Dieser Beitrag ist von unserem Mitglied Kristine Marlen und erschien an 4. Juli 2018 in der taz. 

Befreiung des weiblichens Begehrens

Angst vor der potenten Frau

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler kritisiert in ihrem Buch die #metoo-Debatte und plädiert für weibliche Lust. Das wirft wichtige Fragen auf.

Vor einigen Wochen stieß ich auf ein Zitat, das mich begeisterte: „Die potente Frau ist eine, die patriarchale Denkmuster abgelegt hat. Die ein eigenes Begehren hat. Und sich nicht darauf beschränkt, Spiegel des männlichen Begehrens zu sein und ihn in seiner Grandiosität zu bestätigen. Anstatt die männliche Sexualität abzuwerten, wertet sie die eigene auf.“

Geschrieben hat das die Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrem gerade erschienenen Buch „Die potente Frau“. Flaßpöhler ist dafür von Feministinnen angegriffen worden, denn sie positioniert sich darin als Antagonistin der #MeToo-Bewegung. Diese, meint Flaßpöhler, schreibe die patriarchale Erzählung von der Frau als Opfer der aggressiven männlichen Sexualität fort. Flaßpöhler plädiert für einen offensiveren Begriff von Weiblichkeit: Frauen müssten ihre eigene Potenz begreifen und leben, anstatt in passiver Anklage zu verharren. Sie vermisse die Frau als Aktive, als Verführerin, in #MeToo zeige sich „eine auffällige Leerstelle des weiblichen Begehrens“.

Ich finde es fragwürdig, den Frauen, die über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt sprechen, mangelnde eigene sexuelle Aktivität vorzuwerfen. Außerdem verkennt es die Dimension der #MeToo-Debatte. In ihr geht es darum, sexuelle Gewalt als Struktur und Mittel zum Machterhalt sichtbar zu machen. Dass die Protagonistinnen der Debatte dies ausgesprochen und angeklagt haben, lese ich ziemlich klar als Geste der Ermächtigung und als Erfolg im Kampf um sexuelle Selbstbestimmung.

Trotzdem bin ich unbeirrt begeistert, denn Flaßpöhler thematisiert, was oft unaussprechlich scheint: die sexuell aktive Frau. Die Frau und ihre Potenz. Die Frau, die ihr Potenzial erkennt und ausschöpft. Flaßpöhler schreibt: „Die potente Frau ist weder Realität noch unerreichbares Ideal. Sie ist eine Möglichkeit. Warum ergreifen wir sie nicht?“

Arbeit mit der Potenz

Gute Frage. Sie beschäftigt mich jeden Tag. Es ist meine tägliche Arbeit, Menschen aller Geschlechter auf ihrem Weg in ihre sexuelle Potenz zu begleiten. Außerdem arbeite ich mit meiner eigenen weiblichen Potenz. Das darf gern sehr weit und fantasievoll ausgelegt werden, das kommt der Wahrheit vermutlich am nächsten. Ich bin Sexarbeiterin und biete Einzelses­sions, Workshops und Coaching für Sexualität, BDSM und Bondage an. Spezialisiert habe ich mich auf die Arbeit mit Frauen.

Die Frauen, die zu mir kommen, sind potent. Sie bezahlen Geld, um sich den Weg zu ebnen für eine Zeit, die nur ihrer eigenen Lust gewidmet ist. Sie nehmen sich den Raum, in dem ich dafür da bin, ihre Wünsche zu erfüllen. Er ist extraordinär, aber auch nicht frei von der Geschichte dieser Frauen: Wenn Frauen zu mir kommen, die nach 25 Jahren Ehe den ersten Orgasmus mit einer anderen Person erleben als sich selbst, wenn sie überhaupt je einen hatten; wenn Frauen bei mir sind, die sich dafür entschuldigen, dass sie zugenommen haben; wenn Frauen zu mir kommen, die gar nicht wissen, was ihnen Lust bereitet, weil sie sich seit ihrer Pubertät um die Sexualität ihres zumeist männlichen Gegenübers gekümmert haben; wenn Frauen ihre Anatomie nicht kennen und ihre Vulva nie berührt haben, weil Selbstliebe weder in der Schule noch zu Hause auf dem Lehrplan stand, dann weiß ich: Es ist noch Luft nach oben.

Zu mir kommen aber auch Frauen, derentwegen ich schon mit arbeitsbedingten Tennisarmen beim Orthopäden saß, weil sie sich wiederholt auf meiner Hand oder meinem Unterarm ergossen haben. Es kommen Frauen, die ganz genau wissen, wie und wie oft sie kommen und was sie dafür brauchen, die bei mir einfach einen weiteren Höhenflug in ihrem sexuellen Horizont finden. Ich darf dabei schwitzen, sie fesseln oder ihnen in anderer Art zu Diensten sein. Nymphomaninnen, die mehr als einen Fick brauchen, um überhaupt erst warm zu werden, sind keine Männerfantasie. Frauen, die ihre Sexualität leben, sind durchaus beängstigend, im besten Sinne. Frauen, die sexuell selbstbestimmt sind, sind unabhängig. Sehr scary. Für viele. Männer und Frauen.

„Ja“ zum weiblichen Sex

Flaßpöhler postuliert, dass „Nein heißt Nein“ nicht das Ende der Fahnenstange der weiblichen sexuellen Emanzipation ist. Das stimmt. Nur: Woher kommt die Angst vor dem beherzten „Ja“ von Frauen?

Ich frage aus existenziellem Interesse. Als Sexarbeiterin weiß ich, dass ich mich mit einem öffentlichen „Ja“ zu Sex (mit Männern und Frauen) mit mehr kulturellen Tabus anlege, als wenn ich mich züchtig oder streitbar verweigere. Die Frau, die Ja sagt zu ihrem Begehren und zu ihrer Lust, und zwar um ihrer selbst willen, ist für viele nicht denkbar. Das zeigt sich zum Beispiel in der aktuellen Gesetzgebung.

Seit Juli letzten Jahres ist das sogenannte Prostitutions„schutz“gesetz in Kraft. Dieses Gesetz zielt vor allem auf Ausgrenzung und die existenzielle Gefährdung von Sexarbeiter*innen. Mit der Einführung der Registrierungspflicht für Prostituierte ist nun gesetzlich definiert, wer als Sexarbeiter*in gilt: Selbst sexuelle Handlungen gegen geldwerte Zuwendungen, wie Geschenke, Übernachtung oder andere materiellen Vorteile, gelten als Prostitution. Dabei spielt die Regelmäßigkeit keine Rolle. Bereits eine einmalige sexuelle Handlung gegen „Taschengeld“, ein Abendessen oder Schmuck gilt rechtlich als Prostitution. Und erfordert formal eine Anmeldung als „Sexarbeiterin“ bei der Behörde – mit ihrem vollen Namen und der Angabe aller persönlichen Daten. Deutschland hat jetzt wieder eine Kartei der losen (weiblichen) Subjekte: Deutschlands Huren sind erfasst.

Aber der Kampf gegen Huren ist auch immer einer gegen promiskuitive Frauen. Das hat Geschichte. Nun gibt es selbst laut Gesetz kaum noch einen Unterschied zwischen einer „Schlampe“ und einer „Hure“. Zumindest, wenn frau sich in einer heterosexuell kodierten Anbahnungskultur bewegt, in der von Männern nach wie vor Initiative erwartet wird mit dem entsprechenden Werbeverhalten im Sinne von Schmuck oder Geschenken. Willkommen in 2018! Es ist keine gute Zeit für die sexuell potente Frau, die sich in der monogamen, dauerhaften Zweierbeziehung vielleicht langweilt.

Flaßpöhler wird als unsolidarisch erklärt, weil sie Frauen auffordert, mehr Verantwortung in Situationen zu übernehmen, die als übergriffig, unangenehm oder einfach als nicht erwünscht erlebt werden. Das heißt auf Deutsch: sich zu artikulieren und Grenzen zu setzen, charmant oder eben auch nicht. Was für eine Feministin wäre ich, wenn ich nicht daran glauben würde, dass Frauen das können?

Sex ist gefährlich

Sex, und das lassen Sie sich vom Profi gesagt sein, ist keine sichere Angelegenheit. Sex ist sogar ziemlich gefährlich und manchmal außer- und unordentlich. Sich verletzlich machen, intim werden ist nicht sicher. Auszudrücken, mehr Nähe zu wollen und damit leben zu können, dass dieses Begehr nicht erwidert wird, ist für fast alle Menschen destabilisierend.

