Zwei Kämpferinnen für Frauen- und Sexworker-Rechte verstarben in diesem Jahr unerwartet – wir trauern um Emilja Mitrovic und Dr. Elisabeth von Dücker.

Dank und Verbundenheit gelten diesen Frauen, diesen Mit-Streiterinnen, diesen Verbündeten aller Sexarbeiter:innen. Mit ihrer Arbeit bekämpften sie Vorurteile, trugen zur Entabuisierung eines stigmatisierten Themas bei, engagierten sich gegen die Ausgrenzung von Sexarbeit und setzten sich dafür ein, Deutschland zu einem besseren und gerechterem Ort für alle zu machen. In Gedanken sind wir bei ihren Angehörigen, Freund:innen und allen Menschen, die ihnen nahestanden.

Dr. Elisabeth von Dücker war als Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin im Museum der Arbeit in Barmbek für den Bereich Alltags- und Frauen-Geschichte zuständig. Ihr Fokus lag darauf, die Arbeitswelten von Frauen sichtbar zu machen – und dazu gehörte auch die Sexarbeit.

Sie besuchte Sexwork Konferenzen in Nürnberg und Hamburg – dort traf ich sie zum ersten Mal. 2005 stellte sie dann die kulturgeschichtlich einmalige Ausstellung „Sexarbeit“ auf die Beine, welche die Lebens- und Arbeitswelt von Sexarbeitenden beschrieb. Als Verbündete hat sie auschlaggebend zur Enttabuisierung des stigmatisierten Themas Sexarbeit beigetragen und dazu aufgefordert, Vorurteile zu hinterfragen.

In diesem Portrait von Juliane Brumberg erfährt man mehr über die Arbeit von Elisabeth von Dücker.

Emilija Mitrovic, in Serbien geboren, war Mutter einer Tochter, Gewerkschafterin und Sozialwissenschaftlerin. Jahrelang begleitete und unterstützte sie die Sexworker-Bewegung und machte sich politisch für die Rechte von Sexarbeitenden stark.

Oft traf ich sie in Berlin – bei Ausstellungen, bei Performances, bei Sexwork Konferenzen. Gut kann ich mich an ihre Führung durch Hamburgs Rotlicht-Bezirk St. Georg erinnern – in welcher wir Details aus der Szene erfuhren, den Hansaplatz und die Beratungsstelle Ragazza besuchten und die  Stundenhotels sahen, wo die Sexworker am Strassenstrich anschaffen. Emilja initiierte die wichtigen Netzwerke „Ratschlag Prostitution Hamburg“ und „MigrAr – Anlaufstelle des DGB für Menschen ohne Papiere“.

Mit ihrer Studie über den „Arbeitsplatz Prostitution“ in 2004 unterstützte sie maßgeblich die gewerkschaftliche Organisation von Sexworkern bei Verdi. Sie leitete den Fachbereich 13 für „Besondere Dienstleistungen“, kämpfte gegen Diskriminierung und Doppelmoral und erhob ihre Stimme für marginalisierte Sexarbeitende.

Der taz-Redakteur Kai von Appen schrieb diesen Nachruf über Emilija und ihre unermüdliche Arbeit.


Dieser Text stammt von BesD-Vorständin Susanne Bleier-Wilp, ehemalige Sexarbeiterin und langjährige Aktivistin für die Rechte von Sexworkern. 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Armin Laschet!

Ich habe einige Fragen an Sie, auf die ich bisher eine schlüssige Antwort vermisse. Ich erwarte von einem Spitzenpolitiker, dass er willens und in der Lage ist, seine Entscheidungen rational zu begründen. Das ist aber leider nicht der Fall, wenn es um meinen Berufsstand geht.

Seit März diesen Jahres stehe ich dank Ihrer Anordnung unter Berufsverbot, viele meiner Kolleginnen haben Sie ohne Not zu Almosenempfängerinnen degradiert und unser gesamtes Metier unter dem Deckmäntelchen des Gesundheitsschutzes unter Generalverdacht gestellt.

Gleichzeitig haben Sie Tausenden von Erntehelfern aus Osteuropa die Einreise gestattet, ohne nach einem Corona-Test auch nur zu fragen.

Gleichzeitig haben Sie und Ihre Vorgängerin Hannelore Kraft über Jahre die Augen verschlossen, vor den unsäglichen und würdelosen Arbeits-und Lebensbedingungen in der Fleisch verarbeitenden Industrie.

Die Infektionszahlen in einem der größten Schlachthöfe Europas, die dem Kreis, in dem ich wohne, einen zweiten Lockdown beschert haben, sprechen für sich und bedürfen hier keiner weiteren Erörterung.

Sie begründen die Ächtung und Kriminalisierung meines Gewerbes damit:

a) dass wir  nicht in der Lage seien, die nötigen Abstandsregelungen einzuhalten.

Spätestens die Demonstration in der vergangenen Woche vor Ihrem Amtssitz hätte Sie vom Gegenteil überzeugen können – wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, uns zur Kenntnis zu nehmen.

Überdies gibt es in unserem Metier einen Berufszweig, nämlich die Dominanz, in dem sich die Frage nach dem gebotenen Abstand von allein erledigt.

b)  dass es angeblich unmöglich sei, meine Besucher für den Bedarf an einer Nachverfolgbarkeit zu registrieren

Auch DA gibt es Mittel und Wege, bei denen weder die Sicherheitsvorschriften noch die in unserem Berufsstand erforderliche Diskretion gefährdet ist. Im übrigen: wie steht es mit der Nachverfolgbarkeit von Besucherdaten in Restaurants? Da soll es ja durchaus schon passiert sein, dass sich Gäste unter falschem Namen oder mit gefakten Telefonnummern eingetragen haben …

c) dass „beim Geschlechtsverkehr notwendigerweise mit einer erhöhten Atemfrequenz zu rechnen sei.“

Zunächst einmal ist es in meinen Augen fraglich, ob ein einzelner Herr, der sich bei einer einzelnen Dame diskret seine Streicheleinheiten holt, einer größeren Anstrengung unterworfen ist als der Besucher eines Fitnesstudios, der dort keuchend seine Hanteln stemmt .

Und außerdem:

Sie erlauben den Betrieb von Massagepraxen, können aber nicht begründen, inwieweit sich eine Wellnessmassage von einer Tantramassage wesentlich unterscheidet.

Sie gestatten den Betrieb von Dating-Plattformen, können aber nicht begründen , warum ein One-Night-Stand der via Tinder oder auf anderem Wege zustande gekommen ist, nicht infektiös ist – aber in DEM Augenblick , in dem die daran beteiligte Frauensperson Honorar kassiert, AUF EINMAL infektiös sein soll und somit illegal wird.

Auf all diese Fragen, die nicht nur ich , sondern auch viele meiner Kolleginnen an Sie stellen, sind Sie bislang eine schlüssige und nachvollziehbare Antwort schuldig geblieben. Statt dessen versuchen Sie , uns zu ignorieren.

Wenn Sie wenigstens zugeben würden, dass Ihnen mein Gewerbe ein Dorn im Auge ist und dass Sie mich und meinesgleichen am liebsten wieder dorthin verbannen möchten, wo wir bis zum Jahre 2002 unser Dasein gefristet haben: zurück in die muffigen Hinterzimmer, die öden Industriegebiete und die verwahrlosten Randzonen der Städte und zurück unter die Fuchtel der Zuhälter …

Nach dem Motto: „Aus den Augen aus dem Sinn – Hauptsache , der brave Bürger merkt so wenig wie möglich vom Vorhandensein dieser verworfenen Geschöpfe.“

Dann wäre das doch immerhin eine klare Ansage. Stattdessen ducken Sie sich weg, versuchen uns zu ignorieren und verschanzen sich hinter Ausreden, die fadenscheinig und einfach nur peinlich sind.

Ich hoffe, dass Sie sich anhand meines Schreibens zu schlüssigen und nachvollziehbaren Antworten auf meine Fragen durchringen können.

„Hochachtungsvoll“,
Sibille Schäfer – Sexualassistentin


Der obenstehende Text wurde von einer Sexarbeiterin im Nachgang der Sexworker-Demo vor dem Düsseldorfer Landtag am 27. August verfasst. Kopien gingen via Email an RP ONLINE, Bild, TAZ, WDR und Der Freitag – außerdem an sämtliche Fraktionen im Düsseldorfer Landtag.

BDSM steht für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Es soll hier nun um Dominance & Submission gehen. Submission heißt Unterwerfung und/oder Hingabe. Das funktioniert nur, weil wir sind, wer wir sind: Freie, frei entscheidende Menschen. Man kann sich nur hingeben und unterwerfen, wenn man etwas zu geben hat. Unfreie Menschen sind genau das: unfrei. Nicht konsensfähig.

Man kann nur zustimmen, sich zu unterwerfen, wenn man die Wahl der freien Entscheidung hat. Darin liegt die Freude.

D/s ist wundervoll. Das Spiel mit Macht und Hingabe, Kontrolle und Kontrollabgabe kann unglaublich gute Gefühle hervorrufen. Es kann eine besondere Form von Intimität und Erotik herstellen und ist un-glaub-lich heiß.

Die Voraussetzung für D/s ist Konsens oder auch Zustimmung. Sonst wäre es ja Misshandlung/Missbrauch und das ist es ganz und gar nicht. D/s ergibt Sinn & macht Spaß wegen all dem, was & wer wir sind. Wir sind erwachsene Menschen, die Verantwortung für sich übernehmen und freie Entscheidungen in & über das Ausleben unserer Sexualitäten fällen.

Abgesprochen können (Ohn-)Machtphantasien ausgelebt werden und sich dadurch zum Beispiel stark oder hingebungsvoll oder schwach gefühlt werden.

Viele Emotionen, die teilweise gesellschaftlich tabuisiert werden, können im D/s erotisiert und verspürt werden. Scham, Trotz, Ekel, Demütigung, Hingabe, Stolz, Trauer, sich klein fühlen, sich schwach fühlen, sich stark fühlen, Wut, Aushalten, Macht, Egoismus, Sorge/Care, Wucht, Grausamkeit, Gnade, Genuss, Service, Verlust,… – alles kann Platz haben und erforscht werden.

Eine wundervolle Sache.

Die geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern funktioniert besonders gut und auch weil wir gesellschaftlichen Anforderungen unterworfen sind.

Wir leben in einem sexistischen System. So werden Frauen und Nicht-Männern gemeinhin eher Rollen zugeschrieben, die unter Sorgearbeit subsumiert werden können. Frauen und Nicht-Männer sind seltener Führungskräfte oder in STEM*-Berufen anzufinden, aus selbigem Grund: da sie eher angeblich emotionalere und (ver)sorgende Menschen seien und nicht kalkulierend, intellektuell und führend.

Es kann besondere Freude machen in einem sexistischem System, sich einer Frau oder einem Nicht-Mann zu unterwerfen. Es kann besondere Freude in genau diesem System machen, sich als Frau oder Nicht-Mann zu unterwerfen. Geschlechtsidentitäten sind nicht wegzudiskutieren, wenn man mit Geschlechtsidentitäten spielt. Der Punkt darin, der genau den Kick macht, ist, dass man mit ihnen spielt.

Gesellschaftliche Anforderungen und Rollen auszureizen, ist Teil von BDSM.

