Der Beschluss der Bundesregierung für einen neuen Lockdown ist gefallen. Das Zauberwort lautet nun nicht mehr Systemrelevanz, sondern diesmal heißt es „Freizeitaktivitäten einschränken“. Für Prostitutionsstätten gilt dies genauso wie für Kinos, Restaurants, Sportvereine usw. Ob diese Maßnahme richtig oder falsch ist, soll in diesem Beitrag nicht debattiert werden.
Ab dem 2.11. werden nun alle Freizeiteinrichtungen geschlossen für vier Wochen. Die Betonung liegt hier auf ALLE. Wir befürchten jedoch, dass es bei den Wiedereröffnungen dieses ALLE nicht mehr geben wird und die Sexarbeitsbranche wie beim letzten Mal ausgenommen wird.
Wir mussten uns nach dem ersten Lockdown in jedem Bundesland durch die Instanzen klagen, um das Geschäft wieder aufnehmen zu dürfen. Erst die Gerichte sorgten für Sachlichkeit und Gleichbehandlung. Unsere Branche steht grundsätzlich unter Generalverdacht, doch entgegen der Annahmen funktionieren die Corona-Maßnahmen bei uns gut.
Mundschutz, Unterarmlänge zwischen den Köpfen und auch die Kontaktdaten sind durchsetzbar – sogar besser als wir selber erwartet haben. Für den Straßenstrich wurde zum Beispiel in Köln ein Hygienekonzept entwickelt: Die Sexarbeitenden schreiben Autokennzeichen, Uhrzeit und ihren Namen auf und werfen diesen Zettel in einen Briefkasten der dortigen Beratungsstelle.

Unsere Branche hat ihren Beitrag geleistet, und so möchten wir auch behandelt werden, wenn es um die Auflösung der Schließungen geht.

Ein weiteres Problem unserer Branche ist, dass wir über einen sehr hohen Anteil an Menschen verfügen, die durch alle Maschen der sozialen Netze durchfallen. Diese leben oft von der Hand in den Mund und waren schon beim letzten Shutdown gezwungen illegal weiter zu arbeiten.

Der Berufsverband hatte hier sehr schnell reagiert und einen Nothilfefonds eingerichtet. In Zusammenarbeit mit Beratungsstellen wurden fast 150.000 Euro ausgeschüttet um die schlimmste Not zu lindern. Der Topf ist leer, und es ist eigentlich eine Schande, dass hier unser Verband eingreifen muss, was eigentlich Aufgabe des Staates sein sollte.
Genau diese Bedürftigen trifft das erneute Arbeitsverbot extrem hart. Unser Nothilfe-Fond kann HIER unterstützt werden.
Das kann aber nicht die Lösung für diese Personengruppe sein.
Eine Regierung, die gegen sämtliche Expertenmeinungen sogenannte ProstituiertenSchutzGesetze verabschiedet, läßt die zu Schützenden in Krisen alleine.

Autorin: Johanna Weber (politische Sprecherin des BesD)


Nachfragen

Politk: Johanna Weber   ->   johanna@besd-ev.de   oder   +49 (0)151 – 1751 9771

Presse: Andre Nolte   ->   presse@besd-ev.de   oder   +49 (0) 30 61 65 27 57

Gestern hat die rheinland-pfälzische Landesregierung eine aktualisierte Corona-Verordnung verabschiedet. Im §4 findet sich eine mittlerweile sehr kurze Liste der Tätigkeitsbereiche, deren Ausübung immer noch untersagt sind.*

1. Clubs, Diskotheken und ähnliche Einrichtungen,
2. Kirmes, Volksfesten und ähnliche Einrichtungen,
3. Prostitutionsgewerbe

Was soll man dazu noch sagen?

Jeder der sich mit den Arbeitsabläufen und dem Alltag in der Sexarbeit eine wenig beschäftigt hat, kann nur mit dem Kopf schütteln, bei der Betrachtung dieser Aufzählung.

Infektionsschutz ist wichtig, aber dieser muss auch sinnvoll sein. Mir geht es um den Versuch einer sachlichen Betrachtung.

Bei den ersten beiden aufgelisteten Punkten handelt es sich um Veranstaltungen, bei denen üblicherweise viele verschiedenen Menschen auf einem Haufen zusammentreffen. Gerade die Gesellschaft mit den anderen Menschen ist ja ein Kern dieser Events. Ob man diese Veranstaltungen vielleicht auch in irgendeiner Art coronasicher durchführen könnte, lassen wir hier jetzt mal außen vor.

Bezogen auf die Sexarbeitsbranche macht der Topf, in den wir da geworfen werden, keinen Sinn.

Bis auf wenige Ausnahmen findet bei der Sexarbeit immer 1 zu 1 Kontakt statt. Die Kunden sind peinlich darum bemüht, dass sie niemanden außer ihrer Erotikpartnerin im Bordell-Flur oder sonstwo treffen. Diskretion wird selbst in provinziellen Kleinstadtbordellen groß geschrieben. Wie viele mögliche Coronaüberträger trifft der Kunde in einem Bordell?

Eigentlich nur eine Person, denn wie in anderen Bundesländern schon erprobt, könnte auch in Rheinland-Pfalz ausschließlich auf Termin gearbeitet werden. Somit holt die Sexarbeiterin ihren Kunden direkt an der Tür ab, und dieser hat keinerlei Kontakt zu anderen Besuchern oder anderen Sexarbeitenden.
Außerdem findet alles mit Mund-Nasenbedeckung statt. Dies funktioniert in anderen Bundesländern problemlos. Dass nach jedem Kunden die Zimmer, Flure und Sanitärbereiche penibel gereinigt und desininfiziert werden, muss anscheinend immer wieder erwähnt werden. Wie sonst würde alleine die Existenz eines Bordells Panikattacken bei Virologen auslösen.

Eine weitere sehr hartnäckige Fehleinschätzung ist, dass jede Sexarbeiterin täglich eine Unmenge an Kunden hat. Dem ist leider nicht so.

Auf die Frage, was sich Sexarbeitende wünschen würden zu Verbesserung ihrer Arbeit, sagen fast alle: „Mehr Kunden“.

Die durchschnittliche Sexarbeiterin in einem durchschnittlichen Wohnungsbordell oder in einer durchschnittlichen Terminwohnung hat im Schnitt 2-3 Kunden pro Tag – eher weniger. Exakt die eben genannten Arbeitsplätze sind das vorherrschende Arbeitsmodell für erotische Dienstleistungen in Rheinland-Pfalz. Es gibt dort keine Massen an Saunaclubs, keine Reeperbahn, keine Großbordelle, keinen vermeintlich ausufernden Drogenstrich. Nein, in der Prostitutionslandschaft von Deutschland besetzt Rheinland-Pfalz eher einen sehr unbedeutenden Platz.

