Ich verdiene seit mehreren Jahren meinen Lebensunterhalt als berührbarer Dominus. Erfahren Menschen von meinem Beruf, bewerten sie meine Arbeit und meine Person durchschnittlich eher positiv – während die Gesellschaft eher Verachtung und Abwertung für weibliche und transsexuelle Sexarbeitende zu bieten hat. Das liegt vielleicht einerseits daran, dass mir anscheinend meine Freiwilligkeit weniger eilig abgesprochen werden kann – aber sicher auch daran, dass über männliche Prostitution so gut wie nicht gesprochen wird. Mehr Gedanken dazu habe ich für das BOX-Magazin in dem Artikel „Ich bin Sexarbeiter, das ist meine Berufung, aber auch schlicht mein Beruf.“ formuliert.

Hier soll es aber um ein Thema gehen, über das noch weniger gesprochen wird: Meine weiblichen Kundinnen.

Als Sexarbeiter, der nicht nur männliche Kunden hat habe ich Erfahrung mit Frauen, die für Sexarbeit – im meinem Fall inklusive BDSM-Elementen,  bezahlen. Zuallererst: Worauf auch immer der alte Spruch „Das schwache Geschlecht“ basieren soll, beim Thema Schmerzempfinden trifft er jedenfalls nicht zu. Im Gegenteil – meiner Erfahrung nach zucken viele Männergrippe-Kandidaten oft schon bei Androhung von schmerzhaften Handlungen zusammen, während so manche Frau bei den härtesten Peitschenhieben noch immer im tiefsten Lustmodus verharren kann.

Als Dominus weiß ich: Frauen können Schmerz vertragen und sich auch intensiv Schmerzen hingeben – und falls sie das dann auch noch wollen, komme ich ins Spiel.

In vielen Sessions habe ich erlebt, dass während der durchschnittliche Mann dem Schmerz noch als tapferer Indianer zu trotzen versucht, selbiger schon längst von der Frau in Lust verwandelt wurde. Es war eine Kundin, die meine BDSM-Sessions mit einem „Seelentanz“ beschrieben hat.

Oft kommt die Frage nach Unterschieden zwischen meinen Kunden und meinen Kundinnen. Abgesehen davon, dass einige meiner Kund*Innen sich nicht in binäre Geschlechteridentitäten einordnen lassen, gibt es da schon ein paar kleine Dinge, die mich immer wieder schmunzeln lassen:

Die ersten Anschreiben meiner männlichen Kunden lesen sich in der Regel wie die Bedienungsanleitung eines überdimensionalen Sextoys.

Und die Feedbacks nach den Sessions kommen mit  “War-geil-nächsten-Monat-wieder-aber-dann-die-große-Sitzung“ ohne Umschweife auf den Punkt. Die meist viel umfangreicheren Feedbacks meiner Kundinnen sind im Vergleich dazu oft kleine literarische Kunstwerke!

Und: Ich persönlich lege viel Wert auf das „Drumherum“ bei meinen Sessions – brennende Kerzen, passende Musik, und so weiter. Und während meine männlichen Kunden bei der Frage nach dem Ambiente erst einmal ihren auf mich fixierten Blick lösen müssen um sich um zu sehen (sogar direkt nach einer 3-Stunden-Session!), lassen mich meine Kundinnen oft bereits in der Anschreib-Mail wissen, welche Umgebung sie sich wünschen um so richtig loslassen zu können.

Gerade in einer BDSM-Session muss es übrigens nicht „politisch korrekt“ zugehen.

Viele Kundinnen, die mich als Dominus buchen, wünschen sich ein Hingeben-Dürfen in pseudo-„konservative“ Rollenverständnisse. Pseudo, weil einerseits hemmunglos mit Klischees gespielt werden kann und gleichzeitig weder meine Kundin noch ich mich in die 50er Jahre zurückwünschen!

Im Gegenteil ist die heute an vielen Orten schon größere Möglichkeit, als Frau über die eigenen sexuellen Wünsche und Gelüste zu sprechen und diese auch ausleben zu dürfen, ohne dafür verächtlich gemacht zu werden, eine Errungenschaft der Emanzipation, die sich noch in viel mehr Köpfen festsetzen sollte. Als BDSM-Dienstleister kann das in meinem Fall zum Beispiel die klassische Mr. Grey-Nummer mit viel Verbalerotik sein, bis zum „erzwungenen“ Gangbang.


Dieser Text stammt von Sexarbeiter Andre Nolte, alias Dominus.Berlin. Neben seinem Hauptjob ist er als Aktivist für Sexarbeiter-Rechte, als Kolumnist und als Dozent für Themen rund um BDSM und Sexualität tätig. 

Wer sind wir?

Wir sind eine Gruppe von Tänzer*innen, die neben- oder hauptberuflich im Bereich erotische Dienstleistung tätig sind und unseren Hauptarbeits- und Wohnsitz in Berlin haben. Mit dem BSC wollen wir ein Unterstützungsnetzwerk für Stripper*innen aufbauen und den Austausch unter Kolleg*innen fördern. Bisher sind die meisten von uns Migrant*innen, die schon in verschiedenen europäischen Städten gearbeitet haben. Bei der Gründung des BSC haben wir uns vom Erfolg des –> East London Strippers Collective inspirieren lassen – übrigens teilen wir auch ein Gründungsmitglied mit den englischen Kolleg*innen.

Warum haben wir uns zusammengeschlossen?

Die persönlichen Hintergründe, die Kolleg*innen in diesem Bereich mitbringen, sind vielfältig: Da gibt es die Studentin aus Süddeutschland, die ihre frivole Seite ausleben und dabei ihre Rechnungen zahlen möchte. Da ist die Künstlerin aus Australien, die sich durch das Strippen ihren Freiraum für andere Projekte finanziert. Die Ur-Berlinerin, die unter der Woche eine Ausbildung als Bürokauffrau macht und am Wochenende im Stripclub arbeitet, um ihr Einkommen aufzustocken. Die junge Mutter aus Rumänien, die jeden Monat ihre Einnahmen nach Hause schickt, um ihre Familie zu unterstützen.

Wir sind alle unterschiedlich, doch wir haben auch viel gemeinsam: Als Sexarbeiter*innen werden wir gerne von der Gesellschaft übersehen oder von den Medien in schlechtem Licht dargestellt. Viele von uns müssen ihre Arbeit im privaten Umfeld verstecken.

