Die Saarbrücker Zeitung titelt: Nach der Corona-Krise sollen Sex-Tempel im Saarland nicht mehr öffnen dürfen. Schweden gilt als gutes Beispiel.

Die Corona-Verordnungen verbieten immer noch die Öffnung von Bordellen – sogenannte Prostitutionsstätten. Dies auf unabsehbare Zeit.
Die Vorsitzende der saarländischen CDU-Frauen Anja Wagner-Scheid möchte diesen Zustand auch nach Corona beibehalten. Das von ihr propagierte „schwedische Modell“, nachdem der Freier bestraft, aber die Prostituierte straffrei bleibt, ist leider eine große Mogelpackung.
Es gibt keine Nachweise, dass Sexarbeit an sich oder der Menschenhandel in Schweden abgenommen haben. Eindeutig ist allerdings, dass sich die Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende unter dem Sexkaufverbot verschlechtern.

  • Zwar wird die Sexarbeitende nicht wegen Prostitution angeklagt, aber die Kunden. So muss dann versteckt gearbeitet werden, damit überhaupt noch jemand kommt.
  • Bordelle sind verboten unter dem Konzept des Sexkaufverbots. Viele Sexarbeitende schätzen aber diese Arbeitsplätze, denn sie fühlen sich dort sicherer als alleine bei Hausbesuchen. Ein etabliertes Bordell bietet für viele höhere Verdienstaussichten als Selbstmanagement. Laut neuer Gesetzesvorgaben in Deutschland müssen Prostitutionstätten hohe Anforderungen erfüllen, um eine Zulassung zu bekommen. Auch ein Betriebskonzept ist vorzulegen, welches u.a. deutlich macht, dass dort keine Ausbeutung stattfindet.
  • Beratungsstellen und Gesundheitsämter gehen davon aus, dass sie wegen der Vereinzelung der Sexarbeitenden nicht mehr gezielt aufsuchende Beratung machen können. Man befürchtet, dass sich in diesem Graubereich genau die sogenannten „milieubedingten“ Zwischenhandelstrukturen etablieren werden, die man eigentlich abschaffen will.

Die von CDU-Frauen propagierten „Ausstiegsprogramme“ und alternativen beruflichen Perspektiven münden zu über 90% in den Billiglohnsektor, und sind exakt das, wovor die meisten Sexarbeitenden gerade geflüchtet sind.

Der „Erfolg“ in Schweden sieht wie folgt aus: 42% der Sexarbeiter*innen berichten von mehr Gewalterfahrungen seit der Einführung dieses Gesetzes, 70% von keiner Verbesserung bzw. sogar Verschlechterung der Verhältnisse der Polizei, 63% von einer Verschlechterung ihrer Arbeitsverhältnisse. Von den allgemeinen Umsatzeinbußen mal ganz zu schweigen.
(Quelle: Studie Medecine du Monde)

Namhafte Organisationen aus dem Gesundheitswesen, Menschenrechtsorganisationen und kirchliche Einrichtungen sprechen sich einhellig gegen ein Sexkaufverbot aus, das die Branche in die Illegalität treibt. Geholfen werden kann in einem derartigem Dunkelfeld kaum jemandem mehr.

Unser Berufsverband setzt sich ein für legales Arbeiten und transparente Strukturen.
Wir fordern mehr Beratungstellen und mehr aufsuchende Beratung, Aufbau von Fortbildungskonzepten und Bildung von sprachbezogenen Peer-Gruppen.

Ebenso sprechen wir uns gegen das Vorhaben eines Werbeverbotes für Bordelle aus, denn ohne Werbung keine Kunden.

Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.
Kontakt:
Johanna Weber
Politische Sprecherin des BesD
johanna@besd-ev.de
0151-1751 9771





Linkliste mit Argumenten gegen das Sexkaufverbot:

Immer öfter hört und liest man mittlerweile, Escort sei schon wieder erlaubt.
Die Corona-Verordnungen in den meistern Bundesländern würden nur den Betrieb von Prostitutionsstätten verbieten aber nicht die eigenständige Sexarbeit außerhalb von Prostitutionsstätten (Escort, Straßenstrich, eigene Wohnung, usw.)

Stein des Anstoßes ist eine Ungenauigkeit in der Formulierung der Corona-Verordnungen. Diese unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, aber im Zusammenhang mit Verboten lautet die Formulierung „Prostitutionsstätten und ähnliche Einrichtungen“.

Nicht nur wir als Verband hatten schon recht zügig nach Erscheinen dieser Parapraphen nachgefragt, was denn das heißen soll, und ob denn eigenständige Sexarbeit außerhalb von Prostitutionstätten erlaubt sei?
Die Antwort war einhellig.
Mit den „ähnlichen Einrichtungen“ seien wir Sexarbeitenden gemeint, und dass Escort, Wohnwagenprostitution, Straßenstrich, usw. natürlich auch verboten sei.
Einige Bundesländer haben die damaligen Anfragen aber zum Anlaß genommen und ihre Verordnungen angepaßt und explizit reingeschrieben, dass jede Art von Sexarbeit verboten ist.

Andere Bundesländer haben den Urspungstext einfach so gelassen, denn mit den ähnlichen Einrichtungen sind wir eben gemeint – und fertig.

Zu den Hochzeiten von Corona mußte dies auch nicht weiter diskutiert werden, denn alle saßen Zuhause, also auch wir.

Dieses Gefühl, das alle gleich betroffenen sind, ist inzwischen bezogen auf unsere Branche sehr in die Schieflage geraten.
Überall sind verschiedenste körpernahe Dienstleistungen wieder zugelassen und sogar Kontaktsportarten vielerorts wieder erlaubt. Auch der Schulbetreib wird nach den Sommerferien wieder zur Normalität übergehen.

Sexarbeit steht immer noch auf der verbotenen Liste, trotz gut ausgearbeiteter Hygienekonzepte, Gerichtsklagen in verschiedenen Bundesländern und hervorragender Pressearbeit. Die Aussage von verschiedenen Politkern, dass es bei einem so umfassenden Verordnungs-Paket eben leider auch mal zu Ungerechtigkeiten kommt oder die pauschale Einstufung unserer Branche als Superspreader, stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Politik.

So ist es verständlich und sinnvoll, dass unsere Branche sich die gesetzlichen Grundlagen noch mal ganz genau anschaut.
Dona Carmen aus Frankfurt hat dazu eine sehr hilfreiche Auflistung gemacht.
In der Ausarbeitung setzen sie darauf,
was nicht ausdrücklich verboten ist, ist somit erlaubt.
Laut Dona Carmen sind Haus&Hotelbesuche in allen Bundesländern erlaubt, die den Verbot nicht ausdrücklich in ihre Verordnungen aufgenommen haben.
Diese Meinung ist nur zum Teil richtig.
Dazu muss man aber wissen, dass Gesetze und Verordnungen leider nie eindeutig sind.

Was raten wir als Berufsverband?
VORSICHT

Wie ist die Lage in einzelnen Bundesländen?

Wo ist jede Art von Sexarbeit explizit verboten?
BERLIN, BREMEN, HAMBURG, NRW, SAARLAND, SCHLESWIG-HOLSTEIN
Diese Bundesländer haben ihre Corona-Verordnungen demensprechend erweitert und neben dem Betrieb von Prostituionsstätten auch jede Art von Sexarbeit (laut ProstSchG) verboten

BADEN-WÜRTTEMBERG
Hier wird alles regional geregelt und Stuttgart, Karlsruhe und Baden-Baden haben in ihren Verordnungen explizit Sexarbeit verboten. Es soll in BW auch noch weitere Städte geben, die meinen sie hätten das verboten.
Gerade in Baden-Württemberg empfehlen wir keine Experimente.

 

Wo ist „eigenständige“ Sexarbeit erlaubt?

NIEDERSACHSEN
Haus&Hotelbesuche und auch Escortservice (Prostituionsvermittlung) ist erlaubt.
Hier das dementsprechende Gerichtsurteil.
Bitte bis Abschnitt 44 runterscrollen.
Da die Ordnungsbehörden oft von dem Beschluss nichts wissen, raten wir diesen auszudrucken und mitzuführen.
Am besten markiert ihr die Nr. 44 mit Textmarker.

MECKLENBURG-VORPOMMERN
Es läuft hier gerade eine Klage, die hoffentlich auf selber Regelungen wie in Niedersachsen hinauslaufen wird.

BAYERN
Haus- und Hotelbesuche außerhalb des Sperrbezirks sind nicht untersagt.
ABER: laut §23 dürfen die Kommunen eigene ergänzende Verordnungen erlassen,
z.B.  in Nürnberg ist Prostitution allgemein verboten
D.h.es gibt keine einheitliche Verpflichtung und man muss die Verordnung der betreffenden Kommune studieren.
Der Wortlaut der Antwortmail des StMPG ist:
„Gemäß § 11 Abs. 5 der Sechsten Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (5. BayIfSMV) sind Bordellbetriebe und vergleichbare Vergnügungsstätten geschlossen. Prostitutionshandlungen allgemein fallen nicht unter § 11 Satz Abs. 5 der 5. BayIfSMV, da dieser nur die Schließung von Bordellbetrieben und vergleichbaren Freizeiteinrichtungen regelt. Prostitutionshandlungen sind vielmehr als Dienstleistung mit Kundenverkehr anzusehen und unterfallen damit den Voraussetzungen des § 12 Abs. 2 i.V.m. § 12 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 und 4 der 6. BayIfSMV.
Prostitutionshandlungen in angemieteten Räumlichkeiten außerhalb des Sperrbezirks fallen folglich nicht unter § 11 Abs. 5 der 6. BayIfSMV. Ob die Tätigkeitsaufnahme nach anderen Vorschriften, insbesondere nach dem ProstSchG, untersagt ist, können wir nicht beurteilen, da dies nicht in unsere Zuständigkeit fällt.“

RHEINLAND-PFLAZ
Die geplante Öffnung, die auf ein Gerichtsurteil basierte, wurde ja wieder zurück genommen.
Die Klage, dass man ja sich nicht einfach so über ein Gerichtsurteil hinwegsetzen könne, wurde nun wegen Formfehlern abgewiesen.

