Als Berufsverband für Sexarbeitende in Deutschland begrüßen wir, dass sich die Politik wertneutraler mit unserem Themenfeld beschäftigt und sich sachliche Arbeitsgrundlagen ergeben. Wir unterstützen den Antrag der CDU und der FDP, dass sich das Bundesland Nordrhein-Westfalen gegen die Einführung eines Sexkaufverbotes positioniert.

Das Sexkaufverbot führt nicht zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit. Den Befürwortern des sogenannten „nordischen Modells“ geht es nicht darum, die Situation von Sexarbeitenden zu verbessern, sondern langfristig um die Abschaffung der Prostitution. Damit verlagert sich die Sexarbeit vom Hellfeld ins Dunkelfeld.

Die Forderung nach einem Sexkaufverbot basiert auf einseitigen Weltbildern:
– Entmündigung der Frau durch pauschale Opferzuschreibung,
– pauschale Täterzuschreibung beim Mann als Kunden,
– Ausblenden von Männern und Transpersonen als Sexarbeitende
– Ausblenden von Frauen als Kundinnen.

Das Sexkaufverbot ist ein utopischer „safe space“ des guten Gewissens. Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen negative Effekte eines Sexkaufverbots für die in der Prostitution tätigen Menschen auf. 1) 2)  Migrant*innen, die einen Großteil der Sexarbeitenden in westeuropäischen Ländern ausmachen, leiden besonders unter kriminalisierenden Gesetzen.


Berichte aus Schweden 3)

  • Weniger Kund*innen sind bereit, Sex auf der Straße zu kaufen, aus Angst vor einer Strafe. Einkommensverluste der Sexarbeitenden werden ausgeglichen, indem sie
    a) auch „unangenehme“ Kund*innen akzeptieren, die sie sonst ablehnen
    b) auch Dienstleistungen anbieten, die außerhalb des Wohlfühlspektrums liegen
  • Anteil der Kund*innen, die Missstände (Menschenhandel) bei der Polizei melden, sinkt
  • Sexarbeitende müssen versteckt arbeiten, um ihre Kund*innen vor dem Entdeckt-werden zu schützen. Dies macht es Beratungsstellen/Polizei schwieriger, sie zu finden.
  • Weniger Möglichkeiten für Kund*innen-Screening.
    a) Auf der Straße ist es nicht mehr möglich, am offenen Autofenster zunächst ein Gefühl zu entwickeln, sondern es muss sofort eingestiegen werden.
    b) Für Haus-& Hotelbesuche nehmen Anrufe mit unterdrückter Nummer zu – Kund*innen wollen nicht auf dem Telefon von Sexarbeitenden gespeichert sein.
    Sexarbeitende sind dadurch verstärkt Gefahr und Gewalt ausgesetzt.
  • Straßensexarbeitende, verfügen oft nicht über die Ressourcen oder das Wissen, um sich in Innenräumen zu etablieren.
  • Das Gesetz hat Kund*innen mehr Macht verliehen und Sexarbeitende entmachtet.

Berichte aus Frankreich 4)

  • 88% der Sexarbeitenden sind gegen die Kriminalisierung von Kunden.
  • 63% der Sexarbeitenden erlebten eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen.
  • 38% der Sexarbeitenden können die Verwendung von Kondomen schlechter
  • durchsetzen.
  • 70% der Sexarbeiter beobachten entweder keine Verbesserung oder eine
  • Verschlechterung ihrer Beziehungen zur Polizei.
  • 78% der Sexarbeiter haben einen Einkommensverlust erlitten.
  • 42% der Sexarbeiter sind mehr Gewalt ausgesetzt als vor der Gesetzeseinführung.

Das momentane Prostitutionsverbot aufgrund der Corona-Krise zeigt deutlich welche Auswirkungen ein Sexkaufverbot hätte.

Genau die Kolleg*innen, die schon zuvor unter prekären Bedingungen gearbeitet haben, erhalten oft keine staatlichen Unterstützungsangebote. Sie sind gezwungen, trotz Lockdowns weiter zu arbeiten. Vom Sexkaufverbot wären genau diese Menschen alternativlos betroffen, denn „Ausstiegsangebote“ greifen hier nur sehr langfristig.

Die Gewalt nimmt zu. Dazu die Beratungsstelle Ragazza aus Hamburg St.Georg, die die Frauen auf dem illegalen Straßenstrich betreut:

„Gesetze wie das Schwedische Modell zwingen Sexarbeitende dazu, an abgelegeneren Orten oder über das Internet zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Sie werden häufiger mit Stresssituationen konfrontiert, die sich negativ auf ihre körperliche und psychische Gesundheit auswirken.“


1) Auswirkungen des „Nordischen Modells – Studienergebnisse zur Prostitutionspolitik in Schweden und Norwegen (Deutscher Bundestag, 2020)
https://www.bundestag.de/resource/blob/678116/53f1edc9dc0f14f544a4bb076edfa9f4/WD-9-082-19-pdf-data.pdf

2) Governing in the Name of Caring – The Nordic Model of Prostitution and its Punitive Consequences for Migrants Who Sell Sex (Niina Vuolajärvi, 2018)
https://link.springer.com/article/10.1007/s13178-018-0338-9

3) The Real Impact of the Swedish Model on Sex Workers (Global Network of Sex Work Projects, 2015)
https://www.nswp.org/sites/nswp.org/files/Swedish%20Model%20Advocacy%20Toolkit%20Community%20Guide%2C%20NSWP%20-%20November%202015.pdf

4) What do sex workers think about the French Prostitution Act? (Le Bail u.a., 2018)
https://hal.archives-ouvertes.fr/hal-02115877/document


Menschenrechte und Gewalt

Unser Verband schließt sich der Position von Amnesty International an. Das Sexkaufverbot führt zu vermehrten Menschenrechtsverstößen gegen Sexarbeitende.

Amnesty fordert die vollständige Entkriminalisierung von Sexarbeit – damit ist die Straffreiheit für Anbieter*innen, Käufer*innen und Bordellbetreiber*innen gemeint.

Entscheidungen über Sexarbeit und die darin tätigen Menschen sollten auf der Grundlage der Realität von Sexarbeitenden und der Anerkennung der Vielfältigkeit und Komplexität der Branche getroffen werden. Leider führt die Entstehung und Stärkung globaler Sexkaufverbot-Gruppierungen und deren starke Agenden in Sachen Moral, Strafjustiz und Grenzkontrolle seit den 90ern oft dazu, dass Sexarbeitende sowie Expert*innen, die täglich mit der Branche zu tun haben, ausgeschlossen und mundtot gemacht werden.

Amnesty International (2016) definiert Sexarbeit über die Schlüsselkomponente Konsens – also der freiwilligen und fortlaufenden Zustimmung – und unterscheidet damit klar zwischen Sexarbeit und Menschenhandel, sexueller Ausbeutung, sexueller Gewalt und geschlechtsspezifischer Gewalt.

Die Zustimmung zum Sex bedeutet nicht die Zustimmung zur Gewalt.

Die Entscheidung, Sex zu verkaufen, kann durch Armut und/oder Marginalisierung beeinflusst werden. Solche Situationen untergraben oder verneinen aber nicht unbedingt die Zustimmung/den Konsens einer Person.

Negative Umstände machen die Fähigkeit eines Individuums, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte.

Ausnahme: es handelt sich um besondere Umstände, die einer Nötigung gleichkommen, zum Beispiel wenn ein Individuum Bedrohungen, Gewalt oder Autoritätsmissbrauch ausgesetzt ist.

Amnesty fordert Staaten auf, sich mit den Bedingungen für Ausbeutung zu befassen, indem sie die Wahlmöglichkeiten der Sexarbeitenden und die Kontrolle über ihre eigenen Umstände verbessern.


Warum Amnesty die Prostitution entkriminalisieren will
https://www.amnesty.ch/de/themen/frauenrechte/dok/2015/warum-amnesty-die-prostitution-entkriminalisieren-will

Position von Amnesty International bezüglich der Verpflichtung von Staaten, die Menschenrechte von Sexarbeiter_innen zu achten, zu schützen und zu gewährleisten
https://www.amnesty.de/sites/default/files/downloads/Amnesty-Position-zum-Schutz-der-Menschenrechte-von-Sexarbeiterinnen-und-Sexarbeitern-Mai2016.pdf

The Real Impact of the Swedish Model on Sex Workers (Global Network of Sex Work Projects, 2015) → https://www.nswp.org/sites/nswp.org/files/Swedish%20Model%20Advocacy%20Toolkit%20Community%20Guide%2C%20NSWP%20-%20November%202015.pdf

Position von Amnesty International bezüglich der Verpflichtung von Staaten, die Menschenrechte von Sexarbeiter_innen zu achten, zu schützen und zu gewährleisten → https://www.amnesty.de/sites/default/files/downloads/Amnesty-Position-zum-Schutz-der-Menschenrechte-von-Sexarbeiterinnen-und-Sexarbeitern-Mai2016.pdf


Bestehende Gesetze

Unter Strafe stehen bereits:

§232a StGB – Zwangsprostitution/Menschenhandel z. Zweck d. sexuell. Ausbeutung

§96 AufenthaltG – Schleusung

§181a StGB – Zuhälterei

§177 StGB – Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung

§180a StGB – Ausbeutung von Prostituierten

§323a StGB – Unterlassene Hilfeleistung

Falsch ist die pauschale Annahme, Sexarbeitende dürften keine Kund*innen ablehnen. Dies mag in Einzelfällen vorkommen. Fakt ist jedoch, dass eine professionelle Dienstleister*in mit einer sehr großen Bandbreite an Kund*innen zurecht kommt. Dies ist vergleichbar mit anderen Dienstleistungsberufen.

Wie in jedem Dienstleistungsberuf gibt es Kund*innen, die als angenehm empfunden werden und solche, die als weniger angenehm empfunden werden.

