben – nichtsahnend, dass hinter den sogenannten „abolitionistischen“ Forderungen in Wahrheit eine komplett abwertende Einstellung zu Bereichen der Sexualität steckt. Es stimmt: Vordergründig möchten diese Menschen Prostituierten aus gegebenenfalls prekären Situationen helfen. Das ist erst mal sehr löblich.

Doch statt die Rechte von Betroffenen zu stärken, fordern sie „eine Welt ohne Prostitution“ und wollen in Deutschland ein Sexkaufverbot einführen. Und das jeglichen Erkenntnissen von Beratungsstellen und Sozialarbeiter*innen zum Trotz.

Ich selber bin Betroffene, ich bin freischaffende Künstlerin und Prostituierte. Ich möchte beide meiner Berufe weiterhin in der Legalität ausüben können. Dazu gehört nicht nur das Musizieren bzw. Sexarbeit sondern gegebenenfalls auch die Möglichkeit, offizielle Konzertsäle bzw. Bordelle benützen zu können! Sicher kann ich heimlich und illegal musizieren oder sexuelle Dienstleistungen einfach auf der Straße anbieten, aber meine Lebens-Qualität, Sicherheit und meine Rechte leiden dann erheblich – das stellt keine Alternative dar.

Das sogenannte Schwedische oder Nordische Modell, das an diesem Wochenende unter Ihrem Dach beklatscht wird, hilft keinem, außer dem „Gewissen“ der Moralapostel.

Die Erfolge des Sexkaufverbots in Schweden sind sehr fraglich, nicht ausreichend wissenschaftlich belegt und stehen auch nicht in Übereinstimmung mit den Berichten von Menschen, die in Schweden in der Sexarbeit tätig waren oder sind.

Dass die vermeintlichen „Retter*innen“ von (marginalisierten) Prostituierten im Falle eines wirklich eintretenden Arbeitsverbots für diese nicht viel mehr als leere Worte haben,  haben wir ja jetzt in der Corona Krise mitbekommen. 

Es wurde sich von diesen Stellen nicht ein Deut um Sexarbeiter*innen gekümmert die, aus welchen Gründen auch immer, durch das soziale Raster gefallen sind. Wir vom Berufsverband BesD e.V. hingegen haben einen Hilfsfond ins Leben gerufen der, einzig finanziert aus Spendengeldern, an den 400 Menschen aus der Sexarbeit in dieser schweren Zeit aus der Bredouille geholfen hat. Mich würde interessieren, ob die Redner*innen bei dem Kongress etwas zur Unterstützung und Hilfe von Menschen vorbereitet haben, zum Beispiel jenen, die in der Sexarbeit sind aber gerne umsteigen würden. Umschulungsprogramme für Prostituierte gibt es leider immer noch viel zu wenige –  hier wären vielleicht auch mal die Arbeitsämter gefragt!

Die angeprangerten Straftaten, die oft mit dem Sexarbeits-Gewerbe in Zusammenhang gebracht werden, sind bereits jetzt schon juristisch belangbar und bedürfen keinerlei weiterer Gesetze. Als da wären: Menschenhandel, Abhängigkeiten, Ausbeutung, miserable Unterbringungsmöglichkeiten etc. Weitere Straftaten, die oft in Zusammenhang mit Prostitution genannt werden, wie Zuhälterei, Vergewaltigung, Nötigung etc. sind ebenso verfolg- und strafbar.

Sämtliche Fachstellen für Migration, Menschenrechte, Ausländerrecht etc warnen vor Einschränkungen und Verboten der Branche.

Nur in der Legalität kann gegen prekäre Missstände vorgegangen werden. Siehe auch das Beispiel der Tönnies Schlachtereien in Gütersloh dieses Frühjahr! Übrigens: Schaut man sich die offiziellen Statistiken des Bundeskriminalamt (BKA) an, so haben alle diese Verbrechen seit der endgültigen Legalisierung der Prostitution im Jahre 2002 kontinuierlich abgenommen, in den letzten 5 Jahren haben sie sich sogar halbiert! Zuhälter sind so gut wie ausgestorben – braucht kein Mensch mehr, da man sich ja nun ganz legal in entsprechende Etablissements einmieten kann.

Kein Mensch darf wegen seiner Sexualität ausgegrenzt oder verfolgt werden.

Das war auch bei den homosexuellen & queeren Menschen so, die lange Zeit auch stigmatisiert und in die Illegalität getrieben wurden, zum Teil sogar verfolgt, bestraft und sogar getötet worden sind. Deutschland hat sich davon zum Glück losgesagt, in Polen und Ungarn geht man gerade wieder tausend Schritte zurück ins Mittelalter, was hierzulande mit Ächtung gestraft wird und sogar bei der Politik angekommen ist. Hoffen wir, dass sich die LGTBQ-Bewegung auch dort durchsetzt.

Das sehen nicht nur ich und meine Kolleg*inen vom BesD e.V. so, sondern auch folgende Institutionen:

Deutsche Aidshilfe e.V.
Deutscher Frauenrat e.V.
Deutscher Juristinnenbund e.V
Diakonie Deutschland
Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V.
Dortmunder Mitternachtsmission e.V. Beratungsstelle fr Prostituierte, Ehemalige und Opfer von Menschenhandel
contra e.V. Kiel Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein
Die SPD Schleswig Holstein
Die CDU Nordrhein-Westfalen hat soeben einen offiziellen Antrag eingereicht GEGEN dieses Modell des Sexkaufverbotes
Amnesty International
Menschenhandel-Heute,
Der bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel
uvm.

Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehle ich Ihnen meinen gut recherchierten Blogbeitrag mit den entsprechenden Links zu den oben genannten Mitstreiter*innen.

Mit freundlichen Grüßen

Mechthild HEXENGEIGE Janda alias MadameKALI


Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein persönliches Anschreiben der Sexarbeiterin Madame Kali an das Stresemann-Institut in Bonn, anlässlich der Tagung des „Bündnis Nordisches Modell“ am 26./27. September 2020. 

Datum: 25.09. + 26.09.2020
Check-In: Jeweils ab 18 Uhr
Veranstaltungsbeginn: 19 Uhr (Einlass jederzeit möglich)
Veranstaltungsort: Kampnagel
Adresse: Jarrestraße 20, 22303 Hamburg-Winterhude
Preis: 12 Euro (Tickets sind hier noch verfügbar)
PROGRAMM-FLYER

Das Thema des diesmal im Hamburg stattfindenden „Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ lautet: „Coronäische Zeiten – über Zustände, Strategien und Körper in der Krise“. Die BesD-Vorständin, ehemalige Sexarbeiterin und TAMPEP-Vorsitzende Susanne Bleier-Wilp wurde zum diesjährigen „Markt“ in Hamburg als Expertin eingeladen.

Nach wie vor gibt es aufgrund von Corona teilweise ein Berufsverbot für Sexarbeiter*innen, das auch Escort und erotische Massagen betrifft. Obwohl schon früh Hygienekonzepte entwickelt wurden, wird Sexworker*innen nachgesagt „Superspreader“ zu sein – und erst recht seien sie nicht systemrelevant. Am Wochenende stellt sich Bleier-Wilp den Fragen der Besucher*Innen und teilt die Sorgen und Strategien der internationalen, heterogenen Sexwork-Community.

Bei der von der Mobilen Akademie Berlin organisierten Veranstaltung  bieten bis zu 100 vorrangig lokale Expert*innen aus verschiedenen Bereichen und Disziplinen ihr Wissen in 30-minütigen Vieraugengesprächen an Einzeltischen an. Das Publikum kann entweder Dialoge mit den Expert*innen führen oder per sogenanntem „Markt-Radio“ über Kopfhörer in ausgewählte Gesprächen hineinhören .

Zwischen intimer Unterhaltung und konzentriertem Austausch einerseits und öffentlicher Unterhaltung andererseits, soll so ein gemeinsamer Diskurs- oder Kommunikationsraum entstehen, in dem Lernen und Verlernen, Wissen und Nicht-Wissen, auf nicht-institutionellem Weg ihren Besitzer wechseln.

Am besten drückt es der Satz von Oswald Wiener aus, der über jedem der Märkte auf einem Transparent zu sehen ist: Erst wie ich hörte wie du mich verstehst, wusste ich, was ich gesagt habe. 

Unter dem Künstlernamen Ron Hades bin ich seit knapp drei Jahren in der Sexindustrie tätig. Mein Schwerpunkt liegt im Bereich Dominanz und Bondage – ich bezeichne mich selbst als „Sensual Sadist“ und „Meditative Bondage Master“.

Ich bin auf den erotischen Einsatz von Seilen, insbesondere Shibari, spezialisiert. Sadismus und Intimität gehen für mich dabei Hand in Hand.

Die meisten Menschen, die meine Zeit buchen, wollen eine etwas andere Art der Intimität erleben oder kennenlernen, die über die „klassische“ Sexualität hinausgeht. Bei sinnlicher Dominanz kann es um vieles gehen – zum Beispiel darum Sinne zu intensivieren, Demütigung zu erfahren, Kontrolle abzugeben, körperliche Überwältigung, Dirty Talk, …

Solche BDSM-Sessions sind für mich persönlich nicht nur beruflich sondern auch privat ein fester Bestandteil meiner Sexualität und ausschlaggebend dafür, dass ich mich wohl und entspannt fühle.

Als Corona kam und ich plötzlich nicht mehr arbeiten konnte, war das deshalb nicht nur finanziell ein Schlag für mich.

„Dank“ rassistischer Vorurteile traf mich die Flaute unglücklicherweise sogar ein wenig früher als meine Kolleg*Innen – ich habe asiatische Wurzeln und bekanntlich hatte das neue Virus in China seinen Ursprung. Die letzten Monaten waren schwer, die staatlichen Hilfen reichten gerade zum Überleben.