In den anderen Bundesländern
scheitert die Sexarbeit am Abstandsgebot von 1,5m.
Auch wenn dies in einigen Bundesländern mittlerweile so „schwammig“ formuliert ist, dass wir da wahrscheinlich nicht mehr drunter fallen würden, raten wir vom Arbeiten ab. Die Verordnungen ändern sich allerdings täglich und somit auch auch die Abstandsregelungen.
Den aktuellen Stand erfahren Mitglieder immer in unserem Mitgliederforum.

Warum raten wir dort vom Arbeiten ab?

Die Ordnungsbehörden in den Bundesländern gehen davon aus, dass jede Sexarbeit verboten ist. Wer also beim Arbeiten erwischt wird, kommt in der Regel um den Gerichtsweg nicht umhin. Die Changen, den Prozess dann zu gewinnen sind hoch, aber das geht ja leider mit einem Komplettouting einher, denn klagen kann man ja nur mit dem Realnamen.
Wir vom BesD können gute Anwälte empfehlen, aber es gibt keine sichere Arbeitsgrundlage.

Auch sind in verschiedenen Städten Behördenmitarbeiter als sogenannte „Scheinfreier“ unterwegs.

Datenstand 26.6.2020

Als Sexarbeiterin habe ich in vielen Bereichen gearbeitet –  unter anderem in Bordellen, in Terminwohnungen, als Escort und als Porno- Darstellerin. Zurückgeblieben sind mehr schlechte als gute Erinnerungen.

Natürlich ist die Mehrheit der Kunden nicht gefährlich. Aber ein einziges traumatisches Erlebnis kann reichen, dass es einem den Boden unter den Füßen weg zieht.

Ich hab leider gelernt, dass es nicht nur in Billig-Bordellen zahlreiche gefährliche Kunden gibt, sondern auch beim Escort, also bei Haus- und Hotelbesuchen, sowie beim privaten Empfang. In meinem Fall waren es drei Erlebnisse, wo Gewalt vor Ort im Spiel war. Ich hab als Konsequenz meine Preise verdoppelt und mich als Escort selbstständig gemacht. Leider ist dann in meiner Anfangszeit wieder etwas vorgefallen, aber ich hatte nicht die Traute, den Mann anzuzeigen, weil ich nicht bei der Polizei als Prostituierte geoutet sein wollte. Das war ein Fehler. Außerdem musste ich lernen, dass solche negativen Ereignisse sowohl kurzfristig als auch erst viele Jahre später wirksam werden können.

Dass man körperlich und psychisch gesundheitlichen Schaden nehmen kann, der irreparabel ist.

Dies ist in meinem Fall passiert. Ich muss seit 7 Jahren und nun lebenslang Medikamente, starke Psychopharmaka, einnehmen, damit ich nicht durchdrehe,  das heißt psychotisch und arbeitsunfähig werde. Meine Nerven sind immer angespannt. 24 Stunden/7 Tage die Woche. Ich fühle mich, als ob ich die ganze Zeit auf Koks bin, dabei sind es die Psychopillen, die ich schlucken muss. Diese Manie hatte ich schon vor meiner ersten Psychose und als ich noch in der Sexarbeit tätig war. Ein Kunde fragte mich damals, ob ich Kokain konsumiere, weil meine Kerze an beiden Enden brennt.

Wenn ich abscheuliche Dinge lese, triggert es immer bei mir und ich brauche eine Weile, um mich wieder zu entspannen.

Dabei helfen mir Musik und gewisse Genussmittel, die ebenfalls gesundheitsschädlich sind. Ich bin nämlich seit 7 Jahren Kettenraucherin und meine Lunge extrem geschädigt. Noch 30% Lungenvolumen. Die vielen Stigmata – als Frau und Prostituierte, Kettenraucherin mit Psychiatrie-Erfahrung, Gewaltopfer – beschmutzen mich in gewisser Weise. Klar, dass man mit einer unbehandelten Psychose gelegentlich Amok gegen sich selbst läuft oder Schaden bei anderen verursachen kann. Das weiß auch die Gesellschaft, wie gefährlich Schizophrenie auch für andere sein kann, weshalb es sich mit solidarischer Unterstützung für Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung arg in Grenzen hält. Und ich habe auch schon sehr viel Ausgrenzung erlebt, wenn ich mich getraut habe, offen darüber zu sprechen. Allerdings will ich nicht schweigen.

Seit meinem Ausstieg aus der Sexarbeit bin ich weiterhin der Szene verbunden geblieben und arbeite seit mittlerweile 15 Jahren als politische Aktivistin für Rechte, Gesundheit und gute Arbeitsbedingungen für Sexworker.

Durch meine Arbeit als Autorin und Redakteurin für ein Erotik Portal werde ich täglich mit dem Thema Prostitution und den Erfahrungen meiner Kolleg:innen konfrontiert. Seit 9 Jahren administriere ich ein von mir aufgebautes Sexworker only-Forum mit mittlerweile mehr als 16.000 Sexworkern, davor habe ich bereits 2 Jahre das Sexworker Forum sexworker.at moderiert. Als Vorstandsmitglied des BESD-Berufsverbands und als Mitglied des Lenkungsausschusses bei TAMPEP setze ich mich heute auch gezielt politisch für die Rechte und bessere Arbeitsbedingungen für Sexworker ein. Ich stelle heute auf vielfältige Weise Ressourcen her, damit Sexworker und ihre Kunden informiert und aufgeklärt werden. Damit sichere und keine gefahrvollen Begegnungen die Regel sind.

Die Hemmschwelle, Tabubrecher unter den Kunden anzuzeigen ist hoch, insbesondere für jene Sexworker, die nicht als Prostituierte angemeldet sind.

Von den Fakern, die Escorts ins Blaue schicken, Online-Belästigungen und Grenzüberschreitern spreche ich erst gar nicht. Das ist der Normalzustand für viele Escorts. Doch auch Kunden die Gewalt ausüben, sexuell nötigen, oder vergewaltigen, müssen kaum mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Solche Kunden werden zwar für erneute Anfragen blockiert oder auf die Warnliste geschlossener Sexworker-Gruppen gesetzt, aber sie werden kaum angezeigt, da Sexworker oft in der schwächeren Verhandlungsposition sind.

Je privilegierter eine Sexarbeiterin ist, desto seltener wird sie Opfer von Grenzüberschreitung und Gewalt.

Selbstbewusste starke Persönlichkeiten treffen im Regelfall respektvolle Männer – das ist zumindest meine Lebenserfahrung. Als ich begonnen habe hohe Preise zu verlangen und nur noch Hotelbesuche im 4-5 Sterne Segment angeboten habe, ist mir persönlich nichts mehr passiert. Ich plädiere immer, dass die SSC-Regel (safe – sane – consensual) aus dem BDSM-Bereich auch im Vanilla-Bereich angewendet werden sollte. Vor jedem Date, vor allem in der Sexarbeit, sollten hohe Sicherheitsstandards gelten: ein mehrstufiges Kundenscreening per Telefon und Mail, Referenzen von anderen Sexworkern, ein Cover der oder die Bescheid weiß, wen man wo trifft.

Ich halte es für wichtig, sich in der Sexarbeit frühzeitig zu professionalisieren.

Täter suchen sich gerne weniger professionell auftretende Damen aus, die das „nur nebenbei“ machen. Hier vermuten die Täter nämlich Frauen, die illegal arbeiten und sich nicht wehren können und/oder wollen. Über dieses Risiko sollten sich alle „Hobbyhuren“, die ihre Unprofessionalität in ihrer Werbung hervorheben, im klaren sein. Aber das Risiko Gewalt ausgesetzt zu werden besteht auch sonst – dessen sollte man sich bewusst sein.

Jedes Opfer ist eines zuviel – deshalb müssen Sexworker insgesamt in eine stärkere Verhandlungsposition kommen und in ihren Rechten gestärkt werden.

Es kann nicht sein, dass Kunden, nur weil die das Geld haben, die Spielregeln bestimmen. Es kann nicht sein, dass Sexworker durch das „Prostituiertenschutzgesetz“, wie in Deutschland, oder durch ein Sexkaufverbot wie in Schweden, in ihren Rechten noch weiter beschränkt werden und damit noch größerer Gefahr ausgesetzt sind.  Zahlen über das Ausmaß von Gewalt in der Branche oder die Höhe der Zwangsprostituierten sind für mich persönlich nicht wirklich relevant  – es passiert und allein das zählt. Ich erkenne die vielfältige Realität der Sexarbeit an – und genau deshalb setze ich mich für eine Stärkung der Rechte von Menschen in der Branche ein und kämpfe gegen Verbotsphantasien rund um das schwedische Modell, die Sexworker in ihrer Entscheidungsfreiheit und Menschenrechten beschränken anstatt unterstützen wollen.

Dieser Text stammt aus der Feder der ehemaligen Sexarbeiterin Susanne, die unter anderem beim BesD e.V. als Vorstandsmitglied und in der Pressearbeit tätig ist. 

Persönlicher Brief an die Landespolitik in Rheinland-Pfalz
von Vorstandsmitglied des BesD, Nicole Schulze

Ich schreibe Ihnen heute mit drei Gefühlen, möchte Ihnen meine Gedanken zur o. g. Thematik
mitteilen und habe wichtige Fragen an Sie.

Meine Gefühle sind Wut, Angst und Enttäuschung.

Sie haben letzte Woche Freitag durch die 9. Coronaverordnung in RLP mitgeteilt, dass die Prostitution unter Auflagen ab dem 10. Juni 2020 wieder erlaubt sei.

Diese Nachricht hat mich und viele Frauen in RLP, die in diesem Bereich selbstbestimmt ihren Lebensunterhalt bestreiten, erfreut und erleichtert. Gleichzeitig gab es einen verstärkten Austausch von Betreibern, selbständigen Dienstleisterinnen, Werbeportalen uva., um die Umsetzung des Neustarts so korrekt wie nur möglich und im Einklang mit allen Vorgaben zu besprechen.

