Der BesD hat gemeinsam mit verschiedenen Gesundheitsämtern ein Hygienekonzept für erotische Dienstleistungen im Rahmen der Corona-Krise entwickelt.


Viele Branchen sind vom Lockdown schwer betroffen – doch gerade in der Sexarbeit lebt ein hoher Anteil von der Hand in den Mund und hat wenig bis keine Rücklagen. Besonders im Bereich Straßen-Sexarbeit sind viele Beschäftigte zusätzlich nicht krankenversichert und bereits von Armut betroffen.

Wir fordern die Gleichbehandlung von Sexarbeit mit vergleichbaren körpernahen Dienstleistungen. Im Sinne der Übertragung und Bekämpfung des Corona-Virus besteht kein Unterschied zwischen einer nichtmedizinischen Massage und einer erotischen Massage. Im zweiten Schritt plädieren wir für eine geordnete Öffnung aller Bereiche der Sexarbeit unter Anwendung entsprechender Hygiene-Konzepte für den Schutz von Dienstleister*innen und Kund*innen sowie die Vorbeugung von Neu-Ansteckungen.

Mit unserem Anliegen haben wir uns an die Bundesländer und die zuständigen Behörden gewendet: —> Unsere Pressemitteilung zum Download 

Sexarbeiter*innen hoffen auf Lockerung des Arbeitsverbots

„Auch unsere Branche möchte Licht am Ende des Tunnels sehen. Seit der Einführung des Prostitutionsgesetzes gehört es zu den erklärten Zielen der Regierung, auf die Entstigmatisierung von Sexarbeiter*innen hinzuwirken – hier besteht die Chance, für Gleichberechtigung zu sorgen.“ (Zitat Johanna Weber, politische Sprecherin BesD)

Das Hygiene-Konzept des BesD umfasst Regelungen für Arbeiten in Terminwohnungen/eigener Wohnung/Wohnwagen, Haus- und Hotelbesuche (Escort) sowie Hygiene-Regeln für die Arbeit auf Straßenstrichen.


–> HIER LESEN: Hygiene-Konzept für Sexarbeit während Corona


Vorbeugende Maßnahmen gehören zu unserem Arbeitsalltag – schon vor der Krise

Konkrete Konzeptvorschläge für alle Arten von Prostitutionsstätten sind Aufgabe der zuständigen Betreiberverbänden und -zusammenschlüsse. Diese sind aufgrund des
Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) und ganz unabhängig von Corona bereits zu passgenauen Hygiene-Konzepten und der Hinwirkung auf die Vermeidung von sexuell übertragbaren Krankheiten jeder Art verpflichtet.

„Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen, die nun erst einen verstärkten Umgang mit Hygiene erlernen müssen, gehören vorbeugende Maßnahmen gegen Übertragung von sexuell übertragbaren Krankheiten zu unserem Arbeitsalltag. Sexarbeitende sind gewohnt und in der Lage, mit dem Thema Infektionsschutz verantwortungsvoll umzugehen.“ (Zitat Undine de Rivière, BesD-Mitglied)

Hilfe durch Gleichbehandlung bei Corona-Lockerungen

Der Fakt bleibt: Ein Großteil der Sexarbeiter*innen kann kein Geld verdienen, solange unsere Arbeitsplätze geschlossen sind. Der Berufsverband hat für jene Sexarbeitende, die keinen Anspruch auf staatliche Hilfen haben, den –> Nothilfe Fonds ins Leben gerufen und bis dato bereits über 200 notleidenden Sexarbeitenden geholfen. Doch die Mittel unseres Verbands sind bald erschöpft. Hier sollte der Staat einspringen. Noch besser wäre es wenn wir uns selber helfen können, indem wir wieder unserer Arbeit nachgehen können.


Hygienekonzepte für Prostitutionsstätten:

UEGD
-> Hygienekonzept mit Stufenplan -> https://uegd.de/uegd-fordert-wiedereroeffnung-der-branche/

BSD
-> Hygienekonzept mit schrittweiser Öffnung -> https://bsd-ev.info/corona-hygienekonzept/

Zusammenschluss der Laufhäuser Stuttgart
-> Laufhäuser Stuttgart – Anschreiben Ministerpraes. Lucha wegen Hygienekonzept

Viele Branchen sind schwer betroffen vom Lockdown im Rahmen der Coronabestimmungen. Hier reihen sich die Prostitutionsstätten ein in die Masse aller anderen geschlossenen oder geschlossen gewesenen Betriebe. Auch die Sexarbeitenden selber werden in diesem Zusammenhang wie alle anderen von Arbeitsverbot betroffenen Soloselbstständigen behandelt. Bis hierhin gilt Gleichbehandlung, was für unsere Branche schon ein Fortschritt ist. Mit den zunehmenden Lockerungen werden die Unterschiede aber wieder deutlicher.

Wenn es um unsere Branche geht, dann gibt es die oben schon genannten beiden Bereiche – die Sexarbeitenden und die Betriebe. Beide Bereiche sind sehr eng verzahnt. Nicht zu vergessen ist der Vielzahl an „Zulieferbetrieben“: Anzeigenportale, Erotik-Fotografen, Kondomhersteller, Erotikshops mit Schwerpunkt Sexarbeit, SM-Möbelbauer, Putzfrauen, Sicherheitskräfte, Hausdamen, ….

Wie ist der aktuelle Stand?


Die Sexarbeitenden teilen sich in drei Gruppen

1. Hauptberuflich Sexarbeit
Das sind diejenigen, die steuerlich gemeldet sind und hauptberuflich der Sexarbeit nachgehen.
Sie gelten als ganz normale Solo-Selbstständige und dürfen die Soforthilfen von Land und Bund in Anspruch nehmen.
Dabei ist ein großes Problem, dass sich die Richtlinien scheinbar täglich ändern und aktuell anscheinend nur noch Betriebskosten durch die Soforthilfen ersetzt werden. Die meisten Soloselbständigen haben kaum Betriebskosten – so auch Sexarbeitende.

