Leider haben viele Bücher zum Thema Sexarbeit eine sehr enge Sicht der Dinge. Entweder werden alle Schwierigkeiten unter den Teppich gekehrt oder aus allem ein Problem gemacht und der ganze Beruf dramatisiert. In dem vor kurzem unter der Schirmherrschaft des Schweizer Kollektivs Sexarbeit-ist-Arbeit.ch herausgekommenen Buch “Ich bin Sexarbeiterin” ist das angenehm anders.

Die Texte und Porträts aus “Ich bin Sexarbeiterin” basieren auf Fakten, Studien und –  ganz wichtig! – den Stimmen von Sexarbeiter*innen. Leider können und wollen sich viele Sexarbeiter*innen aus Scham oder Angst immer noch nicht öffentlich oder in der Familie zu ihrem Beruf outen, da das Stigma in der Gesellschaft noch sehr stark verankert ist – umso wertvoller finde ich das Vorhandensein von Interviews, in denen Sexarbeiter*innen ihre Geschichten beschreiben und für sich selbst sprechen können.

Die Interviewten kommen aus verschiedenen Bereichen der Branche, sind weiblich, sind männlich, sind trans*, sind Migrant*innen. Was ihre Beweggründe zur Ausübung des Berufs angeht, ist die Bandbreite riesig: Sie reichen von größter Geldnot, über den Wunsch selbstbestimmt zu arbeiten, bis hin zur Selbstverwirklichung. Von “Ich hätte lieber etwas anderes gemacht/gelernt” zu “Ich will diesen Beruf ausüben” zu “Ich muss nicht gerettet werden!”.

In weiteren Texten werden Pro und Kontra von nationalen Regelungen zur Sexarbeit in der Schweiz sowie internationale Regelungen aus verschiedenen Ländern beschrieben. Es wird von illegalisierter und kriminalisierter Sexarbeit, zum Beispiel in der USA, oder unter dem Schwedischen Modell wie zum Beispiel in Frankreich berichtet. Auch entkriminalisierte, legale Sexarbeit hat ihren Platz im Buch. Dabei wird unter anderem ein Land unter die Lupe genommen, das meiner persönlichen Meinung nach ein großes Vorbild sein sollte. Warum Vorbild? Neuseeland hat seine Gesetze für die Branche mit Hilfe von Sexworker*innen verfasst. Sie wurden in den Prozess mit einbezogen, wurden gefragt undihnen wurde zugehört. Sie konnten  so dafür sorgen, dass die Gesetze auch wirklich den Bedürfnissen und dem Schutz von Sexarbeiter*innen dienen.

In einem Kapitel des Buches werden mithilfe von Studien die Beweggründe von Kund*innen geschildert. Auch Frauen als Kundinnen von Sexarbeiter*innen werden erwähnt, was ich sehr wichtig finde. Obwohl sie sicher eine Mehrheit stellen, gibt es eben nicht nur männliche Kunden. Über weibliche Kunden wird aber zu wenig berichtet, besser gesagt wird zu wenig auf sie aufmerksam gemacht. Besonders spannend fand ich in diesem Zusammenhang auch den Blick auf den sogenannten “Romantik Tourismus” –  wo Frauen sexuelle Dienstleistungen von Männern im Ausland in Anspruch nehmen. Nur die gesellschaftliche Definition unterscheidet hier von Männern die zum selben Zwecke zum Beispiel nach Asien reisen.

Zum allgegenwärtigen Thema Menschenhandel wird festgehalten, dass dieser klar in der Branche vorhanden ist, es sich aber um ein sensibles und wichtiges Thema handelt, das nicht zu dem Schaden einer einzelnen Branche auf deren Rücken ausgetragen werden sollte. Es wird darauf hingewiesen, dass Menschenhandel in vielen weiteren Branchen genauso ein Problem ist und deshalb Menschenhandel ganz klar vom Beruf Sexarbeit getrennt werden muss.

“Ich bin Sexarbeiterin” (ISBN: 978-3-03926-006-5) ist seit 26. November beim Verlag, im normalen Buchhandel, auf Medimops, oder auch auf auf Amazon erhältlich. Das Buch zeigt die Schwierigkeiten der Branche auf und ebenso mögliche Lösungswege. Es beschreibt, wie Menschen in der Sexarbeit unterstützt werden können und zwar OHNE ein generelles Verbot oder Sexkaufverbot, das sie in die Illegalität, ins Verborgene und in erhöhte Ausbeutungsgefahr treiben würde.

Ein empfehlenswerter Lesetipp für alle, die Wert auf eine differenzierte Darstellung von Sexarbeit und den darin tätigen Menschen legen. Und vielleicht auch ein schönes Last-Minute-Weihnachtsgeschenk für manche*n! 🙂


Diese Buchbesprechung stammt aus der Feder von BesD-Mitglied und Schweizer Sexarbeiterin Viktoria – vielen Dank dafür!

Wie jeden Winter gibt es auch 2020 kurz hintereinander die beiden internationalen Tage gegen Gewalt an Frauen (25.11.) und gegen Gewalt an Prostituierten (17.12.)

Gewalt gegen Frauen oder Prostituierte findet vor allem versteckt, im vermutlich sicheren Rahmen, oft im eigenen Heim statt. Ob es psychischer Druck ist oder physische Gewalt – beides ist schlimm, unnötig und gehört sowohl bestraft als auch in die Mottenkiste der Vergangenheit.

In beiden Fällen ist es sexistische bzw sexualisierte Gewalt. Oft ist es auch nicht auseinanderzuhalten um was es sich handelt, denn auch Prostituierte sind zum überwiegenden Teil Frauen.

Zum Glück haben wir hier in Deutschland einen umfassenden Gesetzeskatalog bezüglich solcher Verbrechen – sie jedoch reell durchzusetzen ist leider immer wieder ein Kampf. Trotzdem haben wir schon viel geschafft und etliches in die Mottenkiste der Vergangenheit gepackt, am Ziel sind wir aber noch nicht.

Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar, Friedrich Merz und Markus Söder, die sich damals im Bundestag dagegen aussprachen machen immer noch Karriere in der Politik.

Aufklärung, Stärkung, Unterstützung haben wesentlich mit dazu beigetragen dass es immer mehr Frauen auch in der Ehe besser geht, auch wenn sie weiterhin ökonomisch in Abhängigkeit stehen.

Nicht desto trotz platzen die Frauenhäuser, als Zufluchtsorte für bedrohte Frauen weiterhin aus allen Nähten. Gerade jetzt in der Corona Krise, als man ungewohnter weise auf sehr engem Raum verweilen musste, hat diese häusliche Gewalt wieder zugenommen. Der erneute Lockdown in Zusammenhang mit dem nun immer unwirtlicheren winterlichen Wetter wird wieder vermehrt zu solchen Vorfällen führen.