Zwang und Ausbeutung gilt es zu beseitigen

Das Organisationsbüro Strafverteidigungen schreibt hierzu:

„Nicht die Ausbeutung von Sexarbeiterinnen, die zu sexuellen Handlungen gezwungen werden, wird erfasst; diese ist ja ohnehin längst strafbar. (…) So wird die vorderhand so naheliegende Freierbestrafung vor allem als symbolisches Strafrecht Wirkung entfalten. Ohne tatsächlich Sexarbeiterinnen vor Zwang und Ausbeutung zu schützen, wird der gesamte Bereich bezahlter sexueller Dienstleistungen zurückgedrängt in die Sphäre des Illegalen.“

„In der Illegalität und in der Grauzone zwischen Erlaubtem und Verbotenem sind die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen am schlechtesten. Wo immer sie gezwungen sind, ihre Dienstleistungen im Verborgenen zu erbringen, steigt das gesundheitliche Risiko und die Gefahr, Opfer von Gewalttaten zu werden. Dies ist – auch angesichts der vorhandenen Zahlen zum Sexarbeitsmarkt – nicht zu rechtfertigen.“


Mitteilung des Organisationsbüros der Strafverteidigervereinigungen zur angekündigten Reform des Prostitutionsrechts durch die Große Koalition (PM Organisationsbüro Strafverteidigungen, 2013)
https://www.strafverteidigertag.de/Material/Pressemitteilungen/prostitution_dez2013.htm


Arbeitsmigration

Vor allem bei migrantischen Sexarbeitenden, die immerhin einen Großteil der in der Sexarbeit tätigen Menschen bilden, kommt einiges zusammen: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Prekarität aufgrund ihres Migrationsstatus, mangelnder Zugang zu Gesundheits- und anderen Diensten, Anfälligkeit für Ausbeutung und Gewalt sowie für das Risiko von Inhaftierungen und Abschiebungen.

Aus dem von TAMPEP 1) verfassten Positionspapier  mit Handlungsempfehlungen zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexarbeiter*innen und zur Bekämpfung des Menschenhandels:

  • Opfer von Menschenhandel sollten nicht als Zeug*innen ausgebeutet werden.
  • Regierungen sollten die Bekämpfung der Armut von Frauen, die Förderung der Bildung von Mädchen und den Schutz von Frauenrechten im Rahmen einer globalen Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels einbetten.
  • Sexarbeit und Zwangsprostitution sollten als zwei voneinander getrennte Phänomene betrachtet werden. Gesetze zur Bekämpfung des Menschenhandels dürfen nicht dazu verwendet werden, Sexarbeitende – insbesondere ausländische – anzugreifen und ihre Rechte zu beschränken.
  • Die Realität von (Arbeits-)Migration ist anzuerkennen, auch wenn es sich um Sexarbeit handelt. Gesetze und Strategien, die Migration und Sexarbeit kriminalisieren, sollten aufgehoben werden. Um die Unabhängigkeit von migrantischen Sexarbeiter*innen zu erhöhen und deren Ausbeutung zu verhindern, sollte die Möglichkeit geboten werden, Aufenthaltserlaubnis sowie Arbeitserlaubnis zu erlangen.
  • Eine klare Trennung zwischen der Durchsetzung der Einwanderungspolitik und der Bereitstellung von wesentlichen Versorgungsleistungen sollte vorgenommen werden. Solange Einwanderungsregeln mehr Gewicht haben als Grundrechte, sind Arbeitsmigrant*innen ohne legalen Aufenthaltsstatus von grundlegenden Leistungen, der Meldung von Straftaten und von Rechtsbeistand abgeschnitten.
  • Restriktive Einwanderungsgesetze und Anti-Prostitutionsgesetze sollten als wesentliche Faktoren in der Förderung von Menschenhandel und damit zusammenhängenden Missbrauch erkannt werden.

1) Positionspapier von TAMPEP mit Handlungsempfehlungen zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexarbeiter*innen und zur Bekämpfung des Menschenhandels (Präsentation fand vor der UN-Frauenkonvention (CEDAW) im Rahmen einer von den Vereinten Nationen für Menschenrechte organisierten Diskussion statt, 2019)
https://tampep.eu/wp-content/uploads/2019/02/TAMPEP-Position-paper-CEDAW-2019.pdf


Umstiegsunterstützung

Das „nordische Modell“ hebt die begleitenden Maßnahmen in Form von „Ausstiegshilfen“ stark hervor. Auch unser Verband hält Maßnahmen in dem Bereich für sehr wichtig. Aufgrund der hohen Stigmatisierung und der besonderen Bedingungen in der Sexarbeit, ist ein Wechsel in andere Berufstätigkeiten sehr erschwert.

Wir weisen jedoch darauf hin, dass es einerseits einen großen Anteil an Sexarbeitenden gibt, die diese Tätigkeit nicht als Belastung empfinden, und dass es andererseits auch Sexarbeitende gibt, die ohne Probleme in andere Berufe wechseln.

Bei den Umstiegsprojekten, beziehen wir uns auf das sehr umfangreiche, mehrjährige Bundesmodellprojekt des BMFSFJ 1), welches laut Aussagen des Bundesministeriums in 2021 wieder aufgenommen werden soll.

Hierbei wurden drei Standorte in Deutschland ausgewählt, die in Größe und Prostitutionslandschaft sehr unterschiedlich sind und somit als repräsentativ für Restdeutschland gelten können.

Nachgewiesen wurde, dass eine Beendigung der Sexarbeit oft gar nicht gewünscht wird. In den Fällen, in denen eine berufliche Veränderung angestrebt wurde, gestaltete sich dies zum Teil schwierig aber nicht unmöglich. Die Probleme, Chancen und Möglichkeiten werden im Abschlussbericht sehr anschaulich dargestellt.

Bereits zu Zeiten des Prostitutionsgesetzes war bekannt:

„Für die Einschätzung des Entschlusses, in der Prostitution zu arbeiten, sind der Handlungs- und Entscheidungsspielraum, über den Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter verfügen, um Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse selbst zu bestimmen, ausschlaggebend: Während für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, denen mehrere Optionen des Gelderwerbs beziehungsweise der Berufstätigkeit offen stehen, anzunehmen ist, dass sie in der Lage sind, selbstbewusst für ihre Rechte einzutreten, sind diese Möglichkeiten für andere eingeschränkt. Wer dringend auf den Verdienst angewiesen ist und keine andere Erwerbsquelle findet oder nutzen kann, kann wenig wählerisch sein.“1)

Unser Verband unterstützt Umstiegshilfen für Sexarbeiter*innen, die einen Jobwechsel wünschen. Wir halten eine Weiterführung der drei oben genannten Projekte und die Ausweitung auf weitere Standorte für sehr wichtig.

Die Umsetzung der Exit-Programme für den Ausstieg von Sexworkern in Ländern, in denen ein Sexkaufverbot gilt, sehen wir kritisch.

In Schweden dürfen Sexarbeitende beispielsweise nur dann an den Austrittsprogrammen teilnehmen, wenn sie sofort mit der Sexarbeit aufhören. Dies ist aber oft aus finanziellen Gründen nicht möglich.

In Frankreich wurden diese EXIT-Programme nur sehr begrenzt von Sexarbeitenden in Anspruch genommen. Die Zahlen sprechen von wenigen 100 teilnehmenden Sexarbeitenden.


1) Unterstützung des Ausstiegs aus der Prostitution (Bundesmodellprojekt des BMFSFJ, 2015)
https://www.bmfsfj.de/blob/95446/b1f0b6af91ed2ddf0545d1cf0e68bd5e/unterstuetzung-des-ausstiegs-aus-der-prostitution-langfassung-data.pdf

Zehn Jahre Prostitutionsgesetz und die Kontroverse um die Auswirkungen (Artikel; Bundeszentrale für politische Bildung, 2013) → https://www.bpb.de/apuz/155364/zehn-jahre-prostitutionsgesetz-und-die-kontroverse-um-die-auswirkungen?p=all


Unsere Lösungsansätze

 

ProstSchG

  • Die Zeit bis zu einer umfassenden Evaluierung des ProstSchG sollte genutzt werden, um so bald wie möglich eine Sexarbeitende inkludierende Expert*innen-Gruppe zusammenzustellen, die an zielführenden Alternativen zum ProstSchG arbeitet.

Beratungsstellen

  • Vermehrte finanzielle Unterstützung von anonymen und niedrigschwelligen Beratungsstellen. Konkret sollte in OWL die Beratungsstelle Tamar (Soest) und Theodora (Herford) aus Landesmitteln getragen werden.

Medizinische Versorgung/Krankenversicherung

  • kostenlose Untersuchungen und Behandlungen (insbesondere für Sexarbeitende ohne Krankenversicherung) in den Gesundheitsämtern, sowie eine Sensibilisierung für die besonderen Anforderungen von Sexarbeitenden – hier gibt es große regionale Unterschiede in NRW
  • Zugang zur Künstler-Sozial-Kasse

Empowernment/Entstigmatisierung

  • Aufbau eines niedrigschwelligen Ausbildungs- und Fortbildungssystem für Sexarbeitende – berufsbegleitend und freiwillig
  • Stärkung von Sexwork-Organisationen, die auf Peer-to-Peer-Basis helfen können
  • Aufnahme von Sexarbeit ins Allgemeine Gleichbehandlungs-Gesetz

Arbeitsmigration

  • Achtung und Schutz der Menschenrechte von migrantischen Sexarbeiter*innen – es ist an der Zeit anzuerkennen, dass Migrant*innen ein integraler Bestandteil des Arbeitsmarktes sind. Aufgrund von Sprachbarrieren, dem Mangel an Fachkenntnissen oder fehlender Arbeitserlaubnis ist Sexarbeit für viele von ihnen eine pragmatische Lösung, um für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien aufzukommen.
  • Möglichkeit eines Arbeitsvisums für migrantische Sexarbeitende
  • Bleiberecht für Opfer von Menschenhandel


Download als pdf: Stellungnahme des BesD zum Antrag “Nein! Zum Sexkaufverbot des Nordischen Modells” in NRW

Kontakt:

NRW:
Nicole Schulze 
Mail: nicole@besd-ev.de
Tel: 0157-83518081 

Politik:
Johanna Weber
Mail: johanna@besd-ev.de
Tel.: 0151 – 1751 9771

ENGLISH TEXT AND AUDIO BELOW


Beitrag vorlesen lassen:

Darum gehts:

  • Die “Querdenken”-Demos in Deutschland sorgen für Streit und Unsicherheit, auch innerhalb unseres Verbandes wurde viel darüber diskutiert.
  • Ein Drittel der “Querdenker” sind Rechtsextreme, Holocaustleugner*innen und Menschen, die die Regierung abschaffen wollen. Sie nützen diese Bewegung, um ihre anti-demokratischen Ziele salonfähig zu machen.
  • Sexarbeiter*innen werden besonders oft diskriminiert und gehören Minderheiten an. Der BesD lehnt alle anti-demokratischen, rassistischen und diskriminierenden Haltungen ab.
  • Der Berufsverband distanziert sich aus diesem Grund klar von der “Querdenken”-Bewegung und ihren Wortführern und Wortführerinnen.