Leider ist der Austausch unter den Tänzer*innen in der Berliner Striptease-Szene bisher gering. Mit dem BSC wollen wir das ändern! Jeder und jedem von uns kann das Gefühl von Gemeinschaft, Solidarität und Unterstützung untereinander helfen. Indem wir uns austauschen und zusammen halten, können wir unsere Stimme in der Gesellschaft hörbar machen und für die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen und die Akzeptanz von Menschen aus der Sex- und Erotikarbeit kämpfen.

Was sind unsere Ziele?

  • Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Stripclubs und Tabledancebars
  • Akzeptanz und Entstigmatisierung unserer Tätigkeiten
  • Die Anerkennung von Striptease – nicht nur als Arbeit, sondern auch als Kunst!
  • eine stärkere Vernetzung untereinander: z.B. für Erfahrungsaustausch, Diskussion von Arbeitsweisen, Austausch über zusätzliche oder unabhängige Einkommensquellen, hilfreiche Tipps & Tricks für Einsteiger*innen usw.
  • gemeinsame Aktionen und Treffen
  • eine Plattform für Unterstützung und hilfreiche Angebote für Stripper*innen

Erste Initiativen des BSC

  • Life Drawing Sessions / Mal-Abende 

Seit seiner Gründung veranstaltet das BSC regelmäßige „Life Drawing Sessions“, Mal-Gelegenheiten der besonderen Art für Künstler*innen und alle, die gerne Menschen live zeichnen. Ob wir im klassischen Stripclub oder im queer-feministischen Nachtclub waren – das Echo auf die Aktion war jedes Mal extrem positiv. Ein BSC-Mitglied tanzt dabei an der Stange, während Kolleg*innen verschiedene Posen vorschlagen und zwischen den zeichnenden Gästen und ihrem Modell vermitteln. Zum Schluss inszeniert die Tänzerin oder der Tänzer einen Lapdance, der ebenfalls auf Zeichenpapier gebannt werden darf.

Die bisher sieben Veranstaltungstermine waren gut besucht und haben eine Menge Student*innen der Universität der Künste angelockt, die normalerweise wahrscheinlich eher selten in Kontakt mit Stripper*innen kommen – ein erster Erfolg in Sachen Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz. Aufgrund der Corona-Krise planen wir gerade, weitere Termine über Online-Streaming anzubieten. Sobald es so weit ist, —> findet ihr hier mehr.

  • „Ask a Stripper“ – Öffentliche Fragerunden

Seit seiner Veröffentlichung verbreitet der Hollywood-Film „Hustlers“ (2019) leider jede Menge negative Stereotype über Stripperinnen. Dem wollten wir entgegenwirken: Als der Film in Deutschland ins Kino kam, wurde das BSC von verschiedenen Kinos in Berlin eingeladen. Unsere Mitglieder standen nach den Vorführungen für offene Fragerunden im Publikum bereit, unter anderem auch im Soho House Berlin anlässlich des Internationalen Frauentags. So konnten wir zumindest einigen Kino-Besucher*innen ein realitätsnäheres Bild unserer Tätigkeit vermitteln, Stigmatisierung entgegenwirken und unsere Arbeit auch ein Stück weit „ent-sensationalisieren“. Motto: Sprecht mit uns, nicht über uns! 🙂

Weitere Aktionen sind bereits in Arbeit …

  • Vernetzung mit Veranstalter*innen in der Musik- und Partyszene

Ein wichtiges Thema im BSC ist der Zugang zu vielfältigeren und unabhängigen Einkommensquellen. Viele Stripper*innen tolerieren mangels Alternativen die teilweise schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche. Einige von uns fahren hingegen bereits „mehrgleisig“ und sind auch in Betrieben außerhalb der klassischen Sexarbeit, zum Beispiel in Szeneclubs wie dem Kit Kat Club oder dem Kater Blau tätig. Der BSC will sich als Anlaufpunkt für verschiedene Veranstalter*innen und Clubs etablieren und unseren Mitgliedern die Sicht für Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des „klassischen“ Stripclubs ermöglichen.

  • „Pop Up-Stripclub“

Die Idee ist, per spontan entstehendem Stripclub einem vielfältigeren Publikum das Stripclub-Konzept  und unsere Arbeit näher zu bringen. Langfristig suchen wir nach Wegen, einen Arbeitsplatz nach unseren eigenen Regeln zu realisieren: Ein Raum wo Kreativität und Innovation willkommen sind und Tänzer*innen, die das wollen, auch in unternehmerische Entscheidungen eingebunden sein können.

  • Gemeinsame Aktionen mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen

Sobald die Coronakrise vorbei ist und wir Menschen uns wieder persönlich näher kommen können, wünscht sich das BSC eine baldige Vernetzung und Zusammenarbeit mit dem BesD. Manche unserer Mitglieder sind auch in anderen Bereichen der Sexarbeit tätig oder daran interessiert. Obwohl reine Stripperinnen zum Beispiel nicht direkt nicht vom Prostituiertenschutzgesetz betroffen sind, verstehen viele von uns sich als Sexarbeiter*innen. Wir alle verkaufen erotische und sexuelle Fantasien – dass wir dies auf unterschiedliche Art und Weise tun, sollte uns nicht davon abhalten, zusammen zu halten!

Updates zum BSC

Hier  geht es —> zu unserer Website und —> Blogbeiträgen unserer Mitglieder. Um keine Neuigkeiten zu verpassen, kannst du hier  —> unsere Facebook-Seite abonnieren.

 


Dieser Beitrag stammt aus der Feder der Berliner Sexarbeiterin Trixie. Sie ist als Beirätin für Forschung & Wissenschaft im Berufsverband tätig und seit letztem Herbst auch Gründungsmitglied des —> Berlin Strippers Collective (BSC).

(c) Titelbild:  Ida Marie Tangeraas

DIE HURE

Im Mittelalter wurden wir verbrannt,
jetzt registriert man uns im ganzen Land.
Abschaffen wollen uns doch nur die Frauen,
deren Männer regelmäßig nach uns schauen.
 
Der Staat der will uns nicht beschützen,
die Steuereinnahmen ihm doch viel nützen.
Der Bockschein der war früher einmal Pflicht,
ne Gesundheitsberatung wollen wir nicht.
 
Durch Corona kann man uns verbieten,
doch wer bezahlt jetzt Essen und die Mieten.
Habt ihr das auch richtig durchgedacht,
was glaubt ihr was ne Zwangsprostituierte macht.
 
Stundenhotels kann man nicht mehr buchen,
man muss sich jetzt ein anderes Plätzchen suchen.
Die Drogenbeschaffung ist jetzt doppelt schwer,
auf der Straße gibt es keine Freier mehr.
 
Den Hurenausweis könnt ihr jetzt behalten,
Ich lasse mich von euch nicht mehr verwalten.
Natürlich mache ich jetzt eine Pause,
und bleib wegen Corona nun zu Hause.

