Dieser Beitrag stammt aus dem Blog von BesD-Mitglied Ruby, die im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Red Umbrella Struggles” als Sprecherin eingeladen war. Die Ausstellung ist noch bis 23. Juni diesen Jahres im Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg zu sehen. 

Vor einigen Monaten las ich im Forum des Berufsverbandes eine Anfrage, wo nach einer Referent*in gesucht wurde, die anlässlich einer Gruppenausstellung mit internationaler Beteiligung bereit wäre, einen Input zum Thema Sexarbeit zu geben.

Nach einem total interessanten Telefonat mit Herrn Blum, der für die Städtischen Museen in Oldenburg tätig ist, entschied ich mich dazu, teilzunehmen.

Ich hatte nur sehr nebelhafte Vorstellungen davon, was mich erwarten würde. Medienkunst, Installationen, kollaborative Arbeitsweise, die Verbindung von Sexarbeit und Kunst, das klang alles irgendwie spannend, mir fehlte aber komplett eine Idee, wie das gelingen könnte und ja, ich war auch skeptisch, ob das irgendwie hochtrabend oder überkandidelt sein würde.

Als ich gestern die Ausstellung vor der Veranstaltung besuchte, kam es ganz anders. Die Ausstellung macht mich stolz, stolz auf meine Arbeit, stolz auf die Hurenbewegung und stolz auf die Künstler*innen, die sich getraut haben, mal genauer hinzuschauen.

Die Arbeiten sind meist Kollaborationen zwischen SexWorkern und Künstler*innen. Petra Bauer, die Stipendiatin des Edith-Russ-Haus für Mendienkunst ist, hat mit SCOT-PEP, der schottischen Sexworkergewerkschaft eine Installation geschaffen. Über zwei Leinwänden hängt das wunderbare Banner von SCOT-PEP, also direkt vor der Nase von jedem Besucher der Ausstellung.

Das Banner ruft zur Einheit der SexWorker auf. Petra Bauer hat zwei Leinwände dazu gruppiert, auf der einen wird historisches Filmmaterial gezeigt: zum einen die Besetzung der Kirche 1975 in Lyon von 200 Sexarbeiterinnen von Carole Roussopoulos mit Les Prostituées de Lyon Parlent sowie der Film von Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, die die Sexarbeiterin Jeanne in ihrem Alltag zeigt.

Auf der anderen großen Leinwand zeigt die Schwedin Petra Bauer ihren Film WORKERS!, in dem Angehörige von SCOT-PEP einen Tag lang den schottischen Gewerkschaftskongress für ihre Arbeit nutzen. Die Aneignung dieses offiziellen Gebäudes macht sofort den Anspruch der Organisation klar, nämlich die Rechte von Sexarbeitenden auf Augenhöhe mit anderen Arbeiter*innen zu verteidigen. Manche Akteur*innen wollen unerkannt bleiben, andere schützen ihre Gesichter mit dem roten Regenschirm, manche zeigen sich der Kamera komplett. Petra Bauers Film ist sehr nah dran und schafft durch die Kameraführung das Gefühl, Teil der Versammlung zu sein.

Zwischen den beiden Leinwänden ist ein Seminartisch aufgestellt worden mit aktueller Literatur und Pads zur Hurenbewegung. Es lädt ein, sich an den Tisch zu setzen und ins Thema einzusteigen.

5 weitere Arbeiten werden in der Ausstellung gezeigt. Besonders spannend für mich war dabei der slowenische Künstler Tadej Pogačar, der 2001 auf der Biennale von Venedig einen Pavillon für den ersten Weltkongress der Sexarbeitenden nutzte, aus dem dann auch der RED UMBRELLA MARCH resultierte. Von diesem Zeitpunkt an war der rote Regenschirm fest als das Symbol unserer Bewegung installiert. Es folgten weitere Aktionen bis heute. Der Oberbegriff für diese Installationen ist CODE:RED, unter diesem Titel begann Tadej Pogačar 1999 sein partizipatorisches Langzeit-Projekt, das eine Art Plattform für Expert*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Sexarbeiter*innen darstellt. Es gab CODE:RED-Beiträge in Zagreb, Bangkok, Madrid und Sao Paolo. In Brasilien gab es die Aktion mit dem Modelabel DASPU, das eine Kollektion von Sexarbeitenden entwerfen und präsentieren ließ. Zusammengearbeitet hat Pogačar dort mit Davida, einer brasilianischen NGO, die sich mit den Rechten von Sexarbeitenden befasst.

Neben der spannenden Ausstellung hatten wir eine absolut anregende Diskussion. Doro von Phönix e.V. und ihre Kollegin und ich unterstützen den Rundgang durch die Ausstellung mit Einwürfen, Ergänzungen und Anmerkungen. Bei dem schon vorgestellten Werk von Petra Bauer kam mir natürlich gleich der Hurenkongress in den Sinn, wo wir ja auch ein etabliertes Gebäude zwei Tage lang für unsere Themen mit Beschlag belegten, und bei CODE:RED kam dann auch das Schwarmkunstprojekt STRICH:CODE:MOVE zu Wort. Wir haben uns mit den Veranstaltungsbesuchern über Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen unterhalten, über das allgegenwärtige Stigma, die Situation mit dem ProstSchG und unsere Vernetzung in der Bewegung.

Eine Dame warf manchmal stark aggressiv immer wieder Zitate von Alice Schwarzer ein, fragte mich, was den Sex für mich persönlich sei und wie ich es wagen könne, für Frischfleisch, Menschenhandel und die Frau als Ware ganz andere Sichtweisen und Perspektiven zu haben. Es ging also hoch her. Mich hat das Publikum begeistert, das sehr rege mitdiskutiert hat. Die Besucher*innen bleiben immer reflektiert, und interessiert. Sie wollten Zusammenhänge besser verstehen und konnten auch für Außenstehende schwierige Zusammenhänge gut aushalten.

Solche Veranstaltungen nutzen uns, glaube ich, viel mehr als irgendwelche Schlagzeilen in den Massenmedien. Es war ein grandioser Abend mitten in der norddeutschen Provinz und ich habe viele Anregungen für meinen eigenen Aktivismus mitgegangen. In diesen tristen Zeiten ein echter Lichtblick!

Danke an das Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das Team vor Ort und an die Kolleg*innen von Phönix e.V.

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Susi recherchiert und erstellt. Er ist am 28. Februar 2019 im kaufmich-Magazin erschienen.

Wenig ist bekannt über die Rolle, die Prostituierte im Deutschen Widerstand spielten. Wie konnte es sein, daß Frauen, selbst diskriminiert und kriminalisiert, bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens anderen Menschen zu helfen? Es sind stille Heldinnen.

Eine fast unbekannte Geschichte

In diesem Beitrag geht es um eine fast unbekannte Geschichte über die „stillen Heldinnen“, deren Lebensleistung bis heute kaum bekannt und anerkannt ist. Sie heißen Hedwig Porschütz, Dora, Mary und Muttchen, Fräulein Schmidt und Charlotte Erxleben, die eines eint. Sie sind allesamt Prostituierte gewesen und haben als berühmte Huren deshalb Platz im Magazin. Ich habe mich auf die Suche nach diesen stillen Heldinnen gemacht und stelle euch einige vor. Leider gibt die Quellenlage nicht viel her, denn die meisten Helfer und Helferinnen sind nach 1945 verstummt, die meisten Zeitzeugen inzwischen verstorben.

Der deutsche Widerstand gegen das Nazi-Regime ist ziemlich gut erforscht. Menschen leisteten aus unterschiedlichen Gründen Widerstand und setzten damit ihr eigenes Leben aufs Spiel. Einige handelten aus Christenpflicht, andere weil sie pazifistisch oder patriotisch waren. Andere verfolgten auch selbstsüchtige Motive. Menschlichkeit und Solidarität zeichnete sie alle aus. Die meisten Helfer und Helferinnen stammten aus einfachen Verhältnissen.

Holocaust bei vielen jungen Deutschen unbekannt

Berühmt ist immerhin der Retter Oskar Schindler durch die Oskar prämierte Verfilmung von „Schindlers Liste“, ein Film, der eigentlich Bestandteil jeden Schulunterrichts sein sollte. Immerhin, so zeigen aktuelle Umfragen, ist der Holocaust bei 40% der jungen Deutschen nahezu unbekannt!

Zum Widerstand gehörten nicht nur das Schreiben und Verteilen von Flugblättern und spektakuläre Attentatsversuche, sondern die Arbeit der „stillen Helden“. Sie organisierten Verstecke, Lebensmittel und gefälschte Papiere, und ermöglichten Menschen das Leben im Untergrund und damit ihr Überleben.

Nach 1945 wurde die Rettung verfolgter Juden kaum als Widerstandshandlung anerkannt. Auch weil die meisten Helfer schwiegen. Im Jahr 1958 wandelte sich das Blatt und der Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) begann mit der Ehrung solcher „unbesungenen Helden“. Etwa 1500 von ihnen stellten Anträge. Mehr als die Hälfte wurde abgelehnt. Jene, die anerkannt wurden, erhielten eine Ehrung und eine kleine finanzielle Zuwendung.

Die stille Heldin Hedwig Porschütz

Auch von Hedwig Porschütz wurde der Antrag abgelehnt. Viel ist über diese Frau nicht bekannt, es gibt auch kein Foto von ihr. Hedwig Porschütz war verheiratet und arbeitete als Stenotypistin, später in der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt in Berlin. Zuvor war sie jedoch arbeitslos geworden und und arbeitete eine Zeitlang als Prostituierte, was ihr später zum Verhängnis werden sollte. 1934 wurde sie wegen Erpressung zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt.

Seit 1940 hatte Hedwig Porschütz Kontakt zu dem Bürstenfabrikanten Otto Weidt. Es entwickelte sich eine sehr vertraute Beziehung. Um Otto Weidt herum entstand ein Netzwerk aus Helfern. Dazu zählte Hedwig Porschütz, die ja vorbestraft war, sich jedoch an vielen Hilfs- und Rettungsaktionen beteiligte. Sie organisierte alle möglichen Waren auf dem Schwarzmarkt, die nicht nur für Menschen in Not waren, sondern auch der Bestechung von Gestapo Beamten dienten. Dies war unabdingbar, da Weidt dadurch die bei ihm beschäftigten Juden vor der Deportation schützen wollte.

Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge die Wohnung verlassen

Sie besorgte nicht nur Waren, Lebensmittel und falsche Papiere, sondern versteckte Juden in ihrer kleinen Mansardenwohnung in der Nähe vom Berliner Alexanderplatz. So auch die Schwestern Marianne und Anneliese Bernstein. Einige versteckte sie später auch in der Wohnung ihrer Mutter. Sie hatte noch ein paar Stammfreier aus alten Zeiten, die sie besuchten. Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge aber die Wohnung verlassen.

Als die Situation nach einer Polizeiaktion in der Nachbarwohnung zu brenzlig wurde, versteckte sie ihre Schützlinge in einem neuen Versteck und versorgte sie weiter mit Lebensmitteln. Die Bernsteins überlebten und emigrierten später in die USA.

