KOMPLETT ANONYME SPENDEN SIND MÖGLICH

Vor gut einem Jahr haben wir 3.200 Euro für den Aufbau einer Infoseite zum Thema Sexarbeit in Deutschland gesammelt.
Dafür möchten wir nochmals danken.
Das Geld wurde exakt für den Sammelzweck verwendet und ist aufgebraucht. Hier die damalige Spendenaktion -> https://www.leetchi.com/c/projekt-von-berufsverband-erotische-und-sexuelle-dienstleistungen

 

GRUND FÜR DIE NEUE WEBSEITE
Anlass war der Informationsmangel und die verwirrenden Falschmeldungen bezogen auf das neue Gesetz für Sexarbeitende. Das sogenannte ProstituiertenSchutzGesetz (ProstSchG) verpflichtet alle in Deutschland in der Sexarbeit Tätigen zu einer Gesundheitsberatung und einer anschließenden Registrierung als Prostituierte.

Das Gesetz trat am 1.Juli letzten Jahres in Kraft und ist immer noch nicht in allen Bundesländern umgesetzt.

Wir wollten eine Plattform schaffen, wo Kolleg*innen alle berufsbezogenen Infos verständlich erklärt finden können.

 

WICHTIG WAR UND IST

a) Sachliche und fundierte Infos für alle Bundesländer zum Thema ProstituiertenSchutzGesetz. Kurz-Infos in leicht verständlicher Sprache und Details für alle, die es genauer wissen wollen.

b) Im Alltagsgeschäft sind viele Kolleg*innen auf sich selbst gestellt und auch für grundsätzliche branchentypische Probleme finden sich kaum Ansprechpartner*innen. Hier springt nun unser FAQ ein, welches regelmäßig erweitert wird.

c) Übersetzungen der wichtigsten Punkte in die gängigen Sprachen unserer Branche – Daran arbeiten wir weiterhin.

d) Alle für die Branche wichtigen Adressen sind nun zu finden, ebenso Auskünfte zu Themen von Sperrgebieten über Sexarbeits-Stammtische bis hin zu Weiterbildung und einem Terminkalender.

 

ERGEBNIS
Wir sind sehr stolz auf das Resultat, denn unsere Webseite ist von uns komplett erneuert worden:

  • wichtige Infos sind nun zu finden auf der Seite
  • wesentlich höhere Klickrate
  • wesentlich bessere Auffindbarkeit für Suchmaschinen
  • Kolleg*innen schreiben nun regelmäßig Blogbeiträge
  • das interne Forum wurde sehr belebt

 

WAS FEHLT

a) es sind schon fertige Übersetzungstexte vorhanden. Das zeitaufwendige Einpflegen muss gemacht werden

b) Vervollständigung und Aktualisierung der Adressliste bezogen auf das ProstSchG

c) Behebung technischer Fehler

d) Überarbeitung des Bisherigen und Optimierung

 

WIE SOLL DAS GEHEN?
Wir werden Ende Juni ein Webseiten-Wochenende veranstalten, wozu sich 5 Personen angemeldet haben. Dort werden wir 3 Tage intensiv arbeiten.
Wir wissen, dass dies sehr gut klappt, denn wir machen das in der Art schon zum 3. Mal.

Wir brauchen dringend finanzielle Unterstützung bei der Weiterführung unseres Projektes.

Bitte spende jetzt -> https://www.leetchi.com/c/weiterarbeit-an-info-webseite-fuer-sexarbeitende

Du kannst auch anonym spenden. Bei der Mailadresse, die abgefragt wird von diesem Spendentool, kannst du eine Phantasieadresse eingeben. Das spielt keine Rolle. Das Geld kommt trotzdem an.

 


 

KOSTENPLAN:

700 Euro für Webseiten-Wochenende
– Miete Seminarraum- Reisekosten für 5 Personen- Verpflegung für 5 Personen

200 Euro für Programmierung
als Bonus für unsere zum großen Teil ehrenamtlich arbeitende Webmasterin

600 Euro für Übersetzungen
– Korrekturlesen der schon vorhandenen Übersetzungen- Einpflegen auf die Webseite

300 Euro für Aktuelles
– Vervollständigung der Liste mit den bundesweiten Adressen- immer wieder Aktualisierung

SUMME = 1.800 Euro

 

Bitte spende HIER -> https://www.leetchi.com/c/weiterarbeit-an-info-webseite-fuer-sexarbeitende

 

 

Über Kunden im Sex- und Erotikgewerbe wird meistens schlecht berichtet, als wären sie alle perverse, skrupellose, dauergeile Ungeheuer, die das Leben sämtlicher Dienstleisterinnen zur Hölle machen und durch ihre widerliche Lust die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern perpetuieren. Diese Einstellung führt zur Verabschiedung von Gesetzen wie das im April 2016 in Frankreich, in dem die Bestrafung von Freiern eingeführt wird. Laut dem neuen Gesetz wird die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen bei der ersten Kontrolle mit bis zu 1.500€ bestraft und bei wiederholter Tat mit bis zu 3.750€. Mit dem neuen Gesetz vom 13. April 2016 wurde zum einen das Verbot der (auch passiven) öffentlichen Anbahnung von Kunden aufgehoben, welches 2003 eingeführt worden war und dafür die Bestrafung von Kunden, sowie Ausstiegsprogramme für Prostituierte eingeführt. In einer von Médecins du Monde veröffentlichte Studie letzten Monat werden die Folgen dieses Gesetzes ausgewertet. Zwischen Juni 2016 und Februar 2018 wurden 70 Interviews mit Sexarbeitenden sowie 24 Gruppeninterviews mit Aktivist*innen und Vertreter*innen von Sexarbeitsorganisationen in Frankreich durchgeführt. Anhand ausführlich zitierten Erzählungen der Befragten wird im Bericht der Studie die Situation von (hauptsächlich auf der Straße arbeitende) Sexarbeitenden über die letzten zwei Jahre anschaulich dargestellt. Zu beachten ist, dass die Umfrage hauptsächlich unter Sexarbeitenden, die auf der Straße arbeiten, durchgeführt wurde und die Ergebnisse somit auf die Wahrnehmungen und Erfahrungen aus diesem Arbeitsbereich basieren. Im folgenden Beitrag werden einzelne Ergebnisse der Interviews im Rahmen der Studie nochmal im Detail vorgestellt und zusammengefasst.

Freierbestrafung

Die Prekarisierung der Betroffenen ist das wesentlichste Ergebnis des neuen Gesetzes. Die Mehrheit der Befragten berichteten von einer Verschlechterung ihrer Arbeitssituation durch die Freierkriminalisierung, mit besonders negativen Auswirkungen auf ihrer Sicherheit und Gesundheit. Das neue Gesetz gefährdet die Autonomie von Sexarbeitenden und viele befinden sich folgendermaßen in der Abhängigkeit von Dritten. Dies bestätigt, was Sexarbeitsorganisationen weltweit schon immer als hoch problematisch mit der Freierkriminalisierung eingeschätzt haben. Seit Einführung des neuen Gesetzes senkte die Anzahl der Kunden für viele Sexarbeitende, was zu einer Prekarisierung der Arbeitsbedingungen führte, in dem viele Sexarbeitende auf Grund ihres gesunkenen Einkommens sich genötigt fühlten, Dienste anzubieten, die sie sonst nicht anbieten würden. Insofern schwächt das neue Gesetz die Machtposition der Sexarbeitenden bei Verhandlungen mit Kunden. Daher befinden sich viele Sexarbeitende seit April 2016 in einem Teufelskreis zwischen prekären Arbeitsbedingungen, sexuelle Praktiken auszuüben, die sie sonst nicht anbieten würden, und dem Risiko erhöhter Gewalterfahrungen bei der Arbeit. Öffentliche Beleidigung, körperliche und sexuelle Übergriffe, Diebstahl und Raubüberfälle in Terminwohnungen gehören zu den verschiedenen Formen von Gewalt, die von Sexarbeitenden berichtet worden.

