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“Am Anfang hatte ich Angst, mich politisch zu engagieren und sichtbar zu sein”, berichtet eine Teilnehmerin auf dem Hurenkongress, der im vergangenen August bereits zum zweiten Mal Sexarbeitende aus Deutschland, Europa und der Welt in Berlin zusammenbrachte. “Aber dadurch, dass ich Sexarbeitende mit anderen Erfahrungen und Biografien getroffen habe, wurde mir klar, dass ich Privilegien habe, die ich nutzen muss, um unsere Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern”, fährt sie fort.

 

Zusammen mit 200 anderen Sexarbeitenden verbrachte die Sexarbeiterin und Aktivistin aus Lateinamerika daher auf dem Hurenkongress zwei Tage damit, sich in einem geschützten Umfeld untereinander auszutauschen, zu vernetzen und Strategien zu entwickeln. Dass die Anzahl der Teilnehmenden im Vergleich zum Vorjahr noch gestiegen war, sehen viele als Zeichen für den zunehmenden Widerstand, der sich gerade unter Sexarbeitenden in Deutschland formiert.

 

Ausschlaggebend hierfür ist insbesondere das neu verabschiedete Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen, kurz genannt Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), das seit 2017 die rechtliche Diskriminierung und zunehmende Stigmatisierung von Sexarbeitenden fortschreibt. Wesentliche Elemente dieses Gesetzes sind eine Anmeldepflicht und die Mitführung einer Anmeldebescheinigung, dem sogenannten Hurenpass; eine verbindliche Gesundheitsberatung sowie die Einführung einer Erlaubnispflicht für Betriebsstätten. Mit Schutz und Unterstützung hat das neue Gesetz aber wenig bis gar nichts zu tun: zum einen greift es unrechtmäßig in das Selbstbestimmungsrecht von sexarbeitenden Menschen ein und ist mit deren Menschenrechten nicht vereinbar. Zum anderen zeigt sich mehr als zwei Jahre nach Einführung des Gesetzes deutlich, wie sehr es die Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende verschlechtert.

 

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen war der Hurenkongress 2019 ein besonders bedeutendes Event für Sexarbeitende. Wir als Forschende nutzten ihn auch dazu, die persönlichen Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden zu erfragen und zu dokumentieren. Dazu kreierten wir einen anonymen Forschungsraum, in dem Sexarbeitende ihre Sichtweisen zu den Themenschwerpunkten Prostitutionspolitik und Sexarbeitsaktivismus teilen konnten. Wir erfragten insbesondere auch, wie sie die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland wahrnehmen. Hier zeigte sich ein deutliches Stimmungsbild. Von vielen Teilnehmenden wurde die Situation als “bedrohlich”, “beängstigend”, „restriktiv“ und “repressiv”, sowie als „existenzbedrohend“ und “gefährlich” beschrieben. Viele sehen in der momentanen Politik außerdem einen Rückschritt im langjährigen Kampf um Rechte und Anerkennung. Sie fordern stattdessen “Respekt”, eine “faire Behandlung, wie andere Arbeitsbereiche auch”, und die Einbeziehung von Sexarbeitende in politische Prozesse. Würde man mit Sexarbeitenden reden, ihre Meinungen ernst nehmen und ihren Empfehlungen folgen, so wäre die komplette Dekriminalisierung und Entstigmatisierung von Sexarbeit unabdingbar, so sind sich viele einig.

 

Um solche politischen und gesellschaftlichen Verbesserungen zu erreichen, organisieren sich Sexarbeitende gemeinsam. Dabei sind unvoreingenommene Begegnungen und ein Austausch auf Augenhöhe besonder wichtig, da es innerhalb der Sexarbeit unterschiedlichste Arbeitsbereiche und Arbeitsformen, und damit auch eine Vielfalt an Erfahrungen und Perspektiven gibt. Beim Hurenkongress kamen diese wie bei keiner anderen Gelegenheit in 2019 zusammen. In 12 unterschiedlichen Workshops lernten die Sexarbeitenden hier Neues, tauschten Expertise aus und hielten Debatten ab. Die Teilnehmer*innen zeigten sich selbst “überrascht, fasziniert, und begeistert von der Vielfältigkeit der Sexarbeit und der Menschen” und beschrieben, wie die unterschiedlichen Selbstbilder der Anwesenden ihren Blick öffneten.

 

Dass sie hierbei zuerst einmal unter sich blieben, ist für viele Sexarbeitende unabdingbar: nur in einem geschützten Raum können sie Perspektiven und Erfahrungen austauschen, ohne die Stigmatisierung und Verurteilung Anderer zu fürchten. Der Hurenkongress bot einen solchen Raum, in dem Sexarbeitende trotz aller Unterschiede und Marginalisierungserfahrungen Gemeinschaft, Solidarität und gegenseitige Hilfe finden konnten, und förderte damit das Verständnis und die Zusammenarbeit unter ihnen.

 

Dabei wurde die Bandbreite an Aktivitäten sichtbar, durch die sich Sexarbeitende politisch einbringen:  dass vor allem Sexarbeitende, die in Vereinen wie dem Berufsverband organisiert sind „öffentlich bei Demonstrationen, Paraden und Soliparties“ aktiv sind und/oder auch „Interviews geben, Vorträge halten, bei Podiumsdiskussionen, politischen Anhörungen und an Dokumentationen teilhaben“. Eine andere Teilnehmerin erzählt, dass sie Sexworker-Frühstückstreffen organisiert und in einem Arbeitskreis zu Sexarbeit tätig ist.

 

Gerade die Vernetzung mit Organisationen und NGO’s ist für viele Sexarbeitende ein erster Schritt zum Aktivismus – öffentlich auf der Straße, aber auch im virtuellen Raum wie auf Twitter, Instagram oder Facebook. So berichtet eine Sexarbeitende aus Argentinien: „Ich helfe bei Veranstaltungen aus, übersetze Texte, gehe zu Demos und mache Interviews mit Journalist*innen”. Eine weitere Sexarbeitende aus Brasilien erzählt, dass in lokalen Gemeinschaften organisiert ist und auch im Web aktiv ist, hier zwar noch “mehr im Alleingang, aber im Kontakt mit anderen”.

 

Das Engagement ist also bereits vielfältig, und doch in anderer Hinsicht noch begrenzt. Dies beschreibt eine weitere Sexarbeiterin, die auch beim BesD sowie auf verschiedenen sozialen Plattformen aktiv ist: „Ich zeige gern mein Gesicht, auch weil andere dies (noch!) nicht können.“ Damit weist sie darauf hin, dass politisches Engagement vor allem in der Öffentlichkeit für viele nicht möglich ist. Auch diejenige unter den Sexarbeitenden, die sich im Sexarbeitsaktivismus bis jetzt noch nicht engagiert haben, nutzten den anonymen Forschungsraum und erzählten, warum es für sie bis dato nicht möglich war. So schildert eine Sexarbeiterin: „Ich habe mich fast noch gar nicht aktivistisch engagiert, außer in den sozialen Medien zu kommentieren, dass aber natürlich auch anonym, da mein Nicht-EU Bürgerin Status es auch nochmals schwieriger macht.“ Eine weitere Teilnehmerin schreibt, dass sie sich „gar nicht aktivistisch engagiert, denn ein Outcoming kann ich mir sozial-gesellschaftlich nicht leisten“. Viele Sexarbeitende, sie sich öffentlich politisch engagieren, sind sich dieser Risiken und Einschränkungen bewusst, und fühlen sich in ihrem Aktivismus mitverantwortlich für diejenigen, die besonders mit Stigma und Rechtlosigkeit zu kämpfen haben.

 

Für viele Sexarbeitende ist der Hurenkongress aber auch ein Beginn, um sich aktivistisch zu engagieren: „Bisher habe ich mich noch gar nicht aktivistisch bewegt, aber das möchte ich hierüber ändern“, so eine der Stimmen aus dem Forschungsraum. Denn beim Hurenkongress mischen sich politische Neulinge mit den Sexarbeitenden, die bereits verschiedenste Erfahrungen im Aktivismus gesammelt haben. Diese sind so vielfältig wie Sexarbeit selbst, wie sich im Forschungsraum zeigte. So sind einerseits Stimmen zu vernehmen, die von positiven Erfahrungen im öffentlichen Umgang mit dem Thema Sexarbeit berichten: „Zu 95% positiv. Interessiert sind die meisten, sehr viele sind respektvoll und einige hinterfragen eigene Vorurteile.“ Eine andere Sexarbeitende schreibt: „Über das Netzwerken und die politische Arbeit, insbesondere in den sozialen Medien und auf Konferenzen, habe ich so viele liebenswerte und interessante Menschen in kürzester Zeit getroffen; sogar potentielle Klienten finden das oft gut und finden da manchmal den Einstieg ins Gespräch leichter.“ Auch auf Neugierde und Beachtung stoßen viele, so schreibt eine weitere Teilnehmende: „Interesse und Neugier, Überraschung über unsere Art der Arbeit und unsere Schwerpunkte (Achtsamkeit, Wertschätzung, Akzeptanz)“.