Zeitweise beherbergte Hedwig Porschütz vier untergetauchte Juden. Neben den Bernsteins auch Grete Seelig und ihre Nichte Lucie Ballhorn, die sie später bei ihrer Mutter unterbrachte. Grete Seelig überlebte, aber Lucie Ballhorn wurde 1943 festgenommen und nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Schwarzmarktgeschäfte waren gefährlich

Auch bei einer Lebensmittelaktion ins Ghetto Theresienstadt half Hedwig Porschütz Otto Weidt. Mehr als 150 Lebensmittelpakete wurden so an verschleppte ArbeiterInnen und ihre Angehörigen und Freunde verschickt. Viele dieser Lebensmittel konnten nur auf dem Schwarzmarkt besorgt werden. Eine gefährliche Arbeit, die Hedwig Porschütz da übernahm. Die meisten der Empfänger überlebten nicht. Es sind nur drei bekannte Paketempfänger bekannt, die überlebten.

Ihre Schwarzmarktgeschäfte wurden Hedwig Porschütz zum Verhängnis. Sie flog auf, als ein Bekannter in die Fänge der Polizei geriet, nachdem er versuchte, mit Fleischmarken von Porschütz Speck zu kaufen. Im September 1944 wurde Porschütz inhaftiert und man verhängte gegen sie eine Zuchthausstrafe von eineinhalb Jahren.

Gewerbsmäßige Unzucht

Dabei kam auch ihr Lebenswandel zur Sprache und man warf ihr vor, in früheren Jahren „der gewerbsmäßigen Unzucht“ – also der Prostitution – nachgegangen zu sein. Auch warf man ihr vor, „wahllosen“ Umgang mit Männern unterhalten zu haben, obwohl sie doch mittlerweile ein geregeltes Einkommen als Stenotypistin bezog. Sie kam ins Zuchthaus und wurde am 7. Mai 1945 entlassen. Zurück in Berlin, war von ihrer alten Wohnung nach einem Bombenangriff nichts mehr übrig und sie zog in die Feurigstrasse 43 nach Schöneberg. Sie und ihr Mann, ein Kriegsheimkehrer, lebten daraufhin in ärmlichen Verhältnissen. Beide waren chronisch krank waren und ihr Mann hatte nur unregelmäßig Arbeit.

1956 stellte Hedwig Porschütz einen Antrag auf Anerkennung als politisch Verfolgte beim Berliner Entschädigungsamt, der jedoch drei Jahre später abgelehnt wurde. Hier wurde argumentiert, daß die Hilfe für verfolgte Juden keine Widerstandshandlung sei. Außerdem wurde ihr vorgeworfen, daß sie sich mit ihren Schwarzmarktgeschäften sogenannter „Kriegswirtschaftsverbrechen“ schuldig gemacht habe. Auch ihre Vergangenheit als Prostituierte wurde ihr vorgehalten, indem die „Begleitumstände auf ein derartig niedriges sittliches und moralisches Niveau“ schliessen ließen. Die Anerkennung als politisch Verfolgte sei ein Ehrendokument und könne „nur für entsprechende Persönlichkeiten ausgestellt werden.“ Hier folgte das Amt dem NS-Sondergericht. Porschütz konnte dazu nicht einmal Stellung nehmen.

Anträge auf Anerkennung wurden abgelehnt

Auch ein weiterer Antrag im Herbst 1958 wurde abgelehnt. Hier stellte sie einen Antrag auf Beihilfe aus dem Fonds „Unbesungene Helden“.  Auch hier wurde wieder mit einem „derart niedrigen sittlichen und moralischen Niveau der Frau Porschütz“ argumentiert, weil sie in früheren Jahren der „gewerbsmäßigen Unzucht“ nachgegangen und „trotz ihrer Ehe wahllos Umgang mit fremden Männern unterhalten“ habe. Die gleiche Argumentation wie während der Nazi-Zeit. Hedwig Porschütz befand sich in den späten 50er Jahren in einer verzweifelten Lebenssituation.

Sie starb 1977 in einem Berliner Altersheim. Am 3. Juni 2011 wurde das “Schandurteil” gegen Hedwig Porschütz von der Staatsanwaltschaft Berlin aufgehoben, mit der Begründung, daß die „Richter des Sondergerichtshofs sich nicht als Rechtsanwender verstanden, sondern als Bestandteil einer ‚Kampftruppe‘ und als politische Kämpfer für Hitler.“

Späte Rehabilitation

Im November 2010 wurde Hedwig Porschütz im Rahmen des Berliner Gedenktafelprogramms geehrt und ihr Name sowie die Lebensdaten erscheinen seit dem 13. November 2012 auf einer Tafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Feurigstrasse.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte hat Hedwig Porschütz als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und 2015 fand für sie in der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin eine Gedenkveranstaltung statt.

Die Schmidtchen und das Muttchen

Allerdings ist Hedwig Porschütz nicht die einzige Prostituierte, die Widerstand leistete. Ich bin bei meinen Recherchen noch auf weitere Frauen gestoßen, die ich Euch kurz vorstellen möchte. Allerdings ist auch hier die Quellenlage denkbar schlecht und alle Infos dazu nur über Augenzeugenberichte überliefert, und von Menschen, die gerettet wurden.

In den Erinnerungen des untergetauchten Juden Gad Beck wird eine Prostitutierte adligen Ursprungs erwähnt: Fräulein Schmidt, die in ihrer Wohnung Juden versteckte. „Schmidtchen“, wie sie zärtlich genannt wurde, war auch dabei behilflich, eine Adressliste mit 36 Untergetauchten zu rekonstruieren, die in Lebensgefahr schwebten. Auf dem Fahrrad fuhr Schmidtchen in die Nacht hinaus und suchte alle einzeln auf, um sie vor der Gestapo zu warnen.

Fräulein Schmidt arbeitete mit anderen Prostituierten an ihrem Stammplatz am Alex, der Mexiko-Bar, eine der miesesten Treffpunkte der Stadt. Ihre Freier nahmen sie mit aufs Zimmer. Dazu diente u.a. die Zimmervermietung von der geschäftstüchtigen Frau Szimke aus der Nachbarschaft, die auch eine Hauptlieferantin für Lebensmittel vom Schwarzmarkt war. Schmidtchen war eine rundliche Frau, eher der mütterliche Typ. Zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte vierzig, mit blondierten und ondulierten Haaren.

Dann ist da noch Dora, eine Berliner Prostituierte, die ihre Wohnung der Familie Frankenstein während der letzten Kriegszeit überließ. Mehr als der Name „Dora“ ist nicht bekannt. Dies ist auch der Name, unter dem sie bei ihren Freiern bekannt war. Dora begegneten die Frankensteins bei der Bordellbetreiberin Mary, wo sie zunächst Unterschlupf fanden. Gegen eine hohe Mietforderung brachte Mary die Frankensteins in ihrer Kellerwohnung unter, später zerstört durch einen Bombenangriff. Die Frankensteins entkamen aus den Trümmern und trafen dabei Dora, der sie sich anvertrauten, daß sie Juden und illegal sind. Dora überläßt der Familie den Schlüssel ihrer Kreuzberger Wohnung, wo sie bis Kriegsende ausharrten. Der Kontakt zu Dora und Mary riß danach ab.

Überleben im Bordell

Ein Bordell spielt auch eine Rolle in einem weiteren Fall einer Prostituierten und Zimmervermieterin, die Juden versteckte. Hier wissen wir den vollständigen Namen. Es ist Charlotte Anna Maria Erxleben aus Greifswald, die mit einem kleinen Erbe ausgestattet, eine Privatpension in Berlin Mitte eröffnete. Dort brachte sie u.a. Leonhard Frankenthal unter, der bei ihr zwischen 1940 und Kriegsende mehrfach Unterschlupf fand und den sie mit Lebensmitteln versorgte. Auch Fritz Walter, ein Flüchtling aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, fand bei Erxleben Unterschlupf. Er lebte illegal und mit falschen Papieren im Bordell.

Charlotte Erxleben führte einen gehobenen Salon, ein Grund, warum sie bis 1943 weitgehend unbehelligt ihren Schützlingen Hilfe zukommen lassen konnte. Das Bordell hatte auch den Vorteil, daß die Verfolgten als Kunden getarnt waren und zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und gehen konnten. Denunziert durch eine “Kollegin”, erfuhr die Gestapo, daß sich im Bordell Personen versteckt hielten. Obwohl Charlotte beim Verhör geschlagen und mißhandelt wurde, verpfiff sie ihre Schützlinge nicht. Sie nutzte dazu sogar ihre Tätigkeit als Prostituierte, um sie zu decken:. Sie verneinte, Juden versteckt zu haben. Schließlich müsse sie ja wissen, ob jemand ein Jude sei oder nicht, wenn er also beschnitten ist. Obwohl das Bordell wegen ständiger Hausdurchsuchungen nicht mehr als Unterschlupf dienen konnte, versorgte sie weiterhin ihre Schützlinge mit Lebensmitteln. Dazu zählten nicht nur Fritz Walter, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, sondern auch Helene Bierbaum, die Familie Heinz sowie ein Rabbiner.

Als unbesungene Heldin geehrt

Durch den Krieg verlor Charlotte Erxleben ihre Pension und ihr Vermögen und war später auf Sozialhilfe angewiesen. 1953 reichte sie einen Antrag auf Entschädigung beim Entschädigungsamt Berlin ein. Sie erhielt eine Ablehnung. 1959 stellte sie einen weiteren Antrag auf Ehrung im Rahmen der Aktion „Unbesungene Helden“ des Berliner Senats. Am 19. April 1960 wurde ihr diese Ehrung zuteil, anders als Hedwig Porschütz. Dass Erxleben ihre Schützlinge in einem Bordell versteckte, war dem Senat allerdings verborgen geblieben. Es gab in den offiziellen Anträgen auch keinen Hinweis, daß sie als Prostituierte gearbeitet hatte. Andernfalls wäre ihr diese Ehrung vermutlich ebenfalls versagt geblieben.  Charlotte Erxleben starb am 19. Juli 1981 in Berlin.

In diesem Zusammenhang ist noch eine weitere Prostituierte erwähnenswert, Marta, auch „Muttchen“ genannt, die in den Kellerräumen ihres Bordells in der Berliner Friedrichsgracht gegen Mietzahlung Juden versteckte. Dazu zählte auch Else Krell, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, von denen Muttchen bis zuletzt nicht wußte, dass sie Juden waren, die ebenfalls von Charlotte Erxleben unterstützt wurden. Muttchen wird als Zuhälterin beschrieben, die mehrere Mädchen am laufen hatte, nachdem sie selber nicht mehr anschaffte. Hier stand eher der Geschäftssinn im Vordergrund und weniger die uneigennützige Hilfe von Verfolgten wie bei den anderen hier beschriebenen Frauen. Wie schon eingangs erwähnt, sind die Motivationen, Juden zu helfen und zu verstecken, sehr unterschiedlich. Dazu zählt eben auch die Motivation bei manchen, finanzielle Vorteile für sich heraus zu schlagen.

Helferinnen handelten mit Herz

Muttchen hatte jedenfalls ein hartes Schicksal. Als uneheliches Kind eines Bauernmädchens geboren und zur Feldarbeit gezwungen, erlebte sie in ihrer Kindheit eine lieblose Zeit. Mit sechzehn Jahren kam sie nach Berlin und arbeitete zunächst als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin. Viele Nächte schlief sie auf der Parkbank, weil sie kein Geld für ein Zimmer hatte. Und so landete sie in der Gosse, schlief mit Männern, um überhaupt ein Dach über den Kopf zu haben. Schließlich hatte sie Glück und ergatterte eine Stelle als Portiersfrau und lebte fortan mietfrei. Schließlich vermietete sie auch Zimmer an Juden.