Im intimen Kontakt verschwimmen Grenzen, auch darin liegt Wonne. Es gibt noch keine Schule, keine Kultur um die Frage, wie dieser Vorgang freudvoll gestaltet sein kann. Es gibt alte und langweilige Codes im heterosexuellen Kontext. Um den Preis, dass rückständige Rollenbilder sich endlos reproduzieren, werden diese wiederholt, um sich auf sicherem Terrain zu glauben. Übrigens auch von Frauen.

Es ist Arbeit, etwas Neues zu entwickeln. Mein Eindruck ist, dass alle ideologischen Debatten da enden, wo mein Leben beginnt: in der Praxis. Dazu gehört die Rede über die potente Frau. Sie wird unsere Ordnung infrage stellen, deshalb geht es auch nicht reibungsfrei.

Sexuelle Kommunikation ist mein Job. Gelungene sexuelle Dialoge sind das Ziel meiner Arbeit, das „Ja“ ist die Basis. Ich weiß aus vielen Jahren Erfahrung, wie anstrengend das sein kann. Es hat mich nicht nur mit zweifellos patriarchalen Strukturen konfrontiert, sondern auch zutiefst mein eigenes Verhalten infrage gestellt. Auch ich habe mich in der sexuellen Anbahnung immer wieder gefragt: Wie angepasst bin ich? Kann ich mich spüren? Wie oft lächle ich, um die Stimmung nicht kaputt zu machen, und finde mich anschließend trotzdem in einer Situation, die ich so nicht wollte?

Zu oft stand ich zögernd vor der Entscheidung, den nächsten Schritt zur Veränderung einer Situation herbeizuführen, die nicht meinen Vorstellungen entsprechend lief. Die Gründe für das Zögern: tief in den Körper eingeschrieben. Woher eigentlich? Wer impft uns weiblich sozialisierten Wesen so früh ein, dass wir im sexuellen Dialog gefallen wollen, anstatt uns auszudrücken? Zu ungewohnt, anstrengend, nicht weiblich, Angst, kein Gefühl – und dennoch möglich.

Good news! Sexuelle Kommunikation ist lernbar. Zu fühlen, zu zeigen und zu sagen, was ich will, ist geil. Empathie und Respekt sind heiß. Konsens ist sexy! Ich hab’s gelernt und gebe dieses Wissen großzügig weiter. Sexarbeit war mein Bootcamp für das gute Leben im Patriarchat.

 

Manchmal suchen sich Journalisten sehr exotische Themen raus. So erhielten wir eine Anfrage, wo es um den Wandel der Sexbranche in Japan geht. „Dort nimmt das Angebot „härterer“ sexueller Dienstleistungen wie Geschlechtsverkehr und Oralsex ab, während Einrichtungen mit „weicheren“ Angebote wie Massagesalons und Kuschelcafés boomen. Als Grund gilt Japans alternde Gesellschaft. Die vielen Alten wollen, oder können, keinen Sex mehr haben, sehnen sich aber weiter nach Intimität und Körperkontakt.“
Wir sollten antworten, ob denn ein ähnlicher Wandel in Deutschland zu verzeichnen ist.

Eine Kollegin aus dem BesD hat sich dazu Gedanken gemacht:

Ich habe nicht das Gefühl, dass es zwingend an einer alternden Gesellschaft in Japan liegt, dass Etablissements wie Kuschelcafés entwickelt wurden. Meines Erachtens impliziert diese Aussage, dass in der Hauptsache Männer mit Potenzproblemen diese Services in Anspruch nehmen. Zunehmende Landflucht der jüngeren Generation und der Wandel sich um seine auf dem Land zurückgelassenen Eltern nicht mehr in dem Maße zu kümmern wie noch vor einigen Jahrzehnten (zu Zeiten, als Zwei-Generationen-Haushalte üblich waren) erklären die zunehmende Vereinsamung älterer Japaner schon eher.
Im Hinblick auf einen Erklärungsversuch der Impotenz wird jedoch außer Acht gelassen, dass es ja auch Maid-Cafés gibt (Örtlichkeiten, in denen als Zimmermädchen verkleidete junge Damen Männern, meist gleichen Alters, Gesellschaft leisten), Crossdressing-Maid-Cafés (in denen Jungs als Zimmermädchen verkleidet Gesellschaft leisten) oder Boy-/Butler-Cafés, in die junge Frauen gehen, um dort die Gesellschaft gutaussehender junger Männer zu genießen. Meines Wissens nach ist in all den von mir aufgezählten Beispielen eine Berührbarkeit des Dienstleistungspersonals ausgeschlossen.
Offen gestanden würde ich dies auch nicht mit japanischen oder deutschen Sexangeboten vergleichen. Es gibt schließlich auch Cat-/Dog- und weitere Cafés, in denen ebenso emotionale Bedürfnisse befriedigt werden, ohne dass es zu einer Interaktion (zwischen Menschen) kommt.

Japans Gesellschaft unterscheidet sich einfach auch sehr von der deutschen. Gruppenzugehörigkeit ist in Japan sehr wichtig; endet die Zugehörigkeit zur Gruppe der eigenen Schulklasse mit Schul- oder College-Abschluss, beginnt sie mit Tätigkeitsaufnahme in einer Firma bei den Kollegen erneut. Japanische Kollegen gehen gerne nach der Arbeit noch in Bars oder Restaurants, um den Arbeitsalltag ausklingen zu lassen, am Ende des Abends ist mit Gruppenzugehörigkeit aber Schluss, und wer keine Familie hat, den holt spätestens auf dem Weg nach Hause die Einsamkeit wieder ein.
Zusätzlich ist es in Japan üblich, dass die Frau aus dem Berufsleben ausscheidet und sich dem Familienleben und der Hausarbeit komplett widmet, sobald sie heiratet. Ich meine, dass auch in Japan mittlerweile ein Karrieredenken bei vielen Frauen eingetreten ist, sie möchten so früh gar nicht mehr heiraten wie noch ihre Elterngeneration. Der gegenwärtige Zustand: Männer haben weniger Zugang zu heiratswilligen Frauen. Die Folge: Zunehmende Einsamkeit auch in jüngeren Bevölkerungsschichten.

Warum gibt es diesen Wandel von Sex-Dienstleistungen zu Intimitäts-Dienstleistungen ohne Sex in Deutschland nicht? Das ist eine gute Frage. So eine richtige Antwort habe ich darauf auch nicht. Vielleicht ist ein Ansatz aber in dem Unterschied zu suchen wie Freundschaften in Deutschland und wie Freundschaften in Japan gepflegt werden. Gesellschaftlich sind in Deutschland heterogeschlechtliche Freundschaftlich ganz normal. Sicher denkt man sich mal:“Die verstehen sich aber ziemlich gut, irgendwie stecken sie in einer Friendzone fest, sonst wären sie sicher ein Paar.“, aber grundlegend werden Mann-Frau-Freundschaften so akzeptiert wie Mann-Mann- oder Frau-Frau-Freundschaften, und man geht nicht sofort davon aus, dass ein Mann und eine Frau ein Paar sind. Ich kann mit einem Freund Essen gehen, ohne dass unser gemeinsamer Freundeskreis davon ausgeht, dass da „was läuft“.
In Japan ist das anders; Gesellschaftliche Zusammenkünfte von drei und mehr Personen sind freundschaftliche Anlässe – nur zwei Personen hingegen gehen zu einem Date. Gesellschaftlich wird in Japan viel mehr in ein Treffen unter zwei gegengeschlechtlichen Freunden hineininterpretiert, das kann soweit gehen, dass eine Freundschaft als außereheliche Affäre von außen missbilligt wird. Da kommt man zu dem Schluss, dass in Japan alles, was die eigene Ehefrau emotional nicht bietet, für den Mann unerreichbar ist (bzw. bis zum Auftreten von solchen Kuschel-/Maid-/Boy-/ usw.-Cafés war), wohingegen in Deutschland durch vielfältige Freundschaften die Möglichkeit geboten wird, dass ein Ehemann auch außerehelich emotional mit einer Frau zu tun hat, ohne dass es in Romantik und Sex mündet.
Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum in Deutschland solche rein emotionalen Dienstleistungsangebote nicht oder nur in Einzelfällen benötigt werden.