(c) Anonym

Die Tagesschau berichtet am 7.4.20 auf twitter

Zitat von Tobias Schmid, Chef Landesanstalt für Medien NRW
„Wenn bei Kinder der Eindruck entsteht, Gangbang ist eine normale Sexualpraktik, in der die Frau benutzt und gedemütigt wird, dann ist das sicherlich ein extremes Problem.“

Schmid will die reichweitenstärksten Porno-Portale dazu zwingen, in ihren deutschsprachigen Angeboten eine wirksame Altersbeschränkung einzuführen.

@tagesschau

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Antwort von Madita Oeming, Uni Paderborn
Promotion zu „Pornosucht“ als moralische Panik
Web: https://uni-paderborn.academia.edu/MaditaOemingMA

@MsOeming
Lieber Tobias Schmid, da Sie offenkundig weder „Kinder“ noch das Internet noch Pornos NOCH Gangbangs besonders gut verstehen, hier ein Thread für Sie… #Jugendschutz

(1)
Erstmal zur Wirksamkeit: Altersbeschränkungen zu umgehen ist ein (pun intended) KINDERSPIEL! den Ausweis von Mama klauen, den großen Bruder fragen, per VP Client aus anderem Land zugreifen, undundund… digital natives sind verdammt clever!

(2)
Wenn auch nur EINE Person sich Zugriff verschafft, kann sie runterladen oder screengrabben und mit einem Klick an die ganze Klasse per WhatsApp-Gruppe, E-mail etc. verschicken und die alle ebenso. Im nu können sich Bilder so trotzdem verbreiten.

(3)
Selbst WENN der Online-Zugriff erfolgreich verwährt würde, gibt es immer noch die Offline-Varianten: Festplatten voll mit Pornos oder DVDs. Glauben Sie vor Breitbandinternet wurden von Minderjährigen keine Pornos geschaut & getauscht? Wozu gab es LAN-Parties?

(4)
Vergleichbar wie im Internet müssen die jungen Menschen danach nicht unbedingt aktiv suchen. Sie können über die Sammlung der Eltern oder Geschwister stolpern, im Kiosk über Magazine, können in ihrer peer group ungefragt damit konfrontiert werden.

(5)
Kurz gesagt: ES IST UNMÖGLICH, MINDERJÄHRIGE GÄNZLICH VON PORNOGRAFISCHEN INHALTEN ABZUSCHOTTEN! Egal, was Sie sich ausdenken. Deshalb müssen wir sie anders schützen: mit Aufklärung!

(6)
Kinder sind sehr wohl in der Lage zu verstehen, was Fiktion und was Wirklichkeit ist. Sie schaffen das auch bei PawPatrol oder Superman oder Harry Potter. Wir sollten Kinder nicht unterschätzen!

(7)
Natürlich kann das bei Pornos schwerer fallen, weil echte Menschen mit echten Körpern „echten“ Sex haben und junge Menschen zunächst noch keine eigene sexuelle Erlebniswelt haben, mit der sie das Gesehene abgleichen & Widersprüche erkennen können.

(8)
Deswegen muss es ihnen jemand ERKLÄREN. Dass die Menschen bezahlt und gecastet wurden, um ein Drehbuch nachzuspielen, inmitten eines Teams von Ton, Licht und Kamera. Dass wir ganz viel nicht sehen im fertigen Bild. Das vorher, das nachher, das drum herum. Das geht.

(9)
Gleichzeitig sollte ihnen Sexualwissen vermittelt werden, nicht nur zu Schwangerschaft & Geschlechtskrankheiten, sondern zu Lust, sexueller Orientierung und Consent. Damit sie das Gesehene wenigstens mit dem Gelernten, wenn noch nicht mit dem Erlebten, abgleichen können.

(10)
Ich sage es nochmal: CONSENT!!! würden alle jungen Menschen lernen, ihre eigenen sexuellen Grenzen zu kennen, klar zu kommunizieren und zu schützen sowie die anderer abzufragen und zu respektieren, könnten wir uns so viele dieser Unterhaltungen gänzlich sparen.

(11)
Zu guter Letzt muss festgehalten werden, dass Pornos auch ein wichtiges Hilfsmittel sein können, die eigenen Vorlieben & Fantasien, und durch Masturbation auch den eigenen Körper, sicher zu erkunden – durchaus auch vor der Volljährigkeit

(12)
Insbesondere queere Menschen, die ihre Sexualität im Mainstream kaum reflektiert sehen, beschreiben immer wieder, wie zentral Pornos in ihrer Selbstfindung und Selbstakzeptanz waren – durchaus auch vor der Volljährigkeit Madita Oeming

(13)
Sowieso sollten wir aufhören, so zu tun, als würde Sexualität erst mit dem Eintreten des 18. Lebensjahres angeknipst werden (bzw. in anderen Ländern mit 21). Wir entwickeln viel früher sexuelles Verlangen und sollten damit nicht allein gelassen werden!

(14)
Ebenso ist es ein Irrglaube, dass Menschen mit Eintreten der Volljährigkeit automatisch einen gesunden kritischen Umgang mit pornografischen Inhalten hätten. Die meisten Erwachsenen haben ihn nicht! Auch für uns ist das Thema in Scham, Schweigen & Unwissen gehüllt

(15)
Ihr eigenes Fehlverständnis von Pornografie zeigt sich u.a. in Ihrer Formulierung der dargestellten „abnormalen Sexualpraktiken“ – das ist eine Wertung und Pathologisierung, auch kink shaming genannt, die sich jemand Ihrer Position nicht erlauben sollte

(16)
Auch bei einem Gangbang handelt es sich um eine vielleicht seltenere aber keineswegs abnormale Praxis, bei der auch eine Frau im kontrollierten Setting nach Abstecken ihrer Grenzen verschiedene Fantasien erfüllen kann. Passiert dies uneinvernehmlich, ist das sexuelle Gewalt

(17)
Ihre Darstellung als eine Praxis, die Frauen ausschließlich „benutzt und demütigt“, schreibt ein überholtes Narrativ der Frau als Opfer fort, in dem weibliche Sexualität gänzlich ausgeklammert wird. Hier zeigt sich ein viel schädlicheres Kernproblem

(18)
Im übrigen bedeutet sich gerne einen Gangbang im Porno anzuschauen keineswegs, dass man auch gerne selbst einen Gangbang erleben möchte. Das gilt für viele Fantasien, die Menschen ausschließlich im Porno ausleben.