Die Stigmatisierung von Sexarbeitenden ist durch die Freierkriminalisierung auch nicht geringer geworden. Im Gegenteil: das neue Gesetz verfestigt nochmal die Kategorien Sexarbeitende/Opfer und Kunde/Täter, was zu Lasten der Betroffenen das öffentliche Bild vom Sex- und Erotikgewerbe als schmuddeliges, kriminelles Milieu propagiert. Die Wahl an sicheren Arbeitsplätzen ist ebenso durch das neue Gesetz zurückgegangen, denn die Kunden trauen sich nicht mehr an offenen, sichtbaren Orten anzubahnen. Außerdem wird die Solidarität unter den verschiedenen Sexarbeitenden durch die Prekarisierung geschwächt. Dadurch, dass sie um weniger Kunden konkurrieren müssen, werden sich Sexarbeitende gegenseitig eher als Konkurrentinnen und nicht als Mitstreiterinnen für gemeinsame Rechte betrachten.

Ausstiegsprogramme: Mehr Stigmatisierung statt Unterstützung

Neben der Freierbestrafung sorgen auch die Ausstiegsprogramme für viel Kritik von Sexarbeitenden und ihren Alliierten. Auch wenn diese Maßnahme gut gemeint ist, berichtet die Studie, dass sie bisher wenig verbreitet und daher unbekannt und unwirksam gewesen ist. Ähnlich wie in Deutschland, wird das Gesetz je nach „département“ unterschiedlich durchgesetzt, und insbesondere die Ausstiegsprogramme unterschiedlich ausgeführt. Außerdem ist es bedenklich, dass ein wesentliches Kriterium für die Zulassung zum Ausstiegsprogramm, der sofortige Ausstieg aus der Sexarbeit ist. Aus praktischen Gründen ist das für viele Sexarbeitenden nicht möglich, denn die Wartezeiten in vielen Städten bis zur Aufnahme in das Programm über Monate dauern. Es wird den Ausstiegswilligen zwar zu Beginn des Programms finanzielle Hilfe sowie eine kurzfristige Arbeitserlaubnis und eine Unterkunft gegeben, aber bis die bürokratischen Abläufe erledigt werden und die Ausstiegswillige endlich die Vorteile des Programms genießen kann, muss der Lebensunterhalt noch irgendwie bestritten werden.

Darüber hinaus werden die Ausstiegsprogramme im Bericht als Beispiel der „sozialen Kontrolle“ kritisiert, denn einige der Befragten äußerten Bedenken wegen der Erhebung ihrer persönlichen Daten durch die Teilnahme an dem Programm. Ähnlich wie bei der Registrierungspflicht hier in Deutschland, stellt die Teilnahme an dem Ausstiegsprogramm das Risiko des Outings dar, die viele Sexarbeitende nicht bereit sind einzugehen. Auch wird die Rolle bisher vertrauter Beratungsstellen in Frankreich in Frage gestellt, wenn sie im Rahmen der Vermittlung des Ausstiegsprogramms verpflichtet werden, persönliche Daten der Ausstiegswilligen an die Behörden weiterzugeben. Durch die Einführung dieser Programme wird viel mehr durch einen moralisierenden Ansatz gegen die Sexarbeit vorgegangen, als eine wirksame soziale Maßnahme im Interesse der Sexarbeitenden. Das Ergebnis wird daher leider eine zunehmende Stigmatisierung von Sexarbeit und Sexarbeitenden sein und keine Ausstiegswelle, wie durch diese Maßnahme erzielt wird.

Fazit

Was bringt es, die Freier zu kriminalisieren? Die Ergebnisse der Studie sind leider nicht überraschend. Die Anzahl der Sexarbeitenden in Frankreich ist durch das neue Gesetz nicht weniger geworden. Allerdings ist die Anzahl der Kunden seit Einführung des neuen Gesetzes deutlich gesunken, so dass die Konkurrenz zwischen den Dienstleister*innen und dabei die Prekarität in der Sexarbeit gestiegen ist. Durch das neue Gesetz wird der Kunde als Täter anstatt als Geschäftsteilnehmer behandelt, was im Endeffekt der Erbringung von sexuellen Dienstleistungen gegen Geld als legitime Arbeitsform entgegenwirkt. In den Gesprächen mit Sexarbeitenden wurden die Freier allerdings nicht unbedingt als perverse Ungeheuer dargestellt, sondern einige schilderten auch positive Erfahrungen mit ihren Kunden und die Möglichkeit, durchaus menschliche Geschäftsverhältnisse mit ihren Kunden pflegen zu können.

Hinter der Freierkriminalisierung steckt die Unterdrückung männ(ensch)licher Sexualität, welches ein höchst unwirksamer und kontraproduktiver Ansatz für das behauptete Ziel dieser Maßnahme (die Bekämpfung von Zwang und Menschenhandel im Sex- und Erotikgewerbe) darstellt. Der BesD steht ausdrücklich für Maßnahmen für die Stärkung von Menschenrechten anstatt für die Unterdrückung menschlicher Wünsche und Bedürfnisse, um die Probleme, die es in der Sexarbeit gibt, anzugehen. Wir plädieren stark gegen die Kriminalisierung unserer Kunden und somit gegen die Einführung des nordischen Modells in Deutschland.

Quelle

Dieser Text wurde von unserer Forschungsbeauftragten Nadine übersetzt und zusammen gefasst

Beim Mitgliedertreffen des BesD im Herbst 2016 lernte ich Violett kennen. Witzigerweise leben und arbeiten wir beide in Leipzig und müssen bis nach Göttingen fahren, um uns kennenzulernen. Allein diese Tatsache schrie schon danach, endlich ein Sexarbeiter*innen-Treffen in Leipzig zu organisieren. Schon lange wünschte ich mir sowas, nachdem ich von Kolleg*innen aus anderen Städten viel Positives gehört hatte über diese ungezwungenen Treffen unter Sexarbeiter*innen.
Allerdings war ich im Jahr 2016 gerade nicht aktiv als Sexdienstleisterin und viel mit mir selbst beschäftigt. Auch Violett arbeitete viel, so dass wir nur in sehr großen Abständen miteinander Kontakt hatten. Wir sprachen aber das Thema Stammtisch immer wieder an und dass wir das doch endlich mal organisieren müssten …

2017 begann ich wieder als Independent Escort zu arbeiten, das ProstSchG trat in Kraft und so langsam bewegte sich in Sachsen und Leipzig etwas. Vom Gesundheitsamt Leipzig und weiteren Organisationen wurde der Arbeitskreis „Sexarbeit in Leipzig“ ins Leben gerufen. Da Violett und ich mit diesem spätestens seit letzten Sommer in engem Kontakt stehen, wurden wir dazu eingeladen und waren natürlich dabei. Das erste Treffen fand Ende Februar statt, wo auch jemand vom Verein „RosaLinde e. V.“ dabei war. Und wie das immer so ist … es werden vor Allem während der Pausen Kontakte geknüpft und so hatte Violett einfach mal gefragt, ob man nicht Räume von RosaLinde nutzen könnte, um ein Sexarbeiter*innen-Frühstück zu veranstalten.

Die Idee mit dem Frühstück war ihr zwischendurch gekommen. Wir hatten immer von einem Stammtisch gesprochen, der abends stattfindet, aber das ist für die meisten Kolleg*innen natürlich schwierig, weil sie abends arbeiten oder sich nach einem langen Tag ausruhen wollen. Außerdem finden Stammtische ja oft in Bars oder Kneipen statt und Violett hatte sich überlegt, ob das nicht abschreckend für Manche sein könnte, so in der Öffentlichkeit. Ich selbst hatte das Ganze nur am Rande mitbekommen, erhielt aber einige Zeit später eine Mail von RosaLinde. Man bat uns, sich doch dem Vereins-Plenum einmal vorzustellen und zu erklären, was wir vorhaben. Da musste ich nochmal bei Violett anrufen und nachfragen, was sie das eigentlich besprochen und gefragt hatte.

