Dieses sehr persönliche Gedicht wurde vor einigen Jahren von einem unserer Mitglieder geschrieben – für die vielen Sexworker, die weltweit Opfer von Gewalt werden und viel zu oft ihre Tätigkeit sogar mit ihrem Leben bezahlen müssen. Anlässlich des diesjährigen Tages gegen Gewalt an Sexworkern dürfen wir den Text hier veröffentlichen – vielen Dank dafür.

this is not a love song

you know me
I’m an escort girl
and my heels prick the ice
like spikes

my brain to amuse you
my mouth to praise you
my sensuality keeps you warm
my siren’s song whispers the way
and my heavenly scent
relieves you
in your endless days

but once a year
after the petals have wilted
and before the first snow starts falling
my voice raises into a gruesome howl
a song in a choir of grief, inevitable

sung by all my global mates
for all the victims
fallen and wounded in the battle of life
for their families and friends
on the 17th of december

we throw our fists in the air
from hands that always care
that stroke fluffy balls and weary heroes
that embrace
that are not made to hold candles

We’re reaching out to the lost
extending our hands to their souls
our fragile voices reaching the sky
to commemorate those
who met their fate

while it is not really fate at all
but violence, stigma and murder
purely made by man
and his accomplices
jurisdiction and a brutal legislation
they disgrace the name of justice
not my mates who lost their lives

who lost their lives
in pursuit to bring happiness and adult fun
pure entertainment without obligation
by a service made with commitment and love
why this aversion and aggression against us?
what have we done?

© Ariane 2011

Dieser Blogbeitrag wurde von Susanne verfasst und erschien in erster Version im Kaufmich-Magazin. 

Sex, Crime und Prostitution in Film und Fernsehen

Schon seit längeren hatte ich das subjektive Gefühl, dass in jedem zweiten Fernseh-Krimi in Deutschland eine Prostituierte ermordet wird. Bei näherer Nachforschung bestätigte sich dann, dass tatsächlich unter anderem im extrem populären „Tatort“ – der regelmäßig feste Sendeplätze im ARD und den Regionalsendern hat – sehr häufig Prostituierte als Opfer gezeigt werden. Konkret liegen zwischen 2012 und 2018 26 „Tatort“-Folgen vor, in denen Prostitution das Thema war und Sexarbeit ausübende Menschen ermordet, ausgebeutet oder ihnen sonstwie Gewalt angetan wurde.

Schauen Prostitutionsgegner*innen also zu viele Krimis, wenn sie den Anteil von Zwangsprostituierten bei 90% verorten? Nicht notwendigerweise – die falsche Prozentzahl hält sich hartnäckig auch in den normalen Nachrichten. Bei der unseriösen Schätzung wird immer wieder der hohe Anteil von Migrant*innen in der Sexarbeit (dieser schwankt zwischen 70% und 90%) pauschal als Anteil der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution umgedeutet. Eine ungeheure Behauptung, für die es – schenkt man dem Bundeslagebild Menschenhandel des BKA Glauben – keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Im Unterhaltungsfernsehen treibt das Thema Sex & Crime jedenfalls regelmäßig die Zuschauerzahlen in die Höhe. Kein Wunder, die Deutschen liegen beim Krimis schauen und lesen unter den Spitzenreitern –  hier schreibt zum Beispiel die FAZ, warum unsere Landsleute insbesondere von Fernseh-Morden fasziniert sind. An sich kein Problem, könnte man denken. Doch tatsächlich sind die Folgen solcher einseitiger Berichterstattungen und Serieninhalte für Sexarbeiter*innen in der Realität alles andere als problemlos.

Die fehlende Sichtbarkeit des Alltags von Sexworkern

Außerhalb von (realen oder ausgedachten) Kriminalfällen, füllt das Thema Sexarbeit und Prostitution leider kaum die Gazetten. Im Gegenteil – Sexarbeiter*innen und die Vielfalt ihrer gelebten Leben sind in der Öffentlichkeit regelrecht unsichtbar. Mit Ausnahme der Filterblase von Menschen, die sich für die Rechte von Sexarbeiter*innen engagieren, sowie im täglichen Leben von Beratungsstellen, Staatsanwaltschaften und Behörden, die beruflich mit Prostitution zu tun haben oder das „soziale Problem“ in den Griff bekommen sollen, tauchen Sexarbeit und Prostitution beinahe nirgendwo im gesellschaftlichen Diskurs auf.

Was hier stattfindet, lässt sich mit dem Begriff „Framing“ aus den Sozialwissenschaften zusammenfassen: Nur ein kleiner Teilaspekt wird aus einer vielschichtigen Realität herausgenommen und hervorgehoben, um eine einzige Interpretation von Wirklichkeit, eine moralische Bewertung oder Handlungsempfehlung zu liefern.

Ein Skandal – denn dieses einseitige Bild hat verheerende Folgen. Durch die Verbindung von Prostitution und Kriminalität wird ein extrem stigmatisierendes Bild von Sexarbeiter*innen in die Öffentlichkeit getragen.

Sind nur tote Nutten interessante Nutten? 

Die meisten Reportagen zum Thema berichten über Menschenhandel und Zwangsprostitution – und nicht über den normalen Alltag von Prostituierten. In der öffentlichen Wahrnehmung verwischen so die Grenzen zwischen Kriminalität, Straftaten und normaler, selbstbestimmter Sexarbeit. Das sorgt dafür, dass Sexarbeiter*innen in den Köpfen der (Film und Fernsehen konsumierenden) Gesellschaft auf ganz bestimmte Rollen festgelegt werden – nämlich auf die der Opfer von Gewalt und Ausbeutung. Tatsächlich wird Sexarbeit beinahe ausschließlich in Zusammenhang mit Kriminalität, Menschenhandel und Ausbeutung zur Sprache gebracht.

