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Sie werden – womöglich anlässlich der Corona-Pandemie – gebeten, einen Aufruf gegen Prostitution („Sexkaufverbot“) zu unterzeichnen? Bevor Sie das tun, hier ein kleiner Faktencheck.

Köln, 27. Juni 2020

(Die kursiven Passagen stammen aus einem Schreiben, das Prostitutionsgegner:innen im Mai 2020 an die Ministerpräsident:innen aller Bundesländer geschickt haben.)

1. Es dürfte zum einen auf der Hand liegen, dass Prostitution die epidemiologische Wirkung eines Super-Spreaders hätte.
Nein, das ist reine Mutmaßung, für die es keinerlei Anhaltspunkte gibt. Super-Spreading-Ereignisse wurden bisher vor allem für Gottesdienste, Fleischverarbeitung, Traditions- und Familienfeiern berichtet. All das dürfte dann auch nicht wieder zugelassen werde. Die GSSG geht davon aus, dass die meisten Begegnungen in der Sexarbeit zwischen jeweils zwei Personen stattfinden, was ein denkbares Infektionsgeschehen überschaubar hält. Im Übrigen sind professionelle Sexdienstleistende auch Profis für den Umgang mit Infektionen, wie die Forschungslage am Beispiel von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) zeigt.

2. Social Distancing ist i.d.R. mit sexuellen Handlungen nicht vereinbar.
Das klingt zunächst korrekt, gilt allerdings auch für alle privaten, also nicht bezahlten sexuellen Handlungen. Die GSSG weist ausdrücklich darauf hin, dass das Gestalten einer selbstbestimmten Sexualität zu den Menschenrechten gehört und prinzipiell der Gesundheit förderlich ist.

3. Bei Nachverfolgung der Ansteckung dürfte dieser Kontakt oftmals verschwiegen werden.
Je stärker Prostitution tabuisiert und stigmatisiert wird, desto eher wird diese Behauptung zutreffen. Daher sollten die Menschen in der Sexarbeit nicht durch weitere Verbote kriminalisiert werden, sondern durch Rechtssicherheit gestärkt werden. Übrigens: Rund die Hälfte aller Freier hat keine private Beziehung.

4. Wir halten die Zustände in der Prostitution für die dort Tätigen in der großen Mehrzahl der Fälle für menschenunwürdig, zerstörerisch und frauenfeindlich. Entgegen einem weit verbreiteten Klischee sind die meisten Prostituierten (v.a. osteuropäische oder afrikanische Frauen) keinesfalls freiwillig in der Prostitution, sondern wurden und werden getäuscht, erpresst und bedroht.
Wo immer dies der Fall ist, muss energisch dagegen vorgegangen werden. Dafür reichen die bestehenden Gesetze prinzipiell aus: Ausbeutung, Erpressung, Bedrohung – all das sind Straftaten, die als solche verfolgbar sind. Zudem ist die Behauptung, es handele sich „um eine große Mehrzahl“ ist nicht belegt. Eine ganze Branche mit derzeit 33.000 registrierten Sexarbeitenden wegen unbelegter Vermutungen unter Generalverdacht zu stellen, ist keinesfalls zielführend. Im Gegenteil: Je attraktiver eine legale und gesicherte Arbeit in der Prostitution ist, desto weniger attraktiv ist sie für ausbeuterische, kriminelle und gesundheitsgefährdende Strukturen.

5. Wie Freier denken und handeln, die ihr vermeintlich erkauftes Recht auch gegen erkennbaren Widerwillen und Ekel durchsetzen und die Frauen demütigen, lässt sich beispielsweise in Freierforen nachlesen, in denen Freier die „Ware“ Frau und ihre „Dienstleistung“ bewerten.
Die GSSG warnt davor, einzelnen Äußerungen aus Internet-Foren gesellschaftsbildende Funktion zuzuschreiben. Vermeintlich abwertende Äußerungen in Freierforen lassen nicht automatisch auf Missachtung von Frauen im allgemeinen Leben schließen. Hier gilt es wie bei allen Themenforen, doppelt zu differenzieren: Sprache im Internet und Haltung im wahren Leben korrelieren nur sehr bedingt. Und wer eine bestimmte Formulierung für frauenverachtend hält, kennt sich womöglich einfach nur nicht mit dem Fachjargon aus.

6. Eine Entschließung des Europäischen Parlaments fordert Deutschland dringend dazu auf, die geltende gesetzliche Regelung zu revidieren.
Die „Entschließung“ des EU-Parlaments aus dem Jahr 2014 blieb aus gutem Grund lediglich eine „nicht bindende Resolution“. Sie basiert auf einem Bericht der Britin Mary Honeyball, dessen Faktenbasis als nicht gesichert, sondern als politisch motiviert gilt.

7. Zu authentischen Berichten von Polizisten, Aussteigerinnen und (echten) Hilfsorganisationen verweisen wir auf die beigefügten Links.
Dramatische Fallbeispiele sind (sofern zutreffend) selbstverständlich bedauernswert und streng zu ahnden. Aus ihnen müssen jedoch die richtigen Konsequenzen gezogen werden – und das sind nach Auffassung der GSSG weder eine Diskreditierung, noch eine Stigmatisierung und schon gar nicht eine Kriminalisierung bezahlter Sexualität. Sondern Rechtssicherheit, Stärkung der Betroffenen und die Beseitigung von Armut.

8. Vieles spricht für die Einführung des Nordischen Modells, mit dem erstmals in Schweden der Sexkauf unter Strafe gestellt wurde.
Ein „Nordisches Modell“ gibt es nicht, alle Staaten Nordeuropa haben unterschiedliche Gesetzgebungen zur Prostitution. Aus Sicht der GSSG spricht nichts für ein Verbot bezahlter Sexualität – im Gegenteil. Solche Verbote bewirken nachweislich eine Verschlechterung der Bedingungen. Das gilt im Übrigen auch für andere prohibitionistische Regelungen, die wir aus Schweden kennen. Der dort gesellschaftlich akzeptierte, restriktive Umgang z.B. mit Alkohol passt nicht zu den Public-Health- Ansätzen, mit denen die Bundesrepublik spätestens seit dem Beginn der HIV-Epidemie in den 1980er Jahren gute Erfahrungen macht.

Die Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit (GSSG) entwickelt und fördert seit 2007 vorrangig Projekte im Bereich „Sexual Health and Rights“. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf gesundheitlicher Aufklärung. Die Stiftung arbeitet mit Expert:innen aus aller Welt zusammen. Sie betrachtet Sexarbeit auch als Aufgabenfeld, um das Recht auf sexuelle Gesundheit zu schützen. Deshalb setzt sich die Stiftung für die Rechte von Sexarbeiter:innen und ihren Kund:innen ein. Dafür klärt sie auf, forscht und bezieht Stellung in öffentlichen Debatten zu Sexarbeit. Die Stifterin der GSSG, Harriet Langanke, begleitete als Sexualwissenschaftlerin an der Universität Malmö, Schweden, zehn Jahre lang ein Forschungsprojekt über Kunden von Sexarbeiterinnen.

Hier findet sich der Faktencheck der GSSG online.

Dies ist die Übersetzung der frei zugänglichen Studie über die Umsetzung des sogenannten „nordischen Modells“ (#Sexkaufverbot) in Frankreich.“‘The Problem of Prostitution’: Repressive policies in the name of migration control, public order, and women’s rights in France“ von Charlène Calderaro und Calogero Giametta

Hier findet sich der Original-Text

Abstrakt

Dieser Artikel konzentriert sich auf die politischen Debatten, die im April 2016 in Frankreich zur Verabschiedung des Kaufverbots für Sex (allgemein als schwedisches oder nordisches Modell bezeichnet) geführt haben. Er untersucht die Konvergenz von französischen Mainstream-Feministinnen und traditionellen neo-abolitionistischen Akteuren in der USA Kampf gegen die Prostitution und ihre Auswirkungen auf die Rechte und das Wohlbefinden der Sexarbeiterinnen. Wir argumentieren, dass es eine Kontinuität zwischen den Auswirkungen des 2003 erlassenen Werbeverbots und denen des Gesetzes zur Bestrafung von Klienten aus dem Jahr 2016 gibt. Bei der Erörterung der gegenwärtigen Unterdrückung der Sexarbeit in Frankreich zeigen wir, wie das Problem aufgebaut ist der Prostitution “sollte im Lichte allgemeiner politischer Ängste über Sexismus in armen Gegenden und Einwanderungskontrolle gesehen werden, die die nationalen Prioritäten von Sicherheit und öffentlicher Ordnung rechtfertigen.