Der Verein RosaLinde e. V. ist toll – setzt sich für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*, Asexuelle und queere Menschen (LSBTIAQ*) in Leipzig ein und leistet seit seiner Gründung 1988/1990 Antidiskriminierungs- und Lobbyarbeit in diesem Bereich. Und so war unsere Vorstellung eigentlich eine reine Formsache, denn bei der Unterstützung einer weitreichend diskriminierten Gruppe, wie bei Sexdienstleister*innen war der Verein sofort dabei. Wir bekamen die Zusage, an einem Sonntag Vormittag im Monat endlich das erste Sexarbeiter*innen-Treffen in Leipzig abzuhalten.

Das Frühstück ist einfach ein offener Treff ausschließlich unter Kolleg*innen. Wir wollen uns über Alles austauschen, was uns mehr oder weniger unter den Nägeln brennt, über die Arbeit sprechen, über Schönes, Lustiges, aber auch Schwierigkeiten und Probleme können angesprochen werden. Violett und ich verstehen uns dabei auch als Sprachrohr, welches die Anliegen der sächsischen und Leipziger Sexarbeiter*innen in den neu gegründeten Arbeitskreis trägt. Auch können wir Infos zum ProstSchG und zum aktuellen Stand der Ausführung geben. Die Räume des RosaLinde e. V. bieten uns dafür einen geschützten Rahmen, indem wir komplett unter uns sind. Ort und Datum geben wir nur bei Anmeldung bekannt.

Das erste Frühstück hatten wir im Mai bereits. Es kam extra eine Kollegin aus dem Umkreis von Leipzig und wir hatten einen regen Austausch.
Ich freue mich schon riesig auf das nächste Frühstück mit hoffentlich noch einigen Kolleg*innen mehr.

Meldet euch einfach bei mir oder Victoria an.
Gruß,
Lydia


Infos und Kontakt:
Lydia: info@versuchung-lydia.de
Viktoria: 0176-32808941

Dieser Text stammt von einem unserer neusten Mitglieder:

Das neue ProstSchG, welches Mitte letzten Jahres in Kraft getreten ist, lässt für die Betroffenen viele Fragen offen. Es sorgt bei den Sexarbeitenden für Unruhe und Panik, statt, wie vorgesehen, für Schutz und Ordnung.
In den letzten Jahren sind die Kontrollmaßnahmen im ganzem Land verschärft worden. Es werden vermehrt Personenkontrollen durchgeführt, an allen öffentlichen Plätzen hängen mit der Weile Kameras, selbst beim Gang durch den Stadtpark, möchte man eine neue Prepaid-Sim-Karte freischalten, geht das nur noch mit Vorlage eines Ausweisdokuments, oder mittels face-to-face-check im Internet. Die Möglichkeit der Anonymität in unserer Gesellschaft nimmt stark ab, diese ist aber gerade in der Sexarbeit für viele wichtig. Durch die neue Regrestrierungspflicht und die dadurch entstehenden Kontrollmöglichkeiten in Betrieben und auch privat Wohnungen, haben die Leute Angst zwangsgeoutet zu werden. Und das zu Recht! Denn das Gesetz drückt nur sehr unklar aus, in welchem Fall Daten weitergegeben und Kontrolen durchgeführt werden dürfen.

Der Hauptvorwand, für diese doch sehr drastischen Maßnahmen, ist es, Opfer von Menschenhandel ausfindig zu machen. Nur ist nicht ganz ersichtlich, wie das funktionieren soll.
Warscheinlich schafft es jeder, der einen Menschen zur Prostitution zwingen kann, diesenauch zu einer ganz banalen Anmeldung beim Amt zu bringen, so hätten wir dann also ganz legale Zwangsprostitution in Deutschland!…spitze
Andersherum wird sich niemand freiwillig anmelden, der nicht vor hat, in dem Geschäft zu bleiben. Vielleicht ist man alleinerziehend und das Kind ist noch zu klein für reguläre Arbeitszeiten, oder man finanziert nur sein Studium damit, möchte aber später mal was ganz anderes machen. Jemand mit diesen, oder ähnlichen Hintergründen hat vermutlich zu viel Angst vor den Konsequenzen einer Regrestrierung und vor einem, eventuell daraus resultierendem Outing. So wären diese aber gezwungen, sich ohne die benötigte Anmeldung künftig in einen illegalen Rahmen zu bewegen.

Dieser Rahmen bringt für die Betroffenen allerdings wieder neue Gefahren mit sich, denn ohne offizielle Anmeldung, müssen diese wieder auf eigene Faust arbeiten. Es ist nach dem ProstSchG nicht mehr möglich, ohne Regestrierung weiter im Bordell zu arbeiten – sollte dies bei einer Kontrolle auffallen, drohen sowohl dem Sexarbeitendem selber, als auch dem Betrieb hohe Bußgeldstrafen.
Die Bordelle fürchten um ihre Existenz und Sexworker ohne Anmeldung, sind somit ohne Schutz, wieder auf sich alleine gestellt. Sie treffen ihre Freier an diskreten, verborgenen Orten und sind im Ernstfall, ihrem Willen schutzlos ausgeliefert. Nicht jeder Freier hält sich an die zuvor getroffen Vereinbarungen, es kommt immer mal wieder vor, dass jemand Gewalt ausübt, oder nicht zahlen möchte. Seit kurzem können sich diese Sexarbeitenden keine Hilfe mehr holen, denn sie verstoßen ja selber gegen das Gesetz und müssten damit rechnen auch strafrechtlich verfolgt zu werden. Das macht sie aber leider zu einem leichtem Opfer, sie arbeiten auf eigene Gefahr und sind dadurch auch erpressbar. Schließlich haben sie stehts zu befürchten an die Behörden oder Angehörige verraten zu werden, sicher gibt es auch einige, die sich lieber auf den einen oder anderen fragwürdigen Deal einlassen, als zwangsgeoutet zu werden. Die Gefahr sich hier immer weiter in der Illegalität zu verstricken ist groß, gerade wenn man auf den Umsatz angewiesen ist und die Aussichten auf Hilfe sind wohl massiv eingedämmt worden.

Geschützt hat uns das ProstG von 2002, das neue ProstSchG ist wieder ein riesen Schritt in die falsche Richtung. Da bleibt nur die Frage, ob es bei diesem Gesetzesentwurf wirklich um Schutz und Ordnung ging, leider nur mit völlig falschem Ansatz, oder geht es doch nur wieder um die Erhöhung von Überwachungsmaßnahmen und darum ein paar neue Steuerzahler zu haben?

Seit fast 7 Jahren arbeite ich schon als Gastlady in einem Bizarrstudio in München. Warum reise ich extra nach München, wo ich doch in Berlin mein eigenes kleines Studio habe? Ja, zum einen, weil ich gerne reise, und zum anderen weil das Geld nicht reicht, das ich in Berlin verdiene. Mir geht es genauso wie vielen Kolleg*innen nördlich des Weißwurstäquators, die in südliche Bundesländer zum Arbeiten fahren müssen um als Selbstständige in in der Sexarbeit existieren zu können. Für diese branche ist gerade Bayern ist ein Eldorado zum Geldverdienen.
„Je katholischer je besser“, sage ich immer.

In München kommt noch die Nähe zu Österreich hinzu, denn in den grenznahen Bundesländern gibt es so gut wie kein Sex-Angebot. Außerdem ist ein Kurzausflug nach München ja unverfänglich, denn da kennt einen ja keiner.

Nein, liebe Steuerfahndung, auch in München wird man als Sexarbeiterin nicht reich. Man verdient dort aber mehr und einfacher das Geld als in andern Landesteilen. Jedoch habe ich auch schon Kolleginnen kennengelernt, die in München so gut wie nichts verdient haben. Aber dies ist eine andere Geschichte, denn mir ging es dort immer sehr gut, und ich habe viele Stammgäste, die ich wirklich sehr schätze. Aber nun ist aber erst mal Schluss damit von meiner Seite.

Warum?

Irgendwie hat meine innere Stimme NEIN gesagt. NEIN als ich vorgestern die Mail von meiner supernetten Betreiberin des Studio Elegance aus München erhielt. Mein Berliner Ausweis würde in München leider nicht mehr anerkannt.
Ich wollte ja eigentlich nächste Woche in München bei ihr arbeiten. Und ich hatte schon echt viele feste Termine. Ich sagte alle ab.

Warum?

Die meisten werden es mitbekommen haben, dass es ein neues Gesetz zur Regelung der Prostitution gibt. Es trägt den schönen Namen ProstituiertenSchutzGesetz. Dass es dabei nicht um unseren Schutz geht, sondern eher um Kontrolle und Reduzierung der Sexarbeit geht möchte ich hier nicht ausführen.

Sexarbeitende müssen sich einem Beratungsgespräch in einer Behörde unterziehen, das in der Regel von Beamten durchgeführt wird, die keine oder gar keine Ahnung vom Thema haben. Diese sollen dann herausfinden, ob ich unter Zwang arbeite oder überhaupt weiß was ich tue.

Dann bekomme ich einen Prostituiertenausweis mit meinem Foto. Zu meinem Schutz wird aber netterweise mein Name durch einen frei gewählten Künstlernamen ausgetauscht. Dieser Ausweis gilt dann für alle Städte und Bundesländer, die ich als Arbeitsorte angegeben habe. Ich könnte also eigentlich mit meinem Berliner Ausweis in München arbeiten.

Leider gehört Berlin zu den Bundesländern, die mit der Umsetzung noch nicht so ganz fertig sind. Naja, der Flughafen ist ja auch noch nicht fertig. Ach, ich liebe Berlin. Hier ist eben alles nicht perfekt. Das ist in München anders.

Die für uns zuständige Meldebehörde in Münchenn nennt sich KVR (Kreisverwaltungsreferat), und auch Berliner Sexarbeitende sind eigeladen sich dort gegen 70 Euro Gebühr registrieren zu lassen. In Berlin wird dieser „Service“ selbstverständlich kostenlos sein, denn Berlin hält es für unangebracht, dass die Umsetzung eines „Schutzgesetzes“ von den zu Schützenden selber gezahlt werden muss.

Nein, es sind nicht die 70 Euro, die mich von der Registrierung in München abhalten. Ich finde das Vorgehen von München völlig übertrieben, und ich sehe nicht wie sich das mit dem Schutzgedanken des Gesetzes verträgt. Es ist ja nicht so, dass ich illegal arbeite. Nein, ich habe mich ja in Berlin auf der Behörde eingefunden und habe auch einen schriftlichen Nachweis, dass ich dort registriert bin. Aber dieses Stück Papier hat eben keine Foto und sieht nicht so aus wie es auszusehen hat. Jawoll.

Ich finde nicht, dass wir Berlinerinnen für die Unzulänglichkeiten unseres Bundeslandes verantwortlich gemacht werden können. Übrigens, gibt es noch etliche andere Bundesländer, die ebenfalls noch keine Meldebehörden am Start haben. Berlin ist nicht alleine. Und zur Ehrenrettung sei gesagt, dass Berlin sich wirklich sehr viele Gedanken macht, wie dieses Gesetz möglichst sexarbeitsfreundlich umgesetzt werden kann und nicht zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führt. Ich liebe Berlin.

Gerade vor dem Hintergrund der Verschärfung der Polizeigesetze im Seehofer-Söder-Staat, Bayern, möchte ich als Prostituierte meine Daten nicht in München wissen. Nein, ich leide nicht an Verfolgungswahn. Ich bin ein sehr gelassener und gutgläubiger Mensch. Es muss schon einiges passieren, dass ich in eine Abwehrhaltung komme. Das für uns zuständige Sittendezernat in München hat dies geschafft. Diese Polizeidienststelle hat sich noch nie drum geschert, was sie eigentlich wirklich dürfen und das Gesetz immer sehr wohlwollend zu ihrem Vorteil ausgelegt.

So wurde jahrelang allen Betreibenden von Bordellen und Studios gesagt, dass sie die neuen Frauen als erstes zu ihnen aufs Revier schicken sollen zur Registrierung. Wenn es dann tatsächlich noch einen Betreibenden gegeben hat, der oder die gewagt hat zu sagen „Wieso denn? Es gibt doch gar keine Registrierungspflicht.“ Dann kam die Antwort, dass dass natürlich keine Pflicht sei. Aber so eine polizeiliche Registrierung ja viel besser sei, denn dann müsse ja nicht so oft kontrolliert werden. Ansonsten käme man dann regelmäßig zur Kontrolle im Bordell vorbei.
Regelmäßig kann in diesem Zusammenhang bis zu 2x pro Woche sein. Welches Bordell kann sich das erlauben? 2x pro Woche Polizeiautos vor der Tür und 2x pro Woche Kontrolle von allen anwesenden Sexarbeitenden – auch diejenigen, die gerade mit dem Kunden beschäftigt sind.

Jeder Kunde, der das ein mal mitgemacht hat, geht sicher nie wieder in dieses Bordell – wenn er überhaupt noch mal geht. Das kann sich kein Betreibender erlauben. Außerdem laufen einem ja auch die Damen weg, denn wer will schon dauernd kontrolliert werden. Resultat ist, dass alle in München kuschen.

Bei der Kontrolle der Damen hat die Sitte auch mit unlauteren Methoden gearbeitet. Bei meiner ersten Kontrolle wurde folgendes gesagt: „Warum haben sich nicht bei uns im Revier registriert? Ja, da haben sie aber Glück, dass wir das jetzt auch direkt vor Ort hier gleich machen können.“ Geschockt und dankbar war ich dann heilfroh, so glimpflich davon gekommen zu sein. Ich wußte nicht, dass ich gar nichts verbrochen hatte, und war somit handzahm. „Sie haben doch nichts dagegen, dass wir ein Foto von ihnen machen?“ KLICK…. äh, nein. Ich hätte sagen müssen „doch, ich habe was dagegen!“ In dem Fall wäre natürlich kein Foto gemacht worden, denn das dürfen die gar nicht. Es liegt keinerlei Verdacht auf Straftatbestände vor, und Fotos machen ist der übliche Einstieg in einer erkennungsdienstliche Erfassung. Dies alles weiß man nicht, wenn man so überrumpelt wird. Und ich habe diese Praxis der Sitte diverse Male bei Kolleginnen beobachtet. Natürlich habe ich mich dann immer eingemischt und gesagt, dass die Kollegin sicher was gegen Fotos hat…. Ich denke, dass ich in München schon weit über 10x kontrolliert wurde von der Sitte. Dies ist um so erstaunlicher vor dem Hintergrund, dass ich ja nur alle 2-4 Monate für jeweils 3 Tage in MUC bin.

Ich werde erst wieder nach München fahren, wenn die Berliner Behörde es geschafft hat mir einen prächtigen Hauptstadt-Huren-Ausweis auszustellen. Diesen werde ich mir auf den Künstlernamen Alice Schwarzer machen lassen.


Beitrag von Johanna Weber, die in verschiedenen Stäften Deutschlands und der Schweis als berührbare oder erotische Domina arbeitet.