Wenn Sexarbeiter*innen in Film und Fernsehen ausschließlich als Opfer zu sehen sind, stellt man Gewalttätern damit schon beinahe einen Freifahrtschein aus – schließlich ist es scheinbar der gesellschaftliche Normalfall, der „Nutte“ keinen Respekt entgegen zu bringen oder ihr Gewalt anzutun.

Auch Serienkiller ermorden oft bevorzugt Prostituierte – viele Täter im In- und Ausland haben später dazu ausgesagt, dass die Existenz von Prostituierten sowieso niemanden interessiere und sich auch keiner um die Gruppe kümmere. Leider haben sie nicht unrecht. Doch es darf nicht sein, dass ein Menschenleben wertlos ist, nur weil eine Person Sexarbeit ausübt.

Warum es so wichtig ist, das Hurenstigma zu bekämpfen  

Alljährlich gedenken wir weltweit am 17. Dezember – dem Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen – unseren Kolleg*innen. Ich bin überzeugt, die Hauptursache der Gewalt, die sich bis heute gegen genau diese bereits so marginalisierte Personengruppe richtet, ist das „Hurenstigma“ in der Gesellschaft – Sexarbeiter*innen gelten als verachtenswert, potentiell kriminell oder müssen gerettet werden.

Deshalb sind die Folgen der Medienberichterstattung und der Verfilmungen zum Thema Prostitution so wichtig und sollten ans Licht gebracht werden. Durch sie werden Realitäten geschaffen, die sich in den Köpfen festsetzen, das Meinungsbild bestimmen und das Bild des Opfers/der „Nutte“ in Endlosschleife reproduzieren. Gesellschaftliche Stigmatisierung zwingt fast alle Sexarbeiter*innen zu einem Doppelleben. Sie veranlasst Gewalttäter zu glauben, im Interesse oder zumindest mit dem stillschweigenden Einverständnis einer Gesellschaft zu handeln, der Prostituierte scheißegal sind.

Filmemacher*innen und Autor*innen stürzen sich auf Sex & Crime, um die Zuschauer und Leser zu unterhalten – aber ist es denn wirklich so schwierig spannende Drehbücher zu schreiben, wo keine toten oder ausgebeuteten Sexworker auftauchen?

Wir müssen gemeinsam diesem Stigma entgegen treten. Und das betrifft nicht nur die Beteiligten in der Erotik-Industrie – wir als Gesellschaft sollten alle ein starkes Interesse daran haben, dass die Politik und die mediale Berichterstattung in Deutschland keine Opfer schafft, sondern im Gegenteil gefährdeten Menschen den Rücken stärkt.

Dieser Text stammt von Aya Velazquez und ist zuerst auf ihrem Twitter-Account erschienen.

Post vom Finanzamt
Ich soll einen Fragebogen zu meiner Sexarbeit ausfüllen. Ich habe Fragen dazu und rufe an.

Habe das Aktenzeichen noch nicht zuende aufgesagt, da bricht am anderen Ende der Leitung schallendes Gelächter aus.

Ich: Darf ich fragen, warum Sie lachen?

Herr X aus dem Finanzamt: (kichert weiter) Ach, nur so.

Ich: Nur so? Was meinen Sie damit?

Herr X: (beruhigt sich langsam) Na, ich erinnere mich noch an den „Fall“.

Ich: Achja? Was ist denn der „Fall“?

Herr X: Uns im Finanzamt XY war bislang nicht bekannt, dass Sie einem Prostitutionsgewerbe nachgehen. Das hat uns soeben erst das Finanzamt YZ aus ihrem vorigen Wohnbezirk mitgeteilt.

Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass der offensichtliche Grund für die Belustigung von Herr X die Tatsache ist, dass er meinte, mich mit dieser Info „überführt“ zu haben. Dass ich eigentlich Prostituierte bin, und mein Start-Up nur ein Feigenblatt.

Ich erkläre ihm, dass ich sowohl ein Start-up mit drei Mitarbeitern führe, als auch der Sexarbeit nachgehe.
2 Paar Schuhe also.

So langsam wird es stiller am anderen Ende der Leitung. Herr X wirkt plötzlich eingeschüchtert, und endlich sachlich.

Nachdem das Gespräch beendet ist, rufe ich in der Zentrale des Finanzamts an und lasse mich zum Vorgesetzten von Herrn X durchstellen.

Die Anrufweiterleitung funktioniert wie geschmiert. Nach nur drei Schaltstellen und fünf Minuten habe ich einen Verantwortlichen an der Strippe.

Ich melde den Fall als Diskriminierung seitens eines Behördenmitarbeiters. Diesmal ist die Stimmung ernst.

Ich führe an, dass es einen Antidiskriminierungsparagraphen gibt und ich als Sexarbeiterin einen sachlichen Umgang verdient habe. Es gibt ein #Recht auf Gleichbehandlung. Es kann nicht sein, dass ich im Telefongespräch von einem Finanzamt-Mitarbeiter ausgelacht werde.

Herr X‘ Vorgesetzter gibt mir Recht und gibt zu, dass „so etwas“ überhaupt nicht passieren dürfe.

Was er nun tun solle?

Ich sage ihm, mir sei wichtig, dass Herr X das erklärt bekommt, und das #Finanzamt seine Mitarbeiter für den Umgang mit Minderheiten sensibilisiert.

Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf von der Chefin des Finanzamts.

Ihr Mitarbeiter, Herr X sei von selbst zu ihr gekommen, sagt sie. Da sei ein Kundenkontakt nicht optimal gelaufen. Sie lässt sich den Fall noch einmal von mir schildern.

Es wird ein langes Gespräch.

Frau XYZ wirkt ehrlich betroffen. Sie meint, Prostitution sei doch etwas „total Normales“ und sie hätten ganz andere Jobs in den Akten. Lachen am Telefon sei nicht akzeptabel. Sie bittet mich im Namen von Herr X um Entschuldigung und will mit ihm reden.

DAS ist groß!