Frankreichs „Problem der Prostitution“ kontextualisieren

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs engagiert sich Frankreich in der Bekämpfung des Menschenhandels und der Prostitution, insbesondere nach der Ratifizierung der UN-Konvention zur Unterdrückung des Personenverkehrs und der Ausbeutung der Prostitution anderer im Jahr 1960. In Frankreich Wie in vielen anderen Ländern haben politische Debatten und politische Maßnahmen den Menschenhandel konsequent mit der Prostitution in Verbindung gebracht. [1] Mit der Stärkung der europäischen Grenzen in den neunziger Jahren waren Migranten zunehmend gezwungen, sich auf Dritte zu verlassen, um Zugang zum Schengen-Raum zu erhalten. [2] Während dieser Zeit wurden Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund in französischen Städten, kleineren Städten und Dörfern viel sichtbarer und unterwarfen sie einer verstärkten staatlichen Kontrolle. [3] In diesem Sinne war eine erneute politische Aufmerksamkeit für das „Problem der Prostitution“ [4] zu erwarten. Wie Lilian Mathieu betont, war die Zeit vorbei, in der die französische politische Klasse den Umgang mit Prostitution als „unwürdig“ für die Bedenken der Nationalversammlung ansah. [5] In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Zahl der Parlamentsberichte, Gesetzesinitiativen und öffentlichen Debatten zu diesem Thema stetig zugenommen.

Die Frage des Umgangs mit Prostitution stellte sich 2003 in der nationalen Politik durch die Umsetzung des von Nicolas Sarkozy, dem damaligen Innenminister, eingeführten Gesetzes über die innere Sicherheit, Loi pour la sécurité intérieure (LSI). Dieses Gesetz wurde in eine breitere Reihe von Maßnahmen in Bezug auf die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufgenommen und richtete sich direkt an Sexarbeiterinnen. Es verlängerte die Strafe für die Beantragung einer Geldstrafe (Zuwiderhandlung) auf eine Straftat (Délit); Es erweiterte auch die Handlungen, die mit Strafen von „aktivem Werben“ geahndet würden, um „passives Werben“. Infolge dieser Verschiebungen wurde ein neuer Artikel im Strafgesetzbuch (Art. 225-10-1) eingeführt. Es ist bemerkenswert, dass die Straftat bereits 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen worden war.

Die Frage, wie mit Prostitution umgegangen werden soll, tauchte 2011 erneut auf, als zwei Abgeordnete – Danielle Bousquet und Guy Geoffroy – einen detaillierten Bericht über Prostitution in Frankreich vorlegten und ihn der Nationalversammlung zur parlamentarischen Debatte vorlegten. Dieser Bericht beruhte auf einer repressiven Haltung zur Sexarbeit [6], in der der „Kampf gegen das Prostitutionssystem“ als Frauenrechtsproblem formuliert wurde. Was den Bousquet-Geoffroy-Bericht von früheren Berichten unterschied, war sein Blickwinkel auf die Rechte der Frauen, da die Autoren vorschlugen, Sexarbeiterinnen nicht zu bestrafen, sondern die Verantwortung für die Klienten zu tragen, da sie die Tatsache berücksichtigen müssen, dass ihre Forderung nach bezahlter Sexualität Dienstleistungen förderten Ausbeutung und Menschenhandel. Im gesamten politischen Spektrum begrüßte die überwiegende Mehrheit der französischen Politiker den Vorschlag, eine Straftat im Strafgesetzbuch zu schaffen, die sich auf Personen konzentrierte, die für sexuelle Dienstleistungen bezahlten, und die schließlich im April 2016 genehmigt wurde (Gesetz Nr. 2016-444). Obwohl eines der erklärten Ziele des Gesetzes darin bestand, insbesondere Frauen die Möglichkeit zu geben, die Sexarbeit zu verlassen, zeigen neuere Untersuchungen, dass die Bestrafung von Klienten für Sexarbeiterinnen noch schädlicher war als die früheren Maßnahmen gegen Werbung [7], die bereits dazu geführt hatten die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen. [8]

Dieser Artikel soll Aufschluss über die besondere Entwicklung der repressiven Politik zur Sexarbeit in Frankreich geben. Während die Besonderheiten des französischen Kontextes hervorgehoben werden, sollte der Aufbau der Prostitution als soziales Problem angesichts allgemeiner politischer Ängste über Sexismus in armen Gegenden (Quartiers Populaires) und Einwanderungskontrolle gesehen werden. Die Analyse stützt sich auf zwei Hauptdatensätze: laufende Forschung zu humanitären Interventionen gegen Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund (Giametta) und Interviews mit institutionellen, etablierten Feministinnen und anderen neo-abolitionistischen Gruppen [9] (Calderaro), die die Politik der repressiven Prostitution in Frankreich unterstützten. Die früheren Daten stammen aus dem Forschungsprojekt Sexual Humanitarianism (2016-2020), das die Beziehung zwischen Migration, Sexarbeit und Menschenhandel in der globalen Sexindustrie untersucht. [10] Giametta konzentriert sich auf das Gesetz und die aktuellen politischen Debatten und bietet eine Analyse der humanitären Diskurse und Verbriefungspraktiken, die sich an Sexarbeiterinnen in Frankreich richten. Diese Analyse wird weiter durch die ethnografischen Daten gestützt, die aus Interviews mit 25 Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund auf der Straße und im Internet (Trans-, Cis-Frauen und Männer) und zehn Schlüsselinformanten wie Community Health Outreach Workern, Sozialarbeitern und Anwälte für Einwanderungsfragen in Paris und Marseille, die zwischen Januar 2016 und März 2018 durchgeführt wurden. Letzteres geht aus der Feldarbeit hervor, die Calderaro für eine Masterarbeit über die Politik der repressiven Sexarbeit in Frankreich durchgeführt hat. Im Winter 2018 führte sie 15 Interviews durch, um die Rolle der verschiedenen Akteure zu verstehen, die an der Ausarbeitung des Gesetzes von 2016 beteiligt sind. Befragt wurden vier verschiedene Kategorien von Akteuren: zwei wichtige Abgeordnete, die für die Ausarbeitung des Gesetzes zuständig sind, und Mitglieder des Sonderausschusses der Nationalversammlung; Mitglieder öffentlicher Institutionen wie das Büro für die Gleichstellung der Geschlechter im Pariser Rathaus, der Pariser Wachhund für Gewalt gegen Frauen (Observatoire Parisien des Violences faites aux Femmes) und zwei Büros für die Gleichstellung der Geschlechter in Saint-Denis und Bagnolet in der Seine -Saint-Denis Bereich; neo-abolitionistische Aktivisten, darunter zwei Mitglieder des Mouvement du Nid und der Präsident der Fondation Scelles; und Sexarbeiterinnen, Aktivisten und Mitarbeiter von kommunalen Gesundheitsorganisationen, die die Rechte der Sexarbeiterinnen verteidigen. Sie alle wurden vor dem Inkrafttreten des Gesetzes von 2016 nach ihrer Beteiligung an den Konsultations- und Entscheidungsprozessen gefragt.
Sexualpolitik, öffentliche Ordnung und nationale Sicherheit

Obwohl das Endnachfragemodell nicht die versprochenen Ergebnisse der Beseitigung der Prostitution und des Menschenhandels in Schweden geliefert hat, wird es immer noch als Lösung für die Probleme der Prostitution und der Ungleichheit der Geschlechter vorgestellt. Die gewählte Beamtin für die Gleichstellung der Geschlechter im Pariser Rathaus (Mairie de Paris), Hélène Bidard, erklärte: „Im Nachhinein hatte ihr Erfolg wirklich mit den Organisationen zu tun, die den Zusammenhang zwischen Gewalt gegen Frauen und Prostitution betonen.“ Nach dem neo-abolitionistischen Paradigma sind Sexarbeiterinnen keine Straftäter mehr, sondern Opfer. Im schwedischen Kontext wurde das Gesetz als Teil einer breiteren Reihe von Gesetzen gefördert, die als Kvinnofrid oder Gesetz gegen Gewalt gegen Frauen bezeichnet werden (Kvinnofrid wird übersetzt als „Frieden oder Gelassenheit für Frauen“). [11]

Neben der geschlechtsspezifischen Dimension der von schwedischen Institutionen ausgehenden Debatte über Prostitution untersuchte der Anthropologe Don Kulick, wie der Diskurs über Sexualität oder der Umgang mit Sexualität im Privatleben etwas über die Werte der größeren Gesellschaft aussagt. Beim EU-Referendum 1994 stimmte Schweden mit einem knappen Vorsprung für den Beitritt zur Europäischen Union, da im Land Befürchtungen kursierten, dass das Land durch den Zugang zur EU von Zehntausenden ausländischer Prostituierter überflutet würde, die vor den Toren schreien, und es würde von einer liberalen Sichtweise der Prostitution infiziert sein, die sich angeblich in ganz Europa ausbreiten soll. “[12] Seitdem setzen sich schwedische Parlamentarier in Brüssel für das sogenannte „schwedische Modell“ zur Abschaffung der Prostitution ein, mit dem Ziel, das unverwechselbare Bild Schwedens als Paradies für die Gleichstellung der Geschlechter in andere Mitgliedstaaten zu exportieren. Auf EU-Ebene ist heute die verstärkte Verbindung zwischen schwedischen und französischen Mainstream-Feministinnen zu erwähnen, die sich aus den Aktivitäten der Europäischen Frauenlobby ergibt. [13] Um jedoch den besonderen Weg Frankreichs zur Einführung des Endnachfrageansatzes zu verstehen, müssen wir andere Faktoren analysieren, die über die moralischen Bedenken der Politiker hinsichtlich der Ungleichheit der Geschlechter und des Menschenhandels hinausgehen.