Dieser Beitrag schildert die Eindrücke eines unserer neusten Mitglieder von der Mitgliederversammlung Mitte April:

Am Bahnhof erkannte ich das Gesicht von Johanna und quatschte sie an. Ich war viel zu neugierig und wollte mich sofort vorstellen. Wir waren mit demselben Zug aus Berlin hergefahren und nun mussten wir in die Regionalbahn umsteigen. Mein erster persönlicher Kontakt mit dem BesD… Aufregend!

Vor einem halben Jahr bekam ich beim Gesundheitsamt den Flyer des Vereins mit einer herzlichen Empfehlung. Es verging eine Zeit, bis ich die Entscheidung traf. Zuerst kontaktierte ich Charlie aber mir war es vor allem wichtig, die Leute persönlich kennenzulernen. Ich hatte Glück, nämlich sollte die Mitgliederversammlung ein Monat später stattfinden.

Johanna freute sich sehr über meine Anwesenheit und antwortete freundlich all meine ungeduldigen Fragen. Auf dem Bahnsteig stellte sie mir Fabienne und Nadine vor. Bald saßen wir zu viert im Zug. Draußen war es regnerisch, die Gespräche drinnen entspannt und witzig. Ganz normale Menschen halt, wie ich. Bald bombardierte ich Nadine mit Fragen über ihre spannende Forschungsarbeit, bis wir das Ziel erreichten…

Ich weiß nicht mehr, wann ich zu einer Einzelgängerin wurde. Schon am Ende meines Philosophiestudiums in Spanien hatte ich Politik satt. Gruppen mag ich i.d.R. nicht. Entweder bin ich zu anspruchsvoll oder zu empfindlich. Nach sieben Jahren und offensichtlich bei dem richtigen Anlass kam das Bedürfnis, die meinesgleichen zu suchen. Allerdings hatte ich die geringste Ahnung, wie eine Mitgliederversammlung überhaupt aussieht oder was für Menschen ich dort begegnen würde. Eins wusste ich nur: Die Erfahrung würde mich nicht kaltlassen.

Die Mischung war bemerkenswert, drei verschiedene Generationen und alle möglichen Berufsbilder. Die Geschlechter waren auch repräsentiert. Unser anfangs introvertierter Koch würde uns fleißig über das Wochenende mit selbstgemachten Leckereien besorgen, wie der Willkommensapfelstreuselkuchen, die Burgerstraße bei der Grillparty oder die Abschiedspizza. Ziemlich schnell würde er sich einer von uns fühlen und mir mit einem strahlenden Lächeln verraten, er hätte nie zuvor so ein nettes Publikum gehabt.

Ich komme aus Spanien und wohne seit 5 Jahren in Deutschland. Wie viele Umwege das Leben für mich bereit hatte, hätte ich nie geahnt. Gottes Wege sind unergründlich, sagt man gern in katholischen Ländern. In Deutschland kann ich atmen und fühle mich frei. Ja, ich liebe Deutschland. Aber vor allem liebe ich deutsche Frauen. Zumal sie mein ehemaliges sexistisches Frauenbild änderten… (Mehr dazu ein anders Mal)

Das Haus war großzügig und gemütlich. Drinnen oder draußen in der Sonne liefen die Termine und Workshops nach Plan. Es wurde fleißig geackert. Universitäres Arbeiten durch Sexarbeiter! Leidenschaftlich diskutiert wurde es auch. Die Gruppe fand sich aber immer wieder zusammen. Damit hatte bestimmt Fabiennes strenge aber zugleich auf den Punkt bringende Moderation zu tun. Demokratie ist nun mal auch anstrengend, das weiß jeder. Besonders schön war der letzte Abend am Lagerfeuer, manche von uns trugen schwarze Gesichtsmasken am Gesicht, die Fabienne uns besorgte. Die unterschiedlichsten Lebensgeschichten flogen durch die Luft. Der Wein und der Tiefgang der Beteiligten sorgten für eine großartige Stimmung…

Nun muss ich meine Meinung über Versammlungen und Gruppen definitiv revidieren. Kluge Sachen zu sagen oder guten Ideen zu haben ist doch keine Kunst. Die Mischung aus echtem Engagement, Respekt, Bescheidenheit und Warmherzigkeit, die ich beim BesD fand, wohl.

Ich danke euch und freue mich auf „mehr“ von und mit dem BesD!

Lola

Sachsen-Anhalt gehört zu den Bundesländern, in denen es noch nicht mal Übergangsbescheinigungen für Sexarbeitende gibt, die sich laut dem ProstituiertenSchutzGesetz dort als Sexarbeitende anmelden wollen. Im Grunde sollten wir doch froh sein darüber, denn unser Berufsverband steht dieser Anmeldung und Registrierung ja sehr ablehnend gegenüber.
Leider ist es so einfach nicht, denn die meisten Sexarbeitenden arbeiten nicht nur in einer Stadt oder in einem Bundesland, sondern sind viel unterwegs um auf ausreichende Einnahmen zu kommen. Wer angibt, bundesweit tätig zu sein kann mit diesem Vermerk im „Prostituierten-Ausweis“ in ganz Deutschland arbeiten. Dazu bedürfte es aber eines solchen Ausweises, den die Kolleg*innen aus Sachsen-Anhalt ja noch gar nicht haben können.

Um diesen Thema geht es aber in der Stellungnahme nicht, denn die Mühlen mahlen langsam in manch einem Bundesland, aber es tut sich was. Und wer wird denn da nachtragend sein…
Konkret liegt jetzt der erste Entwurf zur Durchführung des ProstSchG auf Landesebene von Sachsen-Anhalt vor. Darunter muss man sich keinen fertigen Text vorstellen, sondern es ist eine vorläufige sehr grobe Definition von Zuständigkeiten und eine endlose Auflistung von möglichen Kosten. Nein, das ist nicht unprofessionell. Das wird auch in anderen Bundesländern und sogar auf Bundesebene so gemacht. Die Schreiber gehen davon aus, dass das eh alles noch wieder geändert wird. Böse Zungen würden jetzt sagen, dass die Schreiber eigentlich nicht davon ausgehen, dass noch was geändert wird, aber sie erwecken den Anschein. Deshalb werden Stellungnahmen von Fachpersonen und Gruppen, die sich mit dem Thema professionell beschäftigen, eingefordert. Manchmal bewirken die Stellungnahmen tatsächlich etwas, aber in der Regel habe ich den Eindruck, dass die Texte allenfalls vom Praktikanten gelesen werden und somit das Einfordern solcher reine Makulatur ist. Die Politiker*innen können sich dann öffentlich hinstellen und sagen, dass sie ja auch die Expertise der Betroffenenverbände eingeholt haben. Damit ist ja nicht gesagt, dass die Expertise auch berücksichtigt wurde. Holzauge sei wachsam.
In Sachsen-Anhalt könnte dies jedoch anders aussehen. Nun, es ist gerade alles sehr undurchsichtig, wer da eigentlich für was zuständig ist. Das ist keine Verschleierungstaktik, sondern es hat wirklich niemand ernsthaft Lust sich mit unserem Thema zu beschäftigen und alle hoffen, dass der Kelch an ihnen vorbeigeht. Dies Phänomän trifft man auch in etlichen anderen Bundesländern an. Irgendwann ist aber Schluss mit Aussitzen und dann wird irgendeine Person, die zumeist überhaupt gar keine Ahnung vom Thema hat zum Entwickeln von Ausführungsbestimmungen verdonnert. Vorher wird ewig darüber rumgestritten, ob denn das Land zuständig ist oder je nach Bundesland die Bezirke oder die Kreise und kreisfreien Städte. Dabei geht es dann gar nicht so sehr um das Thema, sondern um Personal, Räumlichkeiten und natürlich um Geld. Geld ist natürlich knapp. Gerade Sachsen-Anhalt gehört nicht zu den Bundesländern, in denen Milch und Honig fließen. So wurde dort nun ganz pragmatisch beschlossen, dass die entstehenden Kosten mit der Umsetzung des ProstSchG von den Sexarbeitenden und den Betreibenden getragen werden sollen. Und es ist ganz schön teuer den notwendigen Beamtenapparat für ein solches Unterfangen aufzubauen.
Auch geht es in dem Referentenentwurf um den sogenannten „Anmeldetourismus“. Damit ist gemeint, dass eine kostenlose Anmeldemöglicheit laut ProstSchG dazu führen würde, dass Heerscharen von Sexarbeitenden aus anderen Bundesländern nach Sachsen-Anhalt einfallen, um dort die kostenlosen die Leistungen in Anspruch zu nehmen. Das habe ich hier vielleicht etwas auf die Spitze getriben, aber solche Überlegeungen sind typisch für alle Bundesländer. Keiner will gerne die knappen Landesmittel für Bürger aus anderen Bundesländern einsetzen. Oft gibt es diese Dikussionen im Bereich der Schulpolitik. Besonders betroffen davon sehen sich Stadtstaaten, deren Schulen von den Kindern aus dem „Speckgürtel“ des Nachbarlandes besucht werden. Die Steuergelder des „Speckgürtels“ fließen jedoch in die Kasse des Nachbarbundeslandes. Nun, man kann das Problem verstehen. Im Bereich des ProstituiertenSchutzGesetzes hat sich das allerdigns nicht bewahrheitet.
Z.B. in Niedersachsen, gibt es regional Gebühren in sehr unterschiedlicher Höhe. Die Stadt Hannover erhebt 15 Euro und Hannover Land bietet den Service kostenlos an. Nicht einmal dort sind Wanderbewegungen erkennbar. Es handelt sich um Einzelfälle.
Nicht einmal das Bundesland Hamburg, welches aktuell als eines der Bundesländer gilt, das sehr unkompliziert und auch kostenlos die Anmeldungen für Sexarbeitende durchführt, verzeichnet größeren Zulauf aus anderen Bundesländern. Hamburg bestätigt jedoch, dass es einen Anteil an Anmeldungen von reisenden Sexarbeitenden gibt, die aus Bundesländern stammen, in denen noch keine Registrierungen möglich sind. Zu diesen Ländern gehört auch Sachsen-Anhalt.