Ich ziehe den Hut vor den vielen Menschen, die in Beratungsstellen, Fortbildungseinrichtungen und Frauenhäusern diese Frauen auffangen, betreuen und wieder in ein würdevolles Leben (zurück) führen!

Hielte man sich ausschließlich vor Augen was diesen Frauen passiert und widerfahren ist, würde man wahrscheinlich vor der Ehe per se warnen, sie abschaffen wollen etc. Doch zum Glück ist das nicht so, viele Ehen sind zumindest harmonisch, viele sind Zweck-WGs um vielleicht Kinder groß zu ziehen oder ein gemeinsames Unternehmen zu führen und es gibt sogar auch ein paar wirkliche Traum Ehen darunter, Liebe über viele Jahrzehnte die bis zum Tode hält. Und weil wir das wissen kämpfen wir für die Frauen und ihre Ehen, stärken sie und geben ihnen skills an die Hand um besser zurecht zu kommen. Ob bei diesem oder dem nächsten Mann ist dabei nicht von Bedeutung.

Ähnlich verhält es sich übrigens mit der Prostitution, auch hier haben wir viele Menschen die allein aus wirtschaftlichen Gründen diesem Job nachgehen – manche unter besseren und manche unter schlechteren Bedingungen und manche sogar in der Erfüllung ihres Traumes als „Sexpertin“, in welcher Sparte der Sexarbeit auch immer.

Auch hier gibt es problematische Strukturen die meist, ähnlich wie in der Ehe, von (emotionaler) Abhängigkeit und Gewalt geprägt sind. Es sind dies in der Regel übrigens der Sexworker*in nahestehende Personen, auch hier ist der „Partner“ sehr oft der Täter, z.B. auch bei der sog. „Loverboy-Methode“. 

Auch hier können wir helfen, das Vorbild der Hilfe, Unterstützung und Förderung/Bildung hat uns Frauen ja auch in anderen Belangen schon sehr viel weiter gebracht! Kein Mensch käme auf die Idee uns vorschreiben zu wollen wo wann wie und mit wem wir Partnerschaften eingehen (obwohl man manchmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte)!

Denn eines ist sicher – wir werden Prostitution niemals verbieten können, wir können sie lediglich in die Illegalität treiben. Welchen Teil wir dabei verdammen, den, der einen Arbeitsplatz schaffen kann (Bordellbetreiber*in), die Kunden daselbst – Leidtragende wird dabei immer die Sexarbeiter*in sein denn in der Illegalität kann ihr nicht mehr geholfen werden, sie wird erpressbar und ist somit allem schutzlos ausgeliefert was es nur geben kann.

Gerade das derzeit kommunizierte sog. #nordischesModell setzt dem noch eine schicke schwedische Krone auf: Sexarbeiter*innen, die sich gegenseitig Tipps, Hilfe und Ratschläge erteilen werden diesbezüglich mit der Klage „Zuhälterei“ belangt – beide übrigens.

Wohnungsverlust ist eine der “üblichen” Kollateralschäden mit denen Sexarbeiter*innen zu rechnen haben, denn Vermieter haben Angst der Zuhälterei bezichtigt zu werden – egal ob nun sexuelle Dienstleistungen in der Wohnung erbracht wurden oder nicht.

Auch private Beziehungen sind kaum noch möglich da der Partner ständig Gefahr läuft als Klient bzw. “Zuhälter” angeklagt werden. Es kann nicht sein dass wir das wollen!

Denn am Beispiel der Ehe haben wir gesehen: gestärkte und gebildete Frauen die SELBSTbestimmt ihr Leben führen sind die einzige Chance gegen diese Ungerechtigkeiten!

SELBST bestimmt meint übrigens dass ich das tun kann was ICH möchte und nicht etwaige Retter*innen meinen, was denn für mich das Beste sei 😉


Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen:

Tel.: 0800 116 016
www.hilfetelefon.de


Hashtags teilen:

#AgainstViolence
#RespectSexwork
#MakeAllWomenSafe
#PROstitution
#SchweigenBrechen (Mitmachaktion vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben)

Bild zum Downloaden und Teilen:

 


Dieser Beitrag stammt von Sexarbeiterin und BesD-Mitglied Madame Kali, die auch das Banner für den Aktionstag designt hat und hier frei zur Verfügung stellt. Danke!


Weiterführende Infos:

Zum Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen

Zum Sexkaufverbot bzw. Freierbestrafung

Es ist leicht, sich über József Szájer lustig zu machen. Als Fideszmitglied (die proto-faschistische Partei in Ungarn) unterstützt er LGBTIQ-Hass und wird in einer schwulen Gang-Bang-Party in Brüssel erwischt, beim Versuch durch das Fenster zu fliehen, mit Drogen an sich. Mit Verstoß gegen die Brüssler Covid-Auflagen.

Es gibt eine lange Geschichte von Schwulen, die ihre Gefühle unterdrücken und versuchen in einer heteronormativen Welt zu leben.

Und um zu beweisen, wie hetero sie sind, anfangen Schwule zu dissen. Und auch rechte homosexuelle Politiker*innen, die offen Politik gegen Homosexuelle machen, gibt es ziemlich häufig. Ein Stück weit tun mir diese Menschen leid. Warum?

Ich bin auf einem Bauernhof in Ostdeutschland aufgewachsen. Eine Gegend, die immer noch eher nicht so “open minded” ist, was Sexualität angeht. Einige Zeit habe ich selbst versucht möglichst “hetero” zu wirken – und das ging am besten, in dem ich andere Schwule beschimpfe.
Dieses “auf Schwule schimpfen, um selbst als hetero zu gelten” ist die gängige Erklärung für dieses Verhalten. Aber da gehört noch mehr zu.

Es ist oft auch Neid. Neid auf die, die ihre Sexualität offen ausleben. Neid auf die, die stolz auf ihre Sexualität sind und ihre sexuellen Fantasien verwirklichen. Ich kenne diesen Zustand. Es fühlt sich unfair an.

Warum sind diese Menschen glücklich mit ihrem Sexleben? Warum können sie zu CSDs gehen und offen miteinander flirten, während ich nicht die Sicherheit habe, das zu tun. Während ich zu viel Angst vor Ablehnug und Ausgrenzung von Freunden, Familie, Kollegen habe.
Als Person der Öffentlichkeit (wie z.B. ein Politiker) wird diese Angst nur schlimmer. Wird er abgewählt, wenn er offen schwul ist?

Und dann gibt es noch den Kink-Aspekt der Unterwerfung. Schwule Beschimpfungen lösen bei mir häufig ein Gefühl der Unterwerfung aus. Wer nicht über die eigene Sexualität reden kann, wird schwer kein gutes Umfeld für die eigenen Lüste schaffen. Insbesondere unterwürfige Menschen (auch “Sub” genannt), haben eine Tendenz zu missbräuchlichen Beziehungen, weil die Erniedrigung in ihnen sexuelle Reize auslöst.

Wer nicht über die eigene Sexualität redet, kann auch keine Spielpartner*innen für Rollenspiele finden.