(19)
Natürlich stimmt es, dass uns im Porno viele sexistische Narrative begegnen (wie in ALLEN Medien!). Aber ginge es Ihnen tatsächlich um Sexismus-Bekämpfung würden Sie woanders ansetzen. Zum Beispiel alternative Pornografie und deren ethischen Konsum fördern

(20)
Stattdessen machen Sie Pornos zum einfachen Sündenbock und mobilisieren existierende Ängste. Auch die Verwendung des Begriffs „Kinder,“ obwohl es primär um Teenager geht, scheint mir hier ein rhetorischer Kniff zu sein, den ich irreführend und problematisch finde

(21)
Was ich mit all dem sagen will:

Die Tabuisierung von Pornografie, anhaltende Sexualmoral und Genderstereotype sowie der eklatante Mangel an umfassender, queer-inklusiver, sex-positiver Sexualaufklärung – DAS ist ein „extremes Problem,“ das wir angehen sollten.

Punkt.

Dieser Beitrag stammt aus der Feder von unserem Mitglied Miss Daria, die seit vielen Jahren als Sexarbeiterin in Stuttgart im Bereich experimenteller Sexualität tätig ist. Der Text ist in einer vorherigen Version zuerst in ihrem Blog erschienen.  

Gerade habe ich den Artikel „Corona: Chance zum Ausstieg?“ aus der EMMA gelesen. Und sehr lange darüber nachgedacht, ob ich bei Twitter darauf antworte. Die unkonstruktive Art, in der in dem Text argumentiert wird, nervte mich sehr. Ich habe angefangen zu schreiben, aber egal was ich in den Tweet bringen wollte, alles klang nach Rechtfertigung.

Insbesondere die Prostitutionsgegner*innen hier in Stuttgart – zum Beispiel Sisters e.V., #RotlichtAus oder #ichbinkeinfreier –  sind unterschiedliche Vereine und Kampagnen, die schon viele Jahre an einem Teppich gegen Sexarbeit knüpfen. Allesamt scheinen ausschließlich daran interessiert zu sein, Sexarbeit in jeglicher Form zu beenden. Viele ihrer Mitglieder wirken sehr gut gecoacht und geübt darin, für ihre Sache zu argumentieren – um von sich selber abzulenken und um ein ganz bestimmtes Bild von Sexarbeit in der Welt zu verbreiten.

Wirklich gut, dass ich grad soviel Zeit habe, „dank Corona“. Somit kann ich heute ein wenig über die faszinierenden Kommunikations-Strategien von Prostitutionsgegner*innen schreiben.


Strategie 1: Gegeneinander ausspielen

Wie man auch in dem oben genannten Artikel lesen kann, versuchen Prostitutionsgegner*innen immer wieder Sexarbeiter*innen untereinander auszuspielen und in Schubladen zu stecken. Hier ein paar davon:

  • Sexarbeiter*innen, die genug Geld verdienen, oder unter guten Bedingungen arbeiten und sagen, dass sie den Beruf freiwillig ausüben, sind „privilegiert“ oder wahlweise auch heimlich „traumatisiert“.
  • Sexarbeiter*innen, die unter Geldmangel leiden, oder unter schlechten Bedingungen arbeiten und trotzdem sagen, dass sie den Beruf freiwillig ausüben, „belügen sich selbst“und sind auf jeden Fall „traumatisiert“.
  • Sexarbeiter*innen, die sich zu ihrem Beruf nicht öffentlich äußern, sind grundsätzlich „gezwungen“, und „Opfer, die man retten muss“.
  • (Ehemalige) Sexarbeiter*innen, die öffentlich ähnliche Positionen wie Prostitutionsgegner*innen vertreten, sind die „Guten“, „wenigstens ehrlich“, oder „Überlebende“.
  • (Ehemalige) Sexarbeiter*innen, die öffentlich andere Positionen als Prostitutionsgegner*innen vertreten, sind immer „privilegiert“ und zusätzlich die „Bösen“ und „Lobbyist*innen“.

Strategie 2: Entmachtung

Sobald Sexarbeiter*innen es wagen, mit gegensätzlichen Standpunkten und Blickrichtungen an die Öffentlichkeit zu gehen, werden sie von Prostitutionsgegner*innen diffamiert. Wir sollen nicht mitreden dürfen – weil wir ja „gaaar keinen Vergleich“ hergeben oder uns „selbst belügen“.

Kann doch nicht verhindert werden, dass wir mitreden dürfen, werden uns bösartige Beweggründe unterstellt – weil wir entweder „von der Betreiber-Lobby gekauft“ sind oder „nur andere für uns anschaffen lassen“.

Strategie 3: Dramatisierung

Von Seiten der Prostitutionsgegner*innen wird ein Bild der durchschnittlichen Sexarbeiterin als ewiges „Opfer“ gemalt und darum drehen sich grundsätzlich alle Diskussionen. Es ist weit verbreitet, nur mit traurigen, dramatischen und bildhaften Beschreibungen zu argumentieren. So was setzt sich natürlich schnell im Kopf der Öffentlichkeit fest, besonders bei jenen, denen die breite Vielfalt der Sexarbeit nicht bewusst ist.

Tantrastudios, Laufhäuser, BDSM-Studios, Sexarbeit in Wohnmobilen, auf dem Straßenstrich, Personen die in Swingerclubs animieren…  die Liste ist lang! Sexarbeit hat so viele unterschiedliche Bereiche, und – glaubt mir – der Anteil an Sexarbeiter*innen, die nicht in das Bild der Prostitutionsgegner*innen passen ist groß.

Das Bild entspricht vielleicht einer (!) Realität, bezieht aber niemals die gesamte Bandbreite mit ein. Es ist einseitig und erlaubt keine anderen Bilder neben sich – unter solchen Voraussetzungen kann niemals ein offener Diskurs entstehen.

Strategie 4: Angriff

Ein weiterer Punkt ist das Vorgehen nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“. In einer Diskussion auf Twitter kam die Frage auf, was Sisters e.V.  und Co denn aktuell tun, um Sexarbeiter*innen, die kein Geld verdienen können, zu unterstützen. Und es wurde deutlich, dass die Befürworter*innen eines Sexkaufverbots wenig bis gar nicht dazu beitragen, die Bedingungen für Sexarbeiter*innen wirklich zu verbessern.

Um dieses Nichts-Tun zu verschleiern, wird mit Gegenfragen und mit Angriffen agiert. Das ist in dem oben genannten Artikel gut zu erkennen, in dem die Verfasserinnen ausgerechnet den Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistung anfeinden.