Am 08.08.2020 traten in Berlin die Corona-Lockerungen in Kraft – das BDSM-Studio in dem ich mich einmiete, durfte seine Türen wieder öffnen und ich durfte endlich wieder arbeiten.

Erlaubt waren und sind derzeit „erotische Dienstleistungen mit Happy End“ – aber „ohne Geschlechtsverkehr und Gesichtsnähe“! Eine ungewohnte Situation.

In den Sessions mit meinen Gästen hatte ich zwar nur selten „normalen“ Sex, aber bisher jede Menge körperliche Nähe. Wie meine Kolleginnen und Kollegen musste ich mir nun also überlegen, ob und wie meine Arbeit im Rahmen des Hygienekonzepts stattfinden kann.

Ehrlich gesagt war ich anfangs sehr skeptisch. Kann hier noch eine erotische Stimmung aufkommen, mit Abstand halten und Mund-Nasen-Schutz?

Nach über einem Monat Wieder-Arbeiten kann ich sagen: Das ist nicht nur „machbar“ – es funktioniert sogar richtig gut! Kurz nachdem ich wieder Werbung schalten durfte, kamen die ersten Gäste auf mich zu – ein Pärchen. Wir besprachen die neuen Regeln und wie sich die Session dadurch verändern würde.

Klar war das ein wenig komplizierter als gewohnt, aber nicht halb so störend, wie ich gefürchtet hatte.

Während der zweistündigen Session trugen wir alle drei Masken. Meine Gäste tragen darüber hinaus meistens Augenbinden, sehr nützlich, um die Sinne für andere Empfindungen zu schärfen! Natürlich, wenn ich jemand fessele, muss ich ihn oder sie anfassen und körperlich nah kommen. Aber da ich meistens von hinten fessele, ist trotzdem Abstand zwischen unseren Gesichtern. Die Sache mit dem Abstand war kein Problem – bei meinem letzten Haarschnitt war ich meinem Friseur näher!

Auf das Feedback meiner Gäste nach der ersten Session „inklusive Schutzmaßnahmen“ war ich besonders gespannt.

Ich fühlte mich wohl und war glücklich, wieder loslegen zu können – aber wie haben meine Gäste die neuen Regeln empfunden?

Die Frau sagte: „Ich könnte wirklich spüren, dass du von am Anfang bis Ende bei mir warst – trotz Abstand. Ich fühlte mich trotzdem umarmt von dir und von meinem Freund, umarmt durch die Seile.“

Ihr Freund legte nach: „Ich konnte mich noch nie so entspannen. Und ich fühle mich gerade meiner Freundin noch näher, obwohl auch wir Abstand zwischen uns hatten. So wie sie gesagt hat, du warst die ganze Zeit bei uns, ohne uns anzufassen. Das war sehr beeindruckend.“

Ich würde sagen: Job accomplished.

Ich freue mich natürlich, wieder arbeiten zu können. Aber ich finde es nach wie vor schlimm, wie viele Vorurteile gegen Sexworker in der Pandemie wieder hervorgeholt wurden. Spätestens als die Friseur und Tattoo Studios auf gemacht haben und Online Dating Apps wieder erlaubt waren, machte das Arbeitsverbot für Sexworker keinen Sinn mehr.

Nachdem ich jetzt schon über ein Monat wieder arbeiten darf, weiß ich, dass ich die Bedürfnisse meiner Gäste trotz Maske, Abstand und Hygienekonzept erfüllen kann.

Und das ist ein wunderbares Gefühl.


Dieser Text stammt von Ron Hades, Dominus und Bondage Meditation Instructor. Er empfängt seine Gäste im Berliner Studio Lux . Hier geht es zu seiner Website ronhades.com .

„Machst du das eigentlich freiwillig?
Also… kann man so etwas überhaupt selbstbestimmt tun?“

Von Prostitution wird erwartet, was kein anderer Job leisten kann: zwanglos und selbstbestimmt zu sein.

Bei keinem Job wird die Frage nach der Freiwilligkeit so hitzig diskutiert wie bei der Sexarbeit. Sie ist die Gretchenfrage der Prostitution. Sie begleitet so ziemlich jede Debatte darüber. Bezahlter Missbrauch, klagen die einen. Alles picobello und freiwillig, entgegnen die anderen. Die Logik dahinter: Es kann nur erlaubt sein, was komplett selbstbestimmt ist. Und was erzwungen ist, gehört schleunigst verboten. Doch so einfach ist es nicht. Denn je genauer wir uns die Sache anschauen, desto verästelter und verworrener wird sie.

Die Freiwilligkeitsdebatte ist eine Falle.

Schon die Frage ist falsch gestellt. Wenn es darum geht, die Lebensbedingungen von Sexarbeitenden zu verbessern, hilft sie uns kaum weiter. Außerdem gerät in den Debatten auch inhaltlich einiges durcheinander. Denn es gibt (mindestens) vier Formen von Zwang, die die Debatte um Prostitution prägen. Lasst sie uns der Reihe nach durchgehen.

Behauptung 1: “Prostitution = Menschenhandel”

Reden wir zuerst über die offensichtlichste Form des Zwangs, den Menschenhandel. Es ist wahr: Menschen aus armen Ländern werden unter falschen Versprechungen in Industrienationen verschleppt, wo sie dann unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten — auch in Deutschland.

Mit einvernehmlicher Sexarbeit hat das nichts zu tun. Hier geht es um Gewalt und organisierte Kriminalität.

Zoll und Polizei verfolgen den Menschenhandel bereits heute als Straftat. Die Fälle finden sich übrigens nicht nur im Rotlichtmilieu, sondern beispielsweise auch in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder in der Kosmetikbranche. Niemand würde deswegen auf die Idee kommen, sämtliche Baustellen oder Nagelstudios zu schließen — oder deren Kund:innen zu bestrafen. Fakt ist: Ein Prostitutionsverbot hilft im Kampf gegen den Menschenhandel kein bisschen weiter, ganz im Gegenteil. Um Zwangsarbeit effektiv aufdecken und verfolgen zu können, ist es wichtig, dass Prostitution offen abläuft und nicht in die Illegalität abgedrängt wird.

Ein Prostitutionsverbot hilft im Kampf gegen den Menschenhandel nicht weiter.

Wer über Menschenhandel spricht, darf von Rassismus nicht schweigen. Schließlich sind es strukturelle Ursachen, die das Problem überhaupt erst ermöglichen: das globale Wohlstandsgefälle und die Grenzregimes der Industrieländer. Viele Migrant:innen machen sich auf den Weg in reichere Länder, um einer existenzbedrohenden Armut zu entkommen. In die Fänge der Menschenschmuggler geraten sie auch deshalb, weil es an legalen Routen mangelt. Ein isolierter Vorstoß gegen den Menschenhandel wird dieses Grundübel nicht lösen.

Das zeigt sich am Beispiel Großbritannien: Dort haben Behörden 2018 über 500 Menschenhandelsopfer nach ihrer Befreiung in Lager interniert und abgeschoben. Bei staatlichen Vorstößen gegen den Menschenhandel sollten wir uns stets fragen, in welche Verhältnisse die Betroffenen da “hineingerettet” werden.

Was nach einem Kampf gegen Menschenhandel aussieht, ist tatsächlich oft ein Kampf gegen Migrant:innen.

Auf die Migrationsfrage haben auch die Gegner:innen der Prostitution keine gute Antwort. Einige von ihnen bedienen sich sogar selbst einer rassistischen Rhetorik. Wie man den migrantischen Prostituieren helfen könnte, die oft nicht mal ein Dach über dem Kopf hätten? “Die sollen gar nicht erst kommen”, entgegnete die Aktivistin Sabine Constabel 2017 bei einer Diskussionsrunde.

Einen völlig anderen Ansatz haben nicht-staatliche Initiativen, die sich gegen Menschenhandel engagieren, beispielsweise Ban Ying. Die Beratungsstelle setzt sich seit Jahrzehnten für die Betroffenen ein — und wehrt sich gegen die Idee, ein Sexkaufverbot könnte deren Situation in irgendeiner Weise verbessern. Stattdessen betont Ban Ying: Jeder Mensch hat das Recht, zu migrieren — und verdient kostenfreie und niedrigschwellige Unterstützung, wenn es darum geht, der Ausbeutung zu entkommen.

Viele Anti-Prostitutions-Kampagnen ziehen bewusst keine klare Grenze zwischen Menschenhandel und Sexarbeit.

Unter dem Deckmantel des Kampfs gegen den Menschenhandel versuchen sie, auch die einvernehmliche Prostitution zurück zu drängen. Die Folgen können fatal sein. Paradebeispiel ist das SESTA/FOSTA-Gesetzpaket, das der US-Kongress 2018 verabschiedete. Vorgeblich sollte es den Menschenhandel eindämmen. Dazu sollten Websites stärker für die Inhalte ihrer User haften und für illegale Handlungen auf ihren Portalen zur Rechenschaft gezogen werden. Dienste wie Reddit oder Skype änderten daraufhin ihre Regeln und verbannten Sexarbeitende von ihren Servern. Der Kleinanzeigendienst Backpage, den viele Escorts zur Kundengewinnung nutzten, musste gar komplett schließen. Nur: gegen Menschenhandel hilft SESTA/FOSTA keineswegs. Stattdessen treibt das Gesetz viele Sexarbeitende in riskantere Arbeitsumfelder und gefährdet so die Existenzen von Sexarbeitenden — auch außerhalb der USA.

Behauptung 2: “Prostituierte sind Traumaopfer”

Oft geht es in der Debatte aber um eine andere Form von Unfreiwilligkeit — nämlich um innere Zwänge. Viele Prostituierte hätten in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren oder würden an psychischen Störungen leiden, wird häufig beklagt. Niemand weiß, wie hoch die Zahlen tatsächlich sind. „Über 90 Prozent“ heißt es oft — belastbare Quellen dafür gibt es keine.