HIER Download: Stellungnahme BesD zu Gebührenordnung Sachsen-Anhalt

Hier LINK zur Stellungsnahme der Beratungsstelle Magdalena aus Magdeburg

 

Offener Brief an den sächsischen Bundestagsabgeordneten, Martin Patzelt


Sehr geehrter Herr Patzelt,

die MDR-Sendung „Exakt“ vom 7. Februar 2018 berichtete zum Thema Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) und dem geplanten Entwurf des entsprechenden Ausführungsgesetzes des Landes Sachsen. Wir sind Sexarbeiterinnen in Leipzig und damit direkt von diesem Gesetz betroffen.

Sie wurden vom MDR hinsichtlich der Kritik befragt, dass die Anonymität von Sexarbeiter*innen durch die Anmeldung gefährdet werden könnte. Durch den Off-Sprecher wird gesagt, dass Ihrer Meinung nach die Datenspeicherung und auch der spezielle Berufsausweis niemanden stigmatisieren würden.

Außerdem machen Sie sodann folgende Aussage:
„… ob diese Branche sich nicht selber durch die Art ihrer Tätigkeit stigmatisiert.“1

Diese Aussage macht uns sehr betroffen und schockiert uns.

Insbesondere vor Ihrem Hintergrund als ausgebildeter Sozialpädagoge, ist es für uns nicht nachvollziehbar, dass Sie eine so abwertende und menschenverachtende Aussage treffen. Niemand hat das Recht, Menschen in achtenswert und weniger achtenswert einzuteilen.

Sie leiteten 20 Jahre lang ein Kinder- und Jugendheim. Ganz sicher haben die Kinder und Jugendlichen, die dort durch Sie betreut wurden, weitreichende Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung gemacht. Kindern, Jugendlichen und später Erwachsenen, die im Heim aufgewachsen sind, werden von Seiten der Gesellschaft häufig aufgrund ihrer Geschichte viele Vorurteile entgegen gebracht – von schlechten Manieren und unzureichender Bildung bis hin zu Kriminalität, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Promiskuität.

Genauso verhält es sich mit dem Stigma, das auf Sexarbeiter*innen lastet. Wir haben uns dieses Stigma ganz sicher nicht selbst auferlegt – selbst wenn wir uns aus freien Stücken für unsere Tätigkeit entschieden haben. Wir haben tagtäglich mit genau solchen Vorurteilen zu kämpfen und werden häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt.

Gegen historisch gewachsenes Stigma hilft kein Selbstbewusstsein.

Vor diesem Hintergrund ist es für uns unverständlich, dass Sie mit Ihrer Aussage einen ganzen Personenkreis derart abwerten.

Es wird mit vorgefertigten Bildern und Moralvorstellungen an das Thema herangegangen, Sexarbeit wird klar als unsittlich definiert und diffamiert. Die Behauptung, das Stigma der Prostitution sei in ihr selbst begründet, verkennt die Wirklichkeit. Sie unterschlägt die Mechanismen und Auswirkungen von gesellschaftlicher Ausgrenzung und reproduziert einzig und allein die Moral und Wertvorstellung, in der wir als Sexdienstleister*innen scheinbar nicht dazugehören. Und das, obwohl ein Großteil der Mitglieder unserer Gesellschaft diese Dienste in Anspruch nimmt.

Bezogen auf die Debatte und das verabschiedete Gesetz, wirkt das Stigma in zweierlei Hinsicht von außen auf Sexdienstleister*innen:. Wir müssen uns registrieren, ‚brandmarken‘ lassen und uns so der Gefahr aussetzen, Opfer des bestehenden gesellschaftlichen Stigmas zu werden, das unserem Berufs(um)feld anhaftet. Des Weiteren ist die Sicht auf Sexarbeiter*innen historisch geprägt durch Vorurteile und Mythen, die zu Abwertung und Ächtung der Person führen. Dies ist nichts, was ein*e Sexarbeiter*in selber zu verschulden hat, sondern ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Phänomen, dem Diskriminierungsmechanismen zugrunde liegen, die durch das ProstSchG verschärft, statt gemildert werden.

Ihre weitere Aussage im Bericht wirkt auf uns in diesem Zusammenhang recht leichtfertig:
„Und wenn sie dieser Tätigkeit nachgehen, dann müssen sie schon ein gesundes Selbstbewusstsein haben und sagen: Ich stehe dazu.“1

Gerade, weil Sie am ProstSchG mitgewirkt und sich im Zuge dessen sicherlich weitreichend damit auseinandergesetzt haben, sollte Ihnen klar sein, dass es so einfach leider nicht ist.

Die Studentin, die ihr Studium teilweise durch Sexarbeit finanziert, wird wohl kaum in einem Vorstellungsgespräch ganz selbstbewusst zu ihrer Tätigkeit stehen können – denn sie muss damit rechnen, dass sie aufgrund bestehender Vorurteile eine Absage erhält.

Die allein erziehende Mutter, welche aufgrund der minimal zu hohen Unterhaltszahlung des Kindesvaters keine Sozialleistungen erhält und ihr Einkommen zusätzlich zu ihrem Minijob durch gelegentliche Sexarbeit aufbessert, wird auch kaum beim Jugendamt selbstbewusst zu ihrer Tätigkeit stehen. Sie muss nämlich Angst haben, dass ihr aufgrund des bestehenden Stigmas unterstellt wird, ihr Kind nachts allein zu lassen und Drogen- bzw. Alkoholprobleme zu haben.