 

Andere berichten wiederum auch, dass sie auf Ablehnung und Ignoranz stoßen, wenn sie sich politisch engagieren: „Es begegnen mir auch Schweigen und Verurteilungen, meist nicht direkt, sondern es besteht kein Interesse mehr darüber zu erfahren, da Vorurteile (unmoralisch, sollte nur im Privatleben bleiben) vorhanden sind.“ Es wird außerdem deutlich, dass Sexarbeitende sich nicht überall erwünscht fühlen und gerade den Umgang mit Medien oft als schwierig empfinden, wie uns berichtet wird: „Ganz oft sind Menschen überrascht von unserer Vielfältigkeit im sexwork-Bereich und auch begeistert, aber im Kontakt mit Medien sind meine Erfahrungen auch sehr enttäuschend und frustrierend.“ Das politische und aktivistische Engagement ist einerseits von der Wahrnehmung eines Rückschrittes im Kampf um Anerkennung und Rechte begleitetet und von “erschreckenden Beobachtungen, über hysterische und melodramatische Geschichten von ‘Abolitionist*innen’, die immer mehr Gehör finden” und andererseits aber genau dadurch “ Vernetzung mit Kolleg*innen stattfinden” und auch “mehr Interesse von Medien” kommt. Und dennoch wird im Forschungsraum auch auf die Gefahr eines “Aktivismus Burnout” hingewiesen. Es lässt hier festhalten, dass die Erfahrungen mit politischem Engagement oftmals von Gegensätzen geprägt sind.

 

Viele der Teilnehmenden äußerten sich im Forschungsraum auch über den Hurenkongress selbst und beschrieben die Gemeinschaft unter Sexarbeitenden als ausgesprochen positiv. Viele hoben die „Offenheit und Solidarität innerhalb der Sexarbeitscommunity“ hervor, und lobten die Möglichkeiten zur „kollektiven Selbstorganisation“ und den „enormen Erfahrungsaustausch“, den die zwei Tage boten. Eine Teilnehmerin beschrieb, durch den Kongress ein regelrechtes “Gefühl der Selbstermächtigung” erfahren zu haben.

 

Mit ihrer zunehmenden politische Organisierung gliedern sich Sexarbeitende in Deutschland in die Kämpfe um Anerkennung und Rechte ein, die von Sexarbeitenden bereits seit vielen Jahren, über Ländergrenzen hinweg und in globaler Vernetzung geführt werden. Mit den seit Ende 2019 verstärkt aufkommenden Debatten zum “Sexkaufverbot” stehen Sexarbeitenden in Deutschland besonders turbulente politische Zeiten bevor. Doch davon lassen sie sich nicht entmutigen – getragen von den positiven Erfahrungen aus dem letzten Jahr und voller neuer Ideen laufen die Vorbereitungen für den nächsten Hurenkongress in 2020 bereits an.

Zu den Autorinnen:

Joana Hofstetter ist Soziologin und promoviert zum Thema Sexarbeitsaktivismus und Prostitutionspolitik in Deutschland an der Scuola Normale Superiore in Florenz.

Sabrina Stranzl ist Kulturanthropologin und beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit diskursiven Konstruktionen und visuellen Denkfiguren zu Sexarbeit und der Transformation und Handlungsmacht von Sexarbeitenden.

Und hier gehts zum großen Bericht über den Hurenkongress und die World of Whorecraft – Sexwork Messe

200 Sexarbeiter*innen aus ganz Deutschland und aller Welt kamen von 15.-16. September zum Hurenkongress in Berlin zusammen.

Am ersten Tag teilten 15 Workshopleiter*innen in insgesamt 12 Workshops ihre Expertise mit Kolleg*innen. Am 2. Tag fanden im Rahmen eines Barcamps weitere 14 spontane Workshops und Gesprächsrunden statt. Workshopleiter*innen sowie Teilnehmer*innen waren alle selbst in der Sexarbeit tätig – in den Workshops wurden Tricks, Tipps und Erfahrungen aller Art geteilt und Raum für Diskussionen und Fragen geboten. Manche Workshops fanden auf Deutsch statt, andere auf Englisch und einige in beiden Sprachen – viele internationale Kolleg*innen kamen zum Kongress und rund ein Drittel der Teilnehmer*innen hatten eine andere Muttersprache als Deutsch.

Der Kongress war eine außergewöhnliche Gelegenheit für Sexworker, sich über wesentliche Themen zu informieren und zu diskutieren: So gab es beispielsweise einen Workspace von Missy-Kolumnist Christian Schmacht, in dem die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*innen , die transgender/transsexuell/nicht-binär/genderqueer sind, diskutiert wurden. Anastacia Ryan von TAMPEP – dem europäischen Netzwerk zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexworkern – leitete eine Diskussion über die Auswirkungen von Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Nicole Schulze, Sexarbeiterin und seit kurzem auch im Vorstand des BesD e.V. vertreten, organisierte einen Workshop zum Thema Sicherheit am Straßenstrich und berichtete dabei von ihren langjährigen Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich.

Ob „Selbstmarketing & Kommunikation”, „Professional BDSM for Beginners”, „Fighting Burn-Out Through Self Love”, „Online Sicherheit für Sex Worker“ oder „Betriebsgründung – Selbstständig machen in der Sexarbeit” – alle Inhalte richteten sich explizit an Menschen, die in der Sexarbeit arbeiten und deren spezifische Bedürfnisse.

Es wurde geschnackt, gelacht, gelernt, vernetzt, informiert und diskutiert. Aktionspläne wurden geschmiedet, Allianzen geformt, alte Freund*innen wiedergetroffen und neue Bekanntschaften geschlossen – insgesamt war der Kongress also eine grandiose Gelegenheit für Austausch und Information zwischen Sexarbeitenden.

Auf der am 17. September anschließenden Sexwork-Messe „World of Whorecraft” zählten wir neben 150 teilnehmenden Sexarbeiter*innen rund 200 Gäste .

Von Verbündeten und interessierten Besucher*innen über Journalist*innen und Forscher*innen bis hin zu Partner*innen und Freund*innen von Sexarbeitenden, war alles unter den Besucher*innen der Messe vertreten. Unter den 17 Ausstellern waren branchenrelevante Dienstleister*innen (z.B. der queere Sexshop Other Nature) Beratungsstellen und Verbündete (z.B. das Beratungsprojekt für männliche Sexarbeiter smart berlin, Hydra e.V., oder Dona Carmen e.V.) und deutsche sowie internationale von Sexworkern geführte Organisationen, die ihre Arbeit und Ressourcen teilten (z.B. Wild Thing aus den Niederlanden).

Die Ausstellung Objects of Desire vom Schwulen Museum und der Bilderzyklus „Das neue Recht“ von Almuth Wessel sorgten für themenbezogene Kunst in der Location. Im Kinozelt konnten Fetisch-Filme aus der Produktion von libido film, die Dokumentation „Whores on Film“ von Sex Worker und Filmemacherin Juliana Piccillo, der Film „H’Or“ von Black Sex Worker Collective-Gründerin Akynos sowie Videos aus dem YouTubeChannel „Wissen.Macht.Sex!“ der Sexarbeiterin und Aktivistin Josefa Nereus bewundert werden.

 

 

Im Research-Zelt sammelten Joana Hofstetter und Sabrina Stranzl vom Netzwerk für Kritische Sexarbeitsforschung Erfahrungen und Meinungen Sexarbeitender für ihre Recherchen.