Aber selbst wenn es so sein sollte: Was genau folgt daraus eigentlich? Dass man ihnen ihre Selbstbestimmung absprechen darf? Dass ihre Stimme nicht gehört werden muss, weil stets nur der Täter aus ihnen spricht? Dass man ihnen einreden kann, sie würden sich schaden, ohne es selbst zu wissen? Dass man küchenpsychologische Spekulationen auf ihnen abladen, von “re-inszeniertem Trauma” faseln darf? Dass man ihren Beruf entrechten, stigmatisieren und gefährlicher machen darf — wie unter dem „Nordischen Modell“ in anderen Ländern bereits geschehen?

Auch Menschen mit traumatischen Erfahrungen können selbstbestimmt handeln.

Es ist übrigens kein Zufall, dass Rotlicht und Psychiatrie so häufig vermengt werden. Über den Lauf der Geschichte wurden Huren immer wieder für geisteskrank erklärt, in Karteien erfasst oder in Anstalten gesperrt. Sexarbeitende und Menschen mit psychischen Störungen eint ihr soziales Stigma. Für beide gilt, dass mehr über sie als mit ihnen geredet wird. Ihnen wird oft abgesprochen, eigenständig handelnde Subjekte zu sein. Andere behaupten, besser über sie Bescheid zu wissen als sie selbst. Personen als verrückt abzustempeln, ist eine beliebte Technik, um sie als fremdbestimmt zu brandmarken — also als Menschen, die nicht wissen, was sie tun, deren Stimme man getrost übergehen kann.

Auf diese Weise stigmatisiert man Prostitution und psychisches Leid gleichermaßen.

Ein Drittel aller Deutschen litt in den vergangenen 12 Monaten an mindestens einer psychischen Erkrankung. Armut ist ein Risikofaktor. In einem häufig prekären Sektor wie der Prostitution dürften also tatsächlich viele Menschen ein Trauma durchlebt haben oder unter psychischen Problemen leiden. Wer ihnen wirklich helfen will, muss aber zuerst aufhören, sie zu bevormunden — und anfangen, ihnen zuzuhören. Sie fragen, was sie wirklich brauchen. Ihre Rechte stärken. Ihre Arbeitsbedingungen verbessern. Hilfsangebote ausbauen.

Übrigens: Auch in anderen Berufsfeldern ist die Rate an Menschen mit psychischen Erkrankungen alarmierend hoch.

Das betrifft selbst ökonomisch bessergestellte Jobs — beispielsweise im Schulwesen. Rund 30 Prozent aller Lehrkräfte sind von Burnout und psychischen Erkrankungen bedroht, heißt es in einem Gutachten des Aktionsrates Bildung. Psychische Erkrankungen sind für einen großen Teil der vielen Frühpensionierungen verantwortlich. Dennoch würde niemand ernsthaft fordern, Schulen zu schließen oder das Erziehungswesen abzuschaffen.

Behauptung 3: “Es ist bezahlter Missbrauch”

Hier noch eine dritte Variante des Unfreiwilligkeits-Vorwurfs: Manche behaupten, Prostitution sei stets Vergewaltigung gegen Entgelt. Es sei Zwang, weil sich Kunden ja beliebig an einer Prostituierten ausleben dürften. Das ist Unsinn. Eine Sexarbeiterin gibt ihre körperliche Selbstbestimmung nicht an der Türschwelle ab. Auch bei einem bezahlten Date ist klar geregelt, was geht und was nicht. Die Behauptung vom „Stück Fleisch“, mit dem man gegen Geld alles machen kann, ist ein entwürdigender Mythos.

Prostitution bedeutet nicht, die sexuelle Selbstbestimmung an der Türschwelle abzugeben.

Das Gegenteil ist der Fall. Auch im niedrigpreisigen Bereich ist klar geregelt, was beim Sex erlaubt ist und was nicht. Beispiel: Blasen nur mit Gummi, Anal nein, Küssen nur bei Sympathie. Die Grenzen und Tabus sind bei bezahlten Sextreffen viel strenger gezogen als bei einem durchschnittlichen Tinder-Date. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem zu Grenzübertretungen kommt, zu Übergriffen und sexualisierter Gewalt.

Um möglichst sichere Arbeitsbedingungen zu schaffen, ist es unverzichtbar, dass die Arbeit in einem legalen Rahmen stattfindet.

So können die Betroffenen am besten ihre eigenen Grenzen einfordern, Risiken minimieren, Gewalttaten anzeigen. Sexarbeitende haben mit den Jahren raffinierte Techniken entwickelt, um ihre eigene Arbeit sicherer zu gestalten. Doch ein Sexkaufverbot erschwert es ihnen, diese Methoden auch anzuwenden:

Anders gesagt: Viele Sexworker sind tatsächlich einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, Opfer von Gewalttaten zu werden. Mit einem Sexkaufverbot verschwinden diese Zwänge aber nicht — ganz im Gegenteil, sie werden sogar mehr.

Verbote sind hier nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.

Je mehr Kriminalisierung, desto weniger Möglichkeiten zur Risikoreduktion, desto mehr Übergriffe. Wenn plötzlich jedes Sexwork-Date als “bezahlter Missbrauch” gilt, erschwert das den Arbeitenden, die wirklichen Gewalttaten abzuwehren oder anzuzeigen.

Behauptung 4: “Armut zwingt sie auf den Strich”

Schlussendlich gibt es da noch eine vierte Quelle von Unfreiwilligkeit — nämlich den ökonomischen, den strukturellen Zwang. „Kein Kind träumt davon, später einmal Hure zu werden“, heißt es oft. In vielen Fällen mag das stimmen. Bei Sexarbeit geht es eher selten um berufliche Erfüllung. Viele tun es (was ihnen perfiderweise von gekränkten Männern gern vorgehalten wird) vor allem des Geldes wegen. Na und? Die Mär von der Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit ist ohnehin ein neoliberaler Mythos. Wer hat schon als Kind davon geträumt, ein Dasein als Verwaltungsfachangestellte, Putzkraft oder Versicherungsmaklerin zu fristen?

Die meisten Sexworker tun es des Geldes wegen — wie in jedem anderen Job auch.

Auch jenseits der Sexarbeit gilt: Es ist der wirtschaftliche Zwang, der uns dazu treibt, Jobs zu verrichten, die wir unbezahlt kaum tun würden. Man muss das nicht gut finden. Man sollte es aber auch nicht denjenigen anlasten, die das alles auszubaden haben. Ein Dach überm Kopf, ein Döner im Magen und ab und zu ins Kino: Das alles kostet. Wer nicht gerade geerbt oder im Lotto gewonnen hat, wird diesem Diktat nicht so einfach entkommen — egal in welchem Job.

Wir können diese Gesellschaftsordnung kritisieren, bekämpfen, für eine andere Welt auf die Barrikaden steigen. Gleichzeitig müssen wir aber auch die bestehenden Realitäten anerkennen.

Insofern: Natürlich ist Sexarbeit nicht in dem Sinne freiwillig, wie wir uns an der Eistheke zwischen Himbeer und Salzkaramell entscheiden. Doch welche Arbeit ist das schon? Prostitution operiert in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld, in dem zahlreiche Zwänge aufeinanderprallen, allen voran die Pflicht zum Geldverdienen. Deswegen halte ich es für eine schlechte Idee, Sexarbeit als fröhlich-unbekümmerte Form der Selbstverwirklichung abzufeiern.

Andererseits: Auch Sexarbeit ermöglicht es Menschen, sich in einer von Zwängen durchzogenen Welt ein bisschen Handlungsmacht zurück zu erobern.

Sofort Cash auf die Hand, und das ohne Berufsausbildung oder größere Investitionen — in welcher anderen Branche geht das bitteschön? Sicher, der Preis dafür ist hoch: Stigma, Risiko, anstrengende Kunden. Es gibt gute Gründe, kein Sexworker zu werden. Es gibt aber auch gute Gründe dafür. Die Wahl sei jedem selbst überlassen. Natürlich ist der Entscheidungskorridor für manche viel schmaler bemessen als für andere.

Armut, rassistische oder sexistische Marginalisierung, fehlende Papiere — all das schränkt die persönliche Wahlfreiheit drastisch ein.

“Je ärmer du bist in der Sexarbeit, desto weniger kannst du dir deine Kunden aussuchen”, erklärt die britische Bloggerin Grace Sumner, die früher auf dem Straßenstrich arbeitete. Gleichzeitig betont sie: “Sexarbeit ist eine Entscheidung, selbst wenn die Umstände desolat sind.” Es muss darum gehen, Armut zu bekämpfen — und nicht deren Folgeerscheinungen. Denn ein Sexkaufverbot würde die Wahlmöglichkeiten gerade für die Ärmsten der Armen nur noch weiter beschränken.

“Wenn du sie retten willst, solltest du sie direkt für deine Organisation arbeiten lassen”, schreibt Sumner. “Wenn du nicht dazu bereit bist, obdachlose Drogenabhängige einzustellen oder ihre gesamten Lebenshaltungskosten zu zahlen, solltest du auch nicht ihre Überlebensstrategien behindern.” Prostituierte haben den Kapitalismus weder erfunden, noch befördern sie ihn.

Wie die meisten Menschen versuchen sie, unter den gegebenen Verhältnissen durchzukommen, so gut es eben geht. Jede Arbeit hat ihre ganz eigenen Vorzüge und Ärgernisse.