Die Not bei allen in dieser Branche ist sehr groß.

Sie selbst haben am Anfang der Krise Gelder zur Verfügung gestellt um diese Not zu lindern. Aber dieses Geld ist nun längst aufgebraucht. Sollte die Tätigkeit der Dienstleisterinnen und die Öffnung der Betriebe weiter verboten sein, benötigt es weitere dringende Unterstützung. Damit meine ich Hilfen für die soloselbständigen Einzelprostituierten, aber auch die Unterstützung für Betriebsstätten, denn diese ermöglichen vielen Frauen eine Arbeitsstätte. Ich stehe mit allen Beratungsstellen in Rheinland-Pfalz in Kontakt und wir vom Berufsverband unterstützen weiter über unseren Nothilfefonds, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Sexarbeiter und Bordellbetreiber unter hygienischen Bedingungen wieder öffnen können und sollten! Alle Argumente, die in den letzten Tagen GEGEN eine Wiedereröffnung des GESAMTEN Bereiches gesprochen haben, entbehren jeglicher nachweisbarer Grundlagen, Prüfungen, medizinischer Erhebungen oder anderen belastbaren Fakten sondern sind lediglich Annahmen einzelner!

Warum beschäftigt sich keiner wirklich mit unserer Branche?
Warum ermöglicht man uns nicht eine stufenweise Öffnung, so wie man das in anderen Bereichen gemacht hat und stellt somit eine bessere Beobachtung der Entwicklung sicher? Warum begrenzt man nicht die Arbeitszeiten oder die Zahl der Personen pro Quadratmeter, ähnlich wie im Einzelhandel? Im Übrigen sind unsere Nachbarn in Österreich und der Schweiz schon deutlich weiter und erlauben die gesamte Prostitution ab 15. Juni bzw. 01. Juli wieder, parallel auch zur Öffnung von Diskotheken, Clubs usw.

Die sexuelle Vielfalt in diesem Bereich ist riesengroß – dennoch findet keine Differenzierung statt. Sie reden immer nur von den Bordellen und werfen damit gleichzeitig alle in einen Topf! Es gibt die Dienstleister wie zum Beispiel die unberührbare Domina. Sie bietet keine sexuelle Dienstleistung MIT oder AN ihrem Körper an, ist immer bekleidet, hat weniger Körperkontakt als z. B. ein Masseur und arbeitet wie viele andere auch unter höchsten Hygienestandards! Warum darf Sie nicht unter Auflagen ihre Tätigkeit wieder aufnehmen?

Warum darf eine Frau, die alleine in ihrer Wohnung arbeitet, keine Kunden empfangen?
Warum darf eine Escort Frau keine Verabredungen für Haus- oder Hotelbesuche vereinbaren?

Wo ist da der Unterschied zwischen Online Dating Plattformen wie Tinder, C-Date u. ä.? Nur weil wir bezahlt werden?
Bitte bedenken Sie, dass professionelle Frauen in diesem Bereich viel achtsamer sind was Hygiene und ihre eigene Gesundheit angeht.

Es ist heute nicht mehr so, wie Ihre Vorstellung von Prostitution noch immer zu sein scheint.
Es gibt keinen Massenandrang, bei dem sich unzählige Männer über eine Frau hermachen. Eine sexuelle Dienstleistung ist in der Regel ein Treffen von zwei Personen, das in einer für in Zukunft gewollten sicheren Umgebung stattfindet!

Auch in Bordellen kann man eine Regelung treffen, dass ein Großbordell zum Beispiel anstatt mit 40 Frauen mit 10 Frauen startet. Termine werden direkt bei der Frau selbst gemacht und der Kunde wird an der Tür von seiner ausgewählten Dame empfangen und kann nicht wie normal durchs Haus laufen, sich an die Bar setzen usw. Die Kontaktdaten werden festgehalten.

Ich kann Ihnen nur aus meiner persönlichen, langjährigen und gut vernetzten Erfahrung mitteilen:
–  Die Frauen wollen arbeiten
–  Die Frauen wollen Hygienemaßnahmen umsetzen
–  Die Frauen können die Kontaktdaten aufnehmen!!!!
– Auch bei den Betreibern findet ein Umdenken statt und es herrscht große Zustimmung bei der Einhaltung von Hygieneregeln. Alles andere wäre doch geschäftsschädigend!

Vor allem aber wollen die Frauen nicht mehr ausgegrenzt werden!
Durch Ihre kurzfristige Entscheidung, dass die Prostitution jetzt doch nicht öffnen darf, haben Sie eine weitere Notlage geschaffen: Obwohl das Geld bei vielen bereits äußert knapp war, haben Frauen begonnen, Werbung zu schalten, sich Bahn/Bustickets gekauft, sich neue Kleidung zugelegt uva, in der Hoffnung ab dem 10.06. wieder Geld verdienen zu können.

Betreiber und andere Betriebsstätten haben alles in Bewegung gesetzt um pünktlich öffnen zu können, ihre Angestellten aus der Kurzarbeit zurückgeholt, Hygienevorsichtsmaßnahmen getroffen, Werbung geschaltet, Termine mit unzähligen Frauen koordiniert.

Schämen Sie sich nicht, einer Branche so eine Behandlung zuzumuten?
Was Sie damit gerade erreichen, ist ein verstärktes Gefühl und die Bestätigung der fortlaufenden Diskriminierung und die Aberkennung der Gleichberechtigung eines Berufsstandes! Viele Frauen werden sich nun noch mehr im Stich gelassen fühlen und ihrer Arbeit im Verborgenen nachgehen!! Das bereitet mir Sorge.

Ihre Begründung, das Ordnungsamt sei nicht in der Lage Bordelle zu überprüfen und zu kontrollieren? Ganz ehrlich, Razzien und Kontrollen können Sie immer durchführen um zu prüfen, ob Frauen angemeldet sind oder nicht. Aber bei Corona geht das auf einmal nicht mehr? Dann stellen Sie mehr Personal dafür ein. Das sind für mich keine Argumente eine ganze Branche lahmzulegen.

Ich stelle mich gerne zusammen mit anderen Damen aus der Branche zu Verfügung um mit Ihnen gemeinsam einen Weg zu finden, wie die sexuelle Dienstleistung unter Corona funktionieren kann und sollte.

Ich appelliere an Sie: lassen sie uns an einen Tisch setzen um vernünftige Ansätze und Lösungen finden.

Mit freundlichen Grüßen,
Nicole Schulze

Das erste Bundesland wollte bei den Corona-Lockerungen auch sexuelle Dienstleistungen miteinbeziehen – ab dem 10.Juni war in Rheinland-Pfalz eine Wiederaufnahme der Sexarbeit geplant. Dies ist nun jedoch zurückgenommen worden.

—> Hier die Infos des Landes Rheinland-Pfalz

Die Entwicklungen dazu und auch zu den anderen Bundesländern sind ein stetig sich wandelnder Prozess.
Aktuelle Infos finden Mitglieder unseres Verbandes immer im internen Forum.
Dort diskutieren wir auch und geben uns gegenseitig Ratschläge. Eine —> Mitgliedschaft lohnt sich also auf jeden Fall.

Das erste Bundesland sieht bei den Corona-Lockerungen auch sexuelle Dienstleistungen wieder vor. Ab dem 10.Juni darf in Rheinland-Pfalz wieder der Sexarbeit nachgegangen werden, und auch Bordelle und andere Prostitutionsstätten dürfen wieder öffnen – natürlich alles unter bestimmten Hygiene-Regelungen. In der neunten Corona-Bekämpfungsverordnung  (9. CoBeVO) vom 4. Juni 2020 findet sich in §6 Abs.1(2) folgender Text:

„Kann das Abstandsgebot nach § 1 Abs. 2 zwischen Personen im Einzelfall wegen der Art der Dienstleistung nicht eingehalten werden, gilt die Maskenpflicht nach § 1 Abs. 3, sofern die Art der Dienstleistung dies zulässt. Dienstleistungen im Bereich der Körperpflege, beispielsweise in Friseursalons, Fußpflegeeinrichtungen, Nagelstudios, Kosmetiksalons, Massagesalons, Tattoostudios, Piercingstudios und ähnlichen Einrichtungen, dürfen nur nach vorheriger Terminvergabe erbracht werden; es gilt zusätzlich die Pflicht zur Kontakterfassung nach § 1 Abs. 8 Satz 1. Für Dienstleistungen in Prostitutionsstätten, Bordellen und ähnlichen Einrichtungen gelten Absatz 1 und die Sätze 1 und 2 entsprechend.“

Jedoch darf Sexarbeit nicht in der gewohnten Art stattfinden.

Hier sind einige Punkte zusammengefaßt, die neue Grundlage sein werden:

  • bei Betreten der „Location“ Handdesinfektion (oder Händewaschen)
  • Personen, die nicht zur Einhaltung dieser Regeln bereit sind, ist der Zutritt zu verwehren
  • vorgeschriebener Lüftungszyklus
  • Kontaktdatenerfassung (eine gute Methode auch für einzeln arbeitende Kolleg*innen stellen wir demnächst vor)
  • Maskenpflicht oder 1,5m Abstand
  • alle Kontaktflächen sind regelmäßig mit einem fettlösenden Haushaltsreiniger zu reinigen oder  zu desinfizieren.
  • Händedesinfektionsmittel, Flüssigseife und Einmalhandtücher sind zur Verfügung zu stellen
  • in jeder Prostutionstätte muss es eine zuständige Person geben, die für die Umsetzung der Richtlinien zuständig ist

Das Wissen über Niesetikette und dass Menschen mit Erkältungssympthomen auf jeden Fall Zuhause bleiben sollten, setzen wir hier voraus.
Wir gehen davon aus, dass es selbstverständlich ist, Erotik-Toys nach der Benutzung zu desinfizieren und die Räume regelmäßig zu reinigen. Auch dies schreibt das Bundesland vor.

Hier die ausführlichen Hygienerichtlinien für Prostitutionsstätten in Rheinland-Pfalz, welche allerdings nun doch noch mal überarbeitet werden.
Man lehnt sich hierbei an das Infektionsschutzkonzept des Betreiberverbandes UEGD an.

