Dieser sehr persönliche Blogbeitrag wurde uns von einer Berliner Kollegin zur Verfügung gestellt. 

Als ich im vierzigsten Lebensjahr wieder angefangen habe mit der Sexarbeit, las ich überall die Berichte in den Zeitungen von den ganzen Menschenhandelsopfern in Deutschland. Das verunsicherte mich sehr. Ich saß zwar selber im Bordell und habe dort gearbeitet, aber ich dachte, dass diese schlimmen Sachen ja wo anders gang und gäbe sein müssten. Ich fragte mich sogar, ob ein Verbot der Sexarbeit nicht vielleicht gut wäre und ich nicht meinen Job aufgeben sollte um den anderen zu helfen. Es dauerte eine Zeit, bis mir klar wurde, dass ich damit niemandem helfen würde.

Ich kam immer mehr rum in Deutschland und arbeitete in verschiedenen Bordellen und Studios. Ich traf überall ganz verschiedene Frauen, ganz verschiedene Schicksale, ganz verschiedene Herangehensweisen an den Job. Ja, ich traf auch etliche Kolleginnen, denen ich wirklich einen anderen Job anraten würde. Ja, ich traf in den letzten 10 Jahren sogar zwei, die einen Loverboy hatten. Das wirkliche Problem dabei ist, dass es gerade für Migrantinnen in der Sexarbeit keine ernstzunehmende Alternative gibt.

Es wird immer gerne vom Abschaffen der Prostitution gesprochen und von großangelegten „Ausstiegsprojekten“. Wie diese aussehen sollen und wer die enormen Kosten tragen soll, darüber findet sich nichts. Ich hörte sogar schon verhaltene Stimmen, dass es doch am besten wäre, wenn die betroffenen Migrant*innen wieder in ihre Heimat zurückgingen. Da würden sie sich doch zu Hause fühlen und könnten ihre Traumen viel besser verarbeiten. So viel zur heiligen Vision von einer Welt ohne Prostitution.

Was ist denn eigentlich so schlimm an der Prostitution? Gerne liest man ja, dass Prostitution nur unter Zwang erfolgen kann, und dass Prostitution gleichzusetzen sei mit Gewalt. Oft wird sogar von Vergewaltigung gesprochen. Das sind mächtige Bilder, die sich in die Köpfe einbrennen. So leicht ist es, sich vorzustellen, wie die arme junge Frau aus Osteuropa als hilfloses Opfer täglich von brutalen Puffgängern missbraucht wird. So schwer ist es, sich vorzustellen, dass Sexarbeit wirklich ein Job sein kann, und dass sich das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen professionalisieren lässt.

Natürlich weiß ich, dass nicht alle Kolleginnen den Job gerne machen, aber in meinem Bekanntenkreis habe ich durchaus auch Menschen in „normalen“ Tätigkeiten, die auch nicht jeden Morgen jauchzend zur Arbeit gehen. Ich habe ganz allgemein den Eindruck, dass viele Menschen sich gar nicht vorstellen können, ihre Berufstätigkeit könne ihnen Erfüllung bringen. Gerade in der Sexarbeit scheint mir dieser Ansatz leider sehr weit verbreitet, denn die Branche ist dermaßen stigmatisiert, dass es schwer ist, einen positiven Bezug zur eigenen Arbeit zu entwickeln.

Zurück zu der Frage, was denn so schlimm an der Prostitution ist. Wenn man in der Lage ist, Prostitution als erotische Dienstleistung zu sehen, die professionell von Menschen angeboten wird, die sich bewusst für diesen Job entschieden haben, dann ist daran eigentlich nichts schlimm. Ich will das jetzt nicht thematisieren, denn die gesellschaftlichen Konventionen sprechen eine andere Sprache. Wir werden immer noch erzogen und geprägt vom Modell der Zweierbeziehung, die bis der Tod uns scheidet halten soll. Dieses Zweierkonstrukt teilt sich nicht nur ein Ehebett mit Nachtischen, sondern verbringt jeden Tag gemeinsam. Und von dieser wunderbaren Symbiose, die im Alltag durchaus hervorragend funktioniert, wird dann auch noch toller Sex erwartet.

Während Frauen oft ihren sexuellen Bedürfnissen nicht so viel Wichtigkeit beimessen, oder sie ignorieren oder nicht wahrnehmen, denken viele Männer eher pragmatisch. Mit ihrer Frau sind sie zufrieden und wollen das auch gar nicht ändern. Eine Sexarbeiterin aufzusuchen sehen sie nicht als Infragestellung ihrer Ehe oder Ablehnung ihrer Frau gegenüber. Frauen hingegen würden sich – wenn überhaupt – eher einen Liebhaber nehmen, denn ohne Liebe geht es doch nicht. Dies ist dann oft das Ende der Ehe. Man verzeihe mir die Schubladentheorie.

Wäre es nicht schön, wenn sowohl Männer als auch Frauen sexuelle Dienstleistungen als selbstverständlich betrachten würden und je nach Neigung nutzen oder eben auch nicht. Nach wie vor gibt es nur wenige Frauen, die erotische Dienstleistungen in Anspruch nehmen, aber es werden mehr. Ein sehr lesenswerter Beitrag zu diesem Thema stammt aus der Feder des Tantra-Masseurs Michael König -> https://berufsverband-sexarbeit.de/index…ls-kundin/.

In den Köpfen der Prostitutionsgegner ist die Welt viel einfacher: Frau=Opfer/Mann =Täter, und sie wünschen sich eine andere Welt. Eine Welt ohne Prostitution.
Ja, ich wünsche mir auch eine andere Welt, aber nicht eine Welt ohne Prostitution. Ich wünsche mir eine offenere und freudvollere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Erotik kein Tabuthema ist, sondern eine lustvolle Bereicherung. Eine Gesellschaft, die über Erotik spricht und eigene Bedürfnisse erlaubt. Eine Gesellschaft, in der Paare in Beziehungen die eigene und auch die gemeinsame Lust thematisieren, statt totzuschweigen – und wo gleichzeitig auch andere Lebensmodelle möglich sind.

Dieser Blog-Beitrag wurde von Tamara verfasst.

Wahrlich gute Vorsätze zum neuen Jahr wollen bestens überlegt sein! Mehr Sport treiben? Dein Körper ist doch wundervoll, genau so wie er ist! Weniger Süßigkeiten? Du hast sicher jedes Stückchen Schokolade verdient! Wieso müssen Vorsätze denn immer nur auf Verzicht und Selbstdisziplin beruhen? Wir haben da eine viel bessere Idee! Zum neuen Jahrzehnt einfach aus den Vollen schöpfen und sich an Selbstlosigkeit erfreuen – mit einer Spende an den Berufsverband für sexuelle und erotische Dienstleistungen e.V.!

Wir sind aktive sowie ehemalige Sexarbeitende. Wir kämpfen für die Rechte aller in der Sexarbeit tätigen Menschen und für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, wir beziehen Stellung gegen die Stigmatisierung unseres Berufs. 

Wir arbeiten beispielsweise in Bordellen, Wohnungen oder auf der Straße. Wir sind Domina, Hure, Sexualbegleitung oder Escort. Wir bieten erotische Massagen, Sex, Nähe und die Umsetzung von Phantasien und Bedürfnissen. Dabei haben wir die verschiedensten Hintergründe, manche von uns kommen aus dem Ausland, um hier ihr Geld mit Sexarbeit zu verdienen. Viele haben einen anderen Beruf gelernt oder studiert, manche sind nebenbei noch in anderen Berufen tätig. Ob privilegiert oder marginalisiert, gleich welcher Sexualität oder welchen Geschlechts, egal aus welchem Teil der Erde es uns hierher verschlagen hat, egal aus welchen Gründen wir dieser Arbeit nachgehen – gemeinsam vernetzen und organisieren wir uns. 

Im neuen Jahrzehnt wollen wir noch präsenter sein! Wir wollen bei Aktionen über unseren Beruf informieren. Wir wollen an jedem runden Tisch zum Thema „Prostitution“ sitzen, wir wollen Politikerinnen und Politiker darüber informieren, wie eine sichere und selbstbestimmte Sexarbeit möglich ist. Wir wollen Kolleg*Innen, die sich in schlechten Arbeitsbedingungen oder Notlagen befinden, helfen und beraten. Wir wollen eine offene Gesellschaft, sexuelle Selbstbestimmung und vor allem viel, viel mehr Liebe – wie auch immer diese zwischen konsensuellen Menschen aussieht. Dafür benötigen wir Spenden – und haben eine Spendenkampagne gestartet. Teilt sie, verbreitet sie oder spendet selbst! Auf dass die „wilden 20er“ ihrem Namen auch in diesem Jahrhundert alle Ehre erweisen. Und das Beste: Mehr Sport treiben und weniger Süßigkeiten essen könnt ihr trotzdem! 

 

HIER gehts zur Kampagne!

Dieses sehr persönliche Gedicht wurde vor einigen Jahren von einem unserer Mitglieder geschrieben – für die vielen Sexworker, die weltweit Opfer von Gewalt werden und viel zu oft ihre Tätigkeit sogar mit ihrem Leben bezahlen müssen. Anlässlich des diesjährigen Tages gegen Gewalt an Sexworkern dürfen wir den Text hier veröffentlichen – vielen Dank dafür.

this is not a love song

you know me
I’m an escort girl
and my heels prick the ice
like spikes

my brain to amuse you
my mouth to praise you
my sensuality keeps you warm
my siren’s song whispers the way
and my heavenly scent
relieves you
in your endless days

but once a year
after the petals have wilted
and before the first snow starts falling
my voice raises into a gruesome howl
a song in a choir of grief, inevitable

sung by all my global mates
for all the victims
fallen and wounded in the battle of life
for their families and friends
on the 17th of december

we throw our fists in the air
from hands that always care
that stroke fluffy balls and weary heroes
that embrace
that are not made to hold candles

We’re reaching out to the lost
extending our hands to their souls
our fragile voices reaching the sky
to commemorate those
who met their fate

while it is not really fate at all
but violence, stigma and murder
purely made by man
and his accomplices
jurisdiction and a brutal legislation
they disgrace the name of justice
not my mates who lost their lives

who lost their lives
in pursuit to bring happiness and adult fun
pure entertainment without obligation
by a service made with commitment and love
why this aversion and aggression against us?
what have we done?

© Ariane 2011

Dieser Blogbeitrag wurde von Susanne verfasst und erschien in erster Version im Kaufmich-Magazin. 

Sex, Crime und Prostitution in Film und Fernsehen

Schon seit längeren hatte ich das subjektive Gefühl, dass in jedem zweiten Fernseh-Krimi in Deutschland eine Prostituierte ermordet wird. Bei näherer Nachforschung bestätigte sich dann, dass tatsächlich unter anderem im extrem populären „Tatort“ – der regelmäßig feste Sendeplätze im ARD und den Regionalsendern hat – sehr häufig Prostituierte als Opfer gezeigt werden. Konkret liegen zwischen 2012 und 2018 26 „Tatort“-Folgen vor, in denen Prostitution das Thema war und Sexarbeit ausübende Menschen ermordet, ausgebeutet oder ihnen sonstwie Gewalt angetan wurde.

Schauen Prostitutionsgegner*innen also zu viele Krimis, wenn sie den Anteil von Zwangsprostituierten bei 90% verorten? Nicht notwendigerweise – die falsche Prozentzahl hält sich hartnäckig auch in den normalen Nachrichten. Bei der unseriösen Schätzung wird immer wieder der hohe Anteil von Migrant*innen in der Sexarbeit (dieser schwankt zwischen 70% und 90%) pauschal als Anteil der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution umgedeutet. Eine ungeheure Behauptung, für die es – schenkt man dem Bundeslagebild Menschenhandel des BKA Glauben – keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Im Unterhaltungsfernsehen treibt das Thema Sex & Crime jedenfalls regelmäßig die Zuschauerzahlen in die Höhe. Kein Wunder, die Deutschen liegen beim Krimis schauen und lesen unter den Spitzenreitern –  hier schreibt zum Beispiel die FAZ, warum unsere Landsleute insbesondere von Fernseh-Morden fasziniert sind. An sich kein Problem, könnte man denken. Doch tatsächlich sind die Folgen solcher einseitiger Berichterstattungen und Serieninhalte für Sexarbeiter*innen in der Realität alles andere als problemlos.

Die fehlende Sichtbarkeit des Alltags von Sexworkern

Außerhalb von (realen oder ausgedachten) Kriminalfällen, füllt das Thema Sexarbeit und Prostitution leider kaum die Gazetten. Im Gegenteil – Sexarbeiter*innen und die Vielfalt ihrer gelebten Leben sind in der Öffentlichkeit regelrecht unsichtbar. Mit Ausnahme der Filterblase von Menschen, die sich für die Rechte von Sexarbeiter*innen engagieren, sowie im täglichen Leben von Beratungsstellen, Staatsanwaltschaften und Behörden, die beruflich mit Prostitution zu tun haben oder das „soziale Problem“ in den Griff bekommen sollen, tauchen Sexarbeit und Prostitution beinahe nirgendwo im gesellschaftlichen Diskurs auf.

Was hier stattfindet, lässt sich mit dem Begriff „Framing“ aus den Sozialwissenschaften zusammenfassen: Nur ein kleiner Teilaspekt wird aus einer vielschichtigen Realität herausgenommen und hervorgehoben, um eine einzige Interpretation von Wirklichkeit, eine moralische Bewertung oder Handlungsempfehlung zu liefern.

Ein Skandal – denn dieses einseitige Bild hat verheerende Folgen. Durch die Verbindung von Prostitution und Kriminalität wird ein extrem stigmatisierendes Bild von Sexarbeiter*innen in die Öffentlichkeit getragen.

Sind nur tote Nutten interessante Nutten? 

Die meisten Reportagen zum Thema berichten über Menschenhandel und Zwangsprostitution – und nicht über den normalen Alltag von Prostituierten. In der öffentlichen Wahrnehmung verwischen so die Grenzen zwischen Kriminalität, Straftaten und normaler, selbstbestimmter Sexarbeit. Das sorgt dafür, dass Sexarbeiter*innen in den Köpfen der (Film und Fernsehen konsumierenden) Gesellschaft auf ganz bestimmte Rollen festgelegt werden – nämlich auf die der Opfer von Gewalt und Ausbeutung. Tatsächlich wird Sexarbeit beinahe ausschließlich in Zusammenhang mit Kriminalität, Menschenhandel und Ausbeutung zur Sprache gebracht.

Wenn Sexarbeiter*innen in Film und Fernsehen ausschließlich als Opfer zu sehen sind, stellt man Gewalttätern damit schon beinahe einen Freifahrtschein aus – schließlich ist es scheinbar der gesellschaftliche Normalfall, der „Nutte“ keinen Respekt entgegen zu bringen oder ihr Gewalt anzutun.

Auch Serienkiller ermorden oft bevorzugt Prostituierte – viele Täter im In- und Ausland haben später dazu ausgesagt, dass die Existenz von Prostituierten sowieso niemanden interessiere und sich auch keiner um die Gruppe kümmere. Leider haben sie nicht unrecht. Doch es darf nicht sein, dass ein Menschenleben wertlos ist, nur weil eine Person Sexarbeit ausübt.

Warum es so wichtig ist, das Hurenstigma zu bekämpfen  

Alljährlich gedenken wir weltweit am 17. Dezember – dem Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen – unseren Kolleg*innen. Ich bin überzeugt, die Hauptursache der Gewalt, die sich bis heute gegen genau diese bereits so marginalisierte Personengruppe richtet, ist das „Hurenstigma“ in der Gesellschaft – Sexarbeiter*innen gelten als verachtenswert, potentiell kriminell oder müssen gerettet werden.

Deshalb sind die Folgen der Medienberichterstattung und der Verfilmungen zum Thema Prostitution so wichtig und sollten ans Licht gebracht werden. Durch sie werden Realitäten geschaffen, die sich in den Köpfen festsetzen, das Meinungsbild bestimmen und das Bild des Opfers/der „Nutte“ in Endlosschleife reproduzieren. Gesellschaftliche Stigmatisierung zwingt fast alle Sexarbeiter*innen zu einem Doppelleben. Sie veranlasst Gewalttäter zu glauben, im Interesse oder zumindest mit dem stillschweigenden Einverständnis einer Gesellschaft zu handeln, der Prostituierte scheißegal sind.

Filmemacher*innen und Autor*innen stürzen sich auf Sex & Crime, um die Zuschauer und Leser zu unterhalten – aber ist es denn wirklich so schwierig spannende Drehbücher zu schreiben, wo keine toten oder ausgebeuteten Sexworker auftauchen?

Wir müssen gemeinsam diesem Stigma entgegen treten. Und das betrifft nicht nur die Beteiligten in der Erotik-Industrie – wir als Gesellschaft sollten alle ein starkes Interesse daran haben, dass die Politik und die mediale Berichterstattung in Deutschland keine Opfer schafft, sondern im Gegenteil gefährdeten Menschen den Rücken stärkt.

Als Sexarbeiter*innen haben wir alle etwas gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt. Alles andere ist Menschenhandel, ist Nötigung, ist Missbrauch, aber ist keine Sexarbeit.

Logischerweise setzen wir uns als Berufsverband für Sexarbeiter*innen für die Verteidigung und Wahrung von Frauenrechten ein – so wie viele andere Organisationen. Der international am 25. November stattfindende Aktions-Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen beschert dem so wichtigen Thema hoffentlich wieder das dringend benötigte Interesse der breiten Öffentlichkeit.

Doch leider ist nicht bei allen Frauenrechtler*innen mit Solidarität für Sexarbeiter*innen zu rechnen.  Die Prostitutionsgegner*innen von Terre des Femmes nützen den Termin vielmehr, um in einer Aktion vor dem Brandenburger Tor eine „Welt ohne Prostitution“ zu bewerben. Der Verein ordnet Sexarbeit pauschal als Gewalt gegen Frauen ein und setzt sich aufgrund dieser Überzeugungen für die Einführung des Schwedischen Modells der Freierbestrafung ein.

Prostitution ist kein selbstbestimmter, einvernehmlicher Sex, sondern bedeutet, dass Männer sich den Zugang zum Körper einer Frau erkaufen. (Fahnenaktion Terre des Femmes, November 2019)

Wir als Sexarbeiter*innen wehren uns aus guten Gründen gegen das Schwedische Modell – und dagegen, pauschal als Opfer abgestempelt zu werden. Unsere Tätigkeiten sind konsensuelle Dienstleistungen zwischen mündigen Erwachsenen. Und eine Differenzierung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit ist dringend nötig, um der Gleichsetzung unserer Arbeit mit Gewalt und Zwang endlich ein Ende zu bereiten.Nicht nur unser Berufsverband lehnt ein Sexkaufverbot, welches Kund*innen kriminalisieren und zu erhöhter Vereinzelung, Gefahr und Vulnerabilität von in der Sexarbeit tätigen Menschen führen würde, entschieden ab. Auch die Fachwelt äußert sich anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen zu dem Thema.

Zum 22.11. veröffentlichten Fachverbände und Beratungsstellen ein gemeinsames Positionspapier, in dem sie für mehr Unterstützung für Sexarbeitende plädieren und ausdrücklich vor jeglicher Kriminalisierung sowie einem Sexkaufverbot warnen. Bei den Unterzeichnenden finden sich unter anderem die Aidshilfe, der Frauenrat, der Juristinnenbund, die Diakonie, sowie Fachstellen für Opfer von Menschen- und Frauenhandel.

Wo Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter_innen heute menschenunwürdig sind, lassen sie sich mit einem Sexkaufverbot nicht verbessern. Im Gegenteil: Es droht, ihre Situation weiter zu  verschlechtern. Was zu ihrem Schutz gedacht sein soll, wird ihnen am Ende zum Verhängnis. Gerade wo Menschen kaum eine Wahl haben, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen, brauchen sie Hilfsangebote, die ihnen Möglichkeiten eröffnen und einen sicheren Rahmen für ihre Tätigkeit fördern. (Gemeinsames Positionspapier v. Deutsche Aidshilfe et al, 22.11.2019)

bufaS e.V, das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter veröffentlichte zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen eine Stellungnahme zu den politischen Forderungen zur Einführung eines Sexkaufverbots in Deutschland:

[Es] wird häufig dargestellt, dass das Sexkaufverbot keine negativen
Konsequenzen für Sexarbeiter*innen habe, oder deren Situation sogar noch verbessere. Dagegen positioniert sich der Bufas entschieden. Auch innerhalb Deutschlands hat man durch restriktive Verordnungen wie z.B. Sperrbezirksverordnungen oder die Kontaktverbotsverordnung nicht die Prostitution und die Nachfrage vor Ort verhindert, sondern lediglich bewirkt, dass die Arbeitsbedingungen sich verschlechtern und die Vulnerabilität durch Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutung erhöht werden. (Stellungnahme BufaS e.V., 25.10.2019)

Das Deutsche Institut für Menschenrechte veröffentlichte Mitte Oktober ein Papier, das die Themen Prostitution, Sexkaufverbot sowie die Unterscheidung zwischen Zwang und Freiwilligkeit aus menschenrechtlicher Perspektive beleuchtet. Unter anderem wird der Text des DIMR auf der Website des bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel geteilt.

(…) Studien zeigen, dass jede Form von Verboten mit einem zweifach erhöhten Risiko einer sexuell übertragbaren Krankeit inklusive HIV zusammenhängt. Darüber hinaus steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Prostituierte da, wo es Verbote gibt, Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt werden.  ( Stellungnahme DIMR, 17.10.2019)

Die Diakonie Hamburg erklärt in ihrer aktuellen Stellungnahme, warum ein Sexkaufverbot Sexarbeitende nicht vor Gewalt schützen kann. Im Gegenteil: Gerade die verletzlichsten Gruppen in der Sexarbeit würden mehr gefährdet.In der politischen Diskussion werden zum einen die Begriffe Prostitution, Zwangsprostitution und Menschenhandel vermischt oder gleichgesetzt. Armutsprostitution wird nicht selten als Zwangsprostitution bezeichnet. Zum anderen wird suggeriert, dass Gewalt und Ausbeutung im Zusammenhang mit Prostitution bisher nicht verboten und geahndet werden und es auch deswegen der Einführung des Sexkaufverbots bedarf. Hier ist auf eine genaue begriffliche Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel zu achten: Nach dem ProstSchG ist Prostitution das freiwillige Erbringen von sexuellen Dienstleistung gegen Entgelt. Menschenhandel und Zwangsprostitution hingegen stellen schwere Menschenrechtsverletzungen dar,  auf die in Deutschland hohe Haftstrafen stehen. (Stellungnahme Diakonie Hamburg, 22.11.2019)

Auch die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht spricht sich gegen das Schwedische Modell aus und die SPD in Schleswig-Holstein lehnt ein Sexkaufverbot aus den gleichen Gründen ab.

Da, wo man das nordische Modell gewählt hat, hat dies nicht etwa zu einem Rückgang der Prostitution geführt, auch nicht zu mehr Rechten und mehr Sicherheit für die Prostituierten. Im Gegenteil: Sie sind mehr Gewalt und größeren Gefahren ausgesetzt. (Bundesjustizministerin Lambrecht im Interview mit der MAZ, 13.09.2019)

Die Grüne Jugend solidarisiert sich mit Sexarbeiter*innen und kämpft für die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung von erotischen Dienstleistung.

Unter dem Deckmantel, Frauen vor sexueller Gewalt oder Bedrohungen wie Menschenhandel und Zwangsprostitution schützen zu wollen, werden die Rechte auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen und Queers weiter eingeschränkt und Ressentiments gegenüber Sexarbeiter*innen und Migrant*innen geschürt und damit Gewalt unsichtbar gemacht. (Protokoll 53. Bundeskongress der Grünen Jugend, 02.11.2019)Unser Berufsfeld in der Sexarbeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund*innen. Wie andere haben wir einen Berufsalltag, gute und schlechte Arbeitstage. Leider ist Sexarbeit derart stigmatisiert, dass über unsere wirklichen Arbeitsinhalte und Tagesabläufe wenig bekannt ist.

Wir vom Berufsverband möchten mehr Transparenz in das Thema bringen und laden alle engagierten und interessierten Mitmenschen zum Dialog mit uns ein. Hier geht es zu dem von Hydra e.V. und der Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ unterstütztem Schreiben des BesD e.V: Tag gegen Gewalt an Frauen – Sexarbeit ist keine Gewalt

Redet mit uns. Gesteht uns das Recht zu, selbstbestimmt der von uns gewählten Tätigkeit nachzugehen. Lasst uns gemeinsam gegen Gewalt, Missbrauch und Nötigung kämpfen! Denn wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind Teil der Emanzipationsbewegung. Wir sprechen uns als Berufsverband genau so wie Terre des Femmes entschieden gegen jegliche Gewalt an Frauen aus.

Wie die zitierten Verbände und Beratungsstellen, halten wir es aber für falsch und fahrlässig, Sexarbeit pauschal mit Gewalt gleichzusetzen. Wir halten es für gefährlich und kontraproduktiv, Gewalt mit einem Sexkaufverbot bekämpfen zu wollen. Nur Entstigmatisierung, Entkriminalisierung, eine Stärkung unserer Rechte, sowie die Möglichkeit, weiterhin sichtbar und vernetzt zu agieren, gewähren Sexarbeiter*innen eine sichere, würdige Basis.

Dieser Text stammt von Aya Velazquez und ist zuerst auf ihrem Twitter-Account erschienen.

Post vom Finanzamt
Ich soll einen Fragebogen zu meiner Sexarbeit ausfüllen. Ich habe Fragen dazu und rufe an.

Habe das Aktenzeichen noch nicht zuende aufgesagt, da bricht am anderen Ende der Leitung schallendes Gelächter aus.

Ich: Darf ich fragen, warum Sie lachen?

Herr X aus dem Finanzamt: (kichert weiter) Ach, nur so.

Ich: Nur so? Was meinen Sie damit?

Herr X: (beruhigt sich langsam) Na, ich erinnere mich noch an den „Fall“.

Ich: Achja? Was ist denn der „Fall“?

Herr X: Uns im Finanzamt XY war bislang nicht bekannt, dass Sie einem Prostitutionsgewerbe nachgehen. Das hat uns soeben erst das Finanzamt YZ aus ihrem vorigen Wohnbezirk mitgeteilt.

Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass der offensichtliche Grund für die Belustigung von Herr X die Tatsache ist, dass er meinte, mich mit dieser Info „überführt“ zu haben. Dass ich eigentlich Prostituierte bin, und mein Start-Up nur ein Feigenblatt.

Ich erkläre ihm, dass ich sowohl ein Start-up mit drei Mitarbeitern führe, als auch der Sexarbeit nachgehe.
2 Paar Schuhe also.

So langsam wird es stiller am anderen Ende der Leitung. Herr X wirkt plötzlich eingeschüchtert, und endlich sachlich.

Nachdem das Gespräch beendet ist, rufe ich in der Zentrale des Finanzamts an und lasse mich zum Vorgesetzten von Herrn X durchstellen.

Die Anrufweiterleitung funktioniert wie geschmiert. Nach nur drei Schaltstellen und fünf Minuten habe ich einen Verantwortlichen an der Strippe.

Ich melde den Fall als Diskriminierung seitens eines Behördenmitarbeiters. Diesmal ist die Stimmung ernst.

Ich führe an, dass es einen Antidiskriminierungsparagraphen gibt und ich als Sexarbeiterin einen sachlichen Umgang verdient habe. Es gibt ein #Recht auf Gleichbehandlung. Es kann nicht sein, dass ich im Telefongespräch von einem Finanzamt-Mitarbeiter ausgelacht werde.

Herr X‘ Vorgesetzter gibt mir Recht und gibt zu, dass „so etwas“ überhaupt nicht passieren dürfe.

Was er nun tun solle?

Ich sage ihm, mir sei wichtig, dass Herr X das erklärt bekommt, und das #Finanzamt seine Mitarbeiter für den Umgang mit Minderheiten sensibilisiert.

Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf von der Chefin des Finanzamts.

Ihr Mitarbeiter, Herr X sei von selbst zu ihr gekommen, sagt sie. Da sei ein Kundenkontakt nicht optimal gelaufen. Sie lässt sich den Fall noch einmal von mir schildern.

Es wird ein langes Gespräch.

Frau XYZ wirkt ehrlich betroffen. Sie meint, Prostitution sei doch etwas „total Normales“ und sie hätten ganz andere Jobs in den Akten. Lachen am Telefon sei nicht akzeptabel. Sie bittet mich im Namen von Herr X um Entschuldigung und will mit ihm reden.

DAS ist groß!

Am Ende wird es ein über 30-minütiges Gespräch über das grundsätzliche Verhältnis zwischen Finanzamt und Bürgern – dem Souverän. Wir Steuerzahler seien die eigentlichen Arbeitgeber des Finanzamts, sage ich. Der Umgangston des Finanzamts spiegle das unzureichend.

Ich erzähle ihr, dass viele Menschen das Finanzamt als Bedrohung empfänden. Dass Briefe des Finanzamts, sogar bei Leuten, die nichts verbrochen haben und anständig ihre Steuern bezahlen, oft Panik auslösen.

Ob das denn wirklich so sein müsse?

Ob das Finanzamt sich nicht mal von einer guten PR-Agentur beraten lassen könnte, um die ganzen Schreiben serviceorientiert umzuformulieren?

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HIER findet ihr noch ein Interview von Aya dazu bei ze.tt

HIER: Infos zu Steuern für Sexarbeitende

200 Sexarbeiter*innen aus ganz Deutschland und aller Welt kamen von 15.-16. September zum Hurenkongress in Berlin zusammen.

Am ersten Tag teilten 15 Workshopleiter*innen in insgesamt 12 Workshops ihre Expertise mit Kolleg*innen. Am 2. Tag fanden im Rahmen eines Barcamps weitere 14 spontane Workshops und Gesprächsrunden statt. Workshopleiter*innen sowie Teilnehmer*innen waren alle selbst in der Sexarbeit tätig – in den Workshops wurden Tricks, Tipps und Erfahrungen aller Art geteilt und Raum für Diskussionen und Fragen geboten. Manche Workshops fanden auf Deutsch statt, andere auf Englisch und einige in beiden Sprachen – viele internationale Kolleg*innen kamen zum Kongress und rund ein Drittel der Teilnehmer*innen hatten eine andere Muttersprache als Deutsch.

Der Kongress war eine außergewöhnliche Gelegenheit für Sexworker, sich über wesentliche Themen zu informieren und zu diskutieren: So gab es beispielsweise einen Workspace von Missy-Kolumnist Christian Schmacht, in dem die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*innen , die transgender/transsexuell/nicht-binär/genderqueer sind, diskutiert wurden. Anastacia Ryan von TAMPEP – dem europäischen Netzwerk zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexworkern – leitete eine Diskussion über die Auswirkungen von Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Nicole Schulze, Sexarbeiterin und seit kurzem auch im Vorstand des BesD e.V. vertreten, organisierte einen Workshop zum Thema Sicherheit am Straßenstrich und berichtete dabei von ihren langjährigen Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich.

Ob „Selbstmarketing & Kommunikation”, „Professional BDSM for Beginners”, „Fighting Burn-Out Through Self Love”, „Online Sicherheit für Sex Worker“ oder „Betriebsgründung – Selbstständig machen in der Sexarbeit” – alle Inhalte richteten sich explizit an Menschen, die in der Sexarbeit arbeiten und deren spezifische Bedürfnisse.

Es wurde geschnackt, gelacht, gelernt, vernetzt, informiert und diskutiert. Aktionspläne wurden geschmiedet, Allianzen geformt, alte Freund*innen wiedergetroffen und neue Bekanntschaften geschlossen – insgesamt war der Kongress also eine grandiose Gelegenheit für Austausch und Information zwischen Sexarbeitenden.

Auf der am 17. September anschließenden Sexwork-Messe „World of Whorecraft” zählten wir neben 150 teilnehmenden Sexarbeiter*innen rund 200 Gäste .

Von Verbündeten und interessierten Besucher*innen über Journalist*innen und Forscher*innen bis hin zu Partner*innen und Freund*innen von Sexarbeitenden, war alles unter den Besucher*innen der Messe vertreten. Unter den 17 Ausstellern waren branchenrelevante Dienstleister*innen (z.B. der queere Sexshop Other Nature) Beratungsstellen und Verbündete (z.B. das Beratungsprojekt für männliche Sexarbeiter smart berlin, Hydra e.V., oder Dona Carmen e.V.) und deutsche sowie internationale von Sexworkern geführte Organisationen, die ihre Arbeit und Ressourcen teilten (z.B. Wild Thing aus den Niederlanden).

Die Ausstellung Objects of Desire vom Schwulen Museum und der Bilderzyklus „Das neue Recht“ von Almuth Wessel sorgten für themenbezogene Kunst in der Location. Im Kinozelt konnten Fetisch-Filme aus der Produktion von libido film, die Dokumentation „Whores on Film“ von Sex Worker und Filmemacherin Juliana Piccillo, der Film „H’Or“ von Black Sex Worker Collective-Gründerin Akynos sowie Videos aus dem YouTubeChannel „Wissen.Macht.Sex!“ der Sexarbeiterin und Aktivistin Josefa Nereus bewundert werden.

 

 

Im Research-Zelt sammelten Joana Hofstetter und Sabrina Stranzl vom Netzwerk für Kritische Sexarbeitsforschung Erfahrungen und Meinungen Sexarbeitender für ihre Recherchen.

Das ganztägige Bühnenprogramm wurde von der Journalistin und Sexualforscherin Kuku Schrapnell moderiert. Neben Keynotevorträgen (z.B. von DAH-Frauenreferentin Marianne Rademacher, Sexarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Maya Mistress aus Brasilien und Pesha Shatte aus dem französischen Sexwork-Syndikat STRASS) gab eine spannende Talkrunde zwischen zwei Sexarbeiterinnen und einer aufsuchenden Sozialarbeiterin über die Gefahren des schwedischen Modells, Susanne Bleier Wilp stellte das Big Sister Projekt unter dem Dach von kaufmich.com vor, erotische Performances fanden statt und Lesungen von Sexarbeiterin und Autorin von „Mein HurenmanifestUndine de Rivière sowie der ehemaligen WELT-Kolumnistin und Sexarbeiterin Salomé Balthus sorgten für Begeisterung.

Die Ausgaben für beide Events beliefen sich auf 15.365 Euro – hierbei nicht mit einberechnet sind die Personalkosten für die Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Veranstaltungen. Diese wurden vom BesD getragen und beliefen sich bei einer 50%-Arbeitskraft für den Kongress sowie einer 25%-Arbeitskraft für die Messe auf rund 500 bezahlte Arbeitsstunden und 10.000 Euro.

1000 m² leerer Supermarkt, vier 60 m² Zelte, 844 Meter Kabel, 40 Lampen, 100 Stühle, 100 Bierbänke, 55 Tische – nicht überraschenderweise besetzte die Miete sowie Ausstattung der Location den größten Ausgabe-Posten.

Schon an zweiter Stelle folgten die Honorare und Fahrkosten für Workshopleiter*innen und Moderator*innen am Kongress – da hier ausschließlich aktive und ehemalige Sexworker als Teilnehmer*innen und Workshopleiter*innen anwesend waren, floß also ein beachtlicher Teil der Einnahmen zurück in die Community – an Sexarbeitende, die Kolleg*innen ihre Expertise zur Verfügung stellten.

Die Einnahmen beider Events ließen sich aus Kongress-Tickets, Messe-Eintritt sowie Sponsorengelder addieren und kamen auf 17.795 Euro.

Beinahe ein Viertel des Geldes kam dabei aus der Kasse der Deutschen Aidshilfe, welche drei Workshopleiter*innen, zwei Moderator*innen, sowie einen Zuschuss für die Raum- und Verpflegungskosten finanzierten.

 

Für die großzügige finanzielle Unterstützung von Kongress-Workshops sowie das Sponsoring von Freikarten für prekär arbeitende Kolleg*innen danken wir Autorin Anna Basener, dem Netzwerk Kritische Sexarbeitsforschung, den Erotikportalen berlinintim.de, erotikinsider.com, kaufmich.com, rotlicht.de, escort-advisor.com und escort-galerie.de, dem Serviceprovider zustellanschrift.de sowie der Online Marketing Agentur ImpulsQ.

Rund ein Drittel der Teilnehmer*innen am Kongress nahmen den ermäßigten Preis in Anspruch, ein Teil der Kolleg*innen konnte sich den solidarischen Eintrittpreis leisten. Fast 40% der Teilnehmer*innen konnten als Helfende oder mithilfe der gesponserten Umsonstticket kostenlos den Kongress besuchen.

Wir danken allen Teilnehmer*innen, Besucher*innen Workshopleiter*innen, Aussteller*innen und Mitarbeiter*innen für ihren Einsatz, ihr Interesse und ihr Engagement.

Rund 500 Arbeitsstunden wurden in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung von den BesD-Mitarbeiterinnen Charlie Hansen und Tamara Solidor gestemmt.

Ein besonderer Dank gilt auch WAM und seinem großartigen Team, mit der Fläming Kitchen haben sie den Kongress zu einem mehr als solidarischen Preis mit sehr gutem Essen versorgt.

Ein extra Dankeschön geht an die die unermüdlichen Helfer*innen und Unterstützer*innen, unsere Familien, unsere Partner*innen und die vielen BesD-Mitglieder die ehrenamtlich mit angepackt haben. Ohne die viele Unterstützung und gemeinsame Zusammenarbeit wären diese zwei großartigen Events überhaupt nicht möglich gewesen. Wir freuen uns riesig über euer tolles Feedback zu Kongress und Messe – und schmieden natürlich schon Pläne für nächstes Jahr …

TIPP: Auf unserem Facebook-Account unter @Sexarbeit, auf Twitter unter @SexworkID sowie auf der Homepage www.berufsverband-sexarbeit.de bleibt ihr über Aktionen, Veranstaltungen und Sexarbeit in den Medien auf dem Laufenden.

Gedanken einer Sexarbeiterin aus Berlin:
Wir sind Menschen, die in der Sexarbeit unsere Berufung gefunden haben. Unsere Tätigkeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund_innen. Aber zwei Dinge haben wir alle gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt und wir leisten einen wichtigen zwischenmenschlichen Beitrag in dieser Gesellschaft. Dass wir dafür entlohnt werden unterstreicht unsere Professionalisierung. Sexarbeiter_innen waren und sind Teil der Emanzipationsbewegung. Dafür stehen z. B. autonome Einrichtungen wie Hydra e.V. seit 1980.Die Legalisierung und zivilgesellschaftliche Partizipation freier Sexarbeiter_innen muss ein Bestandteil einer freien Gesellschaft bleiben. Wir verfolgen mit verantwortungsbewusstem Ethos unseren Beruf. Sexarbeiter_innen hat es zu allen Zeiten gegeben. In der Vergangenheit wurden wir nicht selten an den Rand der Gesellschaft gestellt. Und doch gab es zu allen Zeiten durchaus selbstbestimmte Menschen in dem, was wir Sexarbeit nennen.Mit großer Befürchtung beobachten wir jetzt die zunehmende Diskriminierung und Ausgrenzung unserer Kolleg_innen im Jahre zwei nach dem Prostituiertenschutzgesetz.
Wer schützt uns?
Wir fühlen uns durch eine sehr tendenzielle klischeehafte Berichterstattung und einem uns gegenüber feindlich gesonnen Aktivismus betimmter feministischer Richtungen verunglimpft. Sexarbeit wird mit körperlicher Ausbeutung assoziiert und sogar in eine direkte historische Linie mit Sklavenhandel 1) gebracht. Wir verurteilen diese verhöhnende, geschichtsfälschende und menschenfeindliche Perspektive. Opfer von Gewalt und Menschenhandel können keine freien Sexarbeiter_innen sein. Freie Sexarbeit findet in einem Konsens zwischen zwei mündigen, gleichberechtigten Menschen statt. Kommunikation ist das wesentliche Stilmittel freier Sexarbeit und die Basis auf der sich jede Form von Erotik und Nähe entfalten kann. Wir verkaufen nicht unseren Körper sondern bieten eine Dienstleistung an im Rahmen unserer (sexuellen) Selbstbestimmung!Menschenhandel in jeder Form bedeutet keine freie Sexarbeit. In den letzten Monaten ist besonders mit dem Begriff „Loverboy“ ein weiteres düsteres Kapitel in den Vordergrund der Berichterstattung gespielt worden.
Wir sagen ‚Nein!‘ zu Loverboys!
Weder Loverboys, d.h. Männer, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen um diese im Rahmen eines emotionalen Abhängigkeitsverhältnis in die Prostitution/Sexarbeit zu bringen.
Die Abläufe bei der sog. Loverboy-Methode sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild einer individuellen rosigen Zukunft der Opfer aufgebaut mit der diese eingefangen und gefügig gemacht werden. Das Opfer wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert oder das engste Umfeld spielt sogar die Triebfeder und treibt das Opfer vor sich her. Die Loslösung aus einem perfide durchdeklinierten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.Wir veruteilen, diese Machenschaften. Es handelt sich nicht um freie Sexarbeit.

Freien Sexarbeiter_innen sind mündig und selbstbestimmt.
Und wir gehen hier auch davon aus, dass wir nicht in der Minderzahl sind, so wie es die Prostitutionsgegner_innen gerne sehen und oft verbreiten.
Die Beispielgeber der Antiprostitutionslobby scheuen einen offenen Diskurs mit uns. Wie kann man sich für die Grundrechte einsetzen, wenn es schon an der Artikulation und dem Austausch von Argumenten mangelt? Wir sehen uns hier, auch in Anbetracht des neuen parlamentarischen Arbeitskreises „Prostitution überwinden“ für die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“, dass Freier per se unter Strafe stellt, bevormundet und in voremanzipierte Zeiten katapultiert.
Es wird hier nicht mit uns gesprochen sondern über uns.
Und das ganze zwei Jahre nachdem dieselbe Regierung erst ein neues Gesetz verabschiedet hat.
Mit Sorge betrachten wir die eventuellen Folgen für unseren Berufsstand: Warum bekämpft Ihr uns und arbeitet nicht gegen Menschenhändler_innen?

Ansätze für freie Sexarbeit:

1. Strikte Trennung der Themenbereiche Menschenhandel und Sexarbeit.

2. Entstigmatisierung statt Kriminalisierung.
Sexarbeit in Abgrenzung zu Menschenhandel soll weiterhin nicht verfolgt, sondern als Bestandteil dieser Gesellschaft geachtet werden.