Sehr geehrter Herr Haug, sehr geehrte Damen und Herren,

vor wenigen Wochen erreichte mich eine Anfrage aus Ihrer Redaktion, ob ich bereit wäre, in einer TV-Produktion mitzuwirken. Mein Name ist Hanna Lakomy, alias Salomé Balthus, ich bin Prostituierte.

Ich möchte Ihnen hier erklären, wie es dazu kam, dass ich diese Anfrage, die mich erst positiv interessiert hatte, nun letztendlich doch abgelehnt habe. Ich habe das Bedürfnis, das zu erklären. Ich möchte nicht für unzuverlässig oder fremdgesteuert gehalten werden, dies wäre mir fatal! Zudem schätze ich die Arbeit von SPIEGEL TV im Allgemeinen und halte Ihre Institution für unbestreitbar seriös.

Zu Wort kommen sollen alle Sparten und Preisklassen meiner KollegInnen in Gewerbe der käuflichen Lust, aber ebenso unsere politischen Gegner, die Abolitionistinnen, selbsternannte Huren-Retter, Aussteigerinnen aus dem Bereich der illegalen Prostitution, die ihre unguten Erfahrungen verallgemeinern, während sie uns dasselbe mit unseren positiven Erfahrungen vorwerfen. Auf gesellschaftliche Widersprüche, Hintergründe sollte eingegangen werden, und, wie ich meinte, dargestellt werden, welche Lücke zwischen Vorstellung und Wirklichkeit der Prostitutionsmythen besteht, wie falsch die (von der Emma aufgebrachten) Zahlen sind, und die Behauptung, 99% der Prostituierten seien Zwangsprostituierte.
Ich war erst sehr dafür, mich zu zeigen, mich darauf einzulassen, einen Tag lang von einem Kamerateam begleitet zu werden, es so zu inszenieren, als würde ich mich an dem Tag auf einen Kunden vorbereiten, diesen auch treffen. Ich hatte bereits für die Dreharbeiten eine Hotelsuite als Drehort gemietet, und meiner Stylistin Bescheid gegeben. Ich hatte mir Mühe gegeben, die Wünsche Ihrer Mitarbeiter nach möglichst viel Nähe, Authentizität und intimen Offenbarungen zu erfüllen.

Doch dann musste ich die Notbremse ziehen:
Grund war zunächst der Titel: Die Produktion soll den Titel tragen „Der große Rotlicht-Report“. Rotlicht-Report – das Rotlicht, das ist doch nur ein Teil der Welt der Prostitution, und zwar gerade nicht meiner. Was hätte ich dazu denn zu sagen?
Dann die Tatsache, dass es nicht gewollt sei, durch die Dokumentation „Prostitution zu verherrlichen“ – aus Gründen des Jugendschutzes, bei einer Sendung zur Prime Time. Jugendlichen darf also eine legale Tätigkeit in der Sexarbeit nicht als etwas präsentiert werden, dass eine berufliche Perspektive darstellen könnte. Es müssten sich die positiven und negativen Aspekte die Waage halten, um ein neutrales, ambivalentes Bild zu zeichnen. – Ginge es um ein anderes Thema als das der Prostitution, etwa die Computerindustrie, Ehegattensplitting, den Politikbetrieb, etc. – ich würde diese Neutralität begrüßen, sie für aufklärerisch halten. Doch im Falle eines Berufes, der historisch und auch aktuell massiver Stigmatisierung ausgesetzt ist, und dessen Vertreterinnen mit den aller schärfsten Konsequenzen für ihr Leben zu rechnen haben, wenn sie so mutig sind, sich zu outen, ist diese Neutralität eben keine echte Neutralität. Sondern ein Zugeständnis an die öffentlich bestehende Meinung, mithin feige und wohlfeil. Stellen Sie sich eine Dokumentation über Homosexualität in den 70er Jahren vor, die sich zur Aufgabe macht, „Homosexualität nicht zu verherrlichen“. Oder eine Sendung im Saudi-Arabischen Staatsfernsehen über Feminismus, die vermeiden will, „Feminismus zu verherrlichen“. Jeweils immer gern mit Hinweis auf den Schutz der Jugend, die in den gesellschaftlich gewollten moralischen Werten aufgezogen werden soll.
Ich habe mir sagen lassen, der SPIEGEL war früher mal kontrovers, politisch engagiert, gegen die Meinungs-Macht der übrigen Leitmedien. Die Annahme, Medien sollten „wertneutral“ sein und „nur die Wirklichkeit abbilden“, halte ich für ebenso falsch wie dumm. Es gibt keine Neutralität. Wer sie für sich beansprucht, führt etwas im Schilde, zu dem er sich nicht bekenntnisoffen verhalten will, sei es aus Feigheit, sei es, um Menschen wie mir Fallen zu stellen, weil man man von ihnen etwas will, nämlich ihr Bild.

Ich bin nicht bereit, mein Gesicht, meine Stimme und meine Gestalt herzugeben für jemanden, der nicht für meine bedrohten Rechte eintritt. Ich will nicht mitwirken an einer breit angelegten Groß-Enthüllungs-Show, die hinter dem Schutz journalistischer Neutralität und Distanz nicht mehr tut, als voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, und zugleich meinen Feinden erneut die Möglichkeit gibt, mir und meinesgleichen zu schaden. Ich möchte Filmszenen mit meinem Körper nicht in einen Kontext stellen, in dem sie kritisch bewertet und zuletzt im Sinne der öffentlichen Meinung gerichtet werden. Ich habe auch meinen Kolleginnen davon abgeraten. Denn dieses „neutrale“ Format zieht uns aus, liefert uns der öffentlichen Meinung aus, stellt unseren Beruf in den Kontext von Elend und Verbrechen, als wären sie unvermeidbarer Teil unseres Gewerbes. Man liefert uns dem Meinung der Masse aus, während die Redaktion sich fein heraushält, und nicht daran denkt, uns zu schützen, erzieherisch zu wirken in unserem Sinne. Das alles soll der Urteil des Publikums eines Privatsenders wie Kabel 1 überlassen bleiben, wobei ich nicht mal weiß, was nach dem Schnitt von dem, was mir persönlich wichtig ist, noch zur Beurteilung übrig bleibt.

Auf meine Bedenken wurde zunächst eingegangen, man wolle gerade mich unbedingt dabei haben, als „einordnende Instanz“.
Also hatte ich zur Güte angeboten, statt eines Begleit-Drehs ein Statement für die Kamera abzugeben, erkennbar mit meinem Gesicht und meiner Stimme. Dies wurde abgelehnt, man sei nicht an einem Interview interessiert, sondern an „Action“ – was mich in meinen Befürchtungen nochmals bestätigte.

Ich kann mich nur über das Thema Prostitution, über mich und mein Leben äußern, wenn eine Haltung dahinter steht, ein Engagement für die Prostitution und somit für die liberale Gesellschaft. Dass die liberale Gesellschaft in Europa bedroht ist, werden Sie als politisch denkender Mensch sicher bemerkt haben.
Sollte sich SPIEGEL-TV dazu entschließen, eine engagierte Sendung Pro-Prostitution und zur Unterstützung von selbstbestimmten, mutigen Sexarbeiterinnen zu machen, stehe ich gern zur Verfügung.

Mit den besten Grüßen

Salomé Balthus

„Der hohe Preis von käuflichem Sex“ und „Blowjob auf Bestellung“

Der Titel der Podcastreihe auf zeit.de lautet: Ist das normal? In diesem wöchentlich erscheinenden Format widmet sich die Sexual- und Traumatherapeutin Melanie Büttner (München) kunterbunten Fragen rund um Sex. In zwei kürzlichen Folgen (25.6.18 und 02.07.18) ging es um Sexarbeit. Zuerst um die Kunden der Dienstleistung Sex und in der Folge von Anfang Juli um die Arbeitsbedingungen und Arbeitssituation der Prostituierten, aber auch um die Sexarbeitenden, ihre Gesundheit und die Frage der Freiwilligkeit.