Was sich von allen Helferinnen sagen läßt ist, daß es Leute waren, die meist aus einfachen Verhältnissen stammten: Menschen mit Herz.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Historikerin Barbara Schieb von der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin für Ihre Unterstützung bei meiner Recherche.

 

Meine Quellen:

Johannes Tuchel, Eine Frau in Berlin, DIE ZEIT Nr. 30/2012 v. 19.07.2012

Johannes Tuchel, Hedwig Porschütz, Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihrer Diffamierung nach 1945, Berlin 2010

Wikipedia: Hedwig Porschütz – Deutsche Widerstandskämpferin

Und Gad ging zu David. Die Erinnerungen des Gad Beck 1923-1945, Edition día 2012

Christina Herkommer, Rettung im Bordell, in: Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, Hrsg. v. Wolfgang Benz, Verlag C.H. Beck, München 2003

Else Krell, Wir rannten um unser Leben, Illegalität und Flucht aus Berlin 1943, hrsg. v. Claudia Schoppmann, Publikationen der Gedenkstätte Stille Helden, Band 5, Berlin 2015

In ganz Schweden heißt es seit zwanzig Jahren: „Sexkauf verboten!“. In ganz Schweden? Nein! Eine von unbeugsamen Sexarbeiter*innen getragene Sexworker-Organisation mit dem klingenden Namen Fuckförbundet (zu Deutsch etwa: Fick-Verein) hört nicht auf, gegen die Doppelmoral Widerstand zu leisten …

Dass dieser Widerstand den schwedischen Kolleg*innen alles andere als leicht gemacht wird, zeigt erneut ein kürzlich bekannt gewordener Skandal: Zwei große schwedische Banken wiesen einen Kontoeröffnungsantrag des ehrenamtlichen Interessensverbandes mit fadenscheinigen Erklärungen ab. Fuckförbundet verlor durch die wahrhaft absurde Lage eine bereits bewilligte Förderung, die aufgrund des fehlenden Kontos nie ausgezahlt werden konnte. Der Verein kämpft mit Finanzierungsproblemen in einem Staat, der es Sexarbeiter*innen besonders schwer macht, für ihre Rechte einzutreten.

Fabienne Freymadl, Vorstandsmitglied des BesD und selbst aktive Sexarbeiterin, hat das Gespräch mit der schwedischen NGO gesucht. Das folgende Interview mit Emma von Linné, Mitglied des Lenkungsausschuss bei Fuckförbundet, wurde per Mail geführt und aus dem Englischen übersetzt. 

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Q: Wer oder was ist Fuckförbundet? Wofür steht ihr? 

A: Wir sind ein Peer-to-Peer Netzwerk, das schwedische Sexarbeiter*innen im Inland und Ausland unterstützt. Als Organisation arbeiten wir daran, die öffentliche Meinung zu Sexarbeit sowie den in der Sexarbeit tätigen Menschen zu ändern und eine Gesetzesänderung durchzusetzen.

Q: Kannst du das aktuelle politische Klima beschreiben, in dem ihr derzeit arbeitet? 

A: Schweden ist der Geburtsort des „nordischen“ beziehungsweise „schwedischen Modells“. Schon vor Inkrafttreten des Gesetzes 1999, hat die Regierung dieses für gut befunden und die Einführung auch für andere Länder empfohlen. 2010 erfolgte eine mangelhafte Evaluation, die das Modell als gut befand und alle negativen Auswirkungen des Gesetzes positiv bewertete. 

Wir arbeiten in einem Klima, in dem der Evaluationsbericht von Médecins du Monde (Anmerkung: international tätige humanitäre NGO mit Sitz in Frankreich) zu den Konsequenzen des schwedischen Modells in Frankreich ignoriert wird. Wir arbeiten in einem Klima, in dem Verbündete, die offen zu uns stehen, ihre Arbeitsplätze verlieren. Wir arbeiten in einem Klima, in dem wir nicht einmal ein Bankkonto eröffnen können. 

Q: Bekommt ihr Unterstützung von der schwedischen Regierung oder einer anderen schwedischen Organisation? 

A: Wir gelten als Minderheit, die sich gegen das schwedische Modell ausspricht und die es nicht wert ist, von der Regierung angehört zu werden. Dieselbe Regierung hat erklärt, dass jedwede „Prostitution“ eine Form der Gewalt von Männern gegen Frauen ist. Einige wenige Organisationen unterstützen unsere Standpunkte, aber die bekanntesten sind gegen uns.

Q: Ihr hattet vor kurzem Probleme bei der Eröffnung eines Bankkontos. Kannst du beschreiben, was passiert ist?

A: Bisher haben wir bei zwei großen schwedischen Banken ein Konto beantragt. Eine dritte Bank hat uns darauf hingewiesen, dass wir ihnen erst gar keinen Antrag schicken sollen – denn dieser würde abgelehnt werden. Die erste Bank lehnte uns mit der Begründung ab, dass „unsere Statuten gegen ihre ethischen Richtlinien verstoßen“. Die andere Bank erklärte, dass es ein Problem ist, dass unsere Mitglieder anonym sind – obwohl wir im offiziellen Unternehmensregister der Behörden sind.

Sie sahen außerdem ein Problem darin, dass wir in der Lage sein wollten, Spenden von wohlwollenden Besucher*innen unserer Website, sowie von Mitgliedern zu erhalten, da letztere eben anonym sind. Sie hörten nicht zu, als wir erklärten, dass Mitglieder, die Geld spenden wollen, es mit ihren richtigen Namen über die Website tun müssen – genau so, wie alle anderen.

Q: Was unternehmt ihr jetzt? 

A: Wir haben mit einer Anwaltskanzlei mit Fokus auf Migration und LGBT gesprochen, die uns helfen wollen und unsere Statuten, sowie den Eröffnungsantrag bei der nächsten Bank mit uns durchgehen werden. Eine dänische Organisation wird uns als Mittlerin bei anstehenden Förderungen unterstützen, bis wir unser eigenes Konto bekommen.

Q: Inwiefern schadet die Ablehnung eines Bankkontos dem Verein? 

A: Uns wurde vor über einem Jahr eine Förderung bewilligt, aber wir konnten diese nicht auszahlen lassen. Von den Banken, bei denen wir uns beworben hatten, wurden wir abgelehnt – und zu diesem Zeitpunkt hatten wir auch keine entsprechende Beziehung zu anderen Organisationen, die als Mittler einspringen hätten können. Der Verlust der Förderung bedeutet, dass wir uns Aktivismus und Projekte nicht wie geplant leisten können. Unsere Mitglieder sind uns finanziell zur Hilfe gekommen – ihnen wurde versprochen, dass sie ihr Geld zurückbekommen, sobald wir ein Konto haben.

Die Zeit ist verstrichen, wir konnten keine Lösung finden und die Förderung lief aus. Organisationen, die das schwedische Modell unterstützen, erhalten eine Menge Förderungen und können sich leisten, laut zu sein. Wir werden still gehalten – ohne Förderungen können wir uns nicht leisten, so laut zu sein, wie wir es sein müssten.

Q: Was für eine Art von Unterstützung oder Hilfe braucht ihr? 

A: Wir brauchen internationale Medien, die über die Situation in Schweden berichten und das schwedische Modell kritisieren. Schwedische Medien unterstützen das Modell überwiegend. Wir brauchen Organisationen, die die schwedischen Regierung, die Behörde für Gleichberechtigung und andere schwedische Organisationen dazu drängen, das schwedische Modell zu re-evaluieren.

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In Reaktion auf den Kontakt mit den schwedischen Kolleg*innen hat der BesD eine offene Anfrage an die schwedische Botschaft geschickt – mit unbequemen Fragen. Hier geht es zum korrespondierenden News-Beitrag. 

Diese Rezension wurde von Nadine, unserer Forschungsbeauftragten verfasst:

Dieses Jahr wurden mindestens zwei sehr großartige, wichtige Bücher von Sexarbeiterinnen über unsere praktische sowie politische Arbeit veröffentlichet: „Mein Hurenmanifest“ von Undine de Riviere in Deutschland und „Revolting Prostitutes“ von Juno Mac und Molly Smith in Großbritannien. In beiden Werken wird unter Anderem ausführlich über die Sexarbeitsbewegung in den jeweiligen Ländern erzählt und im zweiten vor allem, die verschiedenen Ansätze des Hurenaktivismus reflektiert. Ich möchte zunächst hinsichtlich meiner eigenen Wahrnehmung und Erfahrung mit Hurenaktivismus in Deutschland, die Ideen von Mac und Smith kritisch kommentieren.

Die Autorinnen sind junge sexarbeitende Aktivistinnen und engagieren sich seit 2009 in der Kollektive Sex Worker Advocacy and Resistance Movement (SWARM) in London. In ihrem Buch wird aus der britischen Perspektive der bisherige Kampf für Sexarbeitsrechte weltweit analysiert und kritisch ausgewertet, anhand von Beispielen von Gesetzesmodellen in verschiedenen Ländern. Im ersten Teil wird die Ideologie des Sexarbeitsaktivismus in Bezug auf die Rolle von Sex und Arbeit in der heutigen Gesellschaft dargelegt. Was die Sexarbeitsbewegungen weltweit gemeinsam haben, ist der Wunsch nach der Entkriminalisierung der Sexarbeit. Aber wie im „Revolting Prostitutes“ klar wird, sind die Ansätze unterschiedlich: Einerseits kann man sich auf die Grundrechte berufen um die Entkriminalisierung der Sexarbeit zu begründen, andererseits kann man sich als reine Arbeiter*innenbewegung präsentieren und die Entkriminalisierung durch das Recht auf mehr Arbeitsrechte als Teilnehmer*innen des Arbeitsmarktes begründen.

Generell vertreten Mac und Smith die marxistisch-inspirierte Meinung, dass Arbeit an sich einen ausbeuterischen Charakter hat und gehen mit diesem Ansatz ihren Aktivismus nach. Außerdem bestehen sie darauf, dass es gefährlich für die Sexarbeitsbewegung sei, mit dem Ansatz zu kämpfen, dass die Sexarbeit einen gesellschaftlichen Wert hätte oder dass die Sexarbeit ein selbstverwirklichender Beruf sein könne. Das würde ihrer Ansicht nach die Erfahrungen der Mehrheit von Sexarbeitenden, die für die Arbeit keinerlei Selbsterfüllung empfinden, sondern lediglich finanzielle Vorteile genießen, vertuschen. Die Bewegung sollte besser auf der arbeitsrechtlichen Schiene bleiben und das als Hauptbegründung für die Entkriminalisierung hervorheben, als sich auf die Grundrechte oder auf Freiheit zu berufen. Warum sich die beiden Ansätze ausschließen müssen wird im Buch leider nicht erläutert. Kann man sich im Kampf für mehr Anerkennung für Sexarbeit nicht sowohl auf die Arbeitsrechte als auch auf die Grundrechte berufen?

