Wieso sich keiner vorstellen kann, dass wir DAS freiwillig machen….?

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Ich bin Sexarbeiterin, habe aber mit dem Titel Prostituierte oder sogar Nutte kein Problem. Mein Problem ist nicht meine Arbeit, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht.

Die Behauptungen, die immer wieder laut werden, es gäbe nur eine ganz kleine Gruppe von Sexarbeiter*innen, die das freiwillig und selbstbestimmt macht, sind nicht mit Zahlen zu belegen und entsprechen auch nicht meinem Wahrnehmen im Kolleginnenkreis. Und doch haben viele Menschen exakt dieses Bild vor Augen, wenn sie an unsere Arbeit denken.

Wie kommt so etwas?

1.

Freiwilligkeit wird für unsere Berufssparte anders bewertet als für sonstige berufliche Tätigkeiten. Während es für einen Paketpacker in einem großen Versandhandel ausreicht, dass dieser leider keinen anderen Job mit guten Arbeitsbedingungen und vertretbarem Lohn gefunden hat und ja von irgendwas leben muss, gilt für die Sexarbeitsbranche ein anderer Maßstab. Als freiwillig zählt hier nur eine Person, die eindeutig jeden Morgen freudestrahlend in ihr Bordell geht und auch dort den ganzen Tag singend und jauchzend ihrer Tätigkeit nachgeht.

Ich persönlich würde mich freuen, wenn alle Menschen auf der Welt Spaß an ihrer Arbeit hätten, aber dem ist ja nun Mal nicht so. In erster Linie geht man zur Arbeit, weil man Geld verdienen muss. Und mit dem Job muss man sich irgendwie arrangieren. Schade eigentlich, denn mir würde das ja nicht reichen. Es reicht aber sehr vielen Menschen. Und so reicht es auch für mich aus, wenn mir eine Kollegin aus einem Bordell erzählt, dass sie dort halt arbeitet, weil alle anderen ihr zu Verfügung stehenden Alternativen weniger lukrativ oder zeitlich nicht passen oder, oder, oder… Wo fängt denn Freiwilligkeit an und wo hört sie auf?

2.

Ist es für die meisten Menschen nicht möglich unsere Arbeit losgelöst von eigenen Emotionen zu sehen. Über die eigene Sexualität wird ja leider in unserer Gesellschaft selten offen geredet. Somit ist nicht vorstellbar, dass andere Menschen komplett andere Empfindungen bei der Erotik haben, ja sogar ohne Probleme in der Lage sind, Liebe und Sex voneinander zu trennen. Noch weniger vorstellbar ist dann, Sex als Dienstleistung anzubieten, ohne dabei irgendeinen seelischen Schaden zu erleiden.

3.

Auch sehr weltoffene Menschen haben interessanterweise oft sehr wertkonservative moralische Ansichten. Dass das klassische Modell der Ehe eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist, wagt kaum jemand zu denken. Wenn man sich die hohen Scheidungsraten anschaut, wundert es mich wieso immer noch das Leben mit dem EINEM Partner als Ideal angestrebt wird und mit so vielen romantisierten Sehnsüchten verbunden ist. Ich will nicht gegen diese Beziehungsform wettern, denn die bewährt sich für viele Menschen, aber eben für viele auch nicht.

Salonfähige Alternativen gibt es nicht in unserer Gesellschaft oder zumindest nicht öffentlich. Und an dieser Schieflage rütteln wir Sexarbeiterinnen, denn alleine dadurch, dass wir unsere Dienstleistung anbieten, stellen wir das klassische Beziehungsmodell in Frage. Wir lassen ungeniert Phantasien lebendig werden, die eigentlich gar nicht sein dürfen oder ausschließlich in intimer Zweisamkeit mit dem Partner ausgelebt werden sollten. Wir sind einfach nuttig. Und das ist eine Provokation. Komischerweise werden wir nicht als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern man will uns armen Frauen ja nichts Böses.

Nein, wir sind ja schließlich Opfer. Nein, wir können ja nichts dafür, dass wir DAS machen müssen. Wir werden ja dazu gezwungen. Von wem? Von bösen Zuhältern oder neu ist das Argument von der wirtschaftlichen Not. Nein, wir können ja nichts dafür und sind auch nur Opfer der Umstände. Und Opfer muss man retten.

4.

Es besteht ja die Vorstellung, dass alle unsere Kunden stinken, fett, ekelig und brutal sind. Es ist natürlich schwer vorstellbar, dass wir mit exakt diesen Menschen freiwillig Intimkontakt haben. Dass unsere Kunden aber die lieben Ehemänner sind, die sich bei uns anders verhalten als Zuhause, nämlich sich ordnungsgemäß waschen, ihre Sachen fein ordentlich zusammenlegen und höflich sagen, was sie denn wünschen, kommt in den Denkmustern nicht vor.

Ja, es gibt auch anstrengende Kunden, aber mit denen können wir professionell umgehen, denn das ist die Minderzahl.

 

Gruß,

Johanna Weber

Ich bin nicht so wie die Anderen

Gedanken zur gegenseitigen Stigmatisierung unter Freiern von Juliette:

Es ist immer wieder amüsant, von meinen Kunden diese Aussage zu hören. So wie an jenem Abend neulich, als mich mich ein Kunde nach meinem Privattanz noch auf ein Glas Sekt einlud. Wir saßen in einer Ecke und unterhielten uns. Irgendwann schaute er sich um und meinte enttäuscht zu mir: „This club is not very exclusive, is it?“ Er betrachtete dabei die betrunkene etwas prollige Junggesellentruppe auf der anderen Seite des Raumes, und rümpfte die Nase. Ich lächelte ironisch, zuckte mit den Achseln und antwortete: „Es gibt halt ganz unterschiedliche Gäste hier. Nicht alle sind so drauf wie die.“

Davor hatte ich einen Stammkunden, der oft und gerne über andere Kunden lästerte. Er war fest davon überzeugt, dass er mit Abstand der anständigste, aufgeklärteste Kunde von erotischen Dienstleistungen auf der ganzen Welt war, der sogar genau wusste, was sich jede Dienstleisterin von einem Kunden heimlich wünscht… um es noch eindeutiger zu sagen, der Herr litt an Narzissmus. Ich für meinen Teil konnte bei seinen Erzählungen nur nicken und Zustimmung vortäuschen, da er sowieso keinen Widerspruch duldete. Und erst recht nichts von anderen, wirklich anständigen Kunden hören wollte.

So wie wir Sexarbeiterinnen uns bei vielen Gelegenheiten nicht trauen dürfen, öffentlich über unsere Tätigkeit in der Sexarbeit zu sprechen, würden die meisten unserer Kunden wahrscheinlich auch nicht irgendwem von ihren Abenteuern im Bordell oder im Stripclub erzählen. Eine gewisse Anonymität wird auf beiden Seiten gewünscht. Und es ist normalerweise gar nicht so schwer, anderen Freiern aus dem Weg zu gehen, wenn man nicht gerade in einem FKK-Club oder in einem Stripclub unterwegs ist.

Gerade in einem Stripclub sieht man als Kunde seinesgleichen aus nächster Nähe. Auch wenn sie auf derselben Party sind feiern sie allerdings nicht miteinander, sondern nebeneinander, und wirken dabei immer ein wenig tapsig. Aber klar, es ist auch nicht das Ziel in einem Stripclub, mit anderen Kunden Spaß zu haben. Nur einmal habe ich während der Arbeit im Stripclub beobachtet, wie sich zwei Gruppen vorher unbekannten Männer grüßten und freundlich mit den Flaschen anstießen. Normalerweise grüßen sich einander unbekannte Gäste im Club gar nicht, auch wenn sie an einem Samstagabend, an dem der Club vollgepackt ist, eng nebeneinander sitzen. Es ist, als ob sie sich Mühe geben würden, die anderen bloß nicht wahrzunehmen. Ich habe mich schon oft gefragt, wenn die Kunden versuchen so zu tun, als wären sie die einzigen im Club, ob das nicht auch eine Auswirkung der gegenseitigen Stigmatisierung sein könnte.