Hier findet sich das Hygienekonzept des BesD als Empfehlung für einzeln tätige Sexarbeitende

        Wichtig ist zu wissen, dass Seife die Hülle des Corona-Virus aufbricht.
        Es muss also nicht immer Desinfektionsmittel sein.
        Infos dazu:
        https://www.agaplesion.de/magazin/artike…oeren-6654

Grundlage für die Lockerungsentscheidung in Rheinland-Pfalz war laut unseren Auskünften ein Verwaltungsgerichtsschluss auf Grund einer Klage von Betreibenden.

The story of an international whore in Pandemic Berlin – unten auch auf Deutsch

By Emma Pankhurst

I am wearing a coral necklace that I bought when I visited the town in Sicily where my father was born—the town from which he emigrated—when he was 3 years old.

I wear it to remind me of the strength my grandfather must have had to leave everything he knew behind. I have been “talking” to my grandfather a lot lately—not because I believe in angels, but because there is no one else in my life who knows what it is to immigrate from one place to a completely different place; and to find that shore—the streets of which one thought would be paved in gold—to be a dark and poverty-ridden mass of confusion.

My grandfather was a cabinetmaker, a man of incredible skill. When I was in Sicily and I saw pieces that he made, all by hand, I cried, they were so beautiful. One of the things that called my grandfather to America was the idea of living in a place where he could practice his craft in beautiful wood, freed from the extreme poverty of Sicily. What he found when he arrived in New York with his family was a home which, for many years, did not have running water.

In January, I left Boston, having spent a year researching what location had the resources and the legal framework for me to continue my career as a whore in safety and prosperity. I sought a promised land, a place where, if the streets were not paved with gold—well, they were paved with something better than the streets of Boston, which were paved with police officers and their informants.

My dream was to work in a bordello. (An upscale one, of course.) I know that sounds really strange to almost everyone. Whose dream is to work in a bordello? However, I have been an escort for 6 years in a place completely inhospitable to sex workers—and, for the last 2 years, under a crushing wave of intensified criminalization that made everything impossible. So, the possibility of working in a house filled with other women, staff, security buttons, adequate lubricant, and all the other protections encoded in German law sounded nothing short of utopic.

A ballet dancer by training, last year I choreographed about what was happening in my life, and what I hoped would be happening now. In the piece, a fox can’t find enough food and then is hunted. She gets put in a cage. Finally, in a burst of energy and desperation, the fox escapes the cage, runs as fast as she can, and eventually comes upon a land replete with food and green fields and sunshine where she can exist in the light of day, outside of the shadows, as her true self. I can’t think of a better metaphor of my life before and what I expected to find when I immigrated to Berlin.

I say that I “trafficked” myself to Berlin with a bit of sarcasm towards our friends on the right. Indeed, I did, if the definition of “trafficking” is to move a person from one place to another, across international borders, with the intention of selling that person for sex. (Of course, most of us whores say that we sell our time and our beauty, not ourselves; additionally, the definition of trafficking requires that it be against the person’s will, so not a perfect analogy.) But this is no modern-day slavery that I am engaged in. I chose this career. It was out of economic necessity at the beginning—I became a prostitute was because I am an artist, and artists don’t make any money in the US, but I refused to stop dancing. So, as a viable financial alternative, I turned to escorting. However, almost immediately, I felt I had found my calling. I enjoyed it. Finally, my 17 years of professional ballet training and my college degree were not wasted. My elegance of movement, my posture, my ability to converse intelligently and to relate to and find the good in almost any human being; the ability to engage them, emotionally and physically, and to relieve them of the burden of everyday life, if only for an hour—this was clearly the thing that I was put on this earth to do.

After only one month in Germany, I had all the paperwork to apply for my work visa. It was a small miracle. Everyone said it would take much longer. After an extraordinary ordeal at the foreigner’s office that began by waking up at 1:30 in the morning and then waiting 11 hours for my turn, I left triumphant. Victorious! Right away, I registered as a prostitute.  I was one of the last people in either office before they were closed.

It was a stroke of extraordinary good fortune. Proof of my dedication to my dream, and that I had not come here in vain.

And then, the nightmare:

That same day, prostitution was unilaterally criminalized throughout Germany due to the pandemic.

When trying to explain to my flat mate why I had moved to a foreign country with almost nothing in my bank account and thought everything would be ok, I told her: “Wherever I go, I’ve always been able to make money almost immediately.” If you know the right advertising sites for that country and you put up an ad, a woman like me can make €2,000 in a day quite easily. All you need is somewhere indoors to work and enough money to put the ad up in the first place. So, I’ve been fine. Up until the now. Now, most clients don’t want to see you—not in “Corona times.” I don’t think any of us who are currently working are doing so for the hell of it, or, “You know, whatever, this is just what I do.” The people who are working right now—myself included—are terrified. We’re working because they want to eat and want to feed our children. Whores have fought for their right to feed themselves and their children for hundreds of years, to no avail—except for places like Germany. Which is why I’m here.

And this is why I have become absolutely despondent.

You see, I left everything behind to come here. I had a partner. He’s a wonderful man. (We needed a break.) I had two cats, who I loved more than him. We rented a beautiful house. We had a garden that was almost as big as the house, where I grew eight different kinds of heirloom poppies every summer.

I gave all that up because of the unendurable burden of living as a hunted animal, and the dream of living outside the shadows, my face to the sun.

My housemates listen to my sobbing in silence, knowing there’s nothing they can do about the shocking dystopia I find myself in.

In Boston, I saw some things that I will never be able to heal my mind from. There is simply no forgetting a woman weeping as she describes being raped by a client and then making what in Boston is the unbelievably brave decision to not shower, go immediately to the police, identify the man, and give them all of his information and hers. She was not arrested or re-raped by those particular police officers on that particular day, although this is common; but she was laughed out of the precinct.

It gets worse.

There is an acronym that I learned while working in activism and learning entirely too much about the inner workings of law enforcement. It is “NHI”: No Humans Involved—and it’s commonly used by police when a crime is committed where the victim was a prostitute.

This is what happens under criminalization.

When researching where to move, I toured Paris and Berlin and was astonished when it occurred to me that, if anything went wrong with a client, I could simply pick up my phone and call the police. It had literally never occurred to me, in 4 years of working in Boston, that a place existed where the police would not only not pose an imminent danger to my body and my liberty, but actually give a fuck. The revelation knocked me off my feet. Literally. I had to sit down.

Flash forward: Berlin, March 2020:

Warnings emerge online, in our chats, on social media: The police are doing stings, targeting women who are still desperate enough to be working, despite the ban, and there seem to be no rules. (Because Germany has legalized prostitution for over 2 decades, there is no precedent for this, so maybe no rules exist.) Police officers are posing as clients and tricking women into meeting with them, only to reveal (at some point during the course of a date with an escort; at which point is, evidently, up to the officer and his personal preferences) that he is a cop, at which point he fines them up to €5,000.

Everyone began to panic. Friends who, mere weeks ago, were some of the most high-functioning people I had ever met, running multiple sex work businesses simultaneously while also engaging in various other forms of art (the classic Berlin ingenue) are now bedridden with depression. And these are German citizens, who have the full advantages of the German social safety net. I (and many others) do not.

Sex workers are often indelibly bonded to their work in a way that most people can’t relate to. (This might be one of many reasons that we are so poorly understood—especially those of us who choose this work.) Perhaps it’s because our profession—whether we chose it or it was imposed upon us—often becomes a core part of our identity, precisely because we are so marginalized that we have to insist on existing, insist on doing sex work, despite everyone telling you not to (and always getting killed in the movies and in the news—a dangerous over-representation). So, when you deprive sex workers of their work, not only do you remove the livelihood, you also deprive them of a tenet of their self-image; and, in my case, a portion of their self-respect. (I am good at what I do. I love what I do.)

Of course, needing to work to give you purpose and a sense of self-worth and not being able to because of the pandemic is not a problem exclusive to us; however, there is a very important distinction: Sex work is a net that catches people when no other net for them exists, no other structure has supported them: Women, POC, immigrants, mothers, queer, trans people who are reviled everywhere else but sought after as sex workers for their uniqueness. People (like me) who are just too deeply unusual to survive in any other part of the economy. There is a fissure in the social fabric for us. Sex work is what happens when we—who, in society, have so little power—discover that our sexuality is power.

Remove the right to work from a whore, and bad things happen to us.

And yet, even as Germany eases into re-opening, over and over we are being told—by the government, by the organizations that fight for us, even by our ad platforms: “Move online. Do things virtually. Do cam sex. Make porn clips. We don’t know when this is going to end, but it’s going to be a long time before you can work again.”

You can imagine the hopelessness this engenders. The failure of our institutions to see us, to respond to the gravity of our situation. German sex workers thought they had equal protection under the law, like all other workers. What we see now is that this is not true. There are no press releases, no statements—just a deafening silence. It appears that we have simply become invisible, as I was in the US.

This realization—when it comes—is like a brick falling on your head: No one has your back. You are completely alone except for your community, and your community is falling apart, their mental health shredding, worsening by the day.

The German government has given us no firm date when we may legally work and no plan for re-opening our industry.

For me, it was not a learning that no one had my back, but a re-learning. A horrible discovery that criminalization is possible anywhere.

And when you are a criminal, you have no right to anything at all.

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Die Geschichte einer internationalen Prostitutierten, im Pandemiegebiet Berlin

Von Emma Pankhurst

Ich trage eine Korallenhalskette, die ich gekauft habe, als ich die Stadt in Sizilien besuchte, in der mein Vater geboren wurde – die Stadt, aus der er ausgewandert ist – als er 3 Jahre alt war.

Ich trage sie, um mich an die Kraft zu erinnern, die mein Großvater gehabt haben muss, um alles, was er kannte, zurückzulassen. Ich habe in letzter Zeit viel mit meinem Großvater „geredet“ – nicht, weil ich an Engel glaube, sondern weil es in meinem Leben niemanden gibt, der weiß, was es heißt, von einem Ort zu einem völlig anderen Ort zu immigrieren; und herauszufinden, dass dieses Ufer – die Straßen, von denen man dachte, sie seien mit Gold gepflastert – eine dunkle und von Armut geprägte Masse von Verwirrung ist.