Die Autorinnen beschreiben die „Erotic Professionals“ (erotische Profis) als Typ-Aktivistin, die sich gerne auf ihr Recht sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen beruft und das Bild des klassischen „choice feminism“ (freie Wahl-Feminismus) vertritt. Beim Lesen dieser Beschreibung habe ich einige von uns im BesD wiedererkannt, denn viele von uns empfinden eine gewisse Leidenschaft bei unserer Arbeit, auch wenn wir in erster Linie finanziell motiviert sind. Mein Eindruck ist, dass wir das auch bei unseren Presseinterviews und in den Vorträgen, die wir deutschlandweit geben, so ausdrücken. Was ich allerdings problematisch finde, ist der Vergleich der erotischen Profis mit den Abolitionistinnen. Mac and Smith behaupten, dass beide Gruppen die eigentlichen Probleme in der Sexarbeit, nämlich die mangelnden Arbeitsrechte und die oft schlechten Arbeitsbedingungen, vertuschen und stattdessen ein schwarz-weiss Bild von der Sexarbeit propagieren würden, als könnte man nur von glücklichen Huren oder überlebende Opfer sprechen. In dem der Unterschied zwischen selbstbestimmter und nicht-selbstbestimmter Sexarbeit betont wird, würden außerdem erotische Profis dadurch implizit den Ansatz der abolitionistischen Opferhilfe unterstützen, nach dem Motto „Ja, es gibt ein Dunkelfeld, das von Zwang und Ausbeutung geprägt wird und die Betroffenen müssen geholfen werden, aber wir gehören eben nicht dazu.“ Das Argument läuft darauf hinaus, dass wenn wir uns als Sexarbeitsaktivistinnen nicht genug mit dem Thema Menschenhandel beschäftigen, heißt es, dass wir einen Schwamm über die Problematik wischen würden. Das ist glücklicherweise zu kurz gedacht. Der Vorschlag, dass wir uns eindeutiger mit tatsächlichen Opfern von Menschenhandel solidarisieren sollten ist begrüßenswert, aber wenn wir nebenbei auch auf unsere Selbstbestimmungsfähigkeit und unsere Grundrechte hinweisen, heißt das nicht, dass wir das Problem Menschenhandel verharmlosen oder dass wir tatsächliche Opfer übergehen würden.

Die Einstellung, dass Sexarbeit auch eine Berufung sein kann wird als Symptom einer neoliberalistischen Arbeitsethik zynisch eingeordnet. Aber was muss daran so kontrovers sein, Selbstverwirklichung und Erfüllung durch die Arbeit zu empfinden? In unserem Zeitalter und vor allem in der Arbeitsgesellschaft in der wir uns befinden, versuchen wir ja das Beste daraus zu machen und dazu kann doch gerne die Suche nach einer Erwerbstätigkeit, die uns auch ein wenig Freude bereitet, dabei sein. Es muss nicht alles gleich als bedauerliche Reproduktion neoliberalistischer Ideologie abgestempelt werden.

Im letzten Kapitel wird auch über das Ende der Sexarbeit philosophiert, welches die Autorinnen in der Erhöhung arbeitsrechtlicher Standards und vor allem mehr Rechte für Migrantinnen sehen, damit „keine® mehr Sexarbeit machen muss und die Sexarbeit unnötig wird“ (S. 215). Vielleicht hätten sie besser schreiben sollen, damit „keine Arbeit mehr nötig ist und keine® mehr arbeiten muss,“ denn solange das kapitalistische System noch so bleibt wie es ist, in dem der Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen betrieben werden muss um das Lebensunterhalt zu sichern, wird es auch immer das Angebot von erotischen und sexuellen Dienstleistungen geben, unabhängig davon, wie viele Arbeits- und Sozialrechte noch gewonnen werden. Außerdem wird die Nachfrage nach Sex und Erotik auch nicht so schnell verschwinden. Die eigentliche Frage ist, wie Menschen an dieses Bedürfnis oder an dieses Verlangen an sexuellen und erotischen Erlebnissen kommen werden, ob umsonst oder durch Bezahlung. Eine sexpositive Aussicht auf das Ende der Sexarbeit wäre eine Welt in der die Demokratisierung der Lust angestrebt wird, so dass keine® mehr den Sinn darin sehen würde, für sexuelle Dienstleistungen zu bezahlen.

Man darf nicht vergessen, dass der nationale Kontext aus dem die Autorinnen schreiben ein anderer ist als unserer. Auch wenn der Sexkauf und –verkauf nicht verboten sind, werden in Großbritannien leider immer noch Betriebsstätte für sexuelle Dienstleistungen kriminalisiert, was oft schlechte Arbeitsbedingungen und fragwürdige Kundschaft verursacht. Betreiber*innen vermischen sich daher ungerne öffentlich in die Sexarbeitsbewegung und Sexarbeitsaktivistinnen dort erkennen keine gemeinsamen Interessen mit Betreiber*innen, die oft einfach als unterdrückende Kapitalisten gesehen werden. Trotzdem gibt es sehr ähnliche Diskurse innerhalb der deutschen und der britischen Bewegungen, die wir bei unserem Aktivismus reflektieren können. Es ist sinnvoll unser Handeln zu reflektieren und die Bedeutung unserer Ansätze für den Kampf für mehr Rechte zu überdenken. Wir sollten uns aber nicht zu sehr mit diesen Unterschieden beschäftigen, sondern vielmehr die Gemeinsamkeiten unserer Ansätze suchen, um solidarisch zu bleiben.

Zu dieser Rezension hat Mademoiselle Ruby folgenden Beitrag ergänzt:

Also, ich habe ein paar begriffliche Probleme mit dem Beitrag, die ich mal ansprechen möchte. Für all die, die mit der Terminologie rund um dieses Thema Aversionen verbinden, ich kann das gut nachvollziehen, aber finde, wir kommen hier ohne diese Begriffe nicht weiter.

Für mich ist der Ansatz von den Autorinnen nicht „marxistisch inspiriert“ sondern hat relativ wenig mit der sozialistischen Interpretation von Arbeit zu tun. Nicht die Arbeit als solche ist das Problem, sondern deren Entfremdung und die Aneignung durch die herrschende Klasse. Wer das verkürzt darstellt, kommt am Ende auch zu so verkürzten Schlussfolgerungen wie anscheinend in dem Buch. Natürlich steht Sexarbeit heute im gesamtgesellschaftlichen Spannungsfeld des späten Kapitalismus und trägt dadurch Züge von Entfremdung, Ausbeutung und hat – ich bleib mal im Slang: einen deutlichen Klassencharakter. Marx und Engels wollten aber auch nicht die (Sex)Arbeit als solche abschaffen, sondern deren repressiven Charakter und ihre Ausbeutung beheben und gesamtgesellschaftlichen Nutzen generieren, über die Klassen- und Ländergrenzen hinweg.

Die Frage nach Sex und Sexarbeit kann in meinen Augen nicht ohne den sozialen Background der Zeit betrachtet werden. In der spätkapitalistischen Gesellschaft sind Zeit, Nähe, zwischenmenschliche Beziehungen und Wohlstand Privileg oder Mangel“ware“. Sex als Ware unterliegt genau den gleichen miesen Konditionen, wie alle Arbeit und ihre Produkte sonst auch, und wird entsprechend gehandelt. Dennoch ist die Sexualität wie auch die Kreativität ein Grundbedürfnis des Menschen, in denen sich, auch das aus marxistischer Sicht, manchmal ein Freiheitsbegriff abbildet, der seiner Zeit weit voraus ist – Stichwort Avantgarde (bitte ohne die Kulturarroganz, die dieser Begriff leider manchmal impetto hat, verstehen). Es bilden sich dort Bedürfnisse und fast schon Utopien ab, die der Mensch denken kann, weil sie möglich sind.

Manchen von uns Sexworkern gelingt eine gewisse Unabhängigkeit von materiellen Zwängen. Folgt man dem Ansatz von Mac und Smith, dann würden diese Repräsentant*innen nicht weiter für Rechte, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Entfremdung der Ware Sex eintreten, sondern allein durch ihre privilegierte Stellung die anderen, weniger privilegierten Vertreter*innen verhöhnen. Aber das ist doch gar nicht der Fall. Ich denke, wir müssen offen und realistisch sein, sensibilisiert für die Unterschiedlichkeit der Bedingungen die Sexarbeiter*innen weltweit erleben. Eine klare Perspektive sollte nicht sein, die Rechte von Sexarbeiter*innen von denen anderer Arbeiter*innen abzukoppeln sondern zu verstehen, wieso die Situation so scheiße ist, und welche Faktoren uns verbinden.

Die Gefahr ist immer nur noch realpolitisch zu agieren, und wie die Gewerkschaften auf Nachbesserungen zu drängen, ohne aber das Gesamte in Frage zu stellen. Wenn man das macht, kommt man schnell zu diesem Begriff, den auch Marx und Engels schon benannten: Arbeiteraristokratie (kleinbürgerliche Strukturen, die sich anpassen, und nicht an die Kernfrage ran gehen.
Für mich sind also hier die zentralen Frage: Wie vermeidet die weltweite Bewegung von Sexarbeiter*innen (Sex)Arbeiteraristokratie oder ausschließliche Anpassung an die politischen Strukturen? Wie bleiben wir solidarisch und kultivieren nicht unser Privileg?

Das soll nicht heißen, dass wir keine politischen Forderungen mehr stellen, oder keine Nachbesserungen begrüßen, aber es heißt, dass sich die Sexarbeiter*innenbewegung über Perspektiven Gedanken machen müsste.

Dieser Beitrag stammt aus der Feder unseres Mitgliedes Michael König.

Berlin im November 2013: Ein seltenes Vergnügen wurde mir gegönnt. Ich durfte Frau A. Schwarzer für ein paar Sekunden sprachlos erleben. Eben hatte sie in der Urania von der Bühne herab ca. 400 Zuhörer*innen erklärt „alle Freier sollen geächtet werden“. Bevor nun die Meute, so angefeuert, zur Lynchjustiz ausziehen konnte, ließen mich Anzug und Krawatte sowie eine gewisse Routine im „seriös-naiv-dreinschauen“ das Saalmikrophon ergattern. „Meine Kundinnen seien Frauen, ergo weibliche Freier und wie es mit deren Ächtung aussehe?“. Da waren sie, diese köstlichen 5 Sekunden der Sprachlosigkeit. Ein gefühlte süße Ewigkeit. Eine Antwort von A. Schwarzer? – Fehlanzeige. Wir reden hier schließlich über Nichtexistentes. Frauen, die sich sexuelle Erlebnisse kaufen und das bei einem Mann. Doppelter Tabubruch.

Die Erfahrungen mit weiblichen Kundinnen, die ich hier zusammenfasse, beruhen auf meiner nunmehr 12jährigen Arbeit als Tantramasseur. Ich liebe meine Arbeit. Ich bin begeistert von den mutigen Frauen, welche sich in unsere kleine Freiburger Massagepraxis trauen. Sie kommen zu Frauen und zu Männern. Sie machen in etwa 10% unserer Kundschaft aus – mit steigender Tendenz. Ihre Motive – vielfältig wie das Leben und die Lust. Oft benannt:

• Sich wieder als Frau spüren wollen, mit dem ganzen Potential weiblicher Erlebensfähigkeit in der Lust. Was gute anatomische Kenntnisse, professionelles Durchhaltevermögen, menschenfreundliches Einfühlungsvermögen und eine liebevolle, nicht wertende Zugewandheit seitens des Masseurs fordert.