Die Zimmermiete im Bordell müssen wir Sexarbeitende ja nur zahlen, wenn wir das Zimmer benutzen. Werbung wird oft vom Bordell übernommen oder ist gratis im Internet. Das Arbeitstelefon ist oft ein Pre-Paid-Handy, denn es werden ja kein Anrufe getätigt, sondern nur empfangen. Dienstwagen und Büromiete fallen nicht an.

Die meisten Sexarbeitenden haben allerdings keine wirklichen Rücklagen, um für längere Zeiträume Miete, Kranken- und Rentenversicherung zu zahlen oder Essen zu kaufen.
Hier auf die vereinfachte Grundsicherung zu verweisen halten wir für unangebracht, denn die der Anregungen von verdi für Soloselbstständige ist, dass ein fiktiver Unternehmerlohn (1.180 Euro) angerechnet wird.
Dies unterstützen wir.
Hier die Infos für Soloselbstaständige  und Corona von verdi

2. Nebenberuflich Sexarbeit
Das sind diejenigen, die neben ihrem Hauptberuf (oft ein Angestelltenverhältnis) der Sexarbeit nachgehen.
Sie können keine Soforthilfen beantragen.
Es handelt sich um eine sehr große Gruppe, die in den meisten Statistiken nicht auftauchen. Oft sind es Frauen, die eine halbe Stelle in sogenannten sytremrelevanten Berufen arbeiten und mit Sexarbeit aufstocken. Auch Studierende und Umschüler*innen fallen in diese Gruppe.

3. Sexarbeitende ohne Möglichkeit auf staatliche Mittel
Das sind diejenigen, die aus allen Töpfen rausfallen und eh schon größtenteils von der Hand in den Mund gelebt haben. Unsere Branche hat einen sehr hohen Anteil an diesen Marginalisierten. Diese kommen unter normalen Umständen immer irgendwie über den Monat, haben aber keine Versicherung, keine Steuernummer und oft auch keine feste Wohnadresse. Für diese haben wir als BesD einen Nothilfefonds eingerichtet, der erfreulich gut mit Senden gefüllt wird.
-> https://berufsverband-sexarbeit.de/index…fallfonds/
Dies sollte aber nicht die Aufgabe des Berufsverbandes sein, sondern der Staat sollte helfen.



Die Betreibenden unterteilen sich in diverse Gruppen
je nach Größe der Prostitutionsstätte und Art.

Das reicht von Saunaclub über Wohnungsbordelle bis hin zu Wohnwagen.

Alle diese Betriebe, in denen erotische Dienstleistungen angeboten werden, sind aktuell geschlossen.
In einigen wohnen Sexarbeitende weiterhin, die keine Unterkunft haben – oft kostenlos, aber leider nicht immer.

Die Prostitutionsstätten konnten sehr unkompliziert Soforthilfen von Bund und Land bekommen.
Je nach Betriebsgröße ist das Geld aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein und auch Rücklagen helfen nur begrenzt. Das ist bei anderen Branchen nicht anders. Während aber Restaurants, der Tourismus, die Autoindustrie usw. eine breite Lobby haben, wird Sexarbeit ganz weit nach hinten auf den Wiedereröffnungplan der Bundesländer geschoben.

Das Problem für Bordelle ist die eben diese mangelnde Planbarkeit der Schließungsdauer.
Die Betreibenden wissen nicht wann ihre Betreibe an der Reihe sind mit der Wiedereröffnung, und befürchten, dass übertriebene Anforderungen an sie gestellt werden. Auch in Bordellen lassen sich Hygienepläne umsetzten.

Für uns Sexarbeitende ist die Frage nach der Wiedereröffnung der Prostitutionsstätten sehr wichtig, denn wir sind selbstständig und ein Großteil kann kein Geld verdienen, wenn die Arbeitsplätze geschlossen sind.

Anschreiben des Berufsverbands an jene Bundesländer, die im Zuge der Corona-Verordnungen bereits wieder nicht-medizinische Massagen zulassen.


Sehr geehrte Mitglieder der Landesregierungen!

In Ihrem Bundesland sind die Regelungen zur Bekämpfung des Corona-Virus insofern gelockert worden, dass auch nicht-medizinische Massagepraxen wieder öffnen dürfen und nicht-medizinische Massagen erneut für selbstständige Dienstleistende zugelassen sind.

Gewerberechtlich gelten sowohl Salons, die erotische Massagen anbieten, sowie Tantra-Massagestudios als Prostitutionsstätten, die noch nicht wieder den Betrieb aufnehmen dürfen.

Im Rahmen einer Massage werden an diesen Orten erotische Dienstleistungen, unter anderem in Form von sogenannter „Handentspannung“ angeboten. Von diesen zusätzlichen Dienstleistungen geht aber keine zusätzliche, von anderen nicht-medizinischen Massagen abweichende Infektionsgefahr aus. Die geforderten Abstands- und Hygiene- Regeln können auf identische Weise eingehalten werden.

Im Sinne der Übertragung und Bekämpfung des Corona-Virus besteht kein Unterschied zwischen einer nicht -medizinischen Massage und einer erotischen Massage. 

Die meisten in der Sexarbeit tätigen Menschen verdienen nicht ausreichend. Dementsprechend fehlt für die Bildung von Rücklagen, die über eine so lange Zeit des Verdienstausfalls hinweghelfen würden, schlicht das Geld. Anbieter*innen aus dem Bereich der erotischen Massagen sind besonders betroffen – denn dort ist die Entlohnung vergleichsweise noch schlechter, als in anderen Bereichen der Branche.

Um den Unsicherheiten hinsichtlich der Erlaubnis von Massage-Angeboten entgegen zu wirken, fordert der Berufsverband eine Gleichbehandlung von nicht-medizinischer und erotischer Massage. Wir beziehen uns in diesem Schreiben nur auf den Bereich der erotischen Massage und nicht auf andere Angebote der Sexarbeit. Wir gehen den Kurs Ihres Bundeslandes mit und befürworten die schrittweise Lockerung der Beschränkungen.