“Was ist, wenn ich für meinen Wunsch ausgelacht werde? Oder noch schlimmer: mich vor Freunden oder Bekannten als pervers beschimpfen?”
Also wird nicht darüber geredet, sondern es braucht andere Wege, die eigenen Vorlieben zu erreichen. Einer dieser Wege ist Selbst-Hass. Sich selbst verachten für das, was begehrt wird. Und dazu gehört auch die Unterstützung für eine Politik, die das eigene Leben schwerer macht. Aber, dieses “schweres Leben haben” ist auch ein bisschen sexuelle Befriedigung.

Ich kenne József Szájer nicht persönlich. Er ist (noch) kein Kunde von mir. Aber ich kenne dieses Verhalten von mir und ich habe einige Kunden, die sich genauso verhalten. Für diese Kunden bin ich wahnsinnig glücklich, dass sie den Mut gefunden haben, zu mir zu kommen. Und es füllt mich mit Demut zu sehen, wie sehr sie mir vertrauen. Wie ich es schaffe einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem sie ihre Sexualität ausleben können, wenn sie sonst zu viel Angst davor haben, ihre Vorlieben mit wem anders zu teilen.

Menschen, wie József Szájer, kommt zu mir!

Ihr müsst den Sex bezahlen, aber ich oute meine Kundschaft niemals. Und es gibt eine ganze Bandbreite an sexuellen Vorlieben, die gerne mit mir ausgelebt werden können. Am meisten an meinem Job mag ich es, die sexuellen Vorlieben von Kunden zu erfüllen. Sie glücklich machen. Einen sicheren Rahmen schaffen, in dem sich Kund*innen wohl und öffnen.

Viele kommen ängstlich und gehen erleichtert und glücklich. Und ganz vielleicht sorgen Sexarbeiter*innen so auch für eine etwas inklusivere, freundlichere Politik.


Click here to read the whole text in English on Dennis’ blog.

Dieser Text stammt von BesD-Mitglied und Escort Dennis Deep und wurde zuerst auf seinem Blog veröffentlicht. Dennis lebt und arbeitet in Berlin – er wünscht sich, dass die Gesellschaft offener mit konsensualem Sex umgeht. Hinweis für Sexworker, die sich engagieren: Dennis hält am 16. Dezember den Online-BesD-Workshop: “Zwischen Weltrettung und Burnout: Wieviel Aktivismus tut gut?” – eine Teilnahme steht allen aktiven und/oder ehemaligen Sexarbeiter*innen offen.

Leider lässt sich in den jetzigen Tagen neben einem mancherorts etwas hohlen Verständnis von Solidarität – Stichwort: Applaudieren vom Balkon aus  – auch dezidierte Anti-Solidarität beobachten: Die Medienberichte rund um den BesD Nothilfe Fonds  – und die Bitte um Spenden für prekarisierte Kolleg*innen – sorgen in den sozialen Medien nicht nur für Zuspruch. Ebenfalls reichlich vorhanden sind: Ablehnung, Zynismus, Spott, Hass. In viel zu vielen Kommentarspalten muss ich lesen, wie der Hilfsfonds beziehungsweise das Spenden an notleidende Sexarbeitende von Nicht-Sexarbeitenden bagatellisiert werden und Betroffenen ihre Not abgesprochen wird.

Ein solches hasserfülltes Verhalten ignoriert jedweden Sachverhalt und Umstand, der Menschen in die Armut und teilweise auch illegale Arbeit zwingt. 

In Zeiten von Corona sind die allermeisten Menschen verschiedenen Problemen ausgesetzt. Sei es finanziell, psychisch oder existenziell. Ein Schicksal, das den Großteil der Bevölkerung trifft. Warum sollten also grade Sexworker Spenden erhalten, wo sie doch bei Weitem nicht die Einzigen sind, die unter der Situation leiden? Dafür muss man sich zunächst anschauen, wer in der Sexarbeit tätig ist. Auffällig ist die krasse Vielfalt und Diversität an Menschen und auch Dienstleistungen. Das Spektrum ist riesig und eine Pauschalisierung über die gesamte Branche unmöglich. Im Kontext der Krise sticht aber besonders ein Punkt hervor:

Es gibt ein immenses Gefälle zwischen privilegiert Arbeitenden und marginalisierten Sexworkern.

Es gibt einige Huren, die im höherpreisigen Segment arbeiten und viel Geld verdienen. Diese sind meist angemeldet, haben eine Steuernummer, eine Wohnung, eine akademische Bildung, vermutlich sogar finanzielle Rücklagen und vor allem die Möglichkeit, staatliche Unterstützung zu beantragen. Daneben gibt es aber auch eine Menge Menschen, die die Arbeit mit weniger Privilegien durchführen. Diejenigen, die keine Möglichkeit haben sich anzumelden, kaum Deutsch sprechen, keine Alternative auf dem Arbeitsmarkt haben. Daran sind nicht sie Schuld, denn sie versuchen nur, ihre Existenz (und möglicherweise die ihrer Kinder) zu sichern.

Aufgrund menschenfeindlicher Migrationsgesetze und einem ausbeuterischen Niedriglohn-Sektor in einem kapitalistischen Nationalstaat sind sie darauf angewiesen, eine Arbeit zu finden, die sie auch mit ihren gegebenen Voraussetzungen finanziert.

Wir sprechen hier also von einer systematischen Marginalisierung von Menschen, die selbst keine Schuld an ihrer Armut haben. Sie versuchen lediglich, in einem ausbeuterischen System, welches zuverlässig Elend und Armut produziert, zu überleben. Wer diesen Menschen ernsthaft einen Vorwurf macht und sie verantwortlich für ihre Lage macht, kann nur verblendet oder menschenfeindlich sein. Sexarbeitende werden auf ganzer Strecke im Stich gelassen, systematisch diskriminiert und schikaniert. Wie so oft gilt: eine ganzheitliche Betrachtung ist nötig, um sich eine fundierte Meinung über einen Sachverhalt erlauben zu können.

Darüber hinaus ist es ein Armutszeugnis für einen sogenannten „Sozialstaat“, dass Sexworker eigenständig einen Nothilfe-Fonds gründen müssen, um zumindest einen Teil des Elends abzufangen, das der Staat produziert.

Wer den Willen und die Möglichkeit hat zu helfen, findet alle Infos und die Kontodaten für unseren gerade in der jetzigen Krise sehr notwendigen Nothilfe-Fonds HIER.


Dieser Blog-Beitrag stammt von Sexworker und BesD-Mitglied Lou Violencia.

Natürlich habe ich die polizeiliche Kriminalstatistik gelesen und ziehe meine Schlüsse daraus. Und auch wenn es nach wie vor psychische und physische Gewalt gegen trans* Menschen gibt, so bildet diese Statistik nicht die Realität ab. Sie ist eine Annäherung an die Realität.