Das ganztägige Bühnenprogramm wurde von der Journalistin und Sexualforscherin Kuku Schrapnell moderiert. Neben Keynotevorträgen (z.B. von DAH-Frauenreferentin Marianne Rademacher, Sexarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Maya Mistress aus Brasilien und Pesha Shatte aus dem französischen Sexwork-Syndikat STRASS) gab eine spannende Talkrunde zwischen zwei Sexarbeiterinnen und einer aufsuchenden Sozialarbeiterin über die Gefahren des schwedischen Modells, Susanne Bleier Wilp stellte das Big Sister Projekt unter dem Dach von kaufmich.com vor, erotische Performances fanden statt und Lesungen von Sexarbeiterin und Autorin von „Mein HurenmanifestUndine de Rivière sowie der ehemaligen WELT-Kolumnistin und Sexarbeiterin Salomé Balthus sorgten für Begeisterung.

Die Ausgaben für beide Events beliefen sich auf 15.365 Euro – hierbei nicht mit einberechnet sind die Personalkosten für die Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Veranstaltungen. Diese wurden vom BesD getragen und beliefen sich bei einer 50%-Arbeitskraft für den Kongress sowie einer 25%-Arbeitskraft für die Messe auf rund 500 bezahlte Arbeitsstunden und 10.000 Euro.

1000 m² leerer Supermarkt, vier 60 m² Zelte, 844 Meter Kabel, 40 Lampen, 100 Stühle, 100 Bierbänke, 55 Tische – nicht überraschenderweise besetzte die Miete sowie Ausstattung der Location den größten Ausgabe-Posten.

Schon an zweiter Stelle folgten die Honorare und Fahrkosten für Workshopleiter*innen und Moderator*innen am Kongress – da hier ausschließlich aktive und ehemalige Sexworker als Teilnehmer*innen und Workshopleiter*innen anwesend waren, floß also ein beachtlicher Teil der Einnahmen zurück in die Community – an Sexarbeitende, die Kolleg*innen ihre Expertise zur Verfügung stellten.

Die Einnahmen beider Events ließen sich aus Kongress-Tickets, Messe-Eintritt sowie Sponsorengelder addieren und kamen auf 17.795 Euro.

Beinahe ein Viertel des Geldes kam dabei aus der Kasse der Deutschen Aidshilfe, welche drei Workshopleiter*innen, zwei Moderator*innen, sowie einen Zuschuss für die Raum- und Verpflegungskosten finanzierten.

 

Für die großzügige finanzielle Unterstützung von Kongress-Workshops sowie das Sponsoring von Freikarten für prekär arbeitende Kolleg*innen danken wir Autorin Anna Basener, dem Netzwerk Kritische Sexarbeitsforschung, den Erotikportalen berlinintim.de, erotikinsider.com, kaufmich.com, rotlicht.de, escort-advisor.com und escort-galerie.de, dem Serviceprovider zustellanschrift.de sowie der Online Marketing Agentur ImpulsQ.

Rund ein Drittel der Teilnehmer*innen am Kongress nahmen den ermäßigten Preis in Anspruch, ein Teil der Kolleg*innen konnte sich den solidarischen Eintrittpreis leisten. Fast 40% der Teilnehmer*innen konnten als Helfende oder mithilfe der gesponserten Umsonstticket kostenlos den Kongress besuchen.

Wir danken allen Teilnehmer*innen, Besucher*innen Workshopleiter*innen, Aussteller*innen und Mitarbeiter*innen für ihren Einsatz, ihr Interesse und ihr Engagement.

Rund 500 Arbeitsstunden wurden in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung von den BesD-Mitarbeiterinnen Charlie Hansen und Tamara Solidor gestemmt.

Ein besonderer Dank gilt auch WAM und seinem großartigen Team, mit der Fläming Kitchen haben sie den Kongress zu einem mehr als solidarischen Preis mit sehr gutem Essen versorgt.

Ein extra Dankeschön geht an die die unermüdlichen Helfer*innen und Unterstützer*innen, unsere Familien, unsere Partner*innen und die vielen BesD-Mitglieder die ehrenamtlich mit angepackt haben. Ohne die viele Unterstützung und gemeinsame Zusammenarbeit wären diese zwei großartigen Events überhaupt nicht möglich gewesen. Wir freuen uns riesig über euer tolles Feedback zu Kongress und Messe – und schmieden natürlich schon Pläne für nächstes Jahr …

TIPP: Auf unserem Facebook-Account unter @Sexarbeit, auf Twitter unter @SexworkID sowie auf der Homepage www.berufsverband-sexarbeit.de bleibt ihr über Aktionen, Veranstaltungen und Sexarbeit in den Medien auf dem Laufenden.

WANN: 15.10.2019, 18:00 Uhr

WO: Bundestag „Paul-Löbe-Haus“, Paul-Löbe-Allee, 10557 Berlin

INTERVIEWS: Vor, während und nach der Kundgebung möglich, sprechen Sie uns einfach an. Erste Teilnehmer*innen werden ab circa 17:00 Uhr erwartet.

FOTOS: Wir bieten Ihnen vor Ort jederzeit Möglichkeiten für Gruppen- oder Einzelfotos.

KONTAKT: Schreiben Sie uns per Mail an presse@besd-ev.de oder melden Sie sich telefonisch bei unserer politischen Sprecherin Johanna Weber: 0151 – 1751 9771.


HINTERGRÜNDE:

Bundestagsabgeordnete von SPD und CDU/CSU planen die Kriminalisierung von Prostitution

Am Dienstag beruft die Bundestagsabgeordnete und Sexarbeits-Gegnerin Leni Breymaier (SPD) im Berliner Bundestag die erste Sitzung des Arbeitskreises Prostitution ein. Dieser Arbeitskreis ist nicht ergebnisoffen – die teilnehmenden Politiker*innen der CDU/SCU und der SPD positionieren sich bereits im Vorfeld klar gegen die Interessen und Rechte von Sexarbeiter*innen. Geht es nach ihnen, soll ein Sexkaufverbot – das sogenannte „schwedische Modell“ –in Deutschland eingeführt werden.

Das schwedische Modell verbietet das Bezahlen (den Kauf) von sexuellen Dienstleistungen und jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden – auch gegenseitige Unterstützung und Schutzmaßnahmen von Sexarbeiter*innen untereinander. Unter dem Vorwand der Verfolgung von Kund*innen und der Verhinderung von Menschenhandel werden Sexarbeitende diskriminiert und entrechtet.

Eine Einführung dieser gesetzlichen Regelungen in Deutschland sind nicht „nur“ ein Angriff auf eine riesige Berufsgruppe, sondern auch:

– ein Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht

– ein Angriff auf das Freizügigkeitsrecht von Bürger*innen anderer EU-Staaten

– eine Verschleierung der Tatsache, dass es wirksamere Mittel gegen Menschenhandel und Gewalt gibt

Forschungsergebnisse von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und Expert*innen in der Bekämpfung von Menschenhandel belegen seit Jahren, dass ein Sexkaufverbot das denkbar ungeeignetste Mittel zur Verhinderung von Menschenhandel und Gewalt an Frauen ist. Im Gegenteil schaden entsprechende gesetzliche Regelungen insbesondere bereits besonders marginalisierten und gefährdeten Personengruppen, wie z.B. migrantischen Sexarbeitenden sowie LGBTQ-Sexarbeitenden.

Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserem Blogbeitrag : Strategien gegen Gewalt und Ausbeutung 

In unserem Blogbeitrag zur Kundgebung: Protest gegen die Einführung des Schwedischen Modells

Sowie in unserer Stellungnahme bezüglich eines Sexkaufsverbots in Deutschland.

In aller Kürze: Falls du als aktive*r oder ehemalige*r Sexarbeiter*in am Kongress (15.+16.08.2019) teilnehmen willst – hier geht’s zu den Tickets. Falls du als Sexarbeiter*in/Unterstützer*in/Organisation  zur Messe (17.08.2019) beitragen möchtest – schreib uns einfach an messe@worldofwhorecraft.de. Falls du selbst den Kongress und die Messe unterstützen willst/kannst, oder da jemanden kennst – hier findest du mehr Infos […]

Wer immer schon mehr über Sexarbeit und die darin tätigen Menschen erfahren wollte, sollte sich den 17. August rot im Kalender anstreichen: Denn nächsten Monat lädt der Berufsverband für sexuelle und erotische Dienstleistungen Sexarbeiter*innen zum jährlichen „Hurenkongress“ in die Hauptstadt ein. Die Teilnahme am Kongress steht wie schon letztes Jahr ausschließlich aktiven und ehemaligen Sexworkern offen, doch am anschließenden Messetag sind alle Interessierten willkommen.