Sexualität, nationale Werte und Rassenprobleme

In den frühen 2000er Jahren gab es eine Verschiebung in der Art und Weise, wie Geschlecht und Sexualität im französischen politischen Bereich diskutiert wurden, da sie explizit mit Rassenfragen in Verbindung gebracht wurden. [14] Zu dieser Zeit konzentrierten sich die Medien auf sexuelle Gewaltakte in den Pariser Banlieues (Vororten), die von jungen Männern nordafrikanischer Herkunft begangen wurden [15] – die Zahl der Zeitungsartikel zu diesem Thema verzehnfachte sich von 2000 bis 2001. [16] ]] Diese Ansicht, dass sexuelle Gewalt in bestimmten geografischen Gebieten endemisch ist, kann nicht verstanden werden, argumentiert Myriam Ticktin, ohne die Debatten über Einwanderung und nationale Sicherheit und die zunehmende Islamophobie im Land zu berücksichtigen. [17]

In Frankreich existierten Anfang der 2000er Jahre zwei bemerkenswerte Diskurse nebeneinander. Die erste konzentrierte sich auf den Kampf gegen Sexismus durch Rassismus und mobilisierte „das Kolonialarchiv, das Rasse / Klasse durch Sexualität kodiert“ [18] (d. H. Der Migrant oder rassische Andere, der als sexueller Abweichler angesehen wird). Der zweite war der institutionalisierte Diskurs über Gewalt gegen Frauen, der seit den 1990er Jahren von den Vereinten Nationen ausgeht und der eine bessere Sichtbarkeit von Fragen im Zusammenhang mit Geschlecht und sexueller Gewalt ermöglichte (d. H. Genitalverstümmelung von Frauen, häusliche Gewalt, Sati, Ehrenmorde usw.). Zu dieser Zeit haben die Verbote der passiven Werbung und des Hijab sowie der Fokus auf sexuelle Gewalt in den Banlieues in einigen wichtigen Punkten einen Diskurs über den Schutz von Frauen vor Gewalt und Unterdrückung geführt – ob oder nicht Diese Rhetorik gilt tatsächlich in der Praxis. “[19] Die moralische Ökonomie hinter den Debatten und der Umsetzung von Gesetzen zur Kontrolle der Sexualität löste eine Panik aus, die sich auf in Frankreich lebende Migranten und rassisierte Nichtmigranten konzentrierte.

Dieser Kontext führte zu erheblicher Feindseligkeit und Spaltung unter den Feministinnen in Frankreich [20] und führte zur Konsolidierung dessen, was die amerikanische Soziologin Elisabeth Bernstein als „karzeralen Feminismus“ bezeichnet hat, eine Art Feminismus, der stark von staatlichen Machtformen wie der Strafverfolgung abhängt und Rechtsinstitutionen, um das Patriarchat zu bekämpfen. [21] Die Konvergenz einer bestimmten Art von hegemonialem Feminismus mit dem Staat und seiner Einwanderungspolitik hat in Frankreich eine Politik zur Bekämpfung des Menschenhandels geschaffen, die als „femonationalistisch“ bezeichnet werden kann. [22] Dieser von Sara Farris geprägte Begriff zeigt, wie prominente Feministinnen und Bürokrateninnen – Farris nennt sie „Femokraten“ – Gesetze und Einstellungen gefördert haben, die die muslimische Bevölkerung in Frankreich stigmatisieren, und so die Positionen gegen den Islam im Namen der Frauenrechte gestärkt haben.

Aus femonationalistischer Sicht wird das Problem der Frauenfeindlichkeit und der patriarchalischen Herrschaft allzu oft in bestimmte (arme) Gebiete in französischen Städten verbannt, in denen viele rassisierte Menschen leben. In den jüngsten Debatten über das Verbot der Sexarbeit werden arme Klienten und Klienten der Arbeiterklasse von Sexarbeiterinnen als „schlechte“ sexuelle Subjekte pathologisiert, die im zivilisierten Raum der Republik keinen Platz haben – dies ist das moralische Argument gegenüber Ideale der französischen Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig werden Klienten häufig als „regressive“ sexuelle Subjekte rassisiert, die nicht wissen, wie sie eine Frau mit Respekt behandeln sollen, und die sehr wahrscheinlich (ihre) Frauen ausbeuten, indem sie Sex von ihnen kaufen, sie pimpen oder handeln – das ist das rassistische Argument gegen Minderheiten und Migranten. In den Mainstream-Medien werden Menschen, die in Quartieren leben (Arbeiterviertel), wegen ihrer sexistischen Haltung gegenüber Frauen und schwulen Männern stigmatisiert, wobei beide Gruppen als rettungsbedürftig ausgelegt werden. Diese Art des Rettungsdiskurses hat sich auf die Art und Weise ausgewirkt, in der die Regierung gleichzeitig repressive Maßnahmen ergriffen hat, um muslimische Frauen zu verschleiern und die Prostitution abzuschaffen – im Namen der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung der Frauen. In einem unserer Interviews sagte Yves Charpenel von der neo-abolitionistischen Gruppe Fondation Scelles, als er über Prostitution in den ärmsten Pariser Stadtteilen sprach: „Diese Frauen werden von ihren eigenen Gemeinschaften benutzt, im Allgemeinen sind dies ethnische Minderheiten in den Banlieues Oft in Gangbangs (Tournantes) vergewaltigt, werden sie sozial deklassiert, werden völlig still und unsichtbar und können an die Banden in den nahe gelegenen Banlieues verkauft werden (Interview, Februar 2018). Die Konvergenz der politischen Ängste in Bezug auf öffentliche Ordnung, Sicherheit und Frauenfreiheit hat dazu geführt, dass die Haltung der französischen Mainstream-Feministinnen zur Abschaffung der Prostitution und damit zum Phänomen des Menschenhandels radikalisiert wurde. Die erhöhte Sichtbarkeit von Migranten im Bereich der Sexarbeit – insbesondere auf der Straße und im öffentlichen Raum – hat diese Bedenken verschärft.

Migrationskontrolle: öffentliche Ordnung und nationale Sicherheit

Die Anwesenheit von Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund in ganz Frankreich wurde als öffentliches Ärgernis angesehen. Einige Städte, wie beispielsweise Lyon, haben bereits vor LSI, dem Gesetz über die innere Sicherheit von 2003, begonnen, Anti-Werbegesetze in der Innenstadt anzuwenden. Wie überall in Europa mussten Stadtzentren und gentrifizierte Gebiete „geschützt“ werden, und bereits 2002 wurden landesweit auf kommunaler Ebene Verordnungen gegen Werbung erlassen. [23] Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung durch die Bestrafung der Werbung wurde unter dem damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy zu einer Angelegenheit der nationalen Sicherheit. Dies geschah, weil Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund als mit Netzwerken des Menschenhandels verbunden angesehen wurden. Sie verkörperten eine Form transnationaler Kriminalität, die in Frankreich Fuß fasst. Im Rahmen des LSI (und der Umsetzung des UN-Menschenhandelsprotokolls) erhielten Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund, die wegen Werbung verhaftet wurden, die Möglichkeit, auf Mechanismen zur Bekämpfung des Menschenhandels zuzugreifen und eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, sofern sie ihre Zuhälter und / oder Menschenhändler meldeten.

Die Kontrolle der Migrantenzahlen ist für die Verbriefung in Frankreich von zentraler Bedeutung. Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ in Europa, die Terroranschläge von 2015 in Frankreich und Belgien und der darauf folgende zweijährige Ausnahmezustand sowie das darauffolgende Anti-Terror-Gesetz, das 2017 von der Regierung von Präsident Macron umgesetzt wurde, lösten eine Zunahme der Identitätsprüfungen aus , Überfälle und weitere Stigmatisierung des Islam, die sich alle gegen rassisierte Menschen und Migranten im Land richten. Diese außerordentlichen polizeilichen und administrativen Maßnahmen wurden im Rahmen des konventionellen Modus Operandi im Rahmen des état d’urgence gerechtfertigt. [24] Migranten werden zunehmend als Raubtiere dargestellt und sind schockierend hohen Polizeikontrollen ausgesetzt. Wie unsere ethnografischen Untersuchungen gezeigt haben, hat die von institutionellen Feministinnen ausgehende Agenda der Regierung zur Gleichstellung der Geschlechter die rassistische Logik ihrer Sicherheitsmaßnahmen nicht in Frage gestellt. im Gegenteil, es hat Karzeralpraktiken legitimiert, um die Abschaffung der Prostitution voranzutreiben.