Allein diese Beispiele machen deutlich: wie sehr wir auch daran arbeiten, diesem Stigma etwas entgegen zu setzen – wir sind bei Weitem noch nicht so weit, das uns durch ein ‚Outing‘ keine Vorurteile entgegenschlagen und uns keine gesellschaftlichen Nachteile daraus erwachsen würden. Es liegt daher nahe, dass wenn wir zu einem ‚Outing‘ gezwungen werden, dieses erhebliche Folgen für uns bedeuten würde.

Vertrauensvolle Beratung statt Zwangsuntersuchung

Die Verfasserinnen dieses Briefes sind selbstbestimmte Sexarbeiter*innen und wir wissen, dass wir nicht vor unserer Tätigkeit geschützt werden müssen. Aber wir wissen auch, dass dieser Arbeitsbereich nicht einfach zu fassen und einzuordnen ist, denn die Arbeits- und Lebensbedingungen, einschließlich der Möglichkeiten der Selbstbestimmung von Menschen in der Sexarbeit sind sehr unterschiedlich.

Auf Bundesebene regelt das ProstSchG bereits seit Juli 2017 die Registrierung von Prostitutionsstätten und verlangt die behördliche Anmeldung von Sexarbeiter*innen. Um die Anmeldung vornehmen zu können, müssen Sexarbeiter*innen sich im Vorfeld gesundheitlich beraten lassen – unter 21-Jährige alle sechs, Ältere alle zwölf Monate. Bei der Anmeldung erhalten Sexdienstleister*innen einen Ausweis, auf dem Name bzw. Aliasname, Geburtsdatum und -ort sowie Staatsangehörigkeit vermerkt sind. Auf der Vorderseite ist vermerkt, dass eine Tätigkeit nach PostSchG angemeldet wurde. Der Ausweis kann auch auf einen Aliasnamen ausgestellt werden, ist jedoch mit einem Lichtbild versehen, womit der Schutz durch den Künstlernamen aufgehoben wird.

Das Gesetz und die Anmeldung sollen vermeintlich das Selbstbestimmungsrecht von Sexarbeiter*innen stärken und sie vor Ausbeutung sowie Kriminalität wie Menschenhandel, Gewalt und Zuhälterei schützen.

Bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes haben verschiedene Institutionen und Experten schwere Kritik daran geäußert, da eben die Anmeldung und die Zwangsberatung beim Gesundheitsamt jedem Schutzgedanken entgegenstehen. Denn das Tätigkeitsfeld der erotischen und sexuellen Dienstleistungen unterliegt nach wie vor einem starkem Stigma und den als Sexdienstleister*in tätigen Personen werden verschiedenste Vorurteile entgegengebracht. Daher sind diese Personen häufig darauf angewiesen, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Dies kommt auch im Entwurf des ProstSchG zur Sprache. Insbesondere müssen wirkungsvollere Schritte gegen Menschenhandel ergriffen werden, aber dafür sehen wir im verabschiedeten Gesetz keinen zielführenden Ansatzpunkt. Vielmehr macht es den Eindruck, dass es die Gesellschaft vor Prostitution schützen soll, anstatt den Sexarbeiter*innen Schutz zu bieten.

Um vor Ausbeutung und Kriminalität zu schützen, helfen keine Zwangsmaßnahmen. Vielmehr ist der umfassende Ausbau niederschwelliger und kostenloser Beratungsangebote der Schlüssel, um entsprechendes Vertrauen aufzubauen. Nur damit sind Personen, die sich in einer Zwangslage oder ausbeuterischem Verhältnis befinden, in der Lage, sich zu öffnen und entsprechende Unterstützung anzunehmen.

Sexarbeitende werden durch das ProstSchG unter einen Generalverdacht gestellt, die Ausübung ihrer Tätigkeit könne nicht bewusst gewollt und freiwillig ausgeübt sein. Sowohl die Beratungs-, als auch die Anmeldepflicht schränken massiv und in unzulässiger Weise in das grundgesetzlich geschützte Persönlichkeitsrecht ein und stehen damit dem leitenden Artikel des Grundgesetzes, nachdem die Würde des Menschen unantastbar ist, entgegen.

Wir möchten in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. sowie dem Arbeitskreis Sexarbeit in Leipzig darauf aufmerksam machen, dass man bei einem so hochsensiblen Thema nicht leichtfertig derartige Aussagen treffen sollte. Statt Stigmatisierung fordern wir, mit uns in Dialog zu treten, um gemeinsam zielführende und der Lebenswirklichkeit der Betroffenen entsprechende Gesetze zu gestalten, die im Gegensatz zu unbrauchbaren Moralkeulen dem 21. Jahrhundert angemessen sind.

Von Ihrer Seite erwarten wir eine Stellungnahme
und verbleiben mit freundlichen Grüßen,
Lydia und Violett
Sexarbeiterinnen in Leipzig

 


1) https://www.mdr.de/mediathek/suche/video-174072_zc-f24cd3d3_zs-20a70875.html

Dieser Text wurde von unserem Mitglied Maria van Daarten entdeckt und übersetzt.

Von Zi Teng *Sex workers concern group* aus Honkong
17 December 2017

>>Zum 15ten internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen können wir eigne Resultate veröffentlichen, weil viele Sexarbeiter*innen den Mut hatten, Missstände aufzuzeigen und sich für ihr Rechte zu erheben.

Zum Beispiel wurde ein Mann der eine Sexarbeiter*in mit Nacktfotos erpresst hat, für 10 Monate ins Gefängnis gesteckt. – Ein anderer Mann, der eine Sexarbeiter*in vergewaltigt und ausgeraubt hat, bekam eine Gefängnisstrafe von 11 Jahren. Das zeigt nicht nur, dass Gerichte Sexarbeiter_innen beschützen wollen, sondern auch, dass Sexarbeiter*innen nicht schwach und machtlos sind. Sie müssen sich nur trauen, eine Straftat anzuzeigen. Dann werden nicht nur die Verbrecher bestraft, sondern sie stärken gleichzeitig ihre Rechte!

Die Einstellung der Polizei Sexarbeitern gegenüber spielt dabei eine große Rolle, wenn wir wollen, dass Verbrecher vor Gericht kommen und bestraft werden. Wenn sie Sexarbeiter*innen gleichgültig gegenüberstehen oder sie als minderwertig betrachten, kommt es vor, dass sie die Verbrecher laufen lassen, oder sie legen den Sexarbeiter*innen sogar nahe, ihre Anzeige zurückzuziehen. Das wiederum ermutigt diese Verbrecher, Sexarbeiter*innen schlecht zu behandeln und auch, ihnen Gewalt anzutun. – 2015 gab es genau einen einzigen Fall, in dem der Polizei vorgeworfen wurde, eine Anzeige zurückgewiesen zu haben. – 2017 waren es schon 11 Fälle. Das hat sichtlich zugenommen!
Wir sind der Überzeugung, dass es die Pflicht der Polizei ist, die Ordnung der Gesellschaft zu erhalten und diejenigen, die das Gesetz brechen vors Gericht zu stellen und nicht Sexarbeiter*innen dazu zu drängen, ihre Anzeigen zurück zu ziehen! – Anstatt Reporte von Sexarbeiter*innen zu ignorieren, sollten die Polizeivollzugsbeamten ihre Anzeigen ernst nehmen und verfolgen.

Wir fordern, Polizeibeamte zu bestrafen, die ihre Macht missbrauchen und leichtsinnig & verantwortungslos mit dem Gesetz umgehen. – Das ist wichtig, um das Vertrauen in die Polizei und ihre Disziplin wieder herzustellen.<<

Unser Mitglied Kristina Marlen wurde fürs Radio interviewt und hat etwas für Sexarbeitende Typisches erlebt.
Dieser offene Brief macht die Problematik deutlich.