Natürlich gibt es in der Prostitution Ausbeutung, ökonomischen Zwang und problematische Machtverhältnisse. Doch wenn wir diese Kritik konsequent auf andere Branchen anwenden, müssten wir gleich den ganzen Kapitalismus abschaffen.  Wer den dringend notwendigen Protest gegen unsere Wirtschaftsordnung allein auf das Feld der Prostitution beschränkt und das Leid in anderen Arbeitsfeldern ignoriert, der betreibt verkürzte Kapitalismuskritik — und muss sich vorwerfen lassen, dass es ihm oder ihr eigentlich um etwas ganz anderes geht.

***

Gegenwärtig tobt wieder mal ein Streit um die Legitimität von Sexarbeit.

16 Bundestagsabgeordnete forderten im Mai 2020, der Sexkauf sollte auch nach Ende der Coronakrise verboten bleiben. Daraufhin entbrannte eine Debatte, durch die sich eine unsinnige Zweiteilung zog: selbstbestimmte Sexworker auf der einen Seite, rettungspflichtige Elendsprostituierte auf der anderen. Die Diskussion bringt Sexarbeitende in eine unmögliche Lage:

Sagen sie, sie tun es unfreiwillig, müssen sie als lebendes Argument für ein Sexkaufverbot herhalten.

Sagen sie hingegen, sie arbeiten freiwillig, gelten sie als privilegiert und sollten bitteschön die Klappe halten.

Das versperrt den Blick darauf, dass letztlich alle Sexworker (jenseits aller sonstigen Zumutungen) von ein und demselben Stigma betroffen sind, das ihre Handlungsfreiheit dramatisch einschränkt. Ein Sexkaufverbot würde ihre Marginalisierung nur noch befördern — und ihren Handlungsraum weiter beschneiden.

Gegner:innen der Prostitution können sich partout nicht vorstellen, dass jemand “so etwas” freiwillig tut.

Ich habe den Eindruck, viele Gegner:innen können sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendein Mensch “so etwas” auch noch freiwillig tut. Deswegen werfen sie gern mit wilden Behauptungen um sich, was an der Arbeit erzwungen sein könnte. So richtig sauer werden sie aber dann, wenn sie nichts dergleichen finden können. Wenn Sexarbeitende nicht in das für sie vorgesehene Opfer-Klischee passen wollen, sondern trotz aller äußeren Zwänge stolz für ihre Arbeit einstehen, ziehen sie schnell persönliche Attacken auf sich.

Die Sexarbeiterin Sadie Lune bringt es deswegen auf den Punkt, wenn sie sagt:

“Hör auf, mich zu bestrafen, weil du dir nicht vorstellen kannst, ich zu sein!”

 


Dieser Text stammt von dem Sexarbeiter, Filmemacher und Journalisten Theo Meow und wurde zuerst auf medium.com veröffentlicht.

Zwei Kämpferinnen für Frauen- und Sexworker-Rechte verstarben in diesem Jahr unerwartet – wir trauern um Emilja Mitrovic und Dr. Elisabeth von Dücker.

Dank und Verbundenheit gelten diesen Frauen, diesen Mit-Streiterinnen, diesen Verbündeten aller Sexarbeiter:innen. Mit ihrer Arbeit bekämpften sie Vorurteile, trugen zur Entabuisierung eines stigmatisierten Themas bei, engagierten sich gegen die Ausgrenzung von Sexarbeit und setzten sich dafür ein, Deutschland zu einem besseren und gerechterem Ort für alle zu machen. In Gedanken sind wir bei ihren Angehörigen, Freund:innen und allen Menschen, die ihnen nahestanden.

Dr. Elisabeth von Dücker war als Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin im Museum der Arbeit in Barmbek für den Bereich Alltags- und Frauen-Geschichte zuständig. Ihr Fokus lag darauf, die Arbeitswelten von Frauen sichtbar zu machen – und dazu gehörte auch die Sexarbeit.

Sie besuchte Sexwork Konferenzen in Nürnberg und Hamburg – dort traf ich sie zum ersten Mal. 2005 stellte sie dann die kulturgeschichtlich einmalige Ausstellung „Sexarbeit“ auf die Beine, welche die Lebens- und Arbeitswelt von Sexarbeitenden beschrieb. Als Verbündete hat sie auschlaggebend zur Enttabuisierung des stigmatisierten Themas Sexarbeit beigetragen und dazu aufgefordert, Vorurteile zu hinterfragen.

In diesem Portrait von Juliane Brumberg erfährt man mehr über die Arbeit von Elisabeth von Dücker.

Emilija Mitrovic, in Serbien geboren, war Mutter einer Tochter, Gewerkschafterin und Sozialwissenschaftlerin. Jahrelang begleitete und unterstützte sie die Sexworker-Bewegung und machte sich politisch für die Rechte von Sexarbeitenden stark.

Oft traf ich sie in Berlin – bei Ausstellungen, bei Performances, bei Sexwork Konferenzen. Gut kann ich mich an ihre Führung durch Hamburgs Rotlicht-Bezirk St. Georg erinnern – in welcher wir Details aus der Szene erfuhren, den Hansaplatz und die Beratungsstelle Ragazza besuchten und die  Stundenhotels sahen, wo die Sexworker am Strassenstrich anschaffen. Emilja initiierte die wichtigen Netzwerke „Ratschlag Prostitution Hamburg“ und „MigrAr – Anlaufstelle des DGB für Menschen ohne Papiere“.

Mit ihrer Studie über den „Arbeitsplatz Prostitution“ in 2004 unterstützte sie maßgeblich die gewerkschaftliche Organisation von Sexworkern bei Verdi. Sie leitete den Fachbereich 13 für „Besondere Dienstleistungen“, kämpfte gegen Diskriminierung und Doppelmoral und erhob ihre Stimme für marginalisierte Sexarbeitende.

Der taz-Redakteur Kai von Appen schrieb diesen Nachruf über Emilija und ihre unermüdliche Arbeit.


Dieser Text stammt von BesD-Vorständin Susanne Bleier-Wilp, ehemalige Sexarbeiterin und langjährige Aktivistin für die Rechte von Sexworkern. 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Armin Laschet!

Ich habe einige Fragen an Sie, auf die ich bisher eine schlüssige Antwort vermisse. Ich erwarte von einem Spitzenpolitiker, dass er willens und in der Lage ist, seine Entscheidungen rational zu begründen. Das ist aber leider nicht der Fall, wenn es um meinen Berufsstand geht.

Seit März diesen Jahres stehe ich dank Ihrer Anordnung unter Berufsverbot, viele meiner Kolleginnen haben Sie ohne Not zu Almosenempfängerinnen degradiert und unser gesamtes Metier unter dem Deckmäntelchen des Gesundheitsschutzes unter Generalverdacht gestellt.

Gleichzeitig haben Sie Tausenden von Erntehelfern aus Osteuropa die Einreise gestattet, ohne nach einem Corona-Test auch nur zu fragen.

Gleichzeitig haben Sie und Ihre Vorgängerin Hannelore Kraft über Jahre die Augen verschlossen, vor den unsäglichen und würdelosen Arbeits-und Lebensbedingungen in der Fleisch verarbeitenden Industrie.

Die Infektionszahlen in einem der größten Schlachthöfe Europas, die dem Kreis, in dem ich wohne, einen zweiten Lockdown beschert haben, sprechen für sich und bedürfen hier keiner weiteren Erörterung.

Sie begründen die Ächtung und Kriminalisierung meines Gewerbes damit:

a) dass wir  nicht in der Lage seien, die nötigen Abstandsregelungen einzuhalten.

Spätestens die Demonstration in der vergangenen Woche vor Ihrem Amtssitz hätte Sie vom Gegenteil überzeugen können – wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, uns zur Kenntnis zu nehmen.

Überdies gibt es in unserem Metier einen Berufszweig, nämlich die Dominanz, in dem sich die Frage nach dem gebotenen Abstand von allein erledigt.

b)  dass es angeblich unmöglich sei, meine Besucher für den Bedarf an einer Nachverfolgbarkeit zu registrieren

Auch DA gibt es Mittel und Wege, bei denen weder die Sicherheitsvorschriften noch die in unserem Berufsstand erforderliche Diskretion gefährdet ist. Im übrigen: wie steht es mit der Nachverfolgbarkeit von Besucherdaten in Restaurants? Da soll es ja durchaus schon passiert sein, dass sich Gäste unter falschem Namen oder mit gefakten Telefonnummern eingetragen haben …

c) dass „beim Geschlechtsverkehr notwendigerweise mit einer erhöhten Atemfrequenz zu rechnen sei.“

Zunächst einmal ist es in meinen Augen fraglich, ob ein einzelner Herr, der sich bei einer einzelnen Dame diskret seine Streicheleinheiten holt, einer größeren Anstrengung unterworfen ist als der Besucher eines Fitnesstudios, der dort keuchend seine Hanteln stemmt .

Und außerdem:

Sie erlauben den Betrieb von Massagepraxen, können aber nicht begründen, inwieweit sich eine Wellnessmassage von einer Tantramassage wesentlich unterscheidet.

Sie gestatten den Betrieb von Dating-Plattformen, können aber nicht begründen , warum ein One-Night-Stand der via Tinder oder auf anderem Wege zustande gekommen ist, nicht infektiös ist – aber in DEM Augenblick , in dem die daran beteiligte Frauensperson Honorar kassiert, AUF EINMAL infektiös sein soll und somit illegal wird.

Auf all diese Fragen, die nicht nur ich , sondern auch viele meiner Kolleginnen an Sie stellen, sind Sie bislang eine schlüssige und nachvollziehbare Antwort schuldig geblieben. Statt dessen versuchen Sie , uns zu ignorieren.