Neue Allianzen und die Neudefinition des „Problems der Prostitution“

Aufkommende Allianzen zwischen verschiedenen Akteuren haben die Politisierung des „Problems der Prostitution“ sowie seinen Platz auf der institutionellen Agenda in Frankreich beeinflusst. [25] Das Bündnis neo-abolitionistischer Organisationen, institutioneller Feministinnen und feministischer Mainstream-Bewegungen hat die Prostitution durch das neo-abolitionistische Paradigma neu definiert und mit Gewalt gegen Frauen in Verbindung gebracht. [26] Darüber hinaus wurden Antineoliberal- und Antiglobalisierungsdiskurse weitgehend mobilisiert, um Prostitution als politisches Thema sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene neu zu definieren. [27]

Die Konvergenz von Neo-Abolitionistinnen, Feministinnen und öffentlichen Institutionen

Das erste Bündnis, auf das wir hinweisen möchten, ist das unter den neo-abolitionistischen Akteuren selbst, dh feministischen Interessengruppen und traditionellen neo-abolitionistischen Organisationen. Zu den Neo-Abolitionisten, auf die wir uns beziehen, gehören Organisationen, die unter die rechtliche Kategorie „gemeinnützige Organisationen“ fallen (Verbände, die sich wieder für die Öffentlichkeit einsetzen), d. H. Organisationen mit einem Ziel von öffentlichem Interesse, die von öffentlichen Geldern, Geschenken und Vermächtnissen profitieren können. Wir bezeichnen diese Akteure als „moralische Unternehmer“ [28] und betonen damit ihre moralische Haltung und die katholische Tradition, aus der ihre Politik hervorgeht. [29] Unter diesen Organisationen haben das Mouvement du Nid und die Fondation Scelles eine zentrale Rolle gespielt. Zusammen mit feministischen Organisationen gründeten sie Abolition 2012, ein Kollektiv aller Neo-Abolitionisten, die sich für die Ausrottung der Prostitution in Frankreich einsetzen. Auf die Frage nach den Verbindungen zwischen dem Mouvement du Nid und der Fondation Scelles erklärte Yves Charpenel, Präsident der Fondation Scelles:

    Y. Charpenel: Wir haben gemeinsam die Abschaffung 2012 und die GAP (Koalition zur Abschaffung der Prostitution) ins Leben gerufen, in der 23 Organisationen aus 23 verschiedenen Ländern zusammenkommen. Wir tauschen Wissen über verschiedene nationale Gesetze aus und arbeiten auch mit Überlebendenorganisationen zusammen. „Überlebende“ bezieht sich hier auf ehemalige Sexarbeiterinnen – Anmerkung der Autoren].

    C: Abolition 2012 wurde also zu Beginn von… erstellt?

    Y. Charpenel: Die Fondation [Scelles] und das Mouvement du Nid, ja. Und dann machten Feministinnen mit.

Die Abschaffung 2012 war das Ergebnis des Bündnisses von etwa 80 Neo-Abolitionistinnen und Feministinnen, die sowohl aus Interessengruppen als auch aus öffentlichen Institutionen stammten. Sie versammelten sich, um Treffen und Demonstrationen zu organisieren, um das Endnachfragegesetz zu unterstützen. Die befragten Abgeordneten erwähnten die unverzichtbare Unterstützung feministischer Organisationen. Catherine Coutelle, ehemalige Abgeordnete und Vizepräsidentin des mit der Entwicklung des Gesetzes beauftragten Sonderausschusses, erklärte: „Die Abschaffung 2012 war eine sehr nützliche Bewegung. Wir haben uns regelmäßig mit ihnen befasst, wenn wir der Meinung waren, dass die öffentliche Meinung und die Presse dies nicht waren genug dafür, dann haben sie Leitartikel in Zeitungen usw. geschrieben “(Interview, Januar 2018). Abolition 2012 ist nicht nur eine Interessenvertretung, die sich aus Organisationen zusammensetzt, die versuchen, Druck auf öffentliche Institutionen auszuüben. Beamte und Institutionen sind ein zentraler Bestandteil des Kollektivs. In einem Interview mit Hélène Bidard, der für die Gleichstellung der Geschlechter in Paris zuständigen Beamten, bestätigte sie die Bedeutung dieses Kollektivs und die Rolle der Mairie de Paris und anderer öffentlicher Institutionen bei der Entwicklung des Endnachfragegesetzes. Sie versammelten sich wiederholt und organisierten Demonstrationen vor der Versammlung und dem Senat, um sie auf die Tagesordnung zu setzen “(Interview, April 2018).

In diesem Prozess wurde das Mouvement du Nid zu dem, was Kingdon als „versteckten Teilnehmer“ bezeichnet [30], da es durch hartnäckiges Lobbying eine führende Rolle hinter den Kulissen spielte. In unserem Interview wies Catherine Coutelle auf das unermüdliche Engagement des Mouvement hin:

Ich werde es Ihnen von Anfang an erklären, wie niemand weiß [lacht]. Das Mouvement du Nid organisierte 2012 ein Mittagessen an der Sommeruniversität von La Rochelle mit Najat Vallaud-Belkacem [damals Ministerin für Frauenangelegenheiten]. Grégoire Théry [die Präsidentin von Mouvement] wollte, dass ich komme, da ich gerade Präsidentin der Frauenrechtsdelegation geworden war, und sie wussten, dass ich ein strategischer Akteur sein könnte. Und ich fühlte, dass dieses Mittagessen wie eine Falle war [lacht], ich meine, er [Théry] war neben Najat und sagte: „Najat, dieses Gesetz muss unbedingt verabschiedet werden, du musst es annehmen, es muss auf die Tagesordnung gesetzt werden. Wann beginnt das Parlament darüber zu diskutieren? „Ich war erstaunt und dachte nach.“ Aber was macht diese Organisation und diktiert uns unsere Agenda? … “.

Dem Mouvement gelang es, während formeller und informeller Treffen Druck auf Abgeordnete und Beamte auszuüben, indem er kontinuierlich sowohl die Relevanz als auch die Dringlichkeit des Gesetzes betonte. Bei der Beschreibung der Lobbypraxis des Mouvement verwendete Lorraine Questiaux, eine Anwältin des Mouvement, den Ausdruck „Belästigung von Politikern“ (Interview, April 2018). Auf allen Ebenen spielte das Mouvement eine Schlüsselrolle bei der Neudefinition des Problems und seiner Aufnahme in die institutionelle Agenda.

Die ideologische Neudefinition des „Problems der Prostitution“: die Verwendung antikapitalistischer Rhetorik

Es ist erwähnenswert, dass die repressive Politik der französischen Regierung in Bezug auf Sexarbeit das Ergebnis der Überzeugungen und Bemühungen sozialistischer Politiker ist, im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen das Endnachfragemodell unter konservativen Regierungen umgesetzt wurde, wie in Kanada und im Norden Irland. Tatsächlich war die politische Neudefinition des „Problems der Prostitution“ vom linken Standpunkt aus entscheidend für den Erfolg der feministischen, neo-abolitionistischen Vision in Frankreich. Die Verwendung des Antiglobalisierungsarguments [31] sowie anderer marxistischer Vorstellungen über die Kommerzialisierung der Erwerbsbevölkerung hat dazu beigetragen, zu behaupten, dass das Gesetz im Kern nicht nur fortschrittlich, sondern sogar antikapitalistisch ist.

Feministinnen der radikalen Linken trugen zur Konsolidierung der Unterstützung für das Endnachfragemodell bei. Zum Beispiel hat das Gender-Komitee der Anti-Globalisierungsgruppe Attac argumentiert, dass Prostitution die Kommerzialisierung von Frauenkörpern fördert und dass sie das beste Beispiel für globalisierte Zwangsarbeit darstellt und sich damit in eine neoliberale Ideologie einfügt. [32] Die Soziologin Marie-Victoire Louis, Präsidentin der AVFT (Association européenne contre les violences faites aux femmes au travail), war in den 1990er Jahren die erste, die Antikapitalismus und Neoabolitionismus miteinander verband. Sie definierte Prostitution als Frucht patriarchalischer Gewalt, die zur Vermarktung von Frauenkörpern zum Nutzen von Klienten, Zuhältern und des Staates führte. [33] Nach dieser Logik wird die Unterdrückung zur notwendigen Position, um das „Nicht-Eigentum“ des menschlichen Körpers zu bekräftigen, das mit dem Rechtsbegriff der Menschenwürde verbunden ist, wie der Titel des Attac-Berichts 2008 zeigt: Globalisierung der Prostitution, eine globale Verletzung der Menschenwürde “.

