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Dr. Stephan Alder, Mitglied beim Verband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP) postulierte vor kurzem auf der Vereins-Website: „Prostitution macht krank“ – und sorgte damit in der Sexworker-Community für eine Menge gerunzelter Stirnen. Wir dürfen hier auszugsweise aus der öffentlichen Antwort von Sonja Dolinsek zitieren – den gesamten Text lest ihr  in ihrem Blog. 

Unter anderem weist die Historikerin und Sexwork-Forscherin Dolinsek darauf hin, dass „Prostituierte historisch schon immer als „kranke“, nicht-normale Frauen, als Menschen zweiter Klasse gesehen wurden, die „krank“ sind und deshalb eine Bevormundung brauchen […] Es war bei Prostitution nicht anders als bei Homosexualität und anderen Formen dessen, was man in der Vergangenheit „sexuelle Devianz“ nannte.“

Sie erklärt, warum sich ein Verbot von Prostitution nicht aus einigen Therapie-Erfahrungen ableiten lässt, denn „schließlich müsste man ja – bei vergleichbaren Diagnosen – sicherlich auch viele andere Realitäten verbieten, die Ehe, die Elternschaft, die Familie, Partnerschaft.“

Sie warnt davor, „jede psychische Symptomatik auf die Sexarbeit zurück[zu]führen“ und betont, dass Prostituierte zwar in höherem Maß Gewalt ausgesetzt sind, die Forschung hierzu aber „[…] einen klaren Befund [bietet]. Die anhaltende Verachtung und oft Kriminalisierung der Prostitution ist die Ursache dafür und Prostituierte erfahren mehr Gewalt, wo Prostitution verboten ist.“

„Herr Alder begeht den Fehler, nicht zwischen Prostitution und unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und deren Hintergründe zu differenzieren.“ so Dolinsek, die am Ende ihres Briefes auf zahlreiche Quellen aus der Forschung verlinkt.

Lesenswert: Hier geht es zum kompletten Brief an die BVVP: –> „Die Verachtung der Sexarbeit macht krank“.

Bei allen Lockerungen vielerorts ist für manche Kolleg*innen noch immer kein Ende des Arbeitsverbots in Sicht! 

Wir unterstützen daher den Appell des BSD, sich an der Unterschriften-Aktion „Bordelle öffnen! Sexarbeit gleichstellen!“ zu beteiligen. Bitte teilt dazu diesen Link mit allen Sexarbeitenden und Unterstützer*innen:

—-> https://sexarbeit-gleichstellen.de/ 

Trotz der positiven Berichte aus anderen Bundesländern und der mittlerweile seit vielen Monaten vorhandenen Hygienekonzepte, ist die Sexarbeit in Mecklenburg-Vorpommern und Hessen nach wie vor gänzlich verboten.

In anderen Bundesländern bestehen teils schwere Einschränkungen, zum Beispiel für den Straßenstrich in Niedersachsen. Jene Bundesländer, die immer noch kein Einsehen zeigen, fordern wir auf, endlich der Ungleichbehandlung ein Ende zu setzen und den Sexarbeitenden Perspektiven zu bieten.

Auch ungerechte Einschränkungen der Sexarbeit, die für andere körpernahe Dienstleistungen NICHT gelten, müssen ein Ende finden!

Eine präzise Übersicht über die laufend aktualisierten Verordnungen bezüglich des Gewerbes findet sich auf der Website von Dona Carmen und auf unserer Corona-Hilfeseite.

Dieser Text stammt aus der Feder von Charlie Hansen, angestellte Mitarbeiterin des Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Im Rahmenprogramm der kommenden ersten virtuellen Mitgliederversammlung des Vereins leitet sie gemeinsam mit Caspar Tate die AG  „Diversität und Awareness“. Das erste Treffen der AG findet am 12. Oktober um 16:00 statt – BesD-Mitglieder die teilnehmen möchten, finden die Anmeldemöglichkeit im Forum und unserer Telegram-Gruppe, beziehungsweise können sich direkt bei Charlie unter charlie@besd-ev.de melden. 


Wir als Sexarbeiter*innen kennen uns aus mit Diskriminierungen. Als Sexworker sind wir vielen Vorurteilen und Beleidigungen ausgesetzt. Andere Menschen reden schlecht über unseren Job und teilweise trauen wir uns auch nicht offen zu sagen, dass wir Sexarbeit machen. Das Stigma ist mächtig und es kann uns überall begegnen.

Man könnte jetzt davon ausgehen, dass wir als Menschen mit solchen Diskriminierungserfahrungen sensibel gegenüber anderen Formen von Diskriminierung sind und es innerhalb der Sexworker-Gemeinschaft einen Raum gibt, in dem zumindest weniger diskriminiert wird, als in der Durchschnittsgesellschaft…

Doch so einfach ist es leider nicht!

Viele Kolleg*innen in der Sexarbeit sind weiteren Formen von Diskriminierungen ausgesetzt – weil sie keinen deutschen Pass haben, kein Deutsch sprechen, dick sind, weil sie nicht weiß sind, weil sie keine Bildungstitel haben oder Be*hindert sind oder weil sie nicht hetero sind, einen Transhintergrund haben, queer sind oder oder …  Im Endeffekt erleben alle Menschen, die nicht weiß, gebildet, und einer gewissen Norm entsprechend, gesund und cis sind permanent Diskriminierung.

Auch innerhalb der Community passiert das ständig. Auch wir grenzen andere und Kolleg*innen permanent aus und sind verletzend gegenüber Menschen, die nicht-weiß, nicht-deutsch, disabled, dick oder nicht-cis sind.

Das ist nicht nur traurig, sondern schadet auch unserer Community – wir schließen mit unseren Aussagen und Handlungen viele Menschen, die unsere Kolleg*innen sind aus und verpassen so die Chance, uns flächendeckend und als große Community der Sexworker zu solidarisieren und unsere Kräfte zu bündeln.

Zuletzt gab es innerhalb des BesD eine Diskussion über Rassismus und andere -ismen und es war erschreckend zu sehen, wie in eben dieser Diskussion Vorurteile und Rassismen reproduziert wurden. Die Betroffenen, die diese Diskussion angestoßen haben, haben sich aus der Diskussion aus Selbstschutz enttäuscht zurückgezogen.

Erschreckend, aber für mich auch lehrreich.

Mir ist dadurch bewusst geworden, dass wir uns unbedingt mehr mit dem Thema auseinandersetzen müssen! Der Vorwurf der BesD wäre ein Verband der Elitären & Privilegierten ist nicht unbegründet. Wir haben Mitglieder aus allen Bereichen der Sexarbeit und mit verschiedensten Nationalitäten – aber wir sind auch ein ziemlich weißer und deutscher Verband – und das obwohl die Mehrzahl der in Deutschland arbeitenden Kolleg*innen in diesen demographischen Faktoren nicht abgebildet wird.

Der BesD ist kein Ort, an dem sich alle wohl und willkommen fühlen. Das liegt auch daran, dass viele unserer aktiven Mitglieder nach außen wie nach innen mit diskriminierender und verletzender Sprache kommunizieren. Die meisten, die bei uns aktiv sind, sind weiß, cis und schlank.

Ich selbst bin cis, weiß, habe einen Uniabschluss und obwohl ich mich als Antirassistin bezeichne, musste ich in den letzten Wochen feststellen, dass ich ständig Diskriminierungen und Rassismen reproduziere – das steckt unglaublich tief in uns drin.

Wir alle tun das! Ständig!! Jede*r der behauptet sich nie rassistisch oder diskriminierend zu äußern, hat sich noch nicht ausreichend mit dem Thema auseinandergesetzt. Privilegierte nehmen die alltäglichen Diskriminierungen meist gar nicht wahr – weil mensch nicht davon betroffen ist. Man muss also absolut kein*e Rassist*in sein, um rassistisch zu reden und Rassismen zu reproduzieren. Kaum jemand diskriminiert absichtlich – es geht also nicht um Schuldzuweisungen – es geht darum konstruktiv und neugierig zu sein und zu überlegen, wie man es besser machen kann. Es geht nicht darum, was man sagen darf, sondern was man sagen möchte – es geht um Verantwortung.

Personen, die diese Diskriminierungserfahrungen nicht persönlich machen mussten, sind ihnen gegenüber oft nicht sensibilisiert* und müssen erst durch viel Einfühlungsvermögen lernen, Diskriminierung überhaupt zu erkennen und auch zu erkennen, wann sie sie selbst ausüben.

Hier möchte ich gerne mit euch teilen, was ich in den letzten Wochen gelernt habe:

Ich weiß, dass viele erst mal denken: Was darf ich überhaupt noch sagen…? Dann sag ich lieber nichts mehr…? Ich habe Angst was Falsches zu sagen…

Vorab: Ich möchte nicht, dass es darum geht ab sofort alles richtig zu machen – das geht schlicht nicht. Aber ich wünsche mir eine Kultur, in der alle interessiert sind dazuzulernen.

Es ist nicht schlimm, einen Fehler zu machen oder sich falsch auszudrücken, aber es ist ein Problem, wenn die selben Diskriminierungsformen trotz Kritik immer wieder verwendet werden und wir so unsere Kolleg*innen aus dem Verband mobben.

Ich wünsche mir sehr, dass wir uns als Verband gemeinsam auf diesen Weg machen. Das ist kein Thema, das wir abarbeiten, sondern etwas, was wir mitdenken lernen müssen! Ein Thema, zu welchem wir immer wieder diskutieren und uns miteinander und jede*r für sich auseinandersetzen müssen. Wenn wir das nicht tun, ist unsere Arbeit an vielen Stellen einfach Heuchlerei – wir verlangen, dass sich die Welt in Bezug auf Sexarbeit endlich ändert und sind nicht bereit uns selbst zu ändern…?

Ich wünsche mir, dass sich in Zukunft auch mehrfachdiskriminierte Menschen bei uns wohl fühlen und Lust haben sich bei uns zu beteiligen. Ich wünsche mir, dass unser Verband vielfältiger und diverser wird.

* Anmerkung: An dieser Stelle stand ursprünglich, dass Menschen, die gewisse Diskriminierungserfahrungen nicht selbst erlebt haben diesen gegenüber „blind sind“. Wir haben das geändert, da dies eine ableistische Metapher ist. Denn die Leute sind ja nicht wirklich _unfähig_, Dinge zu sehen (Blindheit ist nicht steuerbar), sondern haben sich einfach noch nie tiefergehend damit auseinandergesetzt (was sehr wohl steuerbar ist).

Dieser Beitrag stammt von Sexarbeiterin und BesD-Mitglied Nadine Kopp. Im Rahmenprogramm der kommenden ersten virtuellen Mitgliederversammlung des Vereins leitet sie die Austauschrunde „Sexarbeit und Schönheitsideale“.  BesD-Mitglieder die teilnehmen möchten, finden die Anmeldemöglichkeit im Forum und unserer Telegram-Gruppe, beziehungsweise können sich deshalb bei Charlie unter charlie@besd-ev.de melden. 


Mit meiner wohlgeformten, gut proportionierten Körperfülle, meinen ausgeprägten Rundungen, meiner offensichtlich geprägten Haut, und meiner auffällig langen, weichen, wuschelig in Lila getränkten Haarpracht fühle ich mich wohl. Ich bin humorvoll, lache laut, bin offen und direkt. Ich trete selbstbewusst auf und liebe mich so wie ich bin.

Schon allein das passt nicht jedem und ich werde leider oft diskriminierend behandelt.

Sätze wie: „Oh mein Gott, wie kann man nur so fett sein und so auffällig rumlaufen!“ sind da eher harmlos… Damit kann ich gut umgehen, denn sie haben ja recht, ich bin wirklich auffällig und fett!

Daneben kenne ich, wie wahrscheinlich jede Dicke, noch Beleidigungen wie „Du fette Sau“, „Kuh“, oder sonst was. So weit zum „normalen“ Alltag.

Nun ist es so, dass aufgrund der Corona-Krise lange ein Stillstand in meiner Branche – der Sexarbeit – herrschte. Deshalb haben sich ganz unterschiedliche Menschen zusammengetan, um in die Öffentlichkeit zu gehen. Auch ich nahm meinen ganzen Mut zusammen.

Es ist wahrlich nicht einfach mit meinem Erscheinungsbild und meinem klischeebehafteten Job in die Öffentlichkeit zu treten – dennoch, ich tat es!

Seitdem ich öffentlich mache, dass ich nicht „nur“ dick bin, sondern auch noch seit mehr als 15 Jahren leidenschaftlich als Sexarbeiterin arbeite, ist es meistens endgültig vorbei mit jeder Zurückhaltung – selbst aus den eigenen Reihen.

Ich musste mir Kommentare wie die folgenden anhören und lesen:

„Oh mein Gott, kommt überhaupt jemand zu dir?“
„Verdienst du überhaupt als Dicke Geld?“
„Welcher Mann will denn schon eine dicke Hure?“
„Was für Service bietest du denn an, bleibst du immer wie ein Marienkäfer liegen?“
„Wie sollen bei der Körperfülle andere Stellungen möglich sein?“

 

Gerade weil ich so bin wie ich bin, verbringen viele Menschen – auch meine Kunden – gerne Zeit mit mir.

Ich bin eine gestandene, bodenständige, auffällige, selbstbewusste, authentische, humorvolle Frau, mit einem lauten herzlichen Lachen, das die Sonne scheinen lässt. Mein Körper ist dick, wohlgeformt und kurvenreich. Männer buchen mich, um mit mir eine facettenreiche, ausgeprägte und bewegliche Sexualität zu erleben.

 

 

Als dicke Sexarbeiterin soll ich offenbar am besten unsichtbar bleiben.

Ich musste feststellen, dass ich von Reportern, Journalisten usw. gar nicht wirklich wahrgenommen werde. Ich habe mehr als einmal mitbekommen dass diskutiert wurde, ob sie „überhaupt ein Interview mit mir aufnehmen sollen“. Auch „ob sie mich wirklich ablichten sollen“ oder „ob sie mich öffentlich zeigen sollen“.

Mein persönliches Highlight: „Boah, eine dicke Prostituierte will doch keiner im Fernsehen sehen…“.

Ich frage mich, liebe Gesellschaft was läuft bei euch falsch? Habe ich als dicke Sexarbeiterin weniger zu sagen als ne schlanke? Bin ich weniger schön? Bin ich weniger attraktiv? Ist meine Not geringer? Ich finde es an diesem Punkt auch unglaublich wichtig, dass wir Sexarbeitende, die wir uns Akzeptanz für unsere Arbeit wünschen, auch selbst mehr Akzeptanz für einander aufbringen.

Nur wenn wir uns gegenseitig als Menschen achten und nicht gegenseitig niedermachen – egal wie unterschiedlich wir aussehen, wo wir arbeiten, wieviel wir verdienen etc. –  können wir dies auch von der Gesellschaft erwarten.

Ich hab genug davon, nicht gesehen und nicht gehört zu werden. Damit greift ihr nicht nur mich als Mensch an, sondern auch gleichgesinnte Sexarbeiterinnen, die sich weiterhin verstecken, weil sie Angst vor eurer Diskriminierung haben!  Andere haben vielleicht nicht das Selbstbewusstsein und die Stärke sich immer wieder zu beweisen.

Ich gebe mich jedenfalls nicht geschlagen, ich kämpfe weiter!

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein renommiertes Unternehmen wie Ihres, das Events rund um politische Bildung veranstaltet, hat bestimmt auch immer wieder kontroverse Gäste. Ich vermute aber, dass Sie einige aus guten Gründen trotzdem nicht zulassen würden, wie zum Beispiel die AfD.

Umso mehr verwundert mich die Veranstaltung die am kommenden Wochenende bei Ihnen stattfindet – die „Tagung der abolitionistischen Personen, Vereine und Parteien Deutschland 2020“. 

Bei dem Wort Abolitionismus denken Sie sicher zunächst an die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und Befreiung von People of Color in den USA. Die bei Ihnen tagenden „Abolitionist*Innen“ haben sich hingegen die „Befreiung“ von allen in der Prostitution arbeitenden Frauen auf die Fahne geschrieben – ihnen geht es um die (vermeintliche) Abschaffung der Prostitution. Hier handelt es sich nicht nur um eine anmaßende Aneignung eines Begriffs , sondern auch um übelstes Schubladen-Denken, das alle Prostituierte aus ihrer Tätigkeit „retten“ will, ob sie wollen oder nicht.

Ich gehe mal davon aus, dass Sie nur den „Schutz“-Gedanken dieser Vereinigung auf dem Schirm haben – nichtsahnend, dass hinter den sogenannten „abolitionistischen“ Forderungen in Wahrheit eine komplett abwertende Einstellung zu Bereichen der Sexualität steckt. Es stimmt: Vordergründig möchten diese Menschen Prostituierten aus gegebenenfalls prekären Situationen helfen. Das ist erst mal sehr löblich.

Doch statt die Rechte von Betroffenen zu stärken, fordern sie „eine Welt ohne Prostitution“ und wollen in Deutschland ein Sexkaufverbot einführen. Und das jeglichen Erkenntnissen von Beratungsstellen und Sozialarbeiter*innen zum Trotz.

Ich selber bin Betroffene, ich bin freischaffende Künstlerin und Prostituierte. Ich möchte beide meiner Berufe weiterhin in der Legalität ausüben können. Dazu gehört nicht nur das Musizieren bzw. Sexarbeit sondern gegebenenfalls auch die Möglichkeit, offizielle Konzertsäle bzw. Bordelle benützen zu können! Sicher kann ich heimlich und illegal musizieren oder sexuelle Dienstleistungen einfach auf der Straße anbieten, aber meine Lebens-Qualität, Sicherheit und meine Rechte leiden dann erheblich – das stellt keine Alternative dar.

Das sogenannte Schwedische oder Nordische Modell, das an diesem Wochenende unter Ihrem Dach beklatscht wird, hilft keinem, außer dem „Gewissen“ der Moralapostel.

Die Erfolge des Sexkaufverbots in Schweden sind sehr fraglich, nicht ausreichend wissenschaftlich belegt und stehen auch nicht in Übereinstimmung mit den Berichten von Menschen, die in Schweden in der Sexarbeit tätig waren oder sind.

Dass die vermeintlichen „Retter*innen“ von (marginalisierten) Prostituierten im Falle eines wirklich eintretenden Arbeitsverbots für diese nicht viel mehr als leere Worte haben,  haben wir ja jetzt in der Corona Krise mitbekommen. 

Es wurde sich von diesen Stellen nicht ein Deut um Sexarbeiter*innen gekümmert die, aus welchen Gründen auch immer, durch das soziale Raster gefallen sind. Wir vom Berufsverband BesD e.V. hingegen haben einen Hilfsfond ins Leben gerufen der, einzig finanziert aus Spendengeldern, an den 400 Menschen aus der Sexarbeit in dieser schweren Zeit aus der Bredouille geholfen hat. Mich würde interessieren, ob die Redner*innen bei dem Kongress etwas zur Unterstützung und Hilfe von Menschen vorbereitet haben, zum Beispiel jenen, die in der Sexarbeit sind aber gerne umsteigen würden. Umschulungsprogramme für Prostituierte gibt es leider immer noch viel zu wenige –  hier wären vielleicht auch mal die Arbeitsämter gefragt!

Die angeprangerten Straftaten, die oft mit dem Sexarbeits-Gewerbe in Zusammenhang gebracht werden, sind bereits jetzt schon juristisch belangbar und bedürfen keinerlei weiterer Gesetze. Als da wären: Menschenhandel, Abhängigkeiten, Ausbeutung, miserable Unterbringungsmöglichkeiten etc. Weitere Straftaten, die oft in Zusammenhang mit Prostitution genannt werden, wie Zuhälterei, Vergewaltigung, Nötigung etc. sind ebenso verfolg- und strafbar.

Sämtliche Fachstellen für Migration, Menschenrechte, Ausländerrecht etc warnen vor Einschränkungen und Verboten der Branche.

Nur in der Legalität kann gegen prekäre Missstände vorgegangen werden. Siehe auch das Beispiel der Tönnies Schlachtereien in Gütersloh dieses Frühjahr! Übrigens: Schaut man sich die offiziellen Statistiken des Bundeskriminalamt (BKA) an, so haben alle diese Verbrechen seit der endgültigen Legalisierung der Prostitution im Jahre 2002 kontinuierlich abgenommen, in den letzten 5 Jahren haben sie sich sogar halbiert! Zuhälter sind so gut wie ausgestorben – braucht kein Mensch mehr, da man sich ja nun ganz legal in entsprechende Etablissements einmieten kann.

Kein Mensch darf wegen seiner Sexualität ausgegrenzt oder verfolgt werden.

Das war auch bei den homosexuellen & queeren Menschen so, die lange Zeit auch stigmatisiert und in die Illegalität getrieben wurden, zum Teil sogar verfolgt, bestraft und sogar getötet worden sind. Deutschland hat sich davon zum Glück losgesagt, in Polen und Ungarn geht man gerade wieder tausend Schritte zurück ins Mittelalter, was hierzulande mit Ächtung gestraft wird und sogar bei der Politik angekommen ist. Hoffen wir, dass sich die LGTBQ-Bewegung auch dort durchsetzt.

Das sehen nicht nur ich und meine Kolleg*inen vom BesD e.V. so, sondern auch folgende Institutionen:

Deutsche Aidshilfe e.V.
Deutscher Frauenrat e.V.
Deutscher Juristinnenbund e.V
Diakonie Deutschland
Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V.
Dortmunder Mitternachtsmission e.V. Beratungsstelle fr Prostituierte, Ehemalige und Opfer von Menschenhandel
contra e.V. Kiel Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein
Die SPD Schleswig Holstein
Die CDU Nordrhein-Westfalen hat soeben einen offiziellen Antrag eingereicht GEGEN dieses Modell des Sexkaufverbotes
Amnesty International
Menschenhandel-Heute,
Der bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel
uvm.

Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehle ich Ihnen meinen gut recherchierten Blogbeitrag mit den entsprechenden Links zu den oben genannten Mitstreiter*innen.

Mit freundlichen Grüßen

Mechthild HEXENGEIGE Janda alias MadameKALI


Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein persönliches Anschreiben der Sexarbeiterin Madame Kali an das Stresemann-Institut in Bonn, anlässlich der Tagung des „Bündnis Nordisches Modell“ am 26./27. September 2020. 

Ein Roter Stöckelschuh als Symbol für einen akzeptierenden und freundlichen Umgang mit Sexarbeiter*innen im Gesundheitswesen und in Beratungsstellen. Das überlegten sich 2017 die Beratungsstelle für Drogenkonsumentinnen und Sexarbeiterinnen „Ragazza!“ in Hamburg und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG). Ein Sticker auf dem ein roter Stöckelschuh zu sehen ist, klebte kurze Zeit später an den Türen einiger Praxen und Beratungseinrichtungen in Hamburg. Sexarbeiter*innen sollten hier dann wissen, dass sie keine Angst vor Diskriminierung auf Grund ihrer Berufswahl haben müssen und sich als Sexarbeiter*in outen können.

Als hoch stigmatisierte Berufsgruppe sprechen Sexarbeitender*innen aus Angst vor Ablehnung und Diskriminierung oft nicht mal im engsten sozialen Umfeld über ihre Tätigkeit. Viele erleben im Gesundheitswesen Diskriminierung, Ablehnung oder Überforderung wenn sie sich als Sexarbeiter*in outen. „Wenn Sexarbeitende Ärzt*Innen aufsuchen, ist es für sie oft schwierig abzuschätzen, wie diese auf ihre Tätigkeit reagieren. Offen sprechen zu können, wertschätzende Beratung zu erfahren – das sind Voraussetzungen für eine gute Behandlung.

Risiken können so aus medizinisch-fachlicher Perspektive differenzierter abgeschätzt werden und der Gesundheitsschutz wird erhöht“, erklärt Maia Ceres, Gesundheitsbeirätin des Berufsverbands. „Sexarbeitende müssen immer wieder die Erfahrung machen, dass ihnen mit einseitigen, meist negativen Vorurteilen begegnet wird, die in Berührungsängsten auf beiden Seiten resultieren“, ergänzt Caspar Schumacher, Projektmitarbeiter des Roten Stöckelschuhs. „Das Zeichen des Roten Stöckelschuhs soll Sexarbeitenden die Möglichkeit signalisieren, mit weniger Vorbehalten wichtige Informationen über ihren Beruf und eventuell damit verbundene gesundheitliche Risiken teilen zu können und somit ihren Gesundheitsschutz verbessern.“

Nun läuft diese Initiative der Antidiskriminierungsarbeit im Gesundheitswesen weiter. Seit Juli arbeiten Deborah Hacke und seit August Caspar Schumacher in Berlin für den BesD e.V. an dem „Roten Stöckelschuh“. Auf einer eigenen Webseite wird bald eine Datenbank zu finden sein, in der sexarbeitsfreundliche Adressen recherchiert und Informationen über das Projekt abgerufen werden können. Außerdem sollen Fortbildungen für interessierte Mediziner*innen angeboten werden, die den Wunsch haben, Sexarbeitende akzeptierend zu beraten und zu behandeln. Es sollen Stigmata und Sexarbeitsfeindlichkeit bekämpft werden und darüber informiert werden, was für Barrieren für das Aufsuchen medizinischer Hilfe vorhanden sein können und welche inhaltlichen und medizinischen Bedarfe oft bestehen. Zunächst wird der Schwerpunkt auf gynäkologische Praxen und Angebote liegen und das in Berlin, denn es handelt sich um eine Förderung der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung von Berlin.

Nach dem Schwerpunkt „Gynäkologie“ wird auch u.a. mit Allgemeinmediziner*innen, Psychotherapeut*innen und Mediziner*innen die mit obdachlosen Patient*innen arbeiten in den Austausch getreten werden und Fortbildungen speziell für diese Bereiche angeboten. Sexarbeit ist zudem nicht ein Thema was nur Frauen betrifft. Deborah Hacke und Caspar Schumacher ist es wichtig, auch die Erfahrungen und Bedürfnisse von männlichen, trans-, inter- und nicht-binären Sexarbeiter*innen Raum zu geben und zu thematisieren. In fernerer Zukunft erhoffen sie sich dieses Projekt auf Dienstleistungen jenseits des Gesundheitswesens auszuweiten. Sexarbeiter*innen gehen nicht nur zu Ärzt*innen und Therapeut*innen, sondern wie andere Menschen auch zu Steuerberater*innen, Anwält*innen, diversen Beratungsstellen und haben Kontakt zu Ämtern wie z.B. Jugendämtern oder dem Jobcenter. Auch hier soll Diskriminierung und Unverständnis endgegengewirkt werden.

Ab 2022 soll dieses Projekt auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden. Mediziner*innen und Beratungsstellen die gerne mehr Informationen zu diesem Projekt und den Fortbildungsmöglichkeiten erhalten möchten, sowie Sexarbeiter*innen auf der Suche nach Empfehlungen oder mit Erfahrungen zu empfehlenswerte Adressen, bitten wir Kontakt aufzunehmen (roterstoeckelschuh(at)besd-ev.de).

Gestern hat die rheinland-pfälzische Landesregierung eine aktualisierte Corona-Verordnung verabschiedet. Im §4 findet sich eine mittlerweile sehr kurze Liste der Tätigkeitsbereiche, deren Ausübung immer noch untersagt sind.*

1. Clubs, Diskotheken und ähnliche Einrichtungen,
2. Kirmes, Volksfesten und ähnliche Einrichtungen,
3. Prostitutionsgewerbe

Was soll man dazu noch sagen?

Jeder der sich mit den Arbeitsabläufen und dem Alltag in der Sexarbeit eine wenig beschäftigt hat, kann nur mit dem Kopf schütteln, bei der Betrachtung dieser Aufzählung.

Infektionsschutz ist wichtig, aber dieser muss auch sinnvoll sein. Mir geht es um den Versuch einer sachlichen Betrachtung.

Bei den ersten beiden aufgelisteten Punkten handelt es sich um Veranstaltungen, bei denen üblicherweise viele verschiedenen Menschen auf einem Haufen zusammentreffen. Gerade die Gesellschaft mit den anderen Menschen ist ja ein Kern dieser Events. Ob man diese Veranstaltungen vielleicht auch in irgendeiner Art coronasicher durchführen könnte, lassen wir hier jetzt mal außen vor.

Bezogen auf die Sexarbeitsbranche macht der Topf, in den wir da geworfen werden, keinen Sinn.

Bis auf wenige Ausnahmen findet bei der Sexarbeit immer 1 zu 1 Kontakt statt. Die Kunden sind peinlich darum bemüht, dass sie niemanden außer ihrer Erotikpartnerin im Bordell-Flur oder sonstwo treffen. Diskretion wird selbst in provinziellen Kleinstadtbordellen groß geschrieben. Wie viele mögliche Coronaüberträger trifft der Kunde in einem Bordell?

Eigentlich nur eine Person, denn wie in anderen Bundesländern schon erprobt, könnte auch in Rheinland-Pfalz ausschließlich auf Termin gearbeitet werden. Somit holt die Sexarbeiterin ihren Kunden direkt an der Tür ab, und dieser hat keinerlei Kontakt zu anderen Besuchern oder anderen Sexarbeitenden.
Außerdem findet alles mit Mund-Nasenbedeckung statt. Dies funktioniert in anderen Bundesländern problemlos. Dass nach jedem Kunden die Zimmer, Flure und Sanitärbereiche penibel gereinigt und desininfiziert werden, muss anscheinend immer wieder erwähnt werden. Wie sonst würde alleine die Existenz eines Bordells Panikattacken bei Virologen auslösen.

Eine weitere sehr hartnäckige Fehleinschätzung ist, dass jede Sexarbeiterin täglich eine Unmenge an Kunden hat. Dem ist leider nicht so.

Auf die Frage, was sich Sexarbeitende wünschen würden zu Verbesserung ihrer Arbeit, sagen fast alle: „Mehr Kunden“.

Die durchschnittliche Sexarbeiterin in einem durchschnittlichen Wohnungsbordell oder in einer durchschnittlichen Terminwohnung hat im Schnitt 2-3 Kunden pro Tag – eher weniger. Exakt die eben genannten Arbeitsplätze sind das vorherrschende Arbeitsmodell für erotische Dienstleistungen in Rheinland-Pfalz. Es gibt dort keine Massen an Saunaclubs, keine Reeperbahn, keine Großbordelle, keinen vermeintlich ausufernden Drogenstrich. Nein, in der Prostitutionslandschaft von Deutschland besetzt Rheinland-Pfalz eher einen sehr unbedeutenden Platz.

Um so verwunderlicher ist, dass ausgerechnet dieses Bundesland sich so standhaft weigert. Zumal Rheinland-Pfalz das erste Bundesland war, welches nach dem Shutdown die Sexarbeit wieder erlauben wollte. Vor gefühlter Ewigkeit wurde dort eine Gerichtsklage verloren, und das Land sah sich verpflichtet, die Sexarbeit wieder zuzulassen. Daraus wurde dann allerdings nichts. Die Landespolitker befürchteten alles Mögliche, allem voran Sextourismus aus den anderen Bundesländern. Letzterer Punkt ist nun definitiv hinfällig.

Fast alle anderen Bundesländer machen inzwischen vor, dass es geht.

Hygienekonzepte könnten von dort übernommen werden, und vermeintlicher Sextourismus ist auch nicht mehr zu befürchten, denn in den meisten Nachbarländern ist die Sexarbeit schon wieder zugelassen.

In Berlin und Bayern wird schon seit über einem Monat wieder in Bordellen und ähnlichen Einrichtungen gearbeitet. Es gibt sehr strenge und branchenangepaßte Hygienekonzepte, die eingehalten werden. Die pauschale Annahme, dies würde in der Erotikbranche nicht funktionieren, ist somit widerlegt. Auch gibt es in den besagten Bundesländern keinen Hinweis auf steigende Coronazahlen ausgelöst durch Prostitutionsstätten.

Interessanterweise ist in Rheinland-Pfalz die Sexarbeit ja nicht komplett untersagt. Haus- und Hotelbesuche sind erlaubt. Selbige Handlungen in einer gewerberechtlich zugelassenen, mit Hygienekonzepten und Notrufanlagen ausgestatteten Prostitutionsstätte zu tun, ist verboten.

Ganz anders das Bundesland Hamburg. Dort argumentierte die Sozialbehörde, dass es ganz wichtig sei die Prostituonsstätten wieder zu öffnen, denn in den Bordellen ließen sich die Hygieneregeln viel besser umsetzen und kontrollieren.

In diesem Sinne, fordern wir als Berufsverband das Bundesland Rheinland-Pfalz auf, zum nächst möglichen Termin, auch die Arbeit in Prostitutionsstätten wieder zuzulassen.

Natürlich mit Hygienekonzept.

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VERWEISE
* https://corona.rlp.de/fileadmin/msagd/Ge…oBeLVO.pdf

KONTAKT
Johanna Weber:
johanna@besd-ev.de
0151 – 1751 9771

PRESSE
SWR Aktuell – Bordelle bleiben geschlossen – Kritik von Betreibern
https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/bordelle-rheinland-pfalz-100.html

Nach unzähligen Demonstrationen und Protesten von Sexarbeitenden ist es diese Woche endlich zu Lockerungen für die Branche gekommen.

Die Länder Sachsen-Anhalt und Niedersachsen haben entschieden, dass Prostitutionsstätten wieder öffnen dürfen. Gegen den Widerstand der Entscheidungsträger*Innen musste in NRW erst das Oberverwaltungsgericht durchsetzen, dass die Untersagung von sexuellen Dienstleistungen „gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ verstoße und „keine notwendige Schutzmaßnahme“ sei. Der Norden beschloß, dass Sexarbeit in Hamburg, Schlewsigholstein und Bremen ab 15. September wieder erlaubt sein soll.

Trotz nachvollziehbarer Erleichterung nach beinahe 6 Monaten Arbeitsverbot, bleibt bei Sexarbeitenden ein bitterer Nachgeschmack. Durch die Corona-Krise ist erneut sehr deutlich geworden, dass Sexarbeit in Deutschland noch weit von einer breiten gesellschaftlichen und politischen Anerkennung entfernt ist.

Es bestehen enorme Vorurteile gegenüber, und ein mangelnder politischer Wille zur Verteidigung der Rechte von Menschen in der Sexarbeit, das zeigt nicht zuletzt die eklatante Ungleichbehandlung in der Krise im Vergleich zu anderen Branchen. Zudem gibt es hierzulande wieder stark zunehmende Debatten über ein generelles Verbot der Sexarbeit. Der Berufsverband lehnt ein solches entschieden ab und unterstützt den am 08.09. in NRW von FDP und CDU gestellten Antrag gegen das Schwedische Modell.

Komplexe Sachverhalte werden von Befürworter*Innen des Sexkaufverbotes undifferenziert in den Topf der „Zwangsprostitution“ geworfen.

Völlig egal, ob es sich um die Bekämpfung von Straftaten wie Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und Freiheitsentzug handelt, um die systemische Ungerechtigkeit gegenüber marginalisierten Sexarbeitenden in Deutschland, um die fehlende juristische Handhabe bei komplexeren Formen der Ausbeutung (Stichwort: Loverboys), oder um Sexarbeitende, die schlicht ihr Recht verteidigen, der von ihnen gewählten Arbeit nachgehen zu dürfen. Sexarbeitsgegner*Innen versuchen die unterschiedlichen Bereiche der Branche gegeneinander auszuspielen, spielen Moralpolizei und leugnen die Agency und Konsensfähigkeit von Sexarbeiter*Innen.

All dies zeigt: Wir Sexarbeitenden brauchen eine starke Vertretung. Die gegenseitige Unterstützung und Vernetzung unter Sexarbeiter*Innen, sowie der Ausbau und die Finanzierung von akzeptierenden Beratungsstellen sind wichtiger denn je.

Der BesD ist die bisher größte derartige Organisation in Europa und 100% organisiert und geleitet von Sexarbeitenden. Alle, die selbst als Sexarbeiter*Innen arbeiten oder gearbeitet haben, können Mitglied im Berufsverband werden. Anonym und kostenlos –  im Rahmen einer einjährigen und unverbindlichen Schnuppermitgliedschaft.

Spätestens seit Corona ist klar: Wenn wir als Sexarbeitende nicht aktiv um unsere Rechte kämpfen, tut es sonst niemand.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Armin Laschet!

Ich habe einige Fragen an Sie, auf die ich bisher eine schlüssige Antwort vermisse. Ich erwarte von einem Spitzenpolitiker, dass er willens und in der Lage ist, seine Entscheidungen rational zu begründen. Das ist aber leider nicht der Fall, wenn es um meinen Berufsstand geht.

Seit März diesen Jahres stehe ich dank Ihrer Anordnung unter Berufsverbot, viele meiner Kolleginnen haben Sie ohne Not zu Almosenempfängerinnen degradiert und unser gesamtes Metier unter dem Deckmäntelchen des Gesundheitsschutzes unter Generalverdacht gestellt.

Gleichzeitig haben Sie Tausenden von Erntehelfern aus Osteuropa die Einreise gestattet, ohne nach einem Corona-Test auch nur zu fragen.

Gleichzeitig haben Sie und Ihre Vorgängerin Hannelore Kraft über Jahre die Augen verschlossen, vor den unsäglichen und würdelosen Arbeits-und Lebensbedingungen in der Fleisch verarbeitenden Industrie.

Die Infektionszahlen in einem der größten Schlachthöfe Europas, die dem Kreis, in dem ich wohne, einen zweiten Lockdown beschert haben, sprechen für sich und bedürfen hier keiner weiteren Erörterung.

Sie begründen die Ächtung und Kriminalisierung meines Gewerbes damit:

a) dass wir  nicht in der Lage seien, die nötigen Abstandsregelungen einzuhalten.

Spätestens die Demonstration in der vergangenen Woche vor Ihrem Amtssitz hätte Sie vom Gegenteil überzeugen können – wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, uns zur Kenntnis zu nehmen.

Überdies gibt es in unserem Metier einen Berufszweig, nämlich die Dominanz, in dem sich die Frage nach dem gebotenen Abstand von allein erledigt.

b)  dass es angeblich unmöglich sei, meine Besucher für den Bedarf an einer Nachverfolgbarkeit zu registrieren

Auch DA gibt es Mittel und Wege, bei denen weder die Sicherheitsvorschriften noch die in unserem Berufsstand erforderliche Diskretion gefährdet ist. Im übrigen: wie steht es mit der Nachverfolgbarkeit von Besucherdaten in Restaurants? Da soll es ja durchaus schon passiert sein, dass sich Gäste unter falschem Namen oder mit gefakten Telefonnummern eingetragen haben …

c) dass „beim Geschlechtsverkehr notwendigerweise mit einer erhöhten Atemfrequenz zu rechnen sei.“

Zunächst einmal ist es in meinen Augen fraglich, ob ein einzelner Herr, der sich bei einer einzelnen Dame diskret seine Streicheleinheiten holt, einer größeren Anstrengung unterworfen ist als der Besucher eines Fitnesstudios, der dort keuchend seine Hanteln stemmt .

Und außerdem:

Sie erlauben den Betrieb von Massagepraxen, können aber nicht begründen, inwieweit sich eine Wellnessmassage von einer Tantramassage wesentlich unterscheidet.

Sie gestatten den Betrieb von Dating-Plattformen, können aber nicht begründen , warum ein One-Night-Stand der via Tinder oder auf anderem Wege zustande gekommen ist, nicht infektiös ist – aber in DEM Augenblick , in dem die daran beteiligte Frauensperson Honorar kassiert, AUF EINMAL infektiös sein soll und somit illegal wird.

Auf all diese Fragen, die nicht nur ich , sondern auch viele meiner Kolleginnen an Sie stellen, sind Sie bislang eine schlüssige und nachvollziehbare Antwort schuldig geblieben. Statt dessen versuchen Sie , uns zu ignorieren.

Wenn Sie wenigstens zugeben würden, dass Ihnen mein Gewerbe ein Dorn im Auge ist und dass Sie mich und meinesgleichen am liebsten wieder dorthin verbannen möchten, wo wir bis zum Jahre 2002 unser Dasein gefristet haben: zurück in die muffigen Hinterzimmer, die öden Industriegebiete und die verwahrlosten Randzonen der Städte und zurück unter die Fuchtel der Zuhälter …

Nach dem Motto: „Aus den Augen aus dem Sinn – Hauptsache , der brave Bürger merkt so wenig wie möglich vom Vorhandensein dieser verworfenen Geschöpfe.“

Dann wäre das doch immerhin eine klare Ansage. Stattdessen ducken Sie sich weg, versuchen uns zu ignorieren und verschanzen sich hinter Ausreden, die fadenscheinig und einfach nur peinlich sind.

Ich hoffe, dass Sie sich anhand meines Schreibens zu schlüssigen und nachvollziehbaren Antworten auf meine Fragen durchringen können.

„Hochachtungsvoll“,
Sibille Schäfer – Sexualassistentin


Der obenstehende Text wurde von einer Sexarbeiterin im Nachgang der Sexworker-Demo vor dem Düsseldorfer Landtag am 27. August verfasst. Kopien gingen via Email an RP ONLINE, Bild, TAZ, WDR und Der Freitag – außerdem an sämtliche Fraktionen im Düsseldorfer Landtag.

Bereits ein halbes Jahr herrscht in den meisten deutschen Bundesländern ein striktes Berufsverbot für Sexarbeiter*Innen. Während zögerlich die ersten Lockerungen eingeführt wurden, stellt sich dem Großteil der Menschen in der Sexarbeit langsam die Frage, ob sie überhaupt noch Arbeitsplätze haben werden, an die sie zurückkehren können.

Das von Moralist*Innen und Sexarbeitsgegner*Innen forciert andauernde Verbot von Sexarbeit zeigt sich nun in aller Klarheit als systematisches Ausbluten lassen einer ganzen Branche.

Insbesondere kleine und mittelgroße Betriebe werden durch das Corona-bedingte Berufsverbot irreperabel geschädigt. Gerade Etablissments, die von ehemaligen oder selbst aktiven Sexarbeitenden geführt werden, sind aufgrund oft fairer Arbeitsbedingungen und familiärer Atmosphäre als Arbeitsplätze beliebt. Diese Betreiber*Innen werden in den Ruin getrieben; dort arbeitende Sexarbeiter*Innen sind auf sich allein gestellt und müssen größere Risiken, geringeren Schutz und ungewohnte Arbeitsweisen in Kauf nehmen.

Auch die sogenannten „Mega-Bordelle“, die großen Arbeitgeber der Branche, sind an ihrem finanziellen Limit angelangt.

Das „Babylon“, Hamburgs größtes Bordell, musste aufgrund der fehlenden Einnahmen bereits Anfang August dicht machen. Jetzt gibt auch Europas größtes Bordell auf – das bekannte „Pascha“ in Köln gibt an, innerhalb der nächsten Monate Insolvenz anmelden zu müssen, die fehlende verlässliche Öffnungsperspektive mache eine Planung unmöglich.

Für die rund 100 Sexarbeitenden, die normalerweise im „Pascha“ arbeiten, fallen die Sicherheitsvorkehrungen innerhalb des Bordells, die gewohnten Arbeits-Abläufe, der Austausch mit Kolleg*Innen sowie eine nach Hygiene-Vorschriften geregelte Umgebung weg.

So wie alle anderen Sexarbeitenden, deren Arbeitsplätze geschlossen sind, sind sie gezwungen, jetzt aus ihren privaten Wohnungen heraus oder in den Wohnungen von Kunden zu arbeiten:

Ohne Hygiene-Konzept, ohne Schutzsysteme, ohne Rückhalt und – aufgrund der derzeitigen Illegalität ihrer Arbeit – ohne im Fall von Erpressung oder Gewalt Schutz vom Staat in Anspruch nehmen zu können.

Die Diskriminierung und Diffamierung von Sexarbeiter*Innen im Rahmen der Corona-Krise führt also nicht „nur“ dazu, dass eine ganze Branche pleite geht – sie pervertiert darüber hinaus auch jeglichen Schutzgedanken sowie das Prinzip der Gleichbehandlung.


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