Wenn Sie wenigstens zugeben würden, dass Ihnen mein Gewerbe ein Dorn im Auge ist und dass Sie mich und meinesgleichen am liebsten wieder dorthin verbannen möchten, wo wir bis zum Jahre 2002 unser Dasein gefristet haben: zurück in die muffigen Hinterzimmer, die öden Industriegebiete und die verwahrlosten Randzonen der Städte und zurück unter die Fuchtel der Zuhälter …

Nach dem Motto: „Aus den Augen aus dem Sinn – Hauptsache , der brave Bürger merkt so wenig wie möglich vom Vorhandensein dieser verworfenen Geschöpfe.“

Dann wäre das doch immerhin eine klare Ansage. Stattdessen ducken Sie sich weg, versuchen uns zu ignorieren und verschanzen sich hinter Ausreden, die fadenscheinig und einfach nur peinlich sind.

Ich hoffe, dass Sie sich anhand meines Schreibens zu schlüssigen und nachvollziehbaren Antworten auf meine Fragen durchringen können.

„Hochachtungsvoll“,
Sibille Schäfer – Sexualassistentin


Der obenstehende Text wurde von einer Sexarbeiterin im Nachgang der Sexworker-Demo vor dem Düsseldorfer Landtag am 27. August verfasst. Kopien gingen via Email an RP ONLINE, Bild, TAZ, WDR und Der Freitag – außerdem an sämtliche Fraktionen im Düsseldorfer Landtag.

BDSM steht für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Es soll hier nun um Dominance & Submission gehen. Submission heißt Unterwerfung und/oder Hingabe. Das funktioniert nur, weil wir sind, wer wir sind: Freie, frei entscheidende Menschen. Man kann sich nur hingeben und unterwerfen, wenn man etwas zu geben hat. Unfreie Menschen sind genau das: unfrei. Nicht konsensfähig.

Man kann nur zustimmen, sich zu unterwerfen, wenn man die Wahl der freien Entscheidung hat. Darin liegt die Freude.

D/s ist wundervoll. Das Spiel mit Macht und Hingabe, Kontrolle und Kontrollabgabe kann unglaublich gute Gefühle hervorrufen. Es kann eine besondere Form von Intimität und Erotik herstellen und ist un-glaub-lich heiß.

Die Voraussetzung für D/s ist Konsens oder auch Zustimmung. Sonst wäre es ja Misshandlung/Missbrauch und das ist es ganz und gar nicht. D/s ergibt Sinn & macht Spaß wegen all dem, was & wer wir sind. Wir sind erwachsene Menschen, die Verantwortung für sich übernehmen und freie Entscheidungen in & über das Ausleben unserer Sexualitäten fällen.

Abgesprochen können (Ohn-)Machtphantasien ausgelebt werden und sich dadurch zum Beispiel stark oder hingebungsvoll oder schwach gefühlt werden.

Viele Emotionen, die teilweise gesellschaftlich tabuisiert werden, können im D/s erotisiert und verspürt werden. Scham, Trotz, Ekel, Demütigung, Hingabe, Stolz, Trauer, sich klein fühlen, sich schwach fühlen, sich stark fühlen, Wut, Aushalten, Macht, Egoismus, Sorge/Care, Wucht, Grausamkeit, Gnade, Genuss, Service, Verlust,… – alles kann Platz haben und erforscht werden.

Eine wundervolle Sache.

Die geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern funktioniert besonders gut und auch weil wir gesellschaftlichen Anforderungen unterworfen sind.

Wir leben in einem sexistischen System. So werden Frauen und Nicht-Männern gemeinhin eher Rollen zugeschrieben, die unter Sorgearbeit subsumiert werden können. Frauen und Nicht-Männer sind seltener Führungskräfte oder in STEM*-Berufen anzufinden, aus selbigem Grund: da sie eher angeblich emotionalere und (ver)sorgende Menschen seien und nicht kalkulierend, intellektuell und führend.

Es kann besondere Freude machen in einem sexistischem System, sich einer Frau oder einem Nicht-Mann zu unterwerfen. Es kann besondere Freude in genau diesem System machen, sich als Frau oder Nicht-Mann zu unterwerfen. Geschlechtsidentitäten sind nicht wegzudiskutieren, wenn man mit Geschlechtsidentitäten spielt. Der Punkt darin, der genau den Kick macht, ist, dass man mit ihnen spielt.

Gesellschaftliche Anforderungen und Rollen auszureizen, ist Teil von BDSM.

Sich in Verbindung zu diesen Anforderungen ein Stück weit aus ihnen heraus zu bewegen und einen neuen Raum zu eröffnen, in dem die (eigenen/gesellschaftlichen) Grenzen in einem gesicherten Rahmen erforsch- und bespielbar sind, ist toll.

Ich liebe BDSM. Ich bin dominant und sadistisch und liebe es sehr, beides auszuleben. Es ist naheliegend, dass Menschen in diesem Rahmen auch Titel für sich nutzen, um ihre Rollen zu verfestigen.

Es macht es oft einfacher, sich in Rollen hineinzubegeben, wenn sie benannt sind. Beispiele dafür wären Daddy, Mommy, Master, Sir*Miss, Herr*in, Boss, Baby, Slut. Sissy oder auch Top, Sub, Bottom.

Viel Freude macht unter anderem das Spielen mit den Tabus, mit den gesellschaftlichen Assoziationen, den Implikationen und den Bildern, die wir dazu im Kopf haben.
Es macht eine Untersuchung der eigenen Position(en), eine Reflexion und teilweise ein Freimachen oder Verarbeiten davon möglich. Damit berührt BDSM immer wieder auch Traumata, seien es individuelle oder gesellschaftliche.

Wir spielen mit erlebtem Schmerz, mit dem Verbotenen, mit dem mit großer Scham belegten, mit dem, was wir im „realen Leben“/außerhalb der BDSM-Session anderen nicht antun würden oder uns nicht antun lassen würden.

Wir spielen auch mit Echos und Resten in unserem kulturellen Gedächtnis, weil die Symboliken Teil unseres Wissens sind, auch wenn wir wenig oder kein bewusst erlerntes Wissen zu Dingen haben. Symbole und Rollen(vorstellungen) sind ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben.
Teilweise sehen wir sie im Stadtbild, durch Statuen oder Gemälde, teilweise sehen wir sie durch (mangelnde) Repräsentation in Medien und Umfeldern.

Kommen wir zum Begriff „Sklav*in“.

Maafa (auch teilweise benannt als ‚der Schwarze Holocaust‘) beschreibt die Gesamtheit aller Verbrechen an Schwarzen Menschen. Das beinhaltet die Verschleppung, Versklavung, Ausbeutung, Ausrottung, Genozide, Menschenversuche (siehe z.B. J. Marion Sims & Gynäkologie oder Henrietta Lacks & HeLA-Zellen) und ihre bis heute andauernden Auswirkungen.

Wir wissen um den Völkermord an den Herero & Nama, der noch immer nicht anerkannt ist oder davon, dass über Jahrhunderte unterworfene und endlich befreite afrikanische Staaten noch immer „colonial tax“ zahlen müssen.

Wir wissen von Jim Crow-Gesetzen, der Armut des globalen Südens, Polizeigewalt, strukturellen Ausschlüssen, höherer Sterblichkeit, geringerer Zugänge und Rassismus.

Schwarze Menschen wurden versklavt. Ihnen wurde ihr Menschsein abgesprochen und es wurde ein ganzes verwissenschaftlichtes System aufgebaut, um sie zu Untermenschen zu kategorisieren.

Schwarze Menschen wurden erst Sklav*innen und dann entrechtete Menschen dritter Klasse. Wer keine Rechte hat, kann keinen Konsens geben. Wer nicht frei ist, kann keinen Konsens geben.

Wenn wir mit Rollen(vorstellungen) im BDSM spielen, dann bewegen wir uns innerhalb unseres gesellschaftlichen, historischen & kulturellen Wissens.

Versklavung von Schwarzen Menschen hat in der Weltgeschichte ein Alleinstellungsmerkmal & ist weder lange her, noch sind die Auswirkungen derselbigen vorbei. Wenn wir mit dem Bild von Sklav*innen spielen, spielen wir immer auch mit der Maafa.

Ja, es gab auch griechische und römische Sklav*innen und germanische und verschiedenste afrikanische. Unsere Vorstellungen von Sklav*innenschaft sind auch davon geprägt. Spartacus und Gladiator sei Dank. Aber unsere Vorstellungen von Sklav*innen sind ebenfalls von Schwarzen afrikanischen Sklav*innen geprägt.

Diese Geschichte ist sehr viel jünger und sehr wirkmächtig.

Auch ist sie inhaltlich anders gelagert: Schwarze Menschen wurden auf Grund ihres Aussehens zu Sklav*innen gemacht, wegen unveränderlicher äußerlicher Merkmale. Die rassistische Idee verschiedener races/“Rassen”, wie wir sie heute kennen, ist eine Erfindung weißer Menschen, um die Versklavung Schwarzer Menschen überhaupt rechtfertigen zu können. Denn es gibt keine verschiedenen Menschen“rassen“.

Ganze Völker wurden herabgesetzt. Es wurden ineinandergreifende Systeme der Unterdrückung entwickelt, die in einer nie zuvor dagewesenen Größenordnung durchgeführt wurden.

Maafa ist unvergleichbar mit anderen Phänomenen von Versklavung.

Weder in der Auswirkung noch in der Durchführung. Ansonsten wäre das N-Wort nicht immer noch ein Schimpfwort, welches gleichbedeutend ist mit Sklav*in und Untermensch. Sein Ursprung liegt in -genau- der Versklavung von Schwarzen Menschen und ist auch heute noch aktuell. Sklav*innen und Maafa sind nicht voneinander lösbar.

Beim Sklav*in sein im BDSM-Kontext geht es Menschen um das Gefühl des Besitzens, des Besessenwerdens und das kann eine sehr wunderbare Spielart sein.

Ich verstehe den Reiz. Das kann man machen – jedes (potentielle) Trauma ist auch verkinkbar und ich habe da erstmal kein Problem mit. Rape-Play, Age-Play, Race-Play – alles valide Spielarten innerhalb von BDSM. Womit ich ein Problem habe, ist, wenn das nicht reflektiert wird. Denn dann wird’s gefährlich und dann wird es beleidigend.