Um so verwunderlicher ist, dass ausgerechnet dieses Bundesland sich so standhaft weigert. Zumal Rheinland-Pfalz das erste Bundesland war, welches nach dem Shutdown die Sexarbeit wieder erlauben wollte. Vor gefühlter Ewigkeit wurde dort eine Gerichtsklage verloren, und das Land sah sich verpflichtet, die Sexarbeit wieder zuzulassen. Daraus wurde dann allerdings nichts. Die Landespolitker befürchteten alles Mögliche, allem voran Sextourismus aus den anderen Bundesländern. Letzterer Punkt ist nun definitiv hinfällig.

Fast alle anderen Bundesländer machen inzwischen vor, dass es geht.

Hygienekonzepte könnten von dort übernommen werden, und vermeintlicher Sextourismus ist auch nicht mehr zu befürchten, denn in den meisten Nachbarländern ist die Sexarbeit schon wieder zugelassen.

In Berlin und Bayern wird schon seit über einem Monat wieder in Bordellen und ähnlichen Einrichtungen gearbeitet. Es gibt sehr strenge und branchenangepaßte Hygienekonzepte, die eingehalten werden. Die pauschale Annahme, dies würde in der Erotikbranche nicht funktionieren, ist somit widerlegt. Auch gibt es in den besagten Bundesländern keinen Hinweis auf steigende Coronazahlen ausgelöst durch Prostitutionsstätten.

Interessanterweise ist in Rheinland-Pfalz die Sexarbeit ja nicht komplett untersagt. Haus- und Hotelbesuche sind erlaubt. Selbige Handlungen in einer gewerberechtlich zugelassenen, mit Hygienekonzepten und Notrufanlagen ausgestatteten Prostitutionsstätte zu tun, ist verboten.

Ganz anders das Bundesland Hamburg. Dort argumentierte die Sozialbehörde, dass es ganz wichtig sei die Prostituonsstätten wieder zu öffnen, denn in den Bordellen ließen sich die Hygieneregeln viel besser umsetzen und kontrollieren.

In diesem Sinne, fordern wir als Berufsverband das Bundesland Rheinland-Pfalz auf, zum nächst möglichen Termin, auch die Arbeit in Prostitutionsstätten wieder zuzulassen.

Natürlich mit Hygienekonzept.

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VERWEISE
* https://corona.rlp.de/fileadmin/msagd/Ge…oBeLVO.pdf

KONTAKT
Johanna Weber:
johanna@besd-ev.de
0151 – 1751 9771

PRESSE
SWR Aktuell – Bordelle bleiben geschlossen – Kritik von Betreibern
https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/bordelle-rheinland-pfalz-100.html

Sehr geehrter Herr Tschentscher,

Wir als Berufsverband für Sexarbeitende fordern Sie auf, Ihre Entscheidung, unsere Tätigkeit weiterhin zu untersagen, rückgängig zu machen.

Gerade in Hamburg gehen die zuständigen Behörden sehr pragmatisch und sachlich mit dem Thema Prostitution um. Ihre Sozialbehörde war federführend bei der Entwicklung eines gemeinsamen Öffnungskonzeptes für die sogenannten Nordländer. Sehr eng war die Zusammenarbeit mit Berlin, wo schon am 8.8. die erotischen Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr wieder zugelassen wurden und ab dem 1.9. auch die klassische Sexarbeit wieder stattfinden darf.

Die Testphase der letzten 3 Wochen verlief in Berlin sehr gut.

Erotik mit Maske erwies sich als unproblematisch. Es gab keine Beanstandungen, dass Hygienekonzepte nicht eingehalten oder Kontaktdaten nicht ordnungsgemäß aufgenommen wurden. Eine pauschale Annahme, dass Coronamaßnahmen in der Sexarbeit nicht funktionieren, ist ein Faustschlag nicht nur in das Gesicht unserer Branche, sondern auch gegen die großartige Arbeit Ihrer eigenen Sozialbehörde.

Besonders, da Wellnessmassagen, Kontaktsportarten und andere körpernahe Tätigkeiten in Hamburg schon lange wieder erlaubt sind, fordern wir Gleichbehandlung.

Sexarbeitende haben pro Tag im Schnitt 2-3 Kunden – wir feiern keine Sexparties.

Unser Berufsverband hat ein dezidiertes Hygienekonzept für unsere Branche erstellt, welches in Berlin als Grundlage für ein Branchenkonzept genutzt wurde. In Hamburg hat die Herbertstraße ein eigenes Hygienekonzept entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Bezirksamt-Leiter Mitte Falko Drossmann stellte unseren St.Pauli-Kolleg*Innen eine Öffnung zum 1.9. in Aussicht.

Die Tagesthemen berichteten vor wenigen Tagen über die prekäre Situation in der Herbertstraße und viele weitere Medien schließen sich dem Urteil an, dass diese Entscheidung eine ungerechte sowie diskriminierende Vorgehensweise gegenüber Sexarbeitern darstellt.

Ihre Sorge, Herr Tschentscher, es könnte zu Sextourismus aus den Nachbarbundesländern kommen, ist unbegründet, denn in Niedersachsen darf unsere Branche laut Gerichtsbeschluss wieder arbeiten, und Schleswig-Holstein ist einer Öffnung positiv gegenüber eingestellt.

Wir fordern Sie auf, das ursprüngliche Hamburger Konzept der stufenweisen Öffnung für Sexarbeit ab 1.9. umzusetzen – natürlich mit Hygienekonzept.

Gerade bei steigenden Infektionszahlen ist es besser, dass Sexarbeit legal und kontrolliert stattfindet, als illegal und unkontrolliert und Gefahr läuft, in Teilen weiter ins Dunkelfeld abzurutschen. Der Weg , Selbstbestimmungsrechte von Sexarbeiter*Innen zu stärken, sollte in Hamburg fortgeführt werden.