Sich in Verbindung zu diesen Anforderungen ein Stück weit aus ihnen heraus zu bewegen und einen neuen Raum zu eröffnen, in dem die (eigenen/gesellschaftlichen) Grenzen in einem gesicherten Rahmen erforsch- und bespielbar sind, ist toll.

Ich liebe BDSM. Ich bin dominant und sadistisch und liebe es sehr, beides auszuleben. Es ist naheliegend, dass Menschen in diesem Rahmen auch Titel für sich nutzen, um ihre Rollen zu verfestigen.

Es macht es oft einfacher, sich in Rollen hineinzubegeben, wenn sie benannt sind. Beispiele dafür wären Daddy, Mommy, Master, Sir*Miss, Herr*in, Boss, Baby, Slut. Sissy oder auch Top, Sub, Bottom.

Viel Freude macht unter anderem das Spielen mit den Tabus, mit den gesellschaftlichen Assoziationen, den Implikationen und den Bildern, die wir dazu im Kopf haben.
Es macht eine Untersuchung der eigenen Position(en), eine Reflexion und teilweise ein Freimachen oder Verarbeiten davon möglich. Damit berührt BDSM immer wieder auch Traumata, seien es individuelle oder gesellschaftliche.

Wir spielen mit erlebtem Schmerz, mit dem Verbotenen, mit dem mit großer Scham belegten, mit dem, was wir im „realen Leben“/außerhalb der BDSM-Session anderen nicht antun würden oder uns nicht antun lassen würden.

Wir spielen auch mit Echos und Resten in unserem kulturellen Gedächtnis, weil die Symboliken Teil unseres Wissens sind, auch wenn wir wenig oder kein bewusst erlerntes Wissen zu Dingen haben. Symbole und Rollen(vorstellungen) sind ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben.
Teilweise sehen wir sie im Stadtbild, durch Statuen oder Gemälde, teilweise sehen wir sie durch (mangelnde) Repräsentation in Medien und Umfeldern.

Kommen wir zum Begriff „Sklav*in“.

Maafa (auch teilweise benannt als ‚der Schwarze Holocaust‘) beschreibt die Gesamtheit aller Verbrechen an Schwarzen Menschen. Das beinhaltet die Verschleppung, Versklavung, Ausbeutung, Ausrottung, Genozide, Menschenversuche (siehe z.B. J. Marion Sims & Gynäkologie oder Henrietta Lacks & HeLA-Zellen) und ihre bis heute andauernden Auswirkungen.

Wir wissen um den Völkermord an den Herero & Nama, der noch immer nicht anerkannt ist oder davon, dass über Jahrhunderte unterworfene und endlich befreite afrikanische Staaten noch immer „colonial tax“ zahlen müssen.

Wir wissen von Jim Crow-Gesetzen, der Armut des globalen Südens, Polizeigewalt, strukturellen Ausschlüssen, höherer Sterblichkeit, geringerer Zugänge und Rassismus.

Schwarze Menschen wurden versklavt. Ihnen wurde ihr Menschsein abgesprochen und es wurde ein ganzes verwissenschaftlichtes System aufgebaut, um sie zu Untermenschen zu kategorisieren.

Schwarze Menschen wurden erst Sklav*innen und dann entrechtete Menschen dritter Klasse. Wer keine Rechte hat, kann keinen Konsens geben. Wer nicht frei ist, kann keinen Konsens geben.

Wenn wir mit Rollen(vorstellungen) im BDSM spielen, dann bewegen wir uns innerhalb unseres gesellschaftlichen, historischen & kulturellen Wissens.

Versklavung von Schwarzen Menschen hat in der Weltgeschichte ein Alleinstellungsmerkmal & ist weder lange her, noch sind die Auswirkungen derselbigen vorbei. Wenn wir mit dem Bild von Sklav*innen spielen, spielen wir immer auch mit der Maafa.

Ja, es gab auch griechische und römische Sklav*innen und germanische und verschiedenste afrikanische. Unsere Vorstellungen von Sklav*innenschaft sind auch davon geprägt. Spartacus und Gladiator sei Dank. Aber unsere Vorstellungen von Sklav*innen sind ebenfalls von Schwarzen afrikanischen Sklav*innen geprägt.

Diese Geschichte ist sehr viel jünger und sehr wirkmächtig.

Auch ist sie inhaltlich anders gelagert: Schwarze Menschen wurden auf Grund ihres Aussehens zu Sklav*innen gemacht, wegen unveränderlicher äußerlicher Merkmale. Die rassistische Idee verschiedener races/“Rassen”, wie wir sie heute kennen, ist eine Erfindung weißer Menschen, um die Versklavung Schwarzer Menschen überhaupt rechtfertigen zu können. Denn es gibt keine verschiedenen Menschen“rassen“.

Ganze Völker wurden herabgesetzt. Es wurden ineinandergreifende Systeme der Unterdrückung entwickelt, die in einer nie zuvor dagewesenen Größenordnung durchgeführt wurden.

Maafa ist unvergleichbar mit anderen Phänomenen von Versklavung.

Weder in der Auswirkung noch in der Durchführung. Ansonsten wäre das N-Wort nicht immer noch ein Schimpfwort, welches gleichbedeutend ist mit Sklav*in und Untermensch. Sein Ursprung liegt in -genau- der Versklavung von Schwarzen Menschen und ist auch heute noch aktuell. Sklav*innen und Maafa sind nicht voneinander lösbar.

Beim Sklav*in sein im BDSM-Kontext geht es Menschen um das Gefühl des Besitzens, des Besessenwerdens und das kann eine sehr wunderbare Spielart sein.

Ich verstehe den Reiz. Das kann man machen – jedes (potentielle) Trauma ist auch verkinkbar und ich habe da erstmal kein Problem mit. Rape-Play, Age-Play, Race-Play – alles valide Spielarten innerhalb von BDSM. Womit ich ein Problem habe, ist, wenn das nicht reflektiert wird. Denn dann wird’s gefährlich und dann wird es beleidigend.

Als Schwarze Person lebe ich mit den Auswirkungen der Maafa jeden Tag. #blm ist eine davon.

Ich treffe die persönliche Entscheidung, nicht mit weißen Menschen zu arbeiten, zu spielen oder ihnen auf Social Media zu folgen, die ihre Subs kontextlos als „Sklav*innen“ bezeichnen. Ebenso treffe ich die Entscheidung, kein nicht-konsensuelles Race-Play zu machen. Denn nicht-konsensuelles egalwas-Play ist Gewalt.

Sklav*in sein ist ein Spiel mit (teilweise fremdem) Trauma – was grundsätzlich okay ist. Ich möchte das aber nicht. Ich brauche einen Kontext, in dem das Spiel für mich nicht nur als weiterführende Gewalt von white Supremacy wahrnehmbar ist.

Mein Schwarzsein ist für mich darin der leitende Faktor. Das muss für andere Schwarze Personen nicht so sein. Was aber definitiv ist, ist dass wir in einer Welt leben, in der weiße Übermacht und Schwarze Unterdrückung leider weiterhin Fakt sind und es ist sinnvoll, damit bewusst(er) umzugehen. Und nicht Menschen nicht-konsensuell in Spiele einzubinden.

Auch sehr interessant dazu:

 


Dieser Blogbeitrag wurde von Kumi verfasst. Kumi ist körperpositive, dicke, Schwarze Sexworkerin und Escort in Hamburg – hier kannst du ihr auf Twitter folgen.

Replik von Miss Daria, Sexarbeiterin und Mit-Organisatorin der Demo in Stuttgart auf die Äußerungen einer bei der Pressekonferenz im Tabledance-Club Messalina anwesenden Journalistin.


Wenn sich die Gegnerfraktion einschleicht…

…und ein Paradebeispiel dafür bietet, dass wir Sexarbeiter*innen von eben diesen überhaupt nicht ernst genommen werden! Und leider auch deutlich macht, wie unmöglich es ist, mit solchen Menschen eine konstruktive Auseinandersetzung zum Thema Sexarbeit zu führen.

Sarkasmus, Lügen, Manipulation und absurde Analogien

Nach jeder Menge guter Presse – als Echo auf unsere Pressekonferenz, die Laufhausführung und die Kundgebung der letzten Woche hier in Stuttgart, war er da:

„Der Artikel den man ganz sicher nicht lesen möchte, wenn man sich gerade sehr intensiv politisch für seine Grundrechte und seine Berufsgruppe eingesetzt hat!“ in der Wochenzeitung KONTEXT vom 12.08.: „Prostitutionsverbot? Gute Idee!“

Ein Artikel der dafür sorgte, dass ich unglaublich sauer auf mich selber war – zum einem weil ich nicht über ALLE angemeldeten Presseleute ALLE entsprechenden Infos eingeholt hatte, zum anderen über den Text an sich und über die Art und Weise wie Menschen den Journalismus so missbrauchen können. Bei der Einhaltung ihres Berufskodex einfach mal ganz tief ins Klo gegriffen: Fern ab von neutraler Berichterstattung.

Politisches Engagement kostet Zeit, Energie, bringt kein Geld und ist unabdingbar

Ich wollte niemals politische Arbeit machen. Ich wollte vor allem nicht als Sexarbeiterin im Fernsehen landen, geschweige denn Demos organisieren oder mich mit Journalismus auseinander setzen. Da Sexarbeit KEINE Lobby hat außer die Sexarbeitenden selber und das Thema weder in der Politik noch in den Medien fair behandelt wird, blieb mir bei meinem hohen Sinn für Gerechtigkeit irgendwann aber gar nichts anderes mehr übrig, als mich politisch zu engagieren.

Ja, es mag unglaublich naiv klingen, aber was mich jetzt dabei am meisten umtreibt, ist der Fakt, dass ich nicht ernst genommen werde! Einen solchen Tag, wie den 6. August 2020 zu organisieren ist ein unglaublich anstrengendes Unterfangen, kostet sehr viel Zeit und Energie, bringt kein Geld und war trotzdem unabdingbar – vor allem in Stuttgart. Das Stigma und die Diskriminierung ist riesig und wie sollen wir ohne politisches Engagement zu einer Anerkennung der Sexarbeit kommen. Überall wird ständig über uns anstatt mit uns geredet.

So bin ich dann doch in diesem politischen Feld gelandet und Frau Stiefel nutzt ihre Stellung bei der KONTEXT-Wochenzeitung um ihre „persönliche Meinung“ zu einem möglichen Prostitutionsverbot zu verbreiten und scheut dabei weder vor Lügen noch vor Manipulation zurück. Das nehme ich irgendwie persönlich, als würde jemand mein Engagement und meinen Berufstand mit Füßen treten. (Ja, ich weiß, ich sollte das nicht persönlich nehmen…)

Und Frau Stiefel hat es ebenfalls getan: Sie hat nicht mit uns geredet, sondern jetzt redet sie über uns!

Frau Stiefel hat uns auf der Pressekonferenz nicht eine Frage gestellt

Sie hätte die Chance gehabt, mit uns einen offenen Austausch zu führen. Aber nein, sie missbraucht ihre Macht-Position um ihre persönliche Meinung kund zu tun und unsere Aktion ins Lächerliche zu ziehen.

In ihrem Artikel nutzt sie jede Form der rhetorischen Manipulation um den Leser emotional zu beeinflussen, hier zum Beispiel:

„….die Tattoo-Dichte auch. Masken tragen alle, beliebt bei Männern aus dem Milieu: Totenkopfmaske, die ein grimmiges Lächeln ins Gesicht friert.“

Was genau trägt das zur Sache bei?