Wir wünschen uns eine faire Teilhabe der Menschen in unserer Branche an den Lockerungen im Rahmen der Corona-Krise in Deutschland.

Wir bitten Sie, sich auch für die Rechte der Menschen einzusetzen, die erotische Massagen anbieten und die derzeitige Verordnung im Sinne der Gleichbehandlung von erotischen und nicht-medizinischen Massagen entsprechend zu kommentieren oder zu ergänzen.

 


Kontakt:

Johanna Weber (politische Sprecherin des BesD)
johanna@besd-ev.de

Bei Thüringen handelt es sich um das letzte Bundesland in Deutschland, in dem keine Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen und damit keine Ansprechpartner*innen für jene zur Verfügung stehen.

Diesen Umstand hält der Berufsverband – besonders inmitten einer Pandemie, wo genau diese Menschen auf die Hilfe von niedrigschwelligen, akzeptierenden Beratungsstellen angewiesen sind – für dringend verbesserungswürdig.

Darüber hinaus findet die Sexarbeit in Thüringen fast ausschließlich über Wohnungsbordelle oder Terminwohnungen statt, in denen alleine, zu zweit und in ständigem Wechsel gearbeitet wird. Dies kann zur Vereinzelung führen und einen besonders schlechten Informationsfluss unter Sexarbeitenden zur Folge haben. Viele Sexarbeitende sind wenig bis gar nicht über ihre Rechte auf Gesundheitshilfe und Unterstützung informiert.

Wir unterstützen daher die —> Forderung der frauenpolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion Frau Laura Wahl, nach einer unabhängigen Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen in Thüringen. 

Des weiteren halten wir einen Ausbau der —> Fachberatungsstelle Frauenzentrum Brennessel e.V. für sinnvoll – dieses leistet Unterstützung bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und ist auch mit dem Thema Sexarbeit schon vertraut. Bei entsprechender Personalaufstockung könnte auch dort eine fundierte Beratung und Betreuung von Sexarbeiter*innen stattfinden.

Als marginalisierte Berufsgruppe mit einem Anteil von nicht krankenversicherten, nicht angemeldeten, bereits von Armut betroffenen Menschen, trifft die derzeitige Krise Sexarbeiter*innen besonders hart. Durch den Ausfall ihrer Einnahmen fehlt es jenen ohne finanzielle Rücklagen am Nötigsten – teilweise drohen jetzt Wohnungslosigkeit oder gar Obdachlosigkeit.

Anlässlich der Krise haben wir den —> BesD Nothilfe Fonds ins Leben gerufen, um Sexarbeitende ohne Anspruch auf staatliche Hilfen in Notsituationen zu unterstützen. Die Vergabe wird zum großen Teil durch die Arbeit der diversen Beratungsstellen koordiniert.


Pressekontakt:

  • Johanna Weber | johanna@besd-ev.de| 0151 1751 9771
  • Lilli Erdbeermund | presse@besd-ev.de 

In Deutschland wurde Mitte März eine Schließung von Prostitutionsstätten, Bordellen und ähnlichen Einrichtungen  durchgesetzt. Alle körpernahen, nicht medizinisch notwendigen Dienstleistungen sind laut Vorgabe der Bundesregierung derzeit untersagt. Viele Bundesländer und Städte haben darüber hinaus explizit jede Art von
Prostitution verboten.

Weder in Hamburg noch in NRW sieht der Bußgeldkatalog eine Differenzierung zwischen Betreiber*innen einer Prostitutionsstätte und einer*m selbstständig arbeitenden Sexarbeiter*in vor. Alle betreffenden Personen werden mit der gleichen, unverhältnismäßig hohen Strafzahlung von rund 5.000 Euro belegt.

Am Beispiel des Bußgeldkatalogs für Hamburg: Rund 5.000 Euro sind für eine Zuwiderhandlung gegen das Prostitutionsverbot ausgewiesen.

Egal, ob es sich um das „Öffnen einer Prostitutionsstätte für den Publikumsverkehr“, den „Betrieb einer Prostitutionsvermittlung“, die „Durchführung einer Prostitutionsveranstaltung“, die „Bereitstellung eines Prostitutionsfahrzeuges“, oder eben die „Erbringung sexueller Dienstleistungen“ und die „Ausübung der Prostitution“ handelt – der Regelsatz liegt jeweils bei 5.000 Euro. Wohlgemerkt gelten alle Summen im Katalog im Falle eines „Erstverstoßes“. Im Wiederholungsfall darf eine Geldbuße von bis zu 25.000 Euro verhängt werden.

Zum Vergleich die Regelsätze außerhalb von Sexarbeit:

Der Betrieb einer Gaststätte wird mit rund 4.000 Euro Strafe, oder die Veranstaltung von öffentlichen Vorträgen inklusive „Gemeinschaftsaktivitäten“ mit rund 1.000 Euro Strafe, mäßiger geahndet, als die Annahme eines einzelnen Kunden durch eine*n Sexarbeiter*in. Die Zusammenkunft einer nicht beschränkten Zahl von Menschen in einer Kirche, Moschee, Synagoge oder auch an einem nicht-öffentlichen Ort wird mit 1.000 Euro für den Veranstalter sowie 150 Euro für jeden Teilnehmer bestraft. „Feierlichkeiten“ in Wohnungen oder anderen nicht-öffentlichen Orten schlagen mit 150 – 500 Euro zu Buche.

Die hohen Strafen stürzen jene in den Ruin, die bereits ganz unten sind. Sie führen nicht zu einem Rückgang von Sexarbeit, sondern zu einer Verschlimmerung der Lage für bereits extrem marginalisierte Gruppen.

Ein hoher Anteil von Menschen in der Sexarbeit leben von der Hand in den Mund. Viele sind nicht krankenversichert, nicht angemeldet, haben keine Aufenthaltsberechtigung in Deutschland, oder sind bereits von Armut betroffen. Der
Anteil von Sexarbeiter*innen, die keinen Anspruch auf staatliche Hilfen – wie zum Beispiel die Grundsicherung – haben, ist im Vergleich zu anderen Branchen sehr groß. Aufgrund des Arbeitsverbots und der rückgehenden Nachfrage kämpfen diese Menschen jetzt um ihr Überleben.