Querdenken-Bewegung: Positionierung des BesD e.V.

Die sogenannte „Querdenken“-Bewegung sorgt in Deutschland aktuell sowohl in der öffentlichen Diskussion aber auch innerhalb beruflicher und privater Bereiche für hitzige Auseinandersetzungen, Unmut und Fassungslosigkeit.

Die Zusammenhänge sind nicht immer für jede*n ersichtlich. Auch in unserem Verband gab es dazu intensive und wertvolle Recherche-Arbeit, sowie ausführliche, teils emotionale Diskussionen in der Mitgliederschaft und im Vorstand. Wir sind dankbar dafür, dass aufgrund der Aufklärungsarbeit gut informierter Mitglieder  – vor allem aus der AG Antidiskriminierung & Awareness – die Notwendigkeit einer öffentlichen Positionierung deutlich gemacht wurde.

Als Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen distanzieren wir uns klar von der Querdenken-Bewegung und ihren Wortführer*innen. Dies heißt ausdrücklich nicht, dass Maßnahmen der Regierung in Bezug auf Corona nicht kritisch hinterfragt werden sollen oder dürfen. Doch der Berufsverband vertritt eine Branche, deren Mitglieder besonders häufig von Diskriminierung und Marginalisierung betroffen sind. Die Mitglieder des BesD e.V. sehen sich daher in der Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass entsprechenden Haltungen entschlossen entgegengetreten wird.

Die Querdenken-Bewegung zeichnet sich dadurch aus, dass sich darin sowohl Impfgegner*innen, Reichsbürger*innen, Neonazis, als auch Vertreter*innen der sogenannten bürgerlichen Mitte auf gemeinsamen Demos und mit gemeinsamen Zielen wiederfinden – trotz der Zugehörigkeit zu sich vollkommen widersprechenden politischen Lagern oder auch ganz ohne jegliche politische Zugehörigkeit.

Ihre Vertreter*innen setzen sich mindestens kritisch, teils vollkommen ablehnend mit der Corona-Politik Deutschlands auseinander, sehen ihre Grundrechte durch die Corona-Maßnahmen unverhältnismäßig eingeschränkt, befürchten teils ein Ende der Demokratie und befürworten teils gar einen Sturz der derzeitigen Regierung.

Nicht nur in unserem Verband fragen sich viele wie es sein kann, dass Menschen, die vormals oder sogar gleichzeitig linke, ökologische oder antirassistische Politik betreiben, Teil einer Bewegung sind, die laut Analysen der Innenministerkonferenz zu rund einem Drittel aus Rechtsextremist*innen und Antisemit*innen besteht und allerorts nachvollziehbare Verbindungen zu verfassungsfeindlichen und rechtsextremen Gruppen aufweist.

Die Antwort liegt im kleinsten gemeinsamen Nenner: Wortführer*innen sowie Demo-Teilnehmer*innen der Querdenken-Bewegung finden unter dem gemeinsamen (aber unterschiedlich stark ausgeprägten) Glauben an (unterschiedliche) nationale und internationale Verschwörungserzählungen rund um die Corona-Pandemie zueinander. Verschwörungserzählungen bauen generell auf Feindbildern auf, und oft finden sich darin zuhauf antisemitische, demokratiefeindliche und/oder rassistische Haltungen wieder.

Wir stehen gemeinsam auf der Seite aller Sexworker, die sich in diesen Zeiten solidarisch verhalten und bei der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Bekämpfung der Corona-Pandemie mithelfen. Jede*r kann sich infizieren – unsere Kundinnen und Kunden jeden Alters, genauso wie wir selbst. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Sexarbeitenden, die dies wollen, unabhängig vom Status ihrer Krankenversicherung oder ihres Aufenthalts in Deutschland, gleichberechtigt eine Impfung erhalten.

Wir sind uns der Aufgabe, problematische Tendenzen in der Gesellschaft und in unserem Verband immer wieder zu reflektieren, bewusst und setzen diese Arbeit daher auch weiter fort. Der Solidarität und der Demokratie entgegenstehende Ansichten sowie jegliche rechtsextremistische, antisemitische, rassistische, ableistische oder ageistische Haltungen haben in unserem Berufsverband keinen Platz.


Listen to this text:

About: 

  • The “Querdenken” demonstrations in Germany are causing conflicts and uncertainty, there has been much discussion also within our organisation about it.
  • One third of the “Querdenker” are right-wing extremists, Holocaust deniers and people who want to remove the government. They use this movement to make their anti-democratic goals acceptable to more people.
  • Sex workers are particularly often discriminated against and belong to minorities. Our organisation rejects all anti-democratic, racist and discriminatory positions.
  • For this reason, we clearly distance ourselves from the “Querdenken”-movement and its spokesmen and spokeswomen.

Statement of the Professional Association for Erotic and Sexual Services / BesD: Concerning Our Position Towards the „Querdenken“-Movement

The Querdenken-Movement can be translated as “Movement for Unconventional Thinking“ or „Movement for Thinking Outside the Box“. Its messages and activities are currently causing heated arguments, irritation and dismay in Germany – both in public discussions and within professional and private spaces.

​​​​​​​The contexts in which the movement operates are not necessarily obvious to everyone. Our organisation is one among many places, where extensive and sometimes emotional discussions have taken place among the membership and the board. We are grateful that the persistence and educational work of well informed members – especially from among our Antidiscrimination & Awareness Team – showed the necessity and importance of a public statement from us as a group.

As the Professional Association for Erotic and Sexual Services, we clearly distance ourselves from the Querdenken-movement and its spokespersons. This explicitly does not mean that the government’s actions regarding Corona should not or must not be critically questioned. But our organisation represents an industry whose members are particularly often affected by discrimination and marginalization. Our members therefore see it as their duty to ensure that any such attitudes are firmly opposed by us.

The Querdenken-movement is characterized by the fact that anti-vaxxers, „Reich Citizens“, neo-Nazis, as well as the average Joe are coming together in joint demonstrations and are forming common goals – despite belonging to completely contradictory political camps or having no political affiliation.

Participants are at the very least critical of Germany’s Corona strategy or are in some cases completely opposed to it. Some believe their basic human rights are unfairly restricted by the Corona measures, some fear an end to democracy alltogether and some even call for an overthrow of the current government.

Many are puzzled by the fact that also people who formerly or currently pursue left-wing, ecological or anti-racist causes are taking part in this movement. According to analysis by the Ministry of the Interior, it consists of about one third right-wing extremists and anti-semites and has obvious connections to anti-constitutional and right-wing extremist groups.

An explanation can be found in the lowest common denominator: Spokespersons as well as demo participants of the Querdenken movement come together due to a joint (but differently intense) belief in (various) national and international conspiracy narratives around the Corona pandemic.

Conspiracy narratives are generally constructed around images of „enemies“ – anti-semitic, anti-democratic, and/or racist attitudes are found in great numbers within those narratives.

We commend all sex workers who show solidarity in these times and are helping with the society-wide task of fighting the Corona pandemic. Anyone can be infected – our clients of all ages, as well as ourselves. We are committed to ensuring that all sex workers who wish to receive a vaccination will be able to receive it – regardless of their health insurance status or residence status in Germany.

We are acutely aware of the necessity to reflect problematic tendencies in both society as well as inside the BesD and we are committed to continue in this line of work. Views which oppose or contrast solidarity and democracy, as well as any right-wing extremist, anti-semitic, racist, ableist or ageist attitudes have no place in our organisation.

Sexarbeit ist ein Beruf, in dem überproportional viele trans* Personen arbeiten – doch trotz der vergleichweise hohen Anzahl an trans* Menschen in unserer Branche, hat die Sexdienstleistungs-Industrie in Sachen Offenheit und Akzeptanz keinen guten Ruf. Zu Recht! Während trans*feindliche Begriffe und Haltungen außerhalb der Sexarbeits-Branche schon längst zum No-Go geworden sind, sind diese unter Betreiber*innen von Prostitutionsstätten, auf Werbeplattformen, unter Kund*innen und sogar unter Kolleg*innen oft noch gang und gäbe.

Wir finden es ist höchste Zeit, laut und unüberhörbar bessere Arbeitsbedingungen für uns und für alle trans* Menschen in der Sexarbeit weltweit zu fordern. Schluss mit der Diskriminierung und der Sonderbehandlung!

Unsere Forderungen

Ein Ende der Gewalt gegen trans* Sexarbeitende

Gewalt kann in allen Bereichen der Sexarbeit eine Rolle spielen und ist eine Realität für viele Sexarbeitende. Als doppelt stigmatisierte Gruppe sind trans* Sexarbeitende leider am häufigsten von Gewalt betroffen.

Die Durchsetzung unseres Rechts auf Selbstbestimmung und Selbstidentifizierung

Viele trans* Menschen wollen sich bei der Arbeit nicht outen – in der Sexarbeit trifft das insbesondere dann zu, wenn z. B. erotische Massagen oder klassische Dominanz angeboten wird.