Am Ende wird es ein über 30-minütiges Gespräch über das grundsätzliche Verhältnis zwischen Finanzamt und Bürgern – dem Souverän. Wir Steuerzahler seien die eigentlichen Arbeitgeber des Finanzamts, sage ich. Der Umgangston des Finanzamts spiegle das unzureichend.

Ich erzähle ihr, dass viele Menschen das Finanzamt als Bedrohung empfänden. Dass Briefe des Finanzamts, sogar bei Leuten, die nichts verbrochen haben und anständig ihre Steuern bezahlen, oft Panik auslösen.

Ob das denn wirklich so sein müsse?

Ob das Finanzamt sich nicht mal von einer guten PR-Agentur beraten lassen könnte, um die ganzen Schreiben serviceorientiert umzuformulieren?

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HIER findet ihr noch ein Interview von Aya dazu bei ze.tt

HIER: Infos zu Steuern für Sexarbeitende

Dieser Text ist noch Work in Progress. Inhalte können noch verändert werden.

Mit dem Begriff „Loverboy“ werden Männer bezeichnet, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen und diese in ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis bringen. Die Abläufe sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild von einer gemeinsamen Zukunft aufgebaut. Die Frau wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert, denn es zählt ja nur noch die gemeinsame Paarbeziehung. Mit der Loslösung aus den alten Kreisen nimmt die Fixierung auf den Partner zu.
Der weitere Verlauf verhält sich ähnlich des folgenden Szenarios. Kurz bevor der Traum vom gemeinsamen Leben perfekt wird kommt der vermeintliche Traumpartner mit dem ersten Schuldschein. Betroffenheit wird geheuchelt und dann Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Oft erzählt der Loverboy, dass er alles versucht habe, um das Problem alleine zu lösen. Aber jetzt sei alles zu spät und er müsse ins Gefängnis, wenn er nicht endlich zahlen würde.
Die junge Frau will ihren Traum nicht aufgeben und möchte ihrem geliebten Partner helfen. Er macht den Vorschlag, dass sie ja vielleicht für kurze Zeit im Bordell eines flüchtigen Bekannten arbeiten könne. Natürlich nur so lange bis die Schulden beglichen sind. Die Beziehung der beiden ist emotional so auf die Zweisamkeit fixiert, dass die junge Frau oft die Arbeit im Bordell als wichtigen Beitrag für die gemeinsame Zukunft sieht, und man nicht von Zwang im klassischen Sinne sprechen kann. Das Blatt wendet sich allerdings schleichend, denn kurz bevor der erste Schuldschein abgezahlt ist, kommt der zweite und dann der dritte und so weiter. Irgendwann sind keine Schuldscheine mehr nötig, und die Frau muss jeden Tag eine bestimmte Summe Zuhause abliefern.
Die Loslösung aus diesem akkurat durchgeplanten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.

Kernprobleme der „Loverboy-Methode“ 1)

1. Fehlendes Opferbewusstsein
Die meisten Opfer haben aufgrund der emotionalen Bindung zum Täter kein Opferbewusstsein. Die Einwirkung des Täters wird nicht gesehen und die Prostitutionsaufnahme wird häufig als Freiwilligkeit betrachtet.

2. Angst
Dem Opfer wird vom Täter eingeredet, es sei schuld an der Drohung und/oder der Gewalt, weil es sich falsch verhalte. Auch wird Macht suggeriert, vor der vermeintlich sogar die Polizei nichts ausrichten kann.

3. Scham
Erkennen die „Loverboy“-Opfer irgendwann den „Betrug“, dann stellen sich meist Gefühle wie Schuld und Scham ein. Hilfsangebote von Beratungsstellen oder der Polizei werden deshalb nur sehr selten angenommen.

FAKTEN

Loverboys sind kein Massenphänomen
Es gibt einen Täter und ein Opfer. Die ganze Sache ist sehr langfristig angelegt.

Die Loverboy-Methode ist nicht legal
Es handelt sich dabei um sogenannte dirigistische Zuhälterei, welche laut § 181a StGB unter Strafe steht.

Was hilft nicht?

Die Freierbestrafung ist keine Lösung
Es ist davon auszugehen, dass es unter einem sogenannten Sexkaufverbot weniger Nachfrage nach erotischen Dienstleistungen gibt. Hier nun die Schlussfolgerung zu ziehen, dass sich das Geschäft dann für die „Zuhälter“ nicht mehr lohnen würde und diese somit von ihren kriminellen Machenschaften ablassen, ist realitätsfern.
Das Gegenteil wird passieren. Die Loverboys werden in dem schon bestehenden Abhängigkeitsverhältnis den Druck erhöhen. Um den gewohnte Geldfluss aufrecht zu erhalten,
wird die Frau länger und mehr arbeiten müssen und den Kunden (Freiern) gegen Aufpreis Praktiken anbieten müssen, die sie bisher abgelehnt hat.

Sexarbeitende arbeiten im Untergrund
Da Bordellbetriebe unter dem schwedischen Modell unmöglich oder verboten sind, arbeiten die Sexarbeitenden in Privatwohnungen, Hotels oder im Freien. Beratungsstellen aus Schweden beklagen, dass sie schwer Kontakt zu dem Sexarbeitenden aufbauen können, weil diese nur sehr aufwendig aufzufinden sind. So wird es für das geschulte Fachpersonal auch schwieriger Loverboy-Opfer zu erkennen.

Was kann man dagegen tun?

1. Der BesD verweist hierzu an Experten, die sich nicht nur aus dem persönlichen Focus heraus mit der Thematik beschäftigt haben oder betroffen sind, sondern Forschungen und Umfragen dazu durchgeführt haben: kok Koordinierungskreis gegen Menschenhandel
Wichtig ist dabei die strikte Trennung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit, wie es in anderen Berufsgruppen auch vorgenommen wird.