Mein Großvater war Möbeltischler, ein Mann mit unglaublichen Fähigkeiten. Als ich in Sizilien war und Stücke sah, die er ganz von Hand anfertigte, weinte ich, denn sie waren so schön. Eines der Dinge, die meinen Großvater nach Amerika riefen, war die Idee, an einem Ort zu leben, wo er sein Handwerk in schönem Holz ausüben konnte, befreit von der extremen Armut Siziliens. Was er vorfand, als er mit seiner Familie in New York ankam, war ein Haus, das viele Jahre lang kein fließendes Wasser hatte.

Im Januar verließ ich Boston, nachdem ich ein Jahr lang recherchiert hatte, welcher Ort die Ressourcen und den rechtlichen Rahmen hatte, damit ich meinen Weg als Sexarbeiterin in Sicherheit und Wohlstand fortsetzen konnte. Ich suchte ein gelobtes Land, einen Ort, an dem die Straßen, wenn sie nicht mit Gold gepflastert waren, wenigstens mit etwas Besserem gepflastert waren als die Straßen von Boston, die mit Polizisten und ihren Informanten gepflastert waren.

Mein Traum war es, in einem Bordell zu arbeiten. (Einem gehobenem natürlich!) Ich weiß, das klingt für fast jeden wirklich seltsam. Wessen Traum ist es, in einem Bordell zu arbeiten? Ich war jedoch sechs Jahre lang Escort in einem, für Sexarbeiterinnen völlig unwirtlichen Ort – und in den letzten zwei Jahren unter einer erdrückenden Welle verschärfter Kriminalisierung, die alles unmöglich machte. Die Möglichkeit, in einem Haus zu arbeiten, das mit anderen Mädchen, Personal, Sicherheitsknöpfen, ausreichendem Gleitmittel und all den anderen Schutzvorkehrungen gefüllt ist, die im deutschen Recht kodiert sind, klang also geradezu utopisch.

Als ausgebildete Balletttänzerin entwarf ich letztes Jahr darüber eine Choreographie, was in meinem Leben passierte und was ich mir erhoffte, was jetzt passieren würde. In dem Stück kann eine Füchsin nicht genug Nahrung finden und wird dann gejagt. Sie wird in einen Käfig gesteckt. Schließlich, in einem Anfall von Energie und Verzweiflung, entkommt die Füchsin aus dem Käfig, rennt so schnell sie kann und kommt schließlich in ein Land voller Nahrung, grüner Felder und Sonnenschein, wo sie im Licht des Tages, außerhalb der Schatten, als ihr wahres Selbst existieren kann. Ich kann mir keine bessere Metapher für mein Leben davor vorstellen und für das, was ich erwartete, als ich nach Berlin einwanderte.

Ich sage, mit ein wenig Sarkasmus gegenüber unseren Freunden auf der rechten Seite, dass ich mich nach Berlin „eingeschleust“ habe. In der Tat habe ich das getan, wenn die Definition von „Menschenhandel“ darin besteht, eine Person von einem Ort zum anderen zu bringen, über internationale Grenzen hinweg, mit der Absicht, diese Person für Sex zu verkaufen (natürlich sagen die meisten von uns Sexarbeiterinnen, dass wir unsere Zeit und unsere Schönheit verkaufen, nicht uns selbst; außerdem verlangt die Definition von Menschenhandel, dass er gegen den Willen der Person erfolgt, also keine perfekte Analogie). Aber das ist keine moderne Sklaverei, die ich betreibe. Ich habe diese Karriere gewählt. Am Anfang war es aus wirtschaftlicher Notwendigkeit – ich wurde Prostituierte, weil ich Künstlerin bin und Künstler in den USA kein Geld verdienen, aber ich weigerte mich, mit dem Tanzen aufzuhören. Also wandte ich mich als eine brauchbare finanzielle Alternative dem Escorting zu. Doch fast sofort hatte ich das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben. Es machte mir Spass. Schließlich waren meine 17 Jahre professionelle Ballettausbildung und mein College-Abschluss nicht verschwendet. Meine Eleganz in der Bewegung, meine Körperhaltung, meine Fähigkeit, mich intelligent zu unterhalten und mich auf fast jeden Menschen zu beziehen und das Gute in ihm zu finden; die Fähigkeit, mit ihm emotional und körperlich zu interagieren und ihn von der Last des Alltags zu befreien, sei es auch nur für eine Stunde – das war eindeutig das, wofür ich auf diese Erde gebracht wurde.

Nach nur einem Monat Aufenthalt in Deutschland hatte ich den ganzen Papierkram, um mein Arbeitsvisum zu beantragen. Es war ein kleines Wunder. Alle sagten, es würde viel länger dauern. Nach einer außergewöhnlichen Tortur in der Ausländerbehörde, die damit begann, dass ich um 1.30 Uhr morgens aufwachte und dann 11 Stunden wartete, bis ich an der Reihe war, ging ich triumphierend weg. Siegreich! Sofort meldete ich mich als Prostituierte an.  Ich war eine der letzten Personen in beiden Büros, bevor sie geschlossen wurden.

Es war ein außerordentlicher Glücksfall. Ein Beweis für meine Hingabe an meinen Traum und dafür, dass ich nicht umsonst hierher gekommen war.

Und dann der Alptraum:

Am selben Tag wurde die Prostitution aufgrund der Pandemie in ganz Deutschland einseitig kriminalisiert.

Als ich versuchte, meiner Mitbewohnerin zu erklären, warum ich in ein fremdes Land gezogen war und fast nichts auf meinem Bankkonto hatte und dachte, es würde alles in Ordnung sein, sagte ich ihr: „Wohin ich auch gehe, ich habe immer fast sofort Geld verdienen können.“ Wenn man die richtigen Werbeseiten des Landes kennt und eine Anzeige aufgibt, kann eine Frau wie ich ganz leicht 2.000 Euro an einem Tag verdienen. Alles, was man braucht, ist ein Ort, an dem man arbeiten kann, und genug Geld, um die Anzeige überhaupt zu schalten. Also, mir ging es bisher gut. Bis jetzt. Jetzt wollen die meisten Kunden dich nicht mehr sehen – nicht in der „Corona-Zeit“. Ich glaube, keiner von uns, die zurzeit arbeiten, tut das aus Jux und Tollerei, oder: „Weißt du, was auch immer, das ist einfach das, was ich tue“. Die Menschen, die im Moment arbeiten – einschließlich mir selbst – sind verängstigt. Wir arbeiten, weil wir essen wollen und unsere Kinder ernähren wollen. Seit Hunderten von Jahren kämpfen Huren für ihr Recht, sich und ihre Kinder zu ernähren, aber ohne Erfolg – außer in Deutschland. Deshalb bin ich hier.

Und deshalb bin ich absolut mutlos geworden.

Die Sache ist die, ich habe alles zurückgelassen, um hierher zu kommen. Ich hatte einen Partner. Er ist ein wunderbarer Mann. (Wir brauchten eine Pause.) Ich hatte zwei Katzen, die ich sogar mehr liebte als ihn. Wir mieteten ein wunderschönes Haus. Wir hatten einen Garten, der fast so groß war wie das Haus, in dem ich jeden Sommer acht verschiedene Arten von Erbmohn anbaute.

All das gab ich auf wegen der unerträglichen Last, als gejagtes Tier zu leben, und wegen des Traums, außerhalb des Schattens zu leben, mit dem Gesicht zur Sonne.

Meine Mitbewohner hören schweigend meinem Schluchzen zu und wissen, dass sie nichts gegen die schockierende Dystopie tun können, in der ich mich befinde.

In Boston habe ich einige Dinge gesehen, die meine Seele nie verarbeiten wird. Es ist einfach nicht zu vergessen, wie eine Frau weint, während sie beschreibt, von einem Klienten vergewaltigt worden zu sein, und dann in Boston die unglaublich mutige Entscheidung trifft, nicht zu duschen, sofort zur Polizei zu gehen, den Mann zu identifizieren und ihnen all seine und ihre Informationen zu geben. Sie wurde an diesem Tag nicht von diesen speziellen Polizeibeamten verhaftet oder erneut vergewaltigt, obwohl dies üblich ist; aber sie wurde in dem Revier ausgelacht.

Es wird noch schlimmer.

Es gibt eine Abkürzung, die ich gelernt habe, als ich im Aktivismus gearbeitet und viel zu viel über die inneren Abläufe der Strafverfolgung gelernt habe. Es lautet „NHI“: No Humans Involved – und es wird üblicherweise von der Polizei verwendet, wenn ein Verbrechen begangen wird, bei dem das Opfer eine Prostituierte war.

Das ist es, was unter Kriminalisierung geschieht.

Als ich recherchierte, wo ich hinziehen sollte, reiste ich durch Paris und Berlin und war erstaunt, als mir einfiel, dass ich, wenn mit einem Kunden etwas schief gehen würde, einfach zum Telefon greifen und die Polizei rufen könnte. In den vier Jahren, in denen ich in Boston gearbeitet habe, war ich buchstäblich nie auf die Idee gekommen, dass es einen Ort geben könnte, an dem die Polizei keine unmittelbare Gefahr für meinen Körper und meine Freiheit darstellt, oder sich einen Dreck darum schert. Die Erkenntnis warf mich von den Füßen. Buchstäblich. Ich musste mich hinsetzen.

Vorausblende: Berlin, März 2020:

Warnungen tauchen online auf, in unseren Chats, in sozialen Medien: Die Polizei verübt Sting-Operationen, die auf Frauen abzielen, die immer noch verzweifelt genug sind, trotz des Verbots zu arbeiten, und es scheint keine Regeln zu geben. (Da in Deutschland die Prostitution seit über 2 Jahrzehnten nicht mehr sittenwidrig ist, gibt es dafür keinen Präzedenzfall, also gibt es vielleicht keine Regeln). Polizeibeamte geben sich als Kunden aus und tricksen Frauen aus, um sich mit ihnen zu treffen, nur um dann irgendwann im Laufe eines Dates mit einer Escort zu enthüllen; zu welchem Zeitpunkt dies geschieht, ist offensichtlich dem Beamten und seinen persönlichen Vorlieben überlassen, zu welchem Zeitpunkt er sie mit einer Geldstrafe von bis zu 5.000 Euro belegt.