Ob sie sich outen wollen oder nicht, müssen alle trans* Sexarbeitende selbst und ohne Zwang entscheiden dürfen. Dieses Recht gilt gleichermaßen für prä-, post- und nichtoperierte trans* Menschen aller Geschlechter. Leider sehen sich besonders trans* Sexarbeitende, unter anderem unter Androhung von Gewalt, trotzdem immer wieder dazu gewungen.

Will oder muss man sich als trans* Sexarbeitende*r outen, bieten die branchenüblichen Werbeplattformen die nächsten Stolperfallen an. Trans*sein wird vor allem in Online-Profilen oft als eine Art „drittes Geschlecht“ dargestellt. Neben den Auswahlmöglichkeiten „Mann“ und „Frau“ existiert meist noch die Auswahlmöglichkeit „Trans“ – und damit hat es sich. Ein solches Schubladendenken spricht nicht nur binären trans* Sexarbeitenden das Frau- oder Mannsein ab, sondern ignoriert zeitgleich die Existenz von nichtbinären Sexarbeitenden. Wenn es binäre trans* Sexarbeitende wagen, nicht auf „Trans“ zu klicken und sich stattdessen als „Mann“ oder „Frau“ zu bewerben, müssen sie ständig damit rechnen, dass ihre Accounts gesperrt werden.

Manchmal müssen sich Sexarbeitende auf Werbeplattformen selbst mit Schimpfwörter bezeichnen, da ihnen diese Plattformen keine andere Möglichkeiten für ihre Selbstbezeichnung zur Verfügung stellen. Trans* Sexarbeitende wollen selbst bestimmen, wie sie sich vor ihren Kund*innen darstellen. Einige sind mit Begriffen, die außerhalb der Sexbranche als Schimpfwörter gelten, im Arbeitskontext einverstanden; andere nicht. Einige empfinden sich primär als trans* und erst in zweiter Linie als männlich, weiblich oder nichtbinär; für andere ist das Trans*sein ihrem Gender untergeordnet.

Wir freuen uns über alle, die einen besseren Weg gewählt haben – zum Beispiel die Betreiber*innen von Tryst.link, einer Plattform, die mit dem Thema Selbstidentifizierung von trans* Menschen in der Werbung gut umgeht. Wir bedauern, dass die größten deutschen und internationalen Portale diesem Beispiel bisher nicht gefolgt sind und hoffen, dass auch diese Webseiten in Zukunft ihren Umgang mit trans* Sexarbeitenden überdenken und verbessern.

Mehr Awareness und Weiterbildung statt Wiederkäuen trans*feindlicher Begriffe und Darstellungen

Oft wird behauptet, dass die Sexbranche trans*feindliche Begriffe verwenden müsse, da ihre Kund*innen die richtigen Begriffe nicht kennen! Unserer Erfahrung nach funktioniert das aber umgekehrt: Unsere Kund*innen erlernen trans*feindliche Haltungen eben durch deren Verwendung auf Pornowebseiten und Paysex-Plattformen. Diese trans*feindlichen Haltungen bringen sie zu ihrem Termin bei uns mit, wo trans* Sexarbeitende sie dann aushalten oder konfrontieren müssen. Trans*feindliche Haltungen, Begriffe und Darstellungen werden so in die breite Gesellschaft hinausgetragen und machen die Sexbranche zu einer großen Quelle von Trans*feindlichkeit gegenüber allen trans* Menschen – Sexarbeitende und Nicht-Sexarbeitende.

Wir sehen es als die Aufgabe kommerzieller Unternehmen in der Sexbranche an, ihre Nutzer*innen (sowohl Kund*innen als auch Sexarbeitende) beim Erlernen von trans*positiven Haltungen zu unterstützen. Es ist bereits üblich, dass Werbeportale aus der Branche kleinere Glossare mit Fachbegriffen zur Verfügung stellen, trans*positive Begriffe könnten in diese „Fremdwörterbücher“ miteinbezogen werden. Kund*innen könnten im Zweifelsfall ermutigt werden, bei Nicht-Verstehen einfach höflich bei uns selbst, den Anbieter*innen, nachzufragen.

Trans*feindliche Haltungen sind nicht nur unter Paysex-Portalen und Kund*innen von Sexarbeitenden verbreitet. Auch in unserer Arbeit mit Kolleg*innen, in Beratungsstellen für Sexworker oder in der Pflichtberatung nach dem ProstSchG erleben wir Missverständnisse und Diskriminierung. Zum Beispiel wird oft nicht mal der Unterschied zwischen transgender Menschen und Transvestit*innen/Crossdresser*innen verstanden.

Wir bitten alle, die mit der Sexbranche zu tun haben, sich über trans* Identitäten weiterzubilden und von trans* Menschen informieren zu lassen. Der BesD wird zukünftig umfassende Informationen und Workshops zu diesem Thema anbieten. Durch Zusammenarbeit ist eine trans*positive Sexarbeit möglich!

Respekt und Menschlichkeit statt Fetischisierung

Es besteht leider die weit verbreitete Haltung in der Sexdienstleistungs-Branche, dass trans* Menschen und ihre Körper offen fetischisiert werden dürfen. Gerade trans* Frauen in der Sexarbeit fühlen sich deshalb oft schlecht: Statt als Frauen oder zumindest als fühlende, denkende Menschen behandelt zu werden, dienen sie als Fetischobjekt – ein Körper mit Pimmel und Titten.

Auch trans*männliche und postop trans*weibliche Sexarbeitende leiden unter dieser Fetischisierung – sie werden oft auf ihre Körper reduziert und als weniger begehrenswert eingestuft, ohne Rücksicht auf ihre Menschlichkeit, ihre Fähigkeiten oder ihre Professionalität.

Die Fetischisierung von trans* Menschen hat im Übrigen zur Folge, dass cis Menschen, die mit trans* Menschen Sex haben (egal ob Bezahlsex oder nicht) auch mit einem gewissen Stigma umgehen müssen. Einige glauben sich dafür schämen zu müssen, oder denken, dass Sex mit trans* Menschen pervers oder unnormal ist. Diese Scham und dieses Stigma führen wiederum zu mehr Gewalt gegen trans* Sexarbeitende.

Obwohl Sexarbeit sicherlich eine Dienstleistung ist, die einen verstärkten Fokus auf Körper und empfundene Attraktivität setzt, fordern wir trans* Sexarbeitende von unseren Kund*innen und Kolleg*innen den gleichen Respekt, den Dienstleister*innen in allen anderen Branchen erwarten dürfen. Insbesondere fordern wir unsere Anerkennung als Menschen und zwischenmenschlichen Respekt ein.

Eine Anerkennung der menschlichen Vielfalt (auch in der Sexarbeit)

Der Begriff „trans“ meint im Rahmen seiner Verwendung in der Sexbranche fast ausschließlich trans*weibliche Sexarbeitende. In der Realität gehen auch viele trans*männliche und nichtbinäre Menschen der Sexarbeit nach. Oft fühlen sie sich dazu gezwungen, sich in ihrer Arbeit als weiblich auszugeben – geoutete trans*männliche und nichtbinäre Sexarbeitende haben es ansonsten schwer, Räume in Bordellen mieten zu dürfen. Die meisten Prostitutionsstätten stehen zwar trans*weiblichen Sexarbeiterinnen offen, verweigern anderen trans* Identitäten aber einen Platz.

Auch trans*weibliche Sexarbeiter müssen ständig damit rechnen, an ihren Arbeitsplätzen abgelehnt zu werden – sei es durch die Fehlidentifizierung als Crossdresser oder Transvestit durch Kund*innen, oder den Vorwurf von Kolleg*innen, ein „verkappter Freier“ zu sein.

Sexarbeitende sind eine extrem heterogene und vielfältige Gruppe von Menschen. Stereotype Haltungen verschleiern diese Vielfalt und zwingen sie in einige wenige Schubladen von „typischen“ Sexarbeitenden. Uns ist es ein Anliegen, die Bildung zu trans* Themen, den Respekt für uns als Menschen, aber auch den Zugang zu Arbeitsplätzen für trans* Sexarbeitende zu fördern.

Ein Ende der Diskriminierung von trans* Menschen in allen Bereichen und Branchen

Trans* Menschen werden vielfach schon in der Ausbildung, dann bei Jobbewerbungen und schließlich am Arbeitsplatz diskriminiert. Bis zu 50% aller trans* Menschen sind arbeitslos; weltweit werden 30% bis 40% der Bewerbungen von trans* Menschen auf Grund ihres Trans*seins abgelehnt.

Viele trans* Menschen wählen die Sexarbeits-Branche als Ausweg. Es ist ein Armutszeichen einer Gesellschaft, wenn sich Menschen aufgrund einer trans*feindlichen Arbeitswelt in die Sexarbeit gezwungen fühlen. Die Diskriminierung, die in der Sexarbeit weiter geht, führt wiederum oft zu prekären Arbeitsbedingungen. Das kann einen Teufelskreis schaffen, in dem trans* Menschen der Umstieg in andere Berufe beziehungsweise der Ausstieg aus der Sexarbeit erschwert oder unmöglich gemacht wird.

Solidarität mit trans* Sexarbeitenden – in der trans* Community und in der Sexarbeits-Branche

Wie eingangs erwähnt ist es eine Tatsache, dass vergleichsweise viele trans* Menschen der Sexarbeit nachgehen. Die Rechte von trans* Menschen und die Rechte von Sexarbeitenden sind politische Themen, die sich nicht voneinander trennen lassen. Und trotzdem ist Sexarbeit in der trans* Community oft ein Tabuthema.

Wir bitten alle Angehörigen der trans* Community darum, sich mit dem Thema Sexarbeit auseinanderzusetzen. Lasst uns gemeinsam die Rechte und die gesellschaftliche Anerkennung von trans* Menschen stärken – innerhalb und außerhalb der Sexarbeit.


Dieser Text ist eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer trans* Mitglieder des BesD. Sie haben sich im Rahmen der diesjährigen Mitgliederversammlung des Berufsverbands verstärkt mit jenen Themen auseinandergesetzt, die vor allem trans* Menschen in der Sexarbeit immer wieder betreffen.