Um Sexarbeiter*innen finanziell zu unterstützen, die durch alle Netze fallen und keinen Anspruch auf staatliche Hilfen haben, haben wir den —> BesD Nothilfe Fonds ins Leben gerufen – die Ärmsten in der Sexarbeit brauchen rasche und unbürokratische Hilfe anstelle von Strafen.

Denn trotz dem auch für ihr eigenes Leben steigenden Risiko der Arbeitsausübung, wissen sich viele nichts anders zu helfen: Sie suchen weiterhin im Internet und auf der Straße nach Kunden und nehmen weiterhin Anfragen von Kunden an. Einige Kunden nützen die Lage dieser marginalisierten Gruppe von Sexarbeiter*innen aus – sie wissen um deren Not und drücken die ohnehin niedrigen Preise oder versuchen, normalerweise nicht angebotene Leistungen zu erpressen.

Sexarbeiter*innen, die aus ihrer Not heraus gegen die Verordnung verstoßen, müssten nach dem Hamburger Bußgeldkatalog für die „Erbringung sexueller Dienstleistungen“ den gleichen Betrag zahlen, als wenn sie als Veranstalterinnen ein Bordell, einen Jahrmarkt, ein Schwimmbad, einen Tierpark, ein Theater, eine Diskothek oder ein Volksfest betreiben würden. 

Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistung fordert daher:

  • eine drastische Verringerung der unverhältnismäßigen Bußgelder für die Sexarbeits-Branche, insb. für einzelne Sexarbeitende
  • einen Ermessensspielraum für die Behörden und Kontrollorgane gegenüber einzelnen Sexarbeiter*innen, beginnend mit einer Verwarnung für den Erstfall
  • die Schaffung und Vermittlung unbürokratischer, sofortiger
    Überlebenshilfe, unabhängig von Anmelde- oder Aufenthaltsstatus

Insbesondere bei dem Verstoß gegen „Ausübung der Prostitution“ beziehungsweise der „Erbringung sexueller Dienstleistungen“ plädiert der Berufsverband für das Mittel der Wahl im Umgang mit verzweifelten Sexarbeitenden und im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus:

  • Verwarnungen bei Erstverstößen
  • Geldstrafen in Wiederholungsfällen, die 150 Euro nicht überschreiten
  • das Verweisen an Beratungsstellen, deren Mitarbeiter*innen geschult darin sind, mit diesem besonders stigmatisierten und vulnerablen Personenkreis adäquat umzugehen

Pressekontakt:

  • Johanna Weber | 0151 – 1751 – 9771 | johanna@besd-ev.de 
  • Lilli Erdbeermund | presse@besd-ev.de

Bundesweit sind Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 getroffen worden, welche das Leben im öffentlichen Raum stark einschränken und reglementieren. In diesem Kontext bleiben auch Bordelle/ Prostitutionsstätten vorübergehend geschlossen.

Für Stadt und Landkreis Karlsruhe gilt jedoch über die durch die baden-württembergische Regierung erlassenen Maßnahmen und Schließungen hinaus eine Zusatzverordnung, welche „Prostitution und Sexkauf jeder Art“ untersagt. Diese Verordnung gilt nicht wie die anderen landesweiten Regulierungen bis zum 19. April, sondern bis Widerruf.

Eine Untersagung von Sexarbeit halten wir im Rahmen der Corona-Vorsorge für richtig und sinnvoll. Eine Sonderregelung, die ausschließlich fur unsere Berufsgruppe einen anderen Zeitraum festsetzt, halten wir für nicht
rechtens.

Sexarbeitende sind aktuell durch die Maßnahmen gegen Covid-19 wie viele andere Selbstständige/ FreiberuflerInnen einer Situation ausgesetzt, in welcher sie nicht ihrem Beruf nachgehen dürfen. Die Ungewissheit uber die Dauer von Verboten, schmälert das Vertrauen in staatliche Institutionen. Ein nicht nachvollziehbares Beschäfigungsverbot auf unbestimmte Zeit führt gerade bei marginalisierten Sexarbeitenden sehr wahrscheinlich zum Ignorieren der Verordnung. Wir befürworten dies natürlich nicht.

Wir vom Berufsverband BesD fordern daher:
1. Gleiches Zeitenster. Stadt- und Landkreis Karlsruhe mögen bitte für die Einschränkung der Prostitution das gleiche Zeitenster ansetzen wie auch für die anderen Maßnahmen.
2. Unwort Sexkauf. Der Begriff „Sexkauf“ ist ein unüblicher Begrif in juristschen und politschen Texten. Bitte verwenden sie „Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen“
3. Soforthilfen. Wir begrüßen vom Bund und dem Land Baden-Württemberg ausgeschriebenen Soforthilfen fur Solo-Selbstständige. Es bedarf aber der Einrichtung lokaler Notfallhilfe-Töpfe für Sexarbeitende und Betroffene anderer Berufsgruppen, die von der Hand in den Mund leben.

Gerade auch vor dem Hintergrund des aktuell diskutierten Schwedischen Modells eines Sexkaufverbots – gegen dessen Einführung in Deutschland wir uns entschieden aussprechen – ist eine solche Sonderregelung für Prostitution wie hier in Karlsruhe beunruhigend.

Wenn Menschen ihre berufliche Tätigkeit nicht ausüben dürfen, so muss selbstverständlich für ihre Grundsicherung gesorgt werden, im Hinblick auf gelingende Covid-19-Maßnahmen und auf eine gesamtgesellschaftliche Stabilität.

Gruß, Johanna Weber (Politik und Vorstand des BesD)

Der BesD zum Fall in Lippstadt-Eickelborn: Der Berufsverband setzt sich für die Stärkung der Rechte von Sexarbeiter*innen ein –  die angemessenen Rechte beziehungsweise Verbote des Alltags für Straftäter im Maßregelvollzug fallen hingegen nicht in unsere Expertise – egal, ob es sich nun um Fragen des Wohnsitzes, der Arbeitserlaubnis oder den Besuch von Bordellen handelt.

Der BesD zum Therapieexperiment in Osnabrück: Wir raten, direkten Kontakt zu der betreffenden Kollegin aufzunehmen. In Ermangelung einer persönlichen Stellungnahme der Kollegin, ohne nähere Informationen zu deren Teilnahme an dem genannten Experiment und ohne nähere Informationen zu dessen Inhalten, ist es uns nicht möglich, ein Urteil über diesen speziellen Fall abzugeben oder daraus generelle Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit einer solchen Therapie zu ziehen.

Jedoch gilt generell: Der Berufsverband steht der Entwicklung eines Konzepts beziehungsweise einer Ausbildung, die Sexarbeitenden erlaubt ihre Kenntnisse als Lehrende einzusetzen  – ob im Rahmen von Workshops, Therapien, an Schulen und anderen Fortbildungsstätten – sehr positiv gegenüber. 

Sexarbeiter*innen besitzen die verschiedensten beruflichen Hintergründe und Fähigkeiten. Grundsätzlich sind viele in der Sexarbeit tätige Menschen auch im Bereich Sexualcoaching und/oder Sexualbegleitung aktiv und in der Lage, einen verantwortungsvollen und positiven Umgang mit eigener und fremder Sexualität zu fördern.

Jede Gesellschaft profitiert von offener und ehrlicher Kommunikation und leidet tendentiell unter „Tabuthemen“ –  Sexarbeiter*innen sind durch ihre Tätigkeit oft besonders geschult darin Themen zu vermitteln, über die leider noch immer viel zu oft geschwiegen wird.

Dabei kann es zum Beispiel um das komplexe Thema Konsens, den Umgang mit Sicherheit, den Schutz vor Geschlechtskrankheiten oder schlicht die „richtige“ Kommunikation von sexuellen Wünschen gehen.  Auch denkbar ist für uns der Einsatz von Sexarbeiter*innen als Vortragende an Schulen, beziehungsweise vor Jugendlichen – um zum Beispiel Aufklärung über die Loverboy-Masche zu leisten oder den Unterschied zwischen Realität und Pornografie zu besprechen.

Für weitere Informationen zu der Thematik vermitteln wir Ihnen gerne den Kontakt zu einer Kollegin/einem Kollegen die/der auch in dem Bereich Coaching tätig ist.

Pressekontakt:
Lilli Erdbeermund
presse@besd-ev.de

Anlässlich des Europäischen Tages gegen den Menschenhandel am 18. Oktober haben die Mitglieder von La Strada International  – einer europäischen NGO-Plattform gegen Menschenhandel – ein Schreiben an die europäischen Regierungen gesandt, in dem sie diese auffordern, sich zur Umsetzung eines 6-Punkte-Aktionsplans zu verpflichten. Der BesD unterstützt diese Forderungen (Übersetzung von uns):


1. Forderung: Unterstützung aller von Menschenhandel betroffenen und ausgebeuteten Personen bei der Meldung von Ausbeutung sowie Zugang zur Justiz, auch für Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus

Opfer von Menschenhandel sind oft nicht in der Lage, Ausbeutung zu melden, da sie mit Verhaftungen konfrontiert sind und Abschiebung wegen ihres irregulären Status fürchten müssen. Wir fordern eine „Firewall“, die es Arbeitern ermöglicht auf sichere Art und Weise eine Beschwerde bei Polizei- oder Arbeitsbehörden und Gerichten einzureichen und Zugang zu Dienstleistungen und Justiz erhalten, ohne sich dadurch der Gefahr von Abschiebung auszusetzen. Dies wäre ein Empowerment, eine Wahrung der Grundrechte, Bekämpfung von Missbrauch und Förderung fairer Geschäftspraktiken. Es würde auch sicherstellen, dass alle Fälle gründlich untersucht werden und dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

2. Forderung: Den betroffenen und ausgebeuteten Personen ist Zugang zu Informationen und kostenlosen Rechtsbeistand zu gewähren, sowie Unterstützung bei der Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen

Information und Rechtsbeistand sind entscheidend für die Durchsetzung von Verfahren, den Zugang zu Entschädigungen und zu anderen Rechte. Für die Geltendmachung von Schadenersatz in Strafsachen, zivilrechtlichen und strafrechtlichen Angelegenheiten ist eine spezialisierte Rechtsvertretung erforderlich. Staatlich finanzierter Rechtsbeistand ist jedoch nicht immer verfügbar und kann
im Umfang begrenzt sein oder von der Aufenthaltsberechtigung und dem Wohnsitz des Opfers abhängen. Darüber hinaus ist im Allgemeinen die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigem, spezialisiertem Rechtsbeistand begrenzt.

Die Opfer sollten mit folgendem versorgt werden:

– Informationen über ihre Rechte in verständlicher Form bei der ersten Kontaktaufnahme
– Prozesskostenhilfe sollte geleistet werden für alle Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung verfügbar sind
– des Weiteren sollte es Maßnahmen zur Unterstützung der Spezialisierung von Juristen zur Unterstützung und Vertretung von Betroffenen von Menschenhandel und Opfern anderer damit zusammenhängender Straftaten geben, auch für Verfahren zur Geltendmachung von Schadenersatz

3. Forderung: Sicherstellen, dass die Berechnung des Schadenersatzes fair, angemessen, transparent und auf der Grundlage einer klaren und klaren Vorgehensweise erfolgt

Derzeit gibt es wesentliche Diskrepanzen zwischen den geforderten Beträgen und den ausgezahlten Beträgen für Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung von Arbeitskraft. Darüber hinaus werden bestimmte Arten von Schäden, z.B. Verdienstausfall durch Prostitution, in einigen europäischen Ländern abgelehnt. Bisher gibt keine übergreifenden Leitlinien auf europäischer Ebene für die Berechnung von Schadenersatz für Opfer. Eine solche Berechnung sollte entwickelt werden, um die Grundsätze von Rechtsgleichheit und -sicherheit zu gewährleisten.

4. Forderung: Erweiterung der Untersuchungen für Schadensersatzforderungen und für die Wiederherstellung von Vermögenswerten

Ein wesentliches Hindernis für den Zugang zur Entschädigung für Opfer von Menschenhandel und Opfer von damit zusammenhängenden Straftaten ist, dass Täter nicht gefunden werden, nicht strafrechtlich verfolgt werden, ihr Vermögen ins Ausland verlagert haben, oder sich selbst für zahlungsunfähig erklärt haben, um die Beschlagnahmung ihres Vermögens und Zahlungen zu vermeiden.

Ermittlungen zur Identifizierung, Verfolgung und Beschlagnahme von kriminellen Vermögenswerten sind bisher in Umfang und Wirksamkeit begrenzt. Wir fordern, dass die strafrechtlichen Ermittlungen auch eine finanzielle Untersuchung in einem frühen Stadium des Verfahrens ausüben, um das Ausmaß der rechtswidrigen Aneignung von Vermögenswerten sowie den Schadensausmaß festzustellen. In einem solchen Fall können Staatsanwalt oder der Anwalt des Opfers die Beschlagnahmung von Vermögenswerten verlangen, die dem Opfer nach der Verurteilung des Täters zukommen.

5. Forderung: Förderung einer wirksamen transnationalen Zusammenarbeit zur Unterstützung von grenzüberschreitenden Schadensersatz-Ansprüchen

Eine Zusammenarbeit zwischen allen relevanten Interessengruppen auf nationaler und internationaler Ebene ist unerlässlich, um den Zugang zur Entschädigung zu gewährleisten. Opfer stehen bei der Verfolgung von Schadensersatzansprüchen
oft vor Herausforderungen – zum Beispiel nach freiwilliger oder erzwungener Rückkehr in andere Länder. In diesem Rahmen müssen auch Fragen im Zusammenhang mit der Kontinuität der Rechtshilfe und -vertretung, der Durchführung von Europäischen Vollstreckungsmaßnahmen und der Übermittlung von Entschädigungsanträgen von einem Land in ein anderes gestellt werden.

Wir fordern wirksame internationale Kooperations- und Überweisungsmechanismen zwischen Strafverfolgungsbehörden, Finanzbehörden, NGOs und Anwälten, um eine „mobile Justiz“ zu gewährleisten und das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Opfer auch nachdem sie das Land verlassen haben noch Anspruch auf Entschädigung haben.

6. Forderung: Aufhebung/Überarbeitung der Kriterien für staatliche Kompensationsfonds, um allen Betroffenen von Menschenhandel und Ausbeutung den Zugang zu gewährleisten – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus

Die meisten verfügbaren staatlichen Entschädigungssysteme für Opfer von (Gewalt-)Verbrechen gewähren nur finanzielle Unterstützung für materielle Schäden, wie z.B. medizinische Kosten, Sachschäden und manchmal entgangenen Gewinn. Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung werden oft vom Zugang ausgeschlossen – entweder da sie den Kriterien nicht entsprechen oder aufgrund ihres Aufenthaltsstatus, oder weil ihre Beschäftigungssituation irregulär ist. Oft benötigen sie den Nachweis körperlicher Gewalt, mit Ausnahme von Opfern, die durch subtile Formen von Zwang oder Täuschung geschädigt wurden.

Wir fordern, dass Opfern eine Entschädigung für unbezahlte Löhne oder Einkommensverluste gewährt wird, sowie Entschädigung für immaterielle Schäden. Länder, die diese noch nicht haben, sollten staatliche Entschädigungsssysteme einrichten und die Förderkriterien überprüfen. Staatliche Entschädigung sollte unabhängig vom Aufenthaltsstatus und Art der Arbeit/Services gewährleistet sein.


Originaltext hier zum Download

Als Sexarbeiter*innen haben wir alle etwas gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt. Alles andere ist Menschenhandel, ist Nötigung, ist Missbrauch, aber ist keine Sexarbeit.

Logischerweise setzen wir uns als Berufsverband für Sexarbeiter*innen für die Verteidigung und Wahrung von Frauenrechten ein – so wie viele andere Organisationen. Der international am 25. November stattfindende Aktions-Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen beschert dem so wichtigen Thema hoffentlich wieder das dringend benötigte Interesse der breiten Öffentlichkeit.

Doch leider ist nicht bei allen Frauenrechtler*innen mit Solidarität für Sexarbeiter*innen zu rechnen.  Die Prostitutionsgegner*innen von Terre des Femmes nützen den Termin vielmehr, um in einer Aktion vor dem Brandenburger Tor eine „Welt ohne Prostitution“ zu bewerben. Der Verein ordnet Sexarbeit pauschal als Gewalt gegen Frauen ein und setzt sich aufgrund dieser Überzeugungen für die Einführung des Schwedischen Modells der Freierbestrafung ein.

Prostitution ist kein selbstbestimmter, einvernehmlicher Sex, sondern bedeutet, dass Männer sich den Zugang zum Körper einer Frau erkaufen. (Fahnenaktion Terre des Femmes, November 2019)

Wir als Sexarbeiter*innen wehren uns aus guten Gründen gegen das Schwedische Modell – und dagegen, pauschal als Opfer abgestempelt zu werden. Unsere Tätigkeiten sind konsensuelle Dienstleistungen zwischen mündigen Erwachsenen. Und eine Differenzierung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit ist dringend nötig, um der Gleichsetzung unserer Arbeit mit Gewalt und Zwang endlich ein Ende zu bereiten.Nicht nur unser Berufsverband lehnt ein Sexkaufverbot, welches Kund*innen kriminalisieren und zu erhöhter Vereinzelung, Gefahr und Vulnerabilität von in der Sexarbeit tätigen Menschen führen würde, entschieden ab. Auch die Fachwelt äußert sich anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen zu dem Thema.

Zum 22.11. veröffentlichten Fachverbände und Beratungsstellen ein gemeinsames Positionspapier, in dem sie für mehr Unterstützung für Sexarbeitende plädieren und ausdrücklich vor jeglicher Kriminalisierung sowie einem Sexkaufverbot warnen. Bei den Unterzeichnenden finden sich unter anderem die Aidshilfe, der Frauenrat, der Juristinnenbund, die Diakonie, sowie Fachstellen für Opfer von Menschen- und Frauenhandel.

Wo Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter_innen heute menschenunwürdig sind, lassen sie sich mit einem Sexkaufverbot nicht verbessern. Im Gegenteil: Es droht, ihre Situation weiter zu  verschlechtern. Was zu ihrem Schutz gedacht sein soll, wird ihnen am Ende zum Verhängnis. Gerade wo Menschen kaum eine Wahl haben, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen, brauchen sie Hilfsangebote, die ihnen Möglichkeiten eröffnen und einen sicheren Rahmen für ihre Tätigkeit fördern. (Gemeinsames Positionspapier v. Deutsche Aidshilfe et al, 22.11.2019)

bufaS e.V, das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter veröffentlichte zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen eine Stellungnahme zu den politischen Forderungen zur Einführung eines Sexkaufverbots in Deutschland:

[Es] wird häufig dargestellt, dass das Sexkaufverbot keine negativen
Konsequenzen für Sexarbeiter*innen habe, oder deren Situation sogar noch verbessere. Dagegen positioniert sich der Bufas entschieden. Auch innerhalb Deutschlands hat man durch restriktive Verordnungen wie z.B. Sperrbezirksverordnungen oder die Kontaktverbotsverordnung nicht die Prostitution und die Nachfrage vor Ort verhindert, sondern lediglich bewirkt, dass die Arbeitsbedingungen sich verschlechtern und die Vulnerabilität durch Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutung erhöht werden. (Stellungnahme BufaS e.V., 25.10.2019)

Das Deutsche Institut für Menschenrechte veröffentlichte Mitte Oktober ein Papier, das die Themen Prostitution, Sexkaufverbot sowie die Unterscheidung zwischen Zwang und Freiwilligkeit aus menschenrechtlicher Perspektive beleuchtet. Unter anderem wird der Text des DIMR auf der Website des bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel geteilt.

(…) Studien zeigen, dass jede Form von Verboten mit einem zweifach erhöhten Risiko einer sexuell übertragbaren Krankeit inklusive HIV zusammenhängt. Darüber hinaus steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Prostituierte da, wo es Verbote gibt, Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt werden.  ( Stellungnahme DIMR, 17.10.2019)

Die Diakonie Hamburg erklärt in ihrer aktuellen Stellungnahme, warum ein Sexkaufverbot Sexarbeitende nicht vor Gewalt schützen kann. Im Gegenteil: Gerade die verletzlichsten Gruppen in der Sexarbeit würden mehr gefährdet.In der politischen Diskussion werden zum einen die Begriffe Prostitution, Zwangsprostitution und Menschenhandel vermischt oder gleichgesetzt. Armutsprostitution wird nicht selten als Zwangsprostitution bezeichnet. Zum anderen wird suggeriert, dass Gewalt und Ausbeutung im Zusammenhang mit Prostitution bisher nicht verboten und geahndet werden und es auch deswegen der Einführung des Sexkaufverbots bedarf. Hier ist auf eine genaue begriffliche Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel zu achten: Nach dem ProstSchG ist Prostitution das freiwillige Erbringen von sexuellen Dienstleistung gegen Entgelt. Menschenhandel und Zwangsprostitution hingegen stellen schwere Menschenrechtsverletzungen dar,  auf die in Deutschland hohe Haftstrafen stehen. (Stellungnahme Diakonie Hamburg, 22.11.2019)

Auch die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht spricht sich gegen das Schwedische Modell aus und die SPD in Schleswig-Holstein lehnt ein Sexkaufverbot aus den gleichen Gründen ab.

Da, wo man das nordische Modell gewählt hat, hat dies nicht etwa zu einem Rückgang der Prostitution geführt, auch nicht zu mehr Rechten und mehr Sicherheit für die Prostituierten. Im Gegenteil: Sie sind mehr Gewalt und größeren Gefahren ausgesetzt. (Bundesjustizministerin Lambrecht im Interview mit der MAZ, 13.09.2019)

Die Grüne Jugend solidarisiert sich mit Sexarbeiter*innen und kämpft für die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung von erotischen Dienstleistung.

Unter dem Deckmantel, Frauen vor sexueller Gewalt oder Bedrohungen wie Menschenhandel und Zwangsprostitution schützen zu wollen, werden die Rechte auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen und Queers weiter eingeschränkt und Ressentiments gegenüber Sexarbeiter*innen und Migrant*innen geschürt und damit Gewalt unsichtbar gemacht. (Protokoll 53. Bundeskongress der Grünen Jugend, 02.11.2019)Unser Berufsfeld in der Sexarbeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund*innen. Wie andere haben wir einen Berufsalltag, gute und schlechte Arbeitstage. Leider ist Sexarbeit derart stigmatisiert, dass über unsere wirklichen Arbeitsinhalte und Tagesabläufe wenig bekannt ist.

Wir vom Berufsverband möchten mehr Transparenz in das Thema bringen und laden alle engagierten und interessierten Mitmenschen zum Dialog mit uns ein. Hier geht es zu dem von Hydra e.V. und der Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ unterstütztem Schreiben des BesD e.V: Tag gegen Gewalt an Frauen – Sexarbeit ist keine Gewalt

Redet mit uns. Gesteht uns das Recht zu, selbstbestimmt der von uns gewählten Tätigkeit nachzugehen. Lasst uns gemeinsam gegen Gewalt, Missbrauch und Nötigung kämpfen! Denn wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind Teil der Emanzipationsbewegung. Wir sprechen uns als Berufsverband genau so wie Terre des Femmes entschieden gegen jegliche Gewalt an Frauen aus.

Wie die zitierten Verbände und Beratungsstellen, halten wir es aber für falsch und fahrlässig, Sexarbeit pauschal mit Gewalt gleichzusetzen. Wir halten es für gefährlich und kontraproduktiv, Gewalt mit einem Sexkaufverbot bekämpfen zu wollen. Nur Entstigmatisierung, Entkriminalisierung, eine Stärkung unserer Rechte, sowie die Möglichkeit, weiterhin sichtbar und vernetzt zu agieren, gewähren Sexarbeiter*innen eine sichere, würdige Basis.

CDU/CSU-Bundestagsfraktion überlegt Sexkaufverbot in Deutschland: Eine Stellungnahme des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

Im Juni sprachen sich zwei SPD-Politikerinnen für ein Sexkaufverbot in Deutschland aus, nun zieht der Koalitionspartner CSU/CDU nach. Der stellvertretende Vorsitzende Thorsten Frei und die Sprecherin Elisabeth Winkelmeier-Becker wollen „den Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam fortführen, ohne dabei die Prostitutierten selbst zu kriminalisieren.“

Schwedisches Modell als Nährboden für Kriminalität und Ausbeutung

Das im gleichen Atemzug von ihnen geforderte Schwedische Modell (zum Teil auch als Nordisches Modell bezeichnet) ist als Mittel der Wahl denkbar ungeeignet und pervertiert jeglichen Schutzgedanken. Im Rahmen des Schwedischen Modells bleibt nur das Anbieten sexueller Dienstleistungen legal. Der Kauf dieser Dienstleistungen sowie jede Unterstützung von Sexarbeitenden, auch untereinander, wird unter Strafe gestellt. BesD-Vorstandsmitglied und Sexarbeiterin Johanna Weber sagt: „Die Freierbestrafung führt dazu, dass wir wesentlich weniger Kunden haben und somit wesentlich weniger verdienen.“

Es gibt keine Belege für eine verbesserte Strafverfolgung von Menschenhandel innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche durch das Schwedische Modell. Das Verbot von Menschenhandel, (sexueller) Ausbeutung und Zwangsprostitution ist in Deutschland bereits seit Jahren im Strafgesetzbuch verankert und Verstöße werden strafrechtlich verfolgt. Zahlreiche Studien aus den bisher betroffenen Ländern wie Schweden, Norwegen und Frankreich weisen zudem nach, dass das Schwedische Modell die Gefahr von sexueller Gewalt und Ausbeutung erhöht.

Organisationen gegen Menschenhandel warnen geschlossen vor dem Schwedischen Modell

Amnesty International ist führend im Kampf gegen Menschenhandel und Menschenrechtsverletzungen und positioniert sich aus genau diesem Grund klar gegen strafrechtliche Restriktionen wie die Freierbestrafung und für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – genau so, wie zahlreiche andere Menschenrechts-Organisationen, Sexworker-Verbände, sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS.

Elisabeth Winkelmeier-Becker spricht von selbstbestimmter Prostitution als „Ausnahme in der Praxis“ und sieht das „Frauenbild vieler Männer durch käuflichen Sex geprägt“. Thorsten Frei findet Flatrates in unserer Arbeit so „entwürdigend“, dass er dabei vergisst, dass diese durch das seit zwei Jahren in Kraft befindliche Prostituiertenschutzgesetz bereits verboten wurden. In der Anti-Trafficking Review, eine wichtige Publikation der Globalen Allianz gegen Frauenhandel (GAATW) lässt sich nachlesen, welche Schäden genau solche vereinfachten Narrative in Form von Anti-Prostitutionsmaßnahmen bereits seit Jahren anrichten.

Arbeiten des europaweiten Global Network of Sex Work Projects (NSWP) berichten, wie sogenannte privilegierte Sexarbeiter*innen von Prostitutionsgegner*innen als „Ausnahme“ gegen ihre marginalisierten Kolleg*innen ausgespielt und mundtot gemacht werden, um moralistische Agenden durchzusetzen.

Anti-Prostitutionsgesetze gefährden insbesondere migrantische Sexarbeiter*innen 

In Deutschland wie in vielen anderen westeuropäischen Ländern, stellen Migrantinnen den größten Anteil an weiblichen Sexarbeiterinnen. Doch in keiner anderen Branche steht zur Diskussion, die Nachfrage nach Dienstleistungen oder Waren zu unterbinden und so Opfer von Menschenhandel in Fischerei und Seefahrt, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung oder Pflegeberufen zu schützen.

BesD-Pressesprecherin und Sexarbeiterin Undine de Rivière hat sich in ihrem Fachbuch zum Thema Hurenbewegung und Prostitutiertenschutzgesetz intensiv mit den Fallstricken von Anti-Prostitutionsgesetzen in Europa auseinandergesetzt: „Die Rhetorik von Prostitutionsgegner*innen gaukelt einfache Lösungen für komplexe Probleme vor. Sondergesetze wie das Schwedische Modell verschärfen Stigmatisierung, entrechten Sexarbeiter*innen und gefährden die Existenzgrundlage von tausenden Menschen.“

Von Befürworter*innen des Schwedischen Modells wird fälschlicherweise immer wieder von der Entkriminalisierung von Sexarbeitenden gesprochen. Expert*innen -­ unter anderem das TAMPEP-Netzwerk, das sich seit 1993 für die Rechte von Migrant*innen in der Sexarbeit einsetzt – weisen hingegen seit Jahren darauf hin, dass das Schwedische Modell in Europa zur Diskriminierung und Entrechtung von Sexarbeiter*innen führt und damit die Verbreitung von Kriminalität erhöht. Das sinnvollste Instrument gegen sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel ist keine restriktive Gesetzgebung, sondern die Entkriminalisierung aller Aspekte einvernehmlicher Sexarbeit und die Stärkung der Rechte und des Schutzes von Sexarbeiter*innen.

Pressekontakt:

  • Johanna Weber | 0151 – 1751 – 9771
  • Lilli Erdbeermund | presse@besd-ev.de

—UPDATE —

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht lehnt die geforderte Einführung des “nordischen Modells” bei Prostitution ab: https://www.kn-online.de/Nachrichten/Politik/Justizministerin-Lambrecht-warnt-vor-Verbot-von-Prostitution