Trotz des leichten Zugangs zu Freierforen im Internet, wo Kunden Gedanken, Probleme und Erfahrungen mit Dienstleister*innen austauschen können und dabei sehen, dass sie nicht „die einzigen“ sind, scheinen viele Kunden von erotischen und sexuellen Dienstleistungen eine ziemlich herablassenden Meinungen von einander zu haben. Manchmal fragen mich meine Kunden wie ich eigentlich zur Arbeit als erotische Dienstleisterin stehe und irgendwann kommen wir zum Thema „andere Kunden“ und wie die so sind. Ich werde skeptisch gefragt, wie das so ist mit „anderen Männern“ und wie unangenehm das sein muss mit den meisten. Als ob der Kunde, der mich in dem Moment ausfragt, der einzig anständige Kunde wäre und alle anderen doch äußerst schrecklich, ungepflegt, respektlos und einfach lästig sein müssten. Nach dem Motto: Ich armes Mädchen, dass ich mich jedes Mal mit solchen Schweinen herumschlagen müsse! Aber heute wäre doch mein Glückstag, weil ich mich gerade mit DEM Traumkunden unterhielte, der mich an dem Abend so großzügig von den anderen schmuddeligen Kunden abhalte, wie der Ritter in schillernder Rüstung der die Jungfrau in Nöten rettet.

Meistens waren die Kunden, die mich nach „dem Anderen“ fragten, gepflegte, höfliche Menschen, und im Umgang mit mir auch ganz in Ordnung. Wie interessant, dass diese „Ritter“ gar nicht auf die Idee kommen, dass sie möglicherweise nicht die einzigen ihrer Art sind. Dass sie solch ein schlechtes Bild von ihren Mitkunden haben, natürlich geprägt durch die „Freier“-stigmatisierenden Medien, obwohl sie in dem Moment, in dem sie Geld für Erotik ausgeben, selbst Teil dieser stigmatisierten Gruppe sind. Ja, oft muss ich schmunzeln, wenn ich schon wieder von einem Kunden zu hören bekomme, dass die „anderen“ doch alle gleich komisch, ekelhaft oder verächtlich seien und nur er wäre die tolle Ausnahme. Krass, was für verdrehte Auswirkungen die Stigmatisierung auf das Selbstbild von Männern verursacht! Sie löst Gefühle von Feindlichkeit und Verleugnung aus, anstatt Verständnis und Selbsterkenntnis.

Berufsausbildung für Prostituierte – JA oder NEIN

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Gelegentlich wird der Ruf nach einer Berufsausbildung für Sexarbeitende laut. Dieser Ruf kommt interessanterweise selten von den betroffenen Kolleg*innen selber, sondern von gutmeinenden Außenstehenden. Und grundsätzlich haben diese ja auch Recht. Eine anerkannte Berufsausbildung zum Beruf der/des Sexdienstleistenden (oder wie auch immer dieser Beruf dann zu nennen wäre) würde viel Normalität in unsere Tätigkeit bringen.
Das Ansehen unserer Branche würde sich sehr wahrscheinlich verbessern, und somit wäre dies ein großer Beitrag zur Entstigmatisierung der Sexarbeit/Prostitution. Es darf auch davon ausgegangen werden, dass ein anerkannter Berufsabschluss das Selbstwertgefühl vieler Kolleg*innen erhöhen würde. Auch würde wahrscheinlich die Qualität unserer Arbeit steigen und damit auch die Preise – was für Verbraucher schlecht wäre aber für die Sexarbeitenden gut.

So viele positive Argumente.

Und wieso sehe ich das dennoch skeptisch?

Das eben skizzierte Bild ist eine sehr gutmenschliche Herangehensweise und entspricht leider in keinster Weise der Lebenswirklichkeit in unserer Branche.

Der Haupt-Einstiegsgrund in die Sexarbeit ist monetär. Es handelt sich dabei nicht nur die übliche Notwendigkeit, dass man seinen Lebensunterhalt durch Arbeit bestreitet, sondern es handelt sich sehr oft um die totale Pleite, einen riesengroßen Schuldenberg, und bei Migrant*innen oft um große wirtschaftliche Not in den Heimatländern. Aber man muss gar nicht über irgendwelche Ländergrenzen gehen, denn auch in Deutschland gibt es Not. Als alleinerziehende Mutter ist es schon schwer die beiden Kinder mit Hartz4 durchzubringen…

Böse Stimmen würde jetzt sagen, dass Not als Einstiegskriterium ja einer freien Entscheidung im Wege steht und es sich somit um Zwangsprostitution handelt. Das ist aber glücklicherweise zu kurz gedacht. Viele Kolleg*innen, die in schwierigen finanziellen Lebenslagen sind, empfinden es als befreiend, endlich die Schuldenlast zahlen zu können, endlich den Kindern die Klassenfahrt ermöglichen zu können, endlich der schwerkranken Mutter in der Heimat das Geld für Operation geben zu können oder einfach nur für sich selbst eine auskömmliche Perspektive zu haben und nicht mehr von der Hand in den Mund oder von einem Behördenschreibtisch zum anderen leben zu müssen.

Gerade diese sehr große Personengruppe schließen wir mit dem Konzept „Berufsausbildung“ aus, denn das Lehrlingsgehalt ist ja viel zu niedrig um die oben genannten Bedürfnisse zu erfüllen.

Dann gäbe es ja noch die Möglichkeit eine freiwillige Ausbildungsmöglichkeit einzurichten. Ich bin auch sehr hin und her gerissen, ob dies nicht zwangsläufig zu einem zwei Klassen-System führen muss. Die gut ausgebildete, weiße, deutsche Prostituierte und die Migrantin, die aus der Not heraus für kleines Geld sich prostituiert…. Die Bildzeitung hätte statt meiner Worte geschrieben: die ihren Körper verkauft…

Gibt es da Beispiele aus anderen Branchen? 
Nun, da fallen mir die Jounalist*innen ein. Dort gibt es Leute mit Studium, Leute mit Volontariat und solche, die einfach schreiben. Welche Vor- und Nachteile dies im Einzelnen hat, weiß ich natürlich nicht, und ich möchte jetzt auch keine Übertragbarkeitsstudie auf unsere Branche anstellen. Aber man sollte vielleicht Mal in diese Richtung denken.

Ich träume von einem breit angelegten Fortbildungs-Netz für Sexarbeitende aller Art. Mir schwebt da so etwas wie eine berufsbezogene Volkshochschule vor. Es darf dort nicht nur um Professionalisierung zur Domina oder Tantra-Masseurin gehen, sondern eher um Optimierung des Arbeitsalltags im Bordell, auf der Straße, im Sexkino, in der Bar, im Saunaclub, usw.

Das wird sicher noch lange dauern, aber manche Dinge brauchen eben auch Zeit.

Ideologisch gesund – warum Solidariät mit und unter Sexarbeiter*innen alternativlos ist

Ein Beitrag von unserem Verbandsmitglied Kristina Marlen:

TANTRA – KEINE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN HEILIG UND PROFAN?

Am 1. Juli 2017 ist das „ProstitutiertenSchutzGesetz“ in Kraft getreten. Das Gesetz mit dem irreführenden Namen hält eine Reihe neuer Bestimmungen und Auflagen bereit für Menschen, die professionell mit Sexualität arbeiten. Sowohl für Betreiber*innen von Prostitutionsstätten als auch für Einzelpersonen werden die Arbeitsbedingungen massiv erschwert. Insbesondere die eingeführte Meldepflicht für Prostituierte sowie die Pflicht, ab spätestens 1. Januar 2018 den sogenannten „Hurenausweis“ mit sich zu führen, lassen starke Zweifel daran aufkommen, ob das Gesetz wirklich zum Schutze gedacht war oder nicht vielmehr zur umfassenden Kontrolle und Überwachung von Sexarbeiter*innen.

Trotz des fachkundigen Protests hat der Gesetzgeber für diese sinnlose Konstruktion gestimmt, die vielmehr der Abschaffung von Prostitution dient als der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen, die in der Branche tätig sind.

Die Hurenbewegung hat sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen das Gesetz gewehrt. Wir sind wütend. Es ist eine Verfassungsklage anhängig, und man kann sich noch an einer Verfassungsbeschwerde beteiligen. Die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt“ ist gestartet und kann unterstützt werden!

Parallel dazu bricht in den eigenen Reihen Unruhe aus: Wie soll man sich jetzt verhalten? Anmelden? Boykottieren? Illegal arbeiten? Aufhören?

Der neueste Trend in einigen Segmenten der Branche ist dabei, sich und der Welt zu erklären, warum man von dem Gesetz eigentlich gar nicht gemeint sei.
So berufen sich etwa einige Escortdamen auf den Kunstbegriff und behaupten, dass ihre Leistung in Entertainment und performativem Amusement bestehe. Wie nahe die Künstlerinnen ihren Kunden dabei kämen, obliege der künstlerischen Freiheit.