Wie viele Straftaten gegen trans* Menschen kommen gar nicht erst zur Anzeige?

Oder resultieren am Ende in einem Urteil? Weil die Opfer einer jeden Gewalttat sich aus Angst nicht trauen Anzeige zu erstatten? Weil “Meine Partnerin/mein Partner meint das nicht so! Sie/Er wird sich ändern”?

Die Gründe der Gewalt gegen Menschen sind niedere Gründe.

Sie sind allesamt, gegen wen sie auch gerichtet sind, absolut verachtungs- und verabscheuungswürdig. Alleine der Gedanke an “Die Transe sollte man einen Kopf kürzer machen!” lässt mich erschaudern. Wie armselig muss man sein, um seine Weisheit auf diese brutale Denkweise über andere zu erheben?

Grundsätzlich mag ich es überhaupt nicht, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sexualität, Schuhgröße oder anderen niederen Dingen belästigt, beleidigt oder gar ermordet werden. Und eigentlich ist dieser Tag eine Auflistung wert. Namen von trans* Menschen sollen gelistet werden als Zeichen, dass Transphobie in unserer Gesellschaft immer noch einen ungebührlichen Platz hat.

Doch heute mag ich mich bedanken. Bei der Mehrheit. Wenn es auch nur die stille Mehrheit ist.

Menschen, die uns trans* Menschen als Arbeitnehmer beschäftigen.
Menschen, die uns als trans* Menschen ihre Freundschaft schenken, die uns lieben und mit denen wir vielleicht sogar unter dem Zeichen der #EheFuerAlle verheiratet sind.
Menschen, die uns trans* Menschen vorbehaltlos annehmen.
Menschen, die uns trans* Menschen einfach nur als Menschen ansehen.
Menschen, die uns trans* Menschen keine merkwürdigen Fragen stellen.

DANKE <3

PS: Der heutige Gedenktag wurde von Gwendolyn Ann Smith, einer trans Frau, die als Grafikdesignerin, Kolumnistin und Aktivistin in San Francisco
arbeitet, initiiert. Anlass war der Mord an Rita Hester in Allston (Massachusetts) im November 1998. Hester, afro-amerikanische trans Frau, war in ihrer Wohnung erstochen worden. Über den Mord gab es nahezu keinerlei Berichterstattung und der Fall gilt bis heute als ungeklärt. Smith gründete daraufhin das Internet-Projekt „Remembering Our Dead“, aus dem später zu Ehren von Rita Hester der internationale Transgender Day of Remembrance hervorging. Seitdem wird jedes Jahr am 20. November des Todes von Rita Hester und anderer Opfer transphober Gewalt gedacht. Inzwischen ist daraus eine Bewegung mit weltweiten Aktionen geworden.


Dieser Text stammt von der Kölner Sexarbeiterin Sarah Blume, Trans*-Beirätin und IT-Beauftragte beim BesD e.V. Mehr von ihr liest du auf ihrem Blog sarah-blume.de.

Ich habe selbst als Bizarr-Lady knapp 15 Jahre  in einem Berliner Dominastudio gearbeitet und als ich das erste Mal von “La Maison” hörte, musste ich die Autorin Emma Becker erstmal googeln… Ich habe mich dann sehr auf das Buch gefreut, war neugierig, über eine Hure in Berlin zu lesen.

Wie empfindet eine Frau aus einer ganz anderen Generation diese Arbeit?

Durch die ersten zwanzig Seiten bin ich ehrlich gesagt holprig gestolpert, zweifelte an meinem Intellekt. Ich wurde schon ein bisschen wütend, weil ich mich einfach nicht wiederfand, in dieser Welt einer Pariserin in Berlin.

Doch dann wurde ich auf eine wunderbare, philosophische, charmante und bunte Reise abgeholt. Emma Beckers, beziehungsweise “Justines” Erzählung ließ mich herzlich lachen und zauberte in mir viele kleine warme Momente der Erinnerungen.

Was dieses Buch besonders macht, ist Emmas junge und erfrischende Haltung diesem 2000 Jahre alten Gewerbe gegenüber.

Ich bewundere die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Erfahrungen schildert. Einzig das “Ich war über zwei Jahre Hure, nur um ein Buch zu schreiben”, nehme ich ihr nicht ganz ab. Unabhängig davon, räumt Emma Becker hier mit den Vorurteilen auf, dass alle Frauen zur Sexarbeit gezwungen werden.

Sie schreibt ehrlich und offen über moderne junge Frauen, die Klischees über Bord werfen.

Ich habe den Eindruck, diese Generation an Frauen hat sich bewusst und freiwillig, vielleicht auch aus Leidenschaft, für diesen Beruf entschieden. Amüsant, wie Gäste in ein Paar neue Stiefel “umgerechnet” werden! Oder auch einfach, wie mehr Zeit für Kinder und Familie übrig bleiben, weil die Frauen in diesem Job ihr Geld in kürzerer Zeit verdienen können und dadurch mehr Lebensqualität haben.

Mein Fazit: Ich empfinde den Schreibstil als niveauvoll, die Hauptperson als einfach herrlich französisch (raucht auch sehr viel) und das ganze Buch als wunderbar humorig – mit Ecken, Kanten und Tiefgang.

Und es wird darin auch deutlich, wie wichtig eine anerkannte rechtliche Grundlage für Prostituierte in Deutschland ist. Von mir gibt es 95 von 100 Punkten!


Diese Rezension von “La Maison” (Emma Becker)  stammt von BesD-Mitglied und Sexarbeiterin Angie. Vielen Dank! 

Auf Einladung von Nadeschda (Frauenberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel) und Theodora (Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution) nahm ich am 8. Oktober als Rednerin am Runden Tisch OWL in Bielefeld teil.

Das diesjährige Schwerpunktthema: Die Loverboy-Methode. 

Der weitaus üblichste Einstieg in die Prostitution geschieht nach wie vor ganz anders – zum Beispiel über die Berichte von Bekannten oder Freund*innen, die das auch machen und damit ganz gut fahren. Soll heißen: Die Loverboy-Methode ist zum Glück kein Massenphänomen. Doch sogenannte “Loverboys” und ihre Opfer sind sehr wohl ein Thema, das unserer Aufmerksamkeit bedarf.

Emotionale Abhängigkeit und Druckmittel

Das Prinzip der emotionalen Abhängigkeit, die einer Beziehung mit einem Loverboy zugrunde liegt, ist recht weit verbreitet.

Auch ich habe ewig in solchen Verstrickungen von Beziehungen verweilt, ohne wirtschaftliche Abhängigkeit. Emotional reicht! Und ich habe lange gebraucht, um mich von diesem Unsinn endlich zu befreien. Eine wirtschaftliche Abhängigkeit kann, aber muss nicht zwangsweise in solchen Beziehungen vorhanden sein.