Ein Verband aus aktiv arbeitenden Sexarbeiter*innen wird als „Lobbyverband ausgezeichnet verdienender Studiobesitzerinnen“ bezeichnet und mit Vorwürfen des absichtlichen „Nichts-Tuns“ und „Nicht-früh-genug-Tuns“ überhäuft. Ich bin Mitglied im BesD, ich könnte also eine Menge von dem erzählen, was dort alles wirklich passiert, um die Bedingungen für Sexarbeiter*innen – insbesondere im Bereich der prekären Sexarbeit – zu verbessern.

Strategie 5: Verzerrung

Es wird von Gegner*innen sehr häufig mit Zahlen jongliert, also mit vermeintlichen Fakten, die jedoch keine sind. Nirgendwo gibt es auch nur einen Ansatz, eine Studie, oder Statistik, die zum Beispiel die Zahlen, die im Artikel genannt werden, unterstützen. Die „90 Prozent Elendsprostituierten“ sind schlicht und ergreifend gelogen.

Der BesD wird auch „Lobbyverband“ genannt, um quasi Fakten zu verwaschen. Das Wort hinterlässt einen schrägen Beigeschmack – es zielt in meinen Augen darauf, ein Bild zu hinterlassen, das etwas mit Zuhälterei zu tun hat. Aber vielleicht bin ich da auch gerade sehr empfindlich.

Hier sei auch nochmal der Punkt Menschenhandel und Zwangsprostitution erwähnt. Es müsste endlich mal allen klar werden, dass Menschenhandel strafrechtlich geregelt ist. Das Wort Zwangsprostitution ist ein Unwort – Sex unter Zwang ist Vergewaltigung und hat bei Prostitution nichts zu suchen.

Strategie 6: Spott

Zitat aus der EMMA: „Wir erinnern uns an die Vertreterinnen der Pro-Prostitutionslobby, die in Talkshows das Mantra von der glücklichen Prostituierten herunterbeteten“. Da werden die öffentlichen Auftritte der wenigen Sexarbeiter*innen, die sich für Anerkennung, gute Bedingungen und Differenzierung der Sexarbeit einsetzen, auf spöttische Weise dargestellt und nicht ernstgenommen.

Zu dem Thema fällt mir auch noch der Beitrag der Frau B. ein, den sie am 13. März 2020 bei Twitter veröffentlicht hat und der ganz unten in dem Artikel sogar nochmal gehypt wird. In dem spottet sie unter anderem auf meine Kosten über die Bordellschließungen in der Corona-Krise, dass „Man(n) ja schon mal üben könne“.

Ich persönlich finde den Tweet selbst und die Unterstützung der EMMA peinlich und erschütternd. Für alle Sexarbeiter*innen, die wegen Corona mit einem Arbeitsverbot belastet sind, wirkt diese Aussage einfach nur verachtend. Frau B. freut sich ganz offensichtlich darüber, dass viele, viele Frauen, Männer und Trans-Menschen in nächster Zeit ihre Mieten nicht mehr zahlen können.


Ach, ich könnte den Artikel noch weiter auseinander pflücken –  könnte mich richtig in Fahrt bringen – aber ich glaube ich habe schon deutlich gemacht, was ich deutlich machen wollte.

An gewissen Stellen scheint es überhaupt keinen Sinn mehr zu machen, mit Prostitutionsgegner*innen in eine Auseinandersetzung zu gehen – das kenne ich gut. Viele von uns fühlen sich bei diesen Diskussionen (zu Recht) oft hilflos und wütend. Ich hoffe ich konnte hier ein bisschen aufzeigen, woher das kommt und womit wir es eigentlich zu tun haben.

Die Sexarbeiterinnen Lady Giorgina, Fräulein Angelina und Phantessa haben diesen Text gemeinsam verfasst. Sie arbeiteten bis zum Arbeitsverbot wegen Corona in BDSM-Studios – als Domina, Bizarrlady und Sklavin. Ihr Text ist bei den „Geschichten von Unten“ von  „Hände Weg vom Wedding“ erschienen.

Seit Ende letzter Woche habe ich Arbeitsverbot in meinem Job, um die Infektionsgefahr mit dem Corona-Virus gering zu halten. So weit verständlich und sinnvoll.  „Viel Zeit, all das zu tun, was ich schon seit langem machen wollte: Lesen, Renovieren, Reparieren, Schreiben“, dachte ich am Anfang noch. Und in der Tat, mir wird vorerst nicht langweilig. Aber hauptsächlich aus dem Grund, dass ich mir überlegen muss, wo ich jetzt das Geld her hole. Jetzt, wo für mich als Selbstständige nichts reinkommt.

Ich bin Sexarbeiterin, und zwar aus Überzeugung. Und natürlich aus der Notwendigkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich habe auch ein Diplom und eine abgeschlossene Ausbildung, habe mich aber für diesen Beruf entschieden – weil ich ihn wichtig finde in unserer Gesellschaft. Weil das, was ich tue, anderen hilft. Das ist Psychotherapie und Körperarbeit in einem. Dass das jetzt weg fällt für meine Klient*innen, ist schon schlimm genug. Aber bei mir kommt de facto kein Geld rein. Ich muss kreativ werden, nach Online-Möglichkeiten suchen, oder nach etwas ganz anderem. Aber auch Firmen, für die man komplett aus dem Home-Office arbeiten könnte, sind momentan mit der Situation überfordert, stellen erst einmal niemanden neu ein, so die Antworten.

Webcam, Telefonsessions – das kommt prinzipiell infrage, aber auf die Idee sind natürlich auch schon andere gekommen, das Angebot ist groß. Wie sich die Nachfrage über die nächsten Wochen entwickeln wird, muss man sehen. Draußen feiern Leute Corona-Parties und ich denke mir: „Wer fest angestellt ist, kann das ja relativ leicht in Kauf nehmen und es feiern, nicht arbeiten zu müssen.“ Wir Freiberufler*innen müssen aber darauf hoffen, dass sich das Arbeitsverbot nicht zu lange hinzieht, denn Miete und Krankenkasse müssen schließlich weiterhin bezahlt werden. Und essen möchten wir auch noch.

Gleichzeitig denke ich mir auch: Ich stehe wahrscheinlich noch relativ gut da, denn ich habe immerhin noch ein Dach über dem Kopf, habe Bildung genossen und kann einigermaßen problemlos Sozialleistungen beantragen, falls es nötig wird. Sexarbeit wird aber auch von vielen Personen gewählt, die es schwer haben in Deutschland. Weil sie hier keinen festen Wohnsitz haben, weil ihr Umfeld den Job nicht akzeptieren würde, oder weil sie aus allen möglichen Gründen durch das soziale Netz fallen. Schon alleine deshalb brauchen wir jetzt schnelle und unbürokratische Hilfen, wie das bedingungslose Grundeinkommen.