• Die ob dieses Anforderungsprofils überforderten Partner*innen, denen sich Frau nicht mehr zumuten möchte oder kann oder darf (so empfindet sie es, leider). Und sie, die Partner*innen, ihren Frauen empfehlen, es doch mal mit einer Tantramassage zu versuchen. Eine win/win/win Strategie.

• Schlicht der Mangel an geeigneten Partner*innen für sexuelles Erleben und definitiv kein Interesse an mit sexuellem Genuss einhergehenden Beziehungsdeals. Sowie ein ordentliches Päckchen an Frusterlebnissen, gepackt in der Welt der Kontaktbörsen.

• Neugier. Oh ja – die wunderbare Neugier der Weiber. Sie lässt gerne mal die Angst vor dem Tabubruch verblassen. Und bevor das Fürchten sein Stammterrain wiedergewinnt und kultivierter Sexualität den Weg versperrt, ist es zu spät und der entscheidende Schritt schon getan. Dann war es so überraschend wunderbar, dass sich nun die Angst nur noch blamieren kann und rechtschaffen lächerlich macht.

• Ja und auch und nicht zu selten: der Wunsch, ein verloren gegangenes, sinnliches, feminines Wunderland wieder zurückzuerobern. Verloren ging es durch Traumatisierung, Vernachlässigung, körperliche Leiden, eine beschädigte sexuelle Biografie, moralinsaure Erziehung, Stigmatisierung oder schlicht den Mangel an sexueller Kultur. Die Rückeroberung geschieht über unmittelbare körperliche Erfahrung. Auf einem gefühlt dünnen Eis geht es, Schritt für Schritt, zurück zu Mutter Erde‘s heiligen, sicheren und frivolen Boden. Klar geführt am Händchen des Masseurs oder der Masseurin. Gerne in Ergänzung zur Therapie mit Worten.

Das Klischee möchte es gerne so geregelt wissen: Frauen kommen zum Weinen in die Tantramassage, Männer aus Geilheit. So hüllt ein nicht so kleines Seminarzentrum den Kurs zur Yonimassage ( Das ist der Tantrajargon für die Intimmassage der Frau ) sprachlich ein in: „Vom Loslassen, Tränen & tiefer Herzenslust“. Und zur Lingammassage (gleicher Jargon, jetzt der intim berührte Mann) lesen wir dort: “20 Techniken, um ihn lustvoll zu verwöhnen“. Es scheint so, als brauche Frau noch eine Zusatzlegitimation, um sich erfüllte Lust gegen Bezahlung zu gönnen. Leider geil, einfach so – geht nicht für die Frau, ist nicht salonfähig. Frauengeilheit wurde mit der Aufklärung abgeschafft. Ein paar ihrer Tränchen braucht es heute schon, damit die Sache akzeptabel bleibt.

Nach ein paar hundert gegebenen Massagen darf ich zusammenfassen: FakeNews. Bei uns kommen Männer wie Frauen in ihre eigene, individuelle Kraft und Lust. Sexuelles Referenzerlebnis nennen es manche. Das kann geil, tief, berauschend, erfüllend sein. Tränen, aus Freude, aus Trauer, aus Erkenntnis fließen bei „Ihr“ und „Ihm“ und den „Dritten“ gleichermaßen. Sie sind kein weibliches Privileg.

Allerdings, es gibt schon Unterschiede: So scheint es, als müsse Frau eine höhere (moralische?, finanzielle?) Hürde überwinden, um den Weg zu uns zu finden. Ich meine, wir haben 50% Frauen in der Gesellschaft und 10% Frauen als Kundinnen. Was für ein Riesen-Fucking-Gendergap. Wenn Frau aber da ist, dann ist sie da! In Pracht und Fülle. Fällt die Eingangstüre zur Praxis ins Schloss, scheinen vermeintlicher Tabubruch und die damit verbundene Scham außen vor zu bleiben. Frau läuft schneller, als wir sie halten könnten, und ungeniert durch die Räume der Praxis. Wie es scheint, ohne Sorge vor eventuellen Begegnungen. Männer sind da deutlich genanter. Frau guckt gleich mal ins Bad und hinter sonstige Kulissen, ob‘s sauber ist. Äußert oft recht klar Erwartungen an die Massage. Frau kommt tadellos gepflegt in die Massage. Männer müssen wir schon mal zum Duschen schicken. Frau plant ihren Termin Wochen im Voraus. Meist mit ausgeklügelter Eisprungparametrie oder scharf berechnetem Blutungstiming. Frau kommt zuverlässig zum Termin oder sagt ab. Mann ruft an und frägt ob heute, also ungefähr jetzt, noch ein Termin zu haben sei. Um dann schon mal in letzter Sekunde und ohne Absage zu kneifen. Frau gibt selten Trinkgeld, und sei sie noch so zufrieden. Männer sind da großzügiger. (Sorry Mädels, klingt komisch, ist aber so!). Frau kommt auf Empfehlung der besten Freundin oder einer Therapeutin. Mann hat die Anzeige im Erotikteil der Lokalzeitung gelesen.

Ach ja, und Frau, liebe Prophet*innen des trockenen und saftfreien männlichen Orgasmus, werte Tantraheilige: Frau kommt gerne sowas von nass, dass der männliche Erguss dagegen, rein mengenmäßig betrachtet, bestenfalls als Amuse-Gueule auf der Lustkarte durchgeht. (Gibt es schon den BigDraw gegen Freudenfluss – sorry, ein Insiderwitz, magichhiernichterklärengerneeinandermal).

Wie weiter? Amakido Berührungskunst hat 2006 damit begonnen, Tantra Massagen für Frauen von Masseuren anzubieten. Vier Kundinnen, das war die Bilanz des ersten Jahres. Heute, nach zwölf Jahren, zählen wir ca. 80 Kundinnen im Jahr. Das sind zwanzigmal mehr. Immerhin! Wir bleiben dran und lassen erst locker, wenn der Gendergap geschlossen ist. Es macht uns glücklich, wenn wir sehen und erleben, wie die Frauen nach der Massage von uns gehen: In weiblicher Fülle, stolz, leuchtend und schön. Bereit, die Männerwelt freundlich aber unmissverständlich mit der ganzen Wucht ihrer weiblichen Potenz bekannt zu machen. Ihnen jenseits von Opferrolle und reflexartigem Feindschaftsgebaren auf Augenhöhe zu begegnen. Dann ruht das Kriegsbeil des Geschlechterkampfs für einen göttlichen Moment. Und wir finden, dass wir mit unserer schönen Arbeit auch ein Stückchen Frieden stiften.

Wem das zu abgetrallert klingt, der lese sich doch noch in unserem femininen Gästebuch an den Rückmeldungen zu Tantramassagen besoffen.

Das findet ihr hier: Feminines Gästebuch
Michael König

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Kristina Marlen verfasst; wir wünschen viel Genuss beim Lesen:
Das Schweizer Fernsehen, SRF , hat sich in einem philosophischen Stammtisch der Frage angenommen, ob man für Sex zahlen dürfe .
Erstmal Dank an die Kollegin und einzige Sexarbeiterin am Tisch Salome Balthus, dass Du die Fassung gewahrt hast, obwohl du ja sogar angekündigt hast, im Laufe des Gespräches vielleicht ausfallend zu werden. Chapeau, nicht geschehen.
Ich wäre an der ein oder anderen Stelle vermutlich ausfallend geworden. Die reaktionäre und moralische Agenda zeigte sich in ihrem stilistisch formvollendeten Gewand (philosophisch), was sie nicht weniger ätzend macht. Ich verlaute ungern, dass mir vor allem die zweite Frau am Stammtisch ein paar Mal fast die Gebärmutter hat wandern lassen. Sandra Konrad trifft verheerende Aussagen über Sexarbeiter*innen, die anmassend sind und jeder breiteren empirischen Grundlage entbehren. Sie eliminiert damit alle anders lautenden Erfahrungsberichte, die Sexarbeiter*innen je formuliert haben und erklärt so auch die der einzigen Hure am Tisch als unglaubwürdig. In ihrem mahnend humorlosen Tonfall, als Therapeutin die absolute und bedingungslose Vertrauenswürdigkeit für immer gepachtet, holt sie jedoch die Masse der besorgten Bürger*innen ab, die sich auf ihrem Mitleid für „die Anderen“ (Huren und andere lose Subjekte) in, wie ich vermute, beinahe sexueller Erregung ergehen.
Mitleid ist die perfideste Form der Arroganz. Die effektivste Form, strukturelle Ungleichheit festzukleistern – die, die von oben herab blicken, haben sich ihren Platz im Gefüge am Besten gesichert, ohne sich die Finger schmutzig zu machen.
Es mag nicht wundern, dass Sandra Konrad so gut Bescheid weiss über das Problem aller #Huren, auch wenn sie der am Tisch nicht zuhört; denn sie hat Mitleid mit allen Frauen. Die Verfasserin des Buches „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will” hält die sexuell selbstbestimmte Frau (also nicht nur die selbstbestimmte Hure) für eine „Fata Morgana“ (Quelle: s.u.). Well then. Nichts hinzuzufügen. Oder doch?
Kurz eingeschoben: das Buch enthält eine umfangreiche Darstellung der weiblichen #Sexualität in Geschichte und Gegenwart – auch aus ihrer Perspektive als Therapeutin. Ich schätze das Buch über viele Kapitel und viele Thesen sind schlichtweg Teil eines feministischen Allgemeinwissens, das als Basis dienen muss, wenn wir Befreiung der Geschlechter heute weiter umsetzen wollen. Also danke dafür.
Wer sich intensiv mit menschlicher Sexualität befasst, wird um einige Erkenntnisse nicht herumkommen: Menschen kommunizieren zu wenig in Sexualität und tauschen im Bett alles mögliche, auch sexuelle Gefälligkeiten, und ums Fühlen geht es dabei häufig nicht in erster Linie; weibliche Sexualität ist in der Geschichte und bis heute unterdrückt und häufig ausgebeutet; wir leben in einer Welt der engen Geschlechterstereotypen, die traurig limitierend sind und Männern meistens mehr Handlungsspielraum lassen als Frauen.
All das, Dáccord. Aber wie ist es möglich, in einem so umfassenden Buch um all die Frauen* (und Männer*) herumkommen, die es anders machen und gerade mit und in dieser Geschichte umschreiben, aneignen, querleben? Die Frauen*, die ihren Sex fühlen und leben inmitten all der Klischees, Normen und Tabus, die um weibliche Sexualität aufgestellt sind wie schrankförmige SecurityCops? Wie kommt man auch um die Partner*innen dieser Personen herum, die andere Beziehungsformen, andere Kommunikationsweisen entwickeln, um Beziehung und Sex zum echten Erlebnis für alle zu machen? Wo sind überhaupt die #Lesben in diesem Buch, hat Frau Konrad schonmal davon gehört, dass Menschen jenseits heterosexueller Vorgaben leben? Und sollten wir Frau Konrad vielleicht mal ein paar Freikarten für das Pornfilmfestival Berlin geben, damit sie ihren Horizont über explizites filmisches Schaffen erweitern kann?
Dass Menschen häufig nicht über den eigenen Erfahrungsschatz hinausdenken können, ist nicht per se verwerflich, auch wenn es schade ist. Wenn man aber Bücher schreibt, die einen gewissen Wahrheitsanspruch erheben, dann geht das so leider nicht.
Wer verheerende Buchtitel in die Welt setzt, die unwahr und beleidigend sind, muss sich fragen lassen, was sie damit bewirken will. Ist “Das beherrschte Geschlecht” ein Titel, der in die #Freiheit führt und warum löscht er die Kämpfe und Existenzen wichtiger Menschen?
Mich zum Beispiel und den Grossteil meiner weiblichen* Freund*innen, Liebhaber*innen, Kolleg*innen, meine wilden Kund*innen und ihre Gespiel*innen, Porn- und Popstars, Diven, Dominas, grosse Frauen* der Geschichte, die sich nicht drum geschert haben, wie “Frau” sich verhalten sollte, und deshalb ein sehr fröhliches Leben haben oder hatten, die gibt es dann wohl einfach nicht.
BUFF – ich verschwinde dann mal. Ich bin nur ein Gespenst. So wie es auch alle Huren tun sollten. Vom Erdboden verschwinden.
Aber wartet. Wir kommen wieder. Immer und immer wieder. In Euren Träumen. In Euren Betten. Wir sprechen, wir stöhnen und wir holen uns gnadenlos unsere Orgasmen, wir sitzen auf Euren Gesichtern und kommen direkt auf Euren plattgedrückten Nasen. Es gab uns immer schon, auch wenn ihr uns bis in 21. Jahrhundert totreden wollt. Wir sind unsterblich. Wir sind und bleiben die Hexen. Verbrennt uns doch. Wir haben Wunderkräfte und kochen Zaubertränke direkt aus dem eigenen Ejakulat.
Es lebe die sexuell selbstbestimmte Frau.
PS. wie wäre es mit einem Hashtag? #Fatamorgana ….???
Quellen:
der Philosophische Stammtisch im SRF mit Salome Balthus, Sarah Konrad, Dominique Kuenzle, Peter Schaber
Sandra Konrad: Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will. Piper 2018.
Hier eines der unzähligen Interviews, alle mit dem selben trostlos besserwisserischen Duktus -Hier die FATA MORGANA: https://m.tagesanzeiger.ch/articles/5a510090ab5c373370000001
Danke De Paul, nochmal für den Anstoß, einen Kommentar dazu zu verfassen. Es gäbe noch mehr zu sagen. Dies ist nur das Wort zum Mittwoch, das bereits eine Weile in der Gruft meines Gespenstinnendaseins gewütetet hat.