Wie leider so oft, ist mal wieder der Partner der Täter. Vor allem Frauen sind noch viel zu oft (sexueller) Gewalt in ihrem Heim ausgesetzt und schützen gleichzeitig allzu oft ihre Peiniger. Fälle von Beziehungssucht kennt man auch aus anderen kriminellen Zusammenhängen, z.B. den Missbrauch als Drogenkurier oder für niedere/schwere Arbeit. Bei der Loverboy-Methode sehen wir ähnliche Konstellationen wie z.B. beim Heiratsschwindel:

Eine rosige, gemeinsame Zukunft wird dermaßen in den Himmel gelobt und fest in Emotion und Kopf verankert, dass das ganze Leben und Erleben darauf ausgerichtet wird, dieses vermeintliche Ziel zu erreichen. Auf diese Art und Weise wird ein Druckmittel erzeugt, mit dem durch die Hintertür eine Freiwilligkeit erzeugt wird, die letztlich keine ist.

Es ist ähnlich wie mit dem Esel und der Möhre am Stock, die vor seiner Nase baumelt und doch nie erreicht werden kann.

Opfer der Loverboy-Methode befinden sich immer in defizitären Situationen.

Sei es die Verunsicherung in Teeny-Jahren, wenn es kaum geeignete Personen im nahen Umfeld gibt, oder seien es, wie in letzter Zeit häufiger zu beobachten, Migrant*innen die ihre Rechte als Flüchtende, Migrierende oder (Sex-)arbeitende nicht kennen. Betroffene haben oft keine eigene Zukunftsperspektive oder keinen Job. Sie nehmen die mit rosa Zuckerguss garnierte Schwindelei nur allzu begierig in sich auf und internalisieren sie, anstatt eine eigene Vision der Zukunft oder berufliche Perspektive zu entwickeln.

Wo also fangen wir an zu intervenieren? Wie und wo können wir diese Menschen erreichen, abholen, ihnen helfen?

Loverboys nutzen ganz klar emotionale Abhängigkeit aus – das Opfer wird dadurch fremdbestimmt zu einer Handlung getrieben. Sie üben dadurch eine Form der sexualisierten Gewalt aus, diese sogenannte “dirigistische Zuhälterei” ist nach §181 StGB strafbar.

Wir brauchen keine neuen Gesetze, um Betroffene vor der Loverboy-Methode zu schützen, sondern müssen die bestehenden Gesetze lediglich anwenden. Da ist dann eben auch die jeweilige Politik einer Stadt oder eines Landkreises gefragt – sie stellt die Mittel für die zuständigen Behörden zur Verfügung und untermauert damit eine entsprechende Dringlichkeit.

Aufklärung: Für eine freie und selbstbestimmte Sexarbeit

Frauen sind keine Ware – richtig! Frisöre auch nicht. Man nennt so etwas Dienstleistung (In einem kapitalistischen System über den „Zwang“ von Lohnarbeit zu diskutieren, geht mir in dieser speziellen Debatte zu weit). Ganz egal ob davon Miete und Essen oder das Gucci Täschchen finanziert wird : Wir sind bezahlbar, nicht käuflich!

Sexarbeit die als Folge der Loverboy-Methode “geleistet” wird, ist hingegen weder frei noch selbstbestimmt. 

Leider wird, wenn es um Loverboys geht, derzeit fast nur eine Stimme offiziell gehört. Der Landtag NRW lud im Sommer 2019  Sandra Norak als traumatisierte Betroffene zur offiziellen Anhörung “Entwicklung der sogenannten Loverboy-Methode zur Erzwingung von Prostitution in Nordrhein-Westfalen” ein. Doch Norak spricht sich nicht nur gegen Loverboys aus, sondern fordert ein generelles Sexkaufverbot und die Abschaffung von Sexarbeit.

Noraks Sicht der Dinge medienwirksam als “DIE Wahrheit der Opfer von Loverboys” dargestellt – dabei gibt es etliche andere Betroffene, die aber zu anderen Schlüssen kommen. Ist ja nicht so, dass diese Leute nicht bereit wären solcherlei wichtige politische Arbeit auch zu machen! Meine Kollegin und ehemalige Sexarbeiterin Susanne schreibt zum Beispiel hier von ihren Erfahrungen und warum sie gerade deshalb GEGEN ein Sexkaufverbot ist.  Wäre es nicht mal angebracht auch andere Betroffene mal offiziell an zu hören?

Wissen an die Hand geben, helfen, coachen, unterstützen.

Was schon im Vorfeld und Betroffenen hilft, ist: Aufklärung! Wer sich selbst genug akzeptiert und liebt, ist immun gegen dieses Gesülze der Loverboys. Und da brauchen wir Wissen, Informationen und Skills um uns ganz klar zu definieren um eben nicht auf Gedeih und Verderb irgendwo irgendwem zu irgendwelchen grausigen Bedingungen ausgeliefert zu sein. Fachkonferenzen plädieren für die vernetzte und abgestimmte Zusammenarbeit verschiedener Stellen, wie Jugendamt, Fachberatungsstellen, Polizei etc.

Gefragt sind hier auch sowohl der außer- als auch der innerschulische Bereich der Mädchen- und Jugendarbeit.

Mädchen und Frauen müssen von Jugend an gestärkt und gefördert werden.

Wir brauchen Frauen und Mädchen mit einem eigenen Selbstbewusstsein, nicht länger nach Zuwendung von außen lechzend. Wir brauchen keine schlafenden, wartenden und bangenden Prinzessinnen sondern Mädchen, die sich selbst als so furchtlos, großartig und frei fühlen wie es meist nur Jungs beigebracht wird!

Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein Mädchen für ihre Zeichnung mit der Prinzessin mit  dem Schwert ganz offiziell in der Schule gerügt wurde, das sei so nicht richtig. Da werden zum Teil immer noch Gender-Bilder kreiert, dass mir schlecht wird!

Und nein, da sind wir noch lange nicht angekommen – wir haben einiges an Arbeit vor uns.


Interessante Links:

“Vorsicht bei falschen Profilen: Loverboys und Cybergrooming sind eine echte Gefahr!” (KaufMich Magazin, Plattform für Sexarbeiter*innen)

Fakten und Informationen zu Loverboys (Diakonie Freiburg)

Über die schwierige Definition von Menschenhandel (Von Online-Magazin Menschenhandel Heute)

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (auch bei Cybergrooming) – bundesweit, kostenfrei und anonym: 0800 22 55 530


Dieser Beitrag stammt von Madame Kali – Sexarbeiterin, Künstlerin und gelernte Erziehungswissenschaftlerin. Hier liest du mehr von ihr auf ihrem Blog. 

Neulich landete eine E-Mail in meinem Posteingang – eine Einladung zur Teilnahme an einer Diskussionsrunde mit dem Thema: “Warum Sexarbeit echte Arbeit ist”. Ich wurde gebeten, darüber mit zwei radikalen Feministinnen zu diskutieren. Beide unterstützen regelmäßig und lautstark das Schwedische Modell. Beide glauben, dass Sexarbeit bezahlte Vergewaltigung und Ausbeutung ist.