Einige der neo-abolitionistischen Akteure, die das Gesetz von 2016 unterstützten oder mobilisierten, hatten Karrieren und öffentliche Rollen in neo-abolitionistischen Gruppen, feministischen Organisationen und radikalen linken politischen Parteien. Zum Beispiel argumentierte Lorraine Questiaux von der Mouvement in unserem Interview, dass das Gesetz von 2016 eine „echte Revolution“ darstelle:

    Es ist eine Revolution; es ist für mich das revolutionärste Gesetz der letzten 40 Jahre. Es ist der letzte soziale Fortschritt, den wir erzielt haben: Es ist das erste Mal, dass wir so deutlich bekräftigen, dass Arbeit keine totale Ausbeutung des Einzelnen sein kann. Wir bekräftigen, dass wir das Individuum, seinen Körper und seine Psyche nicht vollständig ausbeuten können. Es ist ein antikapitalistisches Gesetz. Ein marxistisches Gesetz, zutiefst marxistisch.

Als sie gefragt wurde, wie dieses Gesetz „zutiefst marxistisch“ ist, erklärte sie, dass „der Höhepunkt des Kapitalismus die Prostitution ist“, da er die Person ganzheitlich ausbeutet. Sie schrieb dann den Abolitionismus in die Geschichte der Bewegungen für den sozialen Fortschritt ein:

Jedes Arbeitsgesetz und jede Reform hatte ein einziges Ziel: die Verhinderung der Prostitution. Seit Beginn des Jahrhunderts forderten wir den Schutz des Körpers, dass Arbeitsunfälle abgedeckt werden sollten, flexible Arbeitszeiten, damit Menschen nicht am Arbeitsplatz sterben, damit der Körper nicht beschädigt werden kann, verbraucht durch die individuellen Bedürfnisse der kapitalistischer Ausbeuter.

So verwenden neo-abolitionistische Akteure antikapitalistische Rhetorik, um ihre ideologische Position zu verteidigen. Die Eintragung des neo-abolitionistischen Gesetzes in den historischen Rahmen sozialer Reformen wird durch die Beteiligung von Akteuren der französischen radikalen Linken an der Debatte über Prostitution verstärkt, aber auch durch Akteure, die eine Multipositionalität genießen und gleichzeitig an feministischen Organisationen beteiligt sind. öffentliche Institutionen und radikale linke Parteien.

Die Delegitimierung von Sexarbeiterinnen: symbolische Gewalt und Kollateralschäden

Politik und Gesetzgeber verewigen die historische Unhörbarkeit von Sexarbeiterinnen, und Sexarbeiterinnen sprechen weiterhin über Organisationen, Gewerkschaften, einzelne Vertreter, aber niemand hört zu. [34] Insbesondere Migranten, die im Bereich der Sexarbeit tätig sind, unterliegen in besonderer Weise institutionellen Stummschaltungsstrategien. Erstens wird dies durch das Opfer des Menschenhandels erreicht, wie es systematisch auf sie angewendet wird. Der Fall der chinesischen Sexarbeiterinnen in Paris ist insofern von Bedeutung, als er diese Kategorisierung in Frage stellt. Florence Lévy und Marylène Lieber zeigen, dass chinesische Frauen, die Sex in Paris verkaufen, größtenteils unabhängig arbeiten und dass sie mit der Sexarbeit beginnen, nachdem sie die Möglichkeiten zur Bekämpfung der Armut und zum Zugang zu Ressourcen bewertet haben, dh ihre Fähigkeit, Pläne zu schmieden, Strategien zu haben, und innerhalb einer begrenzenden Struktur zu handeln. [35] Während unseres Interviews erklärte die neo-abolitionistische Politikerin Maud Olivier jedoch kategorisch, dass chinesische Sexarbeiterinnen von „sehr gewalttätigen chinesischen Mafias, sie werden verletzt und brutalisiert“ abhängig sind, wodurch jede Form von Entscheidungsfreiheit dieser Gruppe von Migrantinnen vollständig zunichte gemacht wird. Zweitens sind Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund, wenn sie mobilisieren, um ihre Rechte geltend zu machen und durch öffentliche Demonstrationen für Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen, einer stärkeren Polizeiarbeit ausgesetzt, und ihr Migrationsstatus kann sie leicht in Haft und Abschiebung bringen. Selbst nach der Mobilisierung chinesischer Sexarbeiterinnen durch den Lotus Bus – ein Unterstützungsprogramm, das die NGO Médecins du Monde im Jahr 2002 ins Leben gerufen hatte – war die Repression der Polizei weiterhin hoch. [36] Während unserer Feldarbeit erfuhren wir außerdem, dass sowohl die Sexarbeiterinnen als auch Médecins du Monde keine öffentlichen Subventionen mehr von Marie de Paris erhielten. Daher sind Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund im Namen des Schutzes häufig das Ziel repressiver und strafender Maßnahmen. Diese Mechanismen sind Teil einer „sexuell humanitären“ Logik, ein Konzept, mit dem Nicola Mai das spezifische Zusammenspiel von Schutz und Kontrolle beschreibt, das Migranten erfahren, wenn sie aufgrund ihres sexuellen Verhaltens und ihrer Orientierung durch humanitäre Diskurse und Interventionen als verwundbar angesehen werden und Arbeit. [37]

Ganz allgemein beruht die Delegitimierung der Argumente und der Arbeit von Sexarbeiterinnen, ob Migranten oder Nichtmigranten, auf dem Begriff „symbolische Gewalt“, der sich auf „die Gewalt bezieht, die auf einen Sozialagenten mit ihrer Mitschuld ausgeübt wird“. [38] In Frankreich wurde dieses Konzept sowohl im Hijab-Verbot als auch in den Debatten über Sexarbeit ausgiebig angewendet, sodass die politischen Entscheidungsträger behaupten konnten, dass dominierte Menschen – hier verschleierte Frauen und Sexarbeiterinnen – unbewusst akzeptieren, dominiert zu werden, und sogar das Recht darauf beanspruchen. Ein prominentes Beispiel dafür war, als die damalige Ministerin für Frauenrechte, Laurence Rossignol, im Jahr 2016 muslimische Frauen, die den Hijab trugen, in einem französischen Radioprogramm mit „afrikanischen Sklaven in den USA, die für Sklaverei waren“ verglich. [39] Das repressive Paradigma der Sexarbeit kann sich nicht vorstellen, dass Sexarbeiterinnen für sich selbst sprechen können. Thierry Schaffauser, Mitglied von STRASS, der französischen Gewerkschaft der Sexarbeiterinnen, sagte uns: „Weil ich ein Mann bin, weil ich ihre Argumente anfechten kann, Die Abolitionisten sehen mich nicht als Sexarbeiterin. Sie sagen, dass ich es wähle oder dass ich ein Zuhälter bin. “ Seit seiner Gründung im Jahr 2009 war STRASS das Ziel neo-abolitionistischer Argumente in der Presse und in den nationalen Medien, wonach Sexarbeiter-Aktivisten Zuhälter, Lügner oder „Ermöglicher von Ausbeutern und Menschenhändlern“ sind. [40]

Wichtige Ähnlichkeiten sind im Entwurfsprozess zu beobachten, der zum Gesetz von 2004 über das Verbot des Kopftuchs in Schulen und zum Gesetz von 2016 zur Kriminalisierung von Klienten von Sexarbeiterinnen führt, insbesondere durch die Delegitimierung sowohl verschleierter Frauen als auch Sexarbeiterinnen und deren angebliche Unfähigkeit, für sich selbst zu sprechen. [ 41] In beiden Fällen waren Sonderausschüsse der Nationalversammlung für die Durchführung von Anhörungen mit ausgewählten Gruppen und Einzelpersonen zuständig, die als „Experten“ in dieser Angelegenheit verstanden wurden. In Bezug auf das Verbot von 2004 waren verschleierte Frauen nicht im Sonderausschuss anwesend [42], ebenso wenig wie die Sprecher, Sozialwissenschaftler und Lehrer gegen das Verbot. [43]

Im Jahr 2013 berief der Sonderausschuss die Gegner des Endnachfragegesetzes gleichzeitig und an einem einzigen Tag (30. April) ein, so dass sie nur wenige Stunden Zeit hatten, mit den Abgeordneten zu debattieren. Organisationen und Einzelpersonen, die das Gesetz unterstützen, waren jedoch während des gesamten Entwurfsprozesses beteiligt. Maud Olivier, der damalige Berichterstatter des Gesetzes, sagte, dass die Abgeordneten „auch auf sie [die Sexarbeiterorganisationen] hören müssen, um nicht sektiererisch, parteiisch oder nicht objektiv zu wirken“, und dass „die Abgeordneten bereits wussten, dass sie dies nicht tun würden überzeugen‘. Gleichzeitig waren sich die Sexarbeiterorganisationen bewusst, dass ihre Einladung zur Diskussion lediglich eine Form des Tokenismus war. Die damalige Sekretärin von STRASS, Morgane Merteuil, sagte uns: „Das Ziel der Abgeordneten war es, eine Situation zu schaffen, in der Worte gegen uns verwendet werden können. Sie brauchten unsere Argumente, um ihren Bericht fertigzustellen und zu legitimieren, was sie von Anfang an gesagt haben “(Interview, April 2018). Dies bedeutete, dass die Entscheidung bereits getroffen worden war.

Die Zusammensetzung der Sonderausschüsse der Regierung zu diesen beiden Themen (Kopftuch und Prostitution) spiegelte die ideologischen Positionen ihrer Mitglieder wider. Diese Ausschüsse wurden effektiv zum strategischen Ort für „die Erstellung einer im Voraus geplanten Erzählung, um die Notwendigkeit des Verbots zu rechtfertigen“. [44] Hier wird der Schleier leicht als Symbol für die Unterdrückung von Frauen geworfen, und Prostitution wird als inhärent geschlechtsspezifische Gewalt angesehen. Dies ist die Logik, die verschleierte Frauen von der politischen und parlamentarischen Debatte im Jahr 2004 und später Sexarbeiterinnen von den Debatten in den Jahren 2013 bis 2016 ausschloss.

Der neo-abolitionistische Rahmen hat unweigerlich Kollateralschäden verursacht, dh die negativen Auswirkungen dieser Politik werden nicht berücksichtigt. In diesem Zusammenhang wird die Figur der Sexarbeiterin als rettungswürdig ausgelegt und gleichzeitig als Kollateralschaden anerkannt, da sie sich in einem kriminalisierten politisch-wirtschaftlichen Raum befindet. Unter den politischen Entscheidungsträgern besteht der sexuelle humanitäre Diskurs über Interventionen zur Beendigung symbolischer Gewalt und das Bewusstsein für den Schaden, der den Zielgruppen zugefügt wurde, nebeneinander. Das Handeln auf „symbolische Gewalt“ funktioniert auf diskursiver Ebene, und die daraus resultierende Folge ist die nachteilige Auswirkung auf den Lebensunterhalt von Sexarbeiterinnen, die nach wie vor am stärksten von Bestrafungsmaßnahmen betroffen sind. Dabei wird das Leben von Sexarbeiterinnen „verfügbar“ [45], da sie für das Wohl des Versuchs, eine Welt ohne Prostitution zu schaffen, geopfert werden können. Auf Regierungsebene ist dieser Schaden für Sexarbeiterinnen durch Grenzkontrollen, nationale Sicherheit, öffentliche Ordnung und Frauenrechte gerechtfertigt.

Fazit

Die moralische Panik über den Menschenhandel führt dazu, dass Mythen über sein Ausmaß und die Umstände, unter denen er auftritt, fortbestehen. [46] In einer 2015 in Frankreich durchgeführten Studie führten Mai und Giametta vor der Umsetzung des Gesetzes vom April 2016 eine Umfrage unter 500 Sexarbeiterinnen in den wichtigsten französischen Städten durch [47], aus der hervorgeht, dass 98 Prozent der Befragten gegen die Verabschiedung des Gesetzes und dass rund 7 Prozent als potenzielle Opfer des Menschenhandels identifiziert werden könnten.

Die Art und Weise, wie Frankreich beschlossen hat, das „Problem der Prostitution“ anzugehen, stimmt mit breiteren ideologischen Positionen zum Krieg gegen Drogen und Prostitution in anderen Teilen der Welt überein. Erstens lehnt es empirisches Wissen ab, das von Sozialwissenschaftlern erstellt wurde, die die Phänomene untersuchen. [48] Zweitens werden rassistische Bilder verwendet, um affektive und humanitäre Formen der Regierungsführung zu fördern, die auf Abscheu (gegen Menschenhändler und andere „Ausbeuter“) und Mitleid (gegenüber Sexarbeiterinnen / Opfern) beruhen. Schließlich werden Richtlinien erstellt, die sich sehr nachteilig auf den Lebensunterhalt der Menschen auswirken, die geschützt werden sollen, da die Arbeit dadurch viel versteckter und gefährlicher wird. Wissenschaftliche Untersuchungen zum „schwedischen Modell“ und seinen Auswirkungen in Schweden haben gezeigt, dass dieser Rahmen den Lebensunterhalt der Sexarbeiterinnen beeinträchtigt und ihre Isolation und Stigmatisierung sowie ihre Gewaltanwendung erhöht. [49] Aktivisten und Wissenschaftler haben auch wiederholt die Dimension der Bekämpfung des Menschenhandels in Frage gestellt, die dem Endnachfrageansatz innewohnt. Sexarbeiterinnen, sowohl Migranten als auch Nicht-Migranten, sind infolge des „Anti-Menschenhandels“ anfälliger für Ausbeutung, Missbrauch und Zwang. [50] Wie Anderson und O’Connell Davidson argumentieren, werden durch die Kriminalisierung der Nachfrage nicht die strukturellen sozioökonomischen Probleme angegangen, die Menschenhandel und Ausbeutung hervorrufen und aufrechterhalten. [51]

Der Ausschluss von Sexarbeiterinnen aus den sie betreffenden politischen Debatten resultiert daraus, dass sie durch das Prisma von Geschlecht und Rasse als „sozial abweichend“ ausgelegt werden [52] und sich im Rahmen größerer nationaler Ängste hinsichtlich der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Einwanderungskontrolle befinden . Wie wir gezeigt haben, haben verschleierte muslimische Frauen in Frankreich eine ähnliche Situation: Das Verbot des Schleiers kann nicht von rassistischen und einwanderungsfeindlichen Maßnahmen gelöst werden, in denen muslimische Männer als „Unterdrücker“ und muslimische Frauen als „Opfer“ dargestellt werden, um zu retten. [53] Ebenso kann die repressive Sexarbeitspolitik nicht von nationalen Bedenken hinsichtlich Einwanderung und Sicherheit isoliert werden. [54] Die legale Taxonomie bedient sich sozialer Kategorien von Abweichungen, die durch gesellschaftspolitische und kulturelle Diskurse in der größeren Gesellschaft zirkulieren. [55] Repressive Gesetze zur Prostitution konsolidieren nicht nur „abweichende Kategorien“, sondern stellen sie auch in den Dienst umfassenderer Strategien der staatlichen Kontrolle.

Charlène Calderaro ist Doktorandin am Zentrum für Gender Studies der Universität Lausanne, Schweiz. Ihre aktuelle Arbeit konzentriert sich auf feministische soziale Bewegungen und Konflikte. In ihrer Masterarbeit, die sie an der EHESS (Paris) abschloss, untersuchte sie die Konstruktion des Problems der Prostitution und den Entwurfsprozess des neo-abolitionistischen Gesetzes. Sie hat auch an dem Gesetz gearbeitet, das das Kopftuch in Schulen in Frankreich verbietet, und dabei die Allianzen zwischen französischen öffentlichen Institutionen und einigen feministischen Gruppen hervorgehoben. E-Mail: charlene.calderaro@unil.ch.

Calogero Giametta ist Soziologe an der Universität Aix-Marseille. Seine aktuelle Forschung konzentriert sich auf Geschlecht, Sexualität und die politische Ökonomie der Migration und untersucht, wie Migrationskontrolle durch (sexuelle) humanitäre Interventionen in Frankreich und Großbritannien funktioniert. Er untersucht Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels und das Asylrecht. Er ist Postdoktorand im Rahmen des vom ERC finanzierten Forschungsprojekts „Sexueller Humanitarismus: Migration, Sexarbeit und Menschenhandel“ (2016-2020) für Frankreich und Autor des Buches The Sexual Politics of Asylum (Routledge, 2017). E-Mail: calogiame@gmail.com.

Anmerkungen:

[1] R Andrijasevic und N Mai, „Editorial: Darstellungen von Menschenhandel (in): Verständnis der wiederkehrenden Anziehungskraft von Opfer und Sklaverei in neoliberalen Zeiten“, Anti-Trafficking Review, Ausgabe 7, 2016, S. 1–10, https: / /doi.org/10.14197/atr.20121771.

[2] F Guillemaut, „Femmes Africaines, Migration et travail du sexe“, Sociétés, vol. 1, nein. 99, 2008, S. 91-106, https://doi.org/10.3917/soc.099.0091.

[3] C Deschamps, „La figure de l’étrangère dans la prostitution“, Autrepart, vol. 2, nein. 42, 2007, S. 39-52, https://doi.org/10.3917/autr.042.0039.

[4] Der Ausdruck „Problem der Prostitution“ weist hier auf den Prozess hin, durch den französische öffentliche Institutionen die Prostitution als ein soziales Problem konstruiert haben, das dringend angegangen werden muss. Die Verwendung dieser Terminologie ermöglicht es uns, auf die Soziologie sozialer Probleme zu verweisen, die seit den 1970er Jahren die Faktoren und Akteure analysiert, die entscheiden, dass eine bestimmte soziale Aktivität oder ein bestimmtes soziales Phänomen als Problem zu verstehen und zu behandeln ist. Siehe M Spector und J I Kitsuse, Konstruieren sozialer Probleme, Cummings, Menlo Park, 1977; J Gusfield, Die Kultur der öffentlichen Probleme: Alkohol am Steuer und die symbolische Ordnung, University of Chicago Press, Chicago, 1981.

[5] L Mathieu, „Genèse et logiques des politiques de prostitution en France“, Actes de la recherche en Sciences sociales, vol. 3, nein. 198, 2013, S. 5-20.

[6] Eine Analyse der Kategorien, die in der Literatur zur Definition von Regimen für die Sexarbeitspolitik verwendet werden, finden Sie unter: P Östergren, „Von der Nulltoleranz zur vollständigen Integration. Überdenken der Prostitutionspolitik “, Demand AT Working Paper, 2017b, p. 13, abgerufen am 5. November 2018, http://www.demandat.eu/publications/zero…n-policies.

[7] H. Le Bail und C. Giametta, Que pensent les travailleur.ses.s du sexe de la loi Prostitution?, Médecins du Monde, Paris, 2018.

[8] Diese Ergebnisse stimmen mit Untersuchungen in anderen Ländern überein. Siehe zum Beispiel: Amnesty International, Politik zu staatlichen Verpflichtungen zur Achtung, zum Schutz und zur Erfüllung der Menschenrechte von Sexarbeiterinnen, AI, 2016; S K Chu und R Glass, „Reform des Sexarbeitsrechts in Kanada: Berücksichtigung von Problemen mit dem nordischen Modell“, Alberta Law Review, vol. 51, nein. 1, 2013, S. 101-124, http://dx.doi.org/10.29173/alr59; C Holmström und M Skilbrei, „Das schwedische Gesetz über den Kauf von Sex: Wo steht es?“, Oslo Law Review, vol. 4, nein. 2, 2017, S. 82-104, https://doi.org/10.18261/issn.2387-3299-2017-02-02; J Levy und P Jacobsson, „Schwedischer abolitionistischer Diskurs und Recht: Auswirkungen auf die Dynamik der schwedischen Sexarbeit und auf das Leben der schwedischen Sexarbeiterinnen“, Criminology and Criminal Justice, vol. 5, nein. 14, 2014, S. 593-607, https://doi.org/10.1177/1748895814528926; P Östergren „Schweden“ in S. Jahnsen und H. Wagenaar (Hrsg.), Bewertung der Prostitutionspolitik in Europa, Routledge, London und New York, 2017; UNAIDS, Leitfaden zu HIV und Sexarbeit, UNAIDS, 2009.

[9] Wie H. Wagenaar et al. beschreiben, „Neo-Abolitionismus“ ist der Begriff, der verwendet wird, um die gegenwärtig dominierende Bewegung zur Ausrottung oder Unterdrückung der Prostitution in der Gesellschaft durch Anwendung des Strafrechts auf Klienten und Dritte zu bezeichnen … ihren Ausdruck in der Kriminalisierung der öffentlichen Ordnung und der Anwendung des Rechts als Pädagogik Werkzeug – wurde in Schweden entwickelt “. Siehe: H. Wagenaar et al., Gestaltung der Prostitutionspolitik: Absicht und Realität bei der Regulierung des Sexhandels, Policy Press, Bristol und Chicago, 2017, S. 11-12. Generell betrachten neo-abolitionistische Akteure Sexarbeiter als Opfer der patriarchalischen Gesellschaftsordnung.

[10] Das Forschungsprojekt trägt den Titel „Sexueller Humanitarismus: Migration, Sexarbeit und Menschenhandel“ SEXHUM (ERC CoG 682451). Es ist ein vierjähriges Projekt (2016-2020), das vom Europäischen Forschungsrat finanziert wird. SEXHUM wird von Nicola Mai geleitet und hat seinen Sitz an der Kingston University in London (Abteilung für Kriminologie und Soziologie) und an der Aix-Marseille University (LAMES – Mediterranean Laboratory of Sociology). Siehe: https://sexualhumanitarianism.wordpress.com.

[11] D Kulick, „Sex im neuen Europa: Die Kriminalisierung von Klienten und die schwedische Angst vor dem Eindringen“, Anthropological Theory, vol. 3, nein. 2, 2003, S. 199-218, https://doi.org/10.1177/1463499603003002005.

[12] D Kulick, „Vierhunderttausend schwedische Perverse“, GLQ, vol. 11, nein. 2, 2005, S. 205-235, S. 221.

[13] Die 1990 gegründete Europäische Frauenlobby ist eine Dachorganisation von Frauen-NGOs in der gesamten Europäischen Union mit einem Sekretariat in Brüssel. Es umfasst die französische Koordinierung für die Europäische Frauenlobby (CLEF) und die schwedische Frauenlobby. Diese NGO verfolgt einen neo-abolitionistischen Ansatz in Bezug auf Prostitution.

[14] E Fassin, „Aufstieg und Fall der Sexualpolitik in der Öffentlichkeit: Ein transatlantischer Kontrast“, Public Culture, vol. 18, nein. 1, 2006, S. 79–92, https://doi.org/10.1215/08992363-18-1-79; E Macé und N Guénif Souilamas, Les Féministes und Garçon Arabe, Aubes, Paris, 2004.

[15] C Hamel, „De la rassization du sexisme au sexisme identitaire“, Migrations Société, vol. 17, nein. 99-100, 2005, S. 91-104.

[16] L Mucchielli, Le Scandale des Tournantes: Dérives médiatiques, contre-enquête sociologique, La Découverte, Paris, 2005.

[17] M Ticktin, „Sexuelle Gewalt als Sprache der Grenzkontrolle: Wo sich französische feministische Rhetorik und Rhetorik gegen Einwanderer treffen“, Signs, vol. 33, nein. 4, 2008, S. 863-889, https://doi.org/10.1086/528851.

[18] A L Stoler, Rasse und Bildung des Begehrens: Foucaults Geschichte der Sexualität und der kolonialen Ordnung der Dinge, Duke University Press, Durham, 1995.

[19] Ticktin, S. 873.

[20] JW Scott, Die Politik des Schleiers, Princeton University Press, Princeton, 2007; N Dot-Pouillard, „Les recompositions politiques du mouvement féministe français au Regard du Hijab“, SociologieS (Online), 2017, verfügbar unter http://journals.openedition.org/sociologies/246.

[21] E Bernstein, „Die sexuelle Politik des neuen Abolitionismus“, Differences, vol. 18, nein. 3, 2007, S. 128–143, https://doi.org/10.1215/10407391-2007-013.

[22] S Farris, „Femonationalismus und die“ reguläre „Armee der Arbeit, genannt Migrantinnen“, History of the Present, vol. 2, nein. 2, 2012, S. 184–199, https://doi.org/10.5406/historypresent.2.2.0184.

[23] Mathieu, 2013.

[24] D Fassin, „Short Cuts“, London Review of Books, vol. 38, nein. 5, 2016, p. 23.

[25] Weitere Informationen zur Platzierung sozialer Probleme auf der Tagesordnung und zur Unterscheidung zwischen institutionellen und politischen Agenden finden Sie unter: R Cobb und C Elder, Teilnahme an der amerikanischen Politik: Die Dynamik der Agenda-Erstellung, Johns Hopkins University Press, Baltimore 1972.

[26] D Bousquet, „Prostitution: Des Violences du Corps à l’esprit“, Après-demain, vol. 2, nein. 26, 2013.

[27] Mathieu.

[28] H Becker, Außenseiter: Studien zur Soziologie der Abweichung, Free Press, New York, 1973.

[29] Das Mouvement du Nid wurde 1946 von einem Prediger, Jean-Marie Talvas, gegründet und gehört zur linken katholischen Bewegung Action Catholique Ouvrière. Die Fondation Scelles wurde 1994 als gemeinnützige Organisation registriert und ist weniger etabliert als die Mouvement du Nid. Seine Mitglieder kommen aus bürgerlichen sozialen Verhältnissen, wobei hochrangige Beamte und Richter Teil der Stiftung sind. Sie veröffentlichen Materialien und organisieren Seminare, um die Öffentlichkeit für die Gefahren der Prostitution zu sensibilisieren.

[30] J Kingdon, Agenden, Alternativen und öffentliche Politik, Little, Brown, 1984.

[31] Mathieu.