„Die Show für die Presse ist ein bisschen wie ein Tag der offenen Tür bei der Bundeswehr. Keiner redet über Krieg, alle bestaunen die Gewehre, und wer Glück hat, darf am Ende Panzer fahren!“ schreibt Frau Stiefel. Merkwürdige Analogie würde ich sagen, was sie damit bezweckt, kann ich nur mutmaßen. Prostitution mit Krieg gleich zu setzen? Braucht man das, wenn einem die Argumente fehlen? Oh – jetzt werde ich auch sarkastisch – ein Übel das ich der Frau Stiefel vorwerfe – und nun tappe ich selber in die Falle. Verzeihung, aber diese Berichterstattung ist auf keiner Ebene fair, da fällt es mir wirklich schwer mich selbst anständig zu verhalten.

„Man könnte meinen, der Sex-Job sei ein Riesen-Spaß…“, „…Barsesselchen…“, …und schwupps, so ganz nebenbei…“, ,„…Knöpfchen drücken…“, „…hier im Tabeldance-Schuppen…“, „…sexy Effekt“…, „…außerdem hätten sie ein super Hygienekonzept…“. Auch bei mehrfachem Lesen finde ich kaum einen Satz der wirklich ernst gemeint ist. Das meiste wird ins Lächerliche gezogen, übertrieben dargestellt und merkwürdig betont, so dass der Leser gar nicht die Möglichkeit bekommt, sich ein neutrales Bild des Geschehens zu machen.

An Lügen und Manipulation wird nicht gespart

„Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Gewalt sind kein Thema im Messalina im Stuttgarter Rotlichtviertel.“  Wer dabei war weiß, dass das Thema Prostitution im Verborgenen während der momentanen Situation, eines der wichtigen Themen auf der Pressekonferenz und auch auf der Kundgebung war.

Die Not der Frauen, die keine Soforthilfe bekommen haben, die keinen festen Wohnsitz haben etc., und jetzt heimlich arbeiten müssen ist gravierend und benötigt dringend Unterstützung. Das ist einer der Gründe, warum wir fordern, dass wir wieder arbeiten dürfen. Alle Sexarbeitenden die jetzt gerade arbeiten müssen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, sind widrigen Umständen ausgesetzt. Da sie gerade illegal arbeiten, sind sie erpressbar und können sich in Nöten an niemanden wenden.

„In Schweden, wo Sexkauf verboten ist, gelten Männer, die eine Frau nur über Geld ins Bett kriegen, längst als Loser.“ So ein Quatsch! Wieder erzeugt sie, mit einer nicht nachweisbaren Aussagen, Emotionen beim Leser….weil es ja auch so viele Studien und Statistiken dazu gibt, dass Männer die Sexarbeit in Anspruch nehmen Loser sind.

„Und jeden Tag gehen in Deutschland eine Million Männer ins Bordell!“ ist die nächste Unwahrheit die in den Raum gestellt wird. Wenn nicht einmal klar ist, wie viele Sexarbeiter*innen es in Deutschland gibt, wie kann dann eine solche Zahl entstehen?

Ein bitterer Beigeschmack bleibt

Nun nachdem ich diesen Beitrag geschrieben habe, finde ich es nur noch halb so wild, was Frau Stiefel aus ihrem Artikel gemacht hat. Wie gesagt, ein Paradebeispiel dafür, wie die Gegnerfraktion mit uns Sexarbeiter*innen umgehen. Nämlich, dass lieber über uns als mit uns geredet wird.

Dennoch, ein bitterer Beigeschmack bleibt, denn ich mag es nicht, wenn jemand mich nicht ernst nimmt und sich über mich lustig macht.

Im Übrigen, ist uns (allen Aktivist*innen in der Sexarbeit die ich kenne und mir) bewusst, dass es Menschenhandel und Gewalt in der Prostitution gibt. Wir sind jederzeit dazu bereit, darüber zu sprechen und es ist uns ein Anliegen, uns für bessere Bedingungen und vernünftige Rechte zu engagieren.

Nach großen Protesten von Sexarbeitenden – unter anderem in Hamburg, Berlin, Köln und Stuttgart – kam letzte Woche die Nachricht aus Berlin: Es gibt endlich auch betreffend Sexarbeit Lockerungen. Und ab 1. September soll unter Auflagen zumindest in der Hauptstadt wieder der Kauf und Verkauf von Sex erlaubt sein.

BILD und Co schreiben platte Sprüche wie „Prostituierte wollen endlich wieder Sex“

Ganz unabhängig von möglicher Freude an der Arbeit ging es den demonstrierenden Kolleg*Innen vor allem darum, dass ihre Arbeitsplätze wieder öffnen und sie endlich wieder Geld verdienen können.

Es sind wirklich nicht alle Sexworker geil darauf zu arbeiten, weil sie ihren Job so lieben, wie es das sogenannte Happy-Hooker-Narrativ in den Medien und der sichtbare Aktivismus häufig suggerieren (Leseempfehlung: „Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen, um dafür Respekt zu verdienen“). Solche Vorstellungen tragen nichts zur Durchsetzung gleicher Rechte von Sexworkern bei, insbesondere nicht zur Durchsetzung der Rechte von illegalisierten und marginalisierten Kolleg*Innen.

Die lauten Rufe nach Lockerungen und Öffnung des Rotlicht-Gewerbes dürfen auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Sexworker aufgrund von Corona gerade gar nicht arbeiten wollen. 

Viele Sexworker müssen trotz Corona arbeiten.

Weil sie eben irgendwie überleben müssen.
Weil sie sich nicht leisten können, weiter ihre Altersvorsorge zu plündern.
Weil sie keine finanzielle Rücklagen mehr haben.
Weil sie einfach ihre Miete zahlen müssen.
Weil sie ihre Familie nicht anders unterstützen können.
Weil sie Schulden haben.
Weil sie nicht alles verlieren möchten, was sie sich aufgebaut haben.

Trotz ihrer persönlichen Gesundheitssituation.
Trotz der Angst, sich möglicherweise selbst anzustecken  – beispielsweise, wenn sie zu einer Risikogruppe gehören.
Trotz der Angst, möglicherweise andere anzustecken – beispielsweise Partner, Kinder oder Eltern, die vielleicht zu einer Risikogruppe gehören.
Trotz Arbeitsverboten – und daraus folgenden unsicheren Arbeitsbedingungen, gedrückten Preise oder schlechteren Kunden.

Staat lässt Sexarbeitende im Stich

Auch unter Sexworkern befinden sich Corona-Risikogruppen – sie benötigen finanzielle Unterstützung, damit sie jetzt nicht arbeiten müssen.

Das Problem ist: Staatliche Unterstützung erhalten vergleichsweise wenige Sexworker. Denn schon die Mindestvoraussetzungen dafür – legaler Aufenthalt bzw. Staatsangehörigkeit und der Besitz einer Steuernummer – erfüllen längst nicht alle. Den „Luxus“ einer Krankenversicherung oder eines festen Wohnsitzes haben noch weniger. Wer jetzt noch übrig ist, kann – wie viele Selbstständige – kaum auf finanzielle Rücklagen zugreifen.

Seit 15 Jahren ehrenamtlicher Politik stehen für mich die Interessen der schwächsten Mitglieder unserer Sexwork-Community im Vordergrund. 80% aller Sexworker in Deutschland sind Migrant*Innen. Wo bleibt die staatliche finanzielle Unterstützung für die oft prekär arbeitenden Sexworker, die marginalisiert, mehrfach stigmatisiert, illegalisiert sind?

Das ist ein Skandal, nicht nur für die Arbeitssituation in Deutschland, sondern weltweit.

Viele Sexworker sind völlig verzweifelt. Aus Deutschland und anderen Ländern erfuhr ich vom tragischen Tod einiger Sexworker durch Suizid. Der Nothilfe Fonds des BesD ist nun leer und wir können aktuell keine Sexworker in Notlagen mehr unterstützen. Ehrlich gesagt, ist es aber auch gar nicht die Aufgabe eines Berufsverbandes, staatliche Verantwortung zu übernehmen. Der Staat versagt, wenn er sich nicht um die Ärmsten der Armen kümmert.

Corona-Epidemie zeigt Auswirkungen repressiver Prostitutionspolitik

Mir fällt auf, dass die Sexworker am Straßenstrich in Berlin während des Arbeitsverbots aufgrund der Corona-Epidemie das gleiche berichten, wie auch die Sexworker in Schweden und Irland es seit dem dortigen Sexkaufverbot tun: Aufgrund des Verbots bleiben nur noch die schlechten Kunden übrig, weshalb es auch zu vermehrter Gewalt kommt. Die achtsamen, respektvollen Kunden sind vorsichtig und bleiben weg.

In über 130 wissenschaftlichen Studien wurden die Auswirkungen repressiver staatlicher Prostitutionspolitik untersucht.*

Die Kurzfassung: Ein Verbot der Sexarbeit führt immer zu einem Anstieg von Gewalt gegen Sexarbeitende.

Politischer Aktivismus – Unterstützung für Sexarbeiter*Innen, die sich engagieren wollen

Ich persönlich stehe der sogenannten Respectability Politik – also dem „Andienen“ von ausgewählten Einzelnen aus marginalisierten Gruppen an den „Mainstream“ – kritisch gegenüber und glaube, dass manche Aussagen eher schaden, als dass sie nützen. Deshalb plädiere ich für professionelles Coaching für Sexworker, die in den Aktivismus einsteigen wollen oder noch wenig Erfahrung mit politischer Arbeit haben und Unterstützung suchen. Dabei geht es darum, mögliche Kommunikations-Fehler in der aktivistischen Arbeit zu identifizieren (Stichwort: Demo-Plakate), engagierte Menschen zu ermutigen und zu empowern und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Der Termin wird hier rechtzeitig bekannt gegeben. Nachfragen gerne an susanne@besd-ev.de.


Dieser Blogartikel stammt von BesD-Vorständin und ehemaliger Sexarbeiterin Susanne Bleier-Wilp. Sie ist seit vielen Jahren als Aktivistin für die Rechte von Sexarbeiter*innen im In- und Ausland aktiv.

* Platt, Lucy, Grenfell, Pippo; Meiksin, Rebecca et. al 2018: Associations between sexwork laws and sexworkers health. A systematic review and meta-analysis of quantitative and qualitative studies. In: PLoS Med 15(12), e1002680, S. 1-54

Nach einem besonders ätzenden Tag am Schreibtisch rufe ich gern mal: “Ich hasse es, Journalist zu sein!”. Dann klopft mir meist irgendwer aufmunternd auf die Schulter. “Ohje, wir alle haben solche Tage”, heißt es dann. Anders sieht es bei meinem Nebenjob aus. Nach einem unangenehmen Escort-Date oder einem verpfuschten Pornodreh überlege ich sehr genau, mit wem ich mein Erlebnis teile. Zu groß ist meine Sorge, jemand könnte es zum Anlass nehmen, mir meine Tätigkeit gleich ganz auszureden. Auch von guten Freunden habe ich schon Sprüche gehört wie: “Bist du dir sicher, dass die Arbeit die richtige für dich ist? Ich weiß ja nicht, ob es dir so gut tut.”