Diese Forderung teilen die Diakonie Hamburg 1) und die Deutsche Aidshilfe 2).

zu 1) https://www.evangelisch.de/inhalte/17410…6Yy-FZ6qpU
zu 2) https://www.aidshilfe.de/corona-krise-se…t-zulassen


Rückfragen zu diesem Brief
an Johanna Weber (Politische Sprecherin BesD)
johanna@besd-ev.de
oder 0151-1751 9771

Einladung zur Kundgebung am Donnerstag, 27.08.2020 in Düsseldorf

Sehr geehrte Damen und Herren,

am Donnerstag, den 27. August 2020, wollen wir Ihnen demonstrieren, wie Sexarbeit in der Corona-Krise ausgeübt werden kann, zudem teilen wir unsere Forderungen an die Regierung mit.
Dafür kommen wir ab 11 Uhr zu Ihnen, nach Düsseldorf auf die Landtagswiese. (Anbei finden Sie einen Ablaufplan)

Für Gespräche und Rückfragen stehen bei der Kundgebung unter anderem zur Verfügung:

Veranstalterinnen:

Nadine Kopp alias Bibi Drall, reisende Rubens-Sexarbeiterin

Nicole Schulze, Straßen-Sexarbeiterin

Stephanie Klee, Sexualassistentin/  BSD e.V.

Harriet Langanke, GSSG Stiftung, Fachjournalistin sexuelle Gesundheit/ Sexualwissenschaften, 

Madame Kali, Hexengeige

und viele andere.

Wir würden uns sehr freuen wenn Sie sich einen persönlichen Eindruck machen.

Mit freundlichem Gruß

Nicole Schulze (Mobil 0157-83518081 / E-Mail nicole@besd-ev.de)
Nadine Kopp (Mobil 0174-1033684 / E-Mail Nadine.kopp.db@gmail.com)

Ablauf der Düsseldorfer Kundgebung (unter Vorbehalt)

10:00 bis 11:00 Uhr Aufbau

11:15 Uhr Beginn der Kundgebung mit Einführungsredebeitrag (Warum, Wieso, Weshalb) 

11:30 Uhr Pressekonferenz

12:30 Uhr Vorführung/ Demonstration, wie eine Sexarbeiterin ihre Arbeit nachgeht (unter Corona-Bedingungen, mit dem Hygienekonzept)

12:45 Uhr Redebeitrag 

13:00 Uhr Aufstellung aller mit roten Schirmen und Kundgebung unserer Forderungen, Fragerunde

14 Uhr  Vorführung/ Demonstration, wie eine Sexarbeiterin ihre Arbeit nachgeht ( unter Corona-Bedingungen, mit Hygienekonzept)

14:15 Uhr Redebeitrag 

15:00 Uhr Geigenspiel

15:15 Vorführung/ Demonstration, wie eine Sexarbeiterin ihre Arbeit nachgeht (unter Corona-Bedingungen, mit Hygienekonzept)

15:30 Uhr Redebeitrag 

15:45 Uhr Vorführung/ Demonstration wie eine Sexarbeiterin ihre Arbeit nachgeht (unter Corona-Bedingungen, mit Hygienekonzept)

16:00 Uhr Austauschrunde

17:00 Uhr bis 18:00 Uhr langsamer Abbau und Beendigung der Kundgebung

Der BesD unterstützt diese Veranstaltung.

Hier die Facebook-Veranstaltung

 

Aus der Pressemeldung DAH | 29. Juli 2020 | –> Link


Aufgrund von Corona-Verordnungen dürfen Sexarbeiter_innen in Deutschland zurzeit nicht arbeiten. Prostitutionsstätten sind geschlossen. Während andere körpernahe Dienstleistungen bereits wieder möglich sind, gibt es für die Prostitution bisher so gut wie keine Lockerungen.

Die Deutsche Aidshilfe fordert: Sexarbeiter_innen müssen umgehend wieder ihrer Tätigkeit nachgehen dürfen – in Bordellen, mobil und auf der Straße. Entsprechende Hygienekonzepte liegen vor. Nachbarländer wie Belgien, die Niederlande, Österreich, die Schweiz und Tschechien haben diesen Schritt bereits vollzogen.

„Sexarbeit darf nicht anders behandelt werden als andere Tätigkeiten mit engem Körperkontakt. Der Gleichheitsgrundsatz gilt unabhängig von moralischen Bewertungen. Niemand hat darüber zu urteilen, ob für jemand anderen ein Friseurbesuch oder ein sexuelles Erlebnis wichtiger ist.“ (Ulf Kristal vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe)

Sexarbeiter_innen in Not

Das aktuelle Tätigkeitsverbot bringt Sexarbeiter_innen in Notlagen. Viele sind ohne Einkommen, nicht wenige auch ohne Wohnraum oder Krankenversicherung. Prekäre Lebenssituationen und Abhängigkeitsverhältnisse werden verschärft.

Kund_innen bleibt die sexuelle Dienstleistung vielfach verwehrt – was eine bedeutende Einschränkung ihrer Sexualität sein kann.

Verdrängung in unsichere Verhältnisse

Hinzu kommt: Prostitution findet trotzdem statt. Viele Sexarbeiter_innen müssen arbeiten, um ihr Überleben zu sichern, weil staatliche Hilfen für sie nicht zugänglich sind oder nicht ausreichen. Und sexuelle Bedürfnisse lassen sich nun einmal nicht verbieten.

Die Folge: Sexarbeit geschieht im Verborgenen, wo professionelle Sicherheitsmaßnahmen wegfallen und Prävention und Hilfsangebote die Betroffenen kaum erreichen können. Die ökonomische Notlage schwächt zudem die Verhandlungsposition von Sexarbeiter_innen gegenüber ihren Kund_innen. Dumpinglöhne können ebenso die Folge sein wie der Verzicht auf Safer Sex.

Dazu DAH-Vorstand Ulf Kristal:

„Die Verdrängung in die Illegalität hat fatale Folgen. Menschen in der Sexarbeit brauchen ein sicheres Arbeitsumfeld mit fairen Regeln und rechtlicher Absicherung. Sicherheit lässt sich nur unter legalen Bedingungen herstellen. Dort lässt sich auch Infektionsschutz am besten umsetzen. Gerade jetzt, wo Infektionszahlen wieder steigen, sind klare Spielregeln wichtig.“

Entsprechende Hygienekonzepte zweier Verbände liegen vor. Im Kern basieren sie auf der Formel: Mund-Nasen-Schutz plus eine Unterarmlänge Abstand zwischen Gesichtern plus Safer Sex. Die Konzepte zeigen, dass sich Risiken auch bei der Sexarbeit reduzieren lassen. 100%ige Sicherheit wird auch in anderen Branchen nicht gefordert und wäre ohnehin illusorisch.

„Es geht zurzeit überall darum, die Bedürfnisse nach Alltag und Sicherheit so auszubalancieren, dass wir eine Weile mit der Krise leben können“, stellt Ulf Kristal fest. „Dieses Recht haben Menschen in der Sexarbeit und ihre Kundschaft auch.“

Die Mär vom Superspreader

Politische Akteur_innen, die ein prinzipielles „Sexkaufverbot“ in Deutschland erwirken wollen, haben derweil die Mär von Sexarbeiter_innen als „Superspreadern“ in die Welt gesetzt. Das ist fachlich falsch und stigmatisiert Menschen in der Prostitution.