 

Please click on this link to find the English Version: SEX WORK DURING CORONA PANDEMIC  – OUR POLITICAL POSITIONS


In der Sexarbeit arbeiten viele vulnerable Gruppen, die besonders schutzbedürftig sind: Migrant*innen, alleinerziehende Mütter, Rom*nja, queere und Trans- Personen, People of Color, von Armut betroffene oder verschuldete Personen, suchtkranke Menschen und wohnungs- oder obdachlose Personen. Diesen Menschen ist es bisher gelungen, durch Sexarbeit für sich selbst zu sorgen. Gerade sie sind von einem Arbeitsverbot extrem betroffen. Sie fallen oft durch die Maschen des staatlichen Hilfesystems durch, können sich einen Arbeitsausfall nicht leisten und müssen illegal weiter arbeiten.

In den letzten Monaten haben wir wenige Versuche der Bundesregierung und Landesregierungen beobachtet, diese Gruppen adäquat zu schützen und im Lockdown zu unterstützen. In diesem Positionspapier möchten wir die aktuelle Situation schildern und unsere Forderungen für eine Verbesserung der Umstände vorstellen.

So sieht die Situation seit dem Lockdown im März aus:

– Einem großen Teil der Sexarbeiter*innen ist der Zugang zu Hilfeleistungen erschwert oder unmöglich.

  • viele haben keine Meldeadresse, sind wohnungs- oder obdachlos
  • durch Sprachbarrieren
  • viele haben keine Ausweisdokumente
  • Fehlinformationen über das “Düsseldorfer Modell” sorgen dafür, dass viele keine Steuernummer erhalten haben, welche für die Beantragung von staatlichen Hilfeleistungen notwendig ist.

– Viele haben vor Corona in Terminwohnungen oder in separaten Zimmern gewohnt, die während des Berufsverbotes geschlossen sind. Es fehlen immer noch Unterbringungsplätze für wohnungslose Sexarbeiter*innen.

– Die (finanzielle) Notsituation fördert Abhängigkeiten und (sexuelle) Ausbeutung. 

  • Es werden auch Kund*innen angenommen, die der*die Sexarbeiter*in normalerweise nicht annehmen würde, weil sie weniger vertrauenswürdig oder potentiell aggressiv erscheinen.
  • Aufgrund des finanziellen Drucks werden Dienstleistungen bzw. Praktiken angeboten, welche mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko einher gehen (z.B. Versicht auf ein Kondom, weil Kund*in anderenfalls droht, vom Prostitutionsvertrag zurückzutreten) bzw. welche der*die Sexarbeiter*in aus Gründen der sexuellen Selbstbestimmung nicht ausüben möchte.
  • Wohnungslosigkeit begünstigt Ausbeutung durch „Loverboys“
  • Prekäre Situation und Illegalität fördern ausbeutende Strukturen

– Sexarbeiter*innen, die während des Berufsverbotes Gewalt erleben, können sich keine Hilfe von Beamt*innen holen aus Angst, sich selber strafbar zu machen.

– Die Gewalt gegen Sexarbeiter*innen nimmt zu.

  • Viele Beratungsstellen und Projekte melden einen Anstieg der Übergriffe gegen Sexarbeiter*innen, wie es auch aus Ländern berichtet wird, in denen es ein generelles Sexkauf-Verbot gibt.
  • Stigmatisierende Gesetze, Begriffe und die Konstruktion der Prostitution als „Super-Spreader“ fördern frauenfeindliche, transfeindliche und migrant*innenfeindliche Gewalt.

– Finanzielle Schwierigkeiten:

  • Die Preise sind stark gesunken auf Grund der geringen Nachfrage.
  • Anhäufung von Schulden
  • Pleiten von Prostitutionsstätten reduzieren die Vielfalt an Arbeitsplätzen und führen zu Monopolen. Weniger Wahlmöglichkeiten bedeuten mehr Abhängigkeit von den verbleibenden Betrieben und deren Arbeitsbedingungen.
  • Vermehrte Wohnungslosigkeit, da viele ihre Miete nicht zahlen konnten/können

Wir können nicht zusehen, wie es unseren Kolleg*innen und uns immer schlechter geht. Deshalb fordern wir:

– Ermöglichung sicherer und geschützter Arbeitsplätze auch während der Corona-Krise. Wir möchten verhindern, dass Menschen, die sich nicht an das Arbeitsverbot halten können, auf unsichere, abseitige Orte ausweichen müssen.

– Kostenlose Corona Tests & Gesundheitsversorgung – auch ohne Krankenversicherung.

– Zugang zu kostenlosen Masken und weiterhin Zugang zu kostenlosen Kondomen.

– Die Gleichbehandlung mit anderen körpernahen Dienstleistungen bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise – Sexarbeiter*innen sind keine Superspreader!

  • Kriminalisierung fördert unsichere Arbeit
  • keine Bußgelder für Sexarbeiter*innen, die sich aus finanziellen Nöten nicht an das Arbeitsverbot halten können.
  • Abschaffung des “Düsseldorfer Modells”

– Der Zugang zu Grundsicherungsleistungen muss schneller & einfacher möglich sein.

– Unbürokratische Hilfe für alle Sexarbeiter*innen, die durch das Hilfenetz fallen (Menschen ohne Aufenthaltsstatus, ohne Anmeldung, ohne Krankenversicherung, ohne Papiere…).

  • Der Nothilfefonds des BesD ist leer – der Staat soll entweder für diese Menschen aufkommen oder den Nothilfefonds finanziell ausstatten.
  • Mietübernahmelösungen für Menschen, die auf Grund von Corona von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Aussetzung von Zwangsräumungen während der gesamten Corona-Krise.
  • Aufstockung der Sozialarbeiter*innen für die Begleitung zu Terminen (Jobcenter, Gericht, etc.).
    Ausbau und bessere Finanzierung von Gesundheitszentren die eine kostenlose Gesundheitsversorgung für nicht-krankenversicherte Menschen anbieten.

– Akzeptierende Hilfe- und Beratungsstrukturen für Sexarbeiter*innen müssen flächendeckend ausgebaut werden.

  • Die Arbeit der Beratungsstellen muss den Bedürfnissen entsprechend ausfinanziert werden.
  • In Thüringen gibt es keine Beratungsstellen für Sexarbeiter*innen. Dies muss sich schnell ändern!
  • Mehr Peer-to-Peer Angebote (wie z.B. das Hydra-Café in Berlin), die eine niedrigschwellige Anlaufstelle für alle bieten.
  • Aufstockung der aufsuchenden Arbeit auch zu Corona Zeiten (unter Schutzmaßnahmen) am Straßenstrich und in Bordellen.

– Ausreichend Plätze in Frauenhäusern und auch eine sichere Unterbringung für Männer, trans-, inter- und nichtbinäre- Personen, die vor häuslicher Gewalt fliehen.

–  Mehr Plätze in Übernachtungseinrichtungen für wohnungs- und obdachlose Menschen und spezielle Unterkünfte für wohnungslose Frauen, Jugendliche und LSBTIQ Personen (z.B in Hotel- oder Hostelzimmern). Ausbau von Unterbringungsprogrammen wie „Housing First“. Aussetzung des im ProstSchG vorgeschriebenem Übernachtungsverbots in Prostitutionsstätten: Nutzung als Wohnmöglichkeit.

–  Ausbau der öffentlichen sanitären Einrichtungen (Toiletten, Waschbecken, Duschen), besonders in Nähe der Straßenstriche.

– Warme Mahlzeiten und Lebensmittelgutscheine für unterstützungsbedürftige Sexarbeiter*innen.

–  Rücksprache mit Sexarbeiter*innen bei Gesetzen und Maßnahmen, die uns betreffen!

Unsere Solidarität gilt anderen Care-Arbeiter*innen und Krankenhauspersonal: Wir fordern eine Entlastung und angemessene Entlohnung statt ein Alleinlassen und symbolischen Applaus. Ebenso fordern wir die freie Migration, seriöse Hilfsangebote für Geflüchtete in Europa und die sofortige Evakuierung der überfüllten Lager an den Außengrenzen.

Die Corona-Krise darf nicht ausgenutzt werden um Marginalisierte weiter auszugrenzen und durch die Hintertür eine Kriminalisierung von Sexarbeit oder Sex-Kauf einzuführen.

“Nordrhein-Westfalen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution” ist der markante Titel einer groß angelegten Kampagne, den das Gleichstellungsministerium in NRW sich auf die Fahne geschrieben hat. Dass dasselbe Ministerium sich gegen “Freierbestrafung” und gegen ein generelles “Prostitutionsverbot” ausspricht, ist sehr vernünftig, läßt sich aber in dieser Kampagne nicht erkennen.

Grundsätzlich ist es sehr lobenswert, dass eine Landesregierung Geld in die Hand nimmt, um gegen Missstände allgemein und in diesem Fall gegen Menschenhandel in der Sexarbeitsbranche vorzugehen.

EXIT.NRW jedoch setzt auf Opferdarstellungen und unterstützt damit das in der Gesellschaft schon vorherrschende Bild von Prostitution als Hort der Kriminalität und leidender Frauen.

Im Folgenden zwei Kritikpunkte bzgl. der Bildsprache und Rhetorik der Kampagne:


1. Voyeuristische Bilderwahl

die in der NRW-Kampagne gewählten Bilder sind sehr professionell gemacht und prägnant in der Ansprache.
Da diese Bilder zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit gedacht sind, sehen wir die transportierte Botschaft als schwierig an. Es entsteht der Eindruck, diese Situationen seien Alltag in der Prostitution. Die hochstigmatisierte Berufsgruppe der Sexarbeitenden hat in den letzten Jahren kleine Schritte in Richtung gesellschaftlicher Anerkennung und Normalität machen dürfen. Dies ist eine Basis für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und auch ein Ansatzpunkt zur zielgenauen Bekämpfung von Missständen.