Dominas, die darauf bestehen, keine Prostituierte zu sein, weil sie ja nicht vögeln und oft nicht einmal den Körper ihrer Kunden berühren, geschweigedenn sich selbst berühren lassen, bin ich in letzter Zeit nicht mehr begegnet. Ich glaube, als BDSM praktizierender Mensch ist man es gewöhnt, (sexuelle) Randgruppe zu sein. Das reicht, um um zu verstehen: ja, wir sind gemeint. Was wir machen, bewerten andere als pervers. Auch wenn unsere Klamotten teurer sind, wir ziemlich ausgefeilte Skills haben und unsere Stundenpreise höher sind- das Gesetz richtet sich gegen uns. Wir sind nicht erwünscht.

Tantramasseur*innen allerdings wollen mit den „Schmuddelkindern“ der Prostitution nichts zu tun haben. In der Stellungnahme des Tantramassageverbandes wird ganz besonders eindringlich argumentiert, mit seiner Arbeit zur Gesundheit beizutragen: „Wir verstehen unsere Arbeit als Beitrag zu einer aufgeklärten und fortschrittlichen sexuellen Kultur, zu selbstbestimmtem sexuellen Lernen und zu mehr Lebensqualität im Sinne der WHO-Definition von „Sexueller Gesundheit“.“

Sie berufen sich auf die Seriosität, Ausbildung und quasi therapeutische Wirksamkeit ihrer Arbeit. Der Gesetzgeber habe evtl „übersehen“, dass ihre „…Berufsgruppe nicht zu anvisierten Zielgruppe (gehöre)“ und stellt klar: „Ihre Angehörige bedürfen des Schutzes durch das neue Gesetz nicht“. Wer diesen Schutzes bedürfen würde, bleibt unklar: wahrscheinlich die „ungelernten“ und „unfreiwilligen“ Sexdienstleister, von denen in der Stellungnahme häufiger die Rede ist, die aber nicht näher beschrieben sind. Mit ihnen in einem Atemzug genannt, fühlen sich die Tantramassseur*innen …in ihrem Bemühen verkannt und torpediert, ihrer wichtigen, wirksamen und wertvollen ganzheitlichen Arbeit am Menschen eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu geben.“

Ich finde, es ist legitim, in der gegebenen Situation seine Felle ins Trockene zu bringen. Das Gesetz ist schädlich, und es wird uns viel kosten, und jedem, der sich irgendwie aus seinem Griff befreien kann, gratuliere ich von Herzen.

Leider halte ich die Strategien nicht nur für aussichtslos, sondern auch ideologisch und politisch falsch. Sie sind kurzsichtig, unsolidarisch und ärgern mich maßlos.
Bei dem Versuch, sich unter dem Radar des reaktionären Gesetzes wegzuducken, begehen diese Kolleg*innen einen hässlichen, opportunistischen Fehltritt. Ihre Argumentationen entspringen dem gleichen menschenverachtenden Menschenbild, das dem Gesetz zugrunde liegt. Sie verstärken das Stigma, indem sie auf die populistischen, schlampig recherchierten Narrative von sprachlosen, geschundenen weiblichen Opfern zurückgreifen, die nicht wissen, was sie tun. Oder die wissen, was sie tun, aber das ist etwas Minderwertiges. Auch wenn unklar ist, wer „die“ sind, und was „die“ machen, dient die Konstruktion dazu, sich selbst wieder im rechten Lichte bürgerlicher Legitimität glänzen zu sehen.

Dabei ist im Gesetz genau festgelegt, was eine sexuelle Dienstleistung ist. Es bedarf weder des Geschlechtsverkehrs, nicht einmal der genitalen oder überhaupt körperlichen Berührung(* Zitat s.u.) Tantramassagen fallen klar unter die Prostitions-Definition des Gesetzes. Das geht auch aus dem Rechtsgutachten von Maria Wersig hervor.

In einem Absatz im Gesetz wird erläutert, warum sich die auch die vermeintlich qualifizierteren, gebildeteren Tantriker „Prostituierte“ nennen lassen müssen: „sexuelle Dienstleistung“ wird gleichbedeutend mit „Prostitution“ verwendet.

Ich verstehe das Unbehagen. Prostituierte nennt sich niemand gern. Niemand. Auch nicht diejenigen, die scheinbar so eindeutig welche sind. Die Anderen. Prostituierte nennt man sich nicht stolz und selbstbestimmt oder auch nur beiläufig wie „Kassiererin“ oder „Kartenabreißer“.

Prostituierte will sich deshalb niemand nennen, weil wir stigmatisiert sind. Der Ursprung des Stigmas ist eine tiefe Sexualfeindlichkeit und eine patriarchale Gesellschaftsordnung. So einfach ist das. Und so ätzend.

Die einzige Form, wie wir Stigma entgegentreten können, ist konsequente Solidarität unter und mit Sexarbeiter*innen. Wir sind verschieden, wir bieten unterschiedliche Dienste an, kommen aus diversen Hintergründen, arbeiten in einer Bandbreite von Preisklassen und Etablissements, für einige Zielgruppen mit facettenreichen Geschäftsmodellen. Die Unterschiede sollen benannt werden, so wird die Bandbreite sexueller Dienstleistungen sichtbar und wir können ein realistisches Bild von Sexarbeit in der Gesellschaft verankern. Sexarbeit verdient Respekt, aus unterschiedlichsten Gründen.

Wir sind verschieden, aber wir arbeiten alle mit Sexualität. Sexualität ist ein Tabu, und wir werden es immer mit konservativen Kräften zu tun haben, die uns Bedingungen stellen und definieren wollen, welche Sexualität(en) legitim sind und welche nicht. Es hilft nicht, wenn wir dem Tabu, das auf Sexualität lastet, begegnen, indem wir behaupten, das was wir tun, sei entweder kein oder höherwertiger Sex.

Wenn „gesund“ und „gebildet“ oder auch „künstlerisch“ jetzt die neue sexuelle Moral wird , dann ist das schlecht. Wenn nur noch ausgebildeter oder gesundheitsfördernder Sex legitim ist, dann ist das Rückschritt. Das ist Backlash.

„Gesundheit“ als Kriterium für richtige und falsche sexuelle Praxis einzuführen, geht gar nicht. Zu definieren, was „sexuell gesund“ ist, im Gegensatz zu gesundheitsschädlich oder krank, ist eine Unterscheidung, die in faschistoiden Kontexten zuhause ist. Die kranken, schmutzigen Frauen, Huren und Schlampen, also Prostituierten und promiskuitive Frauen, aber auch Schwule, Lesben und andere sexuell „Abnorme“ wurden in Psychiatrien, Krankenhäuser und Gefängnisse verschleppt und sicherten so das reinliche Selbstverständnis einer bürgerlichen Elite.

Einen Rückfall in dieses Denken können wir uns nicht leisten. Wenn die Agenda heißt, sich für eine sexuelle Kultur einzusetzen und im weitesten Sinne für Befreiung, dann ist das nicht die Befreiung einer bürgerlichen Elite mit „gesundem“ Sex.

Sexarbeit kann ein Ort sexuellen Lernens sein, und Genuss ist heilsam, davon bin ich überzeugt. Ich berate Menschen, begleite aber ganz konkret und praktisch in die Lust oder lasse mich berühren. Intimität öffnet Entwicklung. Das ist grundlegend, auch wenn unsere Arbeitsplätze, Arbeitsweisen , unsere persönlichen Grenzen und Methoden in der Sexarbeit unterschiedlich sind.
Das Magische an Sexarbeit ist für mich, dass die Parameter von Genuss, Heilung, Therapie, Geilheit, Entdecken und Lernen ineinander übergehen können und manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind. Das anarchische Moment, das ich in jeder Session erlebe, der freie Raum, der in der Begegnung zweier Menschen entsteht, wenn sexuelle Kommunikation möglich ist- das ist es, was mich interessiert.Das kann transformativ sein oder meditativ, emotional oder einfach sexy. So ist Sexualität, sie berührt nun einmal viele Facetten des menschlichen Seins.