In der Gesellschaft und den Medien haftet der Sexarbeit oft ein „schmuddeliger“, „perverser“ oder gar gefährlicher Ruf an. Kein Wunder also, dass Menschen, die aktiv im Erotikgewerbe tätig sind oder waren, sich oft mit jeder Menge Vorurteilen herumschlagen müssen. Mit dem Hurenkongress bietet der Berufsverband Sexarbeiter*innen eine in Deutschland einmalige Gelegenheit für Austausch, Netzwerken und Weiterbildung. Auf der World of Whorecraft-Messe am 17. August haben dann auch alle interessierten Besucher*innen die Gelegenheit, Sexworker aus allen möglichen Bereichen der Branche selbst zum Thema sprechen zu hören und sich eine eigene Meinung zu dem umstrittenen Berufsfeld und den den darin tätigen Menschen zu bilden.

Da sich einige Sexarbeiter*innen leider keine Reise- oder Ticketkosten, beziehungsweise einen Verdienstausfall leisten können, sucht der Berufsverband noch nach Veranstaltungssponsor*innen, die die Teilnahme marginalisierter Kolleg*innen am Kongress ermöglichen und die Messe-Veranstaltung unterstützen wollen (mehr Infos hier). Zu den bisherigen Sponsor*innen zählen unter anderem die Deutsche Aids-Hilfe, die Autorin Anna Basener sowie das Dienstleistungsportal kaufmich.com.

Besucher*innen der World of Whorecraft-Messe erwartet ein buntes Programm: Sexworker und ihre Unterstützer*innen zeigen im Rahmen von Infoständen, Workshops, Filmen, Lesungen und Keynote-Vorträgen die vielfältige Welt der Sexarbeit. Neben dem BesD informieren auf der Messe auch andere Sexarbeits-Vereinigungen und Netzwerke über die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen für Sexarbeitende in Deutschland. Zum Beispiel die Aktivist*innen von Sexarbeit ist Arbeit, die mit ihrem aktuellem Projekt „Strich/Code/Move“ eine Brücke zwischen Politik und Kunst schlagen.

Viele internationale Kolleg*innen, zum Beispiel von der Sexworker-Bewegung SWARM aus London oder dem Black Sex Worker Collective aus New York, werden auf dem Berliner Event erwartet. Unterschiedlichste Beratungs- und Anlaufstellen (unter anderem bufas e.V., Hydra, smartberlin und ragazza) sind mit eigenen Messeständen vertreten.

Auch branchenrelevante Anbieter, wie beispielsweise der queere Sexshop Other Nature, sind vor Ort zu finden. Des Weiteren geplant sind Performances, ein Kino&Film-Bereich, ein eigener Kunst-Bereich u.a. in Kooperation mit der Ausstellung „Objects of Desire“, ein Space für Forscher*innen (einige davon Teil des europaweiten ICRSE-Netzwerk) und vieles mehr – das finale Programm wird in Kürze auf der Website www.worldofwhorecraft.de veröffentlicht.Pressekontakt:

messe@worldofwhorecraft.de | +49 152 04617 464 (Charlie Hansen, Messe & Kongress) | presse@besd-ev.de (Lilli Erdbeermund, Redaktion)

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Susi recherchiert und erstellt. Er ist am 28. Februar 2019 im kaufmich-Magazin erschienen.

Wenig ist bekannt über die Rolle, die Prostituierte im Deutschen Widerstand spielten. Wie konnte es sein, daß Frauen, selbst diskriminiert und kriminalisiert, bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens anderen Menschen zu helfen? Es sind stille Heldinnen.

Eine fast unbekannte Geschichte

In diesem Beitrag geht es um eine fast unbekannte Geschichte über die „stillen Heldinnen“, deren Lebensleistung bis heute kaum bekannt und anerkannt ist. Sie heißen Hedwig Porschütz, Dora, Mary und Muttchen, Fräulein Schmidt und Charlotte Erxleben, die eines eint. Sie sind allesamt Prostituierte gewesen und haben als berühmte Huren deshalb Platz im Magazin. Ich habe mich auf die Suche nach diesen stillen Heldinnen gemacht und stelle euch einige vor. Leider gibt die Quellenlage nicht viel her, denn die meisten Helfer und Helferinnen sind nach 1945 verstummt, die meisten Zeitzeugen inzwischen verstorben.

Der deutsche Widerstand gegen das Nazi-Regime ist ziemlich gut erforscht. Menschen leisteten aus unterschiedlichen Gründen Widerstand und setzten damit ihr eigenes Leben aufs Spiel. Einige handelten aus Christenpflicht, andere weil sie pazifistisch oder patriotisch waren. Andere verfolgten auch selbstsüchtige Motive. Menschlichkeit und Solidarität zeichnete sie alle aus. Die meisten Helfer und Helferinnen stammten aus einfachen Verhältnissen.

Holocaust bei vielen jungen Deutschen unbekannt

Berühmt ist immerhin der Retter Oskar Schindler durch die Oskar prämierte Verfilmung von „Schindlers Liste“, ein Film, der eigentlich Bestandteil jeden Schulunterrichts sein sollte. Immerhin, so zeigen aktuelle Umfragen, ist der Holocaust bei 40% der jungen Deutschen nahezu unbekannt!

Zum Widerstand gehörten nicht nur das Schreiben und Verteilen von Flugblättern und spektakuläre Attentatsversuche, sondern die Arbeit der „stillen Helden“. Sie organisierten Verstecke, Lebensmittel und gefälschte Papiere, und ermöglichten Menschen das Leben im Untergrund und damit ihr Überleben.

Nach 1945 wurde die Rettung verfolgter Juden kaum als Widerstandshandlung anerkannt. Auch weil die meisten Helfer schwiegen. Im Jahr 1958 wandelte sich das Blatt und der Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) begann mit der Ehrung solcher „unbesungenen Helden“. Etwa 1500 von ihnen stellten Anträge. Mehr als die Hälfte wurde abgelehnt. Jene, die anerkannt wurden, erhielten eine Ehrung und eine kleine finanzielle Zuwendung.

Die stille Heldin Hedwig Porschütz

Auch von Hedwig Porschütz wurde der Antrag abgelehnt. Viel ist über diese Frau nicht bekannt, es gibt auch kein Foto von ihr. Hedwig Porschütz war verheiratet und arbeitete als Stenotypistin, später in der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt in Berlin. Zuvor war sie jedoch arbeitslos geworden und und arbeitete eine Zeitlang als Prostituierte, was ihr später zum Verhängnis werden sollte. 1934 wurde sie wegen Erpressung zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt.

Seit 1940 hatte Hedwig Porschütz Kontakt zu dem Bürstenfabrikanten Otto Weidt. Es entwickelte sich eine sehr vertraute Beziehung. Um Otto Weidt herum entstand ein Netzwerk aus Helfern. Dazu zählte Hedwig Porschütz, die ja vorbestraft war, sich jedoch an vielen Hilfs- und Rettungsaktionen beteiligte. Sie organisierte alle möglichen Waren auf dem Schwarzmarkt, die nicht nur für Menschen in Not waren, sondern auch der Bestechung von Gestapo Beamten dienten. Dies war unabdingbar, da Weidt dadurch die bei ihm beschäftigten Juden vor der Deportation schützen wollte.

Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge die Wohnung verlassen

Sie besorgte nicht nur Waren, Lebensmittel und falsche Papiere, sondern versteckte Juden in ihrer kleinen Mansardenwohnung in der Nähe vom Berliner Alexanderplatz. So auch die Schwestern Marianne und Anneliese Bernstein. Einige versteckte sie später auch in der Wohnung ihrer Mutter. Sie hatte noch ein paar Stammfreier aus alten Zeiten, die sie besuchten. Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge aber die Wohnung verlassen.

Als die Situation nach einer Polizeiaktion in der Nachbarwohnung zu brenzlig wurde, versteckte sie ihre Schützlinge in einem neuen Versteck und versorgte sie weiter mit Lebensmitteln. Die Bernsteins überlebten und emigrierten später in die USA.

Zeitweise beherbergte Hedwig Porschütz vier untergetauchte Juden. Neben den Bernsteins auch Grete Seelig und ihre Nichte Lucie Ballhorn, die sie später bei ihrer Mutter unterbrachte. Grete Seelig überlebte, aber Lucie Ballhorn wurde 1943 festgenommen und nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Schwarzmarktgeschäfte waren gefährlich

Auch bei einer Lebensmittelaktion ins Ghetto Theresienstadt half Hedwig Porschütz Otto Weidt. Mehr als 150 Lebensmittelpakete wurden so an verschleppte ArbeiterInnen und ihre Angehörigen und Freunde verschickt. Viele dieser Lebensmittel konnten nur auf dem Schwarzmarkt besorgt werden. Eine gefährliche Arbeit, die Hedwig Porschütz da übernahm. Die meisten der Empfänger überlebten nicht. Es sind nur drei bekannte Paketempfänger bekannt, die überlebten.

Ihre Schwarzmarktgeschäfte wurden Hedwig Porschütz zum Verhängnis. Sie flog auf, als ein Bekannter in die Fänge der Polizei geriet, nachdem er versuchte, mit Fleischmarken von Porschütz Speck zu kaufen. Im September 1944 wurde Porschütz inhaftiert und man verhängte gegen sie eine Zuchthausstrafe von eineinhalb Jahren.

Gewerbsmäßige Unzucht

Dabei kam auch ihr Lebenswandel zur Sprache und man warf ihr vor, in früheren Jahren „der gewerbsmäßigen Unzucht“ – also der Prostitution – nachgegangen zu sein. Auch warf man ihr vor, „wahllosen“ Umgang mit Männern unterhalten zu haben, obwohl sie doch mittlerweile ein geregeltes Einkommen als Stenotypistin bezog. Sie kam ins Zuchthaus und wurde am 7. Mai 1945 entlassen. Zurück in Berlin, war von ihrer alten Wohnung nach einem Bombenangriff nichts mehr übrig und sie zog in die Feurigstrasse 43 nach Schöneberg. Sie und ihr Mann, ein Kriegsheimkehrer, lebten daraufhin in ärmlichen Verhältnissen. Beide waren chronisch krank waren und ihr Mann hatte nur unregelmäßig Arbeit.

1956 stellte Hedwig Porschütz einen Antrag auf Anerkennung als politisch Verfolgte beim Berliner Entschädigungsamt, der jedoch drei Jahre später abgelehnt wurde. Hier wurde argumentiert, daß die Hilfe für verfolgte Juden keine Widerstandshandlung sei. Außerdem wurde ihr vorgeworfen, daß sie sich mit ihren Schwarzmarktgeschäften sogenannter „Kriegswirtschaftsverbrechen“ schuldig gemacht habe. Auch ihre Vergangenheit als Prostituierte wurde ihr vorgehalten, indem die „Begleitumstände auf ein derartig niedriges sittliches und moralisches Niveau“ schliessen ließen. Die Anerkennung als politisch Verfolgte sei ein Ehrendokument und könne „nur für entsprechende Persönlichkeiten ausgestellt werden.“ Hier folgte das Amt dem NS-Sondergericht. Porschütz konnte dazu nicht einmal Stellung nehmen.

Anträge auf Anerkennung wurden abgelehnt

Auch ein weiterer Antrag im Herbst 1958 wurde abgelehnt. Hier stellte sie einen Antrag auf Beihilfe aus dem Fonds „Unbesungene Helden“.  Auch hier wurde wieder mit einem „derart niedrigen sittlichen und moralischen Niveau der Frau Porschütz“ argumentiert, weil sie in früheren Jahren der „gewerbsmäßigen Unzucht“ nachgegangen und „trotz ihrer Ehe wahllos Umgang mit fremden Männern unterhalten“ habe. Die gleiche Argumentation wie während der Nazi-Zeit. Hedwig Porschütz befand sich in den späten 50er Jahren in einer verzweifelten Lebenssituation.

Sie starb 1977 in einem Berliner Altersheim. Am 3. Juni 2011 wurde das “Schandurteil” gegen Hedwig Porschütz von der Staatsanwaltschaft Berlin aufgehoben, mit der Begründung, daß die „Richter des Sondergerichtshofs sich nicht als Rechtsanwender verstanden, sondern als Bestandteil einer ‚Kampftruppe‘ und als politische Kämpfer für Hitler.“

Späte Rehabilitation

Im November 2010 wurde Hedwig Porschütz im Rahmen des Berliner Gedenktafelprogramms geehrt und ihr Name sowie die Lebensdaten erscheinen seit dem 13. November 2012 auf einer Tafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Feurigstrasse.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte hat Hedwig Porschütz als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und 2015 fand für sie in der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin eine Gedenkveranstaltung statt.

Die Schmidtchen und das Muttchen

Allerdings ist Hedwig Porschütz nicht die einzige Prostituierte, die Widerstand leistete. Ich bin bei meinen Recherchen noch auf weitere Frauen gestoßen, die ich Euch kurz vorstellen möchte. Allerdings ist auch hier die Quellenlage denkbar schlecht und alle Infos dazu nur über Augenzeugenberichte überliefert, und von Menschen, die gerettet wurden.

In den Erinnerungen des untergetauchten Juden Gad Beck wird eine Prostitutierte adligen Ursprungs erwähnt: Fräulein Schmidt, die in ihrer Wohnung Juden versteckte. „Schmidtchen“, wie sie zärtlich genannt wurde, war auch dabei behilflich, eine Adressliste mit 36 Untergetauchten zu rekonstruieren, die in Lebensgefahr schwebten. Auf dem Fahrrad fuhr Schmidtchen in die Nacht hinaus und suchte alle einzeln auf, um sie vor der Gestapo zu warnen.

Fräulein Schmidt arbeitete mit anderen Prostituierten an ihrem Stammplatz am Alex, der Mexiko-Bar, eine der miesesten Treffpunkte der Stadt. Ihre Freier nahmen sie mit aufs Zimmer. Dazu diente u.a. die Zimmervermietung von der geschäftstüchtigen Frau Szimke aus der Nachbarschaft, die auch eine Hauptlieferantin für Lebensmittel vom Schwarzmarkt war. Schmidtchen war eine rundliche Frau, eher der mütterliche Typ. Zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte vierzig, mit blondierten und ondulierten Haaren.

Dann ist da noch Dora, eine Berliner Prostituierte, die ihre Wohnung der Familie Frankenstein während der letzten Kriegszeit überließ. Mehr als der Name „Dora“ ist nicht bekannt. Dies ist auch der Name, unter dem sie bei ihren Freiern bekannt war. Dora begegneten die Frankensteins bei der Bordellbetreiberin Mary, wo sie zunächst Unterschlupf fanden. Gegen eine hohe Mietforderung brachte Mary die Frankensteins in ihrer Kellerwohnung unter, später zerstört durch einen Bombenangriff. Die Frankensteins entkamen aus den Trümmern und trafen dabei Dora, der sie sich anvertrauten, daß sie Juden und illegal sind. Dora überläßt der Familie den Schlüssel ihrer Kreuzberger Wohnung, wo sie bis Kriegsende ausharrten. Der Kontakt zu Dora und Mary riß danach ab.

Überleben im Bordell

Ein Bordell spielt auch eine Rolle in einem weiteren Fall einer Prostituierten und Zimmervermieterin, die Juden versteckte. Hier wissen wir den vollständigen Namen. Es ist Charlotte Anna Maria Erxleben aus Greifswald, die mit einem kleinen Erbe ausgestattet, eine Privatpension in Berlin Mitte eröffnete. Dort brachte sie u.a. Leonhard Frankenthal unter, der bei ihr zwischen 1940 und Kriegsende mehrfach Unterschlupf fand und den sie mit Lebensmitteln versorgte. Auch Fritz Walter, ein Flüchtling aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, fand bei Erxleben Unterschlupf. Er lebte illegal und mit falschen Papieren im Bordell.

Charlotte Erxleben führte einen gehobenen Salon, ein Grund, warum sie bis 1943 weitgehend unbehelligt ihren Schützlingen Hilfe zukommen lassen konnte. Das Bordell hatte auch den Vorteil, daß die Verfolgten als Kunden getarnt waren und zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und gehen konnten. Denunziert durch eine “Kollegin”, erfuhr die Gestapo, daß sich im Bordell Personen versteckt hielten. Obwohl Charlotte beim Verhör geschlagen und mißhandelt wurde, verpfiff sie ihre Schützlinge nicht. Sie nutzte dazu sogar ihre Tätigkeit als Prostituierte, um sie zu decken:. Sie verneinte, Juden versteckt zu haben. Schließlich müsse sie ja wissen, ob jemand ein Jude sei oder nicht, wenn er also beschnitten ist. Obwohl das Bordell wegen ständiger Hausdurchsuchungen nicht mehr als Unterschlupf dienen konnte, versorgte sie weiterhin ihre Schützlinge mit Lebensmitteln. Dazu zählten nicht nur Fritz Walter, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, sondern auch Helene Bierbaum, die Familie Heinz sowie ein Rabbiner.