Auch der KOK (Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V.), der die Kampagne als solches sinnvoll findet, sagt zu den Bildern:
„Die Bilder sind unglücklich gewählt!”
(Sophia Wirsching, Geschäftsführerin des KOK)

 

2. Titel: Gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution

Menschenhandel tritt in vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und in sehr unterschiedlichen Ausprägungen auf. In der Sexarbeit heißt der Straftatbestand Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Weiterhin gibt es noch Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung, zum Zwecke der Bettelei, zum Zwecke der Organentnahme und zur Ausnutzung strafbarer Handlungen.
Im Rahmen einer solchen Kampagne, bei der mit kurzen Schlagworten gearbeitet werden muss, ist es natürlich schwer, dem komplexen Straftatbestand einen anderen Namen zu geben. Die gewählte Überschrift halten wir jedoch für nicht zielführend, da sie durch Synonymisierung die Kriminalisierung der Prostitution bestärkt – zulasten der in der Sexarbeit tätigen Personen. Das in der Regel schon vorhandene Vorurteil wird ausgebaut, bei Menschenhandel sofort an Prostitution zu denken.

Menschenhandel ist eine schwere Straftat gegen die persönliche Selbstbestimmung eines Menschen. Auch unser Verband hält die gesellschaftliche Aufklärung und Sensibilisierung zu diesem Thema für sehr wichtig. Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel. Für viele ist das Annehmen der Opferrolle sehr heilsam, denn es befreit von der Selbstmarter der eigenen Schuld.
Dennoch lehnt der Berufsverband das Wort „Zwangsprostitution” ab, denn es erweckt den Eindruck, sämtliche Prostitution erfolge unter Zwang.

So sinnvoll eine Kampagne für die Menschenhandelsopfer in diesem Bereich auch ist, so schmal ist der Grat zu denjenigen, die Sexarbeit als ihren Beruf sehen oder auch einfach nur als Job, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch diese Menschen wünschen sich Normalität. Sehr schnell hat die gesellschaftliche Opferschublade sie wieder verschlungen.

Und genau diesen Spagat muss eine Kampagne für Menschenhandelsopfer zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung bewältigen.

Der Berufsverband setzt auf empowernde oder aufklärende Kampagnenkonzepte, die erzählen, dass nicht jede Sexarbeitende ein Opfer ist und insbesondere, dass die Kraft zur Wehr in der betroffenen Person selbst liegt, die dann als Gemeinschaft entfacht werden kann.

Als Beispiele solch erfolgreicher Kampagnenkonzepte sind hier zu nennen:

Kampagne “Freier haben freie Wahl” aus Wien.
Beispiel für Opferhilfe und Aufklärung
               (unbedingt das Bild anklicken, sonst leuchtet die Aktion nicht ein)

Kampagne „Aber jetzt rede ich” des Familienministeriums
Beispiel für Empowernment

Die Bundesregierung hatte sich bei der Entwicklung des ProstSchG (ProstituiertenSchutzGesetz) darauf geeinigt, dass eine exakte Trennung zwischen Menschenhandel und Prostitution/Sexarbeit vorgenommen werden muss. Tatsächliche Opfer können zielgenauer erreicht werden und die Stigmatisierung, welche die komplette Branche betrifft, wird nicht noch weiter vorangetrieben.


LINKS:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein renommiertes Unternehmen wie Ihres, das Events rund um politische Bildung veranstaltet, hat bestimmt auch immer wieder kontroverse Gäste. Ich vermute aber, dass Sie einige aus guten Gründen trotzdem nicht zulassen würden, wie zum Beispiel die AfD.

Umso mehr verwundert mich die Veranstaltung die am kommenden Wochenende bei Ihnen stattfindet – die “Tagung der abolitionistischen Personen, Vereine und Parteien Deutschland 2020”. 

Bei dem Wort Abolitionismus denken Sie sicher zunächst an die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und Befreiung von People of Color in den USA. Die bei Ihnen tagenden “Abolitionist*Innen” haben sich hingegen die “Befreiung” von allen in der Prostitution arbeitenden Frauen auf die Fahne geschrieben – ihnen geht es um die (vermeintliche) Abschaffung der Prostitution. Hier handelt es sich nicht nur um eine anmaßende Aneignung eines Begriffs , sondern auch um übelstes Schubladen-Denken, das alle Prostituierte aus ihrer Tätigkeit “retten” will, ob sie wollen oder nicht.

Ich gehe mal davon aus, dass Sie nur den “Schutz”-Gedanken dieser Vereinigung auf dem Schirm haben – nichtsahnend, dass hinter den sogenannten “abolitionistischen” Forderungen in Wahrheit eine komplett abwertende Einstellung zu Bereichen der Sexualität steckt. Es stimmt: Vordergründig möchten diese Menschen Prostituierten aus gegebenenfalls prekären Situationen helfen. Das ist erst mal sehr löblich.

Doch statt die Rechte von Betroffenen zu stärken, fordern sie “eine Welt ohne Prostitution” und wollen in Deutschland ein Sexkaufverbot einführen. Und das jeglichen Erkenntnissen von Beratungsstellen und Sozialarbeiter*innen zum Trotz.

Ich selber bin Betroffene, ich bin freischaffende Künstlerin und Prostituierte. Ich möchte beide meiner Berufe weiterhin in der Legalität ausüben können. Dazu gehört nicht nur das Musizieren bzw. Sexarbeit sondern gegebenenfalls auch die Möglichkeit, offizielle Konzertsäle bzw. Bordelle benützen zu können! Sicher kann ich heimlich und illegal musizieren oder sexuelle Dienstleistungen einfach auf der Straße anbieten, aber meine Lebens-Qualität, Sicherheit und meine Rechte leiden dann erheblich – das stellt keine Alternative dar.

Das sogenannte Schwedische oder Nordische Modell, das an diesem Wochenende unter Ihrem Dach beklatscht wird, hilft keinem, außer dem “Gewissen” der Moralapostel.

Die Erfolge des Sexkaufverbots in Schweden sind sehr fraglich, nicht ausreichend wissenschaftlich belegt und stehen auch nicht in Übereinstimmung mit den Berichten von Menschen, die in Schweden in der Sexarbeit tätig waren oder sind.

Dass die vermeintlichen „Retter*innen“ von (marginalisierten) Prostituierten im Falle eines wirklich eintretenden Arbeitsverbots für diese nicht viel mehr als leere Worte haben,  haben wir ja jetzt in der Corona Krise mitbekommen. 

Es wurde sich von diesen Stellen nicht ein Deut um Sexarbeiter*innen gekümmert die, aus welchen Gründen auch immer, durch das soziale Raster gefallen sind. Wir vom Berufsverband BesD e.V. hingegen haben einen Hilfsfond ins Leben gerufen der, einzig finanziert aus Spendengeldern, an den 400 Menschen aus der Sexarbeit in dieser schweren Zeit aus der Bredouille geholfen hat. Mich würde interessieren, ob die Redner*innen bei dem Kongress etwas zur Unterstützung und Hilfe von Menschen vorbereitet haben, zum Beispiel jenen, die in der Sexarbeit sind aber gerne umsteigen würden. Umschulungsprogramme für Prostituierte gibt es leider immer noch viel zu wenige –  hier wären vielleicht auch mal die Arbeitsämter gefragt!

Die angeprangerten Straftaten, die oft mit dem Sexarbeits-Gewerbe in Zusammenhang gebracht werden, sind bereits jetzt schon juristisch belangbar und bedürfen keinerlei weiterer Gesetze. Als da wären: Menschenhandel, Abhängigkeiten, Ausbeutung, miserable Unterbringungsmöglichkeiten etc. Weitere Straftaten, die oft in Zusammenhang mit Prostitution genannt werden, wie Zuhälterei, Vergewaltigung, Nötigung etc. sind ebenso verfolg- und strafbar.

Sämtliche Fachstellen für Migration, Menschenrechte, Ausländerrecht etc warnen vor Einschränkungen und Verboten der Branche.

Nur in der Legalität kann gegen prekäre Missstände vorgegangen werden. Siehe auch das Beispiel der Tönnies Schlachtereien in Gütersloh dieses Frühjahr! Übrigens: Schaut man sich die offiziellen Statistiken des Bundeskriminalamt (BKA) an, so haben alle diese Verbrechen seit der endgültigen Legalisierung der Prostitution im Jahre 2002 kontinuierlich abgenommen, in den letzten 5 Jahren haben sie sich sogar halbiert! Zuhälter sind so gut wie ausgestorben – braucht kein Mensch mehr, da man sich ja nun ganz legal in entsprechende Etablissements einmieten kann.

Kein Mensch darf wegen seiner Sexualität ausgegrenzt oder verfolgt werden.

Das war auch bei den homosexuellen & queeren Menschen so, die lange Zeit auch stigmatisiert und in die Illegalität getrieben wurden, zum Teil sogar verfolgt, bestraft und sogar getötet worden sind. Deutschland hat sich davon zum Glück losgesagt, in Polen und Ungarn geht man gerade wieder tausend Schritte zurück ins Mittelalter, was hierzulande mit Ächtung gestraft wird und sogar bei der Politik angekommen ist. Hoffen wir, dass sich die LGTBQ-Bewegung auch dort durchsetzt.

Das sehen nicht nur ich und meine Kolleg*inen vom BesD e.V. so, sondern auch folgende Institutionen:

Deutsche Aidshilfe e.V.
Deutscher Frauenrat e.V.
Deutscher Juristinnenbund e.V
Diakonie Deutschland
Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V.
Dortmunder Mitternachtsmission e.V. Beratungsstelle fr Prostituierte, Ehemalige und Opfer von Menschenhandel
contra e.V. Kiel Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein
Die SPD Schleswig Holstein
Die CDU Nordrhein-Westfalen hat soeben einen offiziellen Antrag eingereicht GEGEN dieses Modell des Sexkaufverbotes
Amnesty International
Menschenhandel-Heute,
Der bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel
uvm.

Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehle ich Ihnen meinen gut recherchierten Blogbeitrag mit den entsprechenden Links zu den oben genannten Mitstreiter*innen.

Mit freundlichen Grüßen

Mechthild HEXENGEIGE Janda alias MadameKALI


Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein persönliches Anschreiben der Sexarbeiterin Madame Kali an das Stresemann-Institut in Bonn, anlässlich der Tagung des “Bündnis Nordisches Modell” am 26./27. September 2020. 