Diese Anarchie, die dem Sexuellen innewohnt, muss erhalten bleiben. Sex und Intimität lassen sich nicht kontrollieren, das gehört zu ihrem Wesen, und das ist gut so. Das ist beängstigend, und unter anderem deshalb schielen wir auch so ängstlich auf „die Prostituierten“. In diesem scheelen, angeekelten und faszinierten Blick verbirgt sich auch tiefe Angst und Abscheu vor dem Sexuellen. Die Berührungsangst ist natürlich auch eine Klassenfrage; die unfreiwilligen Opfer, mit denen wir pflichtbewusst Mitleid haben, müssen anders sein als wir. Sie kommen von woanders, sie haben mit uns nichts zu tun. Aber vor allem ist es die Angst vor einer verrohten, entgleisten, (weiblichen) Sexualität.

In dieser Mischung aus sexueller Verklemmung und bürgerlichem Dünkel entstehen Bücher wie zuletzt „Rotlicht“ von Nora Bossong. Ein Buch, das unterirdisch schlecht recherchiert ist und schon nach wenigen Seiten langweilt, weil die Aufgeregtheit der Autorin, überhaupt irgendetwas zu sehen, was anders aussieht als ihre Blümchenbettwäsche im heimischen Schlafzimmer, unfassbar auf die Nerven geht.

Wenn wir in dieser Verklemmung verweilen, während wir für sexuelle Befreiung eintreten, wird sich nichts bewegen. Es geht um nichts weniger als um eine sexpositive Kultur.
Dafür braucht es Bekenntnisse. Stigma bekämpfen heißt öffentlich Stellung beziehen und protestieren. Keine opportunistischen Auswege suchen. Es heißt, die Definitionen an sich zu reißen, sich anzueignen und mit neuer Bedeutung zu füllen. Bahnbrechend wie die Slutwalks können wir auf die Straße gehen und stolz verkünden, dass wir tolle, wichtige, anspruchsvolle und glückspendende Arbeit machen – die für ALLE wichtig ist .

Deshalb: „Je suis une travallieur* du sexe“ ! Und Du?
_______________________________

Bei der Reflexion über das Thema, das mich sehr beschäftigt, war es unmöglich, alle Gedanken in einem Beitrag unterzubringen.

Es folgt also :

Teil2: Genuss, Pädagogik oder Therapie? Über sexuelles Lernen.
schon bald!!
Danke an Ulrike Zimmermann und K.M. für das bewegte Am-Thema-denken und Arbeit am Text sowie auch immerwährende Inspiratorin Mithu Melanie Sanyal , (Zitat am Schluss: “Je Suis…”)

(*) Zitat aus dem ProstSchGesetz, Definition “sexuelle Dienstleistung”

(…)„Mit dem Begriff „Sexuelle Dienstleistung“ wird der Gegenstand des Prostitutionsgewerbes beschrieben. Erfasst sind alle sexuellen Handlungen, die gegen Entgelt vorgenommen werden. Umfasst sind damit alle üblicherweise der Prostitution zugerechneten Formen sexueller Handlungen gegen Entgelt einschließlich sexualbezogener sadistischer oder masochistischer Handlungen, unabhängig davon, ob es dabei zu körperlichen Berührungen oder zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs zwischen den beteiligten Personen kommt. Nicht alle dieser unter den Begriff der sexuellen Dienstleistung fallenden Erscheinungsformen werden im allgemeinen oder milieutypischen Sprachgebrauch durchgängig als „Prostitution“ bewertet. Für die Zwecke dieses Gesetzes und dieser Begründung werden die Ausdrücke „sexuelle Dienstleistung“ und „Prostitution“ gleichbedeutend verwendet.”

Safe is scary – Huren stehen im Regen

Dieser Blogbeitrag stammt von Kristina Marlen:

Heute tritt das Prostituierten”Schutz”Gesetz in Kraft. Gedanken an einem traurigen Tag.

Vor etwas mehr als einer Woche war ich eine der glücklichsten Sexarbeiterinnen Deutschlands. Ich war Teil der „SexClinic“ , einer Performance von Dr. Annie Sprinkle und Beth Stephens auf der Documenta in Kassel.

In der „ Free Sidewalk Sex Clinic“ geben Sexratgeber*innen freie Beratung an das geneigte Publikum. Alle können kommen und dieses Angebot in Anspruch nehmen. Qualifizierte Ratgeber*innen sind zum Beispiel: Sexualpädagog*innen und -therapeut*innen, Pornodarsteller*innen, selbsternannte Heiler*innen, Stripper*innen, Dominas und andere Sexarbeiter*innen. Es handelt sich also um einen sehr breites Verständnis von „Expertise“ zum Thema Sex.
Eigentlich sollte die Aktion im Freien stattfinden, direkt vor dem sehr prominenten „Parthenon der verbotenen Bücher“, an dem Ort, an dem 1933 zensierte Bücher von den Nazis verbrannt wurden. Ein performativer (Sprech-) Akt der Befreiung, ein Kraftakt wider die Zensur.

Letztendlich fand wegen Gewitterwarnung die SexClinic im Inneren statt, im Fridericianum im „Parliament of Bodies“ – und der Ort, an dem sich einst ein totalitäres Regime versammelte und seine Beschlüsse verabschiedete, wandelte sich für drei Stunden in einen Raum, in dem frei, offen und voller Neugier über Sexualität verhandelt werden konnte.
Menschen kamen, hunderte, keine*r von uns hatte fünf Minuten Pause, so groß war der Bedarf der Besucher*innen, frei über Sex zu sprechen, zu fragen, sich mitzuteilen Das Forum des Fridericianums wurde zu einem Ort intimer Interaktion.

Ich könnte mich fast berauschen an diesen Akten der Fortschrittlichkeit, und zurück in Berlin wird wenige Tage später in einer Art sintflutlichem Überraschungsakt die Ehe für alle entschieden. Von Gegnerinnen als„Sturzgeburt“ kritisiert – ein passender Ausdruck für diese Mischung aus Wasserfall, der vom Himmel kam und innerer Erneuerung, die sozusagen sturzhaft auch konservative Ressentiments mit sich riss.
Ein Regenbogen hätte am 30. Juni diesen Jahres über Berlin erscheinen müssen, im unschuldigen Morgenlicht, rein und klar und von den Gött*innen der (LGBTIQ*) Befreiung gesandt, nachdem sie Berlin mit Überschwemmung gedroht hatten. Menschen fielen in Gullis, Lastwagen schwammen davon, Keller wurden geflutet und Kühe ertranken um Berlin – nur damit endlich auch Homos heiraten dürfen.

Wir haben es geschafft!

Ja, es gäbe etwas zu feiern, und ich würde es auch tun, wenn nicht in Berlin statt des Regenbogens über dem Bundestag immer noch Regen herabfiele, keine reinigend karthatische und spektakuläre Flut, sondern ausdauernd, nachhaltig nässend und überaus nervig, und in eben diesem Regen stehen ein paar ganz Widerständige, die, die nicht klein zu kriegen sind, mit ihren roten Schirmen, und protestieren gegen die Welle des Backlashs. Der erzkonservative Rollback erwischt uns eiskalt und klatschnass, und wir stehen da mit aufgerichteten Brustwarzen und Plakate tragend auf High Heels in Pfützen.

Sexarbeiter*innen protestieren auf verlorenem, durchnässten Posten gegen das ProstitutionsSCHUTZgesetz, das am 1 Juli in Kraft tritt. Die roten Schirme, das Symbol der Hurenbewegung, gibt uns mehr Schutz vor dem Wetter als vor dem vernichtenden Gesetz mit dem irreführenden Namen.
Dass das Gesetz dieser Tage in Kraft tritt, geht an der Öffentlichkeit vorbei. Einzig in den eigenen Reihen bricht auf einmal Unruhe aus und ich erhalte täglich aufgeregte Nachrichten von Kolleginnen: was heißt das jetzt? Ich muss mich anmelden? Mit meinem echten Namen? Soll ich das wirklich machen? Was passiert, wenn ich es nicht mache? Was passiert mit meinen Daten? An welche Stelle muss ich mich denn wenden? Und wer führt diese Gesundheitsberatungen durch? Was wissen die dann von mir? Wirst du Dich anmelden?

Diese Kolleg*innen sind: Tantramasseur*innen, Escorts, Dominas, Bizarrladies, Prostituierte.

Sie sind ansonsten Fitnesstrainer*innen, Ehefrauen, Student*innen, arbeitslos, in Ausbildung, haben Kinder, sind Büroangestellte, Übersetzer*innen, Künstler*innen.