Die Moderatorin Alina Schadwinkel und die Sexualtherapeutin Melanie Büttner diskutieren zunächst darüber, wie viele Menschen in Deutschland eigentlich in der Sexarbeit tätig sind. Von 84.000 – 1,2 Millionen ist die Rede und 90% davon würden diese Tätigkeit unfreiwillig ausüben, laut „Polizeiexperten“, die hier schwammig als Quelle genannt werden. Auf dem Fuße folgt die Verknüpfung von Sexarbeit mit Menschenhandel, Zuhälterei und Zwang, denn so werden „Frauen zu Sexarbeit bewegt“, wie Melanie Büttner es formuliert. Dabei erwähnt sie dann in einem Nebensatz „innere Zwänge“ oder finanzielle Notlagen, und sortiert locker-flockig auch solche Menschen in das Gros der Unfreiwilligen ein, die „durch Dritte unbeeinflusst“ in der Sexarbeit tätig sind. Hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, denn das ist ein argumentativer Dreh- und Angelpunkt dieser Episode: von „inneren Zwänge“ ist die Rede und von Opfern und von Krankheiten, psychischer und physischer Natur. Sexarbeiter*innen werden pathologisiert, und unausgesprochen bleibt die Frage nach der Mündigkeit und der freien Entscheidung von jenen, über die da geredet wird, nämlich über uns.

Wer kann sich also angesichts einer derart verheerenden Situation noch einbilden, selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig zu sein?

Wie kann man da noch gesellschaftliche Anerkennung fordern?

Wahrscheinlich sind wir alle letztlich gar nicht objektiv, sondern durch Traumata, Gewalterfahrungen und tiefenpsychologisch verankerte Muster nur eingebildete Freiwillige?

Es gibt sie aber wohl doch, die freiwillige Sexarbeiterin, die neugierig ist, den Kick, das Abenteuer sucht, so Büttner, das sei legitim, ließe sich doch in einigen Segmenten anscheinend gutes Geld verdienen. Hier werden also in bekannter Manier hochbezahlte Segmente der Sexarbeit als Ausnahme dargestellt, für 90% sind die Arbeitsbedingungen unerträglich, der Darstellung der Situation widmen Büttner und Schadwinkel sich hingebungsvoll. Sie leiten über zur Frage nach sexueller Gewalt im Leben von Sexarbeitenden, und zwar in der Kindheit und Jugend, als auch im späteren Erwachsenenleben. Dabei greift Melanie Büttner auf eine Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2004 zu Gewalt und Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland zurück. Im Rahmen der Untersuchung wurden 110 Sexarbeitende als eine Teilpopulation befragt. Da ist von nennenswerten Gewalterfahrungen zu lesen. Allerdings vergessen die beiden Akteurinnen des Podcasts darauf hinzuweisen, dass 37% der Frauen in der Hauptbefragung auch Angaben, Opfer von Gewalt in unterschiedlicher Form geworden zu sein. Haben die beiden nur „vergessen“, die Untersuchung der Teilpopulation mit einer Referenzgruppe abzugleichen?

Das Bild, das von der Sexarbeit gezeichnet wird, ist tiefschwarz. Es ist die Rede von seelischer und körperlicher Misshandlung, Abhängigkeit, Krankheit und auch Todessehnsucht. Gespickt werden diese scheinbar faktendurchsetzten Zitate aus unzähligen Studien mit überrascht-naiven Rückfragen seitens der Moderatorin Alina, und hängen bleibt vor allem der Schock und die Fassungslosigkeit.

Die doch so wichtige Frage nach guten Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit, wird zum Beispiel durch Alina mit der zynischen Einwurf bedacht, ob man dann ein schönes Sofa zum Arbeiten hätte?

Wem nützt so ein Podcast?

Und wieso nützt wem solch ein Podcast?

Es werden fast ausschließlich Quellen zitiert, die verheerende Urteile über Prostitution und die damit angeblich einhergehende Kriminalität fällen. Es werden in einer Weise Hinweise auf Länder eingestreut, die ein Sexkaufverbot installiert haben, und in Bezug gesetzt zu Zahlen über Menschenhandel und Prostitution. Liest man sich durch die teilweise dummen Kommentare hindurch, gewinnt man den Eindruck, dass dieser Podcast ein Geschenk an die Prostitutionsgegner ist.

Die Verschränkung von Zahlen über Kriegsveteranen und Sexarbeitenden oder von Trauma und Prostitution, die Schlussfolgerung, dass man die Sexarbeit nur betäubt ertragen könnte, die Menschenunwürdigkeit der Verhältnisse in der Prostitution, all das sind Stilmittel und Argumente, die insbesondere aus dem Lager der Prostitutionsgegner angeführt werden. Die allergrößte Mehrzahl ist in dieser verabscheuenswürdigen Tätigkeit gefangen. Opfer, Krankheit, Zwang, und dann die Frage nach der Gesetzgebung und dem Schutzgedanken des ProstSchG: Klar, wenn die Sexarbeit ein solches Schreckgespenst ist, dann muss reguliert und zwangsregistriert werden. Es handelt sich um einen notwenigen Schutz für die Schutzbedürftigen. Und das sind eigentlich alle.

Ist das normal, frage ich mich, ein so einseitiges Bild einer komplexen gesellschaftlichen Frage, wie die nach dem Angebot und der Nachfrage von Sexarbeit zu zeichnen, wie es nach dem Hören dieser beiden Episoden entsteht?

Ist das normal, dass sich Moderator*innen und Expert*innen einerseits so betont neutral geben, aber allernachdrücklichst lediglich Quellen zitieren, die Sexarbeit ins gesellschaftliche Abseits stellen und den Sexarbeitenden Traumatisierung, Belastungsstörungen und Depressionen unterstellen?

Ist das normal, dass man über die Sexarbeit spricht und sich dabei in den schwärzesten Farben die Realität von Sexarbeitenden ausmalt, ohne mal jemand aus der Sexarbeit zu fragen?

Ist das normal, dass in der Zeit Meinung gemacht wird, durch unterschwellige Manipulation und gezielte Verbreitung immer gleicher Quellen, die wir, die Sexarbeitenden in Deutschland, nachdrücklich in Frage stellen?

Hier wird Stimmung gegen Sexarbeit gemacht, hier wird Stigma mediale Realität und ich darf mich am Ende fragen, kann ich eigentlich noch für mich selbst entscheiden, oder bin ich schon reif für die Vormundschaft, wenn ich meinem Beruf als Hure selbstbestimmt und motiviert nachgehe?

KOMPLETT ANONYME SPENDEN SIND MÖGLICH

Vor gut einem Jahr haben wir 3.200 Euro für den Aufbau einer Infoseite zum Thema Sexarbeit in Deutschland gesammelt.
Dafür möchten wir nochmals danken.
Das Geld wurde exakt für den Sammelzweck verwendet und ist aufgebraucht. Hier die damalige Spendenaktion -> https://www.leetchi.com/c/projekt-von-berufsverband-erotische-und-sexuelle-dienstleistungen

 

GRUND FÜR DIE NEUE WEBSEITE
Anlass war der Informationsmangel und die verwirrenden Falschmeldungen bezogen auf das neue Gesetz für Sexarbeitende. Das sogenannte ProstituiertenSchutzGesetz (ProstSchG) verpflichtet alle in Deutschland in der Sexarbeit Tätigen zu einer Gesundheitsberatung und einer anschließenden Registrierung als Prostituierte.

Das Gesetz trat am 1.Juli letzten Jahres in Kraft und ist immer noch nicht in allen Bundesländern umgesetzt.

Wir wollten eine Plattform schaffen, wo Kolleg*innen alle berufsbezogenen Infos verständlich erklärt finden können.

 

WICHTIG WAR UND IST

a) Sachliche und fundierte Infos für alle Bundesländer zum Thema ProstituiertenSchutzGesetz. Kurz-Infos in leicht verständlicher Sprache und Details für alle, die es genauer wissen wollen.

b) Im Alltagsgeschäft sind viele Kolleg*innen auf sich selbst gestellt und auch für grundsätzliche branchentypische Probleme finden sich kaum Ansprechpartner*innen. Hier springt nun unser FAQ ein, welches regelmäßig erweitert wird.

c) Übersetzungen der wichtigsten Punkte in die gängigen Sprachen unserer Branche – Daran arbeiten wir weiterhin.

d) Alle für die Branche wichtigen Adressen sind nun zu finden, ebenso Auskünfte zu Themen von Sperrgebieten über Sexarbeits-Stammtische bis hin zu Weiterbildung und einem Terminkalender.