Alle gerieten in Panik. Freunde, die noch vor wenigen Wochen zu den funktionstüchtigsten Menschen gehörten, die ich je kennen gelernt hatte, die gleichzeitig mehrere Geschäfte mit Sexarbeit betrieben und sich gleichzeitig mit verschiedenen anderen Formen der Kunst beschäftigten (die klassische Berliner Genialität), sind jetzt wegen Depressionen ans Bett gefesselt.

Und dies sind deutsche Staatsbürger, die im Gegensatz zu mir und vielen anderen die vollen Vorteile des deutschen Sozialversicherungsnetzes haben.

Sexarbeiterinnen sind oft auf eine Art und Weise unauslöschlich an ihre Arbeit gebunden, die für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar ist. Dies könnte einer von vielen Gründen sein, warum wir so schlecht verstanden werden – besonders diejenigen von uns, die sich für diese Arbeit entscheiden. Vielleicht liegt es daran, dass unser Beruf – ganz gleich ob wir ihn gewählt haben oder ob er uns aufgezwungen wurde – oft zu einem Kernbestandteil unserer Identität wird, gerade weil wir so an den Rand gedrängt werden, dass wir darauf bestehen müssen, zu existieren, darauf bestehen müssen, Sexarbeit zu machen, obwohl alle sagen, man solle es nicht tun (und immer wieder in den Filmen und in den Nachrichten getötet werden – eine gefährliche Überrepräsentation). Wenn man also Sexarbeiterinnen ihrer Arbeit beraubt, entzieht man ihnen nicht nur den Lebensunterhalt, sondern auch einen Teil ihres Selbstverständnisses; und in meinem Fall auch einen Teil meiner Selbstachtung. Ich bin gut in dem, was ich tue. Ich liebe, was ich tue.

Natürlich ist das Bedürfnis, arbeiten zu müssen, um sich einen Sinn und ein Selbstwertgefühl zu geben und wegen der Pandemie nicht dazu in der Lage zu sein, kein Problem, das nur uns betrifft; es gibt jedoch einen sehr wichtigen Unterschied: Sexarbeit ist ein Netz, das Menschen auffängt, wenn kein anderes Netz für sie existiert, keine andere Struktur sie unterstützt hat: Frauen, POC, Immigranten, Mütter, queere Menschen, wie Schwule, Transsexuelle, die überall sonst verunglimpft werden, aber als Sexarbeiterinnen wegen ihrer Einzigartigkeit gesucht werden. Menschen wie ich, die einfach zu sehr ungewöhnlich sind, um in einem anderen Teil der Wirtschaft zu überleben.  Für uns gibt es einen Riss im sozialen Gefüge. Sexarbeit ist das, was passiert, wenn wir – die wir in der Gesellschaft so wenig Macht haben – entdecken, dass unsere Sexualität Macht ist.

Nimmt man einer Hure das Recht auf Arbeit, dann passieren uns schlimme Dinge.

Und doch, zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland sich langsam wieder öffnet, werden wir immer wieder von der Regierung, von den Organisationen, die für uns kämpfen, und sogar von unseren Werbeplattformen aufgefordert: „Bewegen Sie sich online. Machen Sie es virtuell. Machen Sie Cam-Sex. Machen Sie Pornoclips. Wir wissen nicht, wann das enden wird, aber es wird noch lange dauern, bis Sie wieder arbeiten können.“

Stell dir vor, welche Hoffnungslosigkeit dies mit sich bringt. Das Versagen unserer Institutionen, uns zu sehen, auf den Ernst unserer Situation zu reagieren. Die deutschen Sexarbeiterinnen dachten, dass sie den gleichen Schutz durch das Gesetz hätten, wie alle anderen Arbeiterinnen. Was wir jetzt sehen, ist, dass dies nicht stimmt. Es gibt keine Pressemitteilungen, keine Erklärungen – nur ohrenbetäubendes Schweigen. Es scheint, dass wir einfach unsichtbar geworden sind, so wie ich in den USA war.

Diese Erkenntnis – wenn sie kommt – ist wie ein Ziegelstein, der einem auf den Kopf fällt: Niemand steht hinter dir. Du bist völlig allein, außer deiner Gemeinschaft, und deine Gemeinschaft bricht auseinander, ihre psychische Gesundheit wird zerfetzt und verschlechtert sich von Tag zu Tag.

Die deutsche Regierung hat uns kein festes Datum genannt, an dem wir legal arbeiten dürfen, und keinen Plan für die Wiedereröffnung unserer Industrie.

Für mich war es kein Lernen, dass mir niemand den Rücken freihält, sondern ein erneutes Lernen. Eine schreckliche Entdeckung, dass Kriminalisierung überall möglich ist.

Und Kriminelle haben überhaupt kein Recht auf irgendetwas.

Eine Aktion der Sexarbeiterin Ruby Rebelde
Auf ihrer Webseite findet sich auch der vollständigen Offenen Brief -> mademoiselleruby.com/offener-brief/


Liebe Antilopen Gang,

mein Name ist Ruby, ich bin intersektionelle Feministin und aktive Sexworkerin. Ich wende mich an Euch als unabhängige Sexarbeits-Aktivistin und weil ich Eure Musik mag. Mit großer Erschütterung habe ich festgestellt, dass Ihr Huschke Mau, die sich in Deutschland massiv für die Abschaffung von Sexarbeit und damit für eine Repression von Sexualität einsetzt sehr viel Raum und Sichtbarkeit eingeräumt habt. Erst im Februar habe ich Euer Konzert besucht und hatte so viel Spaß. Umso mehr möchte ich Missverständnisse ansprechen, die mit der Person Huschke Mau und ihren politischen Positionen verbunden sind. Ich hege die Hoffnung, dass Euch, wie vielen anderen diese Punkte auf die ich gleich eingehen werde, nicht bewusst waren. Bitte nehmt diesen Offenen Brief zum Anlass, zu überdenken, ob Ihr wirklich nur einer einseitigen Meinung auf das komplexes Thema Sexarbeit eine Plattform bieten wollt? Für einen inklusiven Feminismus und Achtung der Menschenrechte Huschke Mau solidarisiert sich in ihrem Text, den ihr an den Schluss Eures Videos „Kleine, miese Type“ gestellt habt scheinbar mit Kolleginnen, die Oliver Pocher zuvor zwangsgeoutet hat. Doch gleichzeitig nutzt sie den Raum dafür ein Sexkaufverbot zu fordern, eine „Welt ohne Prostitution“. Für Tausende Sexarbeiterinnen ist die Selbstdarstellung von Huschke Mau als Aktivistin für Frauenrechte ein Schlag ins Gesicht. Für noch mehr Menschen, die einen inklusiven Feminismus vertreten, der die Rechte von LGBTQIA*Personen respektiert, ebenso.

Es gibt bereits einige Länder, z.B. Kanada und Frankreich in denen ein Sexkaufverbot gilt. Es heißt: Die Sexarbeiterinnen würden nicht bestraft, sondern „nur“ die Kundinnen von sexuellen Dienstleistungen. Doch wie sieht die Realität in diesen Ländern aus? Jeder, der Sexarbeitende dort unterstützt, egal ob Eltern, Freundinnen, Partnerinnen, Dienstleisterinnen macht sich der „Förderung der Prostitution“ oder gar der Zuhälterei schuldig. Beispiele? Sexarbeiterin möchte eine private Wohnung mieten: Nein, das ist ein „Sittenwidriges Bordell“.
Sexarbeitende Person hat ein Kind: Es kann ihr entzogen werden, weil sie keinen „moralisch einwandfreien Lebenswandel“ vorweisen kann!
Sexarbeitende bezahlt ein Taxi: Vorschub der Prostitution!
Es geht soweit, dass Unterstützungsorganisationen kein Bankkonto eröffnen dürfen um Fördermittel zu empfangen. Es ist eine furchtbare Stigmatisierung, die dort gesetzlich verankerte Realität ist.

Ein Sexkaufverbot schafft Sexarbeit nicht ab, denn die Kolleginnen arbeiten weiter, nur eben in der Grauzone, ohne Unterstützung, schützende Gesetze und Rechte.

Ergo, es verschlimmert die Situation der Sexarbeitenden und das ist schon lange bekannt. Die Forderung nach Sexkaufverbot in der Corona-Krise Gerade jetzt in der Corona – Pandemie sind die Befürworterinnen eines Sexkaufverbotes in Deutschland besonders laut.
Wir Sexarbeitenden sind seit 14.03. mit Berufsverbot zur Eindämmung des Corona-Virus belegt und daher vollkommen damit beschäftigt halbwegs unbeschadet durch diese Krise zu kommen. Aktivistinnen wie Huschke Mau nutzen diese Situation schamlos aus, um ihre Forderung Sexkaufverbot zu platzieren. Dabei scheuen sie auch nicht davor zurück, Sexarbeitende vor ihren ideologischen Karren zu spannen, deren Existenzgrundlage sie sonst bekämpfen. Mit Aktivistinnen wie Mau können wir Sexarbeiterinnen uns nicht einmal auf den Begriff unserer Tätigkeit einigen. Für sie ist Prostitution Vergewaltigung, doch wir fordern „Sexarbeit ist Arbeit – Respekt!“ Statt von Prostitution sprechen wir von Sexarbeit um den Arbeitscharakter unseres Berufs zu betonen und Anerkennung statt Verbote zu fordern.
Wollt ihr wirklich Leute pushen, die gegen Transpersonen, Migrantinnen und gegen die Selbstbestimmung der Frau agieren? Huschke Mau steht für einen Feminismus, der ausgrenzt und verbietet. In der Welt von Mau und Co wird gegen Transpersonen gehetzt, sie nehmen in Kauf, dass in Ländern mit Sexkaufverbot dieses dazu instrumentalisiert wird, Migrantinnen abzuschieben und Menschen mit nicht-synchroner Sexualität zu diskriminieren.
Wenn ich Euer musikalisches Schaffen und Eure Texte betrachte, kann ich nicht glauben, dass Ihr als Antilopen Gang Position gegen Frauenrechte bezieht? Ich glaube nicht, dass Euch TransPersonen gleichgültig sind, und ihr die Repression von Sexualität fördern möchtet. Ich denke: Euch ging es wie vielen, denen die Botschaft von Huschke Mau auf den ersten Blick unterstützenswert erscheint. Doch ihre Botschaft ist rassistisch, diskriminierend und moralistisch. Was könnt Ihr als Antilopen Gang tun? Ich und andere Sexarbeiterinnen, sowie viele Organisationen sind bereit, mit Euch zu diskutieren. Ich fände es schlimm, wenn bei Euren Fans und anderen Menschen der Eindruck entsteht, Ihr wärt gegen uns. Bitte redet mit uns statt über uns uns.