Dieser Beitrag ist von unserem Mitglied Kristine Marlen und erschien an 4. Juli 2018 in der taz. 

Befreiung des weiblichens Begehrens

Angst vor der potenten Frau

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler kritisiert in ihrem Buch die #metoo-Debatte und plädiert für weibliche Lust. Das wirft wichtige Fragen auf.

Vor einigen Wochen stieß ich auf ein Zitat, das mich begeisterte: „Die potente Frau ist eine, die patriarchale Denkmuster abgelegt hat. Die ein eigenes Begehren hat. Und sich nicht darauf beschränkt, Spiegel des männlichen Begehrens zu sein und ihn in seiner Grandiosität zu bestätigen. Anstatt die männliche Sexualität abzuwerten, wertet sie die eigene auf.“

Geschrieben hat das die Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrem gerade erschienenen Buch „Die potente Frau“. Flaßpöhler ist dafür von Feministinnen angegriffen worden, denn sie positioniert sich darin als Antagonistin der #MeToo-Bewegung. Diese, meint Flaßpöhler, schreibe die patriarchale Erzählung von der Frau als Opfer der aggressiven männlichen Sexualität fort. Flaßpöhler plädiert für einen offensiveren Begriff von Weiblichkeit: Frauen müssten ihre eigene Potenz begreifen und leben, anstatt in passiver Anklage zu verharren. Sie vermisse die Frau als Aktive, als Verführerin, in #MeToo zeige sich „eine auffällige Leerstelle des weiblichen Begehrens“.

Ich finde es fragwürdig, den Frauen, die über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt sprechen, mangelnde eigene sexuelle Aktivität vorzuwerfen. Außerdem verkennt es die Dimension der #MeToo-Debatte. In ihr geht es darum, sexuelle Gewalt als Struktur und Mittel zum Machterhalt sichtbar zu machen. Dass die Protagonistinnen der Debatte dies ausgesprochen und angeklagt haben, lese ich ziemlich klar als Geste der Ermächtigung und als Erfolg im Kampf um sexuelle Selbstbestimmung.

Trotzdem bin ich unbeirrt begeistert, denn Flaßpöhler thematisiert, was oft unaussprechlich scheint: die sexuell aktive Frau. Die Frau und ihre Potenz. Die Frau, die ihr Potenzial erkennt und ausschöpft. Flaßpöhler schreibt: „Die potente Frau ist weder Realität noch unerreichbares Ideal. Sie ist eine Möglichkeit. Warum ergreifen wir sie nicht?“

Arbeit mit der Potenz

Gute Frage. Sie beschäftigt mich jeden Tag. Es ist meine tägliche Arbeit, Menschen aller Geschlechter auf ihrem Weg in ihre sexuelle Potenz zu begleiten. Außerdem arbeite ich mit meiner eigenen weiblichen Potenz. Das darf gern sehr weit und fantasievoll ausgelegt werden, das kommt der Wahrheit vermutlich am nächsten. Ich bin Sexarbeiterin und biete Einzelses­sions, Workshops und Coaching für Sexualität, BDSM und Bondage an. Spezialisiert habe ich mich auf die Arbeit mit Frauen.

Die Frauen, die zu mir kommen, sind potent. Sie bezahlen Geld, um sich den Weg zu ebnen für eine Zeit, die nur ihrer eigenen Lust gewidmet ist. Sie nehmen sich den Raum, in dem ich dafür da bin, ihre Wünsche zu erfüllen. Er ist extraordinär, aber auch nicht frei von der Geschichte dieser Frauen: Wenn Frauen zu mir kommen, die nach 25 Jahren Ehe den ersten Orgasmus mit einer anderen Person erleben als sich selbst, wenn sie überhaupt je einen hatten; wenn Frauen bei mir sind, die sich dafür entschuldigen, dass sie zugenommen haben; wenn Frauen zu mir kommen, die gar nicht wissen, was ihnen Lust bereitet, weil sie sich seit ihrer Pubertät um die Sexualität ihres zumeist männlichen Gegenübers gekümmert haben; wenn Frauen ihre Anatomie nicht kennen und ihre Vulva nie berührt haben, weil Selbstliebe weder in der Schule noch zu Hause auf dem Lehrplan stand, dann weiß ich: Es ist noch Luft nach oben.

Zu mir kommen aber auch Frauen, derentwegen ich schon mit arbeitsbedingten Tennisarmen beim Orthopäden saß, weil sie sich wiederholt auf meiner Hand oder meinem Unterarm ergossen haben. Es kommen Frauen, die ganz genau wissen, wie und wie oft sie kommen und was sie dafür brauchen, die bei mir einfach einen weiteren Höhenflug in ihrem sexuellen Horizont finden. Ich darf dabei schwitzen, sie fesseln oder ihnen in anderer Art zu Diensten sein. Nymphomaninnen, die mehr als einen Fick brauchen, um überhaupt erst warm zu werden, sind keine Männerfantasie. Frauen, die ihre Sexualität leben, sind durchaus beängstigend, im besten Sinne. Frauen, die sexuell selbstbestimmt sind, sind unabhängig. Sehr scary. Für viele. Männer und Frauen.

„Ja“ zum weiblichen Sex

Flaßpöhler postuliert, dass „Nein heißt Nein“ nicht das Ende der Fahnenstange der weiblichen sexuellen Emanzipation ist. Das stimmt. Nur: Woher kommt die Angst vor dem beherzten „Ja“ von Frauen?

Ich frage aus existenziellem Interesse. Als Sexarbeiterin weiß ich, dass ich mich mit einem öffentlichen „Ja“ zu Sex (mit Männern und Frauen) mit mehr kulturellen Tabus anlege, als wenn ich mich züchtig oder streitbar verweigere. Die Frau, die Ja sagt zu ihrem Begehren und zu ihrer Lust, und zwar um ihrer selbst willen, ist für viele nicht denkbar. Das zeigt sich zum Beispiel in der aktuellen Gesetzgebung.

Seit Juli letzten Jahres ist das sogenannte Prostitutions„schutz“gesetz in Kraft. Dieses Gesetz zielt vor allem auf Ausgrenzung und die existenzielle Gefährdung von Sexarbeiter*innen. Mit der Einführung der Registrierungspflicht für Prostituierte ist nun gesetzlich definiert, wer als Sexarbeiter*in gilt: Selbst sexuelle Handlungen gegen geldwerte Zuwendungen, wie Geschenke, Übernachtung oder andere materiellen Vorteile, gelten als Prostitution. Dabei spielt die Regelmäßigkeit keine Rolle. Bereits eine einmalige sexuelle Handlung gegen „Taschengeld“, ein Abendessen oder Schmuck gilt rechtlich als Prostitution. Und erfordert formal eine Anmeldung als „Sexarbeiterin“ bei der Behörde – mit ihrem vollen Namen und der Angabe aller persönlichen Daten. Deutschland hat jetzt wieder eine Kartei der losen (weiblichen) Subjekte: Deutschlands Huren sind erfasst.

Aber der Kampf gegen Huren ist auch immer einer gegen promiskuitive Frauen. Das hat Geschichte. Nun gibt es selbst laut Gesetz kaum noch einen Unterschied zwischen einer „Schlampe“ und einer „Hure“. Zumindest, wenn frau sich in einer heterosexuell kodierten Anbahnungskultur bewegt, in der von Männern nach wie vor Initiative erwartet wird mit dem entsprechenden Werbeverhalten im Sinne von Schmuck oder Geschenken. Willkommen in 2018! Es ist keine gute Zeit für die sexuell potente Frau, die sich in der monogamen, dauerhaften Zweierbeziehung vielleicht langweilt.

Flaßpöhler wird als unsolidarisch erklärt, weil sie Frauen auffordert, mehr Verantwortung in Situationen zu übernehmen, die als übergriffig, unangenehm oder einfach als nicht erwünscht erlebt werden. Das heißt auf Deutsch: sich zu artikulieren und Grenzen zu setzen, charmant oder eben auch nicht. Was für eine Feministin wäre ich, wenn ich nicht daran glauben würde, dass Frauen das können?

Sex ist gefährlich

Sex, und das lassen Sie sich vom Profi gesagt sein, ist keine sichere Angelegenheit. Sex ist sogar ziemlich gefährlich und manchmal außer- und unordentlich. Sich verletzlich machen, intim werden ist nicht sicher. Auszudrücken, mehr Nähe zu wollen und damit leben zu können, dass dieses Begehr nicht erwidert wird, ist für fast alle Menschen destabilisierend.