 

ERGEBNIS
Wir sind sehr stolz auf das Resultat, denn unsere Webseite ist von uns komplett erneuert worden:

  • wichtige Infos sind nun zu finden auf der Seite
  • wesentlich höhere Klickrate
  • wesentlich bessere Auffindbarkeit für Suchmaschinen
  • Kolleg*innen schreiben nun regelmäßig Blogbeiträge
  • das interne Forum wurde sehr belebt

 

WAS FEHLT

a) es sind schon fertige Übersetzungstexte vorhanden. Das zeitaufwendige Einpflegen muss gemacht werden

b) Vervollständigung und Aktualisierung der Adressliste bezogen auf das ProstSchG

c) Behebung technischer Fehler

d) Überarbeitung des Bisherigen und Optimierung

 

WIE SOLL DAS GEHEN?
Wir werden Ende Juni ein Webseiten-Wochenende veranstalten, wozu sich 5 Personen angemeldet haben. Dort werden wir 3 Tage intensiv arbeiten.
Wir wissen, dass dies sehr gut klappt, denn wir machen das in der Art schon zum 3. Mal.

Wir brauchen dringend finanzielle Unterstützung bei der Weiterführung unseres Projektes.

Bitte spende jetzt -> https://www.leetchi.com/c/weiterarbeit-an-info-webseite-fuer-sexarbeitende

Du kannst auch anonym spenden. Bei der Mailadresse, die abgefragt wird von diesem Spendentool, kannst du eine Phantasieadresse eingeben. Das spielt keine Rolle. Das Geld kommt trotzdem an.

 


 

KOSTENPLAN:

700 Euro für Webseiten-Wochenende
– Miete Seminarraum- Reisekosten für 5 Personen- Verpflegung für 5 Personen

200 Euro für Programmierung
als Bonus für unsere zum großen Teil ehrenamtlich arbeitende Webmasterin

600 Euro für Übersetzungen
– Korrekturlesen der schon vorhandenen Übersetzungen- Einpflegen auf die Webseite

300 Euro für Aktuelles
– Vervollständigung der Liste mit den bundesweiten Adressen- immer wieder Aktualisierung

SUMME = 1.800 Euro

 

Bitte spende HIER -> https://www.leetchi.com/c/weiterarbeit-an-info-webseite-fuer-sexarbeitende

 

 

Über Kunden im Sex- und Erotikgewerbe wird meistens schlecht berichtet, als wären sie alle perverse, skrupellose, dauergeile Ungeheuer, die das Leben sämtlicher Dienstleisterinnen zur Hölle machen und durch ihre widerliche Lust die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern perpetuieren. Diese Einstellung führt zur Verabschiedung von Gesetzen wie das im April 2016 in Frankreich, in dem die Bestrafung von Freiern eingeführt wird. Laut dem neuen Gesetz wird die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen bei der ersten Kontrolle mit bis zu 1.500€ bestraft und bei wiederholter Tat mit bis zu 3.750€. Mit dem neuen Gesetz vom 13. April 2016 wurde zum einen das Verbot der (auch passiven) öffentlichen Anbahnung von Kunden aufgehoben, welches 2003 eingeführt worden war und dafür die Bestrafung von Kunden, sowie Ausstiegsprogramme für Prostituierte eingeführt. In einer von Médecins du Monde veröffentlichte Studie letzten Monat werden die Folgen dieses Gesetzes ausgewertet. Zwischen Juni 2016 und Februar 2018 wurden 70 Interviews mit Sexarbeitenden sowie 24 Gruppeninterviews mit Aktivist*innen und Vertreter*innen von Sexarbeitsorganisationen in Frankreich durchgeführt. Anhand ausführlich zitierten Erzählungen der Befragten wird im Bericht der Studie die Situation von (hauptsächlich auf der Straße arbeitende) Sexarbeitenden über die letzten zwei Jahre anschaulich dargestellt. Zu beachten ist, dass die Umfrage hauptsächlich unter Sexarbeitenden, die auf der Straße arbeiten, durchgeführt wurde und die Ergebnisse somit auf die Wahrnehmungen und Erfahrungen aus diesem Arbeitsbereich basieren. Im folgenden Beitrag werden einzelne Ergebnisse der Interviews im Rahmen der Studie nochmal im Detail vorgestellt und zusammengefasst.

Freierbestrafung

Die Prekarisierung der Betroffenen ist das wesentlichste Ergebnis des neuen Gesetzes. Die Mehrheit der Befragten berichteten von einer Verschlechterung ihrer Arbeitssituation durch die Freierkriminalisierung, mit besonders negativen Auswirkungen auf ihrer Sicherheit und Gesundheit. Das neue Gesetz gefährdet die Autonomie von Sexarbeitenden und viele befinden sich folgendermaßen in der Abhängigkeit von Dritten. Dies bestätigt, was Sexarbeitsorganisationen weltweit schon immer als hoch problematisch mit der Freierkriminalisierung eingeschätzt haben. Seit Einführung des neuen Gesetzes senkte die Anzahl der Kunden für viele Sexarbeitende, was zu einer Prekarisierung der Arbeitsbedingungen führte, in dem viele Sexarbeitende auf Grund ihres gesunkenen Einkommens sich genötigt fühlten, Dienste anzubieten, die sie sonst nicht anbieten würden. Insofern schwächt das neue Gesetz die Machtposition der Sexarbeitenden bei Verhandlungen mit Kunden. Daher befinden sich viele Sexarbeitende seit April 2016 in einem Teufelskreis zwischen prekären Arbeitsbedingungen, sexuelle Praktiken auszuüben, die sie sonst nicht anbieten würden, und dem Risiko erhöhter Gewalterfahrungen bei der Arbeit. Öffentliche Beleidigung, körperliche und sexuelle Übergriffe, Diebstahl und Raubüberfälle in Terminwohnungen gehören zu den verschiedenen Formen von Gewalt, die von Sexarbeitenden berichtet worden.

Die Stigmatisierung von Sexarbeitenden ist durch die Freierkriminalisierung auch nicht geringer geworden. Im Gegenteil: das neue Gesetz verfestigt nochmal die Kategorien Sexarbeitende/Opfer und Kunde/Täter, was zu Lasten der Betroffenen das öffentliche Bild vom Sex- und Erotikgewerbe als schmuddeliges, kriminelles Milieu propagiert. Die Wahl an sicheren Arbeitsplätzen ist ebenso durch das neue Gesetz zurückgegangen, denn die Kunden trauen sich nicht mehr an offenen, sichtbaren Orten anzubahnen. Außerdem wird die Solidarität unter den verschiedenen Sexarbeitenden durch die Prekarisierung geschwächt. Dadurch, dass sie um weniger Kunden konkurrieren müssen, werden sich Sexarbeitende gegenseitig eher als Konkurrentinnen und nicht als Mitstreiterinnen für gemeinsame Rechte betrachten.

Ausstiegsprogramme: Mehr Stigmatisierung statt Unterstützung

Neben der Freierbestrafung sorgen auch die Ausstiegsprogramme für viel Kritik von Sexarbeitenden und ihren Alliierten. Auch wenn diese Maßnahme gut gemeint ist, berichtet die Studie, dass sie bisher wenig verbreitet und daher unbekannt und unwirksam gewesen ist. Ähnlich wie in Deutschland, wird das Gesetz je nach „département“ unterschiedlich durchgesetzt, und insbesondere die Ausstiegsprogramme unterschiedlich ausgeführt. Außerdem ist es bedenklich, dass ein wesentliches Kriterium für die Zulassung zum Ausstiegsprogramm, der sofortige Ausstieg aus der Sexarbeit ist. Aus praktischen Gründen ist das für viele Sexarbeitenden nicht möglich, denn die Wartezeiten in vielen Städten bis zur Aufnahme in das Programm über Monate dauern. Es wird den Ausstiegswilligen zwar zu Beginn des Programms finanzielle Hilfe sowie eine kurzfristige Arbeitserlaubnis und eine Unterkunft gegeben, aber bis die bürokratischen Abläufe erledigt werden und die Ausstiegswillige endlich die Vorteile des Programms genießen kann, muss der Lebensunterhalt noch irgendwie bestritten werden.