Es grüßt Euch, Ruby Rebelde

Begründung

Ein Sexkaufverbot in Deutschland? Wir sind entschieden dagegen.

Ein Sexkaufverbot in Deutschland hieße die Menschenrechte mit Füßen zu treten, Tausende Sexworker zu entmündigen und ihre potentielle Verarmung in Kauf zu nehmen. Sexarbeitende haben ein Recht auf freie Berufswahl, egal ob Moralistinnen dies anerkennen können, oder religiöse Fanatikerinnen ihnen dies zugestehen. Ich bin nicht allein mit dieser Sichtweise, in Forschung und Beratung haben die Sexarbeiter*innen in Europa starke Verbündete wie Amnesty International, Deutsche Aidshilfe, STI-Gesellschaft und viele mehr, die seit Jahre fordern Rechte statt Rettung. Sie treten ein für eine Entkriminalisierung und Anerkennung der Sexarbeit.

Die Forderung nach Sexkaufverbot entbehrt nicht nur jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, sie beruht auch auf verdrehten Zahlen. Es wird unterstellt, dass es viel mehr Opfer von Zwangsprostitution geben würde als Menschen, die aus den gleichen Gründen in der Sexarbeit tätig sind, wie andere ihrem Broterwerb nachgehen, nämlich um Geld zu verdienen. Die Zahlen, die Huschke Mau vorgibt zu kennen, die gibt es nicht und kann es aufgrund der komplexen Zusammensetzung der Branche auch nicht geben. Hantieren die Befürworter*innen des Sexkaufverbots also mit Zahlen ist Vorsicht geboten. Verweisen sie auf Studien, handelt es sich um grobe Vereinfachungen und die Ergebnisse sind bereits mehrfach von renommierten Forschenden entkräftet worden. Es hindert unsere Gegnerinnen nicht daran, jene Forschenden mit dem Generalvorwurf „Zuhälterlobby“ zu überziehen. Mau und Co. argumentieren in einem geschlossenen System und sind keinerlei faktischen Argumenten zugänglich. Ihr Ziel ist einzig und allein die Durchsetzung ihrer politischen Agenda.

Wenn Ihr diese Petition/Offenen Brief unterschreibt, appelliert Ihr an die Antilopen Gang Ihre Haltung zum Thema Sexkaufverbot zu überdenken. Statt Verbote fordert Ihr Recht für Sexarbeitende. Ihr tretet damit für Differenzierung statt Vereinfachung des komplexen Themas Sexarbeit ein und achtet die Menschenrechte der Sexarbeiter*innen. Seid Ihr auch für einen inklusiven Feminismus ohne Diskriminierung? Fordert Ihr die Entkriminalisierung der Sexarbeit? Bedeuten Euch Menschenrechte etwas? Seid Ihr auch gegen sexuelle Repression und beschränkten Moralismus? Ist Euch Differenzierung wichtiger als Argumente im geschlossenen System?

Dann setzt Eure Unterschrift unter dieses Anliegen und tretet dafür ein, unserem Anliegen mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit zu verleihen.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung,
Ruby Rebelde aus Berlin


Hier Pedtition unterschreiben

Wer sind wir?

Wir sind eine Gruppe von Tänzer*innen, die neben- oder hauptberuflich im Bereich erotische Dienstleistung tätig sind und unseren Hauptarbeits- und Wohnsitz in Berlin haben. Mit dem BSC wollen wir ein Unterstützungsnetzwerk für Stripper*innen aufbauen und den Austausch unter Kolleg*innen fördern. Bisher sind die meisten von uns Migrant*innen, die schon in verschiedenen europäischen Städten gearbeitet haben. Bei der Gründung des BSC haben wir uns vom Erfolg des –> East London Strippers Collective inspirieren lassen – übrigens teilen wir auch ein Gründungsmitglied mit den englischen Kolleg*innen.

Warum haben wir uns zusammengeschlossen?

Die persönlichen Hintergründe, die Kolleg*innen in diesem Bereich mitbringen, sind vielfältig: Da gibt es die Studentin aus Süddeutschland, die ihre frivole Seite ausleben und dabei ihre Rechnungen zahlen möchte. Da ist die Künstlerin aus Australien, die sich durch das Strippen ihren Freiraum für andere Projekte finanziert. Die Ur-Berlinerin, die unter der Woche eine Ausbildung als Bürokauffrau macht und am Wochenende im Stripclub arbeitet, um ihr Einkommen aufzustocken. Die junge Mutter aus Rumänien, die jeden Monat ihre Einnahmen nach Hause schickt, um ihre Familie zu unterstützen.

Wir sind alle unterschiedlich, doch wir haben auch viel gemeinsam: Als Sexarbeiter*innen werden wir gerne von der Gesellschaft übersehen oder von den Medien in schlechtem Licht dargestellt. Viele von uns müssen ihre Arbeit im privaten Umfeld verstecken.

Leider ist der Austausch unter den Tänzer*innen in der Berliner Striptease-Szene bisher gering. Mit dem BSC wollen wir das ändern! Jeder und jedem von uns kann das Gefühl von Gemeinschaft, Solidarität und Unterstützung untereinander helfen. Indem wir uns austauschen und zusammen halten, können wir unsere Stimme in der Gesellschaft hörbar machen und für die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen und die Akzeptanz von Menschen aus der Sex- und Erotikarbeit kämpfen.

Was sind unsere Ziele?

  • Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Stripclubs und Tabledancebars
  • Akzeptanz und Entstigmatisierung unserer Tätigkeiten
  • Die Anerkennung von Striptease – nicht nur als Arbeit, sondern auch als Kunst!
  • eine stärkere Vernetzung untereinander: z.B. für Erfahrungsaustausch, Diskussion von Arbeitsweisen, Austausch über zusätzliche oder unabhängige Einkommensquellen, hilfreiche Tipps & Tricks für Einsteiger*innen usw.
  • gemeinsame Aktionen und Treffen
  • eine Plattform für Unterstützung und hilfreiche Angebote für Stripper*innen

Erste Initiativen des BSC

  • Life Drawing Sessions / Mal-Abende 

Seit seiner Gründung veranstaltet das BSC regelmäßige „Life Drawing Sessions“, Mal-Gelegenheiten der besonderen Art für Künstler*innen und alle, die gerne Menschen live zeichnen. Ob wir im klassischen Stripclub oder im queer-feministischen Nachtclub waren – das Echo auf die Aktion war jedes Mal extrem positiv. Ein BSC-Mitglied tanzt dabei an der Stange, während Kolleg*innen verschiedene Posen vorschlagen und zwischen den zeichnenden Gästen und ihrem Modell vermitteln. Zum Schluss inszeniert die Tänzerin oder der Tänzer einen Lapdance, der ebenfalls auf Zeichenpapier gebannt werden darf.

Die bisher sieben Veranstaltungstermine waren gut besucht und haben eine Menge Student*innen der Universität der Künste angelockt, die normalerweise wahrscheinlich eher selten in Kontakt mit Stripper*innen kommen – ein erster Erfolg in Sachen Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz. Aufgrund der Corona-Krise planen wir gerade, weitere Termine über Online-Streaming anzubieten. Sobald es so weit ist, —> findet ihr hier mehr.

  • „Ask a Stripper“ – Öffentliche Fragerunden

Seit seiner Veröffentlichung verbreitet der Hollywood-Film „Hustlers“ (2019) leider jede Menge negative Stereotype über Stripperinnen. Dem wollten wir entgegenwirken: Als der Film in Deutschland ins Kino kam, wurde das BSC von verschiedenen Kinos in Berlin eingeladen. Unsere Mitglieder standen nach den Vorführungen für offene Fragerunden im Publikum bereit, unter anderem auch im Soho House Berlin anlässlich des Internationalen Frauentags. So konnten wir zumindest einigen Kino-Besucher*innen ein realitätsnäheres Bild unserer Tätigkeit vermitteln, Stigmatisierung entgegenwirken und unsere Arbeit auch ein Stück weit „ent-sensationalisieren“. Motto: Sprecht mit uns, nicht über uns! 🙂

Weitere Aktionen sind bereits in Arbeit …

  • Vernetzung mit Veranstalter*innen in der Musik- und Partyszene

Ein wichtiges Thema im BSC ist der Zugang zu vielfältigeren und unabhängigen Einkommensquellen. Viele Stripper*innen tolerieren mangels Alternativen die teilweise schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche. Einige von uns fahren hingegen bereits „mehrgleisig“ und sind auch in Betrieben außerhalb der klassischen Sexarbeit, zum Beispiel in Szeneclubs wie dem Kit Kat Club oder dem Kater Blau tätig. Der BSC will sich als Anlaufpunkt für verschiedene Veranstalter*innen und Clubs etablieren und unseren Mitgliedern die Sicht für Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des „klassischen“ Stripclubs ermöglichen.