Im intimen Kontakt verschwimmen Grenzen, auch darin liegt Wonne. Es gibt noch keine Schule, keine Kultur um die Frage, wie dieser Vorgang freudvoll gestaltet sein kann. Es gibt alte und langweilige Codes im heterosexuellen Kontext. Um den Preis, dass rückständige Rollenbilder sich endlos reproduzieren, werden diese wiederholt, um sich auf sicherem Terrain zu glauben. Übrigens auch von Frauen.

Es ist Arbeit, etwas Neues zu entwickeln. Mein Eindruck ist, dass alle ideologischen Debatten da enden, wo mein Leben beginnt: in der Praxis. Dazu gehört die Rede über die potente Frau. Sie wird unsere Ordnung infrage stellen, deshalb geht es auch nicht reibungsfrei.

Sexuelle Kommunikation ist mein Job. Gelungene sexuelle Dialoge sind das Ziel meiner Arbeit, das „Ja“ ist die Basis. Ich weiß aus vielen Jahren Erfahrung, wie anstrengend das sein kann. Es hat mich nicht nur mit zweifellos patriarchalen Strukturen konfrontiert, sondern auch zutiefst mein eigenes Verhalten infrage gestellt. Auch ich habe mich in der sexuellen Anbahnung immer wieder gefragt: Wie angepasst bin ich? Kann ich mich spüren? Wie oft lächle ich, um die Stimmung nicht kaputt zu machen, und finde mich anschließend trotzdem in einer Situation, die ich so nicht wollte?

Zu oft stand ich zögernd vor der Entscheidung, den nächsten Schritt zur Veränderung einer Situation herbeizuführen, die nicht meinen Vorstellungen entsprechend lief. Die Gründe für das Zögern: tief in den Körper eingeschrieben. Woher eigentlich? Wer impft uns weiblich sozialisierten Wesen so früh ein, dass wir im sexuellen Dialog gefallen wollen, anstatt uns auszudrücken? Zu ungewohnt, anstrengend, nicht weiblich, Angst, kein Gefühl – und dennoch möglich.

Good news! Sexuelle Kommunikation ist lernbar. Zu fühlen, zu zeigen und zu sagen, was ich will, ist geil. Empathie und Respekt sind heiß. Konsens ist sexy! Ich hab’s gelernt und gebe dieses Wissen großzügig weiter. Sexarbeit war mein Bootcamp für das gute Leben im Patriarchat.

 

Manchmal suchen sich Journalisten sehr exotische Themen raus. So erhielten wir eine Anfrage, wo es um den Wandel der Sexbranche in Japan geht. „Dort nimmt das Angebot „härterer“ sexueller Dienstleistungen wie Geschlechtsverkehr und Oralsex ab, während Einrichtungen mit „weicheren“ Angebote wie Massagesalons und Kuschelcafés boomen. Als Grund gilt Japans alternde Gesellschaft. Die vielen Alten wollen, oder können, keinen Sex mehr haben, sehnen sich aber weiter nach Intimität und Körperkontakt.“
Wir sollten antworten, ob denn ein ähnlicher Wandel in Deutschland zu verzeichnen ist.

Eine Kollegin aus dem BesD hat sich dazu Gedanken gemacht:

Ich habe nicht das Gefühl, dass es zwingend an einer alternden Gesellschaft in Japan liegt, dass Etablissements wie Kuschelcafés entwickelt wurden. Meines Erachtens impliziert diese Aussage, dass in der Hauptsache Männer mit Potenzproblemen diese Services in Anspruch nehmen. Zunehmende Landflucht der jüngeren Generation und der Wandel sich um seine auf dem Land zurückgelassenen Eltern nicht mehr in dem Maße zu kümmern wie noch vor einigen Jahrzehnten (zu Zeiten, als Zwei-Generationen-Haushalte üblich waren) erklären die zunehmende Vereinsamung älterer Japaner schon eher.
Im Hinblick auf einen Erklärungsversuch der Impotenz wird jedoch außer Acht gelassen, dass es ja auch Maid-Cafés gibt (Örtlichkeiten, in denen als Zimmermädchen verkleidete junge Damen Männern, meist gleichen Alters, Gesellschaft leisten), Crossdressing-Maid-Cafés (in denen Jungs als Zimmermädchen verkleidet Gesellschaft leisten) oder Boy-/Butler-Cafés, in die junge Frauen gehen, um dort die Gesellschaft gutaussehender junger Männer zu genießen. Meines Wissens nach ist in all den von mir aufgezählten Beispielen eine Berührbarkeit des Dienstleistungspersonals ausgeschlossen.
Offen gestanden würde ich dies auch nicht mit japanischen oder deutschen Sexangeboten vergleichen. Es gibt schließlich auch Cat-/Dog- und weitere Cafés, in denen ebenso emotionale Bedürfnisse befriedigt werden, ohne dass es zu einer Interaktion (zwischen Menschen) kommt.

Japans Gesellschaft unterscheidet sich einfach auch sehr von der deutschen. Gruppenzugehörigkeit ist in Japan sehr wichtig; endet die Zugehörigkeit zur Gruppe der eigenen Schulklasse mit Schul- oder College-Abschluss, beginnt sie mit Tätigkeitsaufnahme in einer Firma bei den Kollegen erneut. Japanische Kollegen gehen gerne nach der Arbeit noch in Bars oder Restaurants, um den Arbeitsalltag ausklingen zu lassen, am Ende des Abends ist mit Gruppenzugehörigkeit aber Schluss, und wer keine Familie hat, den holt spätestens auf dem Weg nach Hause die Einsamkeit wieder ein.
Zusätzlich ist es in Japan üblich, dass die Frau aus dem Berufsleben ausscheidet und sich dem Familienleben und der Hausarbeit komplett widmet, sobald sie heiratet. Ich meine, dass auch in Japan mittlerweile ein Karrieredenken bei vielen Frauen eingetreten ist, sie möchten so früh gar nicht mehr heiraten wie noch ihre Elterngeneration. Der gegenwärtige Zustand: Männer haben weniger Zugang zu heiratswilligen Frauen. Die Folge: Zunehmende Einsamkeit auch in jüngeren Bevölkerungsschichten.

Warum gibt es diesen Wandel von Sex-Dienstleistungen zu Intimitäts-Dienstleistungen ohne Sex in Deutschland nicht? Das ist eine gute Frage. So eine richtige Antwort habe ich darauf auch nicht. Vielleicht ist ein Ansatz aber in dem Unterschied zu suchen wie Freundschaften in Deutschland und wie Freundschaften in Japan gepflegt werden. Gesellschaftlich sind in Deutschland heterogeschlechtliche Freundschaftlich ganz normal. Sicher denkt man sich mal:“Die verstehen sich aber ziemlich gut, irgendwie stecken sie in einer Friendzone fest, sonst wären sie sicher ein Paar.“, aber grundlegend werden Mann-Frau-Freundschaften so akzeptiert wie Mann-Mann- oder Frau-Frau-Freundschaften, und man geht nicht sofort davon aus, dass ein Mann und eine Frau ein Paar sind. Ich kann mit einem Freund Essen gehen, ohne dass unser gemeinsamer Freundeskreis davon ausgeht, dass da „was läuft“.
In Japan ist das anders; Gesellschaftliche Zusammenkünfte von drei und mehr Personen sind freundschaftliche Anlässe – nur zwei Personen hingegen gehen zu einem Date. Gesellschaftlich wird in Japan viel mehr in ein Treffen unter zwei gegengeschlechtlichen Freunden hineininterpretiert, das kann soweit gehen, dass eine Freundschaft als außereheliche Affäre von außen missbilligt wird. Da kommt man zu dem Schluss, dass in Japan alles, was die eigene Ehefrau emotional nicht bietet, für den Mann unerreichbar ist (bzw. bis zum Auftreten von solchen Kuschel-/Maid-/Boy-/ usw.-Cafés war), wohingegen in Deutschland durch vielfältige Freundschaften die Möglichkeit geboten wird, dass ein Ehemann auch außerehelich emotional mit einer Frau zu tun hat, ohne dass es in Romantik und Sex mündet.
Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum in Deutschland solche rein emotionalen Dienstleistungsangebote nicht oder nur in Einzelfällen benötigt werden.

Sehr geehrter Herr Haug, sehr geehrte Damen und Herren,

vor wenigen Wochen erreichte mich eine Anfrage aus Ihrer Redaktion, ob ich bereit wäre, in einer TV-Produktion mitzuwirken. Mein Name ist Hanna Lakomy, alias Salomé Balthus, ich bin Prostituierte.

Ich möchte Ihnen hier erklären, wie es dazu kam, dass ich diese Anfrage, die mich erst positiv interessiert hatte, nun letztendlich doch abgelehnt habe. Ich habe das Bedürfnis, das zu erklären. Ich möchte nicht für unzuverlässig oder fremdgesteuert gehalten werden, dies wäre mir fatal! Zudem schätze ich die Arbeit von SPIEGEL TV im Allgemeinen und halte Ihre Institution für unbestreitbar seriös.

Zu Wort kommen sollen alle Sparten und Preisklassen meiner KollegInnen in Gewerbe der käuflichen Lust, aber ebenso unsere politischen Gegner, die Abolitionistinnen, selbsternannte Huren-Retter, Aussteigerinnen aus dem Bereich der illegalen Prostitution, die ihre unguten Erfahrungen verallgemeinern, während sie uns dasselbe mit unseren positiven Erfahrungen vorwerfen. Auf gesellschaftliche Widersprüche, Hintergründe sollte eingegangen werden, und, wie ich meinte, dargestellt werden, welche Lücke zwischen Vorstellung und Wirklichkeit der Prostitutionsmythen besteht, wie falsch die (von der Emma aufgebrachten) Zahlen sind, und die Behauptung, 99% der Prostituierten seien Zwangsprostituierte.
Ich war erst sehr dafür, mich zu zeigen, mich darauf einzulassen, einen Tag lang von einem Kamerateam begleitet zu werden, es so zu inszenieren, als würde ich mich an dem Tag auf einen Kunden vorbereiten, diesen auch treffen. Ich hatte bereits für die Dreharbeiten eine Hotelsuite als Drehort gemietet, und meiner Stylistin Bescheid gegeben. Ich hatte mir Mühe gegeben, die Wünsche Ihrer Mitarbeiter nach möglichst viel Nähe, Authentizität und intimen Offenbarungen zu erfüllen.