Darüber hinaus werden die Ausstiegsprogramme im Bericht als Beispiel der „sozialen Kontrolle“ kritisiert, denn einige der Befragten äußerten Bedenken wegen der Erhebung ihrer persönlichen Daten durch die Teilnahme an dem Programm. Ähnlich wie bei der Registrierungspflicht hier in Deutschland, stellt die Teilnahme an dem Ausstiegsprogramm das Risiko des Outings dar, die viele Sexarbeitende nicht bereit sind einzugehen. Auch wird die Rolle bisher vertrauter Beratungsstellen in Frankreich in Frage gestellt, wenn sie im Rahmen der Vermittlung des Ausstiegsprogramms verpflichtet werden, persönliche Daten der Ausstiegswilligen an die Behörden weiterzugeben. Durch die Einführung dieser Programme wird viel mehr durch einen moralisierenden Ansatz gegen die Sexarbeit vorgegangen, als eine wirksame soziale Maßnahme im Interesse der Sexarbeitenden. Das Ergebnis wird daher leider eine zunehmende Stigmatisierung von Sexarbeit und Sexarbeitenden sein und keine Ausstiegswelle, wie durch diese Maßnahme erzielt wird.

Fazit

Was bringt es, die Freier zu kriminalisieren? Die Ergebnisse der Studie sind leider nicht überraschend. Die Anzahl der Sexarbeitenden in Frankreich ist durch das neue Gesetz nicht weniger geworden. Allerdings ist die Anzahl der Kunden seit Einführung des neuen Gesetzes deutlich gesunken, so dass die Konkurrenz zwischen den Dienstleister*innen und dabei die Prekarität in der Sexarbeit gestiegen ist. Durch das neue Gesetz wird der Kunde als Täter anstatt als Geschäftsteilnehmer behandelt, was im Endeffekt der Erbringung von sexuellen Dienstleistungen gegen Geld als legitime Arbeitsform entgegenwirkt. In den Gesprächen mit Sexarbeitenden wurden die Freier allerdings nicht unbedingt als perverse Ungeheuer dargestellt, sondern einige schilderten auch positive Erfahrungen mit ihren Kunden und die Möglichkeit, durchaus menschliche Geschäftsverhältnisse mit ihren Kunden pflegen zu können.

Hinter der Freierkriminalisierung steckt die Unterdrückung männ(ensch)licher Sexualität, welches ein höchst unwirksamer und kontraproduktiver Ansatz für das behauptete Ziel dieser Maßnahme (die Bekämpfung von Zwang und Menschenhandel im Sex- und Erotikgewerbe) darstellt. Der BesD steht ausdrücklich für Maßnahmen für die Stärkung von Menschenrechten anstatt für die Unterdrückung menschlicher Wünsche und Bedürfnisse, um die Probleme, die es in der Sexarbeit gibt, anzugehen. Wir plädieren stark gegen die Kriminalisierung unserer Kunden und somit gegen die Einführung des nordischen Modells in Deutschland.

Quelle

Dieser Text wurde von unserer Forschungsbeauftragten Nadine übersetzt und zusammen gefasst

Beim Mitgliedertreffen des BesD im Herbst 2016 lernte ich Violett kennen. Witzigerweise leben und arbeiten wir beide in Leipzig und müssen bis nach Göttingen fahren, um uns kennenzulernen. Allein diese Tatsache schrie schon danach, endlich ein Sexarbeiter*innen-Treffen in Leipzig zu organisieren. Schon lange wünschte ich mir sowas, nachdem ich von Kolleg*innen aus anderen Städten viel Positives gehört hatte über diese ungezwungenen Treffen unter Sexarbeiter*innen.
Allerdings war ich im Jahr 2016 gerade nicht aktiv als Sexdienstleisterin und viel mit mir selbst beschäftigt. Auch Violett arbeitete viel, so dass wir nur in sehr großen Abständen miteinander Kontakt hatten. Wir sprachen aber das Thema Stammtisch immer wieder an und dass wir das doch endlich mal organisieren müssten …

2017 begann ich wieder als Independent Escort zu arbeiten, das ProstSchG trat in Kraft und so langsam bewegte sich in Sachsen und Leipzig etwas. Vom Gesundheitsamt Leipzig und weiteren Organisationen wurde der Arbeitskreis „Sexarbeit in Leipzig“ ins Leben gerufen. Da Violett und ich mit diesem spätestens seit letzten Sommer in engem Kontakt stehen, wurden wir dazu eingeladen und waren natürlich dabei. Das erste Treffen fand Ende Februar statt, wo auch jemand vom Verein „RosaLinde e. V.“ dabei war. Und wie das immer so ist … es werden vor Allem während der Pausen Kontakte geknüpft und so hatte Violett einfach mal gefragt, ob man nicht Räume von RosaLinde nutzen könnte, um ein Sexarbeiter*innen-Frühstück zu veranstalten.

Die Idee mit dem Frühstück war ihr zwischendurch gekommen. Wir hatten immer von einem Stammtisch gesprochen, der abends stattfindet, aber das ist für die meisten Kolleg*innen natürlich schwierig, weil sie abends arbeiten oder sich nach einem langen Tag ausruhen wollen. Außerdem finden Stammtische ja oft in Bars oder Kneipen statt und Violett hatte sich überlegt, ob das nicht abschreckend für Manche sein könnte, so in der Öffentlichkeit. Ich selbst hatte das Ganze nur am Rande mitbekommen, erhielt aber einige Zeit später eine Mail von RosaLinde. Man bat uns, sich doch dem Vereins-Plenum einmal vorzustellen und zu erklären, was wir vorhaben. Da musste ich nochmal bei Violett anrufen und nachfragen, was sie das eigentlich besprochen und gefragt hatte.

Der Verein RosaLinde e. V. ist toll – setzt sich für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*, Asexuelle und queere Menschen (LSBTIAQ*) in Leipzig ein und leistet seit seiner Gründung 1988/1990 Antidiskriminierungs- und Lobbyarbeit in diesem Bereich. Und so war unsere Vorstellung eigentlich eine reine Formsache, denn bei der Unterstützung einer weitreichend diskriminierten Gruppe, wie bei Sexdienstleister*innen war der Verein sofort dabei. Wir bekamen die Zusage, an einem Sonntag Vormittag im Monat endlich das erste Sexarbeiter*innen-Treffen in Leipzig abzuhalten.

Das Frühstück ist einfach ein offener Treff ausschließlich unter Kolleg*innen. Wir wollen uns über Alles austauschen, was uns mehr oder weniger unter den Nägeln brennt, über die Arbeit sprechen, über Schönes, Lustiges, aber auch Schwierigkeiten und Probleme können angesprochen werden. Violett und ich verstehen uns dabei auch als Sprachrohr, welches die Anliegen der sächsischen und Leipziger Sexarbeiter*innen in den neu gegründeten Arbeitskreis trägt. Auch können wir Infos zum ProstSchG und zum aktuellen Stand der Ausführung geben. Die Räume des RosaLinde e. V. bieten uns dafür einen geschützten Rahmen, indem wir komplett unter uns sind. Ort und Datum geben wir nur bei Anmeldung bekannt.

Das erste Frühstück hatten wir im Mai bereits. Es kam extra eine Kollegin aus dem Umkreis von Leipzig und wir hatten einen regen Austausch.
Ich freue mich schon riesig auf das nächste Frühstück mit hoffentlich noch einigen Kolleg*innen mehr.

Meldet euch einfach bei mir oder Victoria an.
Gruß,
Lydia


Infos und Kontakt:
Lydia: info@versuchung-lydia.de
Viktoria: 0176-32808941

Dieser Text stammt von einem unserer neusten Mitglieder:

Das neue ProstSchG, welches Mitte letzten Jahres in Kraft getreten ist, lässt für die Betroffenen viele Fragen offen. Es sorgt bei den Sexarbeitenden für Unruhe und Panik, statt, wie vorgesehen, für Schutz und Ordnung.
In den letzten Jahren sind die Kontrollmaßnahmen im ganzem Land verschärft worden. Es werden vermehrt Personenkontrollen durchgeführt, an allen öffentlichen Plätzen hängen mit der Weile Kameras, selbst beim Gang durch den Stadtpark, möchte man eine neue Prepaid-Sim-Karte freischalten, geht das nur noch mit Vorlage eines Ausweisdokuments, oder mittels face-to-face-check im Internet. Die Möglichkeit der Anonymität in unserer Gesellschaft nimmt stark ab, diese ist aber gerade in der Sexarbeit für viele wichtig. Durch die neue Regrestrierungspflicht und die dadurch entstehenden Kontrollmöglichkeiten in Betrieben und auch privat Wohnungen, haben die Leute Angst zwangsgeoutet zu werden. Und das zu Recht! Denn das Gesetz drückt nur sehr unklar aus, in welchem Fall Daten weitergegeben und Kontrolen durchgeführt werden dürfen.