  • „Pop Up-Stripclub“

Die Idee ist, per spontan entstehendem Stripclub einem vielfältigeren Publikum das Stripclub-Konzept  und unsere Arbeit näher zu bringen. Langfristig suchen wir nach Wegen, einen Arbeitsplatz nach unseren eigenen Regeln zu realisieren: Ein Raum wo Kreativität und Innovation willkommen sind und Tänzer*innen, die das wollen, auch in unternehmerische Entscheidungen eingebunden sein können.

  • Gemeinsame Aktionen mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen

Sobald die Coronakrise vorbei ist und wir Menschen uns wieder persönlich näher kommen können, wünscht sich das BSC eine baldige Vernetzung und Zusammenarbeit mit dem BesD. Manche unserer Mitglieder sind auch in anderen Bereichen der Sexarbeit tätig oder daran interessiert. Obwohl reine Stripperinnen zum Beispiel nicht direkt nicht vom Prostituiertenschutzgesetz betroffen sind, verstehen viele von uns sich als Sexarbeiter*innen. Wir alle verkaufen erotische und sexuelle Fantasien – dass wir dies auf unterschiedliche Art und Weise tun, sollte uns nicht davon abhalten, zusammen zu halten!

Updates zum BSC

Hier  geht es —> zu unserer Website und —> Blogbeiträgen unserer Mitglieder. Um keine Neuigkeiten zu verpassen, kannst du hier  —> unsere Facebook-Seite abonnieren.

 


Dieser Beitrag stammt aus der Feder der Berliner Sexarbeiterin Trixie. Sie ist als Beirätin für Forschung & Wissenschaft im Berufsverband tätig und seit letztem Herbst auch Gründungsmitglied des —> Berlin Strippers Collective (BSC).

(c) Titelbild:  Ida Marie Tangeraas

DIE HURE

Im Mittelalter wurden wir verbrannt,
jetzt registriert man uns im ganzen Land.
Abschaffen wollen uns doch nur die Frauen,
deren Männer regelmäßig nach uns schauen.
 
Der Staat der will uns nicht beschützen,
die Steuereinnahmen ihm doch viel nützen.
Der Bockschein der war früher einmal Pflicht,
ne Gesundheitsberatung wollen wir nicht.
 
Durch Corona kann man uns verbieten,
doch wer bezahlt jetzt Essen und die Mieten.
Habt ihr das auch richtig durchgedacht,
was glaubt ihr was ne Zwangsprostituierte macht.
 
Stundenhotels kann man nicht mehr buchen,
man muss sich jetzt ein anderes Plätzchen suchen.
Die Drogenbeschaffung ist jetzt doppelt schwer,
auf der Straße gibt es keine Freier mehr.
 
Den Hurenausweis könnt ihr jetzt behalten,
Ich lasse mich von euch nicht mehr verwalten.
Natürlich mache ich jetzt eine Pause,
und bleib wegen Corona nun zu Hause.

(c) Anonym

Die Tagesschau berichtet am 7.4.20 auf twitter

Zitat von Tobias Schmid, Chef Landesanstalt für Medien NRW
„Wenn bei Kinder der Eindruck entsteht, Gangbang ist eine normale Sexualpraktik, in der die Frau benutzt und gedemütigt wird, dann ist das sicherlich ein extremes Problem.“

Schmid will die reichweitenstärksten Porno-Portale dazu zwingen, in ihren deutschsprachigen Angeboten eine wirksame Altersbeschränkung einzuführen.

@tagesschau

————————————————————————————————————————————

Antwort von Madita Oeming, Uni Paderborn
Promotion zu „Pornosucht“ als moralische Panik
Web: https://uni-paderborn.academia.edu/MaditaOemingMA

@MsOeming
Lieber Tobias Schmid, da Sie offenkundig weder „Kinder“ noch das Internet noch Pornos NOCH Gangbangs besonders gut verstehen, hier ein Thread für Sie… #Jugendschutz

(1)
Erstmal zur Wirksamkeit: Altersbeschränkungen zu umgehen ist ein (pun intended) KINDERSPIEL! den Ausweis von Mama klauen, den großen Bruder fragen, per VP Client aus anderem Land zugreifen, undundund… digital natives sind verdammt clever!

(2)
Wenn auch nur EINE Person sich Zugriff verschafft, kann sie runterladen oder screengrabben und mit einem Klick an die ganze Klasse per WhatsApp-Gruppe, E-mail etc. verschicken und die alle ebenso. Im nu können sich Bilder so trotzdem verbreiten.

(3)
Selbst WENN der Online-Zugriff erfolgreich verwährt würde, gibt es immer noch die Offline-Varianten: Festplatten voll mit Pornos oder DVDs. Glauben Sie vor Breitbandinternet wurden von Minderjährigen keine Pornos geschaut & getauscht? Wozu gab es LAN-Parties?

(4)
Vergleichbar wie im Internet müssen die jungen Menschen danach nicht unbedingt aktiv suchen. Sie können über die Sammlung der Eltern oder Geschwister stolpern, im Kiosk über Magazine, können in ihrer peer group ungefragt damit konfrontiert werden.

(5)
Kurz gesagt: ES IST UNMÖGLICH, MINDERJÄHRIGE GÄNZLICH VON PORNOGRAFISCHEN INHALTEN ABZUSCHOTTEN! Egal, was Sie sich ausdenken. Deshalb müssen wir sie anders schützen: mit Aufklärung!

(6)
Kinder sind sehr wohl in der Lage zu verstehen, was Fiktion und was Wirklichkeit ist. Sie schaffen das auch bei PawPatrol oder Superman oder Harry Potter. Wir sollten Kinder nicht unterschätzen!

(7)
Natürlich kann das bei Pornos schwerer fallen, weil echte Menschen mit echten Körpern „echten“ Sex haben und junge Menschen zunächst noch keine eigene sexuelle Erlebniswelt haben, mit der sie das Gesehene abgleichen & Widersprüche erkennen können.

(8)
Deswegen muss es ihnen jemand ERKLÄREN. Dass die Menschen bezahlt und gecastet wurden, um ein Drehbuch nachzuspielen, inmitten eines Teams von Ton, Licht und Kamera. Dass wir ganz viel nicht sehen im fertigen Bild. Das vorher, das nachher, das drum herum. Das geht.

(9)
Gleichzeitig sollte ihnen Sexualwissen vermittelt werden, nicht nur zu Schwangerschaft & Geschlechtskrankheiten, sondern zu Lust, sexueller Orientierung und Consent. Damit sie das Gesehene wenigstens mit dem Gelernten, wenn noch nicht mit dem Erlebten, abgleichen können.

(10)
Ich sage es nochmal: CONSENT!!! würden alle jungen Menschen lernen, ihre eigenen sexuellen Grenzen zu kennen, klar zu kommunizieren und zu schützen sowie die anderer abzufragen und zu respektieren, könnten wir uns so viele dieser Unterhaltungen gänzlich sparen.

(11)
Zu guter Letzt muss festgehalten werden, dass Pornos auch ein wichtiges Hilfsmittel sein können, die eigenen Vorlieben & Fantasien, und durch Masturbation auch den eigenen Körper, sicher zu erkunden – durchaus auch vor der Volljährigkeit

(12)
Insbesondere queere Menschen, die ihre Sexualität im Mainstream kaum reflektiert sehen, beschreiben immer wieder, wie zentral Pornos in ihrer Selbstfindung und Selbstakzeptanz waren – durchaus auch vor der Volljährigkeit Madita Oeming

(13)
Sowieso sollten wir aufhören, so zu tun, als würde Sexualität erst mit dem Eintreten des 18. Lebensjahres angeknipst werden (bzw. in anderen Ländern mit 21). Wir entwickeln viel früher sexuelles Verlangen und sollten damit nicht allein gelassen werden!

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Ebenso ist es ein Irrglaube, dass Menschen mit Eintreten der Volljährigkeit automatisch einen gesunden kritischen Umgang mit pornografischen Inhalten hätten. Die meisten Erwachsenen haben ihn nicht! Auch für uns ist das Thema in Scham, Schweigen & Unwissen gehüllt

(15)
Ihr eigenes Fehlverständnis von Pornografie zeigt sich u.a. in Ihrer Formulierung der dargestellten „abnormalen Sexualpraktiken“ – das ist eine Wertung und Pathologisierung, auch kink shaming genannt, die sich jemand Ihrer Position nicht erlauben sollte

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Auch bei einem Gangbang handelt es sich um eine vielleicht seltenere aber keineswegs abnormale Praxis, bei der auch eine Frau im kontrollierten Setting nach Abstecken ihrer Grenzen verschiedene Fantasien erfüllen kann. Passiert dies uneinvernehmlich, ist das sexuelle Gewalt

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Ihre Darstellung als eine Praxis, die Frauen ausschließlich „benutzt und demütigt“, schreibt ein überholtes Narrativ der Frau als Opfer fort, in dem weibliche Sexualität gänzlich ausgeklammert wird. Hier zeigt sich ein viel schädlicheres Kernproblem

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Im übrigen bedeutet sich gerne einen Gangbang im Porno anzuschauen keineswegs, dass man auch gerne selbst einen Gangbang erleben möchte. Das gilt für viele Fantasien, die Menschen ausschließlich im Porno ausleben.

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Natürlich stimmt es, dass uns im Porno viele sexistische Narrative begegnen (wie in ALLEN Medien!). Aber ginge es Ihnen tatsächlich um Sexismus-Bekämpfung würden Sie woanders ansetzen. Zum Beispiel alternative Pornografie und deren ethischen Konsum fördern

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Stattdessen machen Sie Pornos zum einfachen Sündenbock und mobilisieren existierende Ängste. Auch die Verwendung des Begriffs „Kinder,“ obwohl es primär um Teenager geht, scheint mir hier ein rhetorischer Kniff zu sein, den ich irreführend und problematisch finde

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Was ich mit all dem sagen will:

Die Tabuisierung von Pornografie, anhaltende Sexualmoral und Genderstereotype sowie der eklatante Mangel an umfassender, queer-inklusiver, sex-positiver Sexualaufklärung – DAS ist ein „extremes Problem,“ das wir angehen sollten.

Punkt.