Als Schwarze Person lebe ich mit den Auswirkungen der Maafa jeden Tag. #blm ist eine davon.

Ich treffe die persönliche Entscheidung, nicht mit weißen Menschen zu arbeiten, zu spielen oder ihnen auf Social Media zu folgen, die ihre Subs kontextlos als „Sklav*innen“ bezeichnen. Ebenso treffe ich die Entscheidung, kein nicht-konsensuelles Race-Play zu machen. Denn nicht-konsensuelles egalwas-Play ist Gewalt.

Sklav*in sein ist ein Spiel mit (teilweise fremdem) Trauma – was grundsätzlich okay ist. Ich möchte das aber nicht. Ich brauche einen Kontext, in dem das Spiel für mich nicht nur als weiterführende Gewalt von white Supremacy wahrnehmbar ist.

Mein Schwarzsein ist für mich darin der leitende Faktor. Das muss für andere Schwarze Personen nicht so sein. Was aber definitiv ist, ist dass wir in einer Welt leben, in der weiße Übermacht und Schwarze Unterdrückung leider weiterhin Fakt sind und es ist sinnvoll, damit bewusst(er) umzugehen. Und nicht Menschen nicht-konsensuell in Spiele einzubinden.

Auch sehr interessant dazu:

 


Dieser Blogbeitrag wurde von Kumi verfasst. Kumi ist körperpositive, dicke, Schwarze Sexworkerin und Escort in Hamburg – hier kannst du ihr auf Twitter folgen.

Replik von Miss Daria, Sexarbeiterin und Mit-Organisatorin der Demo in Stuttgart auf die Äußerungen einer bei der Pressekonferenz im Tabledance-Club Messalina anwesenden Journalistin.


Wenn sich die Gegnerfraktion einschleicht…

…und ein Paradebeispiel dafür bietet, dass wir Sexarbeiter*innen von eben diesen überhaupt nicht ernst genommen werden! Und leider auch deutlich macht, wie unmöglich es ist, mit solchen Menschen eine konstruktive Auseinandersetzung zum Thema Sexarbeit zu führen.

Sarkasmus, Lügen, Manipulation und absurde Analogien

Nach jeder Menge guter Presse – als Echo auf unsere Pressekonferenz, die Laufhausführung und die Kundgebung der letzten Woche hier in Stuttgart, war er da:

„Der Artikel den man ganz sicher nicht lesen möchte, wenn man sich gerade sehr intensiv politisch für seine Grundrechte und seine Berufsgruppe eingesetzt hat!“ in der Wochenzeitung KONTEXT vom 12.08.: „Prostitutionsverbot? Gute Idee!“

Ein Artikel der dafür sorgte, dass ich unglaublich sauer auf mich selber war – zum einem weil ich nicht über ALLE angemeldeten Presseleute ALLE entsprechenden Infos eingeholt hatte, zum anderen über den Text an sich und über die Art und Weise wie Menschen den Journalismus so missbrauchen können. Bei der Einhaltung ihres Berufskodex einfach mal ganz tief ins Klo gegriffen: Fern ab von neutraler Berichterstattung.

Politisches Engagement kostet Zeit, Energie, bringt kein Geld und ist unabdingbar

Ich wollte niemals politische Arbeit machen. Ich wollte vor allem nicht als Sexarbeiterin im Fernsehen landen, geschweige denn Demos organisieren oder mich mit Journalismus auseinander setzen. Da Sexarbeit KEINE Lobby hat außer die Sexarbeitenden selber und das Thema weder in der Politik noch in den Medien fair behandelt wird, blieb mir bei meinem hohen Sinn für Gerechtigkeit irgendwann aber gar nichts anderes mehr übrig, als mich politisch zu engagieren.

Ja, es mag unglaublich naiv klingen, aber was mich jetzt dabei am meisten umtreibt, ist der Fakt, dass ich nicht ernst genommen werde! Einen solchen Tag, wie den 6. August 2020 zu organisieren ist ein unglaublich anstrengendes Unterfangen, kostet sehr viel Zeit und Energie, bringt kein Geld und war trotzdem unabdingbar – vor allem in Stuttgart. Das Stigma und die Diskriminierung ist riesig und wie sollen wir ohne politisches Engagement zu einer Anerkennung der Sexarbeit kommen. Überall wird ständig über uns anstatt mit uns geredet.

So bin ich dann doch in diesem politischen Feld gelandet und Frau Stiefel nutzt ihre Stellung bei der KONTEXT-Wochenzeitung um ihre „persönliche Meinung“ zu einem möglichen Prostitutionsverbot zu verbreiten und scheut dabei weder vor Lügen noch vor Manipulation zurück. Das nehme ich irgendwie persönlich, als würde jemand mein Engagement und meinen Berufstand mit Füßen treten. (Ja, ich weiß, ich sollte das nicht persönlich nehmen…)

Und Frau Stiefel hat es ebenfalls getan: Sie hat nicht mit uns geredet, sondern jetzt redet sie über uns!

Frau Stiefel hat uns auf der Pressekonferenz nicht eine Frage gestellt

Sie hätte die Chance gehabt, mit uns einen offenen Austausch zu führen. Aber nein, sie missbraucht ihre Macht-Position um ihre persönliche Meinung kund zu tun und unsere Aktion ins Lächerliche zu ziehen.

In ihrem Artikel nutzt sie jede Form der rhetorischen Manipulation um den Leser emotional zu beeinflussen, hier zum Beispiel:

„….die Tattoo-Dichte auch. Masken tragen alle, beliebt bei Männern aus dem Milieu: Totenkopfmaske, die ein grimmiges Lächeln ins Gesicht friert.“

Was genau trägt das zur Sache bei?

„Die Show für die Presse ist ein bisschen wie ein Tag der offenen Tür bei der Bundeswehr. Keiner redet über Krieg, alle bestaunen die Gewehre, und wer Glück hat, darf am Ende Panzer fahren!“ schreibt Frau Stiefel. Merkwürdige Analogie würde ich sagen, was sie damit bezweckt, kann ich nur mutmaßen. Prostitution mit Krieg gleich zu setzen? Braucht man das, wenn einem die Argumente fehlen? Oh – jetzt werde ich auch sarkastisch – ein Übel das ich der Frau Stiefel vorwerfe – und nun tappe ich selber in die Falle. Verzeihung, aber diese Berichterstattung ist auf keiner Ebene fair, da fällt es mir wirklich schwer mich selbst anständig zu verhalten.

„Man könnte meinen, der Sex-Job sei ein Riesen-Spaß…“, „…Barsesselchen…“, …und schwupps, so ganz nebenbei…“, ,„…Knöpfchen drücken…“, „…hier im Tabeldance-Schuppen…“, „…sexy Effekt“…, „…außerdem hätten sie ein super Hygienekonzept…“. Auch bei mehrfachem Lesen finde ich kaum einen Satz der wirklich ernst gemeint ist. Das meiste wird ins Lächerliche gezogen, übertrieben dargestellt und merkwürdig betont, so dass der Leser gar nicht die Möglichkeit bekommt, sich ein neutrales Bild des Geschehens zu machen.

An Lügen und Manipulation wird nicht gespart

„Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Gewalt sind kein Thema im Messalina im Stuttgarter Rotlichtviertel.“  Wer dabei war weiß, dass das Thema Prostitution im Verborgenen während der momentanen Situation, eines der wichtigen Themen auf der Pressekonferenz und auch auf der Kundgebung war.

Die Not der Frauen, die keine Soforthilfe bekommen haben, die keinen festen Wohnsitz haben etc., und jetzt heimlich arbeiten müssen ist gravierend und benötigt dringend Unterstützung. Das ist einer der Gründe, warum wir fordern, dass wir wieder arbeiten dürfen. Alle Sexarbeitenden die jetzt gerade arbeiten müssen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, sind widrigen Umständen ausgesetzt. Da sie gerade illegal arbeiten, sind sie erpressbar und können sich in Nöten an niemanden wenden.

„In Schweden, wo Sexkauf verboten ist, gelten Männer, die eine Frau nur über Geld ins Bett kriegen, längst als Loser.“ So ein Quatsch! Wieder erzeugt sie, mit einer nicht nachweisbaren Aussagen, Emotionen beim Leser….weil es ja auch so viele Studien und Statistiken dazu gibt, dass Männer die Sexarbeit in Anspruch nehmen Loser sind.

„Und jeden Tag gehen in Deutschland eine Million Männer ins Bordell!“ ist die nächste Unwahrheit die in den Raum gestellt wird. Wenn nicht einmal klar ist, wie viele Sexarbeiter*innen es in Deutschland gibt, wie kann dann eine solche Zahl entstehen?

Ein bitterer Beigeschmack bleibt

Nun nachdem ich diesen Beitrag geschrieben habe, finde ich es nur noch halb so wild, was Frau Stiefel aus ihrem Artikel gemacht hat. Wie gesagt, ein Paradebeispiel dafür, wie die Gegnerfraktion mit uns Sexarbeiter*innen umgehen. Nämlich, dass lieber über uns als mit uns geredet wird.

Dennoch, ein bitterer Beigeschmack bleibt, denn ich mag es nicht, wenn jemand mich nicht ernst nimmt und sich über mich lustig macht.

Im Übrigen, ist uns (allen Aktivist*innen in der Sexarbeit die ich kenne und mir) bewusst, dass es Menschenhandel und Gewalt in der Prostitution gibt. Wir sind jederzeit dazu bereit, darüber zu sprechen und es ist uns ein Anliegen, uns für bessere Bedingungen und vernünftige Rechte zu engagieren.