Der Hauptvorwand, für diese doch sehr drastischen Maßnahmen, ist es, Opfer von Menschenhandel ausfindig zu machen. Nur ist nicht ganz ersichtlich, wie das funktionieren soll.
Warscheinlich schafft es jeder, der einen Menschen zur Prostitution zwingen kann, diesenauch zu einer ganz banalen Anmeldung beim Amt zu bringen, so hätten wir dann also ganz legale Zwangsprostitution in Deutschland!…spitze
Andersherum wird sich niemand freiwillig anmelden, der nicht vor hat, in dem Geschäft zu bleiben. Vielleicht ist man alleinerziehend und das Kind ist noch zu klein für reguläre Arbeitszeiten, oder man finanziert nur sein Studium damit, möchte aber später mal was ganz anderes machen. Jemand mit diesen, oder ähnlichen Hintergründen hat vermutlich zu viel Angst vor den Konsequenzen einer Regrestrierung und vor einem, eventuell daraus resultierendem Outing. So wären diese aber gezwungen, sich ohne die benötigte Anmeldung künftig in einen illegalen Rahmen zu bewegen.

Dieser Rahmen bringt für die Betroffenen allerdings wieder neue Gefahren mit sich, denn ohne offizielle Anmeldung, müssen diese wieder auf eigene Faust arbeiten. Es ist nach dem ProstSchG nicht mehr möglich, ohne Regestrierung weiter im Bordell zu arbeiten – sollte dies bei einer Kontrolle auffallen, drohen sowohl dem Sexarbeitendem selber, als auch dem Betrieb hohe Bußgeldstrafen.
Die Bordelle fürchten um ihre Existenz und Sexworker ohne Anmeldung, sind somit ohne Schutz, wieder auf sich alleine gestellt. Sie treffen ihre Freier an diskreten, verborgenen Orten und sind im Ernstfall, ihrem Willen schutzlos ausgeliefert. Nicht jeder Freier hält sich an die zuvor getroffen Vereinbarungen, es kommt immer mal wieder vor, dass jemand Gewalt ausübt, oder nicht zahlen möchte. Seit kurzem können sich diese Sexarbeitenden keine Hilfe mehr holen, denn sie verstoßen ja selber gegen das Gesetz und müssten damit rechnen auch strafrechtlich verfolgt zu werden. Das macht sie aber leider zu einem leichtem Opfer, sie arbeiten auf eigene Gefahr und sind dadurch auch erpressbar. Schließlich haben sie stehts zu befürchten an die Behörden oder Angehörige verraten zu werden, sicher gibt es auch einige, die sich lieber auf den einen oder anderen fragwürdigen Deal einlassen, als zwangsgeoutet zu werden. Die Gefahr sich hier immer weiter in der Illegalität zu verstricken ist groß, gerade wenn man auf den Umsatz angewiesen ist und die Aussichten auf Hilfe sind wohl massiv eingedämmt worden.

Geschützt hat uns das ProstG von 2002, das neue ProstSchG ist wieder ein riesen Schritt in die falsche Richtung. Da bleibt nur die Frage, ob es bei diesem Gesetzesentwurf wirklich um Schutz und Ordnung ging, leider nur mit völlig falschem Ansatz, oder geht es doch nur wieder um die Erhöhung von Überwachungsmaßnahmen und darum ein paar neue Steuerzahler zu haben?

Seit fast 7 Jahren arbeite ich schon als Gastlady in einem Bizarrstudio in München. Warum reise ich extra nach München, wo ich doch in Berlin mein eigenes kleines Studio habe? Ja, zum einen, weil ich gerne reise, und zum anderen weil das Geld nicht reicht, das ich in Berlin verdiene. Mir geht es genauso wie vielen Kolleg*innen nördlich des Weißwurstäquators, die in südliche Bundesländer zum Arbeiten fahren müssen um als Selbstständige in in der Sexarbeit existieren zu können. Für diese branche ist gerade Bayern ist ein Eldorado zum Geldverdienen.
„Je katholischer je besser“, sage ich immer.

In München kommt noch die Nähe zu Österreich hinzu, denn in den grenznahen Bundesländern gibt es so gut wie kein Sex-Angebot. Außerdem ist ein Kurzausflug nach München ja unverfänglich, denn da kennt einen ja keiner.

Nein, liebe Steuerfahndung, auch in München wird man als Sexarbeiterin nicht reich. Man verdient dort aber mehr und einfacher das Geld als in andern Landesteilen. Jedoch habe ich auch schon Kolleginnen kennengelernt, die in München so gut wie nichts verdient haben. Aber dies ist eine andere Geschichte, denn mir ging es dort immer sehr gut, und ich habe viele Stammgäste, die ich wirklich sehr schätze. Aber nun ist aber erst mal Schluss damit von meiner Seite.

Warum?

Irgendwie hat meine innere Stimme NEIN gesagt. NEIN als ich vorgestern die Mail von meiner supernetten Betreiberin des Studio Elegance aus München erhielt. Mein Berliner Ausweis würde in München leider nicht mehr anerkannt.
Ich wollte ja eigentlich nächste Woche in München bei ihr arbeiten. Und ich hatte schon echt viele feste Termine. Ich sagte alle ab.

Warum?

Die meisten werden es mitbekommen haben, dass es ein neues Gesetz zur Regelung der Prostitution gibt. Es trägt den schönen Namen ProstituiertenSchutzGesetz. Dass es dabei nicht um unseren Schutz geht, sondern eher um Kontrolle und Reduzierung der Sexarbeit geht möchte ich hier nicht ausführen.

Sexarbeitende müssen sich einem Beratungsgespräch in einer Behörde unterziehen, das in der Regel von Beamten durchgeführt wird, die keine oder gar keine Ahnung vom Thema haben. Diese sollen dann herausfinden, ob ich unter Zwang arbeite oder überhaupt weiß was ich tue.

Dann bekomme ich einen Prostituiertenausweis mit meinem Foto. Zu meinem Schutz wird aber netterweise mein Name durch einen frei gewählten Künstlernamen ausgetauscht. Dieser Ausweis gilt dann für alle Städte und Bundesländer, die ich als Arbeitsorte angegeben habe. Ich könnte also eigentlich mit meinem Berliner Ausweis in München arbeiten.

Leider gehört Berlin zu den Bundesländern, die mit der Umsetzung noch nicht so ganz fertig sind. Naja, der Flughafen ist ja auch noch nicht fertig. Ach, ich liebe Berlin. Hier ist eben alles nicht perfekt. Das ist in München anders.

Die für uns zuständige Meldebehörde in Münchenn nennt sich KVR (Kreisverwaltungsreferat), und auch Berliner Sexarbeitende sind eigeladen sich dort gegen 70 Euro Gebühr registrieren zu lassen. In Berlin wird dieser „Service“ selbstverständlich kostenlos sein, denn Berlin hält es für unangebracht, dass die Umsetzung eines „Schutzgesetzes“ von den zu Schützenden selber gezahlt werden muss.

Nein, es sind nicht die 70 Euro, die mich von der Registrierung in München abhalten. Ich finde das Vorgehen von München völlig übertrieben, und ich sehe nicht wie sich das mit dem Schutzgedanken des Gesetzes verträgt. Es ist ja nicht so, dass ich illegal arbeite. Nein, ich habe mich ja in Berlin auf der Behörde eingefunden und habe auch einen schriftlichen Nachweis, dass ich dort registriert bin. Aber dieses Stück Papier hat eben keine Foto und sieht nicht so aus wie es auszusehen hat. Jawoll.

Ich finde nicht, dass wir Berlinerinnen für die Unzulänglichkeiten unseres Bundeslandes verantwortlich gemacht werden können. Übrigens, gibt es noch etliche andere Bundesländer, die ebenfalls noch keine Meldebehörden am Start haben. Berlin ist nicht alleine. Und zur Ehrenrettung sei gesagt, dass Berlin sich wirklich sehr viele Gedanken macht, wie dieses Gesetz möglichst sexarbeitsfreundlich umgesetzt werden kann und nicht zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führt. Ich liebe Berlin.