2. Aufklärung in den Schulen. Eine Forderung des Berufsverbandes ist, dass speziell fortgebildete Sexarbeitende als Experten in den Schulen das Thema sexuelle Aufklärung übernehmen sollen. Dabei soll den Jugendlichen auch das Thema Loverboys nahe gebracht werden. Eine Zusammenarbeit mit Fachberatungsstellen ist dabei unabdingbar 2)
Wichtig ist der Hinweis:
Es ist nicht jedes Schulmädchen ein potentielles Opfer für Loverboys.
Sehr gezielt wird von den Loverboys nach den passenden jungen Frauen gesucht.

3. In vielen osteuropäischen Ländern gibt es Aufklärungskampagnen an Schulen oder in der russischen Hauptstadt, Moskau, breit gestreute Plakataktionen, um über die Loverboy-Methode aufzuklären. Hier sollte länderübergreifend zusammengearbeitet und Erfahrungen ausgetauscht werden.

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1) Auszüge aus:
Stellungnahme zur Vorlage 17/1796 im Rahmen der Öffentlichen Anhörung zur Entwicklung der sogenannten „Loverboy-Methode“ zur Erzwingung von Prostitution in Nordrhein-Westfalen
https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenser…7-1676.pdf

2) Prostitution in Deutschland – Fachliche Betrachtung komplexer Herausforderungen (Link: http://www.stiftung-gssg.de/upload/Prost…Final.pdf)
Seite 24
„Dort, wo Fachberatungsstellen spezifische Unterstützung und Prävention anbieten, kann die Zielgruppe erreicht werden. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen kommen über die aufsuchende Arbeit in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen oder werden durch andere Prostituierte auf diese aufmerksam gemacht. Auch die Kooperation mit Multiplikator_innen der Schulen und der offenen Jugendarbeit bewährt sich (Leopold/Grieger 2004).

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HILFE

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (bundesweit, kostenfrei und anonym): 0800 22 55 530
Save me online (für Jugendliche): www.save-me-online.de
Juuuport (für Jugendliche):www.juuuport.de
Make it safe (für Jugendliche): www.make-it-safe.net
Jugend Support (für Jugendliche): www.jugend.support/
Bündnis gegen Cybermobbing: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de
Elterninitiative für Loverboy-Opfer: www.die-elterninitiative.de

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LINKS

Tipps für online recherchierende Sexarbeitende gegen Cybergrooming und Loverboys
-> www.kaufmich.com/magazin/loverboys und cybergrooming

Broschüre des BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Seniorn, Frauen und Jugend)
„Miteinander statt nebeneinander – Schutz und Hilfen bei Handel mit und Ausbeutung von Kindern“
-> https://www.bmfsfj.de/blob/129878/558a1d…l-data.pdf

 

Gedanken einer Sexarbeiterin aus Berlin:
Wir sind Menschen, die in der Sexarbeit unsere Berufung gefunden haben. Unsere Tätigkeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund_innen. Aber zwei Dinge haben wir alle gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt und wir leisten einen wichtigen zwischenmenschlichen Beitrag in dieser Gesellschaft. Dass wir dafür entlohnt werden unterstreicht unsere Professionalisierung. Sexarbeiter_innen waren und sind Teil der Emanzipationsbewegung. Dafür stehen z. B. autonome Einrichtungen wie Hydra e.V. seit 1980.Die Legalisierung und zivilgesellschaftliche Partizipation freier Sexarbeiter_innen muss ein Bestandteil einer freien Gesellschaft bleiben. Wir verfolgen mit verantwortungsbewusstem Ethos unseren Beruf. Sexarbeiter_innen hat es zu allen Zeiten gegeben. In der Vergangenheit wurden wir nicht selten an den Rand der Gesellschaft gestellt. Und doch gab es zu allen Zeiten durchaus selbstbestimmte Menschen in dem, was wir Sexarbeit nennen.Mit großer Befürchtung beobachten wir jetzt die zunehmende Diskriminierung und Ausgrenzung unserer Kolleg_innen im Jahre zwei nach dem Prostituiertenschutzgesetz.
Wer schützt uns?
Wir fühlen uns durch eine sehr tendenzielle klischeehafte Berichterstattung und einem uns gegenüber feindlich gesonnen Aktivismus betimmter feministischer Richtungen verunglimpft. Sexarbeit wird mit körperlicher Ausbeutung assoziiert und sogar in eine direkte historische Linie mit Sklavenhandel 1) gebracht. Wir verurteilen diese verhöhnende, geschichtsfälschende und menschenfeindliche Perspektive. Opfer von Gewalt und Menschenhandel können keine freien Sexarbeiter_innen sein. Freie Sexarbeit findet in einem Konsens zwischen zwei mündigen, gleichberechtigten Menschen statt. Kommunikation ist das wesentliche Stilmittel freier Sexarbeit und die Basis auf der sich jede Form von Erotik und Nähe entfalten kann. Wir verkaufen nicht unseren Körper sondern bieten eine Dienstleistung an im Rahmen unserer (sexuellen) Selbstbestimmung!Menschenhandel in jeder Form bedeutet keine freie Sexarbeit. In den letzten Monaten ist besonders mit dem Begriff „Loverboy“ ein weiteres düsteres Kapitel in den Vordergrund der Berichterstattung gespielt worden.
Wir sagen ‚Nein!‘ zu Loverboys!
Weder Loverboys, d.h. Männer, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen um diese im Rahmen eines emotionalen Abhängigkeitsverhältnis in die Prostitution/Sexarbeit zu bringen.
Die Abläufe bei der sog. Loverboy-Methode sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild einer individuellen rosigen Zukunft der Opfer aufgebaut mit der diese eingefangen und gefügig gemacht werden. Das Opfer wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert oder das engste Umfeld spielt sogar die Triebfeder und treibt das Opfer vor sich her. Die Loslösung aus einem perfide durchdeklinierten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.Wir veruteilen, diese Machenschaften. Es handelt sich nicht um freie Sexarbeit.