Und wer weiß, wie es dann überhaupt weitergeht, in der Zukunft. Leni Breymaier (SPD) freute sich auf Twitter, dass das vorübergehende Arbeitsverbot für SexarbeiterInnen quasi ein Probedurchlauf für ein von ihr angestrebtes generelles Sexkaufverbot ist: „#Corona. Geht doch. Man(n) kann ja schon mal üben.“ (Tweet vom 14.3.20) Was üben wir denn da? Kein Geld zu haben? Hartz IV Anträge auszufüllen? Unseren Beruf in gefährlicher Illegalität auszuführen? Das Gefühl zu ertragen, nicht ernst genommen zu werden als Personen mit freiem Willen zu unserer Berufswahl, der uns immer und immer wieder abgesprochen werden soll?

Wir brauchen Unterstützung. Jetzt finanzieller Art und später, wenn es darum gehen soll, das Schwedische Modell einzuführen, dann brauchen wir politische Unterstützung. Das Schwedische Modell ist antifeministisch und entmündigend. Wir brauchen Respekt. Wir brauchen Sichtbarkeit, damit wir nicht einfach heimlich, still und leise unter den Teppich gekehrt werden.

Wir möchten nicht üben für etwas, das uns das Recht auf freie Berufswahl nimmt.
Wir möchten auch nicht dafür üben, von Sozialleistungen zu leben.
Wir möchten eine Entstigmatisierung seitens der Gesellschaft, der Behörden und der Politik.

Wir möchten, wie jeder andere Mensch auch, dass diese Krise möglichst schnell und mit möglichst wenig Verlusten vorüber geht. Und dass wir dann weder A) auf der Straße sitzen noch B) unser Beruf dann auch noch von antifeministischen Moralaposteln unter dem Vorwand, es ginge um unseren Schutz, illegalisiert wird.

Wir möchten ernst genommen werden. Wir möchten, dass uns Respekt entgegen gebracht wird und dass wir soziale und finanzielle Sicherheit haben, wie in anderen „normalen“ Berufe auch.

Bezüglich der momentanen Ausnahmesituation möchten wir, dass alle die Einschränkungen ernst nehmen, damit die Infektionskurve verflacht wird (#flattenthecurve) und die Arbeitsverbote und ggf. Ausgangssperren dann auch möglichst schnell wieder aufgehoben werden und wir wieder arbeiten können.

Und besonders wichtig: Wir sind absolut bereit, einige Zeit auf die Ausübung unseres Berufes zu verzichten, um Menschen aus Risikogruppen zu schützen und unseren Teil dazu beizutragen, das Gesundheitssystem am Funktionieren zu halten. Aber auf keinen Fall darf das ausgenutzt werden, um unter dem Deckmantel der Corona-Prävention längerfristige Berufsverbote zu erwirken!

Wir brauchen schnelle und unkomplizierte finanzielle Unterstützung (auch für nicht registrierte Sexarbeiter*innen) im Sinne von Verdienstausfall, nicht als Kredite oder Hartz4. Wir rufen alle dazu auf, mit uns solidarisch zu sein. Sich unseren Forderungen anzuschließen. Außerdem solidarisch mit all jenen zu sein, die von Corona besonders betroffen sind. Und wir hoffen, dass wir alle möglichst bald und mit so wenig Schaden wie möglich aus der Krise kommen.

Redebeitrag von BesD-Mitglied und Sexarbeiterin Vani (kaufmich.com/Muecke1403) anlässlich des Frauen*Kampftags in Rostock. Danke außerdem an SeLa – Selbstbestimmt Leben und Arbeiten, das Centrum für sexuelle Gesundheit, Frauenstreik Rostock und Demo zum Frauen*kampftag.

 

Wow. Ich bin echt aufgeregt. Ich bin immer aufgeregt, wenn ich vor großen Gruppen sprechen soll. Aber heute bin ich ganz besonders aufgeregt. Warum? Weil ich als Sexarbeiterin vor euch stehe. Ich bin Escort und Mitglied des BesD, des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen. Und genau in dieser Rolle werde ich, oder wird das was ich tue, von unglaublich vielen Menschen immer noch als unmoralisch, dreckig, eklig, billig oder sonst wie abgewertet. Weil Frauen immer noch in Hure und Heilige eingeteilt werden, also in gute Frau, schlechte Frau.

Die gute Frau ist die, die nicht auffällt und nicht aufregt, die die Klappe hält und tut was sie soll, die in der Öffentlichkeit kein sexuelles Wesen ist, dem Partner aber schon zur Verfügung steht, wenn der es wünscht. Die schlechte ist die, die all das bricht, die nicht alles nach außen hin schön wirken lässt, die – um Gottes Willen – eigene sexuelle Bedürfnisse hat, was schon geil ist und ab und zu mal benutzt werden kann, aber halt nicht als Freundin oder Frau zu Hause – und wehe die eigene Tochter gehört dazu. Ich bin in dem Szenario natürlich ganz offensichtlich die Schlechte und damit habe ich mir jeden Respekt, der einem Menschen entgegen gebracht werden könnte, verspielt. Das ist das so genannte Hurenstigma.

In meinem Fall heißt das, dass ich mit meiner Familie und neuen Leuten nicht über meinen Alltag sprechen kann, weil ich Angst vor der Reaktion habe. Es heißt, ich hab mich echt scheiße gefühlt, als ich zu der laut „Prostituiertenschutzgesetz“ verpflichtenden Gesundheitsberatung gehen musste und mir mit einer Herablassung sondergleichen erklärt wurde, wie Verhütung nochmal funktioniert. Es heißt, ich habe enge Freunde verloren, weil die Person „auch wenn sie mich nicht verurteilen will, jetzt doch einfach irgendwie anders über mich denkt“.

Ich habe zum Glück Freunde, die Bescheid wissen, die mich unterstützen und mit denen ich über Erlebtes sprechen kann. Und ich bin weiß, ich bin Deutsche, ich bin Cis-Gender, nicht-behindert, Akademikerin, ich spreche die Landessprache fließend, ich kann lesen und schreiben und ich kann sogar Behördendeutsch verstehen. Das alles heißt, dass es viele Sexarbeiter*innen gibt, die in viel prekäreren Situationen arbeiten als ich.

Für Frauen mit weniger Privilegien bedeutet das Hurenstigma vielleicht Gewalt. Es bedeutet vielleicht, dass sie mit NIEMANDEM über ihren Alltag sprechen können. Es bedeutet Schwierigkeiten umzusteigen und einen neuen Job zu finden, eine schlechtere gesundheitliche Versorgung, Scham oder ein eigenes Risiko bei der Anzeige von Straftaten. Und das in einer Gesellschaft in der wir gerade vor ein paar Jahren angefangen haben, die Sexarbeit zu entkriminalisieren.