Gerade vor dem Hintergrund der Verschärfung der Polizeigesetze im Seehofer-Söder-Staat, Bayern, möchte ich als Prostituierte meine Daten nicht in München wissen. Nein, ich leide nicht an Verfolgungswahn. Ich bin ein sehr gelassener und gutgläubiger Mensch. Es muss schon einiges passieren, dass ich in eine Abwehrhaltung komme. Das für uns zuständige Sittendezernat in München hat dies geschafft. Diese Polizeidienststelle hat sich noch nie drum geschert, was sie eigentlich wirklich dürfen und das Gesetz immer sehr wohlwollend zu ihrem Vorteil ausgelegt.

So wurde jahrelang allen Betreibenden von Bordellen und Studios gesagt, dass sie die neuen Frauen als erstes zu ihnen aufs Revier schicken sollen zur Registrierung. Wenn es dann tatsächlich noch einen Betreibenden gegeben hat, der oder die gewagt hat zu sagen „Wieso denn? Es gibt doch gar keine Registrierungspflicht.“ Dann kam die Antwort, dass dass natürlich keine Pflicht sei. Aber so eine polizeiliche Registrierung ja viel besser sei, denn dann müsse ja nicht so oft kontrolliert werden. Ansonsten käme man dann regelmäßig zur Kontrolle im Bordell vorbei.
Regelmäßig kann in diesem Zusammenhang bis zu 2x pro Woche sein. Welches Bordell kann sich das erlauben? 2x pro Woche Polizeiautos vor der Tür und 2x pro Woche Kontrolle von allen anwesenden Sexarbeitenden – auch diejenigen, die gerade mit dem Kunden beschäftigt sind.

Jeder Kunde, der das ein mal mitgemacht hat, geht sicher nie wieder in dieses Bordell – wenn er überhaupt noch mal geht. Das kann sich kein Betreibender erlauben. Außerdem laufen einem ja auch die Damen weg, denn wer will schon dauernd kontrolliert werden. Resultat ist, dass alle in München kuschen.

Bei der Kontrolle der Damen hat die Sitte auch mit unlauteren Methoden gearbeitet. Bei meiner ersten Kontrolle wurde folgendes gesagt: „Warum haben sich nicht bei uns im Revier registriert? Ja, da haben sie aber Glück, dass wir das jetzt auch direkt vor Ort hier gleich machen können.“ Geschockt und dankbar war ich dann heilfroh, so glimpflich davon gekommen zu sein. Ich wußte nicht, dass ich gar nichts verbrochen hatte, und war somit handzahm. „Sie haben doch nichts dagegen, dass wir ein Foto von ihnen machen?“ KLICK…. äh, nein. Ich hätte sagen müssen „doch, ich habe was dagegen!“ In dem Fall wäre natürlich kein Foto gemacht worden, denn das dürfen die gar nicht. Es liegt keinerlei Verdacht auf Straftatbestände vor, und Fotos machen ist der übliche Einstieg in einer erkennungsdienstliche Erfassung. Dies alles weiß man nicht, wenn man so überrumpelt wird. Und ich habe diese Praxis der Sitte diverse Male bei Kolleginnen beobachtet. Natürlich habe ich mich dann immer eingemischt und gesagt, dass die Kollegin sicher was gegen Fotos hat…. Ich denke, dass ich in München schon weit über 10x kontrolliert wurde von der Sitte. Dies ist um so erstaunlicher vor dem Hintergrund, dass ich ja nur alle 2-4 Monate für jeweils 3 Tage in MUC bin.

Ich werde erst wieder nach München fahren, wenn die Berliner Behörde es geschafft hat mir einen prächtigen Hauptstadt-Huren-Ausweis auszustellen. Diesen werde ich mir auf den Künstlernamen Alice Schwarzer machen lassen.


Beitrag von Johanna Weber, die in verschiedenen Stäften Deutschlands und der Schweis als berührbare oder erotische Domina arbeitet.

Dieser Beitrag schildert die Eindrücke eines unserer neusten Mitglieder von der Mitgliederversammlung Mitte April:

Am Bahnhof erkannte ich das Gesicht von Johanna und quatschte sie an. Ich war viel zu neugierig und wollte mich sofort vorstellen. Wir waren mit demselben Zug aus Berlin hergefahren und nun mussten wir in die Regionalbahn umsteigen. Mein erster persönlicher Kontakt mit dem BesD… Aufregend!

Vor einem halben Jahr bekam ich beim Gesundheitsamt den Flyer des Vereins mit einer herzlichen Empfehlung. Es verging eine Zeit, bis ich die Entscheidung traf. Zuerst kontaktierte ich Charlie aber mir war es vor allem wichtig, die Leute persönlich kennenzulernen. Ich hatte Glück, nämlich sollte die Mitgliederversammlung ein Monat später stattfinden.

Johanna freute sich sehr über meine Anwesenheit und antwortete freundlich all meine ungeduldigen Fragen. Auf dem Bahnsteig stellte sie mir Fabienne und Nadine vor. Bald saßen wir zu viert im Zug. Draußen war es regnerisch, die Gespräche drinnen entspannt und witzig. Ganz normale Menschen halt, wie ich. Bald bombardierte ich Nadine mit Fragen über ihre spannende Forschungsarbeit, bis wir das Ziel erreichten…

Ich weiß nicht mehr, wann ich zu einer Einzelgängerin wurde. Schon am Ende meines Philosophiestudiums in Spanien hatte ich Politik satt. Gruppen mag ich i.d.R. nicht. Entweder bin ich zu anspruchsvoll oder zu empfindlich. Nach sieben Jahren und offensichtlich bei dem richtigen Anlass kam das Bedürfnis, die meinesgleichen zu suchen. Allerdings hatte ich die geringste Ahnung, wie eine Mitgliederversammlung überhaupt aussieht oder was für Menschen ich dort begegnen würde. Eins wusste ich nur: Die Erfahrung würde mich nicht kaltlassen.

Die Mischung war bemerkenswert, drei verschiedene Generationen und alle möglichen Berufsbilder. Die Geschlechter waren auch repräsentiert. Unser anfangs introvertierter Koch würde uns fleißig über das Wochenende mit selbstgemachten Leckereien besorgen, wie der Willkommensapfelstreuselkuchen, die Burgerstraße bei der Grillparty oder die Abschiedspizza. Ziemlich schnell würde er sich einer von uns fühlen und mir mit einem strahlenden Lächeln verraten, er hätte nie zuvor so ein nettes Publikum gehabt.

Ich komme aus Spanien und wohne seit 5 Jahren in Deutschland. Wie viele Umwege das Leben für mich bereit hatte, hätte ich nie geahnt. Gottes Wege sind unergründlich, sagt man gern in katholischen Ländern. In Deutschland kann ich atmen und fühle mich frei. Ja, ich liebe Deutschland. Aber vor allem liebe ich deutsche Frauen. Zumal sie mein ehemaliges sexistisches Frauenbild änderten… (Mehr dazu ein anders Mal)

Das Haus war großzügig und gemütlich. Drinnen oder draußen in der Sonne liefen die Termine und Workshops nach Plan. Es wurde fleißig geackert. Universitäres Arbeiten durch Sexarbeiter! Leidenschaftlich diskutiert wurde es auch. Die Gruppe fand sich aber immer wieder zusammen. Damit hatte bestimmt Fabiennes strenge aber zugleich auf den Punkt bringende Moderation zu tun. Demokratie ist nun mal auch anstrengend, das weiß jeder. Besonders schön war der letzte Abend am Lagerfeuer, manche von uns trugen schwarze Gesichtsmasken am Gesicht, die Fabienne uns besorgte. Die unterschiedlichsten Lebensgeschichten flogen durch die Luft. Der Wein und der Tiefgang der Beteiligten sorgten für eine großartige Stimmung…

Nun muss ich meine Meinung über Versammlungen und Gruppen definitiv revidieren. Kluge Sachen zu sagen oder guten Ideen zu haben ist doch keine Kunst. Die Mischung aus echtem Engagement, Respekt, Bescheidenheit und Warmherzigkeit, die ich beim BesD fand, wohl.

Ich danke euch und freue mich auf „mehr“ von und mit dem BesD!

Lola