Ich hätte dort auftreten und erklären können, warum Arbeitsrechte für Sexarbeiter*innen lebenswichtig sind. Meine Stimme wäre gehört worden. Doch ich habe abgelehnt teilzunehmen.

Ich glaube nicht, dass Sexarbeiter*innen es Nicht-Sexarbeiter*innen schuldig sind, ihren Platz in der Welt und ihre Existenz zu rechtfertigen. Diese Art von Interessenvertretung wird nicht bezahlt, ist emotional belastend, zeitaufwendig und bewiesenermaßen sinnlos.

Talkshows oder Podiumsdiskussionen erlauben gar keinen Raum für tiefergehende Gespräche. Bei solchen Auftritten hat jeder nur wenige Minuten Zeit, um sich zu äußern. Es werden erfundene Statistiken über das Alter des Eintritts in die Sexindustrie oder Behauptungen über Menschenhandel heruntergerasselt. Innerhalb dieser kurzen Zeit ist es nicht möglich, Fakten zu überprüfen oder fundierte Gegenargumente vorzulegen.

Das ist besonders frustrierend, wenn die Gesprächspartner, wie in diesem Fall, keine „gelebte Erfahrung“ zu dem Thema Sexarbeit haben – sie also selbst keine Sexarbeiter*innen sind.

Wir sollen also Zeit und emotionale Ressourcen aufwenden, um Nicht-Sexarbeiter*innen gegenüber unsere Grundrechte zu verteidigen. Hierbei handelt es sich um eine Form der sogenannten „epistemischen Ausbeutung“. Der Widerwille gegen eine solche Ausbeutung ist der Grund, warum ich und viele andere Sexarbeits-Aktivist*innen nicht an entsprechenden Veranstaltungen teilnehmen wollen.

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Epistemische Ausbeutung: Was bedeutet das?

 

Der Begriff Epistemologie (auch bekannt als „Erkenntnistheorie“) bezeichnet das Studium des Wissens. Epistemische Ausbeutung ist die Ausbeutung von Wissen, Ressourcen oder Fähigkeiten einer Person mit bestimmten Wissen und Erfahrungen.
Die Philosophin Nora Berenstain argumentiert, dass es epistemisch ausbeuterisch ist, wenn Privilegierte von marginalisierten Gemeinschaften Beweise für ihre Unterdrückung verlangen.
Laut Berenstain findet epistemische Ausbeutung statt „wenn privilegierte Personen marginalisierte Personen zwingen, sie über die Natur ihrer Unterdrückung aufzuklären. [Es] ist gekennzeichnet durch nicht anerkannte, nicht vergütete und emotional anstrengende … epistemische Arbeit”.

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Die Energie der Aktivist*innen wird verbraucht und wir werden gezwungen, wiederholt unsere Daseinsberechtigung zu beweisen und zu erklären – statt uns auf unsere eigene Arbeit zu konzentrieren oder mit Sexarbeiter*innen zu arbeiten, die Unterstützung benötigen.

Warum sollte eine radikale Feministin eine Debatte mit mir oder einer anderen Sexarbeits-Aktivistin führen? Wenn sie nichts lernen wollen, warum sich dann die Mühe machen, überhaupt zu reden? Hier gehen Energie, Arbeit, Zeit und Ressourcen verloren, die besser für soziale Arbeit, gegenseitige Hilfe und Forschung werden könnten. Entweder glaubt man, dass Sexarbeiter*innen Menschen sind, die Arbeitsrechte verdienen, genauso wie jeder andere auch, oder man glaubt es nicht. Es gibt da keine Diskussion.

Was bei Podiumsdiskussion rund um Sexarbeit leider oft stattfindet:

  • Anstatt sich mit Fakten zu beschäftigen, wird – zum Beispiel mit unbewiesenen Behauptungen über die „Zuhälterlobby“ – die Glaubwürdigkeit von Sexarbeiter*innen und die Glaubwürdigkeit ihrer persönlichen Erfahrungen angegriffen.
  • Sexarbeiter*innen haben ein „Glaubwürdigkeitsdefizit“ gegenüber Gegner*innen und zum Teil auch gegenüber den Zuschauer*innen einer Debatte. Uns wird weniger geglaubt, weil wir zu einer Minderheit gehören, deren Erfahrungen oft nicht geglaubt werden. Menschen die KEINE Sexarbeiter*innen sind, wird eher Glauben geschenkt, auch wenn es um Sexarbeit geht.
  • Diese Gespräche setzen den Fokus oft auf die Bedürfnisse der privilegierten Gruppe, nicht auf die der unterdrückten Gruppe. Zum Beispiel indem argumentiert wird, dass Sexarbeit negative Auswirkungen auf Frauen hat, die keine Sexarbeiter*innen sind – „Strip Clubs führen zu mehr Gewalt“, „Männer werden denken, es sei okay, Frauen zu kaufen“, etc.
  • Sexarbeiter*innen wird in öffentlichen Debatten oft vorgeworfen, dass sie nicht repräsentativ für die Mehrheit seien. Unabhängig davon, dass Beweise zeigen, dass die Mehrheit nicht aus dem Menschenhandel kommt, nicht gezwungen wird und das Nordische Modell nicht will.

Immer wieder zu sprechen und dabei nie gehört zu werden, ist anstrengend und verletzend.

People of Colour, Trans*menschen und Menschen mit Behinderung kennen es schon lange – die ständige Erwartung ihnen gegenüber, die eigenen Rechte zu verteidigen und andere privilegiertere Gruppen über ihre Unterdrückung zu informieren. Damit kommt die Enttäuschung, Wut und Verletzung, wenn man zum wiederholten Mal nicht gehört wird.

Wenn radikale Feministinnen wirklich daran interessiert wären, über Sexarbeiter*innenrechte zu lernen, könnten sie sich selbst informieren. Anstatt uns immer wieder um eine kostenlose Weiterbildung zu bitten und dann unsere Erfahrungen klein zu reden oder zu leugnen.

Wenn Menschen wirklich den Wunsch haben zu lernen, gibt es so viele Ressourcen und Informationen da draußen. Ich glaube, diese Debatten mit Sexarbeits-Gegner*innen als eine Form der epistemischen Ausbeutung zu begreifen, kann uns helfen, neue Wege des Informationsaustauschs zu finden – mit denjenigen , die lernen wollen, aber auch bei der Auseinandersetzung mit Widerständen.


Dieser Text stammt von der ehemaligen Sexarbeiterin Victoria Bee. Die Doktorandin forscht derzeit an der Londoner Universität Roehampton zu häuslichen und familiären Gewalterfahrungen von Sexarbeiter*innen. Sie ist bei SWARM und beim English Collective of Prostitutes aktiv. Mehr Inhalte von ihr findest du in ihrem Twitter-Account und in ihrem Blog Forged Intimacies.