Ich weiß nicht Antwort auf alle Fragen. Ich weiß nur eines: Während in Deutschland eine marginalisierte Gruppe einen Erfolg feiert, erlebt die andere einen Backlash und gerät in eine rechtliche Zeitschleife auf das Niveau 1930er Jahre.
Sexarbeiter*innen sind das neue LGBTIQ* – weiter geht es in den erbitterten Ausenandersetzungen um die Frage, welche Sexualität(en) wir legitim erachten, wenn sie nicht der Reproduktion dienen, welche sexuellen und welche Sprech-Akte stattfinden dürfen und durch wen legitimiert, wer wem Rechenschaft ablegen muss, wer kontrolliert, katalogisiert, erfasst, reglemeniert und limitiert wird und von wem.

Ab heute müssen Sexarbeiter*innen sich registrieren lassen, mit ihrem bürgerlichen Namen und in allen Gemeinden, in denen sie arbeiten oder in Zukunft arbeiten werden. Deutschland hat dann das ersten Mal seit dem Naziregime wieder eine „Hurenkartei“. Für alle, die sich nicht anmelden können oder wollen, sei es wegen eines prekären Aufenthaltsstatus, aus Angst vor Behörden oder wegen der Unmöglichkeit, sich zu outen (Familie, Kinder, Beruf)- bedeutet das den Entzug der finanziellen Lebensgrundlage. Oder: den Gang in die Illegalität- und damit in einen gänzlich ungeschützten und rechtsfreien Raum.

Obwohl es bereits kostenfreie und anonyme Beratungen gibt, die auch genutzt werden, werden nun verpflichtende Gesundheitsberatungen eingeführt und den sogenannten „Hurenausweis“ – den die betroffene Person bei der Arbeit immer mit sich führen muss. Ein solcher Ausweis ist stigmatisierend und gefährdet ihre Besitzer*innen, denn er kann jederzeit dazu führen, dass die berufliche Tätigkeit der Person unfreiwillig sichtbar wird.
Bordellbetreiber*innen sind angehalten, ihre Mitarbeiter*innen zu kontrollieren, alle Schritte regelgerecht einzuhalten. Das heißt, es ergibt sich auch hier ein Zwang zur persönlichen Offenbarung.

Es wird eine Erlaubnispflicht für Bordellbetriebe geben und massiv höhere Auflagen. Sie dürfen sich nicht mehr in Wohngebieten befinden und es gibt erschwerende bauliche Voraussetzungen. Für viele kleinere Bordelle, bedeutet dies aus finanziellen Günden das Aus. Doch sind es gerade diese Bordelle, die oft von Frauen geführt werden oder ein Zusammenschluss von Sexarbeiter*innen sind. Für die Großbordelle hingegen dürfte es kein Problem darstellen, die Auflagen zu erfüllen.
Hinzu kommt: Prostitutions- “Schutz“ – Gesetz ist die Kondompflicht festgelegt. Unklar, wie diese kontrolliert oder durchgesetzt werden soll, ist sie zunächst einmal eine haarsträubende Entmündigung und ein Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung.

Man muss nicht Foucault bemühen um zu konstatieren:

Das neue ProstitutionsSchutzGesetz ist Scheiße.

Es verletzt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es diskriminiert. Es stigmatisiert. Es bringt Sexarbeiter*innen in gefährliche Lebenslagen. Es entzieht vielen die finanzielle Grundlage oder zwingt sie in die Illegalität. Es ist migrationsfeinlich und rassistisch. Es ist sexualrepressiv. Es verletzt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Es ist einfach mal wirklich das Allerletzte. Es ist ein Rückschritt es ist ein Schlag ins Gesicht einer stigmatisierten Gruppe, zu deren Alltag ohnehin Gewalterfahrungen gehören.

DANKE FÜR NICHTS, würde ich an dieser Stelle an einem Rednerpult ungehalten schreien, würde irgendwer Sexarbeiterinnen im Bundestag anhören.
Meine Hoffnung, dass dies jemals der Fall sein könnte ist unter den Nullpunkt gesunken, etwa auf Höhe unseres überschwemmten Kellers.

Die Motivation der Huren und ihrer Unterstützer*innen befindet sich zur Zeit ebenfalls auf diesem Pegel. Seit Jahren kämpfen wir uns ehrenamtlich die Seele aus dem Leib, stets neben unserer nicht immer einfach strukturierten, selbständigen Erwerbstätigkeit, zum Teil mit Doppelleben und auf die Gefahr hin, in der „Emma“ zwangsgeoutet zu werden.
Gegen das Gesetz haben sich nicht nur die Hurenorgansiationen und Beratungsstellen ausgesprochen, sondern auch die Deutsche Aidshilfe, der Deutsche Frauenrat, der Deutsche Juristinnenbund, die Gesellschaft für STI und die Gesundheitsämter – alle haben Stellungnahmen abgegeben, aus denen hervorgeht, dass das Gesetz keine Maßnahme enthält, die die Lebensbedingungen von Sexarbeier*innen verbessert. Keine.
Warum dann?, werde ich gefragt. Als hätte ich das Gesetz erlassen. Dummheit? Unkenntnis? Fang nach Wähler*innenstimmen? Angst?

Angst halte ich für einen validen Grund. Angst macht irrational, das ist oft so. Das Prostituiertenschutzgesetz ist ein Bollwerk der bürgerlichen Gesellschaft gegen Eindringlinge, gegen störende Objekte. Lose Dinger, sexuell freizügige Weibsbilder, Schlampen, Migrant*innen, Fremde. Ängstliche, ahnungslose Intellektuelle schreiben beleidigende Bücher über das „Rotlicht“ und die Menge, die sich gern gruseln will, kauft und geifert geil. Das Bürgertum bemitleidet pflichtbewusst die Zwangsprostituierten und gibt sich ansonsten liberal.

Dass hier im Gewande des Schutzes wieder einmal ein Eingriff in die Grundrechte stattgefunden hat, dass wieder einmal sexuelles Anderssein geahndet wird, in einen Dschungel der Ordnungswidrigkeiten verbannt, weit, weit weg vom sauberen, sicheren bürgerlichen Selbstverständnis, das bleibt getarnt.
Prostitution, das hat nichts mit uns zu tun, das sind „die Anderen“. Es sind nicht unsere Männer, die ins Bordell gehen, und es sind nicht unserer Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Geschwister, Mütter und Freund*innen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten.
Sexarbeit findet in der Mitte der Gesellschaft statt. Das darf nicht wahr sein, um keinen Preis.
Deshalb brauchen wir „Schutz“.

Dass Annie Sprinkle und Beth Stevens mit ihrer Arbeit auf der Documenta sein konnten, ist ein Politikum. Es bedeutet eine Anerkennung ihrer Arbeit als Künstlerinnen, aber es greift darüberhinaus auch die Frage auf, wie offen, wie expizit und wie direkt die Kommunikation über Sexualität in unseren Gemeinschaften sein darf. Welche Bilder, welche Filme, welche Worte, welche Praktiken, welche Berührungen , welche Dialoge erachten wir als legitim und wo?In welchen Räumen ist was erlaubt und wer darf sprechen?
Auf der Documenta ist dieses Jahr über dem Eingang des Fridericianums der Schriftzug ersetzt worden. Wenn man hinein möchte in das „Parlament der Körper“, dort, wo sonst in Stein gemeißelt „Fridericianum“ steht, liest man nun in gleicher Schrift:

„Being safe is scary“.

Man fragt sich, ob der Künstler * vom Prostitutionschutzgesetz gewusst hat.

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Danke für die Unterstützung bei der Arbeit am Text: K.M. und Mithu Melanie Sanyal

Schrei nach Strafe – Von Moralgesetzgebung und imaginären Ängsten – Eindrücke der Strafverteidigertage in Bremen

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Ich war eingeladen als Referentin auf den Strafverteidigertagen. Der klangvolle Name dieser drei Tage war: „Schrei nach Strafe“. Zum Zeitpunkt der Einladung wusste ich dieses Motto noch nicht so recht einzuordnen. Der Schrei nach Strafe deckte sich dann aber zu 100% mit meinen politischen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Gesetzgebung rund um die Sexarbeit.