Überzogene Erwartungen an die Sexarbeit

Und auch generell habe ich den Eindruck: Auf der Sexarbeit lasten oft überzogene Erwartungen, die an andere Branchen so nicht gestellt werden: Die Betroffenen sollen ihre Arbeit stets gern tun, dabei sie selbst sein, es nicht des Geldes wegen tun — und sich am Ende noch politisch empowert fühlen. Wenn dem mal nicht so ist, wird das gern als Argument dafür herangezogen, Sexarbeit aus der Welt zu schaffen.

Doch woher kommt überhaupt der Anspruch, in der eigenen Tätigkeit komplett aufgehen zu müssen? Dahinter steckt das Märchen von der Sinnstiftung durch Arbeit. Wenn wir sämtliche Branchen abschaffen würden, in denen sich die Werktätigen manchmal nicht erfüllt oder glücklich fühlen, dann wären wir alle arbeitslos. Denn: Für einige Sexarbeitende ist ihr Job der Himmel auf Erden. Andere quälen sich und schielen sehnsüchtig auf die Uhr, wann endlich Feierabend ist. Und dann gibt es ein breites Mittelfeld an Sexarbeitenden, die ihre Arbeit so lala finden. Die mal gute, mal schlechte Tage haben. Überraschung: Genau so verhält es sich auch in jedem anderen Job.

Auch pragmatischer Konsens ist okay

Im Zuge der #metoo-Bewegung haben Feminist:innen vereinzelt betont: Sexueller Konsens müsse immer enthusiastisch sein — und genau das sei in der Prostitution eben oft nicht gegeben. Ich finde, das ist ein weltfremder Anspruch, sowohl im Privatleben als auch im Job. Zugegeben, ich würde auch gern alles aus ehrlicher Begeisterung und dem tiefsten Wunsch meines Herzens tun. Das ist aber nicht immer möglich. Wenn ich zu etwas ja sage, tue ich das meistens nicht mit einem inneren Jauchzen. Oft entscheide ich mich nüchtern für die Option, die mir nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile als bestmöglich erscheint. Auch zu privatem Sex sage ich in manchen Momenten eher “okay” als “oh ja, bitte”. Sex kann mittelmäßig und dennoch einvernehmlich sein.

Die Forderung nach stets begeisterter Zustimmung ist neoliberales Blendwerk — und ignoriert die gesellschaftlichen Zwänge, die unser Leben bestimmen. Seien wir mal ehrlich: Viele Kunden sind nicht gerade Traumliebhaber. Der Sex mit ihnen ist nur selten amazing. Auch Sex vor der Kamera ist oft eher anstrengend als grandios. Das muss er aber auch nicht sein. Für das nötige Entgelt gehe ich da gern Kompromisse ein. Mein Ja dazu ist auch dann etwas wert, wenn es eher pragmatisch als enthusiastisch daherkommt.

Sexarbeit muss nicht empowernd sein.

Manche Sexarbeitende lieben tatsächlich ihren Job. Einige erleben ihn gar als Empowerment. Einige genießen die gemeinsame Zeit mir ihren Kunden und haben Spaß am Sex. Andere erforschen durch die Arbeit ihre eigene Sexualität. Oder sie verbinden ihre Tätigkeit mit therapeutischen, künstlerischen oder spirituellen Ansätzen. Manche fangen an, die Geschlechterverhältnisse stärker zu hinterfragen oder sich politisch zu engagieren. Es ist wichtig, all diese unterschiedlichen Ausformungen und Beweggründe in die Debatte einzubeziehen. Denn sie erzählen von der Vielfalt einer Branche, von der viele Menschen ein eher klischiertes, einseitiges Bild haben.

Diese Erfahrungen sind jedoch nicht allgemeingültig für die breite Masse an Sexarbeitenden. Gerade die Sache mit dem Empowerment ist ein Nischenphänomen, das — wenn überhaupt— eher politisierte Sexarbeitende betrifft. Natürlich kann die Arbeit für manche empowernd sein. In öffentlichen Debatten, etwa in Talkshows oder Zeitungen, bezweifle ich aber, ob diese persönlichen Empowerment-Anekdoten immer zielführend sind. Sie spiegeln die Lebensrealität einer kleinen Gruppe von meist privilegierteren Sexworkern (wie mir selbst) wider. Medien stürzen sich mit Vorliebe auf solche Geschichten, weil sie griffig, sexy, unkonventionell wirken.

Sexarbeit verdient auch dann Respekt, wenn sie einfach nur ein Job und sonst nichts ist.

Die EMMA-Fraktion behauptet gern, Prostitution würde das Patriarchat stützen, Elend oder gar sexualisierte Gewalt befördern. Das ist Bullshit. Die Behauptung wird aber auch nicht wahrer, wenn man sie ins Gegenteil kehrt und Sexarbeit zur Wohlfühlzone oder zur politischen Erweckungsbewegung verklärt. Für viele ist Prostitution schlichtweg eine Möglichkeit zum Broterwerb, ohne aufregendes Gimmick. Deren (meist weniger glamouröse) Geschichten geraten schnell unter die Räder. Doch Sexarbeit verdient auch dann Respekt, wenn sie einfach nur ein Job und sonst nichts ist.

Die Erzählung vom Empowerment durch Sexarbeit sei “bis zur Satire überstrapaziert” und oftmals ein Ablenkungsmanöver, kritisieren die Sexarbeits-Aktivistinnen Juno Mac und Molly Smith in ihrem Buch Revolting Prostitutes: “Diese Beschwörungen persönlicher Gefühle lenken von einer deutlich komplizierteren Diskussion ab — über Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat”.

Beschwichtigungsversuche für die Gegenseite?

Manche wollen die positiven Aspekte der Sexarbeit betonen, um den Verbotsaposteln etwas entgegen zu setzen. Da diese sich oft weigern, den Betroffenenen zuzuhören, bringt das nur bedingt etwas. Das Manöver kann leicht kippen. Blitzschnell finden sich Gegenbeispiele von Prostituierten, die tatsächlich leiden — und schon wird die rhetorische Offensive zum Eigentor. Manche Medienberichte deuten das ausbleibende Empowerment als ein Argument gegen Sexarbeit. Beispiel: “Ich dachte, Sexarbeit wäre empowernd und feministisch. Doch ich lag völlig falsch.”

Mein Eindruck ist: Außenstehende lassen sich durch diese persönlichen Geschichten selten davon überzeugen, dass Sexarbeit an sich eine legitime Form der Erwerbsarbeit ist. Stattdessen messen sie dann oft mit zweierlei Maß: Sie unterscheiden in wenige “selbstbestimmte Sexarbeiterinnen” auf der einen und zahlreiche “ausgebeutete Huren”, die man “retten” muss, auf der anderen Seite. Auch in den Medien taucht diese Zweiteilung häufig auf. Gerade politisch aktive Sexarbeitende werden von Journalist:innen schnell gegen ihren Willen in dieses Erzählmuster gesteckt. Dabei geht unter, dass alle Sexarbeitenden (trotz ihrer unterschiedlicher Lebensrealitäten) in derselben, hoch stigmatisierten Branche arbeiten. Ein Sexkaufverbot nach dem Schwedischen Modell würde sie letztlich alle in Gefahr bringen.

Sexarbeit ist keine politische Erweckungsbewegung. Es ist ein Job — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Meine Skepsis hat noch einen anderen Grund: Nur weil ich bessere und sicherere Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit will, heißt das noch lang nicht, dass ich Arbeit an sich sonderlich erstrebenswert finde. Natürlich ist es schön, wenn Menschen Spaß an ihrem Beruf haben. Doch das sollte kein Maßstab für die Daseinsberechtigung eines Jobs sein. Denn letztlich ist jede Lohnarbeit problematisch. Ich habe Bauchschmerzen, wenn Arbeit pauschal und unkritisch abgefeiert wird — auch dann, wenn es dabei um Sexarbeit geht. Wir sollten aufpassen, hier nicht der fatalen Idee auf den Leim zu gehen, nach der wir stets Lust und Erfüllung durch unsere Arbeit erfahren müssen.

Niemand drückt es so gut aus wie der Sexarbeiter und Autor Christian Schmacht: “Ich hasse den Empowerment-Mythos. Ich bin nicht empowert! Denn Sexarbeit ist Arbeit und Arbeit nervt!”, schreibt er in seiner Kolumne. „Aber wir dürfen unseren Job hassen, eklig oder nervig finden und trotzdem für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.“

Fröhlichsein als Marketingstrategie

Viele Sexarbeitende verwenden die “Ich liebe meinen Job”-Geschichte für die Eigenwerbung. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Sich selbst als lustvoll und lebensfroh zu präsentieren, ist oft Teil der Jobbeschreibung. In dieser Hinsicht ähnelt die Sexarbeit anderen kundennahen Dienstleistungsberufen. Auch Kellnerinnen und Stewardessen lernen, stets ein galantes “customer service smile” an den Tag zu legen. Gerade im höherpreisigen Segment der Sexarbeit ist einiges an Emotionsarbeit erforderlich: Bei der so genannten Girlfriend-Experience geht es beispielsweise darum, die Erfahrung eines romantischen Pärchenabends zu inszenieren — natürlich ohne den Zoff um die offen gelassene Zahnpastatube. Die vermeintliche Authentizität ist hier Teil der Performance. Denn wer will schon eine Escort buchen, die ständig von ihrem Kummer erzählt?

Die Inszenierung als lebensfroh ist wichtig fürs Marketing. Sie ist aber kein politisches Argument.

Man sollte aber nicht den Fehler machen, diese Werbung in eigener Sache mit einem politischen Argument zu verwechseln. Wenn es um die Legitimität von Sexarbeit geht, kommt es schlichtweg nicht darauf an, ob Einzelne ihren Job lieben oder nicht. Die Sexindustrie ist kein Schlaraffenland, und es bringt auch nichts, eines vorzugaukeln. Wie in anderen Branchen auch, läuft auch in der Sexindustrie vieles gewaltig schief. Gerade in den schlechter bezahlten Bereichen der Prostitution stapeln sich die sozialen Missstände.

Diese sind allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der Sexarbeit. Wer sich isoliert auf die Probleme im Rotlicht einschießt, verkennt die globalen Verflechtungen: Elendsprostitution offenbart die klaffenden Lücken im sozialen Netz. Die prekäre Situation vieler osteuropäischer Sexarbeiterinnen lässt sich nicht ohne die nationalen Grenzregimes verstehen. Und die Erzählmuster im Porno sind so rassistisch und frauenfeindlich wie die Gesellschaft, die sie hervorbringt. Kurzum: Die Missstände in der Sexindustrie spiegeln stets die Verhältnisse wider, unter denen Arbeit stattfindet: Kapitalismus, Patriarchat, White Supremacy.

Das Gemeine an der Sache: Viele Sexarbeitende würden gern offener über diese Missstände sprechen. Das kann aber nicht gelingen inmitten einer Debatte, die die Legitimität und Selbstbestimmtheit ihres Jobs permanent anzweifelt. Prostitutionsgegner:innen klagen ein ganzes Berufsfeld an. Das führt dazu, dass sich die Betroffenen dann auch verhalten wie bei einem Verhör. Ganz nach dem Motto: Alles, was Sie äußern, kann gegen Sie verwendet werden (und wird es auch, wie die zahllosen persönlichen Attacken aus dem Lager der Sexkaufgegnerinnen beweisen). Da ist es manchmal besser, überhaupt nichts zu sagen — oder sich auf die Story von der “glücklichen Hure” zu beschränken.