„Massenübertragungen gab es in Deutschland bisher durch ausbeuterische Arbeitsbedingungen, in beengten Wohnverhältnissen und in Gottesdiensten. Bei der Sexarbeit haben nur wenige Leute engen Kontakt miteinander. Und nirgendwo wird Sex mit so strikten Auflagen praktiziert wie in professionellen Bordellen,“ sagt DAH-Vorstand Ulf Kristal.

Kristal weiter: „Sexarbeiter_innen sind seit jeher Profis, wenn es darum geht, sich vor Infektionen zu schützen und daran gewöhnt, Safer Sex durchzusetzen. Sie könnten vielleicht sogar Vorbilder werden für einen unaufgeregten und vernünftigen Umgang mit dem Corona-Risiko.“


Mehr Informationen:

Positionspapier der Deutschen Aidshilfe: „Corona-Krise: Sexarbeit wieder zulassen“

Appell der Deutschen Aidshilfe: „Sexarbeiter_innen brauchen Hilfe!“

 

+++++++ PRESSEMITTEILUNG von ALDONA e.V. +++++++

In der Debatte um eine gesetzliche Neuregelung bezüglich des politischen Umgangs mit Prostitution positioniert sich ALDONA e.V. mit seiner saarländischen Beratungsstelle für Prostituierte gegen ein Sexkaufverbot.

Im Rahmen der Forderungum eine fortlaufende Schließung der Bordelle auch nach Corona, mit gesetzlicher Anlehnung an das „Nordische Modell“, ist die Differenzierung zwischen Menschenhandel/Zwangsprostitution und der freiwilligen Prostitution unabdingbar. Menschenhandel und Zwangsprostitution beschreiben Straftatbestände im Strafgesetzbuch, welche mithilfe des Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) eingedämmt werden sollen. Die Forderung nach einem stärkeren Strafmaß dieser Delikte begrüßt ALDONA e.V., hält jedoch ein Sexkaufverbot im Zusammenhang mit der Eindämmung von Menschenhandel für nicht sinnvoll.

Das geforderte – in Fachkreisen stark umstrittene –„Nordische Modell“ bezieht sich zwar in erster Linie auf die Sanktion von Freiern, trifft aber hauptsächlich die Prostituierten selbst, da sie ihre Dienste dort anbieten müssen, wo ihre Kunden nicht sichtbar für die Behörden sind.

Wenn Bordelle und andere Prostitutionsstätten geschlossen bleiben sollen, wird sich die Prostitutionsausübung wieder ins Verborgene verlagern. Dadurch entstehen Grauzonen, welche Menschenhandel und Ausbeuterei stark begünstigen.

Seit 2016 können in Deutschland Freier von Zwangsprostituierten, die wissentlich die Zwangslage eines Opfers ausnutzen, bestraft werden. Auch jetzt können Sexarbeiter*innen, die Opfer von gewalttätigen Freiern sind, jederzeit die Polizei rufen, was sie durchaus auch tun.Die Reglementierung der Prostitution nach dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 ist das Ergebnis eines langen Weges von der Sittenwidrigkeit hin zur Anerkennung als Erwerbstätigkeit. Durch das Gesetz sind Rechte und Pflichten für Sexarbeiter*innen entstanden, welche u.a den Zugang zur Grundsicherung während der Coronazeit gewährleisten.

Eine Evaluation des ProstSchG ist für das Jahr 2022 vorgesehen. Demnach widerspricht die Debatte um eine gesetzliche Neuregelung vor dieser Veröffentlichung der Intention des Gesetzes.

Stattdessen wäre eine verstärkte Aufklärung in Schulen über Prostitution und Menschenhandel sinnvoll. Ebenso würde ALDONA e.V.die Finanzierung von Umstiegsprojekten für interessierte Sexarbeiter*innen begrüßen.
Die Gründe warum sich jemand für die Sexarbeit entscheidet,sind so vielfältig wie die Prostituierten selbst, und nicht alle Sexarbeiter*innen wollen sich in einer Opferrolle sehen. In der Realität begegnet ALDONA e.V. seit über 30 Jahren Frauen, die sowohl Opfer von Menschenhandel geworden sind, wie auch Frauen, die sich bewusst für die Sexarbeit als Erwerbstätigkeit entscheiden.

Seit dem 16. März besteht aufgrund der Corona-Pandemie ein generelles Verbot der Prostitutionsausübung im Saarland. Seit diesem Zeitpunkt verzeichnen Sexarbeiter*innen einen vollen Verdienstausfall. Viele von ihnen haben keine finanziellen Rücklagen, bzw. sind diese nach mittlerweile fast vierMonaten ausgeschöpft. Aktuell wird eine Vielzahl an Klientinnen bei der Beantragung von staatlichen Leistungen (Hartz 4) unterstützt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Mit der Einführung des „Nordischen Modells“ in Deutschland wäre dies nicht mehr möglich.
Verschiedene Studien befassen sich mit dem „Nordischen Modell“ und dessen Auswirkungen auf die Prostitution. Diese zeigen, dass eine Freierbestrafung schlechtere Arbeitsbedingungen für Prostituierte zur Folge hat. Es kommt zu einem stärkeren Machtverhältnis zwischen Freier und Sexarbeiter*innen. Vor diesem Hintergrund entscheiden häufig die Freier über Ort und Bezahlung der Dienstleistung. Durch ein Sexkaufverbot entfallen Vorschriften, die zum Schutz der Prostituierten dienen. Sexarbeitende können sich beispielsweise nicht mehr auf die Kondompflicht beziehen.

Im Jahr 2015 wurde eine Studie der Stadtverwaltung Stockholm veröffentlicht. Dabei kam heraus, dass die Zahl der Prostituierten und Freier nach Einführung des „Nordischen Modells“ ungefähr gleichgeblieben ist.
Die Straßenprostitution hat sich seit 1999 halbiert, wohingegen die Zahl der Internetwerbeanzeigen für Escort-Services in den vergangen acht Jahren von 300 auf ca. 7.000 gestiegen ist (Mehrfachanzeigen einer Person wa-renmöglich). ALDONA e.V. betont, dass die freiwillige Entscheidung für eine Tätigkeit in der Prostitution respektiert werden muss. Um Gewalt und Ausbeutung entgegenzuwirken,muss eine Entstigmatisierung der Prostitutionstattfinden. Dies gelingt nicht mit einer andauernden massiven Beeinträchtigung der sexuellen Selbstbestimmungvon Sexarbeiter*innen.