Mit Victorias Einverständnis haben wir ihren Originaltext Epistemic exploitation of sex workers, or why debates about sex work are never a good idea verkürzt, vereinfacht und dürfen ihn hier veröffentlichen. Vielen Dank für die super Übersetzung ins Deutsche an BesD-Mitglied Emilia Melusine (Website in progress) alias Emily TS (KM-Profil)!

Ende September lud das Orga-Team von Trans*Aktiv zu einer bundesweiten Tagung mit dem Thema „Möglichkeiten und Grenzen einer Trans*Politik in Deutschland“ – eine Gelegenheit zum Netzwerken, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Ich machte mich gemeinsam mit Caspar Tate, der sich neben dem Berufsverband für Trans*Sexworks engagiert, auf den Weg zur Akademie Waldschlösschen nach Göttingen. Leute, die Welt ist bunt und das Waldschlösschen ist wirklich schön. Also, wenn man sich als IT-Beauftragte einfach mal wegdenkt, dass es dort null Handyempfang gibt.

Insgesamt waren um die vierzig Teilnehmer*Innen vor Ort – nicht nur Menschen die selbst trans* oder inter sind, sondern auch allierte Cis-Menschen, die z.B. Eltern von trans*- oder intersexuellen Kindern sind. Die Atmosphäre war einfach schön, die Sprache angenehm inklusiv und es gab reichliche Angebote und Themen.

Da dies meine erste aber sicherlich nicht die letzte Teilnahme war, haben mich vor allem auch die Gespräche mit den Menschen und ihre Geschichten interessiert. Leider konnte ich nicht an allen Workshops teilnehmen, aber nur, weil ich zusammen mit Caspar selbst einen gehalten habe! Natürlich stieg am Ende die Technik aus und wir konnten die Präse nicht zeigen… Deswegen veröffentliche ich das mal hier: Präsentation “Sexarbeit und Trans”.

Alle Teilnehmenden engagieren sich an verschiedenen Orten und sind auf verschiedene Arten für die Rechte von Trans*- und Intermenschen aktiv – beraten, vertreten, kennen oder lieben sie.

Mich hat anfangs ein wenig gewurmt, dass alle Änderungen am Plan einstimmig im Plenum verabschiedet werden mussten. Basisdemokratie statt Mehrheitsmeinung war angesagt. Aber dann habe ich verstanden, warum dies hier sinnvoll ist. Wenn in einer Gruppe nur die Lauten bestimmen, gehen leisere Stimmen und Menschen die lieber mal zuhören schnell unter – und das kann nicht das Ziel sein. Wenn alle gehört und beachtet werden, haben wir alle was davon.

Natürlich waren auch amtliche Regelungen für Trans*- und Intermenschen in Deutschland Thema – diese ermöglichen (oder verunmöglichen) es in der Identität aufzutreten, in welcher man sich wirklich wohl und normal fühlt.

Rechtlich ist es absolut verbindlich, wenn ich einen Arbeitsvertrag mit Sarah Blume unterzeichne. Doch in amtlichen Dokumenten bin ich (noch) mit meiner männlichen Existenz eingetragen.

Das gilt zum Beispiel für die Rentenversicherung, die gesetzliche Krankenversicherung oder den Eintrag im Personenstandsregister. Seit 1998 bietet der Ergänzungsausweis der dgti e.V. Trans*- und Intermenschen die Möglichkeit, sich korrekt auszuweisen. Das bewahrt bei einer allgemeinen Personenkontrolle vor einem unfreiwilligem Outing. Der bundesweite Erlass der dahinter steht, gilt allerdings nur für Behörden – ich würde mir wünschen, dass daraus eine auf die Privatwirtschaft ausgeweitete Verordnung würde.

Dazu sei gesagt, dass seit meinem beruflichen Outing Ende 2019 keine meiner Arbeitgeber*Innen Probleme mit meiner weiblichen Existenz hatten oder haben. Aber leider läuft das nicht immer so.

Eine Verordnung würde jeden Betrieb verpflichten uns so anzunehmen, wie wir uns wohl und sicher fühlen. Wir hätten dadurch ein Stück Recht mehr gewonnen – ohne dass es Cis-Menschen auch nur im Mindesten schaden würde.

Wir wollen niemandem Rechte streitig machen oder wegnehmen, sondern benötigen einfach ebenfalls Rechte. Und, große Überraschung: Trotz der Ehe für Alle dürfen erstaunlicherweise auch Cis-Menschen immer noch heiraten.

Die meisten Trans*- und Intermenschen sind es leider gewohnt, im beruflichen und/oder familiären Umfeld mit Menschen umgehen zu müssen, die nicht wissen oder akzeptieren wollen, wo und wann eine Grenze überschritten wird.

Beim Trans*Aktiv-Treffen achtete hingegen jeder auf den anderen – allein das machte es für mich zu einer sehr angenehmen Veranstaltung. Klar gab es auch ein paar hitzige Diskussionen, aber bei Meinungsverschiedenheiten gelang es eigentlich immer sachlich zu bleiben. Wenn es doch mal persönlich wurde, reichten wenige Signale und wer über die Stränge geschlagen hatte, wusste sofort, was Sache war und nahm sich zurück.

Amtliche Regelungen sind das eine – die Akzeptanz von Trans*- und Intermenschen ist eine ganz andere Baustelle.

Ich habe nach meinem Coming-Out Blut geleckt und mich in die politische Arbeit gestürzt. Für den BesD sitze ich als Trans*-Vertretung am „Runden Tisch Prostitution“ in Köln. Ich habe mich als “Sachkundige Einwohnerin” in den Ausschuss “Gesundheit und Inklusion” beworben. Gerade „quäle“ ich mich durch die Niederungen der Partei „Die Linke“, um für diesen ganzen Zauber bestens vernetzt und vertreten zu sein. Und wer weiß, vielleicht lächelt mich mein Gesicht mal von einem Wahlplakat an?

Ich finde es extrem wichtig, für die Rechte von Trans*- und Intermenschen zu kämpfen. Wir mögen zwar eine relative Minderheit in der Gesellschaft sein, aber wir sind dennoch Teil der Gesellschaft. Wir gehen arbeiten, zahlen Steuern, hüten unsere Brut. Alltag eben.

Einige Menschen sagen zu uns, dass wir nicht normal seien. Und nicht nur meine Antwort darauf lautet: “Ja, ich bin nicht normal, aber ich bin auf dem Weg dorthin”.

 


Dieser Text stammt von der Kölner Sexarbeiterin Sarah Blume, Trans*-Beirätin und IT-Beauftragte beim BesD e.V. Mehr von ihr liest du auf ihrem Blog sarah-blume.de.