Am 12.12.2017 um 19h wird das Interview gesendet: “WDR 2 Jörg Thadeusz”

Berlin, den 10.12. 2017

Hallo Jörg,

am letzten Mittwoch hatten wir ein Interview gemeinsam im ARD Hauptstadtstudio.
Danke nochmal für die Einladung. Es hat mich gefreut, Dich kennenzulernen.

Es sind nun ein paar Tage vergangen und aus gegebenem Anlass möchte ich Dir ein Feedback zu diesem Gespräch geben.
Als Überschrift möchte ich formulieren:
„Instant-Ratgeber für Journalisten im Umgang mit Sexarbeiter*innen“
oder
„Fragen die Du Sexarbeiter*innen nicht stellen solltest – und warum“.

Dein Redakteur hatte mir vor Beginn des Interviews einen Fragenkatalog geschickt. Er hatte sich ziemlich gut, wie ich finde, mit meiner Arbeit auseinandergesetzt und hat mir Fragen gestellt, die auch für mich neu waren und die ich spannend fand. Es hat mir Spass gemacht, darüber nachzudenken und hab mich auf das Interview gefreut, denn neue Blickwinkel sind wichtig für die Debatte um Sexarbeit . Sexualität ist ein Tabu, dem ich mich gerne öffentlich stelle, denn Zensur und Verklemmtheit haben noch keinen Diskurs weitergebracht.

Ich frage mich jedoch, warum Du diesen Fragenkatalog nicht ansatzweise genutzt hast. Zu meiner Überraschung kanntest Du die Fragen nicht einmal. Ich bin ein Mensch, der sich tatsächlich auf Gespräche vorbereitet. Ich ging davon aus, Themen des Gesprächs seien:
weibliche Kundschaft, die Frage nach erfüllter Sexualität für alle Geschlechter, die Magie von BDSM und auch politische Aspekte von Sexarbeit.

Es erschien mir, als seien es eher Deine persönlichen Fragen zu meinem aufregenden Job, die das Gespräch dominiert haben. Sich intuitiv durch ein Gespräch treiben zu lassen, ist ein legitimer Interviewstil. Aber auch hier spricht nichts gegen etwas Vorbereitung aufs Thema- und seine Fallen.

Ich habe in einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht erwartet, dass ich mich gegen die üblichen Fragen wappnen muss, die nerven. Ich nenne sie jetzt einfach mal die „Oh-Lala“ Fragen. Wenn es keine Möglichkeit gibt, in offener, unaufgeregter Weise über Sexualität zu sprechen, dann passiert der “Oh-lala“ Effekt. Der bewegt sich zwischen Anzüglichkeit, Unsicherheit und Distanzlosigkeit. Er mündet leider allzu häufig in offenem Sexismus. Wenn ich mich mit YellowPress verabrede, rechne ich damit und gebe mich entsprechend schlagfertig oder treffe andere Vorsichtsmassnahmen.

Es gibt Gründe, warum Sexarbeiter*innen den Kontakt zu Medien meiden. Grund sind sensationslüsterne, grenzüberschreitende Fragestellungen, die nicht zum Thema gehören, respektlos sind und damit das Hurenstigma reproduzieren.

Du hast das nicht direkt gemacht. Aber indirekt. Ich möchte Dich darauf hinweisen, weil ich eine Sensibilisierung für Journalist*innen für gut halte.
Einige dieser üblichen Fragen sind zum Beispiel (bitte erlaube mir, an dieser Stelle zuzuspitzen)

-Wie hat die kleine Physiotherapeutin denn plötzlich angefangen, schmutziges, geiles Zeug zu machen?
Es ist legitim, mich zu fragen, wie ich zu meiner Arbeit gekommen bin. Die Art, wie Du insistiert hast um zu erfahren, wie „es“ passiert ist, kann ich nur als Kundenfantasie lesen.
Zum Glück hat Dein Team das Interview gut geschnitten. Um im Radio Dirty Talk zu machen, hätte das Gespräch besser (oder überhaupt) bezahlt sein müssen.

– Macht sie „Es“ denn nun wirklich? Kannst Du mich wirklich, wirklich ficken, wenn du mich bezahlst?
Dass das die Hauptfrage ist, die sich Dir stellt, nachdem Du meine Website liest, sei dahingestellt. Es lässt auf ein Verständnis von Sexualität schliessen, dass weit verbreitet ist und davon ausgeht, dass nur „Penis-in-Vagina“ Sex sei.
Ein Großteil meiner Arbeit dreht sich darum, dieses Verständnis von Sexualität zu erweitern. Schade, dass wir die Chance verpasst haben, darüber zu sprechen. Auch schade für die Hörer*innen.

– Was machst Du, wenn Du keine „Lust“ hast? Was soll diese Frage – zu Ende gedacht?
Was soll ich darauf antworten? „Nein, weißt Du- ich bin dauergeil?“
Ich habe gesehen, dass Du auch Gregor Gysi, Peter Maffay und Katja Kipping bei Dir in der Sendung hattest. Hast Du die auch gefragt, ob sie manchmal keine Lust haben, zu arbeiten? Wäre die Frage spannend gewesen?

-Was ist das aufregendste Angebot, das Du hast?
Detailgenaue Beschreibungen meiner Sessions habe ich abgewendet. Begründung: siehe oben, Bezahlung. Ich führe unzählige Gespräche am Telefon und weiss genau, wann jemand sich bereits die Befriedigung im Gespräch holt.

– Last but not least, ein Hinweis: es gibt Frauen, die Frauen begehren. Als es um weibliche Kundschaft ging, war es mir einen Moment so, als sei Dir das nicht geläufig. Frauen, die nicht heterosexuell lieben, sind nicht nur „Grenzgängerinnen“ oder suchen das Abenteuer, sondern sind vielleicht einfach lesbisch.

Ich bin total offen, über die Themen zu sprechen, die hinter Deinen Fragen stehen. Wahrscheinlich interessieren genau diese Fragen einen großen Teil des Publikums wenn es um Sexarbeit geht. Penetration zum Beispiel ist meiner Arbeit ja nicht einmal ein Tabu. Die Frage, wie ich Nähe, Sexualität und Intimität mit Menschen haben kann, unabhängig von meiner persönlichen Befindlichkeit, auch. Aber Deine professionelle Aufgabe als Journalist ist, mit mir als Expertin ein Gespräch über diese Brennpunkte zu beginnen, anstatt mir über die Gebühr persönliche und detailgenaue Fragen zu stellen.
Du hast im Gespräch das lustige Rollenspiel entwickelt, Du seist mein Kunde und wolltest meine Dienste in Anspruch nehmen. Ich hatte während des Gesprächs tatsächlich manchmal das Gefühl, genau dies sei der Fall- einen Kunden den ich, wäre er am Telefon gewesen, erstmal in seine Schranken gewiesen hätte.
Da ich aber im Radio gern auch Haltung bewahre, habe ich das nicht getan, denn es geht mir ja darum, Inhalte zu transportieren. Nun ärgere ich mich über meine unerschütterliche Höflichkeit, denn eigentlich hätte meine Reaktion mehr Wehrhaftigkeit erfordert.

Das wollte ich hiermit nachholen und hoffe, dass Du im Umgang mit der nächsten Sexarbeiterin etwas achtsamer bist – und besser vorbereitet.

Vielen Dank
und
mit herzlichen Grüßen
Marlen

PS: Noch ein Lob: Ansonsten finde ich es prima, dass der WDR diese Themen mit größerer Selbstverständlichkeit ins Programm holt. Ich wünsche mir genau jene Unverkrampftheit, die wahrscheinich auch Ziel des Gespräches war. Ich möchte, dass eher mehr Fragen als weniger gestellt werden und all Deine gehören dazu! Ich möchte mich als Gesprächspartnerin aber auch entspannnen können. Deshalb lies doch meine Email einfach als Hinweis für die Zukunft.