Als unbesungene Heldin geehrt

Durch den Krieg verlor Charlotte Erxleben ihre Pension und ihr Vermögen und war später auf Sozialhilfe angewiesen. 1953 reichte sie einen Antrag auf Entschädigung beim Entschädigungsamt Berlin ein. Sie erhielt eine Ablehnung. 1959 stellte sie einen weiteren Antrag auf Ehrung im Rahmen der Aktion „Unbesungene Helden“ des Berliner Senats. Am 19. April 1960 wurde ihr diese Ehrung zuteil, anders als Hedwig Porschütz. Dass Erxleben ihre Schützlinge in einem Bordell versteckte, war dem Senat allerdings verborgen geblieben. Es gab in den offiziellen Anträgen auch keinen Hinweis, daß sie als Prostituierte gearbeitet hatte. Andernfalls wäre ihr diese Ehrung vermutlich ebenfalls versagt geblieben.  Charlotte Erxleben starb am 19. Juli 1981 in Berlin.

In diesem Zusammenhang ist noch eine weitere Prostituierte erwähnenswert, Marta, auch „Muttchen“ genannt, die in den Kellerräumen ihres Bordells in der Berliner Friedrichsgracht gegen Mietzahlung Juden versteckte. Dazu zählte auch Else Krell, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, von denen Muttchen bis zuletzt nicht wußte, dass sie Juden waren, die ebenfalls von Charlotte Erxleben unterstützt wurden. Muttchen wird als Zuhälterin beschrieben, die mehrere Mädchen am laufen hatte, nachdem sie selber nicht mehr anschaffte. Hier stand eher der Geschäftssinn im Vordergrund und weniger die uneigennützige Hilfe von Verfolgten wie bei den anderen hier beschriebenen Frauen. Wie schon eingangs erwähnt, sind die Motivationen, Juden zu helfen und zu verstecken, sehr unterschiedlich. Dazu zählt eben auch die Motivation bei manchen, finanzielle Vorteile für sich heraus zu schlagen.

Helferinnen handelten mit Herz

Muttchen hatte jedenfalls ein hartes Schicksal. Als uneheliches Kind eines Bauernmädchens geboren und zur Feldarbeit gezwungen, erlebte sie in ihrer Kindheit eine lieblose Zeit. Mit sechzehn Jahren kam sie nach Berlin und arbeitete zunächst als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin. Viele Nächte schlief sie auf der Parkbank, weil sie kein Geld für ein Zimmer hatte. Und so landete sie in der Gosse, schlief mit Männern, um überhaupt ein Dach über den Kopf zu haben. Schließlich hatte sie Glück und ergatterte eine Stelle als Portiersfrau und lebte fortan mietfrei. Schließlich vermietete sie auch Zimmer an Juden.

Was sich von allen Helferinnen sagen läßt ist, daß es Leute waren, die meist aus einfachen Verhältnissen stammten: Menschen mit Herz.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Historikerin Barbara Schieb von der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin für Ihre Unterstützung bei meiner Recherche.

 

Meine Quellen:

Johannes Tuchel, Eine Frau in Berlin, DIE ZEIT Nr. 30/2012 v. 19.07.2012

Johannes Tuchel, Hedwig Porschütz, Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihrer Diffamierung nach 1945, Berlin 2010

Wikipedia: Hedwig Porschütz – Deutsche Widerstandskämpferin

Und Gad ging zu David. Die Erinnerungen des Gad Beck 1923-1945, Edition día 2012

Christina Herkommer, Rettung im Bordell, in: Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, Hrsg. v. Wolfgang Benz, Verlag C.H. Beck, München 2003

Else Krell, Wir rannten um unser Leben, Illegalität und Flucht aus Berlin 1943, hrsg. v. Claudia Schoppmann, Publikationen der Gedenkstätte Stille Helden, Band 5, Berlin 2015

Im Rahmen der Unterstützung der schwedischen Sexworker-Vereinigung Fuckförbundet, hat sich der Berufsverband in einer offenen Anfrage an die Schwedische Botschaft in Berlin gewendet. Wir unterstützen darin die Anliegen der schwedischen Kolleg*innen zur Entkriminalisierung von Sexarbeit und die Interessensvertretung von Sexarbeiter*innen.

Die neuesten bürokratischen Hürden, die dem schwedischen Verein in den Weg gelegt werden – diesem wird willkürlich die Eröffnung eines Bankkontos verwehrt – verurteilten wir in unserem Schreiben aufs Schärfste und regten einen Klärungsprozess an.

Im ihrem Antwortschreiben bat die Schwedische Botschaft um Verständnis, dass der Fall Fuckförbundet „leider nicht im Detail“ bekannt und daher keine Einschätzung möglich sei.

Bezüglich der Rechte schwedischer Sexarbeitender gewährt die Stellungsnahme der Botschaft jedoch generell einen aussagekräftigen Einblick in das Klima, in dem die Kolleg*innen arbeiten müssen.

„(…) Die Stärkung der Rechte und der Schutz von Sexarbeitenden waren ein zentrales Anliegen in der Ausarbeitung der schwedischen Gesetzgebung. Das Sexkaufverbot erfährt breite Unterstützung aus der Bevölkerung sowie Parteien des gesamten politischen Spektrums.

Mehr darüber, wie und warum es Fuckförbundet schwer gemacht wird, ein eigenes Konto zu eröffnen und was die Schwed*innen im Interview mit dem BesD selbst dazu sagen, lest ihr im Blogbeitrag: „Absurde Welt: Schwedische Sexwork-NGO darf kein Konto eröffnen“.

In ganz Schweden heißt es seit zwanzig Jahren: „Sexkauf verboten!“. In ganz Schweden? Nein! Eine von unbeugsamen Sexarbeiter*innen getragene Sexworker-Organisation mit dem klingenden Namen Fuckförbundet (zu Deutsch etwa: Fick-Verein) hört nicht auf, gegen die Doppelmoral Widerstand zu leisten …

Dass dieser Widerstand den schwedischen Kolleg*innen alles andere als leicht gemacht wird, zeigt erneut ein kürzlich bekannt gewordener Skandal: Zwei große schwedische Banken wiesen einen Kontoeröffnungsantrag des ehrenamtlichen Interessensverbandes mit fadenscheinigen Erklärungen ab. Fuckförbundet verlor durch die wahrhaft absurde Lage eine bereits bewilligte Förderung, die aufgrund des fehlenden Kontos nie ausgezahlt werden konnte. Der Verein kämpft mit Finanzierungsproblemen in einem Staat, der es Sexarbeiter*innen besonders schwer macht, für ihre Rechte einzutreten.

Fabienne Freymadl, Vorstandsmitglied des BesD und selbst aktive Sexarbeiterin, hat das Gespräch mit der schwedischen NGO gesucht. Das folgende Interview mit Emma von Linné, Mitglied des Lenkungsausschuss bei Fuckförbundet, wurde per Mail geführt und aus dem Englischen übersetzt. 

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Q: Wer oder was ist Fuckförbundet? Wofür steht ihr? 

A: Wir sind ein Peer-to-Peer Netzwerk, das schwedische Sexarbeiter*innen im Inland und Ausland unterstützt. Als Organisation arbeiten wir daran, die öffentliche Meinung zu Sexarbeit sowie den in der Sexarbeit tätigen Menschen zu ändern und eine Gesetzesänderung durchzusetzen.

Q: Kannst du das aktuelle politische Klima beschreiben, in dem ihr derzeit arbeitet? 

A: Schweden ist der Geburtsort des „nordischen“ beziehungsweise „schwedischen Modells“. Schon vor Inkrafttreten des Gesetzes 1999, hat die Regierung dieses für gut befunden und die Einführung auch für andere Länder empfohlen. 2010 erfolgte eine mangelhafte Evaluation, die das Modell als gut befand und alle negativen Auswirkungen des Gesetzes positiv bewertete. 

Wir arbeiten in einem Klima, in dem der Evaluationsbericht von Médecins du Monde (Anmerkung: international tätige humanitäre NGO mit Sitz in Frankreich) zu den Konsequenzen des schwedischen Modells in Frankreich ignoriert wird. Wir arbeiten in einem Klima, in dem Verbündete, die offen zu uns stehen, ihre Arbeitsplätze verlieren. Wir arbeiten in einem Klima, in dem wir nicht einmal ein Bankkonto eröffnen können. 

Q: Bekommt ihr Unterstützung von der schwedischen Regierung oder einer anderen schwedischen Organisation? 

A: Wir gelten als Minderheit, die sich gegen das schwedische Modell ausspricht und die es nicht wert ist, von der Regierung angehört zu werden. Dieselbe Regierung hat erklärt, dass jedwede „Prostitution“ eine Form der Gewalt von Männern gegen Frauen ist. Einige wenige Organisationen unterstützen unsere Standpunkte, aber die bekanntesten sind gegen uns.

Q: Ihr hattet vor kurzem Probleme bei der Eröffnung eines Bankkontos. Kannst du beschreiben, was passiert ist?

A: Bisher haben wir bei zwei großen schwedischen Banken ein Konto beantragt. Eine dritte Bank hat uns darauf hingewiesen, dass wir ihnen erst gar keinen Antrag schicken sollen – denn dieser würde abgelehnt werden. Die erste Bank lehnte uns mit der Begründung ab, dass „unsere Statuten gegen ihre ethischen Richtlinien verstoßen“. Die andere Bank erklärte, dass es ein Problem ist, dass unsere Mitglieder anonym sind – obwohl wir im offiziellen Unternehmensregister der Behörden sind.

Sie sahen außerdem ein Problem darin, dass wir in der Lage sein wollten, Spenden von wohlwollenden Besucher*innen unserer Website, sowie von Mitgliedern zu erhalten, da letztere eben anonym sind. Sie hörten nicht zu, als wir erklärten, dass Mitglieder, die Geld spenden wollen, es mit ihren richtigen Namen über die Website tun müssen – genau so, wie alle anderen.

Q: Was unternehmt ihr jetzt? 

A: Wir haben mit einer Anwaltskanzlei mit Fokus auf Migration und LGBT gesprochen, die uns helfen wollen und unsere Statuten, sowie den Eröffnungsantrag bei der nächsten Bank mit uns durchgehen werden. Eine dänische Organisation wird uns als Mittlerin bei anstehenden Förderungen unterstützen, bis wir unser eigenes Konto bekommen.

Q: Inwiefern schadet die Ablehnung eines Bankkontos dem Verein? 

A: Uns wurde vor über einem Jahr eine Förderung bewilligt, aber wir konnten diese nicht auszahlen lassen. Von den Banken, bei denen wir uns beworben hatten, wurden wir abgelehnt – und zu diesem Zeitpunkt hatten wir auch keine entsprechende Beziehung zu anderen Organisationen, die als Mittler einspringen hätten können. Der Verlust der Förderung bedeutet, dass wir uns Aktivismus und Projekte nicht wie geplant leisten können. Unsere Mitglieder sind uns finanziell zur Hilfe gekommen – ihnen wurde versprochen, dass sie ihr Geld zurückbekommen, sobald wir ein Konto haben.

Die Zeit ist verstrichen, wir konnten keine Lösung finden und die Förderung lief aus. Organisationen, die das schwedische Modell unterstützen, erhalten eine Menge Förderungen und können sich leisten, laut zu sein. Wir werden still gehalten – ohne Förderungen können wir uns nicht leisten, so laut zu sein, wie wir es sein müssten.

Q: Was für eine Art von Unterstützung oder Hilfe braucht ihr? 

A: Wir brauchen internationale Medien, die über die Situation in Schweden berichten und das schwedische Modell kritisieren. Schwedische Medien unterstützen das Modell überwiegend. Wir brauchen Organisationen, die die schwedischen Regierung, die Behörde für Gleichberechtigung und andere schwedische Organisationen dazu drängen, das schwedische Modell zu re-evaluieren.

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In Reaktion auf den Kontakt mit den schwedischen Kolleg*innen hat der BesD eine offene Anfrage an die schwedische Botschaft geschickt – mit unbequemen Fragen. Hier geht es zum korrespondierenden News-Beitrag. 

Diese Rezension wurde von Nadine, unserer Forschungsbeauftragten verfasst:

Dieses Jahr wurden mindestens zwei sehr großartige, wichtige Bücher von Sexarbeiterinnen über unsere praktische sowie politische Arbeit veröffentlichet: „Mein Hurenmanifest“ von Undine de Riviere in Deutschland und „Revolting Prostitutes“ von Juno Mac und Molly Smith in Großbritannien. In beiden Werken wird unter Anderem ausführlich über die Sexarbeitsbewegung in den jeweiligen Ländern erzählt und im zweiten vor allem, die verschiedenen Ansätze des Hurenaktivismus reflektiert. Ich möchte zunächst hinsichtlich meiner eigenen Wahrnehmung und Erfahrung mit Hurenaktivismus in Deutschland, die Ideen von Mac und Smith kritisch kommentieren.

Die Autorinnen sind junge sexarbeitende Aktivistinnen und engagieren sich seit 2009 in der Kollektive Sex Worker Advocacy and Resistance Movement (SWARM) in London. In ihrem Buch wird aus der britischen Perspektive der bisherige Kampf für Sexarbeitsrechte weltweit analysiert und kritisch ausgewertet, anhand von Beispielen von Gesetzesmodellen in verschiedenen Ländern. Im ersten Teil wird die Ideologie des Sexarbeitsaktivismus in Bezug auf die Rolle von Sex und Arbeit in der heutigen Gesellschaft dargelegt. Was die Sexarbeitsbewegungen weltweit gemeinsam haben, ist der Wunsch nach der Entkriminalisierung der Sexarbeit. Aber wie im „Revolting Prostitutes“ klar wird, sind die Ansätze unterschiedlich: Einerseits kann man sich auf die Grundrechte berufen um die Entkriminalisierung der Sexarbeit zu begründen, andererseits kann man sich als reine Arbeiter*innenbewegung präsentieren und die Entkriminalisierung durch das Recht auf mehr Arbeitsrechte als Teilnehmer*innen des Arbeitsmarktes begründen.

Generell vertreten Mac und Smith die marxistisch-inspirierte Meinung, dass Arbeit an sich einen ausbeuterischen Charakter hat und gehen mit diesem Ansatz ihren Aktivismus nach. Außerdem bestehen sie darauf, dass es gefährlich für die Sexarbeitsbewegung sei, mit dem Ansatz zu kämpfen, dass die Sexarbeit einen gesellschaftlichen Wert hätte oder dass die Sexarbeit ein selbstverwirklichender Beruf sein könne. Das würde ihrer Ansicht nach die Erfahrungen der Mehrheit von Sexarbeitenden, die für die Arbeit keinerlei Selbsterfüllung empfinden, sondern lediglich finanzielle Vorteile genießen, vertuschen. Die Bewegung sollte besser auf der arbeitsrechtlichen Schiene bleiben und das als Hauptbegründung für die Entkriminalisierung hervorheben, als sich auf die Grundrechte oder auf Freiheit zu berufen. Warum sich die beiden Ansätze ausschließen müssen wird im Buch leider nicht erläutert. Kann man sich im Kampf für mehr Anerkennung für Sexarbeit nicht sowohl auf die Arbeitsrechte als auch auf die Grundrechte berufen?

Die Autorinnen beschreiben die „Erotic Professionals“ (erotische Profis) als Typ-Aktivistin, die sich gerne auf ihr Recht sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen beruft und das Bild des klassischen „choice feminism“ (freie Wahl-Feminismus) vertritt. Beim Lesen dieser Beschreibung habe ich einige von uns im BesD wiedererkannt, denn viele von uns empfinden eine gewisse Leidenschaft bei unserer Arbeit, auch wenn wir in erster Linie finanziell motiviert sind. Mein Eindruck ist, dass wir das auch bei unseren Presseinterviews und in den Vorträgen, die wir deutschlandweit geben, so ausdrücken. Was ich allerdings problematisch finde, ist der Vergleich der erotischen Profis mit den Abolitionistinnen. Mac and Smith behaupten, dass beide Gruppen die eigentlichen Probleme in der Sexarbeit, nämlich die mangelnden Arbeitsrechte und die oft schlechten Arbeitsbedingungen, vertuschen und stattdessen ein schwarz-weiss Bild von der Sexarbeit propagieren würden, als könnte man nur von glücklichen Huren oder überlebende Opfer sprechen. In dem der Unterschied zwischen selbstbestimmter und nicht-selbstbestimmter Sexarbeit betont wird, würden außerdem erotische Profis dadurch implizit den Ansatz der abolitionistischen Opferhilfe unterstützen, nach dem Motto „Ja, es gibt ein Dunkelfeld, das von Zwang und Ausbeutung geprägt wird und die Betroffenen müssen geholfen werden, aber wir gehören eben nicht dazu.“ Das Argument läuft darauf hinaus, dass wenn wir uns als Sexarbeitsaktivistinnen nicht genug mit dem Thema Menschenhandel beschäftigen, heißt es, dass wir einen Schwamm über die Problematik wischen würden. Das ist glücklicherweise zu kurz gedacht. Der Vorschlag, dass wir uns eindeutiger mit tatsächlichen Opfern von Menschenhandel solidarisieren sollten ist begrüßenswert, aber wenn wir nebenbei auch auf unsere Selbstbestimmungsfähigkeit und unsere Grundrechte hinweisen, heißt das nicht, dass wir das Problem Menschenhandel verharmlosen oder dass wir tatsächliche Opfer übergehen würden.