Gestern hat die rheinland-pfälzische Landesregierung eine aktualisierte Corona-Verordnung verabschiedet. Im §4 findet sich eine mittlerweile sehr kurze Liste der Tätigkeitsbereiche, deren Ausübung immer noch untersagt sind.*

1. Clubs, Diskotheken und ähnliche Einrichtungen,
2. Kirmes, Volksfesten und ähnliche Einrichtungen,
3. Prostitutionsgewerbe

Was soll man dazu noch sagen?

Jeder der sich mit den Arbeitsabläufen und dem Alltag in der Sexarbeit eine wenig beschäftigt hat, kann nur mit dem Kopf schütteln, bei der Betrachtung dieser Aufzählung.

Infektionsschutz ist wichtig, aber dieser muss auch sinnvoll sein. Mir geht es um den Versuch einer sachlichen Betrachtung.

Bei den ersten beiden aufgelisteten Punkten handelt es sich um Veranstaltungen, bei denen üblicherweise viele verschiedenen Menschen auf einem Haufen zusammentreffen. Gerade die Gesellschaft mit den anderen Menschen ist ja ein Kern dieser Events. Ob man diese Veranstaltungen vielleicht auch in irgendeiner Art coronasicher durchführen könnte, lassen wir hier jetzt mal außen vor.

Bezogen auf die Sexarbeitsbranche macht der Topf, in den wir da geworfen werden, keinen Sinn.

Bis auf wenige Ausnahmen findet bei der Sexarbeit immer 1 zu 1 Kontakt statt. Die Kunden sind peinlich darum bemüht, dass sie niemanden außer ihrer Erotikpartnerin im Bordell-Flur oder sonstwo treffen. Diskretion wird selbst in provinziellen Kleinstadtbordellen groß geschrieben. Wie viele mögliche Coronaüberträger trifft der Kunde in einem Bordell?

Eigentlich nur eine Person, denn wie in anderen Bundesländern schon erprobt, könnte auch in Rheinland-Pfalz ausschließlich auf Termin gearbeitet werden. Somit holt die Sexarbeiterin ihren Kunden direkt an der Tür ab, und dieser hat keinerlei Kontakt zu anderen Besuchern oder anderen Sexarbeitenden.
Außerdem findet alles mit Mund-Nasenbedeckung statt. Dies funktioniert in anderen Bundesländern problemlos. Dass nach jedem Kunden die Zimmer, Flure und Sanitärbereiche penibel gereinigt und desininfiziert werden, muss anscheinend immer wieder erwähnt werden. Wie sonst würde alleine die Existenz eines Bordells Panikattacken bei Virologen auslösen.

Eine weitere sehr hartnäckige Fehleinschätzung ist, dass jede Sexarbeiterin täglich eine Unmenge an Kunden hat. Dem ist leider nicht so.

Auf die Frage, was sich Sexarbeitende wünschen würden zu Verbesserung ihrer Arbeit, sagen fast alle: „Mehr Kunden“.

Die durchschnittliche Sexarbeiterin in einem durchschnittlichen Wohnungsbordell oder in einer durchschnittlichen Terminwohnung hat im Schnitt 2-3 Kunden pro Tag – eher weniger. Exakt die eben genannten Arbeitsplätze sind das vorherrschende Arbeitsmodell für erotische Dienstleistungen in Rheinland-Pfalz. Es gibt dort keine Massen an Saunaclubs, keine Reeperbahn, keine Großbordelle, keinen vermeintlich ausufernden Drogenstrich. Nein, in der Prostitutionslandschaft von Deutschland besetzt Rheinland-Pfalz eher einen sehr unbedeutenden Platz.

Um so verwunderlicher ist, dass ausgerechnet dieses Bundesland sich so standhaft weigert. Zumal Rheinland-Pfalz das erste Bundesland war, welches nach dem Shutdown die Sexarbeit wieder erlauben wollte. Vor gefühlter Ewigkeit wurde dort eine Gerichtsklage verloren, und das Land sah sich verpflichtet, die Sexarbeit wieder zuzulassen. Daraus wurde dann allerdings nichts. Die Landespolitker befürchteten alles Mögliche, allem voran Sextourismus aus den anderen Bundesländern. Letzterer Punkt ist nun definitiv hinfällig.

Fast alle anderen Bundesländer machen inzwischen vor, dass es geht.

Hygienekonzepte könnten von dort übernommen werden, und vermeintlicher Sextourismus ist auch nicht mehr zu befürchten, denn in den meisten Nachbarländern ist die Sexarbeit schon wieder zugelassen.

In Berlin und Bayern wird schon seit über einem Monat wieder in Bordellen und ähnlichen Einrichtungen gearbeitet. Es gibt sehr strenge und branchenangepaßte Hygienekonzepte, die eingehalten werden. Die pauschale Annahme, dies würde in der Erotikbranche nicht funktionieren, ist somit widerlegt. Auch gibt es in den besagten Bundesländern keinen Hinweis auf steigende Coronazahlen ausgelöst durch Prostitutionsstätten.

Interessanterweise ist in Rheinland-Pfalz die Sexarbeit ja nicht komplett untersagt. Haus- und Hotelbesuche sind erlaubt. Selbige Handlungen in einer gewerberechtlich zugelassenen, mit Hygienekonzepten und Notrufanlagen ausgestatteten Prostitutionsstätte zu tun, ist verboten.

Ganz anders das Bundesland Hamburg. Dort argumentierte die Sozialbehörde, dass es ganz wichtig sei die Prostituonsstätten wieder zu öffnen, denn in den Bordellen ließen sich die Hygieneregeln viel besser umsetzen und kontrollieren.

In diesem Sinne, fordern wir als Berufsverband das Bundesland Rheinland-Pfalz auf, zum nächst möglichen Termin, auch die Arbeit in Prostitutionsstätten wieder zuzulassen.

Natürlich mit Hygienekonzept.

——————————————————————————

VERWEISE
* https://corona.rlp.de/fileadmin/msagd/Ge…oBeLVO.pdf

KONTAKT
Johanna Weber:
johanna@besd-ev.de
0151 – 1751 9771

PRESSE
SWR Aktuell – Bordelle bleiben geschlossen – Kritik von Betreibern
https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/bordelle-rheinland-pfalz-100.html

Sehr geehrter Herr Tschentscher,

Wir als Berufsverband für Sexarbeitende fordern Sie auf, Ihre Entscheidung, unsere Tätigkeit weiterhin zu untersagen, rückgängig zu machen.

Gerade in Hamburg gehen die zuständigen Behörden sehr pragmatisch und sachlich mit dem Thema Prostitution um. Ihre Sozialbehörde war federführend bei der Entwicklung eines gemeinsamen Öffnungskonzeptes für die sogenannten Nordländer. Sehr eng war die Zusammenarbeit mit Berlin, wo schon am 8.8. die erotischen Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr wieder zugelassen wurden und ab dem 1.9. auch die klassische Sexarbeit wieder stattfinden darf.

Die Testphase der letzten 3 Wochen verlief in Berlin sehr gut.

Erotik mit Maske erwies sich als unproblematisch. Es gab keine Beanstandungen, dass Hygienekonzepte nicht eingehalten oder Kontaktdaten nicht ordnungsgemäß aufgenommen wurden. Eine pauschale Annahme, dass Coronamaßnahmen in der Sexarbeit nicht funktionieren, ist ein Faustschlag nicht nur in das Gesicht unserer Branche, sondern auch gegen die großartige Arbeit Ihrer eigenen Sozialbehörde.

Besonders, da Wellnessmassagen, Kontaktsportarten und andere körpernahe Tätigkeiten in Hamburg schon lange wieder erlaubt sind, fordern wir Gleichbehandlung.

Sexarbeitende haben pro Tag im Schnitt 2-3 Kunden – wir feiern keine Sexparties.

Unser Berufsverband hat ein dezidiertes Hygienekonzept für unsere Branche erstellt, welches in Berlin als Grundlage für ein Branchenkonzept genutzt wurde. In Hamburg hat die Herbertstraße ein eigenes Hygienekonzept entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Bezirksamt-Leiter Mitte Falko Drossmann stellte unseren St.Pauli-Kolleg*Innen eine Öffnung zum 1.9. in Aussicht.

Die Tagesthemen berichteten vor wenigen Tagen über die prekäre Situation in der Herbertstraße und viele weitere Medien schließen sich dem Urteil an, dass diese Entscheidung eine ungerechte sowie diskriminierende Vorgehensweise gegenüber Sexarbeitern darstellt.

Ihre Sorge, Herr Tschentscher, es könnte zu Sextourismus aus den Nachbarbundesländern kommen, ist unbegründet, denn in Niedersachsen darf unsere Branche laut Gerichtsbeschluss wieder arbeiten, und Schleswig-Holstein ist einer Öffnung positiv gegenüber eingestellt.

Wir fordern Sie auf, das ursprüngliche Hamburger Konzept der stufenweisen Öffnung für Sexarbeit ab 1.9. umzusetzen – natürlich mit Hygienekonzept.

Gerade bei steigenden Infektionszahlen ist es besser, dass Sexarbeit legal und kontrolliert stattfindet, als illegal und unkontrolliert und Gefahr läuft, in Teilen weiter ins Dunkelfeld abzurutschen. Der Weg , Selbstbestimmungsrechte von Sexarbeiter*Innen zu stärken, sollte in Hamburg fortgeführt werden.

Diese Forderung teilen die Diakonie Hamburg 1) und die Deutsche Aidshilfe 2).

zu 1) https://www.evangelisch.de/inhalte/17410…6Yy-FZ6qpU
zu 2) https://www.aidshilfe.de/corona-krise-se…t-zulassen


Rückfragen zu diesem Brief
an Johanna Weber (Politische Sprecherin BesD)
johanna@besd-ev.de
oder 0151-1751 9771

+++++++ PRESSEMITTEILUNG von ALDONA e.V. +++++++

In der Debatte um eine gesetzliche Neuregelung bezüglich des politischen Umgangs mit Prostitution positioniert sich ALDONA e.V. mit seiner saarländischen Beratungsstelle für Prostituierte gegen ein Sexkaufverbot.