Das Prostitutionsmilieu ist nicht homogen. Bei allen politischen Debatten sollten stets die Interessen der Sexarbeiter*innen berücksichtigt werden. Das „Nordische Modell“ ist keine Pauschallösung für den politischen Umgang mit Prostitution. Stattdessen sollte die Evaluation des ProstSchG die Regulierung der Sexarbeit optimieren und die Rechte der Menschen in der Prostitution stärken.

Verantwortlich für diesen Text ist die Beratungsstelle Aldona e.V. in Saarbrücken
Kontakt:
http://aldona-ev.de/

 


Mehr zu der Situation im Saarland
Saarländische CDU-Frauen wollen Bordelle schließen – Sexarbeitende sind entrüstet
-> https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2020/07/05/saarlaendische-cdu-frauen-wollen-bordelle-schliessen-sexarbeitende-sind-entruestet/

Rechte statt Verbote – GEGEN ein Prostitutionsverbot. FÜR den Schutz von Frauen, die Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel erfahren

 

An den Ministerpräsident Volker Bouffier,

An den Bürgermeister und Präsident des Senats Dr. Andreas Bovenschulte,

An die Ministerpräsidentin Malu Dreyer,

An den Ministerpräsident Daniel Günther,

An den Ministerpräsident Tobias Hans,

An den Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff,

An den Ministerpräsident Winfried Kretschmann,

An den Ministerpräsident Michael Kretschmer,

An den Regierender Bürgermeister Michael Müller,

An den Ministerpräsident Armin Laschet,

An den Ministerpräsident Bodo Ramelow,

An den Ministerpräsident Markus Söder,

An die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig,

An den Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher,

An den Ministerpräsident Stephan Weil,

An den Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke,

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

seit Ausbruch der Corona-Pandemie herrscht in Deutschland ein Prostitutionsverbot. In einem Brief an Sie forderten nun 16 Bundestagsabgeordnete von CDU und SPD, den Corona-bedingten Shutdown im Prostitutionsgewerbe bis auf weiteres zu verlängern  – und instrumentalisieren damit ein krisenbedingtes Berufsverbot zu dem Zweck, eine erneute Debatte um ein „Sexkaufverbot“ in Deutschland zu entfachen.

Verbote treffen diejenigen Frauen* besonders hart, die bereits zuvor zu prekären Bedingungen arbeiteten: nicht gemeldete, möglicherweise undokumentierte Sexarbeiter*innen und solche, die sich die teure Zimmermiete ohne Lohn nun nicht mehr leisten können.

Ban Ying e.V. berät seit über dreißig Jahren als Fachberatungsstelle gegen Menschenhandel Frauen*, die Gewalt und Ausbeutung erfahren. Vor diesem Hintergrund fordern wir statt Verboten Zugang zu ihren Rechten und realen Schutz für Frauen*, die in Deutschland von Zwangsprostitution und Menschenhandel betroffen wurden.

Erfahrungswerte aus der Praxis einer Fachberatungsstelle

Die zwei Projekte von Ban Ying e.V.  – eine Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und eine Zufluchtswohnung für betroffene Frauen und ihre Kinder –  bieten Betroffenen von Menschenhandel Beratung, Begleitung und Unterbringung in einer anonymen Schutzwohnung. Die Beratung von Frauen* aus bisher über 70 Ländern ist für die Klientinnen* kostenlos und vertraulich, auf Wunsch anonym. Sie erfolgt, wenn erforderlich, mit Sprachmittlung.

Frauen*, die bei Ban Ying Hilfe und Beratung suchen, berichten fast immer von außergewöhnlichen Schicksalen, die sie hinter sich haben. Sie sind geprägt von Ausbeutung, Gewalt und Diskriminierung. Ban Ying berät sie in sozialer und juristischer Hinsicht je nach Anliegen individuell.

Betroffene von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung

Zwei Beispiele: Eine junge Frau* wird von Verwandten aus ihrem Heimatland nach Deutschland geholt. Sie kommt in der Annahme, hier als Au-Pair tätig zu werden. Auch das von den Verwandten organisierte Visum trägt offiziell diesen Titel und Zweck. Hier angekommen wird sie in einem Massagesalon zur Prostitution gezwungen. Eine andere Frau* war in ihrem Herkunftsland in der Sexindustrie tätig. Ihr wird angeboten, nach Deutschland zu kommen, um unter besseren Bedingungen zu arbeiten. Bei ihrer Ankunft stellen sich die Versprechen als Lügen heraus. Sie wird zu langen Arbeitszeiten gezwungen, um ihren Lohn betrogen, ausgebeutet.

Beide Frauen* schaffen es, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien, suchen Hilfe bei Ban Ying auf und stellen eine Anzeige gegen die Täterinnen und Täter. In beiden Fällen kommt es zu einem Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Die Unterschiedlichkeit der Fälle zeigt: Menschenhandel und extreme Ausbeutung passieren unabhängig davon, ob die Person ursprünglich eingewilligt hatte, in der Sexarbeit tätig zu sein oder nicht.

Ban Ying definiert sich nicht als Pro-Sexarbeit-Verein oder Interessensvertretung der Sexarbeit an sich. Vielmehr geht es uns darum, Frauen* dabei zu unterstützen, informierte Entscheidungen zu treffen. Eine Beratung auf Augenhöhe durchzuführen und nicht Teil eines unter dem Begriff „rescue industry“ erforschten Hilfesystems werden, welches versucht, Frauen* zu bekehren, die sich selber überhaupt nicht als Opfer verstehen. Eine Beratung, welche die Lebensentscheidungen der hilfesuchenden Frauen* (bezüglich Migration, Arbeit oder auch der Anklage der Täter*innen) als solche respektiert.

Zusammenhang Menschenhandel – Sexarbeit

Auch über diese direkten Erfahrungswerte hinaus wird mit einem Blick auf Forschung zum Zusammenhang von Freierbestrafung und Menschenhandel deutlich: Das Argument, ein Verbot von Prostitution würde auch zu einem Rückgang von Frauen- und Menschenhandel führen, findet keine eindeutigen Belege.