Nach großen Protesten von Sexarbeitenden – unter anderem in Hamburg, Berlin, Köln und Stuttgart – kam letzte Woche die Nachricht aus Berlin: Es gibt endlich auch betreffend Sexarbeit Lockerungen. Und ab 1. September soll unter Auflagen zumindest in der Hauptstadt wieder der Kauf und Verkauf von Sex erlaubt sein.

BILD und Co schreiben platte Sprüche wie „Prostituierte wollen endlich wieder Sex“

Ganz unabhängig von möglicher Freude an der Arbeit ging es den demonstrierenden Kolleg*Innen vor allem darum, dass ihre Arbeitsplätze wieder öffnen und sie endlich wieder Geld verdienen können.

Es sind wirklich nicht alle Sexworker geil darauf zu arbeiten, weil sie ihren Job so lieben, wie es das sogenannte Happy-Hooker-Narrativ in den Medien und der sichtbare Aktivismus häufig suggerieren (Leseempfehlung: „Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen, um dafür Respekt zu verdienen“). Solche Vorstellungen tragen nichts zur Durchsetzung gleicher Rechte von Sexworkern bei, insbesondere nicht zur Durchsetzung der Rechte von illegalisierten und marginalisierten Kolleg*Innen.

Die lauten Rufe nach Lockerungen und Öffnung des Rotlicht-Gewerbes dürfen auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Sexworker aufgrund von Corona gerade gar nicht arbeiten wollen. 

Viele Sexworker müssen trotz Corona arbeiten.

Weil sie eben irgendwie überleben müssen.
Weil sie sich nicht leisten können, weiter ihre Altersvorsorge zu plündern.
Weil sie keine finanzielle Rücklagen mehr haben.
Weil sie einfach ihre Miete zahlen müssen.
Weil sie ihre Familie nicht anders unterstützen können.
Weil sie Schulden haben.
Weil sie nicht alles verlieren möchten, was sie sich aufgebaut haben.

Trotz ihrer persönlichen Gesundheitssituation.
Trotz der Angst, sich möglicherweise selbst anzustecken  – beispielsweise, wenn sie zu einer Risikogruppe gehören.
Trotz der Angst, möglicherweise andere anzustecken – beispielsweise Partner, Kinder oder Eltern, die vielleicht zu einer Risikogruppe gehören.
Trotz Arbeitsverboten – und daraus folgenden unsicheren Arbeitsbedingungen, gedrückten Preise oder schlechteren Kunden.

Staat lässt Sexarbeitende im Stich

Auch unter Sexworkern befinden sich Corona-Risikogruppen – sie benötigen finanzielle Unterstützung, damit sie jetzt nicht arbeiten müssen.

Das Problem ist: Staatliche Unterstützung erhalten vergleichsweise wenige Sexworker. Denn schon die Mindestvoraussetzungen dafür – legaler Aufenthalt bzw. Staatsangehörigkeit und der Besitz einer Steuernummer – erfüllen längst nicht alle. Den „Luxus“ einer Krankenversicherung oder eines festen Wohnsitzes haben noch weniger. Wer jetzt noch übrig ist, kann – wie viele Selbstständige – kaum auf finanzielle Rücklagen zugreifen.

Seit 15 Jahren ehrenamtlicher Politik stehen für mich die Interessen der schwächsten Mitglieder unserer Sexwork-Community im Vordergrund. 80% aller Sexworker in Deutschland sind Migrant*Innen. Wo bleibt die staatliche finanzielle Unterstützung für die oft prekär arbeitenden Sexworker, die marginalisiert, mehrfach stigmatisiert, illegalisiert sind?

Das ist ein Skandal, nicht nur für die Arbeitssituation in Deutschland, sondern weltweit.

Viele Sexworker sind völlig verzweifelt. Aus Deutschland und anderen Ländern erfuhr ich vom tragischen Tod einiger Sexworker durch Suizid. Der Nothilfe Fonds des BesD ist nun leer und wir können aktuell keine Sexworker in Notlagen mehr unterstützen. Ehrlich gesagt, ist es aber auch gar nicht die Aufgabe eines Berufsverbandes, staatliche Verantwortung zu übernehmen. Der Staat versagt, wenn er sich nicht um die Ärmsten der Armen kümmert.

Corona-Epidemie zeigt Auswirkungen repressiver Prostitutionspolitik

Mir fällt auf, dass die Sexworker am Straßenstrich in Berlin während des Arbeitsverbots aufgrund der Corona-Epidemie das gleiche berichten, wie auch die Sexworker in Schweden und Irland es seit dem dortigen Sexkaufverbot tun: Aufgrund des Verbots bleiben nur noch die schlechten Kunden übrig, weshalb es auch zu vermehrter Gewalt kommt. Die achtsamen, respektvollen Kunden sind vorsichtig und bleiben weg.

In über 130 wissenschaftlichen Studien wurden die Auswirkungen repressiver staatlicher Prostitutionspolitik untersucht.*

Die Kurzfassung: Ein Verbot der Sexarbeit führt immer zu einem Anstieg von Gewalt gegen Sexarbeitende.

Politischer Aktivismus – Unterstützung für Sexarbeiter*Innen, die sich engagieren wollen

Ich persönlich stehe der sogenannten Respectability Politik – also dem „Andienen“ von ausgewählten Einzelnen aus marginalisierten Gruppen an den „Mainstream“ – kritisch gegenüber und glaube, dass manche Aussagen eher schaden, als dass sie nützen. Deshalb plädiere ich für professionelles Coaching für Sexworker, die in den Aktivismus einsteigen wollen oder noch wenig Erfahrung mit politischer Arbeit haben und Unterstützung suchen. Dabei geht es darum, mögliche Kommunikations-Fehler in der aktivistischen Arbeit zu identifizieren (Stichwort: Demo-Plakate), engagierte Menschen zu ermutigen und zu empowern und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Der Termin wird hier rechtzeitig bekannt gegeben. Nachfragen gerne an susanne@besd-ev.de.


Dieser Blogartikel stammt von BesD-Vorständin und ehemaliger Sexarbeiterin Susanne Bleier-Wilp. Sie ist seit vielen Jahren als Aktivistin für die Rechte von Sexarbeiter*innen im In- und Ausland aktiv.

* Platt, Lucy, Grenfell, Pippo; Meiksin, Rebecca et. al 2018: Associations between sexwork laws and sexworkers health. A systematic review and meta-analysis of quantitative and qualitative studies. In: PLoS Med 15(12), e1002680, S. 1-54

Nach einem besonders ätzenden Tag am Schreibtisch rufe ich gern mal: “Ich hasse es, Journalist zu sein!”. Dann klopft mir meist irgendwer aufmunternd auf die Schulter. “Ohje, wir alle haben solche Tage”, heißt es dann. Anders sieht es bei meinem Nebenjob aus. Nach einem unangenehmen Escort-Date oder einem verpfuschten Pornodreh überlege ich sehr genau, mit wem ich mein Erlebnis teile. Zu groß ist meine Sorge, jemand könnte es zum Anlass nehmen, mir meine Tätigkeit gleich ganz auszureden. Auch von guten Freunden habe ich schon Sprüche gehört wie: “Bist du dir sicher, dass die Arbeit die richtige für dich ist? Ich weiß ja nicht, ob es dir so gut tut.”

Überzogene Erwartungen an die Sexarbeit

Und auch generell habe ich den Eindruck: Auf der Sexarbeit lasten oft überzogene Erwartungen, die an andere Branchen so nicht gestellt werden: Die Betroffenen sollen ihre Arbeit stets gern tun, dabei sie selbst sein, es nicht des Geldes wegen tun — und sich am Ende noch politisch empowert fühlen. Wenn dem mal nicht so ist, wird das gern als Argument dafür herangezogen, Sexarbeit aus der Welt zu schaffen.

Doch woher kommt überhaupt der Anspruch, in der eigenen Tätigkeit komplett aufgehen zu müssen? Dahinter steckt das Märchen von der Sinnstiftung durch Arbeit. Wenn wir sämtliche Branchen abschaffen würden, in denen sich die Werktätigen manchmal nicht erfüllt oder glücklich fühlen, dann wären wir alle arbeitslos. Denn: Für einige Sexarbeitende ist ihr Job der Himmel auf Erden. Andere quälen sich und schielen sehnsüchtig auf die Uhr, wann endlich Feierabend ist. Und dann gibt es ein breites Mittelfeld an Sexarbeitenden, die ihre Arbeit so lala finden. Die mal gute, mal schlechte Tage haben. Überraschung: Genau so verhält es sich auch in jedem anderen Job.

Auch pragmatischer Konsens ist okay

Im Zuge der #metoo-Bewegung haben Feminist:innen vereinzelt betont: Sexueller Konsens müsse immer enthusiastisch sein — und genau das sei in der Prostitution eben oft nicht gegeben. Ich finde, das ist ein weltfremder Anspruch, sowohl im Privatleben als auch im Job. Zugegeben, ich würde auch gern alles aus ehrlicher Begeisterung und dem tiefsten Wunsch meines Herzens tun. Das ist aber nicht immer möglich. Wenn ich zu etwas ja sage, tue ich das meistens nicht mit einem inneren Jauchzen. Oft entscheide ich mich nüchtern für die Option, die mir nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile als bestmöglich erscheint. Auch zu privatem Sex sage ich in manchen Momenten eher “okay” als “oh ja, bitte”. Sex kann mittelmäßig und dennoch einvernehmlich sein.

Die Forderung nach stets begeisterter Zustimmung ist neoliberales Blendwerk — und ignoriert die gesellschaftlichen Zwänge, die unser Leben bestimmen. Seien wir mal ehrlich: Viele Kunden sind nicht gerade Traumliebhaber. Der Sex mit ihnen ist nur selten amazing. Auch Sex vor der Kamera ist oft eher anstrengend als grandios. Das muss er aber auch nicht sein. Für das nötige Entgelt gehe ich da gern Kompromisse ein. Mein Ja dazu ist auch dann etwas wert, wenn es eher pragmatisch als enthusiastisch daherkommt.