Viele würden gern offener über ihre Probleme sprechen. Doch die Verbotsdebatte hemmt sie.

Wer Sexkauf verbieten will, hat kein Interesse daran, diese Probleme zu lösen, sondern will sie einfach nur unsichtbar machen. Von der Bildfläche tilgen. Ein Sexkaufverbot macht alles nur noch schlimmer: Es bringt Sexarbeitende nicht dazu, ihren Job zu wechseln. Stattdessen verschärft es die Probleme, die es angeblich lösen will. Wer sich aufrichtig für Sexarbeitende engagieren will, muss ihnen endlich zuhören — und dafür einstehen, dass ihre Arbeit nicht kriminalisiert wird.


Dieser Text stammt von dem Sexarbeiter, Filmemacher und Journalisten Theo Meow und wurde zuerst auf medium.com veröffentlicht.

Hallo Frau ♦♦♦♦♦♦

genau wie Bayern die solo-selbständige Dienstleistung der Prostitution außerhalb von Prostitutionsstätten und außerhalb der Sperrgebiete erlaubt, gibt es nun auch bei Tantra Massagen eine vernünftige Position des bayrischen Gesundheitsministeriums. Diese fällt ganz anders aus, als zum Beispiel die Entscheidung des VG Trier zu diesem Thema. Siehe hierzu folgenden Link. Im vorliegenden Fall handelte es sich sogar noch um einen Betrieb – nicht um eine Einzelperson.

Was läuft hier nur falsch? Wie kann es sein, dass bundesweit so unterschiedlich entschieden wird?

Dass es bei eigentlich bundeseinheitlich zu treffenden Entscheidungen und bundeseinheitlich geltenden Gesetzen derzeit einen riesigen Unterschied macht, ob ich in Bayern, Hessen oder RLP lebe? Das Virus macht vor Landesgrenzen keinen Halt. Von den unterschiedlichen Corona Verordnungen ganz zu schweigen. In RLP lautet die VO: „Verboten ist die Öffnung von Bordellen, Prostitutionsstätten und ähnlichen Einrichtungen“.

Für die Behörden in RLP bin ich als soloselbständige Dienstleisterin in meinen eigenen 4 Wänden, auf Nachfrage eine „ähnliche Einrichtung“.

Obwohl das Prostituiertenschutzgesetz im §2 ganz klar eine Trennung der Dienstleistung vom Betrieb/Betreiber einer Prostitutionsstätte vornimmt! Ein Betrieb tritt erst dann in Kraft, wenn der Betreiber durch die Dienstleistung von mindestens einer weiteren Person finanziell partizipiert.

Ich möchte endlich eine Antwort mit einer sachlichen Erklärung und faktischen Gründen für das Tätigkeitsverbot von den Behörden.

Zum Beispiel, warum ich als solo-selbständige, unberührbare Domina, die keine sexuelle Dienstleistung MIT oder AN ihrem Körper anbietet, mit einem 4-seitigen Hygienekonzept, welches vom Gesundheitsamt bereits vor 2 Monaten als „schlüssig“ bewertet und nicht beanstandet wurde, weiterhin nicht arbeiten darf.

Inwiefern kann faktisch begründet werden, dass das Infektionsrisiko bei meiner Tätigkeit und maximal 2 Kundenkontakten am Tag höher sein soll, als bei vergleichbaren anderen Dienstleistungen?

Oder beim Kontaktsport? Alles, was man meinen Fragen nach sachlichen Gründen gegenüberstellt sind immer nur Vermutungen und Unterstellungen, um eine Entscheidung zu „begründen“. In Bayern, Hessen und einigen anderen Bundesländern dürfte ich hingegen arbeiten.

Ich kann bald nicht mehr! Seit fast 4 Monaten befasse ich mich tagein tagaus mit nichts anderem mehr. Ich will endlich wieder arbeiten.

Ich verstehe das alles nicht mehr: Das Mauern der Behörden, das nicht-Anbieten von Lösungen, obwohl schlüssige Hygienekonzepte vorliegen, auch in anderen Bereichen der Prostitution. Für jede andere Berufsgruppe hätte man ein offenes Ohr, ein Interesse, böte eine Perspektive. Die immer größer werdende Widersinnigkeit eines Komplettverbots angesichts der Infektionslage. All das fördert gerade rasend schnell nur die schlechten Aspekte der Prostitution!

Möchte man die Situation der Branche absichtlich vor die Wand fahren lassen um noch radikalere Maßnahmen ergreifen und Gesetze dagegen durchbringen zu können?

Diese Methode wäre jedenfalls ein probates Mittel. Viele Fragen und nach wie vor keine Antworten. All das hat schon lange nichts mehr mit Gleichbehandlung oder gar mit „Stärkung der Frauen“ zu tun. Im Gegenteil. Frauen wie mir wird durch diese de facto Entmündigung das letzte Stückchen Selbstbewusstsein und Würde genommen. Ihre Selbständigkeit, ihre Existenz und Selbstbestimmtheit zerstört!!

Mit KEINEM anderen Berufszweig wird so abwertend verfahren. Es ist auf deutsch gesagt zum K…..

Aber Hauptsache, die Politiker können entspannt ihre Sommerpause genießen während andere in ihrem Land weiter unverschuldet ums Überleben kämpfen. BITTE setzen Sie sich dafür ein, dass endlich Lösungen geschaffen werden. Dass man mit uns redet und nicht über uns entscheidet als seien wir unmündige Kinder und unfähig, genauso verantwortungsvoll in unserem Beruf zu handeln wie ein Friseur, Kosmetiker, Masseur oder Tätowierer.

Danke und viele Grüße,

♦♦♦♦♦♦

Dieser Brief wurde uns von der Verfasserin zur Verfügung gestellt, die hier anonym bleiben möchte.

Als Sexarbeiterin habe ich in vielen Bereichen gearbeitet –  unter anderem in Bordellen, in Terminwohnungen, als Escort und als Porno- Darstellerin. Zurückgeblieben sind mehr schlechte als gute Erinnerungen.

Natürlich ist die Mehrheit der Kunden nicht gefährlich. Aber ein einziges traumatisches Erlebnis kann reichen, dass es einem den Boden unter den Füßen weg zieht.

Ich hab leider gelernt, dass es nicht nur in Billig-Bordellen zahlreiche gefährliche Kunden gibt, sondern auch beim Escort, also bei Haus- und Hotelbesuchen, sowie beim privaten Empfang. In meinem Fall waren es drei Erlebnisse, wo Gewalt vor Ort im Spiel war. Ich hab als Konsequenz meine Preise verdoppelt und mich als Escort selbstständig gemacht. Leider ist dann in meiner Anfangszeit wieder etwas vorgefallen, aber ich hatte nicht die Traute, den Mann anzuzeigen, weil ich nicht bei der Polizei als Prostituierte geoutet sein wollte. Das war ein Fehler. Außerdem musste ich lernen, dass solche negativen Ereignisse sowohl kurzfristig als auch erst viele Jahre später wirksam werden können.

Dass man körperlich und psychisch gesundheitlichen Schaden nehmen kann, der irreparabel ist.

Dies ist in meinem Fall passiert. Ich muss seit 7 Jahren und nun lebenslang Medikamente, starke Psychopharmaka, einnehmen, damit ich nicht durchdrehe,  das heißt psychotisch und arbeitsunfähig werde. Meine Nerven sind immer angespannt. 24 Stunden/7 Tage die Woche. Ich fühle mich, als ob ich die ganze Zeit auf Koks bin, dabei sind es die Psychopillen, die ich schlucken muss. Diese Manie hatte ich schon vor meiner ersten Psychose und als ich noch in der Sexarbeit tätig war. Ein Kunde fragte mich damals, ob ich Kokain konsumiere, weil meine Kerze an beiden Enden brennt.

Wenn ich abscheuliche Dinge lese, triggert es immer bei mir und ich brauche eine Weile, um mich wieder zu entspannen.

Dabei helfen mir Musik und gewisse Genussmittel, die ebenfalls gesundheitsschädlich sind. Ich bin nämlich seit 7 Jahren Kettenraucherin und meine Lunge extrem geschädigt. Noch 30% Lungenvolumen. Die vielen Stigmata – als Frau und Prostituierte, Kettenraucherin mit Psychiatrie-Erfahrung, Gewaltopfer – beschmutzen mich in gewisser Weise. Klar, dass man mit einer unbehandelten Psychose gelegentlich Amok gegen sich selbst läuft oder Schaden bei anderen verursachen kann. Das weiß auch die Gesellschaft, wie gefährlich Schizophrenie auch für andere sein kann, weshalb es sich mit solidarischer Unterstützung für Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung arg in Grenzen hält. Und ich habe auch schon sehr viel Ausgrenzung erlebt, wenn ich mich getraut habe, offen darüber zu sprechen. Allerdings will ich nicht schweigen.

Seit meinem Ausstieg aus der Sexarbeit bin ich weiterhin der Szene verbunden geblieben und arbeite seit mittlerweile 15 Jahren als politische Aktivistin für Rechte, Gesundheit und gute Arbeitsbedingungen für Sexworker.

Durch meine Arbeit als Autorin und Redakteurin für ein Erotik Portal werde ich täglich mit dem Thema Prostitution und den Erfahrungen meiner Kolleg:innen konfrontiert. Seit 9 Jahren administriere ich ein von mir aufgebautes Sexworker only-Forum mit mittlerweile mehr als 16.000 Sexworkern, davor habe ich bereits 2 Jahre das Sexworker Forum sexworker.at moderiert. Als Vorstandsmitglied des BESD-Berufsverbands und als Mitglied des Lenkungsausschusses bei TAMPEP setze ich mich heute auch gezielt politisch für die Rechte und bessere Arbeitsbedingungen für Sexworker ein. Ich stelle heute auf vielfältige Weise Ressourcen her, damit Sexworker und ihre Kunden informiert und aufgeklärt werden. Damit sichere und keine gefahrvollen Begegnungen die Regel sind.

Die Hemmschwelle, Tabubrecher unter den Kunden anzuzeigen ist hoch, insbesondere für jene Sexworker, die nicht als Prostituierte angemeldet sind.

Von den Fakern, die Escorts ins Blaue schicken, Online-Belästigungen und Grenzüberschreitern spreche ich erst gar nicht. Das ist der Normalzustand für viele Escorts. Doch auch Kunden die Gewalt ausüben, sexuell nötigen, oder vergewaltigen, müssen kaum mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Solche Kunden werden zwar für erneute Anfragen blockiert oder auf die Warnliste geschlossener Sexworker-Gruppen gesetzt, aber sie werden kaum angezeigt, da Sexworker oft in der schwächeren Verhandlungsposition sind.

Je privilegierter eine Sexarbeiterin ist, desto seltener wird sie Opfer von Grenzüberschreitung und Gewalt.

Selbstbewusste starke Persönlichkeiten treffen im Regelfall respektvolle Männer – das ist zumindest meine Lebenserfahrung. Als ich begonnen habe hohe Preise zu verlangen und nur noch Hotelbesuche im 4-5 Sterne Segment angeboten habe, ist mir persönlich nichts mehr passiert. Ich plädiere immer, dass die SSC-Regel (safe – sane – consensual) aus dem BDSM-Bereich auch im Vanilla-Bereich angewendet werden sollte. Vor jedem Date, vor allem in der Sexarbeit, sollten hohe Sicherheitsstandards gelten: ein mehrstufiges Kundenscreening per Telefon und Mail, Referenzen von anderen Sexworkern, ein Cover der oder die Bescheid weiß, wen man wo trifft.

Ich halte es für wichtig, sich in der Sexarbeit frühzeitig zu professionalisieren.

Täter suchen sich gerne weniger professionell auftretende Damen aus, die das „nur nebenbei“ machen. Hier vermuten die Täter nämlich Frauen, die illegal arbeiten und sich nicht wehren können und/oder wollen. Über dieses Risiko sollten sich alle „Hobbyhuren“, die ihre Unprofessionalität in ihrer Werbung hervorheben, im klaren sein. Aber das Risiko Gewalt ausgesetzt zu werden besteht auch sonst – dessen sollte man sich bewusst sein.

Jedes Opfer ist eines zuviel – deshalb müssen Sexworker insgesamt in eine stärkere Verhandlungsposition kommen und in ihren Rechten gestärkt werden.

Es kann nicht sein, dass Kunden, nur weil die das Geld haben, die Spielregeln bestimmen. Es kann nicht sein, dass Sexworker durch das „Prostituiertenschutzgesetz“, wie in Deutschland, oder durch ein Sexkaufverbot wie in Schweden, in ihren Rechten noch weiter beschränkt werden und damit noch größerer Gefahr ausgesetzt sind.  Zahlen über das Ausmaß von Gewalt in der Branche oder die Höhe der Zwangsprostituierten sind für mich persönlich nicht wirklich relevant  – es passiert und allein das zählt. Ich erkenne die vielfältige Realität der Sexarbeit an – und genau deshalb setze ich mich für eine Stärkung der Rechte von Menschen in der Branche ein und kämpfe gegen Verbotsphantasien rund um das schwedische Modell, die Sexworker in ihrer Entscheidungsfreiheit und Menschenrechten beschränken anstatt unterstützen wollen.

Dieser Text stammt aus der Feder der ehemaligen Sexarbeiterin Susanne, die unter anderem beim BesD e.V. als Vorstandsmitglied und in der Pressearbeit tätig ist. 

Persönlicher Brief an die Landespolitik in Rheinland-Pfalz
von Vorstandsmitglied des BesD, Nicole Schulze

Ich schreibe Ihnen heute mit drei Gefühlen, möchte Ihnen meine Gedanken zur o. g. Thematik
mitteilen und habe wichtige Fragen an Sie.

Meine Gefühle sind Wut, Angst und Enttäuschung.

Sie haben letzte Woche Freitag durch die 9. Coronaverordnung in RLP mitgeteilt, dass die Prostitution unter Auflagen ab dem 10. Juni 2020 wieder erlaubt sei.

Diese Nachricht hat mich und viele Frauen in RLP, die in diesem Bereich selbstbestimmt ihren Lebensunterhalt bestreiten, erfreut und erleichtert. Gleichzeitig gab es einen verstärkten Austausch von Betreibern, selbständigen Dienstleisterinnen, Werbeportalen uva., um die Umsetzung des Neustarts so korrekt wie nur möglich und im Einklang mit allen Vorgaben zu besprechen.

Die Not bei allen in dieser Branche ist sehr groß.

Sie selbst haben am Anfang der Krise Gelder zur Verfügung gestellt um diese Not zu lindern. Aber dieses Geld ist nun längst aufgebraucht. Sollte die Tätigkeit der Dienstleisterinnen und die Öffnung der Betriebe weiter verboten sein, benötigt es weitere dringende Unterstützung. Damit meine ich Hilfen für die soloselbständigen Einzelprostituierten, aber auch die Unterstützung für Betriebsstätten, denn diese ermöglichen vielen Frauen eine Arbeitsstätte. Ich stehe mit allen Beratungsstellen in Rheinland-Pfalz in Kontakt und wir vom Berufsverband unterstützen weiter über unseren Nothilfefonds, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Sexarbeiter und Bordellbetreiber unter hygienischen Bedingungen wieder öffnen können und sollten! Alle Argumente, die in den letzten Tagen GEGEN eine Wiedereröffnung des GESAMTEN Bereiches gesprochen haben, entbehren jeglicher nachweisbarer Grundlagen, Prüfungen, medizinischer Erhebungen oder anderen belastbaren Fakten sondern sind lediglich Annahmen einzelner!

Warum beschäftigt sich keiner wirklich mit unserer Branche?
Warum ermöglicht man uns nicht eine stufenweise Öffnung, so wie man das in anderen Bereichen gemacht hat und stellt somit eine bessere Beobachtung der Entwicklung sicher? Warum begrenzt man nicht die Arbeitszeiten oder die Zahl der Personen pro Quadratmeter, ähnlich wie im Einzelhandel? Im Übrigen sind unsere Nachbarn in Österreich und der Schweiz schon deutlich weiter und erlauben die gesamte Prostitution ab 15. Juni bzw. 01. Juli wieder, parallel auch zur Öffnung von Diskotheken, Clubs usw.

Die sexuelle Vielfalt in diesem Bereich ist riesengroß – dennoch findet keine Differenzierung statt. Sie reden immer nur von den Bordellen und werfen damit gleichzeitig alle in einen Topf! Es gibt die Dienstleister wie zum Beispiel die unberührbare Domina. Sie bietet keine sexuelle Dienstleistung MIT oder AN ihrem Körper an, ist immer bekleidet, hat weniger Körperkontakt als z. B. ein Masseur und arbeitet wie viele andere auch unter höchsten Hygienestandards! Warum darf Sie nicht unter Auflagen ihre Tätigkeit wieder aufnehmen?

Warum darf eine Frau, die alleine in ihrer Wohnung arbeitet, keine Kunden empfangen?
Warum darf eine Escort Frau keine Verabredungen für Haus- oder Hotelbesuche vereinbaren?

Wo ist da der Unterschied zwischen Online Dating Plattformen wie Tinder, C-Date u. ä.? Nur weil wir bezahlt werden?
Bitte bedenken Sie, dass professionelle Frauen in diesem Bereich viel achtsamer sind was Hygiene und ihre eigene Gesundheit angeht.

Es ist heute nicht mehr so, wie Ihre Vorstellung von Prostitution noch immer zu sein scheint.
Es gibt keinen Massenandrang, bei dem sich unzählige Männer über eine Frau hermachen. Eine sexuelle Dienstleistung ist in der Regel ein Treffen von zwei Personen, das in einer für in Zukunft gewollten sicheren Umgebung stattfindet!

Auch in Bordellen kann man eine Regelung treffen, dass ein Großbordell zum Beispiel anstatt mit 40 Frauen mit 10 Frauen startet. Termine werden direkt bei der Frau selbst gemacht und der Kunde wird an der Tür von seiner ausgewählten Dame empfangen und kann nicht wie normal durchs Haus laufen, sich an die Bar setzen usw. Die Kontaktdaten werden festgehalten.

Ich kann Ihnen nur aus meiner persönlichen, langjährigen und gut vernetzten Erfahrung mitteilen:
–  Die Frauen wollen arbeiten
–  Die Frauen wollen Hygienemaßnahmen umsetzen
–  Die Frauen können die Kontaktdaten aufnehmen!!!!
– Auch bei den Betreibern findet ein Umdenken statt und es herrscht große Zustimmung bei der Einhaltung von Hygieneregeln. Alles andere wäre doch geschäftsschädigend!

Vor allem aber wollen die Frauen nicht mehr ausgegrenzt werden!
Durch Ihre kurzfristige Entscheidung, dass die Prostitution jetzt doch nicht öffnen darf, haben Sie eine weitere Notlage geschaffen: Obwohl das Geld bei vielen bereits äußert knapp war, haben Frauen begonnen, Werbung zu schalten, sich Bahn/Bustickets gekauft, sich neue Kleidung zugelegt uva, in der Hoffnung ab dem 10.06. wieder Geld verdienen zu können.

Betreiber und andere Betriebsstätten haben alles in Bewegung gesetzt um pünktlich öffnen zu können, ihre Angestellten aus der Kurzarbeit zurückgeholt, Hygienevorsichtsmaßnahmen getroffen, Werbung geschaltet, Termine mit unzähligen Frauen koordiniert.

Schämen Sie sich nicht, einer Branche so eine Behandlung zuzumuten?
Was Sie damit gerade erreichen, ist ein verstärktes Gefühl und die Bestätigung der fortlaufenden Diskriminierung und die Aberkennung der Gleichberechtigung eines Berufsstandes! Viele Frauen werden sich nun noch mehr im Stich gelassen fühlen und ihrer Arbeit im Verborgenen nachgehen!! Das bereitet mir Sorge.

Ihre Begründung, das Ordnungsamt sei nicht in der Lage Bordelle zu überprüfen und zu kontrollieren? Ganz ehrlich, Razzien und Kontrollen können Sie immer durchführen um zu prüfen, ob Frauen angemeldet sind oder nicht. Aber bei Corona geht das auf einmal nicht mehr? Dann stellen Sie mehr Personal dafür ein. Das sind für mich keine Argumente eine ganze Branche lahmzulegen.

Ich stelle mich gerne zusammen mit anderen Damen aus der Branche zu Verfügung um mit Ihnen gemeinsam einen Weg zu finden, wie die sexuelle Dienstleistung unter Corona funktionieren kann und sollte.

Ich appelliere an Sie: lassen sie uns an einen Tisch setzen um vernünftige Ansätze und Lösungen finden.

Mit freundlichen Grüßen,
Nicole Schulze

The story of an international whore in Pandemic Berlin – unten auch auf Deutsch

By Emma Pankhurst

I am wearing a coral necklace that I bought when I visited the town in Sicily where my father was born—the town from which he emigrated—when he was 3 years old.

I wear it to remind me of the strength my grandfather must have had to leave everything he knew behind. I have been “talking” to my grandfather a lot lately—not because I believe in angels, but because there is no one else in my life who knows what it is to immigrate from one place to a completely different place; and to find that shore—the streets of which one thought would be paved in gold—to be a dark and poverty-ridden mass of confusion.

My grandfather was a cabinetmaker, a man of incredible skill. When I was in Sicily and I saw pieces that he made, all by hand, I cried, they were so beautiful. One of the things that called my grandfather to America was the idea of living in a place where he could practice his craft in beautiful wood, freed from the extreme poverty of Sicily. What he found when he arrived in New York with his family was a home which, for many years, did not have running water.

In January, I left Boston, having spent a year researching what location had the resources and the legal framework for me to continue my career as a whore in safety and prosperity. I sought a promised land, a place where, if the streets were not paved with gold—well, they were paved with something better than the streets of Boston, which were paved with police officers and their informants.

My dream was to work in a bordello. (An upscale one, of course.) I know that sounds really strange to almost everyone. Whose dream is to work in a bordello? However, I have been an escort for 6 years in a place completely inhospitable to sex workers—and, for the last 2 years, under a crushing wave of intensified criminalization that made everything impossible. So, the possibility of working in a house filled with other women, staff, security buttons, adequate lubricant, and all the other protections encoded in German law sounded nothing short of utopic.

A ballet dancer by training, last year I choreographed about what was happening in my life, and what I hoped would be happening now. In the piece, a fox can’t find enough food and then is hunted. She gets put in a cage. Finally, in a burst of energy and desperation, the fox escapes the cage, runs as fast as she can, and eventually comes upon a land replete with food and green fields and sunshine where she can exist in the light of day, outside of the shadows, as her true self. I can’t think of a better metaphor of my life before and what I expected to find when I immigrated to Berlin.

I say that I “trafficked” myself to Berlin with a bit of sarcasm towards our friends on the right. Indeed, I did, if the definition of “trafficking” is to move a person from one place to another, across international borders, with the intention of selling that person for sex. (Of course, most of us whores say that we sell our time and our beauty, not ourselves; additionally, the definition of trafficking requires that it be against the person’s will, so not a perfect analogy.) But this is no modern-day slavery that I am engaged in. I chose this career. It was out of economic necessity at the beginning—I became a prostitute was because I am an artist, and artists don’t make any money in the US, but I refused to stop dancing. So, as a viable financial alternative, I turned to escorting. However, almost immediately, I felt I had found my calling. I enjoyed it. Finally, my 17 years of professional ballet training and my college degree were not wasted. My elegance of movement, my posture, my ability to converse intelligently and to relate to and find the good in almost any human being; the ability to engage them, emotionally and physically, and to relieve them of the burden of everyday life, if only for an hour—this was clearly the thing that I was put on this earth to do.

After only one month in Germany, I had all the paperwork to apply for my work visa. It was a small miracle. Everyone said it would take much longer. After an extraordinary ordeal at the foreigner’s office that began by waking up at 1:30 in the morning and then waiting 11 hours for my turn, I left triumphant. Victorious! Right away, I registered as a prostitute.  I was one of the last people in either office before they were closed.

It was a stroke of extraordinary good fortune. Proof of my dedication to my dream, and that I had not come here in vain.

And then, the nightmare:

That same day, prostitution was unilaterally criminalized throughout Germany due to the pandemic.

When trying to explain to my flat mate why I had moved to a foreign country with almost nothing in my bank account and thought everything would be ok, I told her: “Wherever I go, I’ve always been able to make money almost immediately.” If you know the right advertising sites for that country and you put up an ad, a woman like me can make €2,000 in a day quite easily. All you need is somewhere indoors to work and enough money to put the ad up in the first place. So, I’ve been fine. Up until the now. Now, most clients don’t want to see you—not in “Corona times.” I don’t think any of us who are currently working are doing so for the hell of it, or, “You know, whatever, this is just what I do.” The people who are working right now—myself included—are terrified. We’re working because they want to eat and want to feed our children. Whores have fought for their right to feed themselves and their children for hundreds of years, to no avail—except for places like Germany. Which is why I’m here.

And this is why I have become absolutely despondent.

You see, I left everything behind to come here. I had a partner. He’s a wonderful man. (We needed a break.) I had two cats, who I loved more than him. We rented a beautiful house. We had a garden that was almost as big as the house, where I grew eight different kinds of heirloom poppies every summer.

I gave all that up because of the unendurable burden of living as a hunted animal, and the dream of living outside the shadows, my face to the sun.

My housemates listen to my sobbing in silence, knowing there’s nothing they can do about the shocking dystopia I find myself in.

In Boston, I saw some things that I will never be able to heal my mind from. There is simply no forgetting a woman weeping as she describes being raped by a client and then making what in Boston is the unbelievably brave decision to not shower, go immediately to the police, identify the man, and give them all of his information and hers. She was not arrested or re-raped by those particular police officers on that particular day, although this is common; but she was laughed out of the precinct.

It gets worse.

There is an acronym that I learned while working in activism and learning entirely too much about the inner workings of law enforcement. It is “NHI”: No Humans Involved—and it’s commonly used by police when a crime is committed where the victim was a prostitute.

This is what happens under criminalization.

When researching where to move, I toured Paris and Berlin and was astonished when it occurred to me that, if anything went wrong with a client, I could simply pick up my phone and call the police. It had literally never occurred to me, in 4 years of working in Boston, that a place existed where the police would not only not pose an imminent danger to my body and my liberty, but actually give a fuck. The revelation knocked me off my feet. Literally. I had to sit down.

Flash forward: Berlin, March 2020:

Warnings emerge online, in our chats, on social media: The police are doing stings, targeting women who are still desperate enough to be working, despite the ban, and there seem to be no rules. (Because Germany has legalized prostitution for over 2 decades, there is no precedent for this, so maybe no rules exist.) Police officers are posing as clients and tricking women into meeting with them, only to reveal (at some point during the course of a date with an escort; at which point is, evidently, up to the officer and his personal preferences) that he is a cop, at which point he fines them up to €5,000.

Everyone began to panic. Friends who, mere weeks ago, were some of the most high-functioning people I had ever met, running multiple sex work businesses simultaneously while also engaging in various other forms of art (the classic Berlin ingenue) are now bedridden with depression. And these are German citizens, who have the full advantages of the German social safety net. I (and many others) do not.

Sex workers are often indelibly bonded to their work in a way that most people can’t relate to. (This might be one of many reasons that we are so poorly understood—especially those of us who choose this work.) Perhaps it’s because our profession—whether we chose it or it was imposed upon us—often becomes a core part of our identity, precisely because we are so marginalized that we have to insist on existing, insist on doing sex work, despite everyone telling you not to (and always getting killed in the movies and in the news—a dangerous over-representation). So, when you deprive sex workers of their work, not only do you remove the livelihood, you also deprive them of a tenet of their self-image; and, in my case, a portion of their self-respect. (I am good at what I do. I love what I do.)

Of course, needing to work to give you purpose and a sense of self-worth and not being able to because of the pandemic is not a problem exclusive to us; however, there is a very important distinction: Sex work is a net that catches people when no other net for them exists, no other structure has supported them: Women, POC, immigrants, mothers, queer, trans people who are reviled everywhere else but sought after as sex workers for their uniqueness. People (like me) who are just too deeply unusual to survive in any other part of the economy. There is a fissure in the social fabric for us. Sex work is what happens when we—who, in society, have so little power—discover that our sexuality is power.

Remove the right to work from a whore, and bad things happen to us.

And yet, even as Germany eases into re-opening, over and over we are being told—by the government, by the organizations that fight for us, even by our ad platforms: “Move online. Do things virtually. Do cam sex. Make porn clips. We don’t know when this is going to end, but it’s going to be a long time before you can work again.”

You can imagine the hopelessness this engenders. The failure of our institutions to see us, to respond to the gravity of our situation. German sex workers thought they had equal protection under the law, like all other workers. What we see now is that this is not true. There are no press releases, no statements—just a deafening silence. It appears that we have simply become invisible, as I was in the US.

This realization—when it comes—is like a brick falling on your head: No one has your back. You are completely alone except for your community, and your community is falling apart, their mental health shredding, worsening by the day.

The German government has given us no firm date when we may legally work and no plan for re-opening our industry.

For me, it was not a learning that no one had my back, but a re-learning. A horrible discovery that criminalization is possible anywhere.

And when you are a criminal, you have no right to anything at all.

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Die Geschichte einer internationalen Prostitutierten, im Pandemiegebiet Berlin

Von Emma Pankhurst

Ich trage eine Korallenhalskette, die ich gekauft habe, als ich die Stadt in Sizilien besuchte, in der mein Vater geboren wurde – die Stadt, aus der er ausgewandert ist – als er 3 Jahre alt war.

Ich trage sie, um mich an die Kraft zu erinnern, die mein Großvater gehabt haben muss, um alles, was er kannte, zurückzulassen. Ich habe in letzter Zeit viel mit meinem Großvater „geredet“ – nicht, weil ich an Engel glaube, sondern weil es in meinem Leben niemanden gibt, der weiß, was es heißt, von einem Ort zu einem völlig anderen Ort zu immigrieren; und herauszufinden, dass dieses Ufer – die Straßen, von denen man dachte, sie seien mit Gold gepflastert – eine dunkle und von Armut geprägte Masse von Verwirrung ist.

Mein Großvater war Möbeltischler, ein Mann mit unglaublichen Fähigkeiten. Als ich in Sizilien war und Stücke sah, die er ganz von Hand anfertigte, weinte ich, denn sie waren so schön. Eines der Dinge, die meinen Großvater nach Amerika riefen, war die Idee, an einem Ort zu leben, wo er sein Handwerk in schönem Holz ausüben konnte, befreit von der extremen Armut Siziliens. Was er vorfand, als er mit seiner Familie in New York ankam, war ein Haus, das viele Jahre lang kein fließendes Wasser hatte.

Im Januar verließ ich Boston, nachdem ich ein Jahr lang recherchiert hatte, welcher Ort die Ressourcen und den rechtlichen Rahmen hatte, damit ich meinen Weg als Sexarbeiterin in Sicherheit und Wohlstand fortsetzen konnte. Ich suchte ein gelobtes Land, einen Ort, an dem die Straßen, wenn sie nicht mit Gold gepflastert waren, wenigstens mit etwas Besserem gepflastert waren als die Straßen von Boston, die mit Polizisten und ihren Informanten gepflastert waren.

Mein Traum war es, in einem Bordell zu arbeiten. (Einem gehobenem natürlich!) Ich weiß, das klingt für fast jeden wirklich seltsam. Wessen Traum ist es, in einem Bordell zu arbeiten? Ich war jedoch sechs Jahre lang Escort in einem, für Sexarbeiterinnen völlig unwirtlichen Ort – und in den letzten zwei Jahren unter einer erdrückenden Welle verschärfter Kriminalisierung, die alles unmöglich machte. Die Möglichkeit, in einem Haus zu arbeiten, das mit anderen Mädchen, Personal, Sicherheitsknöpfen, ausreichendem Gleitmittel und all den anderen Schutzvorkehrungen gefüllt ist, die im deutschen Recht kodiert sind, klang also geradezu utopisch.

Als ausgebildete Balletttänzerin entwarf ich letztes Jahr darüber eine Choreographie, was in meinem Leben passierte und was ich mir erhoffte, was jetzt passieren würde. In dem Stück kann eine Füchsin nicht genug Nahrung finden und wird dann gejagt. Sie wird in einen Käfig gesteckt. Schließlich, in einem Anfall von Energie und Verzweiflung, entkommt die Füchsin aus dem Käfig, rennt so schnell sie kann und kommt schließlich in ein Land voller Nahrung, grüner Felder und Sonnenschein, wo sie im Licht des Tages, außerhalb der Schatten, als ihr wahres Selbst existieren kann. Ich kann mir keine bessere Metapher für mein Leben davor vorstellen und für das, was ich erwartete, als ich nach Berlin einwanderte.

Ich sage, mit ein wenig Sarkasmus gegenüber unseren Freunden auf der rechten Seite, dass ich mich nach Berlin „eingeschleust“ habe. In der Tat habe ich das getan, wenn die Definition von „Menschenhandel“ darin besteht, eine Person von einem Ort zum anderen zu bringen, über internationale Grenzen hinweg, mit der Absicht, diese Person für Sex zu verkaufen (natürlich sagen die meisten von uns Sexarbeiterinnen, dass wir unsere Zeit und unsere Schönheit verkaufen, nicht uns selbst; außerdem verlangt die Definition von Menschenhandel, dass er gegen den Willen der Person erfolgt, also keine perfekte Analogie). Aber das ist keine moderne Sklaverei, die ich betreibe. Ich habe diese Karriere gewählt. Am Anfang war es aus wirtschaftlicher Notwendigkeit – ich wurde Prostituierte, weil ich Künstlerin bin und Künstler in den USA kein Geld verdienen, aber ich weigerte mich, mit dem Tanzen aufzuhören. Also wandte ich mich als eine brauchbare finanzielle Alternative dem Escorting zu. Doch fast sofort hatte ich das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben. Es machte mir Spass. Schließlich waren meine 17 Jahre professionelle Ballettausbildung und mein College-Abschluss nicht verschwendet. Meine Eleganz in der Bewegung, meine Körperhaltung, meine Fähigkeit, mich intelligent zu unterhalten und mich auf fast jeden Menschen zu beziehen und das Gute in ihm zu finden; die Fähigkeit, mit ihm emotional und körperlich zu interagieren und ihn von der Last des Alltags zu befreien, sei es auch nur für eine Stunde – das war eindeutig das, wofür ich auf diese Erde gebracht wurde.

Nach nur einem Monat Aufenthalt in Deutschland hatte ich den ganzen Papierkram, um mein Arbeitsvisum zu beantragen. Es war ein kleines Wunder. Alle sagten, es würde viel länger dauern. Nach einer außergewöhnlichen Tortur in der Ausländerbehörde, die damit begann, dass ich um 1.30 Uhr morgens aufwachte und dann 11 Stunden wartete, bis ich an der Reihe war, ging ich triumphierend weg. Siegreich! Sofort meldete ich mich als Prostituierte an.  Ich war eine der letzten Personen in beiden Büros, bevor sie geschlossen wurden.

Es war ein außerordentlicher Glücksfall. Ein Beweis für meine Hingabe an meinen Traum und dafür, dass ich nicht umsonst hierher gekommen war.

Und dann der Alptraum:

Am selben Tag wurde die Prostitution aufgrund der Pandemie in ganz Deutschland einseitig kriminalisiert.

Als ich versuchte, meiner Mitbewohnerin zu erklären, warum ich in ein fremdes Land gezogen war und fast nichts auf meinem Bankkonto hatte und dachte, es würde alles in Ordnung sein, sagte ich ihr: „Wohin ich auch gehe, ich habe immer fast sofort Geld verdienen können.“ Wenn man die richtigen Werbeseiten des Landes kennt und eine Anzeige aufgibt, kann eine Frau wie ich ganz leicht 2.000 Euro an einem Tag verdienen. Alles, was man braucht, ist ein Ort, an dem man arbeiten kann, und genug Geld, um die Anzeige überhaupt zu schalten. Also, mir ging es bisher gut. Bis jetzt. Jetzt wollen die meisten Kunden dich nicht mehr sehen – nicht in der „Corona-Zeit“. Ich glaube, keiner von uns, die zurzeit arbeiten, tut das aus Jux und Tollerei, oder: „Weißt du, was auch immer, das ist einfach das, was ich tue“. Die Menschen, die im Moment arbeiten – einschließlich mir selbst – sind verängstigt. Wir arbeiten, weil wir essen wollen und unsere Kinder ernähren wollen. Seit Hunderten von Jahren kämpfen Huren für ihr Recht, sich und ihre Kinder zu ernähren, aber ohne Erfolg – außer in Deutschland. Deshalb bin ich hier.

Und deshalb bin ich absolut mutlos geworden.

Die Sache ist die, ich habe alles zurückgelassen, um hierher zu kommen. Ich hatte einen Partner. Er ist ein wunderbarer Mann. (Wir brauchten eine Pause.) Ich hatte zwei Katzen, die ich sogar mehr liebte als ihn. Wir mieteten ein wunderschönes Haus. Wir hatten einen Garten, der fast so groß war wie das Haus, in dem ich jeden Sommer acht verschiedene Arten von Erbmohn anbaute.

All das gab ich auf wegen der unerträglichen Last, als gejagtes Tier zu leben, und wegen des Traums, außerhalb des Schattens zu leben, mit dem Gesicht zur Sonne.

Meine Mitbewohner hören schweigend meinem Schluchzen zu und wissen, dass sie nichts gegen die schockierende Dystopie tun können, in der ich mich befinde.

In Boston habe ich einige Dinge gesehen, die meine Seele nie verarbeiten wird. Es ist einfach nicht zu vergessen, wie eine Frau weint, während sie beschreibt, von einem Klienten vergewaltigt worden zu sein, und dann in Boston die unglaublich mutige Entscheidung trifft, nicht zu duschen, sofort zur Polizei zu gehen, den Mann zu identifizieren und ihnen all seine und ihre Informationen zu geben. Sie wurde an diesem Tag nicht von diesen speziellen Polizeibeamten verhaftet oder erneut vergewaltigt, obwohl dies üblich ist; aber sie wurde in dem Revier ausgelacht.

Es wird noch schlimmer.

Es gibt eine Abkürzung, die ich gelernt habe, als ich im Aktivismus gearbeitet und viel zu viel über die inneren Abläufe der Strafverfolgung gelernt habe. Es lautet „NHI“: No Humans Involved – und es wird üblicherweise von der Polizei verwendet, wenn ein Verbrechen begangen wird, bei dem das Opfer eine Prostituierte war.

Das ist es, was unter Kriminalisierung geschieht.

Als ich recherchierte, wo ich hinziehen sollte, reiste ich durch Paris und Berlin und war erstaunt, als mir einfiel, dass ich, wenn mit einem Kunden etwas schief gehen würde, einfach zum Telefon greifen und die Polizei rufen könnte. In den vier Jahren, in denen ich in Boston gearbeitet habe, war ich buchstäblich nie auf die Idee gekommen, dass es einen Ort geben könnte, an dem die Polizei keine unmittelbare Gefahr für meinen Körper und meine Freiheit darstellt, oder sich einen Dreck darum schert. Die Erkenntnis warf mich von den Füßen. Buchstäblich. Ich musste mich hinsetzen.

Vorausblende: Berlin, März 2020:

Warnungen tauchen online auf, in unseren Chats, in sozialen Medien: Die Polizei verübt Sting-Operationen, die auf Frauen abzielen, die immer noch verzweifelt genug sind, trotz des Verbots zu arbeiten, und es scheint keine Regeln zu geben. (Da in Deutschland die Prostitution seit über 2 Jahrzehnten nicht mehr sittenwidrig ist, gibt es dafür keinen Präzedenzfall, also gibt es vielleicht keine Regeln). Polizeibeamte geben sich als Kunden aus und tricksen Frauen aus, um sich mit ihnen zu treffen, nur um dann irgendwann im Laufe eines Dates mit einer Escort zu enthüllen; zu welchem Zeitpunkt dies geschieht, ist offensichtlich dem Beamten und seinen persönlichen Vorlieben überlassen, zu welchem Zeitpunkt er sie mit einer Geldstrafe von bis zu 5.000 Euro belegt.

Alle gerieten in Panik. Freunde, die noch vor wenigen Wochen zu den funktionstüchtigsten Menschen gehörten, die ich je kennen gelernt hatte, die gleichzeitig mehrere Geschäfte mit Sexarbeit betrieben und sich gleichzeitig mit verschiedenen anderen Formen der Kunst beschäftigten (die klassische Berliner Genialität), sind jetzt wegen Depressionen ans Bett gefesselt.

Und dies sind deutsche Staatsbürger, die im Gegensatz zu mir und vielen anderen die vollen Vorteile des deutschen Sozialversicherungsnetzes haben.

Sexarbeiterinnen sind oft auf eine Art und Weise unauslöschlich an ihre Arbeit gebunden, die für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar ist. Dies könnte einer von vielen Gründen sein, warum wir so schlecht verstanden werden – besonders diejenigen von uns, die sich für diese Arbeit entscheiden. Vielleicht liegt es daran, dass unser Beruf – ganz gleich ob wir ihn gewählt haben oder ob er uns aufgezwungen wurde – oft zu einem Kernbestandteil unserer Identität wird, gerade weil wir so an den Rand gedrängt werden, dass wir darauf bestehen müssen, zu existieren, darauf bestehen müssen, Sexarbeit zu machen, obwohl alle sagen, man solle es nicht tun (und immer wieder in den Filmen und in den Nachrichten getötet werden – eine gefährliche Überrepräsentation). Wenn man also Sexarbeiterinnen ihrer Arbeit beraubt, entzieht man ihnen nicht nur den Lebensunterhalt, sondern auch einen Teil ihres Selbstverständnisses; und in meinem Fall auch einen Teil meiner Selbstachtung. Ich bin gut in dem, was ich tue. Ich liebe, was ich tue.

Natürlich ist das Bedürfnis, arbeiten zu müssen, um sich einen Sinn und ein Selbstwertgefühl zu geben und wegen der Pandemie nicht dazu in der Lage zu sein, kein Problem, das nur uns betrifft; es gibt jedoch einen sehr wichtigen Unterschied: Sexarbeit ist ein Netz, das Menschen auffängt, wenn kein anderes Netz für sie existiert, keine andere Struktur sie unterstützt hat: Frauen, POC, Immigranten, Mütter, queere Menschen, wie Schwule, Transsexuelle, die überall sonst verunglimpft werden, aber als Sexarbeiterinnen wegen ihrer Einzigartigkeit gesucht werden. Menschen wie ich, die einfach zu sehr ungewöhnlich sind, um in einem anderen Teil der Wirtschaft zu überleben.  Für uns gibt es einen Riss im sozialen Gefüge. Sexarbeit ist das, was passiert, wenn wir – die wir in der Gesellschaft so wenig Macht haben – entdecken, dass unsere Sexualität Macht ist.

Nimmt man einer Hure das Recht auf Arbeit, dann passieren uns schlimme Dinge.

Und doch, zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland sich langsam wieder öffnet, werden wir immer wieder von der Regierung, von den Organisationen, die für uns kämpfen, und sogar von unseren Werbeplattformen aufgefordert: „Bewegen Sie sich online. Machen Sie es virtuell. Machen Sie Cam-Sex. Machen Sie Pornoclips. Wir wissen nicht, wann das enden wird, aber es wird noch lange dauern, bis Sie wieder arbeiten können.“

Stell dir vor, welche Hoffnungslosigkeit dies mit sich bringt. Das Versagen unserer Institutionen, uns zu sehen, auf den Ernst unserer Situation zu reagieren. Die deutschen Sexarbeiterinnen dachten, dass sie den gleichen Schutz durch das Gesetz hätten, wie alle anderen Arbeiterinnen. Was wir jetzt sehen, ist, dass dies nicht stimmt. Es gibt keine Pressemitteilungen, keine Erklärungen – nur ohrenbetäubendes Schweigen. Es scheint, dass wir einfach unsichtbar geworden sind, so wie ich in den USA war.

Diese Erkenntnis – wenn sie kommt – ist wie ein Ziegelstein, der einem auf den Kopf fällt: Niemand steht hinter dir. Du bist völlig allein, außer deiner Gemeinschaft, und deine Gemeinschaft bricht auseinander, ihre psychische Gesundheit wird zerfetzt und verschlechtert sich von Tag zu Tag.

Die deutsche Regierung hat uns kein festes Datum genannt, an dem wir legal arbeiten dürfen, und keinen Plan für die Wiedereröffnung unserer Industrie.

Für mich war es kein Lernen, dass mir niemand den Rücken freihält, sondern ein erneutes Lernen. Eine schreckliche Entdeckung, dass Kriminalisierung überall möglich ist.

Und Kriminelle haben überhaupt kein Recht auf irgendetwas.