In Frankreich wurde 2016 das sogenannte nordische Modell eingeführt, also ein Gesetz, welches Freier bestraft, für Sexarbeiter*innen selber jedoch Straffreiheit vorsieht. Eine Befragung von über 500 Sexarbeiter*innen zeigte, dass sich das neue Gesetz sowohl auf die Arbeitsbedingungen als auch auf die gesundheitlichen und sicherheitsbezogenen Lebensumstände negativ auswirkte. Statt besseren Schutz für in der Prostitution Tätige bewirkte das Gesetz im Gegenteil: Mehr Stigma, mehr finanzielle Unsicherheit. Die Ausstiegsprogramme der Regierung bieten mit der rigiden Vorgabe, bereits nicht mehr in der Sexarbeit tätig zu sein, keine realistische, schrittweise Aufnahme einer anderen Beschäftigung und werden vermutlich u.a. aus diesem Grund in sehr kleinen Zahlen aufgesucht.

Fazit

Ein „Sexkauf-Verbot“, wie es die eingangs erwähnten Bundestagsabgeordneten fordern, würde auch in Deutschland dazu führen, diejenigen weiter in die Illegalität zu drängen, die ohnehin schon unter prekären Arbeitsbedingungen tätig sind und daher auch einer höheren Gefahr der Ausbeutung und des Zwangs ausgesetzt sind.

Zielführender ist es, Sexarbeiter*innen selber als Alliierte im Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel anzuerkennen und sie an der politischen Debatte zu beteiligen. Und denjenigen, die Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung wurden, müssen Entschädigungen und realer Schutz geboten werden – unabhängig davon, ob sie als Zeug*innen in einem Strafverfahren aussagen oder eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland besitzen.

Der Forderung nach einem „Sexkaufverbot“ setzt Ban Ying e.V. folgende Forderungen entgegen:

  • Das Recht auf Sexarbeit,
  • die Einbindung von Sexarbeiter*innen in die politischen Vorstöße der Prostitutionsgesetzgebung,
  • die Rechte von Betroffenen von Menschenhandel nicht an die Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden zu knüpfen,
  • weitere Finanzierung von Fachberatungsstellen gegen Menschenhandel,
  • die Einhaltung der EU-Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels, u.a. Weitervermittlung an eine kostenlose Beratung für undokumentierte Menschen, welche möglicherweise von Ausbeutung oder Menschenhandel betroffen sind – bevor eine aufenthaltsrechtliche Entscheidung getroffen wird.

 

Livia Valensise für Ban Ying e.V.

Die Ban Ying e.V. Zufluchtswohnung und Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel werden von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung finanziert.

Sehr geehrte 16 Bundestagsabgeordnete,

nur gut drei Jahre nach der Einführung des ProstSchG am 01.07.2017 erklären Sie das bisher nicht evaluierte ProstSchG für gescheitert und fordern die sofortige Einführung des Sexkaufverbotes in Deutschland.

Die vorübergehenden bundesweiten Schließungen von Prostitutionsstätten und teilweise Verbote der Sexarbeit aufgrund der Corona-Krise geben einen Vorgeschmack davon, was durch die Einführung des Sexkaufsverbotes passieren würde. Überwiegend unterfinanzierte Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter fangen derzeit den Beratungsbedarf unzähliger Menschen in prekären Arbeits- und Lebenssituationen ab. Ein dauerhaftes Sexkaufverbot geht aufgrund der Beratungserfahrungen aller unserer Mitgliedorganisationen vollständig an Menschen vorbei, die hier regulär der Sexarbeit nachgehen. Es schürt zudem tiefgreifende Existenzängste bei allen, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit sichern unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht. Zudem fördert ein Sexkaufverbot gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen in der Sexarbeit und reproduziert das jahrhunderte alte Hurenstigma.

Den Fokus richtig lenken

Der Bufas e.V. stellt klar, dass die Effekte des Sexkaufverbotes von Ihnen nur verkürzt und oftmals auch falsch dargestellt werden: So kommt es regelmäßig zu einer Vermischung der Begriffe Sexarbeit und Zwangsprostitution. Sexarbeit ist eine selbstbestimmte Dienstleistung zwischen Erwachsenen gegen Entgelt, während Menschenhandel/Zwangsprostitution Menschrechtsverletzungen sind, die in Deutschland hart bestraft werden. Auch Kund*innen, die die Zwangslage von Sexarbeitenden ausnutzen, werden in Deutschland seit 2016 bestraft.

Zum Anderen wird von Ihnen dargestellt, dass das Sexkaufverbot keine negativen Konsequenzen für Sexarbeiter*innen habe, oder deren Situation sogar noch verbessere. Dagegen positioniert sich der Bufas entschieden.

Auch innerhalb Deutschlands hat man durch restriktive Verordnungen wie z.B. Sperrbezirksverordnungen oder die Kontaktverbotsverordnung nicht die Prostitution und die Nachfrage vor Ort verhindert, sondern lediglich bewirkt, dass die Arbeitsbedingungen sich verschlechtern und die Vulnerabilität durch Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutung erhöht werden.

Wie das Deutsche Institut für Menschenrechte1 und amnesty international2 lehnen wir die Einführung eines Sexkaufverbotes ab. Denn es wird gerade die Situation der Menschen verschlechtern, die innerhalb der Sexarbeit am verletzlichsten sind:

Die Kriminalisierung von Kund*innen hat immer auch verheerende Folgen für die Sexarbeiter*innen selbst: Weder das Angebot, noch die Nachfrage nach Sexarbeit sinken durch ein Sexkaufverbot3. Um ihre Kund*innen zu schützen, können Sexarbeiter*innen keine offenen, legalen Verhandlungen mehr führen, sondern müssen verdeckte Anbahnungswege finden. Dies verschiebt die Machtverhältnisse zwischen Sexarbeiter*innen und Kund*innen zum Nachteil der Sexarbeiter*innen. Insbesondere prekär arbeitende und lebende Menschen sind gezwungen, Schutz und Anbindung in den Strukturen zu suchen, die selbstbestimmte Arbeit verhindern und Abhängigkeitsverhältnisse fördern. Durch die Arbeit im Verborgenen steigt die Gefahr, von Ausbeutung und Gewalt betroffen zu werden. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich erlebte Gewalt angezeigt wird.

Das Sexkaufverbot verschärft gesellschaftliche Stigmatisierung, anstatt sie abzubauen. Stigmatisierung, Diskriminierung und gesellschaftliche Marginalisierung von Sexarbeiter*innen sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Sexarbeiter*innen vorhandene Rechte nicht wahrnehmen, verdeckt arbeiten und verletzlich sind.

Unterstützungsstrukturen im Allgemeinen und insbesondere auch unter den Sexarbeiter*innen selbst, stellen wichtige Wirkfaktoren für sicheres Arbeiten dar. Mit dem Sexkaufverbot einhergehende gesetzliche Regelungen verschärfen die gesellschaftliche Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen noch und verhindern gegenseitige Unterstützung. So ist es in Schweden verboten, von den Einnahmen von Sexarbeiter*innen zu profitieren. Dies betrifft z.B. Vermieter*innen, Babysitter*innen und auch Sexarbeiter*innen selbst, die sich gegenseitig unterstützen.

Die mit dem Sexkaufverbot einhergehenden Regelungen verschärfen das Leben und Arbeiten von Arbeitsmigrant*innen in der Sexarbeit mit und ohne legalen Aufenthaltsstatus noch einmal deutlich. Die Folge eines Verbots wäre die mögliche Verwehrung der Einreise oder die Abschiebung. Migrant*innen würden noch häufiger als Opfer wahrgenommen werden, obwohl sie ohnehin schon als marginalisierte Gruppe an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Sexarbeit ist gesellschaftliche und soziale Realität in Deutschland. Sexarbeit ist Arbeit. Eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen kann nicht durch Kriminalisierung, sondern durch die Stärkung ihrer Rechte und durch den Kampf gegen Stigmatisierung gelingen.

Das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter fordert Sie deswegen auf:

Sexarbeit als Arbeit anzuerkennen

Deutschlandweit angelegte Anti-Stigmatisierungskampagnen zu fördern

Den Ausbau von Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen zu gewährleisten, die niedrigschwellig, ergebnisoffen und akzeptierend mit Sexarbeiter*innen arbeiten

Den Zugang für Sexarbeiter*innen zu Fachberatung, Gesundheitsberatung und gesundheitlicher Versorgung flächendeckend zu ermöglichen.

Wenn Sie Interesse haben mit uns ins Gespräch zu kommen, wenden Sie sich gerne an info@bufas.net zur Terminabsprache.

Freundliche Grüße
der Bufas Vorstand

1 Stellungsnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte „Prostitution und Sexkaufverbot“ vom 17.10.2019

2 https://www.amnesty.org.uk/policy-protect-human-rights-sex-workers-qa#Q7 (18.06.2020)

3 Susanne Dodillet, „Das schwedische Sexkaufverbot – beanspruchte Erfolge und dokumentierte Effekte“, Universität Göteborg.

Die Saarbrücker Zeitung titelt: Nach der Corona-Krise sollen Sex-Tempel im Saarland nicht mehr öffnen dürfen. Schweden gilt als gutes Beispiel.

Die Corona-Verordnungen verbieten immer noch die Öffnung von Bordellen – sogenannte Prostitutionsstätten. Dies auf unabsehbare Zeit.
Die Vorsitzende der saarländischen CDU-Frauen Anja Wagner-Scheid möchte diesen Zustand auch nach Corona beibehalten. Das von ihr propagierte „schwedische Modell“, nachdem der Freier bestraft, aber die Prostituierte straffrei bleibt, ist leider eine große Mogelpackung.
Es gibt keine Nachweise, dass Sexarbeit an sich oder der Menschenhandel in Schweden abgenommen haben. Eindeutig ist allerdings, dass sich die Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende unter dem Sexkaufverbot verschlechtern.

  • Zwar wird die Sexarbeitende nicht wegen Prostitution angeklagt, aber die Kunden. So muss dann versteckt gearbeitet werden, damit überhaupt noch jemand kommt.
  • Bordelle sind verboten unter dem Konzept des Sexkaufverbots. Viele Sexarbeitende schätzen aber diese Arbeitsplätze, denn sie fühlen sich dort sicherer als alleine bei Hausbesuchen. Ein etabliertes Bordell bietet für viele höhere Verdienstaussichten als Selbstmanagement. Laut neuer Gesetzesvorgaben in Deutschland müssen Prostitutionstätten hohe Anforderungen erfüllen, um eine Zulassung zu bekommen. Auch ein Betriebskonzept ist vorzulegen, welches u.a. deutlich macht, dass dort keine Ausbeutung stattfindet.
  • Beratungsstellen und Gesundheitsämter gehen davon aus, dass sie wegen der Vereinzelung der Sexarbeitenden nicht mehr gezielt aufsuchende Beratung machen können. Man befürchtet, dass sich in diesem Graubereich genau die sogenannten „milieubedingten“ Zwischenhandelstrukturen etablieren werden, die man eigentlich abschaffen will.

Die von CDU-Frauen propagierten „Ausstiegsprogramme“ und alternativen beruflichen Perspektiven münden zu über 90% in den Billiglohnsektor, und sind exakt das, wovor die meisten Sexarbeitenden gerade geflüchtet sind.

Der „Erfolg“ in Schweden sieht wie folgt aus: 42% der Sexarbeiter*innen berichten von mehr Gewalterfahrungen seit der Einführung dieses Gesetzes, 70% von keiner Verbesserung bzw. sogar Verschlechterung der Verhältnisse der Polizei, 63% von einer Verschlechterung ihrer Arbeitsverhältnisse. Von den allgemeinen Umsatzeinbußen mal ganz zu schweigen.
(Quelle: Studie Medecine du Monde)

Namhafte Organisationen aus dem Gesundheitswesen, Menschenrechtsorganisationen und kirchliche Einrichtungen sprechen sich einhellig gegen ein Sexkaufverbot aus, das die Branche in die Illegalität treibt. Geholfen werden kann in einem derartigem Dunkelfeld kaum jemandem mehr.

Unser Berufsverband setzt sich ein für legales Arbeiten und transparente Strukturen.
Wir fordern mehr Beratungstellen und mehr aufsuchende Beratung, Aufbau von Fortbildungskonzepten und Bildung von sprachbezogenen Peer-Gruppen.

Ebenso sprechen wir uns gegen das Vorhaben eines Werbeverbotes für Bordelle aus, denn ohne Werbung keine Kunden.

Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.
Kontakt:
Johanna Weber
Politische Sprecherin des BesD
johanna@besd-ev.de
0151-1751 9771




Presseerklarung zu diesem Thema der Beratungsstelle für Sexarbeitende in Saarbrücken, ALDONA -> https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2020/07/17/beratungsstelle-aldona-im-saarland-gegen-das-sexkaufverbot/

Linkliste mit Argumenten gegen das Sexkaufverbot:

Sie werden – womöglich anlässlich der Corona-Pandemie – gebeten, einen Aufruf gegen Prostitution („Sexkaufverbot“) zu unterzeichnen? Bevor Sie das tun, hier ein kleiner Faktencheck.

Köln, 27. Juni 2020

(Die kursiven Passagen stammen aus einem Schreiben, das Prostitutionsgegner:innen im Mai 2020 an die Ministerpräsident:innen aller Bundesländer geschickt haben.)