In letzter Zeit werden aber wieder Stimmen laut, die eine Kriminalisierung fordern, dieses Mal in Form eines Sexkaufverbots –  also Freier bestrafen und mir meine Arbeit im Prinzip unmöglich machen. Das Sexkaufverbot will angeblich Frauen schützen, nicht indem es Sexarbeit sicherer macht, sondern indem es Sexarbeit abschafft. Denn die Logik der Freierbestrafung ist nicht in erster Linie „wir müssen die Frauen unterstützen, die diesen Beruf ausüben“ sondern „Sexarbeit ist unmoralisch und sollte nicht stattfinden“. Welcome back beim Hurenstigma.

Was stimmt ist, dass Sexarbeit sexistischen, rassistischen und vielen anderen Strukturen unterliegt, weil unsere Gesellschaft sexistisch, rassistisch, queerfeindlich und vieles mehr ist. Und deswegen sind wir heute hier, deswegen organisieren wir uns, demonstrieren und tun alles Mögliche um dagegen zu kämpfen und vor allem auch um solidarisch zu sein und uns gegenseitig in unseren Kämpfen zu unterstützen! Denn das Hurenstigma ist immer auch das Stigma von Frauen, die ihre sexuelle Freiheit leben ohne dafür Geld zu verlangen. Die irgendwie anders nicht in das Bild der „Heiligen“ passen. Die ihr Leben so leben, wie sie es wollen und nicht wie unsere sexistische Gesellschaft es vorschreibt.

Deshalb bitte ich euch, seid auch ihr solidarisch mit Sexarbeiter*innen und kämpft für unsere Rechte. My Body, my choice!

Nach dem Besuch der Mitgliederversammlung des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen fasste unsere politische Sprecherin Johanna Weber auf der Heimreise ihre Eindrücke in Worte. Danke dafür! 

Ich sitze im ICE auf dem Rückweg von der Mitgliederversammlung des Berufsverbandes nach Hause. Ich habe lange einfach nur aus dem Fenster geschaut. Und langsam dämmert es mir, was wir in den letzten drei Tagen Großartiges erreicht haben.

Nie waren wir so breit aufgestellt.

Wir waren so viele Teilnehmende, dass unsere Unterkunft für die Letzten nur noch Matratzenlager in der Scheune einrichten konnte. Aber das spielte keine Rolle. Es war überwältigend, wie sachlich und konzentriert alle gearbeitet haben.

Damit dieser Schwung dann auch wirklich umgesetzt und vorangebracht werden kann, braucht es Menschen, die das nicht ehrenamtlich, sondern beruflich machen.

Ohne Geld läuft nichts. Und daran wollen wir nicht scheitern. Wir haben eine neue Angestellte, die sich auch um Mittelbeschaffung und Finanzen kümmert. Tamara aus Leipzig hatte uns schon beim letzten Hurenkongress unterstützt, und die Zusammenarbeit mit den beiden anderen Angestellten klappt hervorragend.

Undine de Rivière aus Hamburg wird auch weiterhin für den BesD vor Kameras und Micro treten. Und wir haben für die aktive Pressearbeit Verstärkung bekommen.  Susanne alias Hauptstadtdiva aus Berlin bringt sehr viel Erfahrung mit und betreut bei einer großen Werbeplattform für Sexarbeitende das Online-Magazin.

Politische Sprecherin bin ich selber. Ich sehe mich dabei zum größten Teil als Koordinatorin für die ganzen Einzelaktionen, die von anderen Mitgliedern gemacht werden. In den einzelnen Bundesländern bilden sich gerade sehr aktive politische Keimzellen. Auch sehe ich mich als Motor, Kolleginnen zum Aktivwerden zu motivieren und die passenden Personen für die verschiedenen Anfragen oder Aktionen zu finden.

Der Vorstand wurde von drei auf fünf Personen aufgestockt. Noch nie gab es im BesD auch nur einen ansatzweise so starken und breit gefächerten Vorstand wie jetzt.

Lucy aus Frankfurt – 30 Jahre Sexarbeit jeder Art.
Michael aus Freiburg – 10 Jahre Sexarbeit, Tantra-Massage.
Susanne aus Berlin – 10 Jahre Sexarbeit jeder Art.
Nicole aus Trier – 18 Jahre Sexarbeit, Straße und Wohnwagen.
Johanna aus Berlin – 15 Jahre Sexarbeit, Bordell und Bizarrstudio.

Auch im Bereich Kommunikation beim BesD passiert einiges. Wir haben einen neuen Zuständigen für die IT. Martin aus Köln – ich soll ihn ja nicht Webmaster nennen – etabliert dort gerade einen Sexarbeits-Stammtisch. (Edit: 02.06.2020 – aka Sarah Blume … transgender female)

Es gibt nun zwei Zuständige für Mediation. Interne Unstimmigkeiten innerhalb des immer größer werdenden Verbands sollen in Zukunft professionell angegangen werden – und uns nicht schwächen.

Die anderen Positionen bleiben wie gehabt – Motto: Never change a winning team. Ich freue mich und fühle mich stark!

Nie war alles so klar.

Das schwedische Modell ist kein Erfolgsmodell. Und nie war so klar, dass wir – trotz aller Verschiedenheiten – nur gemeinsam gegen die Überlegungen zur Einführung des Schwedischen Modells in Deutschland antreten können.

Wir waren nie so stark wie jetzt.

Dieser sehr persönliche Blogbeitrag wurde uns von einer Berliner Kollegin zur Verfügung gestellt. 

Als ich im vierzigsten Lebensjahr wieder angefangen habe mit der Sexarbeit, las ich überall die Berichte in den Zeitungen von den ganzen Menschenhandelsopfern in Deutschland. Das verunsicherte mich sehr. Ich saß zwar selber im Bordell und habe dort gearbeitet, aber ich dachte, dass diese schlimmen Sachen ja wo anders gang und gäbe sein müssten. Ich fragte mich sogar, ob ein Verbot der Sexarbeit nicht vielleicht gut wäre und ich nicht meinen Job aufgeben sollte um den anderen zu helfen. Es dauerte eine Zeit, bis mir klar wurde, dass ich damit niemandem helfen würde.