Im Rahmen der Forderungum eine fortlaufende Schließung der Bordelle auch nach Corona, mit gesetzlicher Anlehnung an das „Nordische Modell“, ist die Differenzierung zwischen Menschenhandel/Zwangsprostitution und der freiwilligen Prostitution unabdingbar. Menschenhandel und Zwangsprostitution beschreiben Straftatbestände im Strafgesetzbuch, welche mithilfe des Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) eingedämmt werden sollen. Die Forderung nach einem stärkeren Strafmaß dieser Delikte begrüßt ALDONA e.V., hält jedoch ein Sexkaufverbot im Zusammenhang mit der Eindämmung von Menschenhandel für nicht sinnvoll.

Das geforderte – in Fachkreisen stark umstrittene –„Nordische Modell“ bezieht sich zwar in erster Linie auf die Sanktion von Freiern, trifft aber hauptsächlich die Prostituierten selbst, da sie ihre Dienste dort anbieten müssen, wo ihre Kunden nicht sichtbar für die Behörden sind.

Wenn Bordelle und andere Prostitutionsstätten geschlossen bleiben sollen, wird sich die Prostitutionsausübung wieder ins Verborgene verlagern. Dadurch entstehen Grauzonen, welche Menschenhandel und Ausbeuterei stark begünstigen.

Seit 2016 können in Deutschland Freier von Zwangsprostituierten, die wissentlich die Zwangslage eines Opfers ausnutzen, bestraft werden. Auch jetzt können Sexarbeiter*innen, die Opfer von gewalttätigen Freiern sind, jederzeit die Polizei rufen, was sie durchaus auch tun.Die Reglementierung der Prostitution nach dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 ist das Ergebnis eines langen Weges von der Sittenwidrigkeit hin zur Anerkennung als Erwerbstätigkeit. Durch das Gesetz sind Rechte und Pflichten für Sexarbeiter*innen entstanden, welche u.a den Zugang zur Grundsicherung während der Coronazeit gewährleisten.

Eine Evaluation des ProstSchG ist für das Jahr 2022 vorgesehen. Demnach widerspricht die Debatte um eine gesetzliche Neuregelung vor dieser Veröffentlichung der Intention des Gesetzes.

Stattdessen wäre eine verstärkte Aufklärung in Schulen über Prostitution und Menschenhandel sinnvoll. Ebenso würde ALDONA e.V.die Finanzierung von Umstiegsprojekten für interessierte Sexarbeiter*innen begrüßen.
Die Gründe warum sich jemand für die Sexarbeit entscheidet,sind so vielfältig wie die Prostituierten selbst, und nicht alle Sexarbeiter*innen wollen sich in einer Opferrolle sehen. In der Realität begegnet ALDONA e.V. seit über 30 Jahren Frauen, die sowohl Opfer von Menschenhandel geworden sind, wie auch Frauen, die sich bewusst für die Sexarbeit als Erwerbstätigkeit entscheiden.

Seit dem 16. März besteht aufgrund der Corona-Pandemie ein generelles Verbot der Prostitutionsausübung im Saarland. Seit diesem Zeitpunkt verzeichnen Sexarbeiter*innen einen vollen Verdienstausfall. Viele von ihnen haben keine finanziellen Rücklagen, bzw. sind diese nach mittlerweile fast vierMonaten ausgeschöpft. Aktuell wird eine Vielzahl an Klientinnen bei der Beantragung von staatlichen Leistungen (Hartz 4) unterstützt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Mit der Einführung des „Nordischen Modells“ in Deutschland wäre dies nicht mehr möglich.
Verschiedene Studien befassen sich mit dem „Nordischen Modell“ und dessen Auswirkungen auf die Prostitution. Diese zeigen, dass eine Freierbestrafung schlechtere Arbeitsbedingungen für Prostituierte zur Folge hat. Es kommt zu einem stärkeren Machtverhältnis zwischen Freier und Sexarbeiter*innen. Vor diesem Hintergrund entscheiden häufig die Freier über Ort und Bezahlung der Dienstleistung. Durch ein Sexkaufverbot entfallen Vorschriften, die zum Schutz der Prostituierten dienen. Sexarbeitende können sich beispielsweise nicht mehr auf die Kondompflicht beziehen.

Im Jahr 2015 wurde eine Studie der Stadtverwaltung Stockholm veröffentlicht. Dabei kam heraus, dass die Zahl der Prostituierten und Freier nach Einführung des „Nordischen Modells“ ungefähr gleichgeblieben ist.
Die Straßenprostitution hat sich seit 1999 halbiert, wohingegen die Zahl der Internetwerbeanzeigen für Escort-Services in den vergangen acht Jahren von 300 auf ca. 7.000 gestiegen ist (Mehrfachanzeigen einer Person wa-renmöglich). ALDONA e.V. betont, dass die freiwillige Entscheidung für eine Tätigkeit in der Prostitution respektiert werden muss. Um Gewalt und Ausbeutung entgegenzuwirken,muss eine Entstigmatisierung der Prostitutionstattfinden. Dies gelingt nicht mit einer andauernden massiven Beeinträchtigung der sexuellen Selbstbestimmungvon Sexarbeiter*innen.

Das Prostitutionsmilieu ist nicht homogen. Bei allen politischen Debatten sollten stets die Interessen der Sexarbeiter*innen berücksichtigt werden. Das „Nordische Modell“ ist keine Pauschallösung für den politischen Umgang mit Prostitution. Stattdessen sollte die Evaluation des ProstSchG die Regulierung der Sexarbeit optimieren und die Rechte der Menschen in der Prostitution stärken.

Verantwortlich für diesen Text ist die Beratungsstelle Aldona e.V. in Saarbrücken
Kontakt:
http://aldona-ev.de/

 


Mehr zu der Situation im Saarland
Saarländische CDU-Frauen wollen Bordelle schließen – Sexarbeitende sind entrüstet
-> https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2020/07/05/saarlaendische-cdu-frauen-wollen-bordelle-schliessen-sexarbeitende-sind-entruestet/

Die Saarbrücker Zeitung titelt: Nach der Corona-Krise sollen Sex-Tempel im Saarland nicht mehr öffnen dürfen. Schweden gilt als gutes Beispiel.

Die Corona-Verordnungen verbieten immer noch die Öffnung von Bordellen – sogenannte Prostitutionsstätten. Dies auf unabsehbare Zeit.
Die Vorsitzende der saarländischen CDU-Frauen Anja Wagner-Scheid möchte diesen Zustand auch nach Corona beibehalten. Das von ihr propagierte „schwedische Modell“, nachdem der Freier bestraft, aber die Prostituierte straffrei bleibt, ist leider eine große Mogelpackung.
Es gibt keine Nachweise, dass Sexarbeit an sich oder der Menschenhandel in Schweden abgenommen haben. Eindeutig ist allerdings, dass sich die Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende unter dem Sexkaufverbot verschlechtern.

  • Zwar wird die Sexarbeitende nicht wegen Prostitution angeklagt, aber die Kunden. So muss dann versteckt gearbeitet werden, damit überhaupt noch jemand kommt.
  • Bordelle sind verboten unter dem Konzept des Sexkaufverbots. Viele Sexarbeitende schätzen aber diese Arbeitsplätze, denn sie fühlen sich dort sicherer als alleine bei Hausbesuchen. Ein etabliertes Bordell bietet für viele höhere Verdienstaussichten als Selbstmanagement. Laut neuer Gesetzesvorgaben in Deutschland müssen Prostitutionstätten hohe Anforderungen erfüllen, um eine Zulassung zu bekommen. Auch ein Betriebskonzept ist vorzulegen, welches u.a. deutlich macht, dass dort keine Ausbeutung stattfindet.
  • Beratungsstellen und Gesundheitsämter gehen davon aus, dass sie wegen der Vereinzelung der Sexarbeitenden nicht mehr gezielt aufsuchende Beratung machen können. Man befürchtet, dass sich in diesem Graubereich genau die sogenannten “milieubedingten” Zwischenhandelstrukturen etablieren werden, die man eigentlich abschaffen will.

Die von CDU-Frauen propagierten “Ausstiegsprogramme” und alternativen beruflichen Perspektiven münden zu über 90% in den Billiglohnsektor, und sind exakt das, wovor die meisten Sexarbeitenden gerade geflüchtet sind.

Der „Erfolg“ in Schweden sieht wie folgt aus: 42% der Sexarbeiter*innen berichten von mehr Gewalterfahrungen seit der Einführung dieses Gesetzes, 70% von keiner Verbesserung bzw. sogar Verschlechterung der Verhältnisse der Polizei, 63% von einer Verschlechterung ihrer Arbeitsverhältnisse. Von den allgemeinen Umsatzeinbußen mal ganz zu schweigen.
(Quelle: Studie Medecine du Monde)

Namhafte Organisationen aus dem Gesundheitswesen, Menschenrechtsorganisationen und kirchliche Einrichtungen sprechen sich einhellig gegen ein Sexkaufverbot aus, das die Branche in die Illegalität treibt. Geholfen werden kann in einem derartigem Dunkelfeld kaum jemandem mehr.

Unser Berufsverband setzt sich ein für legales Arbeiten und transparente Strukturen.
Wir fordern mehr Beratungstellen und mehr aufsuchende Beratung, Aufbau von Fortbildungskonzepten und Bildung von sprachbezogenen Peer-Gruppen.

Ebenso sprechen wir uns gegen das Vorhaben eines Werbeverbotes für Bordelle aus, denn ohne Werbung keine Kunden.

Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.
Kontakt:
Johanna Weber
Politische Sprecherin des BesD
johanna@besd-ev.de
0151-1751 9771




Presseerklarung zu diesem Thema der Beratungsstelle für Sexarbeitende in Saarbrücken, ALDONA -> https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2020/07/17/beratungsstelle-aldona-im-saarland-gegen-das-sexkaufverbot/

Linkliste mit Argumenten gegen das Sexkaufverbot: