Beiträge

Wer sind wir?

Wir sind eine Gruppe von Tänzer*innen, die neben- oder hauptberuflich im Bereich erotische Dienstleistung tätig sind und unseren Hauptarbeits- und Wohnsitz in Berlin haben. Mit dem BSC wollen wir ein Unterstützungsnetzwerk für Stripper*innen aufbauen und den Austausch unter Kolleg*innen fördern. Bisher sind die meisten von uns Migrant*innen, die schon in verschiedenen europäischen Städten gearbeitet haben. Bei der Gründung des BSC haben wir uns vom Erfolg des –> East London Strippers Collective inspirieren lassen – übrigens teilen wir auch ein Gründungsmitglied mit den englischen Kolleg*innen.

Warum haben wir uns zusammengeschlossen?

Die persönlichen Hintergründe, die Kolleg*innen in diesem Bereich mitbringen, sind vielfältig: Da gibt es die Studentin aus Süddeutschland, die ihre frivole Seite ausleben und dabei ihre Rechnungen zahlen möchte. Da ist die Künstlerin aus Australien, die sich durch das Strippen ihren Freiraum für andere Projekte finanziert. Die Ur-Berlinerin, die unter der Woche eine Ausbildung als Bürokauffrau macht und am Wochenende im Stripclub arbeitet, um ihr Einkommen aufzustocken. Die junge Mutter aus Rumänien, die jeden Monat ihre Einnahmen nach Hause schickt, um ihre Familie zu unterstützen.

Wir sind alle unterschiedlich, doch wir haben auch viel gemeinsam: Als Sexarbeiter*innen werden wir gerne von der Gesellschaft übersehen oder von den Medien in schlechtem Licht dargestellt. Viele von uns müssen ihre Arbeit im privaten Umfeld verstecken.

Leider ist der Austausch unter den Tänzer*innen in der Berliner Striptease-Szene bisher gering. Mit dem BSC wollen wir das ändern! Jeder und jedem von uns kann das Gefühl von Gemeinschaft, Solidarität und Unterstützung untereinander helfen. Indem wir uns austauschen und zusammen halten, können wir unsere Stimme in der Gesellschaft hörbar machen und für die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen und die Akzeptanz von Menschen aus der Sex- und Erotikarbeit kämpfen.

Was sind unsere Ziele?

  • Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Stripclubs und Tabledancebars
  • Akzeptanz und Entstigmatisierung unserer Tätigkeiten
  • Die Anerkennung von Striptease – nicht nur als Arbeit, sondern auch als Kunst!
  • eine stärkere Vernetzung untereinander: z.B. für Erfahrungsaustausch, Diskussion von Arbeitsweisen, Austausch über zusätzliche oder unabhängige Einkommensquellen, hilfreiche Tipps & Tricks für Einsteiger*innen usw.
  • gemeinsame Aktionen und Treffen
  • eine Plattform für Unterstützung und hilfreiche Angebote für Stripper*innen

Erste Initiativen des BSC

  • Life Drawing Sessions / Mal-Abende 

Seit seiner Gründung veranstaltet das BSC regelmäßige „Life Drawing Sessions“, Mal-Gelegenheiten der besonderen Art für Künstler*innen und alle, die gerne Menschen live zeichnen. Ob wir im klassischen Stripclub oder im queer-feministischen Nachtclub waren – das Echo auf die Aktion war jedes Mal extrem positiv. Ein BSC-Mitglied tanzt dabei an der Stange, während Kolleg*innen verschiedene Posen vorschlagen und zwischen den zeichnenden Gästen und ihrem Modell vermitteln. Zum Schluss inszeniert die Tänzerin oder der Tänzer einen Lapdance, der ebenfalls auf Zeichenpapier gebannt werden darf.

Die bisher sieben Veranstaltungstermine waren gut besucht und haben eine Menge Student*innen der Universität der Künste angelockt, die normalerweise wahrscheinlich eher selten in Kontakt mit Stripper*innen kommen – ein erster Erfolg in Sachen Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz. Aufgrund der Corona-Krise planen wir gerade, weitere Termine über Online-Streaming anzubieten. Sobald es so weit ist, —> findet ihr hier mehr.

  • „Ask a Stripper“ – Öffentliche Fragerunden

Seit seiner Veröffentlichung verbreitet der Hollywood-Film „Hustlers“ (2019) leider jede Menge negative Stereotype über Stripperinnen. Dem wollten wir entgegenwirken: Als der Film in Deutschland ins Kino kam, wurde das BSC von verschiedenen Kinos in Berlin eingeladen. Unsere Mitglieder standen nach den Vorführungen für offene Fragerunden im Publikum bereit, unter anderem auch im Soho House Berlin anlässlich des Internationalen Frauentags. So konnten wir zumindest einigen Kino-Besucher*innen ein realitätsnäheres Bild unserer Tätigkeit vermitteln, Stigmatisierung entgegenwirken und unsere Arbeit auch ein Stück weit „ent-sensationalisieren“. Motto: Sprecht mit uns, nicht über uns! 🙂

Weitere Aktionen sind bereits in Arbeit …

  • Vernetzung mit Veranstalter*innen in der Musik- und Partyszene

Ein wichtiges Thema im BSC ist der Zugang zu vielfältigeren und unabhängigen Einkommensquellen. Viele Stripper*innen tolerieren mangels Alternativen die teilweise schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche. Einige von uns fahren hingegen bereits „mehrgleisig“ und sind auch in Betrieben außerhalb der klassischen Sexarbeit, zum Beispiel in Szeneclubs wie dem Kit Kat Club oder dem Kater Blau tätig. Der BSC will sich als Anlaufpunkt für verschiedene Veranstalter*innen und Clubs etablieren und unseren Mitgliedern die Sicht für Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des „klassischen“ Stripclubs ermöglichen.

  • „Pop Up-Stripclub“

Die Idee ist, per spontan entstehendem Stripclub einem vielfältigeren Publikum das Stripclub-Konzept  und unsere Arbeit näher zu bringen. Langfristig suchen wir nach Wegen, einen Arbeitsplatz nach unseren eigenen Regeln zu realisieren: Ein Raum wo Kreativität und Innovation willkommen sind und Tänzer*innen, die das wollen, auch in unternehmerische Entscheidungen eingebunden sein können.

  • Gemeinsame Aktionen mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen

Sobald die Coronakrise vorbei ist und wir Menschen uns wieder persönlich näher kommen können, wünscht sich das BSC eine baldige Vernetzung und Zusammenarbeit mit dem BesD. Manche unserer Mitglieder sind auch in anderen Bereichen der Sexarbeit tätig oder daran interessiert. Obwohl reine Stripperinnen zum Beispiel nicht direkt nicht vom Prostituiertenschutzgesetz betroffen sind, verstehen viele von uns sich als Sexarbeiter*innen. Wir alle verkaufen erotische und sexuelle Fantasien – dass wir dies auf unterschiedliche Art und Weise tun, sollte uns nicht davon abhalten, zusammen zu halten!

Updates zum BSC

Hier  geht es —> zu unserer Website und —> Blogbeiträgen unserer Mitglieder. Um keine Neuigkeiten zu verpassen, kannst du hier  —> unsere Facebook-Seite abonnieren.

 


Dieser Beitrag stammt aus der Feder der Berliner Sexarbeiterin Trixie. Sie ist als Beirätin für Forschung & Wissenschaft im Berufsverband tätig und seit letztem Herbst auch Gründungsmitglied des —> Berlin Strippers Collective (BSC).

(c) Titelbild:  Ida Marie Tangeraas

KOK Policy Menschenhandel Flucht

Policy Paper »Flucht & Menschenhandel – Betroffene erkennen, unterstützen, schützen«

Der bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK e.V.) hat einen neuen Bericht über die Identifizierung von Opfern von Menschenhandel in Deutschland veröffentlicht. Hintergrund für diesen Bericht ist die Beobachtung, dass in den letzten drei Jahren die Zahl der Asylsuchenden in Europa stark angestiegen ist. Laut dem Bericht wurden in 2016 in Deutschland 745.545 Asylanträge gestellt, davon 34,3% von Frauen. Es wird auf Reportagen von der UNO hingewiesen, die berichten, dass viele Menschen auf der Flucht oft ausbeuterischen Situationen ausgesetzt und von Menschenhandel betroffen sind, jedoch bleibt die Identifizierung und Unterstützung der Betroffenen eine große Herausforderung. Hauptursachen hierfür wären eine fehlende Sensibilisierung der behördlichen Mitarbeiter*innen im Asylverfahren und ein Mangel an Wissen unter den Betroffenen über ihre Rechte in Deutschland.

Es wurden mehrere Interviews mit Mitarbeitenden bei verschiedenen KOK-Beratungsstellen für Opfer von Menschenhandel geführt, um herauszufinden, aus welchen Ländern die meisten Ratsuchenden kommen und welche Erfahrungen geschildert werden. Ein interessantes Ergebnis der Interviews ist, dass die Herkunftsländer der meisten Ratsuchenden zum Thema Menschenhandel in den Beratungsstellen sich nicht mit der Statistik vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu den Hauptherkunftsländern der Geflüchteten deckt. Laut dem BAMF sind Geflüchteten aus den drei Hauptherkunftstländern Syrien, Afghanistan und Irak häufig vor, während und nach der Flucht ausbeuterischen Situationen ausgesetzt, unter anderem sexueller Ausbeutung. Die Beratungsstellen berichteten hingegen, dass die meisten Fällen von sexueller Ausbeutung aus westafrikanischen Ländern, wie z.B. Nigeria kommen. Alle befragten Beratungsstellen berichteten von einem Anstieg der Fälle sexueller Ausbeutung seit 2015. Es werden dann Gründe präsentiert, wieso viel weniger Opfer von Menschenhandel aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak als aus Nigeria nach Hilfe gegen sexuelle Ausbeutung suchen und wie diese besser erreicht werden können.

Ein Grund, der ausführlich beschrieben wird, ist die fehlenden Informationen bei Betroffenen über ihre Rechte. Die meisten Asylsuchenden verfügen zum größten Teil nicht über ausreichendes Wissen zu ihren rechtlichen Möglichkeiten in Deutschland, obwohl nach den Bestimmungen der EU-Asylverfahrensrichtlinie, Geflüchtete einen Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung während des gesamten Asylverfahrens haben. Wenn Betroffenen nicht mal bewusst ist, dass sie rechtlich gegen ihre Ausbeuter vorgehen können, erzählen sie oft nicht von ihren Erfahrungen. Im Paper wird auch betont, dass viele aus Scham oder Verunsicherung ihre Fluchtgründe weder vor den Behörden noch vor den Sozialberater*innen offenlegen wollen. Was nicht im Paper behandelt wird und was für eine Folgestudie eventuell interessant wäre, ist die Frage, wie es kommt, dass Betroffene aus westafrikanischen Ländern eher als Betroffene aus anderen Ländern dazu neigen von ihrer sexuellen Ausbeutung zu erzählen. Vielleicht könnte aus einer Untersuchung dieser Tatsache etwas über die unterschiedliche Wahrnehmung und Erfahrung des Asylverfahrens verschiedener Herkunftsgruppen gelernt werden.

Zum Schluss werden sinnvolle (aber nicht unbedingt neuartige) Handlungsempfehlungen vorgeschlagen:
Die Betroffenen müssten irgendwie besser über ihre Rechte in Deutschland aufgeklärt werden, damit sie auf die Idee kommen eine Beratung in Anspruch zu nehmen.
Asylberater/innen müssten mehr sensibilisiert werden um Betroffene besser identifizieren zu können.
Die Vernetzung von Beratungsstellen und Flüchtlingsheime müsste verbessert werden.
Verkürzte Asylverfahren sollten nicht zu Lasten einer gerechten Anhörung gehen. Betroffene sollten auch bei einem beschleunigten Verfahren genug Ruhe und Zeit haben um „erlittene Menschenrechtsverletzungen als Asylgründe vorbringen zu können.“

Interessant sind die Nachteile eines beschleunigten Asylverfahrens, die im letzten Teil des Papers betont werden. Es wird sonst oft über die (zu) langen Asylverfahren berichtet, die Asylsuchende in eine aussichtslose Warteschleife ohne klaren Aufenthaltsstatus zwingen. Ein verkürztes Asylverfahren sollte dann eigentlich im Sinne der Asylbewerber*innen sein, aber wie im Paper ausgeführt wird, kann ein voreiliges Verfahren sogar Nachteile für Betroffene von Menschenhandel bringen.

Der BesD befürwortet eine bessere Unterstützung von Betroffenen von Menschenhandel zur Arbeits- oder sexuellen Ausbeutung und erkennt die Wichtigkeit der Wissensverbreitung bei den Betroffenen an. Wir fordern konkrete und hilfreiche Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, anstelle von diskriminierenden Gesetzen zur Eindämmung der Sexarbeit.

Morgen am 1.7.2017 tritt das heftig umstrittene und viel kritisierte ProstituiertenSchutzGesetz in Kraft.

Bundesweit protestieren Mitglieder des neuen Bündnis „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ mit plakativen Aktionen. Auch der BesD ist Bündnispartener.

Die offizielle Presseerklärung gibt es hier zum Download: Presseerklärung 30.06.2017 Sexarbeit ist Arbeit BERLIN

by Freddy Strack

 

Berlin, 31.05.2017. Die Proteste gegen das neue „Prostituiertenschutzgesetz“ halten an. Am Freitag, dem 2.6., am internationalen Hurentag, finden folgende Veranstaltungen mit Unterstützung des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. statt:

Berlin: Vorstellung der Kampagne SEXARBEIT IST ARBEIT. RESPEKT!

Pressekonferenz am 2. Juni 2017 um 11.00 Uhr

HUZUR Nachbarschaftstreffpunkt
Bülowstraße 94/ Ecke Frobenstraße
10783 Berlin.

Vollständige Einladung als pdf

Berlin: Prostituierte laden ein

Netzwerke von Prostituierten (ICRSE, Hydra e.V., BesD) (1) werden am Freitag, dem 2. Juni in Berlin-Kreuzberg auf einer öffentlichen Veranstaltung mit Podiumsdiskussion und Filmen ein Positionspapier zum neuen „Prostituiertenschutzgesetz“(2) veröffentlichen, das von den meisten Betroffenen als würdelos und als Zumutung gesehen wird.

2. Juni 2017
17.00 Uhr
bei Triq, Glogauerstr. 19, Berlin-Kreuzberg

Vollständige Einladung als pdf

Hamburg: Registrierungsbehörde am Hauptbahnhof

„Achtung, Sie betreten nun einen Sexarbeitsplatz! Haben Sie denn auch Ihren Hurenausweis dabei?“

Auf der St. Georg-Seite des Hauptbahnhofes, gegenüber dem Schauspielhaus, werden Aktivist_innen zwischen 11:00 Uhr und 14:00 Uhr eine „Registrierungsbehörde“ einrichten, „Hurenausweise“ ausstellen und interessierte Passanten als Hure oder Stricher „abstempeln“. Pressebegleitung erwünscht!

Ebenfalls am internationalen Hurentag wird im Bundesrat die „Verordnung über das Verfahren zur Anmeldung einer Tätigkeit als Prostituierte“ verkündet, die die Details zum Anmeldeverfahren regeln soll. Hier wurden bisher nicht einmal die von vielen Experten angemahnten Maßnahmen zur Schadensbegrenzung berücksichtigt, wie zum Beispiel den „Hurenpass“ optisch neutral zu gestalten, um die Gefahr eines zufälligen Outings geringer zu halten.

Wie in unseren schlimmsten Befürchtungen soll es sich um ein von jedermann lesbares Papierdokument handeln, das nicht nur ein biometrisches Lichtbild enthalten, sondern auch auf der Vorderseite den Text „Die Inhaberin/der Inhaber dieses Dokumentes hat eine Tätigkeit nach §3 ProstSchG angemeldet“ enthalten soll.

Bundesrat-Drucksachen

Unser Widerstand gegen diesen „Schutz“, der vielmehr eine Diskriminierung, Verletzung unserer Grundrechte und Gefahr für uns bedeutet, wird nicht nachlassen. Mitglieder des BesD und viele weitere Sexarbeiter_innen bereiten derzeit eine Verfassungsbeschwerde gegen das ProstSchG vor.

Infos zum „Prostituiertenschutzgesetz“

Gesetzestext

Verfassungsbeschwerde gegen das ProstSchG

Der BesD e.V. unterstützt den Spendenaufruf zur Finanzierung der Verfassungsbeschwerde, organisiert von Doña Carmen e.V.

Das Prostituierten-„Schutz“-Gesetz tritt zum 1.7.2017 in Kraft und wird die Rechte von Sexarbeiter*innen massiv einschränken. Es bestehen erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken, die im Rahmen einer Verfassungsbeschwerde geklärt werden müssen.

Helfen Sie uns Sexarbeiter*innen, für unsere Grund- und Menschenrechte zu kämpfen.

Spenden Sie jetzt!