Sexarbeit muss nicht empowernd sein.

Manche Sexarbeitende lieben tatsächlich ihren Job. Einige erleben ihn gar als Empowerment. Einige genießen die gemeinsame Zeit mir ihren Kunden und haben Spaß am Sex. Andere erforschen durch die Arbeit ihre eigene Sexualität. Oder sie verbinden ihre Tätigkeit mit therapeutischen, künstlerischen oder spirituellen Ansätzen. Manche fangen an, die Geschlechterverhältnisse stärker zu hinterfragen oder sich politisch zu engagieren. Es ist wichtig, all diese unterschiedlichen Ausformungen und Beweggründe in die Debatte einzubeziehen. Denn sie erzählen von der Vielfalt einer Branche, von der viele Menschen ein eher klischiertes, einseitiges Bild haben.

Diese Erfahrungen sind jedoch nicht allgemeingültig für die breite Masse an Sexarbeitenden. Gerade die Sache mit dem Empowerment ist ein Nischenphänomen, das — wenn überhaupt— eher politisierte Sexarbeitende betrifft. Natürlich kann die Arbeit für manche empowernd sein. In öffentlichen Debatten, etwa in Talkshows oder Zeitungen, bezweifle ich aber, ob diese persönlichen Empowerment-Anekdoten immer zielführend sind. Sie spiegeln die Lebensrealität einer kleinen Gruppe von meist privilegierteren Sexworkern (wie mir selbst) wider. Medien stürzen sich mit Vorliebe auf solche Geschichten, weil sie griffig, sexy, unkonventionell wirken.

Sexarbeit verdient auch dann Respekt, wenn sie einfach nur ein Job und sonst nichts ist.

Die EMMA-Fraktion behauptet gern, Prostitution würde das Patriarchat stützen, Elend oder gar sexualisierte Gewalt befördern. Das ist Bullshit. Die Behauptung wird aber auch nicht wahrer, wenn man sie ins Gegenteil kehrt und Sexarbeit zur Wohlfühlzone oder zur politischen Erweckungsbewegung verklärt. Für viele ist Prostitution schlichtweg eine Möglichkeit zum Broterwerb, ohne aufregendes Gimmick. Deren (meist weniger glamouröse) Geschichten geraten schnell unter die Räder. Doch Sexarbeit verdient auch dann Respekt, wenn sie einfach nur ein Job und sonst nichts ist.

Die Erzählung vom Empowerment durch Sexarbeit sei “bis zur Satire überstrapaziert” und oftmals ein Ablenkungsmanöver, kritisieren die Sexarbeits-Aktivistinnen Juno Mac und Molly Smith in ihrem Buch Revolting Prostitutes: “Diese Beschwörungen persönlicher Gefühle lenken von einer deutlich komplizierteren Diskussion ab — über Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat”.

Beschwichtigungsversuche für die Gegenseite?

Manche wollen die positiven Aspekte der Sexarbeit betonen, um den Verbotsaposteln etwas entgegen zu setzen. Da diese sich oft weigern, den Betroffenenen zuzuhören, bringt das nur bedingt etwas. Das Manöver kann leicht kippen. Blitzschnell finden sich Gegenbeispiele von Prostituierten, die tatsächlich leiden — und schon wird die rhetorische Offensive zum Eigentor. Manche Medienberichte deuten das ausbleibende Empowerment als ein Argument gegen Sexarbeit. Beispiel: “Ich dachte, Sexarbeit wäre empowernd und feministisch. Doch ich lag völlig falsch.”

Mein Eindruck ist: Außenstehende lassen sich durch diese persönlichen Geschichten selten davon überzeugen, dass Sexarbeit an sich eine legitime Form der Erwerbsarbeit ist. Stattdessen messen sie dann oft mit zweierlei Maß: Sie unterscheiden in wenige “selbstbestimmte Sexarbeiterinnen” auf der einen und zahlreiche “ausgebeutete Huren”, die man “retten” muss, auf der anderen Seite. Auch in den Medien taucht diese Zweiteilung häufig auf. Gerade politisch aktive Sexarbeitende werden von Journalist:innen schnell gegen ihren Willen in dieses Erzählmuster gesteckt. Dabei geht unter, dass alle Sexarbeitenden (trotz ihrer unterschiedlicher Lebensrealitäten) in derselben, hoch stigmatisierten Branche arbeiten. Ein Sexkaufverbot nach dem Schwedischen Modell würde sie letztlich alle in Gefahr bringen.

Sexarbeit ist keine politische Erweckungsbewegung. Es ist ein Job — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Meine Skepsis hat noch einen anderen Grund: Nur weil ich bessere und sicherere Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit will, heißt das noch lang nicht, dass ich Arbeit an sich sonderlich erstrebenswert finde. Natürlich ist es schön, wenn Menschen Spaß an ihrem Beruf haben. Doch das sollte kein Maßstab für die Daseinsberechtigung eines Jobs sein. Denn letztlich ist jede Lohnarbeit problematisch. Ich habe Bauchschmerzen, wenn Arbeit pauschal und unkritisch abgefeiert wird — auch dann, wenn es dabei um Sexarbeit geht. Wir sollten aufpassen, hier nicht der fatalen Idee auf den Leim zu gehen, nach der wir stets Lust und Erfüllung durch unsere Arbeit erfahren müssen.

Niemand drückt es so gut aus wie der Sexarbeiter und Autor Christian Schmacht: “Ich hasse den Empowerment-Mythos. Ich bin nicht empowert! Denn Sexarbeit ist Arbeit und Arbeit nervt!”, schreibt er in seiner Kolumne. „Aber wir dürfen unseren Job hassen, eklig oder nervig finden und trotzdem für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.“

Fröhlichsein als Marketingstrategie

Viele Sexarbeitende verwenden die “Ich liebe meinen Job”-Geschichte für die Eigenwerbung. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Sich selbst als lustvoll und lebensfroh zu präsentieren, ist oft Teil der Jobbeschreibung. In dieser Hinsicht ähnelt die Sexarbeit anderen kundennahen Dienstleistungsberufen. Auch Kellnerinnen und Stewardessen lernen, stets ein galantes “customer service smile” an den Tag zu legen. Gerade im höherpreisigen Segment der Sexarbeit ist einiges an Emotionsarbeit erforderlich: Bei der so genannten Girlfriend-Experience geht es beispielsweise darum, die Erfahrung eines romantischen Pärchenabends zu inszenieren — natürlich ohne den Zoff um die offen gelassene Zahnpastatube. Die vermeintliche Authentizität ist hier Teil der Performance. Denn wer will schon eine Escort buchen, die ständig von ihrem Kummer erzählt?

Die Inszenierung als lebensfroh ist wichtig fürs Marketing. Sie ist aber kein politisches Argument.

Man sollte aber nicht den Fehler machen, diese Werbung in eigener Sache mit einem politischen Argument zu verwechseln. Wenn es um die Legitimität von Sexarbeit geht, kommt es schlichtweg nicht darauf an, ob Einzelne ihren Job lieben oder nicht. Die Sexindustrie ist kein Schlaraffenland, und es bringt auch nichts, eines vorzugaukeln. Wie in anderen Branchen auch, läuft auch in der Sexindustrie vieles gewaltig schief. Gerade in den schlechter bezahlten Bereichen der Prostitution stapeln sich die sozialen Missstände.

Diese sind allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der Sexarbeit. Wer sich isoliert auf die Probleme im Rotlicht einschießt, verkennt die globalen Verflechtungen: Elendsprostitution offenbart die klaffenden Lücken im sozialen Netz. Die prekäre Situation vieler osteuropäischer Sexarbeiterinnen lässt sich nicht ohne die nationalen Grenzregimes verstehen. Und die Erzählmuster im Porno sind so rassistisch und frauenfeindlich wie die Gesellschaft, die sie hervorbringt. Kurzum: Die Missstände in der Sexindustrie spiegeln stets die Verhältnisse wider, unter denen Arbeit stattfindet: Kapitalismus, Patriarchat, White Supremacy.

Das Gemeine an der Sache: Viele Sexarbeitende würden gern offener über diese Missstände sprechen. Das kann aber nicht gelingen inmitten einer Debatte, die die Legitimität und Selbstbestimmtheit ihres Jobs permanent anzweifelt. Prostitutionsgegner:innen klagen ein ganzes Berufsfeld an. Das führt dazu, dass sich die Betroffenen dann auch verhalten wie bei einem Verhör. Ganz nach dem Motto: Alles, was Sie äußern, kann gegen Sie verwendet werden (und wird es auch, wie die zahllosen persönlichen Attacken aus dem Lager der Sexkaufgegnerinnen beweisen). Da ist es manchmal besser, überhaupt nichts zu sagen — oder sich auf die Story von der “glücklichen Hure” zu beschränken.

Viele würden gern offener über ihre Probleme sprechen. Doch die Verbotsdebatte hemmt sie.

Wer Sexkauf verbieten will, hat kein Interesse daran, diese Probleme zu lösen, sondern will sie einfach nur unsichtbar machen. Von der Bildfläche tilgen. Ein Sexkaufverbot macht alles nur noch schlimmer: Es bringt Sexarbeitende nicht dazu, ihren Job zu wechseln. Stattdessen verschärft es die Probleme, die es angeblich lösen will. Wer sich aufrichtig für Sexarbeitende engagieren will, muss ihnen endlich zuhören — und dafür einstehen, dass ihre Arbeit nicht kriminalisiert wird.


Dieser Text stammt von dem Sexarbeiter, Filmemacher und Journalisten Theo Meow und wurde zuerst auf medium.com veröffentlicht.