Ich kam immer mehr rum in Deutschland und arbeitete in verschiedenen Bordellen und Studios. Ich traf überall ganz verschiedene Frauen, ganz verschiedene Schicksale, ganz verschiedene Herangehensweisen an den Job. Ja, ich traf auch etliche Kolleginnen, denen ich wirklich einen anderen Job anraten würde. Ja, ich traf in den letzten 10 Jahren sogar zwei, die einen Loverboy hatten. Das wirkliche Problem dabei ist, dass es gerade für Migrantinnen in der Sexarbeit keine ernstzunehmende Alternative gibt.

Es wird immer gerne vom Abschaffen der Prostitution gesprochen und von großangelegten „Ausstiegsprojekten“. Wie diese aussehen sollen und wer die enormen Kosten tragen soll, darüber findet sich nichts. Ich hörte sogar schon verhaltene Stimmen, dass es doch am besten wäre, wenn die betroffenen Migrant*innen wieder in ihre Heimat zurückgingen. Da würden sie sich doch zu Hause fühlen und könnten ihre Traumen viel besser verarbeiten. So viel zur heiligen Vision von einer Welt ohne Prostitution.

Was ist denn eigentlich so schlimm an der Prostitution? Gerne liest man ja, dass Prostitution nur unter Zwang erfolgen kann, und dass Prostitution gleichzusetzen sei mit Gewalt. Oft wird sogar von Vergewaltigung gesprochen. Das sind mächtige Bilder, die sich in die Köpfe einbrennen. So leicht ist es, sich vorzustellen, wie die arme junge Frau aus Osteuropa als hilfloses Opfer täglich von brutalen Puffgängern missbraucht wird. So schwer ist es, sich vorzustellen, dass Sexarbeit wirklich ein Job sein kann, und dass sich das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen professionalisieren lässt.

Natürlich weiß ich, dass nicht alle Kolleginnen den Job gerne machen, aber in meinem Bekanntenkreis habe ich durchaus auch Menschen in „normalen“ Tätigkeiten, die auch nicht jeden Morgen jauchzend zur Arbeit gehen. Ich habe ganz allgemein den Eindruck, dass viele Menschen sich gar nicht vorstellen können, ihre Berufstätigkeit könne ihnen Erfüllung bringen. Gerade in der Sexarbeit scheint mir dieser Ansatz leider sehr weit verbreitet, denn die Branche ist dermaßen stigmatisiert, dass es schwer ist, einen positiven Bezug zur eigenen Arbeit zu entwickeln.

Zurück zu der Frage, was denn so schlimm an der Prostitution ist. Wenn man in der Lage ist, Prostitution als erotische Dienstleistung zu sehen, die professionell von Menschen angeboten wird, die sich bewusst für diesen Job entschieden haben, dann ist daran eigentlich nichts schlimm. Ich will das jetzt nicht thematisieren, denn die gesellschaftlichen Konventionen sprechen eine andere Sprache. Wir werden immer noch erzogen und geprägt vom Modell der Zweierbeziehung, die bis der Tod uns scheidet halten soll. Dieses Zweierkonstrukt teilt sich nicht nur ein Ehebett mit Nachtischen, sondern verbringt jeden Tag gemeinsam. Und von dieser wunderbaren Symbiose, die im Alltag durchaus hervorragend funktioniert, wird dann auch noch toller Sex erwartet.

Während Frauen oft ihren sexuellen Bedürfnissen nicht so viel Wichtigkeit beimessen, oder sie ignorieren oder nicht wahrnehmen, denken viele Männer eher pragmatisch. Mit ihrer Frau sind sie zufrieden und wollen das auch gar nicht ändern. Eine Sexarbeiterin aufzusuchen sehen sie nicht als Infragestellung ihrer Ehe oder Ablehnung ihrer Frau gegenüber. Frauen hingegen würden sich – wenn überhaupt – eher einen Liebhaber nehmen, denn ohne Liebe geht es doch nicht. Dies ist dann oft das Ende der Ehe. Man verzeihe mir die Schubladentheorie.

Wäre es nicht schön, wenn sowohl Männer als auch Frauen sexuelle Dienstleistungen als selbstverständlich betrachten würden und je nach Neigung nutzen oder eben auch nicht. Nach wie vor gibt es nur wenige Frauen, die erotische Dienstleistungen in Anspruch nehmen, aber es werden mehr. Ein sehr lesenswerter Beitrag zu diesem Thema stammt aus der Feder des Tantra-Masseurs Michael König -> https://berufsverband-sexarbeit.de/index…ls-kundin/.

In den Köpfen der Prostitutionsgegner ist die Welt viel einfacher: Frau=Opfer/Mann =Täter, und sie wünschen sich eine andere Welt. Eine Welt ohne Prostitution.
Ja, ich wünsche mir auch eine andere Welt, aber nicht eine Welt ohne Prostitution. Ich wünsche mir eine offenere und freudvollere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Erotik kein Tabuthema ist, sondern eine lustvolle Bereicherung. Eine Gesellschaft, die über Erotik spricht und eigene Bedürfnisse erlaubt. Eine Gesellschaft, in der Paare in Beziehungen die eigene und auch die gemeinsame Lust thematisieren, statt totzuschweigen – und wo gleichzeitig auch andere Lebensmodelle möglich sind.

Dieses sehr persönliche Gedicht wurde vor einigen Jahren von einem unserer Mitglieder geschrieben – für die vielen Sexworker, die weltweit Opfer von Gewalt werden und viel zu oft ihre Tätigkeit sogar mit ihrem Leben bezahlen müssen. Anlässlich des diesjährigen Tages gegen Gewalt an Sexworkern dürfen wir den Text hier veröffentlichen – vielen Dank dafür.

this is not a love song

you know me
I’m an escort girl
and my heels prick the ice
like spikes

my brain to amuse you
my mouth to praise you
my sensuality keeps you warm
my siren’s song whispers the way
and my heavenly scent
relieves you
in your endless days

but once a year
after the petals have wilted
and before the first snow starts falling
my voice raises into a gruesome howl
a song in a choir of grief, inevitable

sung by all my global mates
for all the victims
fallen and wounded in the battle of life
for their families and friends
on the 17th of december

we throw our fists in the air
from hands that always care
that stroke fluffy balls and weary heroes
that embrace
that are not made to hold candles

We’re reaching out to the lost
extending our hands to their souls
our fragile voices reaching the sky
to commemorate those
who met their fate

while it is not really fate at all
but violence, stigma and murder
purely made by man
and his accomplices
jurisdiction and a brutal legislation
they disgrace the name of justice
not my mates who lost their lives

who lost their lives
in pursuit to bring happiness and adult fun
pure entertainment without obligation
by a service made with commitment and love
why this aversion and aggression against us?
what have we done?

© Ariane 2011