Dieser Text stammt aus der Feder von Charlie Hansen, angestellte Mitarbeiterin des Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Im Rahmenprogramm der kommenden ersten virtuellen Mitgliederversammlung des Vereins leitet sie gemeinsam mit Caspar Tate die AG  “Diversität und Awareness”. Das erste Treffen der AG findet am 12. Oktober um 16:00 statt – BesD-Mitglieder die teilnehmen möchten, finden die Anmeldemöglichkeit im Forum und unserer Telegram-Gruppe, beziehungsweise können sich direkt bei Charlie unter charlie@besd-ev.de melden. 


Wir als Sexarbeiter*innen kennen uns aus mit Diskriminierungen. Als Sexworker sind wir vielen Vorurteilen und Beleidigungen ausgesetzt. Andere Menschen reden schlecht über unseren Job und teilweise trauen wir uns auch nicht offen zu sagen, dass wir Sexarbeit machen. Das Stigma ist mächtig und es kann uns überall begegnen.

Man könnte jetzt davon ausgehen, dass wir als Menschen mit solchen Diskriminierungserfahrungen sensibel gegenüber anderen Formen von Diskriminierung sind und es innerhalb der Sexworker-Gemeinschaft einen Raum gibt, in dem zumindest weniger diskriminiert wird, als in der Durchschnittsgesellschaft…

Doch so einfach ist es leider nicht!

Viele Kolleg*innen in der Sexarbeit sind weiteren Formen von Diskriminierungen ausgesetzt – weil sie keinen deutschen Pass haben, kein Deutsch sprechen, dick sind, weil sie nicht weiß sind, weil sie keine Bildungstitel haben oder Be*hindert sind oder weil sie nicht hetero sind, einen Transhintergrund haben, queer sind oder oder …  Im Endeffekt erleben alle Menschen, die nicht weiß, gebildet, und einer gewissen Norm entsprechend, gesund und cis sind permanent Diskriminierung.

Auch innerhalb der Community passiert das ständig. Auch wir grenzen andere und Kolleg*innen permanent aus und sind verletzend gegenüber Menschen, die nicht-weiß, nicht-deutsch, disabled, dick oder nicht-cis sind.

Das ist nicht nur traurig, sondern schadet auch unserer Community – wir schließen mit unseren Aussagen und Handlungen viele Menschen, die unsere Kolleg*innen sind aus und verpassen so die Chance, uns flächendeckend und als große Community der Sexworker zu solidarisieren und unsere Kräfte zu bündeln.

Zuletzt gab es innerhalb des BesD eine Diskussion über Rassismus und andere -ismen und es war erschreckend zu sehen, wie in eben dieser Diskussion Vorurteile und Rassismen reproduziert wurden. Die Betroffenen, die diese Diskussion angestoßen haben, haben sich aus der Diskussion aus Selbstschutz enttäuscht zurückgezogen.

Erschreckend, aber für mich auch lehrreich.

Mir ist dadurch bewusst geworden, dass wir uns unbedingt mehr mit dem Thema auseinandersetzen müssen! Der Vorwurf der BesD wäre ein Verband der Elitären & Privilegierten ist nicht unbegründet. Wir haben Mitglieder aus allen Bereichen der Sexarbeit und mit verschiedensten Nationalitäten – aber wir sind auch ein ziemlich weißer und deutscher Verband – und das obwohl die Mehrzahl der in Deutschland arbeitenden Kolleg*innen in diesen demographischen Faktoren nicht abgebildet wird.

Der BesD ist kein Ort, an dem sich alle wohl und willkommen fühlen. Das liegt auch daran, dass viele unserer aktiven Mitglieder nach außen wie nach innen mit diskriminierender und verletzender Sprache kommunizieren. Die meisten, die bei uns aktiv sind, sind weiß, cis und schlank.

Ich selbst bin cis, weiß, habe einen Uniabschluss und obwohl ich mich als Antirassistin bezeichne, musste ich in den letzten Wochen feststellen, dass ich ständig Diskriminierungen und Rassismen reproduziere – das steckt unglaublich tief in uns drin.

Wir alle tun das! Ständig!! Jede*r der behauptet sich nie rassistisch oder diskriminierend zu äußern, hat sich noch nicht ausreichend mit dem Thema auseinandergesetzt. Privilegierte nehmen die alltäglichen Diskriminierungen meist gar nicht wahr – weil mensch nicht davon betroffen ist. Man muss also absolut kein*e Rassist*in sein, um rassistisch zu reden und Rassismen zu reproduzieren. Kaum jemand diskriminiert absichtlich – es geht also nicht um Schuldzuweisungen – es geht darum konstruktiv und neugierig zu sein und zu überlegen, wie man es besser machen kann. Es geht nicht darum, was man sagen darf, sondern was man sagen möchte – es geht um Verantwortung.

Personen, die diese Diskriminierungserfahrungen nicht persönlich machen mussten, sind ihnen gegenüber oft nicht sensibilisiert* und müssen erst durch viel Einfühlungsvermögen lernen, Diskriminierung überhaupt zu erkennen und auch zu erkennen, wann sie sie selbst ausüben.

Hier möchte ich gerne mit euch teilen, was ich in den letzten Wochen gelernt habe:

Ich weiß, dass viele erst mal denken: Was darf ich überhaupt noch sagen…? Dann sag ich lieber nichts mehr…? Ich habe Angst was Falsches zu sagen…

Vorab: Ich möchte nicht, dass es darum geht ab sofort alles richtig zu machen – das geht schlicht nicht. Aber ich wünsche mir eine Kultur, in der alle interessiert sind dazuzulernen.

Es ist nicht schlimm, einen Fehler zu machen oder sich falsch auszudrücken, aber es ist ein Problem, wenn die selben Diskriminierungsformen trotz Kritik immer wieder verwendet werden und wir so unsere Kolleg*innen aus dem Verband mobben.

Ich wünsche mir sehr, dass wir uns als Verband gemeinsam auf diesen Weg machen. Das ist kein Thema, das wir abarbeiten, sondern etwas, was wir mitdenken lernen müssen! Ein Thema, zu welchem wir immer wieder diskutieren und uns miteinander und jede*r für sich auseinandersetzen müssen. Wenn wir das nicht tun, ist unsere Arbeit an vielen Stellen einfach Heuchlerei – wir verlangen, dass sich die Welt in Bezug auf Sexarbeit endlich ändert und sind nicht bereit uns selbst zu ändern…?

Ich wünsche mir, dass sich in Zukunft auch mehrfachdiskriminierte Menschen bei uns wohl fühlen und Lust haben sich bei uns zu beteiligen. Ich wünsche mir, dass unser Verband vielfältiger und diverser wird.

* Anmerkung: An dieser Stelle stand ursprünglich, dass Menschen, die gewisse Diskriminierungserfahrungen nicht selbst erlebt haben diesen gegenüber “blind sind”. Wir haben das geändert, da dies eine ableistische Metapher ist. Denn die Leute sind ja nicht wirklich _unfähig_, Dinge zu sehen (Blindheit ist nicht steuerbar), sondern haben sich einfach noch nie tiefergehend damit auseinandergesetzt (was sehr wohl steuerbar ist).