Doch dann musste ich die Notbremse ziehen:
Grund war zunächst der Titel: Die Produktion soll den Titel tragen „Der große Rotlicht-Report“. Rotlicht-Report – das Rotlicht, das ist doch nur ein Teil der Welt der Prostitution, und zwar gerade nicht meiner. Was hätte ich dazu denn zu sagen?
Dann die Tatsache, dass es nicht gewollt sei, durch die Dokumentation „Prostitution zu verherrlichen“ – aus Gründen des Jugendschutzes, bei einer Sendung zur Prime Time. Jugendlichen darf also eine legale Tätigkeit in der Sexarbeit nicht als etwas präsentiert werden, dass eine berufliche Perspektive darstellen könnte. Es müssten sich die positiven und negativen Aspekte die Waage halten, um ein neutrales, ambivalentes Bild zu zeichnen. – Ginge es um ein anderes Thema als das der Prostitution, etwa die Computerindustrie, Ehegattensplitting, den Politikbetrieb, etc. – ich würde diese Neutralität begrüßen, sie für aufklärerisch halten. Doch im Falle eines Berufes, der historisch und auch aktuell massiver Stigmatisierung ausgesetzt ist, und dessen Vertreterinnen mit den aller schärfsten Konsequenzen für ihr Leben zu rechnen haben, wenn sie so mutig sind, sich zu outen, ist diese Neutralität eben keine echte Neutralität. Sondern ein Zugeständnis an die öffentlich bestehende Meinung, mithin feige und wohlfeil. Stellen Sie sich eine Dokumentation über Homosexualität in den 70er Jahren vor, die sich zur Aufgabe macht, „Homosexualität nicht zu verherrlichen“. Oder eine Sendung im Saudi-Arabischen Staatsfernsehen über Feminismus, die vermeiden will, „Feminismus zu verherrlichen“. Jeweils immer gern mit Hinweis auf den Schutz der Jugend, die in den gesellschaftlich gewollten moralischen Werten aufgezogen werden soll.
Ich habe mir sagen lassen, der SPIEGEL war früher mal kontrovers, politisch engagiert, gegen die Meinungs-Macht der übrigen Leitmedien. Die Annahme, Medien sollten „wertneutral“ sein und „nur die Wirklichkeit abbilden“, halte ich für ebenso falsch wie dumm. Es gibt keine Neutralität. Wer sie für sich beansprucht, führt etwas im Schilde, zu dem er sich nicht bekenntnisoffen verhalten will, sei es aus Feigheit, sei es, um Menschen wie mir Fallen zu stellen, weil man man von ihnen etwas will, nämlich ihr Bild.

Ich bin nicht bereit, mein Gesicht, meine Stimme und meine Gestalt herzugeben für jemanden, der nicht für meine bedrohten Rechte eintritt. Ich will nicht mitwirken an einer breit angelegten Groß-Enthüllungs-Show, die hinter dem Schutz journalistischer Neutralität und Distanz nicht mehr tut, als voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, und zugleich meinen Feinden erneut die Möglichkeit gibt, mir und meinesgleichen zu schaden. Ich möchte Filmszenen mit meinem Körper nicht in einen Kontext stellen, in dem sie kritisch bewertet und zuletzt im Sinne der öffentlichen Meinung gerichtet werden. Ich habe auch meinen Kolleginnen davon abgeraten. Denn dieses „neutrale“ Format zieht uns aus, liefert uns der öffentlichen Meinung aus, stellt unseren Beruf in den Kontext von Elend und Verbrechen, als wären sie unvermeidbarer Teil unseres Gewerbes. Man liefert uns dem Meinung der Masse aus, während die Redaktion sich fein heraushält, und nicht daran denkt, uns zu schützen, erzieherisch zu wirken in unserem Sinne. Das alles soll der Urteil des Publikums eines Privatsenders wie Kabel 1 überlassen bleiben, wobei ich nicht mal weiß, was nach dem Schnitt von dem, was mir persönlich wichtig ist, noch zur Beurteilung übrig bleibt.

Auf meine Bedenken wurde zunächst eingegangen, man wolle gerade mich unbedingt dabei haben, als „einordnende Instanz“.
Also hatte ich zur Güte angeboten, statt eines Begleit-Drehs ein Statement für die Kamera abzugeben, erkennbar mit meinem Gesicht und meiner Stimme. Dies wurde abgelehnt, man sei nicht an einem Interview interessiert, sondern an „Action“ – was mich in meinen Befürchtungen nochmals bestätigte.

Ich kann mich nur über das Thema Prostitution, über mich und mein Leben äußern, wenn eine Haltung dahinter steht, ein Engagement für die Prostitution und somit für die liberale Gesellschaft. Dass die liberale Gesellschaft in Europa bedroht ist, werden Sie als politisch denkender Mensch sicher bemerkt haben.
Sollte sich SPIEGEL-TV dazu entschließen, eine engagierte Sendung Pro-Prostitution und zur Unterstützung von selbstbestimmten, mutigen Sexarbeiterinnen zu machen, stehe ich gern zur Verfügung.

Mit den besten Grüßen

Salomé Balthus

„Der hohe Preis von käuflichem Sex“ und „Blowjob auf Bestellung“

Der Titel der Podcastreihe auf zeit.de lautet: Ist das normal? In diesem wöchentlich erscheinenden Format widmet sich die Sexual- und Traumatherapeutin Melanie Büttner (München) kunterbunten Fragen rund um Sex. In zwei kürzlichen Folgen (25.6.18 und 02.07.18) ging es um Sexarbeit. Zuerst um die Kunden der Dienstleistung Sex und in der Folge von Anfang Juli um die Arbeitsbedingungen und Arbeitssituation der Prostituierten, aber auch um die Sexarbeitenden, ihre Gesundheit und die Frage der Freiwilligkeit.

Die Moderatorin Alina Schadwinkel und die Sexualtherapeutin Melanie Büttner diskutieren zunächst darüber, wie viele Menschen in Deutschland eigentlich in der Sexarbeit tätig sind. Von 84.000 – 1,2 Millionen ist die Rede und 90% davon würden diese Tätigkeit unfreiwillig ausüben, laut „Polizeiexperten“, die hier schwammig als Quelle genannt werden. Auf dem Fuße folgt die Verknüpfung von Sexarbeit mit Menschenhandel, Zuhälterei und Zwang, denn so werden „Frauen zu Sexarbeit bewegt“, wie Melanie Büttner es formuliert. Dabei erwähnt sie dann in einem Nebensatz „innere Zwänge“ oder finanzielle Notlagen, und sortiert locker-flockig auch solche Menschen in das Gros der Unfreiwilligen ein, die „durch Dritte unbeeinflusst“ in der Sexarbeit tätig sind. Hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, denn das ist ein argumentativer Dreh- und Angelpunkt dieser Episode: von „inneren Zwänge“ ist die Rede und von Opfern und von Krankheiten, psychischer und physischer Natur. Sexarbeiter*innen werden pathologisiert, und unausgesprochen bleibt die Frage nach der Mündigkeit und der freien Entscheidung von jenen, über die da geredet wird, nämlich über uns.

Wer kann sich also angesichts einer derart verheerenden Situation noch einbilden, selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig zu sein?

Wie kann man da noch gesellschaftliche Anerkennung fordern?

Wahrscheinlich sind wir alle letztlich gar nicht objektiv, sondern durch Traumata, Gewalterfahrungen und tiefenpsychologisch verankerte Muster nur eingebildete Freiwillige?

Es gibt sie aber wohl doch, die freiwillige Sexarbeiterin, die neugierig ist, den Kick, das Abenteuer sucht, so Büttner, das sei legitim, ließe sich doch in einigen Segmenten anscheinend gutes Geld verdienen. Hier werden also in bekannter Manier hochbezahlte Segmente der Sexarbeit als Ausnahme dargestellt, für 90% sind die Arbeitsbedingungen unerträglich, der Darstellung der Situation widmen Büttner und Schadwinkel sich hingebungsvoll. Sie leiten über zur Frage nach sexueller Gewalt im Leben von Sexarbeitenden, und zwar in der Kindheit und Jugend, als auch im späteren Erwachsenenleben. Dabei greift Melanie Büttner auf eine Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2004 zu Gewalt und Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland zurück. Im Rahmen der Untersuchung wurden 110 Sexarbeitende als eine Teilpopulation befragt. Da ist von nennenswerten Gewalterfahrungen zu lesen. Allerdings vergessen die beiden Akteurinnen des Podcasts darauf hinzuweisen, dass 37% der Frauen in der Hauptbefragung auch Angaben, Opfer von Gewalt in unterschiedlicher Form geworden zu sein. Haben die beiden nur „vergessen“, die Untersuchung der Teilpopulation mit einer Referenzgruppe abzugleichen?

Das Bild, das von der Sexarbeit gezeichnet wird, ist tiefschwarz. Es ist die Rede von seelischer und körperlicher Misshandlung, Abhängigkeit, Krankheit und auch Todessehnsucht. Gespickt werden diese scheinbar faktendurchsetzten Zitate aus unzähligen Studien mit überrascht-naiven Rückfragen seitens der Moderatorin Alina, und hängen bleibt vor allem der Schock und die Fassungslosigkeit.

Die doch so wichtige Frage nach guten Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit, wird zum Beispiel durch Alina mit der zynischen Einwurf bedacht, ob man dann ein schönes Sofa zum Arbeiten hätte?

Wem nützt so ein Podcast?

Und wieso nützt wem solch ein Podcast?

Es werden fast ausschließlich Quellen zitiert, die verheerende Urteile über Prostitution und die damit angeblich einhergehende Kriminalität fällen. Es werden in einer Weise Hinweise auf Länder eingestreut, die ein Sexkaufverbot installiert haben, und in Bezug gesetzt zu Zahlen über Menschenhandel und Prostitution. Liest man sich durch die teilweise dummen Kommentare hindurch, gewinnt man den Eindruck, dass dieser Podcast ein Geschenk an die Prostitutionsgegner ist.

Die Verschränkung von Zahlen über Kriegsveteranen und Sexarbeitenden oder von Trauma und Prostitution, die Schlussfolgerung, dass man die Sexarbeit nur betäubt ertragen könnte, die Menschenunwürdigkeit der Verhältnisse in der Prostitution, all das sind Stilmittel und Argumente, die insbesondere aus dem Lager der Prostitutionsgegner angeführt werden. Die allergrößte Mehrzahl ist in dieser verabscheuenswürdigen Tätigkeit gefangen. Opfer, Krankheit, Zwang, und dann die Frage nach der Gesetzgebung und dem Schutzgedanken des ProstSchG: Klar, wenn die Sexarbeit ein solches Schreckgespenst ist, dann muss reguliert und zwangsregistriert werden. Es handelt sich um einen notwenigen Schutz für die Schutzbedürftigen. Und das sind eigentlich alle.

Ist das normal, frage ich mich, ein so einseitiges Bild einer komplexen gesellschaftlichen Frage, wie die nach dem Angebot und der Nachfrage von Sexarbeit zu zeichnen, wie es nach dem Hören dieser beiden Episoden entsteht?

Ist das normal, dass sich Moderator*innen und Expert*innen einerseits so betont neutral geben, aber allernachdrücklichst lediglich Quellen zitieren, die Sexarbeit ins gesellschaftliche Abseits stellen und den Sexarbeitenden Traumatisierung, Belastungsstörungen und Depressionen unterstellen?

Ist das normal, dass man über die Sexarbeit spricht und sich dabei in den schwärzesten Farben die Realität von Sexarbeitenden ausmalt, ohne mal jemand aus der Sexarbeit zu fragen?

Ist das normal, dass in der Zeit Meinung gemacht wird, durch unterschwellige Manipulation und gezielte Verbreitung immer gleicher Quellen, die wir, die Sexarbeitenden in Deutschland, nachdrücklich in Frage stellen?

Hier wird Stimmung gegen Sexarbeit gemacht, hier wird Stigma mediale Realität und ich darf mich am Ende fragen, kann ich eigentlich noch für mich selbst entscheiden, oder bin ich schon reif für die Vormundschaft, wenn ich meinem Beruf als Hure selbstbestimmt und motiviert nachgehe?