Die Einstellung, dass Sexarbeit auch eine Berufung sein kann wird als Symptom einer neoliberalistischen Arbeitsethik zynisch eingeordnet. Aber was muss daran so kontrovers sein, Selbstverwirklichung und Erfüllung durch die Arbeit zu empfinden? In unserem Zeitalter und vor allem in der Arbeitsgesellschaft in der wir uns befinden, versuchen wir ja das Beste daraus zu machen und dazu kann doch gerne die Suche nach einer Erwerbstätigkeit, die uns auch ein wenig Freude bereitet, dabei sein. Es muss nicht alles gleich als bedauerliche Reproduktion neoliberalistischer Ideologie abgestempelt werden.

Im letzten Kapitel wird auch über das Ende der Sexarbeit philosophiert, welches die Autorinnen in der Erhöhung arbeitsrechtlicher Standards und vor allem mehr Rechte für Migrantinnen sehen, damit „keine® mehr Sexarbeit machen muss und die Sexarbeit unnötig wird“ (S. 215). Vielleicht hätten sie besser schreiben sollen, damit „keine Arbeit mehr nötig ist und keine® mehr arbeiten muss,“ denn solange das kapitalistische System noch so bleibt wie es ist, in dem der Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen betrieben werden muss um das Lebensunterhalt zu sichern, wird es auch immer das Angebot von erotischen und sexuellen Dienstleistungen geben, unabhängig davon, wie viele Arbeits- und Sozialrechte noch gewonnen werden. Außerdem wird die Nachfrage nach Sex und Erotik auch nicht so schnell verschwinden. Die eigentliche Frage ist, wie Menschen an dieses Bedürfnis oder an dieses Verlangen an sexuellen und erotischen Erlebnissen kommen werden, ob umsonst oder durch Bezahlung. Eine sexpositive Aussicht auf das Ende der Sexarbeit wäre eine Welt in der die Demokratisierung der Lust angestrebt wird, so dass keine® mehr den Sinn darin sehen würde, für sexuelle Dienstleistungen zu bezahlen.

Man darf nicht vergessen, dass der nationale Kontext aus dem die Autorinnen schreiben ein anderer ist als unserer. Auch wenn der Sexkauf und –verkauf nicht verboten sind, werden in Großbritannien leider immer noch Betriebsstätte für sexuelle Dienstleistungen kriminalisiert, was oft schlechte Arbeitsbedingungen und fragwürdige Kundschaft verursacht. Betreiber*innen vermischen sich daher ungerne öffentlich in die Sexarbeitsbewegung und Sexarbeitsaktivistinnen dort erkennen keine gemeinsamen Interessen mit Betreiber*innen, die oft einfach als unterdrückende Kapitalisten gesehen werden. Trotzdem gibt es sehr ähnliche Diskurse innerhalb der deutschen und der britischen Bewegungen, die wir bei unserem Aktivismus reflektieren können. Es ist sinnvoll unser Handeln zu reflektieren und die Bedeutung unserer Ansätze für den Kampf für mehr Rechte zu überdenken. Wir sollten uns aber nicht zu sehr mit diesen Unterschieden beschäftigen, sondern vielmehr die Gemeinsamkeiten unserer Ansätze suchen, um solidarisch zu bleiben.

Zu dieser Rezension hat Mademoiselle Ruby folgenden Beitrag ergänzt:

Also, ich habe ein paar begriffliche Probleme mit dem Beitrag, die ich mal ansprechen möchte. Für all die, die mit der Terminologie rund um dieses Thema Aversionen verbinden, ich kann das gut nachvollziehen, aber finde, wir kommen hier ohne diese Begriffe nicht weiter.

Für mich ist der Ansatz von den Autorinnen nicht „marxistisch inspiriert“ sondern hat relativ wenig mit der sozialistischen Interpretation von Arbeit zu tun. Nicht die Arbeit als solche ist das Problem, sondern deren Entfremdung und die Aneignung durch die herrschende Klasse. Wer das verkürzt darstellt, kommt am Ende auch zu so verkürzten Schlussfolgerungen wie anscheinend in dem Buch. Natürlich steht Sexarbeit heute im gesamtgesellschaftlichen Spannungsfeld des späten Kapitalismus und trägt dadurch Züge von Entfremdung, Ausbeutung und hat – ich bleib mal im Slang: einen deutlichen Klassencharakter. Marx und Engels wollten aber auch nicht die (Sex)Arbeit als solche abschaffen, sondern deren repressiven Charakter und ihre Ausbeutung beheben und gesamtgesellschaftlichen Nutzen generieren, über die Klassen- und Ländergrenzen hinweg.

Die Frage nach Sex und Sexarbeit kann in meinen Augen nicht ohne den sozialen Background der Zeit betrachtet werden. In der spätkapitalistischen Gesellschaft sind Zeit, Nähe, zwischenmenschliche Beziehungen und Wohlstand Privileg oder Mangel“ware“. Sex als Ware unterliegt genau den gleichen miesen Konditionen, wie alle Arbeit und ihre Produkte sonst auch, und wird entsprechend gehandelt. Dennoch ist die Sexualität wie auch die Kreativität ein Grundbedürfnis des Menschen, in denen sich, auch das aus marxistischer Sicht, manchmal ein Freiheitsbegriff abbildet, der seiner Zeit weit voraus ist – Stichwort Avantgarde (bitte ohne die Kulturarroganz, die dieser Begriff leider manchmal impetto hat, verstehen). Es bilden sich dort Bedürfnisse und fast schon Utopien ab, die der Mensch denken kann, weil sie möglich sind.

Manchen von uns Sexworkern gelingt eine gewisse Unabhängigkeit von materiellen Zwängen. Folgt man dem Ansatz von Mac und Smith, dann würden diese Repräsentant*innen nicht weiter für Rechte, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Entfremdung der Ware Sex eintreten, sondern allein durch ihre privilegierte Stellung die anderen, weniger privilegierten Vertreter*innen verhöhnen. Aber das ist doch gar nicht der Fall. Ich denke, wir müssen offen und realistisch sein, sensibilisiert für die Unterschiedlichkeit der Bedingungen die Sexarbeiter*innen weltweit erleben. Eine klare Perspektive sollte nicht sein, die Rechte von Sexarbeiter*innen von denen anderer Arbeiter*innen abzukoppeln sondern zu verstehen, wieso die Situation so scheiße ist, und welche Faktoren uns verbinden.

Die Gefahr ist immer nur noch realpolitisch zu agieren, und wie die Gewerkschaften auf Nachbesserungen zu drängen, ohne aber das Gesamte in Frage zu stellen. Wenn man das macht, kommt man schnell zu diesem Begriff, den auch Marx und Engels schon benannten: Arbeiteraristokratie (kleinbürgerliche Strukturen, die sich anpassen, und nicht an die Kernfrage ran gehen.
Für mich sind also hier die zentralen Frage: Wie vermeidet die weltweite Bewegung von Sexarbeiter*innen (Sex)Arbeiteraristokratie oder ausschließliche Anpassung an die politischen Strukturen? Wie bleiben wir solidarisch und kultivieren nicht unser Privileg?

Das soll nicht heißen, dass wir keine politischen Forderungen mehr stellen, oder keine Nachbesserungen begrüßen, aber es heißt, dass sich die Sexarbeiter*innenbewegung über Perspektiven Gedanken machen müsste.