2.Kongress-Tag: AG2-Sexualstrafrecht.
Ich selbst war eine der Referentinnen, aber um mich und das ProstSchG (ProstituiertenSchutzGesetz) ging es nur am Rande. Und das war auch völlig OK.
Es ging um die Reform des 177, wie in diesem Zusammenhang vom §177 StGB gesprochen wurde. Für alle Nicht-Juristen und alle, die zufällig das Strafgesetzbuch nicht zur Hand haben, es geht um „Nein heißt Nein“.
Auch hier, wie im ProstituiertenSchutzGesetz, zeigt sich deutlich wie „gut gemeinte“ Änderungen und Neuerungen die Situation der Betroffenen nicht verbessern, sondern sehr wahrscheinlich verschlechtern werden. Die Opferrechte werden nur scheinbar optimiert.
Ich möchte auf die Details jetzt nicht weiter eingehen, denn da knüpfe ich mir auf jeden Fall einen Strick. Insgesamt war die AG2 nur eines der Themen, welches das Ergebnis von momentaner in Deutschland vorherrschender Regelungswut und schnell geknüpfter Gesetzesflut ist.
Mit was sie sich Strafverteidiger im Moment rumschlagen ist die Gesetzesflut der Bundesregierung. Mir war überhaupt nicht klar, wie weit der momentane Regulierungswahn reicht, denn ich sitze ja auch in meinem Glaskasten und sehe nur die Regelungen für und gegen Sexarbeitende.
Ich habe gelernt, dass Moralgesetzgebung nicht nur unsere Branche betrifft, und dass die imaginären Ängste des Volkes mit immer abstruseren Gesetzen und Verboten bekämpft oder ruhig gestellt werden. Das Strafgesetzbuch als Moralkeule und Hort von konservativen Wertvorstellungen. Und es ist ja billiger ein neues Gesetz zu machen, als an echten Lösungen zu arbeiten.

Fasziniert hat mich, mit was für einer Vehemenz und Leidenschaft die Diskussionen geführt wurden. Die Herren und Damen Juristen sind wirklich in ihren Grundfesten erschüttert. Und das hat mir Mut gemacht, denn ich hatte mich schon gefragt, ob ich denn nicht ganz dicht in der Birne bin, weil ich diese politischen Bestrebungen nach immer Detail verliebteren Gesetzen höchst fragwürdig finde.

Dazu möchte ich jetzt einfach meinen Twitterstrang, den ich am 3.Tag auf der sehr inhaltsschweren und großartigen Abschluss-Diskussion mitgetweetet habe wiedergeben. www.twitter.com/Johanna_Weber_

#stv41
Angst wird in Gesetzen verarbeitet. Für die allgemeine Sicherheitslage verändert sich nichts

#stv41
Schrei nach Strafe: Expertenwissen und Rationalität bekommt eine untergeordnete Bedeutung

#stv41
Schrei nach Strafe: Kriminalität wird manchmal auch politisch geschaffen

#stv41
Schrei nach Strafe: Rechtsflut macht Bürger unmündiger – nicht mehr miteinander reden, sondern klagen

#stv41
Schrei nach Strafe: Das Verschwimmen zwischen Strafrecht und Ordnungsrecht

#stv41
Schrei nach Strafe: Ist das noch Strafrecht oder verkleidetes Polizeirecht?

#stv41
Gefühlsgesteuerte Politik sorgt für „Schrei nach Strafe“

#stv41
Von wissenschaftlicher Beratung oder Rationalität ist Gesetzesflut weit weg – Furcht vor irrationalen Bedrohungen

#stv41
Strafrecht dient als Spielwiese für den Wahlkampf – Wahrheit ist nur noch Ansichtssache

#stv41
Verlangen nach Strafhärte ist Antwort auf ein diffuses Unsicherheitsgefühl

#stv41
Neue Gesetzesflut bricht sich in der Praxis an der Wirklichkeit

#stv41
Der Staat erlässt eine Flut neuer Gesetze und tut nichts, damit sie auch umgesetzt werden können

#stv41
Immer abstraktere Rechtsgüter werden geschützt.

#stv41
Irrationale gesellschaftliche Bedürfnisse werden in Gesetzen verarbeitet, denn das kostet nichts

#stv41
Es werden Schutzgesetze gemacht ohne erkennbares Konzept und Sinn

#stv41
Stimmungslage in Deutschland – Inflation des Strafrechts im Alltäglichen durch abstrakte Gefährdungsdelikte

#stv41
Schrei nach Strafe: Warum macht der Bundestag so was mit? Suggestion von Sicherheit

#stv41
Schrei nach Strafe: Es ist eine gesellschaftliche Diskussion zu dem Thema nötig

Es endete mit:
#stv41
Schrei nach Strafe: wir müssen eine Utopie entwickeln – nicht einen repressiven Ansatz des Strafrechts

LINK -> www.strafverteidigervereinigungen.org

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TERMIN:
nächster Strafverteidigertag am 2.-4.3. in Münster
-> sehr wahrscheinlich geht es um
die Entrümpelung des Strafrechts

Selbstständig in der Sexarbeit

Dieser Text wurde uns von unserem Mitglied & Vorstand ©Josefa Nereus zur Verfügung gestellt.

Die wenigsten Menschen wissen, dass du als Hure selbstständig bist. Das bedeutet, dass du wie alle anderen Selbstständigen auch Steuern, eine Krankenversicherung usw. zahlen musst.

Vor allem, wenn du der Sexarbeit hauptberuflich nachgehst bedeutet das, dass du im Monat ca. 3.000 – 3.500€ einnehmen MUSST! Und das ist nicht wirklich viel für einen Selbstständigen!

Du zahlst min 350€ für eine gesetzliche Krankenversicherung und ähnlich viele Steuern, vielleicht sogar einen Steuerberater. Allein damit hast du schnell 1000€ im Monat ausgegeben, aber noch keine Wohnung, kein Essen und erst recht keine weiteren Sozialleistungen, wie Rente oder Arbeitslosenversicherung. Du musst auch Werbung machen und evtl. Räume mieten oder Equipment für den Job kaufen.

Es ist utopisch, dass du 12 Monate arbeitest. Jeder braucht Urlaub, jeder wird krank, also rechne damit, dass du nur 10 Monate im Jahr arbeiten kannst. Ob du auch 10 Monate im Jahr Arbeit hast, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Du brauchst die Nerven um es auszuhalten, dass dein Telefon einem Monat lang nicht klingelt und du bei Krankheit abschaltest und dich aufs Gesund werden konzentrierst. Wahrscheinlich wird beides hintereinander kommen… Dann anzufangen und zu überlegen, vielleicht sollte ich den doch annehmen obwohl ich ein schlechtes Bauchgefühl habe, vielleicht geh ich doch zum Date, obwohl ich Schmerzen habe, all das wird dir über kurz oder lang das Genick brechen. Als Selbstständiger brauchst du einen Puffer, der 2-3 Monate reicht, am besten bevor du anfängst! Und jeden Monat sollten ein paar Hundert Euro zurückgelegt werden, da du ja nicht in die gesetzlichen Kassen einzahlst und irgendwann willst du vielleicht auch mal Rentnerin sein, oder du möchtest ein Haus oder, oder, oder…

Egal ob Sexarbeiterin oder „solide“ Arbeitende: Wer sich selbstständig machen möchte, sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen und auf jeden Fall mit einem Puffer starten. Überleg dir einfach, ob du das wirklich auf die Beine stellen kannst oder du mit einem netten Teilzeitjob vielleicht besser fährst. Die Anforderungen und der Stress als Selbstständige sind nämlich nicht ohne.

Der Kleine Prinz und die Prostitution

Dieser Text wurde uns von unserem Mitglied ©Lady Tanja zur Verfügung gestellt.  www.lady-tanja-hamburg.de

[fancy_header3 variation=“red“]Der Kleine Prinz und die Prostitution – Teil 1[/fancy_header3]

Eines Tages kam der kleine Prinz auf einen merkwürdigen Planeten. Er war ganz in schwarz und rot gehüllt, und sah sehr düster aus. Der kleine Prinz fürchtete sich ein wenig. Auf einem großen Thron – ebenfalls in schwarz und rot – saß eine Frau. Sie war ganz in Leder gekleidet (natürlich auch in schwarz), ihre Augen waren mit schwarzem Kajal geschminkt, die Lippen knallrot, und in der Hand hielt sie einen langen, dünnen Stock aus Bambus. Um sie herum lagen viele merkwürdig anmutende Instrumente, deren Bedeutung sich dem kleinen Prinzen nicht erschloß.

Er sah Leder und Stahl, Seile, Ketten, Pranger,  Nadeln, Trichter, Masken, Karabiner und Peitschen. Es gab auch große Möbelstücke…ein Bett, ein Kreuz, ein Bock…alles versehen mit vielen Ösen und Haken. Die Frau auf ihrem Thron winkte den kleinen Prinzen mit einer herablassenden Geste zu sich heran. Verschüchtert und ängstlich fragte der kleine Prinz:

„Bist Du eine Prostituierte?“

„Natürlich nicht“ antwortete die Lederfrau empört. „Ich bin eine Domina“.

„Was macht eine Domina?“ fragte der kleine Prinz.

„Ich demütige und schlage Männer“ erklärte die Domina mit harter Stimme. „Männer sind meine Sklaven. Sie kriechen vor mir und küssen meine Stiefel“.

Der kleine Prinz war irritiert: „Warum machen die Männer das?“

„Weil es sie erregt“ antwortete die Domina ungeduldig. „Wenn ich mit der Behandlung fertig bin, dann dürfen die Sklaven vor mir kommen“.

Nun war der kleine Prinz noch verwirrter. „Das ist Sex“, rief er aus. „Dann bist Du ja doch eine Prostituierte“.

Die Domina war verärgert. „Nein! Niemals“ rief sie. „Prostituierte lassen sich anfassen. Sie zeigen ihre Geschlechtsteile und schlafen mit den Männern. Ich hingegen bin unberührbar. Denn ich bin eine Domina.“

„Wo finde ich denn eine Prostituierte?“ wagte der kleine Prinz eine letzte Frage.

„Auf dem Planeten dort hinten“ sagte die Domina. „Dort, wo es orange und hell leuchtet“.

Der kleine Prinz bedankte sich und verließ den schwarz-roten Planeten. Er war froh, der bösen Frau entkommen zu sein und freute sich auf den hellen Planeten, auf dem er eine Prostituierte finden würde.

[fancy_header3 variation=“red“]Der Kleine Prinz und die Prostitution – Teil 2[/fancy_header3]

Auf dem hell orange leuchtenden Planeten war es viel wärmer und schöner als bei der Domina. Überall standen kleine lächelnde Buddha-Statuen herum. Es gab viele Vasen mit blühenden Orchideen, und auf dem ganzen Planeten flackerten Kerzen und Teelichter. Es gab einladend dekorierte Betten, mit schönen Stoffen und Kissen. Hier gefiel es dem kleinen Prinzen sehr und er hoffte sehr, nun eine Prostituierte zu finden. Auf einem der Betten saß eine freundlich lächelnde Frau im Lotussitz, bekleidet mit einem Kimono. Als der kleine Prinz näher kam, verbeugte sie sich und sagte „Namaste“.

„Hallo“ antwortete der kleine Prinz. „Bist Du eine Prostituierte?“

„Nein“ sagte die lächelnde Frau. „Ich bin eine Tantra-Masseurin“.

„Was ist eine Tantra-Masseurin?“ fragte der kleine Prinz.

Freundlich, geduldig und immer noch lächelnd, sagte die Kimono-Frau: „Tantra ist eine Strömung innerhalb der indischen Philosophie und Religion, entstanden als zunächst esoterische Form des Hinduismus und später des Buddhismus. Die Ursprünge des Tantra beginnen im 2. Jahrhundert, in voller Ausprägung liegt die Lehre jedoch frühestens ab dem 7./8. Jahrhundert vor. Im Buddhismus ist auch der Begriff Tantrayana gebräuchlich. Das Wort Tantra wird manchmal von der Sanskrit-Wurzel tan ‚ausdehnen‘ abgeleitet. Tantrismus bedeutet somit auch allumfassendes Wissen oder Ausbreitung des Wissens.“

Der kleine Prinz verstand kein Wort: „und warum brauchst Du dann das Bett?“

„Auf dem Bett finden meine Tantra-Massagen statt. Das Ziel einer solchen Massage ist  eine spirituelle Erfahrung und umfasst meist auch die Massage der weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlechtsorgane, wofür die Bezeichnungen Yoni- und Lingam-Massage verwendet werden, sowie die Massage des Analbereiches und der Prostata.“ sagte die Tantra-Masseurin.

„Das ist Sex“ rief der kleine Prinz. „Dann bist Du ja doch eine Prostituierte“.

„Nein, niemals“ antwortete die lächelnde Frau sanft. „Prostituierte schlafen mit den Männern. Ich hingegen massiere das Geschlechtsteil nach festgelegten Ritualen. Das ist keine Prostitution“.

„Aber wo finde ich denn nun eine Prostituierte?“ fragte der kleine Prinz enttäuscht.

Die lächelnde Tantra-Masseurin zeigte auf einen nahen Planeten, der von Ferne sehr edel und elegant aussah. „Dort sind Prostituierte“ sagte sie. Der kleine Prinz bedankte sich und machte sich auf den Weg zum nächsten Planeten.

[fancy_header3 variation=“red“]Der Kleine Prinz und die Prostitution – Teil 3[/fancy_header3]

Als der kleine Prinz den dritten Planeten betrat, hörte  er leise klingende, wunderbare klassische Musik. Er sah einen perfekt gedeckten Tisch: Auf dem edlen Tischtuch lagen kunstvoll gefaltete Stoffservietten, es gab poliertes Silberbesteck, Porzellan und Kristallgläser. Die Frau, die dort saß, trug ein elegantes Abendkleid. Schlicht und teuer zugleich. Ihr Make-up und ihre Frisur waren perfekt, ihre Garderobe auch. Mit einer anmutigen, formvollendeten Geste hob sie das Kristallglas, in dem Champagner perlte.

„Bonjour, mon petit prince“, sagte sie mit leiser, warmer Stimme.

„Äh, äh, Bonjour“ stammelte der kleine Prinz, ganz hingerissen von dieser strahlenden Schönheit.

„Do you want to have a drink with me?“, fragte die perfekte Frau.

Der kleine Prinz staunte. Zweisprachig war er bisher noch nicht empfangen worden.

„Wie gehen die Geschäfte?“ parlierte  Mrs. Perfect weiter.

Vorsichtig näherte sich der kleine Prinz und betrachtete voller Staunen dieses Wunderwesen.

„Bist Du eine Prostituierte?“ fragte er.

„Natürlich nicht“, sagte die perfekte Frau. „Ich bin eine Escortdame“.

„Was ist eine Escortdame“? fragte der kleine Prinz.

„Als Escortdame begleite ich den solventen Geschäftsmann zum Essen, ins Theater oder in die Oper. Ich habe eine hohe Allgemeinbildung, spreche mehrere Sprachen, kenne mich sowohl mit Börsendaten und Pferderennen wie auch mit den Klassikern der Weltliteratur aus. Ich besuche Vernissagen und verkehre nur in den teuersten Hotels. Zur Zeit studiere ich Poltikwisschenschaften“.

Der kleine Prinz war sprachlos.

„Aber, aber“ stotterte er, „Du schläfst doch auch mit den Männern, oder nicht?“.

„Ja“, sagte die Escortdame. „Aber ich bin natürlich keine Prostituierte, sondern eine elegante Begleiterin auf hohem Niveau. Das betrifft natürlich auch meinen Stundenlohn. Von mir wird weitaus mehr verlangt als kunstvolle Bettakrobatik.“

Der kleine Prinz kam aus dem Staunen gar nicht heraus.

Mrs Perfect fuhr fort, während ihre weißen, geblechten Zähne im Kerzenschein funkelten: „Prostituierte verkehren in heruntergekommenen Kaschemmen oder Sexclubs, stehen an Straßenecken und bedienen die Freier für ein Taschengeld“.

Sie zeigte auf den nächsten Planeten: „Dort findest Du Prostituierte“, sagte sie und trank noch ein Schlückchen Champagner…

Wie es wirklich aussieht, wenn Sex dein Job ist!

Ein Arbeitsalltag einer Hure

Was macht man als Sexarbeiterin an einem Arbeitstag? Wie viele von euch denken, der Job besteht aus Rumsitzen, die Beine breit machen und sonst nix?

Würde es nur ein Fingerschnippen erfordern um sexwillige Männer in mein Bett zu bekommen, wäre ich inzwischen eine schwer reiche Frau. Leider bekomme ich auf diese Weise keine Männer in mein Bett, weder privat noch beruflich. Willkommen in der Realität, in der Huren sich aktiv um ihre Kundschaft bemühen müssen!

Sex sells … Sex?

Es gibt Werbeplattformen, Communities und Netzwerke, auf denen mit erotischen Dienstleistungen aller Art geworben wird und sie sind bereits voll mit unzähligen bunten Angeboten von Konkurrentinnen. Wie schaffe ich es, hier für meine Zielgruppe sichtbar zu werden? Was kann und was möchte ich anbieten? … und womit davon erreiche ich Interesse? Diese Fragen müssen immer wieder aufs neue in Fotos, Texten und Profilen vermittelt und vom richtigen Adressat gefunden werden.

Es hört sich einfach an, aber mit diesen Antworten kann sich jeder einen sicheren Rahmen schaffen. Man muss sich ein Bild von dem Menschen machen, den man erreichen und von sich überzeugen möchte.

Gelingt es nicht, die Vorstellungen in reale Treffen umzusetzen, bedarf es einer Überarbeitung. Trial and error, bis man die Gäste findet, die zu einem passen oder sich eingesteht, dass man diese Aufgabe nicht bewältigen kann!

Ring … Sorry, ich muss mal kurz ans Telefon gehen …  

Das Telefon, eines meiner wichtigsten Werkzeuge einer Hure. Jeder von den 0 bis zu 50 Anfragen täglich kann dazu führen, dass ich für tollen Sex bezahlt werde oder ich meine Zeit mit einem Trottel verschwende. Eine Entscheidung, die ich mit höchster Konzentration, voller Aufmerksamkeit und einem aufgeschlossenen Wesen treffen muss. Mit Menschenkenntnis und kommunikativem Geschick entlocke ich meinem fremden Anrufer seine intimsten sexuellen Wünsche und entscheide, ob und wie eine Umsetzung davon mit mir möglich ist. Wie ich das anstelle und mich dabei zu 100% auf meine Fähigkeiten verlasse? Ich höre meinem Gegenüber wirklich sehr, sehr, sehr aufmerksam zu. Es geht auch, aber nicht nur, darum, was er wie sagt. Viel mehr achte ich darauf, was seine Worte in mir auslösen. Die meisten Anrufer bringen mich zum lächeln und ich habe Interesse sie kennenzulernen. Empfinde ich aber Unbehagen oder Abscheu bei seinen Worten, beende ich das Telefonat, ohne einen Termin vereinbart zu haben. Keine Frage, manche werden respektlos und widerlich, wenn sie abgewiesen werden und mancher Anrufer braucht gar keinen Grund, um unangenehm zu werden. Doch ich habe diese Typen am Telefon: Auflegen, Nummer blocken und niemals mehr von ihnen hören! Nur wer einen angenehmen Eindruck hinterlässt, wird eingeladen sich zu nähern.

Dann kommen wir jetzt zum vögeln?

Egal wo man sich trifft, es geht immer darum, einen sichere und angenehme Atmosphäre zu kreieren und zu erhalten. Dieser Raum ist nicht dafür da, uns von Gästen weitmöglichst zu distanzieren, sondern sie dorthin einzuladen. Wir führen offene Gespräche, erfahren von den intimsten Gedanken, Wünschen und Bedürfnissen. Mit viel Feingefühl, Geduld und Toleranz arbeiten sich Huren an Fragestellungen heran, bei denen Sexblogs, Ärzte und der Tratsch hinter vorgehaltener Hand aufhören. Wie bereite ich einem Mann Lust, dessen Penis nach Krebskrankheiten nicht mehr funktioniert? Was wünscht sich ein Ehepaar von mir in ihrer silberne Hochzeitsnacht? Oder wie funktioniert eine erotische Vorliebe für Kleidung einer vergangenen Dekade?

Früher habe ich solche Begegnungen gemieden und bin schnellen Fußes abgehauen. Doch mit der Zeit interessierte es mich, was sich dahinter verbirgt und welche Formen Sexualität annehmen kann. Ich arbeite gerne an den Antworten und verschaffe mir und anderen inspirierende Momente. Dabei erweitert sich der Horizont und das Können. So gibt es in der Branche Felatiokünstler, ebenso wie Kuschelspezialisten und Motivationsgenies, die Menschen wundervolle individuelle Momente verschaffen können.

An diesem Abend nach drei Gästen, zwölf Telefonaten und neunzehn E-Mails, mache ich ein kleines Päuschen, denn weitere Aufgaben warten bereits ungeduldig: Steuern, Wäscheberg und ich muss mal wieder Fotos von mir machen lassen … das Telefon klingelt. Es ist kurz vor 20 Uhr …

Es ist mehr Arbeit, als ich es mir zu Beginn je ausdenken konnte und die Risiken des Kleinunternehmertums nagen in diesen Tagen. Dennoch bin ich froh, dass ich es mich getraut habe. Meine Arbeit macht mich zufrieden, denn ihre Anforderungen passen mit meinen Stärken zusammen. Ich bin begabt darin, Menschen in meinen Bann zu ziehen und sich gut fühlen zu lassen. Daneben besitze ich ein gutes Gespür für Sexualität und was ich mit wem machen will und kann. Dabei habe ich keine Scheu sie abzuweisen, wenn ich merke, dass wir nicht harmonisieren. Gleichzeitig bin ich belastbar und habe genug Durchhaltevermögen, um die Selbstständigkeit zu managen. Die eigene Persönlichkeit und die eigenen passenden Voraussetzungen entscheiden über Fluch und Segen in der Sexarbeit!

Stigmatisierter Spaß

Vor etwa 6 Jahren habe ich noch als Erotikmasseurin gearbeitet. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, fehlt mir am meisten die Kollegialität im Laden. Wir waren damals ein kleines Team (10 Frauen). In der Zeit zwischen den Massagen haben wir uns über vieles ausgetauscht: unsere Kundenerfahrungen, emotionale Wirbelstürme im Privatleben, Feiern in Berlin, oder über Sexualität und Intimität. Bevor ich angefangen habe dort zu arbeiten, hatte ich Vertrauensprobleme, vor allem gegenüber anderen Frauen. Aber im Laufe meiner Zeit im Laden habe ich gelernt, mein Vertrauen zu anderen Frauen wiederaufzubauen und hatte das Glück, einen engen Zusammenhalt unter Frauen genießen zu dürfen.

Ich erinnere mich noch, wie ich an einem Donnerstagnachmittag mit einer Kollegin, Bianca, nach Feierabend bummeln gegangen bin. Wir hatten beide die Frühschicht bis 16 Uhr und hinterher fuhren wir zur Einkaufsmeile in der Stadt, wo wir nach neuen Arbeitsklamotten schauen wollten. Als wir aus dem Auto stiegen und die Straße überquerten, wurde uns beiden plötzlich bewusst, dass wir zum ersten Mal außerhalb des Ladens auf der Strasse zusammen unterwegs waren. Bianca kicherte leise und meinte, „Was würden die Leute denken, wenn sie wüssten wo wir arbeiten?“ Wir lachten zusammen laut und eilten über die Strasse. Der Gedanke verband uns wie Geschwister in dem Moment und erinnerte mich wieder daran, wie stigmatisiert die Erotikbranche doch ist, obwohl wir in unserer Parallelwelt im Laden—wo wir so offen und ungehemmt über alles mögliche vulgäre reden konnten—die Vorurteile über das Milieu gerne vergaßen.

Obwohl wir uns im Laden viel erzählten, hatte ich den Eindruck, dass meine Kolleginnen nicht wirklich zu ihrer Tätigkeit standen. Die Sexarbeit an sich einfach zu genießen schien irgendwie ein unausgesprochenes Tabu zu sein. Natürlich hat man mal den besonders angenehmen oder charmanten Kunden erwähnt, oder über den eher seltenen jungen, hübschen Kunden geschwärmt, aber noch nie wurde im Laden über die Tätigkeit als erotische Masseurin als schmackhafte, tolle Arbeit mit emotionalen Anreizen gesprochen. Selbst Bianca, die persönlich so viel in die Arbeit investierte, hatte nie deutlich geäußert, dass ihr die Arbeit einfach Spaß machte. Wenn die Frauen über ihre Entscheidung, in die Erotikbranche einzusteigen gefragt wurden, kam immer einen Grund wie direkt aus der medialen Darstellung von Sexarbeiterinnen zitiert: alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern; hohe Schulden, die dringend abbezahlt werden mussten; zu niedrige Löhne in anderen Arbeitsbereichen; jung und brauchte das Geld…und wenn die Arbeit manchmal doch genießbar war, dann nur zufällig weil man glücklicherweise einen Kunden hatte, der nicht ganz ekelig oder respektlos war. Es war mir, als ob sich die Frauen selbst vor den Kolleginnen fast schämen würden, den Genuss an der Arbeit im Laden zuzugeben. Das fand ich manchmal schade, aber diese Selbststigmatisierung sah ich im Endeffekt als eine Auswirkung der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die von Sexarbeiterinnen leider oft verinnerlicht wird.