3. Rechte statt Verbote
Kein Sondergesetze, sondern Normalität über Arbeitsrechte wie in anderen Berufen auch

4. Entkriminalisierung der kompletten Sexarbeit – nicht Bestrafung unserer Kunden und Einnahmequelle

Dass Sexarbeit frei und selbstbestimmt in unserer Gesellschaft stattfinden darf muss der gesamtgesellschaftliche Minimalkonsens sein. Freier sollen straffrei bleiben!


1)   Quellen zum Thema Sklaverei und Sexarbeit:

„White Slavery“– ein Begriff mit problematischen Implikationen
https://menschenhandelheute.net/2011/10/12/white-slavery-%e2%80%93-ein-begriff-mit-problematischen-implikationen/

„Moderne Sklaverei“ als Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit im Kampf gegen Menschenhandel
https://menschenhandelheute.net/2014/12/12/moderne-sklaverei-als-begriff-in-der-offentlichkeitsarbeit-im-kampf-gegen-menschenhandel/

 

Mythos: „Das Schwedische Modell ist wichtig im Kampf gegen Menschenhandel.“

Fakt:

  • Kein Rückgang der Sexarbeit in Schweden, Verlagerung in den Untergrund
  • Kein Rückgang des Menschenhandels in Schweden
  • Erhöhte Gefahren für Sexarbeiter*innen
  • Verschlechterungen der Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen
  • Einschränkung der Grund- und Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen

Mythos: „Das Schwedische Modell hilft Prostituierten und schadet nur Freiern.“

Fakt:

  • Verstärkter Wettbewerb durch weniger Kunden führt zu niedrigeren Einkommen
  • Arbeiten unter riskanteren Bedingungen erhöht Gefahr von Gewalt und Ausbeutung
  • Angst vor Polizei und Verdrängung in die Illegalität behindern hilfesuchende Sexarbeitende.
  • Hilfeleistungen wie gegenseitiger Schutz oder gemeinsames Arbeiten unter Sexarbeitenden ist in Schweden illegal
  • Partner und erwachsene Kinder von Sexarbeitenden können mit dem Vorwurf der Zuhälterei belangt werden
  • Sexarbeiter*innen können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren
  • Die Wohnungen und Grundstücke von Sexarbeiter*innen können zwangsgeräumt werden

Mythos: „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen.“

Fakt:

  • Es besteht eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel / sexueller Ausbeutung / sexueller Gewalt
  • Sexuelle Handlungen ohne freiwillige Zustimmung stellen bereits heute eine Strafttat da, das Grundgesetz gilt auch für Sexarbeiter*innen
  • Die Handlungsfähigkeit und Kompetenz von Erwachsenen, die einvernehmliche Sexarbeit betreiben, muss anerkannt und respektiert werden
  • Auch negative Lebens-Umstände machen die Fähigkeit eines Menschen, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte
  • Die Zusammenführung von Menschenhandel und Sexarbeit wird durch eine moralische Agenda angetrieben, die mit vereinfachten Bildern und Narrativen, z.B. dem stereotypen Bild der Opfers, arbeitet und einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet

WANN: 15.10.2019, 18:00 Uhr

WO: Bundestag „Paul-Löbe-Haus“, Paul-Löbe-Allee, 10557 Berlin

INTERVIEWS: Vor, während und nach der Kundgebung möglich, sprechen Sie uns einfach an. Erste Teilnehmer*innen werden ab circa 17:00 Uhr erwartet.

FOTOS: Wir bieten Ihnen vor Ort jederzeit Möglichkeiten für Gruppen- oder Einzelfotos.

KONTAKT: Schreiben Sie uns per Mail an presse@besd-ev.de oder melden Sie sich telefonisch bei unserer politischen Sprecherin Johanna Weber: 0151 – 1751 9771.


HINTERGRÜNDE:

Bundestagsabgeordnete von SPD und CDU/CSU planen die Kriminalisierung von Prostitution

Am Dienstag beruft die Bundestagsabgeordnete und Sexarbeits-Gegnerin Leni Breymaier (SPD) im Berliner Bundestag die erste Sitzung des Arbeitskreises Prostitution ein. Dieser Arbeitskreis ist nicht ergebnisoffen – die teilnehmenden Politiker*innen der CDU/SCU und der SPD positionieren sich bereits im Vorfeld klar gegen die Interessen und Rechte von Sexarbeiter*innen. Geht es nach ihnen, soll ein Sexkaufverbot – das sogenannte „schwedische Modell“ –in Deutschland eingeführt werden.

Das schwedische Modell verbietet das Bezahlen (den Kauf) von sexuellen Dienstleistungen und jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden – auch gegenseitige Unterstützung und Schutzmaßnahmen von Sexarbeiter*innen untereinander. Unter dem Vorwand der Verfolgung von Kund*innen und der Verhinderung von Menschenhandel werden Sexarbeitende diskriminiert und entrechtet.

Eine Einführung dieser gesetzlichen Regelungen in Deutschland sind nicht „nur“ ein Angriff auf eine riesige Berufsgruppe, sondern auch:

– ein Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht

– ein Angriff auf das Freizügigkeitsrecht von Bürger*innen anderer EU-Staaten

– eine Verschleierung der Tatsache, dass es wirksamere Mittel gegen Menschenhandel und Gewalt gibt

Forschungsergebnisse von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und Expert*innen in der Bekämpfung von Menschenhandel belegen seit Jahren, dass ein Sexkaufverbot das denkbar ungeeignetste Mittel zur Verhinderung von Menschenhandel und Gewalt an Frauen ist. Im Gegenteil schaden entsprechende gesetzliche Regelungen insbesondere bereits besonders marginalisierten und gefährdeten Personengruppen, wie z.B. migrantischen Sexarbeitenden sowie LGBTQ-Sexarbeitenden.

Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserem Blogbeitrag : Strategien gegen Gewalt und Ausbeutung 

In unserem Blogbeitrag zur Kundgebung: Protest gegen die Einführung des Schwedischen Modells

Sowie in unserer Stellungnahme bezüglich eines Sexkaufsverbots in Deutschland.