Freien Sexarbeiter_innen sind mündig und selbstbestimmt.
Und wir gehen hier auch davon aus, dass wir nicht in der Minderzahl sind, so wie es die Prostitutionsgegner_innen gerne sehen und oft verbreiten.
Die Beispielgeber der Antiprostitutionslobby scheuen einen offenen Diskurs mit uns. Wie kann man sich für die Grundrechte einsetzen, wenn es schon an der Artikulation und dem Austausch von Argumenten mangelt? Wir sehen uns hier, auch in Anbetracht des neuen parlamentarischen Arbeitskreises „Prostitution überwinden“ für die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“, dass Freier per se unter Strafe stellt, bevormundet und in voremanzipierte Zeiten katapultiert.
Es wird hier nicht mit uns gesprochen sondern über uns.
Und das ganze zwei Jahre nachdem dieselbe Regierung erst ein neues Gesetz verabschiedet hat.
Mit Sorge betrachten wir die eventuellen Folgen für unseren Berufsstand: Warum bekämpft Ihr uns und arbeitet nicht gegen Menschenhändler_innen?

Ansätze für freie Sexarbeit:

1. Strikte Trennung der Themenbereiche Menschenhandel und Sexarbeit.

2. Entstigmatisierung statt Kriminalisierung.
Sexarbeit in Abgrenzung zu Menschenhandel soll weiterhin nicht verfolgt, sondern als Bestandteil dieser Gesellschaft geachtet werden.

3. Rechte statt Verbote
Kein Sondergesetze, sondern Normalität über Arbeitsrechte wie in anderen Berufen auch

4. Entkriminalisierung der kompletten Sexarbeit – nicht Bestrafung unserer Kunden und Einnahmequelle

Dass Sexarbeit frei und selbstbestimmt in unserer Gesellschaft stattfinden darf muss der gesamtgesellschaftliche Minimalkonsens sein. Freier sollen straffrei bleiben!


1)   Quellen zum Thema Sklaverei und Sexarbeit:

„White Slavery“– ein Begriff mit problematischen Implikationen
https://menschenhandelheute.net/2011/10/12/white-slavery-%e2%80%93-ein-begriff-mit-problematischen-implikationen/

„Moderne Sklaverei“ als Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit im Kampf gegen Menschenhandel
https://menschenhandelheute.net/2014/12/12/moderne-sklaverei-als-begriff-in-der-offentlichkeitsarbeit-im-kampf-gegen-menschenhandel/

 

Mythos: „Das Schwedische Modell ist wichtig im Kampf gegen Menschenhandel.“

Fakt:

  • Kein Rückgang der Sexarbeit in Schweden, Verlagerung in den Untergrund
  • Kein Rückgang des Menschenhandels in Schweden
  • Erhöhte Gefahren für Sexarbeiter*innen
  • Verschlechterungen der Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen
  • Einschränkung der Grund- und Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen

Mythos: „Das Schwedische Modell hilft Prostituierten und schadet nur Freiern.“

Fakt:

  • Verstärkter Wettbewerb durch weniger Kunden führt zu niedrigeren Einkommen
  • Arbeiten unter riskanteren Bedingungen erhöht Gefahr von Gewalt und Ausbeutung
  • Angst vor Polizei und Verdrängung in die Illegalität behindern hilfesuchende Sexarbeitende.
  • Hilfeleistungen wie gegenseitiger Schutz oder gemeinsames Arbeiten unter Sexarbeitenden ist in Schweden illegal
  • Partner und erwachsene Kinder von Sexarbeitenden können mit dem Vorwurf der Zuhälterei belangt werden
  • Sexarbeiter*innen können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren
  • Die Wohnungen und Grundstücke von Sexarbeiter*innen können zwangsgeräumt werden

Mythos: „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen.“

Fakt:

  • Es besteht eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel / sexueller Ausbeutung / sexueller Gewalt
  • Sexuelle Handlungen ohne freiwillige Zustimmung stellen bereits heute eine Strafttat da, das Grundgesetz gilt auch für Sexarbeiter*innen
  • Die Handlungsfähigkeit und Kompetenz von Erwachsenen, die einvernehmliche Sexarbeit betreiben, muss anerkannt und respektiert werden
  • Auch negative Lebens-Umstände machen die Fähigkeit eines Menschen, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte
  • Die Zusammenführung von Menschenhandel und Sexarbeit wird durch eine moralische Agenda angetrieben, die mit vereinfachten Bildern und Narrativen, z.B. dem stereotypen Bild der Opfers, arbeitet und einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet

Ein persönlicher Beitrag von BesD-Mitglied und Sexarbeiter Dennis

Ich bin Dennis, Mitte 20 und arbeite als schwuler Escort in Berlin. Seit knapp einem Jahr bin ich Mitglied im Berufsverband und verfolge die Debatte, wie Sexarbeitende darum kämpfen, dass ihre Arbeit als Arbeit anerkannt wird. Wie sie darum kämpfen, überhaupt existieren zu dürfen.

Stimmen in der SPD fordern ein Prostitutionsverbot. Genau genommen fordern sie ein  Verbot der Nachfrage. Es darf keine Nachfrage nach Sexarbeit mehr geben, denn Sexarbeit sei per se Vergewaltigung. Und wenn es keine Nachfrage gäbe, gäbe es auch kein Angebot mehr – das ist die Logik hinter dem sogenannten „Schwedischen Modell”.

Diese Logik ist kaputt. Die Nachfrage nach Sexarbeit ist in Schweden selbstverständlich nicht verschwunden – obwohl die Freierbestrafung dort vor mittlerweile über  20 Jahren eingeführt wurde. Es gibt noch immer Sexarbeit in Schweden. Es gibt Menschen, die Sexarbeit anbieten und es existiert auch die Nachfrage danach. Das Schwedische Modell hat dafür gesorgt, dass Sexarbeit in den Untergrund gedrängt wurde. Sie wurde weniger sichtbar, aber sie verschwand nie. Was tatsächlich eintrat: Für die Sexarbeiter*innen wurde es gefährlicher.

Wer von den fatalen Auswirkungen der Kriminalisierung von Sexarbeit nichts zu wissen vorgibt, hat sich entweder nie mit dem Thema beschäftigt, oder ist offen ignorant. Zumindest bei Leni Breymeier, Maria Noichl und Alice Schwarzer befürchte ich letzteres.

In der schwulen Szene ist Sexarbeit sehr verbreitet. Schwule Dating-Plattformen sind voll von „Taschengeld“-Nachfragen und Angeboten. Die rechtliche Definition von Sexarbeit umfasst jede Gegenleistung für Sex. Jede Übernachtung, jedes ausgegebene Essen, jedes Geschenk. Seitdem ich das weiß, ist mir klar, dass ich faktisch schon viel länger Sexarbeit mache, als ich dachte. Zum Beispiel, indem ich schwule Datingplattformen auch zur Reiseunterkunft-Suche genutzt habe. Indem ich seit Jahren immer wieder einen Schlafplatz gegen Sex getauscht habe. Darüber spricht aber niemand. Niemand regt sich darüber auf. Niemand fordert laut ein Verbot von derartigen Praktiken. Sie sind einfach so weit verbreitet in der schwulen Szene, dass eine solche Forderung einem Verbot der schwulen Szene nahe käme. Das trauen sie sich aber dann doch nicht. Die Szene ist zu sichtbar und zu mächtig geworden.

Die Forderung nach einem Sexarbeitsverbot konzentriert sich auf Frauen. Und ganz schnell wird es paternalistisch. Man will den sexarbeitenden Frauen erklären, dass sie geschützt werden müssen. Wenn nötig, gegen ihren Willen. Dass die, die ein Sexarbeitsverbot fordern, eigentlich viel besser wissen was den Sexarbeitenden gut tut, als die Sexarbeitenden selbst. Andere wissen besser, was Frauen wollen (müssen), als diese selbst. Diese strukturelle Bevormundung hat schon einen Namen: Patriarchat. Wer ein Sexarbeitsverbot medial als „Befreiung“ verkauft, lügt. Freiheit wird nicht geschaffen, indem Menschen vorgeschrieben wird, was sie tun müssen oder nicht tun dürfen.

Ja, es gibt viele Sexarbeitende, die lieber einen anderen Job hätten. Ja, es gibt in der Sexarbeit Ausbeutung. Ja, das ist ein riesiges Problem. Aber Menschen in schwierigen Verhältnissen wird am besten geholfen, indem man ihnen mehr Rechte zugesteht. Das fängt bei einer Arbeitserlaubnis, Sozialleistungen und Schutz vor Abschiebung an und geht mit dem Angebot von echten Alternativen weiter. Wer als Teil einer ohnehin marginalisierten Gruppe nicht mehr als Sexarbeiter*in arbeiten darf, wird oft der in Anbetracht der Realität besten Möglichkeit beraubt, genug Geld verdienen zu können. Jedes platte „Sexarbeit ist Ausbeutung!“ verstärkt das Stigma gegen Sexarbeit. Jede neue Forderung nach (direktem oder indirektem) Verbot von Sexarbeit, macht es für Sexarbeitende schwieriger einen anderen Job zu finden. Es ist absurd, die Freiheit für Sexarbeitende zu fordern – und ihnen dabei das Leben schwerer zu machen.

Die meisten Sexarbeiter*innen, die ich kenne, kamen zu diesem Job aus der finanziellen Not heraus. So auch ich. „Fuck! Ich kann meine Miete nicht bezahlen. Ich muss dringend Geld verdienen.” Und Sexarbeit ist für viele von uns eine Möglichkeit, genau das zu tun: Geld zu verdienen. Der Grund, warum die absolute Mehrzahl der Menschen einen Job haben: Um Geld zu verdienen.

Die Sexarbeitsbewegung fordert die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit. Der BesD fordert mehr Rechte und weniger Stigma für Sexarbeitende. Dass das sinnvoll wäre und seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bestätigt wird, wissen alle, die an der Debatte teilnehmen.  Doch ich glaube, den Befürworter*innen des Schwedischen Modells geht es nicht um den „Schutz“ von Sexarbeitenden und ihr Problem liegt auch nicht primär darin, dass es sich um Arbeit handelt.

Ich beginne zu glauben, das Hauptproblem dieser Menschen besteht darin, dass andere frei über ihr eigenes (Sex-)Leben entscheiden wollen. Dass wir selber entscheiden, wie wir leben und mit wem wir Sex haben und unter welchen Bedingungen. Wenn eine dieser Bedingungen Geld ist – so what?!

Die schwule Szene hat lange diesen Kampf um persönliche Rechte geführt. Heute ist es relativ akzeptiert, schwul zu sein. Es ist weitgehend okay, dass Männer auch mit Männern Sex haben. Yay! Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft auch Frauen zugestehen, Sex zu haben. Mit wem, wann und wie sie wollen. Ihnen nicht mehr vorschreiben, wie sie Sex haben dürfen. Wenn sie es gegen Geld machen, ist das allein ihre Entscheidung. Und nur ihre. Die Zeiten, in denen Frauen den Männern untergeordnet waren, sind vorbei.

Dieser Text wurde von der Berliner Sexarbeiterin Fräulein Angelina verfasst. 

Die Frauenbewegung bewegt seit Jahrzehnten viele und vieles. Erfolge konnten verzeichnet werden. Und gleichwohl steht es um das Wohl der gleichberechtigten Gesellschaft noch nicht so gut, wie es wünschenswert wäre. Daher braucht es nach wie vor den Blick des Feminismus, den Drang, weibliche Belange vorwärts zu treiben. Denn das Patriarchat ist träge und zäh und tief in Köpfen, Konventionen und dem Konservatismus verankert, und das dauert. Außerdem ist da die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Und der ständige Wandel. Es werden Teilziele erreicht. Ein Grund zur Freude, aber kein Anlass aufzuhören mit dem Drängen und Treiben. Doch die Leit- und auch die Feindbilder müssen auf dem Weg immer wieder aufs Neue überprüft werden.

Wo wir uns einst von vorgeschriebenen Schönheitsidealen trennen mussten, mit der Forderung, auch Hosen und flache Schuhe tragen zu dürfen, wie es uns beliebt, wo ein wichtiger Schritt war, Abstand von dem zu bekommen, was Symbole der Unterdrückung waren, so sind wir mittlerweile an einem Punktwo wir uns auch wieder dieser Symbole bemächtigen können – sofern wir das möchten. Aus einem gesellschaftlichen Druck wurde eine Bewegung, die zum Ziel hatte, kollektiv die Frau vom Zwang zu befreien, damit sie individuell ihre Wahl und Entscheidung treffen kann. 

Kein Zwang, eine Hausfrau und Mutter zu werden, sondern die Entscheidungsfreiheit, diese Rollen abzulehnen – oder für sich zu wählen. Wir haben lernen müssen, dass auch Feministinnen unfeministisch werden können, wenn sie ihrem Blickwinkel kein Update gönnen. Nicht die Mutterrolle ist das Problem, sondern wer sie bestimmt.

Genauso verhält es sich mit jeglichen anderen Entscheidungen bezüglich des individuellen Lebenskonzepts mit all seinen Details. Die angestrebte Freiheit besteht nicht darin, ins Gegenteil zu kippen und nun das Gegenteil und nichts als dieses zu propagieren. Das kann allerhöchstens ein Zwischenschritt sein. Ja, es gibt Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Arbeit. Zwischen verschiedenen Dienstleistungen. Sexarbeit ist eine Dienstleistung gegen Geld. Für die Möglichkeit zur Wahl hat die Frauenbewegung gekämpft. Wir können und sollten uns freuen, dass es für Mädchen und Frauen nicht mehr nur einen akzeptablen Werdegang gibt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich selbst zu entfalten und die Gesellschaft mitzuprägen. Der feministische Anspruch muss sein, Frauen in keinem Falle für das Nutzen ihrer Freiheit zu diskriminieren, auch und gerade bezüglich ihrer Berufswahl. 

Manchmal werden wir dennoch wieder von konservativen Erwartungen und den noch immer bestehenden patriarchalischen Mechanismen zurückgehalten oder zumindest verunsichert. Es ist längst nicht perfekt. Deshalb ist der Feminismus nach wie vor aktuell und notwendig, und besonders wichtig ist es, ihn zu überprüfen, gerade wenn es um Rollen und Berufe geht, die traditionell als „unfeministisch“ betrachtet wurden. „Unfeministisch“ ist lediglich, wer Frauen abzusprechen versucht, den Beruf oder die Rolle ihrer Wahl auszuüben oder sie für ihre Wahl verurteilt und diskriminiert.

Dieser Text stammt aus der Feder von Fabienne, aktive Sexarbeiterin und Vorstandsmitglied des BesD.

Anna Basener, Autorin des gefeierten Romans „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“, hat es wieder getan:  Mit ihrem Hörspiel „Die juten Sitten“ nimmt sie uns mit auf eine Zeitreise in das wilde Berlin der 20er Jahre. Wir treffen Anita Berber, Magnus Hirschfeld, bekommen einen Geschmack der Epoche. Ihre wahren Heldinnen sind jedoch vor allem die Frauen, die sich in Berlins Halbwelt mit einem kleinen Betrieb durchschlagen.

Protagonistin Hedi sitzt in den 50er Jahren im Todestrakt eines Gefängnisses in Hollywood. Sie hat einen Mann umgebracht, scheinbar ohne Grund, warum, will sie nicht sagen. Aber dem Journalisten vor ihr will sie eine andere Geschichte erzählen –   von ihrer Kindheit in Berlin, von (Wahl-)Familie, den Tragödien der Liebe, des Lebens und der Lust.

Hier könnt ihr mal reinhören: Zum Trailer von „Die juten Sitten“

Basener schafft hier wieder das, was viele andere Autor*innen nicht schaffen: Sie nimmt uns mit in den Alltag der Huren, ganz ohne Sensationalismus. Denn Hedi ist im Bordell aufgewachsen, in der „Ritze“, einem kleinen, selbständigem Betrieb in der Mulackstrasse. Ihre Grossmutter leitete den Laden, und betrieb eine kleine Gaststätte. Im Obergeschoss vermietete sie Hurenstuben, unter anderem an Colette – „die schönste Hure Berlins“ – und die Domina Natalia.

Wir Hörer*innen werden eingeladen,  den Figuren in ihr „verruchtes“ Treiben zu folgen. Und dann, ganz nebenbei, werden die Huren menschlich. Ihre Arbeit und Motivationen nachvollziehbar. Moralische Zeigefinger sucht man in „Die juten Sitten“ vergeblich. Stattdessen gibt es gut recherchierte authentische Einblicke in den  Hurenalltag des historischen Berlins. Von der ersten Legalisierung 1927, über polizeiliche und behördliche Korruption bis hin zum herzenswarmen Pragmatismus der Huren.

Ich wünschte mir, jede Autorin, die fiktional über Sexarbeit schreibt, würde sich ein großes Beispiel an Anna Baseners Arbeit nehmen: Ihre Figuren besitzen Tiefe, sind zwiespältig, entwickeln sich. Die tiefgehende Hintergrundrecherche setzt vorurteilsfrei den Rahmen für eine spannende und  tiefsinnige Geschichte (hier geht es zum Audible-Hörbuch auf Amazon).

Ich für meinen Teil nehme mir ein Beispiel an Natalias Trinkspruch und hebe mein Glas: „Auf die Frauen!“

Dieser Beitrag stammt aus dem Blog von BesD-Mitglied Ruby, die im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Red Umbrella Struggles” als Sprecherin eingeladen war. Die Ausstellung ist noch bis 23. Juni diesen Jahres im Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg zu sehen. 

Vor einigen Monaten las ich im Forum des Berufsverbandes eine Anfrage, wo nach einer Referent*in gesucht wurde, die anlässlich einer Gruppenausstellung mit internationaler Beteiligung bereit wäre, einen Input zum Thema Sexarbeit zu geben.

Nach einem total interessanten Telefonat mit Herrn Blum, der für die Städtischen Museen in Oldenburg tätig ist, entschied ich mich dazu, teilzunehmen.

Ich hatte nur sehr nebelhafte Vorstellungen davon, was mich erwarten würde. Medienkunst, Installationen, kollaborative Arbeitsweise, die Verbindung von Sexarbeit und Kunst, das klang alles irgendwie spannend, mir fehlte aber komplett eine Idee, wie das gelingen könnte und ja, ich war auch skeptisch, ob das irgendwie hochtrabend oder überkandidelt sein würde.

Als ich gestern die Ausstellung vor der Veranstaltung besuchte, kam es ganz anders. Die Ausstellung macht mich stolz, stolz auf meine Arbeit, stolz auf die Hurenbewegung und stolz auf die Künstler*innen, die sich getraut haben, mal genauer hinzuschauen.

Die Arbeiten sind meist Kollaborationen zwischen SexWorkern und Künstler*innen. Petra Bauer, die Stipendiatin des Edith-Russ-Haus für Mendienkunst ist, hat mit SCOT-PEP, der schottischen Sexworkergewerkschaft eine Installation geschaffen. Über zwei Leinwänden hängt das wunderbare Banner von SCOT-PEP, also direkt vor der Nase von jedem Besucher der Ausstellung.

Das Banner ruft zur Einheit der SexWorker auf. Petra Bauer hat zwei Leinwände dazu gruppiert, auf der einen wird historisches Filmmaterial gezeigt: zum einen die Besetzung der Kirche 1975 in Lyon von 200 Sexarbeiterinnen von Carole Roussopoulos mit Les Prostituées de Lyon Parlent sowie der Film von Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, die die Sexarbeiterin Jeanne in ihrem Alltag zeigt.

Auf der anderen großen Leinwand zeigt die Schwedin Petra Bauer ihren Film WORKERS!, in dem Angehörige von SCOT-PEP einen Tag lang den schottischen Gewerkschaftskongress für ihre Arbeit nutzen. Die Aneignung dieses offiziellen Gebäudes macht sofort den Anspruch der Organisation klar, nämlich die Rechte von Sexarbeitenden auf Augenhöhe mit anderen Arbeiter*innen zu verteidigen. Manche Akteur*innen wollen unerkannt bleiben, andere schützen ihre Gesichter mit dem roten Regenschirm, manche zeigen sich der Kamera komplett. Petra Bauers Film ist sehr nah dran und schafft durch die Kameraführung das Gefühl, Teil der Versammlung zu sein.

Zwischen den beiden Leinwänden ist ein Seminartisch aufgestellt worden mit aktueller Literatur und Pads zur Hurenbewegung. Es lädt ein, sich an den Tisch zu setzen und ins Thema einzusteigen.

5 weitere Arbeiten werden in der Ausstellung gezeigt. Besonders spannend für mich war dabei der slowenische Künstler Tadej Pogačar, der 2001 auf der Biennale von Venedig einen Pavillon für den ersten Weltkongress der Sexarbeitenden nutzte, aus dem dann auch der RED UMBRELLA MARCH resultierte. Von diesem Zeitpunkt an war der rote Regenschirm fest als das Symbol unserer Bewegung installiert. Es folgten weitere Aktionen bis heute. Der Oberbegriff für diese Installationen ist CODE:RED, unter diesem Titel begann Tadej Pogačar 1999 sein partizipatorisches Langzeit-Projekt, das eine Art Plattform für Expert*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Sexarbeiter*innen darstellt. Es gab CODE:RED-Beiträge in Zagreb, Bangkok, Madrid und Sao Paolo. In Brasilien gab es die Aktion mit dem Modelabel DASPU, das eine Kollektion von Sexarbeitenden entwerfen und präsentieren ließ. Zusammengearbeitet hat Pogačar dort mit Davida, einer brasilianischen NGO, die sich mit den Rechten von Sexarbeitenden befasst.

Neben der spannenden Ausstellung hatten wir eine absolut anregende Diskussion. Doro von Phönix e.V. und ihre Kollegin und ich unterstützen den Rundgang durch die Ausstellung mit Einwürfen, Ergänzungen und Anmerkungen. Bei dem schon vorgestellten Werk von Petra Bauer kam mir natürlich gleich der Hurenkongress in den Sinn, wo wir ja auch ein etabliertes Gebäude zwei Tage lang für unsere Themen mit Beschlag belegten, und bei CODE:RED kam dann auch das Schwarmkunstprojekt STRICH:CODE:MOVE zu Wort. Wir haben uns mit den Veranstaltungsbesuchern über Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen unterhalten, über das allgegenwärtige Stigma, die Situation mit dem ProstSchG und unsere Vernetzung in der Bewegung.

Eine Dame warf manchmal stark aggressiv immer wieder Zitate von Alice Schwarzer ein, fragte mich, was den Sex für mich persönlich sei und wie ich es wagen könne, für Frischfleisch, Menschenhandel und die Frau als Ware ganz andere Sichtweisen und Perspektiven zu haben. Es ging also hoch her. Mich hat das Publikum begeistert, das sehr rege mitdiskutiert hat. Die Besucher*innen bleiben immer reflektiert, und interessiert. Sie wollten Zusammenhänge besser verstehen und konnten auch für Außenstehende schwierige Zusammenhänge gut aushalten.

Solche Veranstaltungen nutzen uns, glaube ich, viel mehr als irgendwelche Schlagzeilen in den Massenmedien. Es war ein grandioser Abend mitten in der norddeutschen Provinz und ich habe viele Anregungen für meinen eigenen Aktivismus mitgegangen. In diesen tristen Zeiten ein echter Lichtblick!

Danke an das Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das Team vor Ort und an die Kolleg*innen von Phönix e.V.