1. Es dürfte zum einen auf der Hand liegen, dass Prostitution die epidemiologische Wirkung eines Super-Spreaders hätte.
Nein, das ist reine Mutmaßung, für die es keinerlei Anhaltspunkte gibt. Super-Spreading-Ereignisse wurden bisher vor allem für Gottesdienste, Fleischverarbeitung, Traditions- und Familienfeiern berichtet. All das dürfte dann auch nicht wieder zugelassen werde. Die GSSG geht davon aus, dass die meisten Begegnungen in der Sexarbeit zwischen jeweils zwei Personen stattfinden, was ein denkbares Infektionsgeschehen überschaubar hält. Im Übrigen sind professionelle Sexdienstleistende auch Profis für den Umgang mit Infektionen, wie die Forschungslage am Beispiel von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) zeigt.

2. Social Distancing ist i.d.R. mit sexuellen Handlungen nicht vereinbar.
Das klingt zunächst korrekt, gilt allerdings auch für alle privaten, also nicht bezahlten sexuellen Handlungen. Die GSSG weist ausdrücklich darauf hin, dass das Gestalten einer selbstbestimmten Sexualität zu den Menschenrechten gehört und prinzipiell der Gesundheit förderlich ist.

3. Bei Nachverfolgung der Ansteckung dürfte dieser Kontakt oftmals verschwiegen werden.
Je stärker Prostitution tabuisiert und stigmatisiert wird, desto eher wird diese Behauptung zutreffen. Daher sollten die Menschen in der Sexarbeit nicht durch weitere Verbote kriminalisiert werden, sondern durch Rechtssicherheit gestärkt werden. Übrigens: Rund die Hälfte aller Freier hat keine private Beziehung.

4. Wir halten die Zustände in der Prostitution für die dort Tätigen in der großen Mehrzahl der Fälle für menschenunwürdig, zerstörerisch und frauenfeindlich. Entgegen einem weit verbreiteten Klischee sind die meisten Prostituierten (v.a. osteuropäische oder afrikanische Frauen) keinesfalls freiwillig in der Prostitution, sondern wurden und werden getäuscht, erpresst und bedroht.
Wo immer dies der Fall ist, muss energisch dagegen vorgegangen werden. Dafür reichen die bestehenden Gesetze prinzipiell aus: Ausbeutung, Erpressung, Bedrohung – all das sind Straftaten, die als solche verfolgbar sind. Zudem ist die Behauptung, es handele sich „um eine große Mehrzahl“ ist nicht belegt. Eine ganze Branche mit derzeit 33.000 registrierten Sexarbeitenden wegen unbelegter Vermutungen unter Generalverdacht zu stellen, ist keinesfalls zielführend. Im Gegenteil: Je attraktiver eine legale und gesicherte Arbeit in der Prostitution ist, desto weniger attraktiv ist sie für ausbeuterische, kriminelle und gesundheitsgefährdende Strukturen.

5. Wie Freier denken und handeln, die ihr vermeintlich erkauftes Recht auch gegen erkennbaren Widerwillen und Ekel durchsetzen und die Frauen demütigen, lässt sich beispielsweise in Freierforen nachlesen, in denen Freier die „Ware“ Frau und ihre „Dienstleistung“ bewerten.
Die GSSG warnt davor, einzelnen Äußerungen aus Internet-Foren gesellschaftsbildende Funktion zuzuschreiben. Vermeintlich abwertende Äußerungen in Freierforen lassen nicht automatisch auf Missachtung von Frauen im allgemeinen Leben schließen. Hier gilt es wie bei allen Themenforen, doppelt zu differenzieren: Sprache im Internet und Haltung im wahren Leben korrelieren nur sehr bedingt. Und wer eine bestimmte Formulierung für frauenverachtend hält, kennt sich womöglich einfach nur nicht mit dem Fachjargon aus.

6. Eine Entschließung des Europäischen Parlaments fordert Deutschland dringend dazu auf, die geltende gesetzliche Regelung zu revidieren.
Die „Entschließung“ des EU-Parlaments aus dem Jahr 2014 blieb aus gutem Grund lediglich eine „nicht bindende Resolution“. Sie basiert auf einem Bericht der Britin Mary Honeyball, dessen Faktenbasis als nicht gesichert, sondern als politisch motiviert gilt.

7. Zu authentischen Berichten von Polizisten, Aussteigerinnen und (echten) Hilfsorganisationen verweisen wir auf die beigefügten Links.
Dramatische Fallbeispiele sind (sofern zutreffend) selbstverständlich bedauernswert und streng zu ahnden. Aus ihnen müssen jedoch die richtigen Konsequenzen gezogen werden – und das sind nach Auffassung der GSSG weder eine Diskreditierung, noch eine Stigmatisierung und schon gar nicht eine Kriminalisierung bezahlter Sexualität. Sondern Rechtssicherheit, Stärkung der Betroffenen und die Beseitigung von Armut.

8. Vieles spricht für die Einführung des Nordischen Modells, mit dem erstmals in Schweden der Sexkauf unter Strafe gestellt wurde.
Ein „Nordisches Modell“ gibt es nicht, alle Staaten Nordeuropa haben unterschiedliche Gesetzgebungen zur Prostitution. Aus Sicht der GSSG spricht nichts für ein Verbot bezahlter Sexualität – im Gegenteil. Solche Verbote bewirken nachweislich eine Verschlechterung der Bedingungen. Das gilt im Übrigen auch für andere prohibitionistische Regelungen, die wir aus Schweden kennen. Der dort gesellschaftlich akzeptierte, restriktive Umgang z.B. mit Alkohol passt nicht zu den Public-Health- Ansätzen, mit denen die Bundesrepublik spätestens seit dem Beginn der HIV-Epidemie in den 1980er Jahren gute Erfahrungen macht.

Die Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit (GSSG) entwickelt und fördert seit 2007 vorrangig Projekte im Bereich „Sexual Health and Rights“. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf gesundheitlicher Aufklärung. Die Stiftung arbeitet mit Expert:innen aus aller Welt zusammen. Sie betrachtet Sexarbeit auch als Aufgabenfeld, um das Recht auf sexuelle Gesundheit zu schützen. Deshalb setzt sich die Stiftung für die Rechte von Sexarbeiter:innen und ihren Kund:innen ein. Dafür klärt sie auf, forscht und bezieht Stellung in öffentlichen Debatten zu Sexarbeit. Die Stifterin der GSSG, Harriet Langanke, begleitete als Sexualwissenschaftlerin an der Universität Malmö, Schweden, zehn Jahre lang ein Forschungsprojekt über Kunden von Sexarbeiterinnen.

Hier findet sich der Faktencheck der GSSG online.