[32] Attac, Mondialisation de la Prostitution, Atteinte Globale à la Dignité Humaine, Mille et une nuits, Paris, 2008.

[33] Mathieu.

[34] G Pheterson, „Endlich auf die Frauen hören!“, Open Democracy, 2. März 2016, https://www.opendemocracy.net/beyondslav…ast-listen -zu-Frauen.

[35] F Lévy und L Marylène, „Sex- und emotionsbasierte Beziehungen als Ressource für Migration: nordchinesische Frauen in Paris“, Revue française de sociologie, vol. 52, nein. 5, 2011, S. 3-29, https://doi.org/10.3917/rfs.525.0003.

[36] H. Le Bail, „Mobilization de Femmes Chinoises Migrantes se Prostituant à Paris. De l’invisibilité à l’action kollektiv ’, Genre, sexualité & société, nr. 14, 2015, https://doi.org/10.4000/gss.3679.

[37] N Mai, „Zusammenstellung von Samira: Verständnis des sexuellen Humanitarismus durch experimentelles Filmemachen“, antiAtlas Journal, vol. 1, 2016.

[38] P Bourdieu und L Wacquant, Eine Einladung zur reflexiven Soziologie, University of Chicago Press, Chicago, 1992, p. 167.

[39] RMC-Radioprogramm am 30. März 2016 (siehe Presseartikel: K Lewis, „Der französische Minister Laurence Rossignol vergleicht muslimische Frauen, die Schleier tragen, mit„ Negern zugunsten der Sklaverei “), The Independent, 31. März 2016, https: / /www.independent.co.uk/news/world/europe/french-minister-laurence-rossignol-compares-muslim-women-who-wear-veils-to-negroes-in-favour-of-a6961121.html).

[40] Siehe zum Beispiel ein Fernsehinterview mit Lorraine Questiaux: „Vous mentez!“: LCI, 13. April 2016, abgerufen am 14. November 2016 2018, https://www.lci.fr/france/vous-mentez-vi…55046.html.

Ausgangssprache: Französisch

[41] C Calderaro, La ‚Problématique du Voile‘ und Sohn Entrée dans le Cadre Juridique Français: Genèse et évolution, Masterarbeit, Presses Universitaires de Strasbourg, Straßburg, 2017.

[42] A Gresh, L’Islam, La République et le Monde, Fayard, Paris, 2004; I Chouder, M. Latrèche, P. Tevanian, Parlament Les Filles Voilées, La Fabrique, Paris, 2004.

[43] P. Tevanian, Le Voile Médiatique. Un faux débat: „L’affaire du foulard islamique“, Raisons d’agir, Paris, 2005, S. 44-46.

[44] P Portier, „Die Politik der Voile in Frankreich: Droits et valeurs dans la fabrique de laïcité“, Revue du droit des religions, Presses Universitaires de Strasbourg, No. 2, 2016.

[45] J Butler, Frames of War: Wann ist das Leben schmerzhaft?, Verso, New York, 2009.

[46] N Mai, „Zwischen verkörpertem Kosmopolitismus und sexuellem Humanitarismus: Die fraktalen Mobilitäten und Subjektivitäten von Migranten, die in der Sexindustrie arbeiten“, in V Baby-Collins und L Anteby (Hrsg.), Grenzen, Mobilitäten und Migrationen: Perspektiven aus dem Mittelmeerraum im 21. Jahrhundert Peter Lang, Brüssel, 2014, S. 175–192.

[47] N Mai, Sondage sur la Pénalisation de Clients en France, Marseille, 2015, http://www.lames.cnrs.fr/IMG/pdf/RESUME_…TION-2.pdf.

[48] N Mai, C Giametta und H Le Bail, „Die Auswirkungen des schwedischen Modells in Frankreich: Chronik einer vorausgesagten Katastrophe“, Open Democracy, 25. April 2018, https://www.opendemocracy.net/beyondslavery/nicola -mai-calogero-giametta-hl-ne-le-Kaution / Auswirkungen-des-schwedischen-Modells-in-Frankreich-Chronik.

[49] Levy und Jacobsson; Östergren.

[50] PG Macioti und G Garofalo Geymonat, „Sexarbeiter sprechen: Wer hört zu?“, Open Democracy, 29. Februar 2016, https://www.opendemocracy.net/beyondslav…pg-macioti / Sexarbeiterinnen sprechen, die zuhören.

[51] B Anderson und J O’Connell Davidson, wird die Nachfrage nach Menschenhandel getrieben? Eine Pilotstudie aus mehreren Ländern, IOM, Genf, 2003.

[52] N Heitzeg, „Unterschiede in der Abweichung: Rasse, Klasse, Geschlecht und Alter“ in BD Clifton (Hrsg.), Routledge Handbook of Deviant Behavior, Routledge, London und New York, 2011, S. 53-60.

[53] S Farris, Im Namen der Frauenrechte: Der Aufstieg des Femonationalismus, Duke University Press, Durham, 2017.

[54] G Pheterson, Das Prostitutionsprisma, Amsterdam University Press, Amsterdam, 1996; L Oso Casas, „Prostitution et Immigration des Femmes Latino-Américaines en Espagne“, Cahiers du Genre, Nr. 40, S. 91-113, https://doi.org/10.3917/cdge.040.0091.

[55] C Rinaldi, Diventare normali. Teorie, analisi e applazazioni interazioniste della devianza e del crimine, McGraw-Hill Education, New York, 2016.

Mythos: „Das Schwedische Modell ist wichtig im Kampf gegen Menschenhandel.“

Fakt:

  • Kein Rückgang der Sexarbeit in Schweden, Verlagerung in den Untergrund
  • Kein Rückgang des Menschenhandels in Schweden
  • Erhöhte Gefahren für Sexarbeiter*innen
  • Verschlechterungen der Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen
  • Einschränkung der Grund- und Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen

Mythos: „Das Schwedische Modell hilft Prostituierten und schadet nur Freiern.“

Fakt:

  • Verstärkter Wettbewerb durch weniger Kunden führt zu niedrigeren Einkommen
  • Arbeiten unter riskanteren Bedingungen erhöht Gefahr von Gewalt und Ausbeutung
  • Angst vor Polizei und Verdrängung in die Illegalität behindern hilfesuchende Sexarbeitende.
  • Hilfeleistungen wie gegenseitiger Schutz oder gemeinsames Arbeiten unter Sexarbeitenden ist in Schweden illegal
  • Partner und erwachsene Kinder von Sexarbeitenden können mit dem Vorwurf der Zuhälterei belangt werden
  • Sexarbeiter*innen können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren
  • Die Wohnungen und Grundstücke von Sexarbeiter*innen können zwangsgeräumt werden

Mythos: „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen.“

Fakt:

  • Es besteht eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel / sexueller Ausbeutung / sexueller Gewalt
  • Sexuelle Handlungen ohne freiwillige Zustimmung stellen bereits heute eine Strafttat da, das Grundgesetz gilt auch für Sexarbeiter*innen
  • Die Handlungsfähigkeit und Kompetenz von Erwachsenen, die einvernehmliche Sexarbeit betreiben, muss anerkannt und respektiert werden
  • Auch negative Lebens-Umstände machen die Fähigkeit eines Menschen, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte
  • Die Zusammenführung von Menschenhandel und Sexarbeit wird durch eine moralische Agenda angetrieben, die mit vereinfachten Bildern und Narrativen, z.B. dem stereotypen Bild der Opfers, arbeitet und einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet

WANN: 15.10.2019, 18:00 Uhr

WO: Bundestag „Paul-Löbe-Haus“, Paul-Löbe-Allee, 10557 Berlin

INTERVIEWS: Vor, während und nach der Kundgebung möglich, sprechen Sie uns einfach an. Erste Teilnehmer*innen werden ab circa 17:00 Uhr erwartet.

FOTOS: Wir bieten Ihnen vor Ort jederzeit Möglichkeiten für Gruppen- oder Einzelfotos.

KONTAKT: Schreiben Sie uns per Mail an presse@besd-ev.de oder melden Sie sich telefonisch bei unserer politischen Sprecherin Johanna Weber: 0151 – 1751 9771.


HINTERGRÜNDE:

Bundestagsabgeordnete von SPD und CDU/CSU planen die Kriminalisierung von Prostitution

Am Dienstag beruft die Bundestagsabgeordnete und Sexarbeits-Gegnerin Leni Breymaier (SPD) im Berliner Bundestag die erste Sitzung des Arbeitskreises Prostitution ein. Dieser Arbeitskreis ist nicht ergebnisoffen – die teilnehmenden Politiker*innen der CDU/SCU und der SPD positionieren sich bereits im Vorfeld klar gegen die Interessen und Rechte von Sexarbeiter*innen. Geht es nach ihnen, soll ein Sexkaufverbot – das sogenannte „schwedische Modell“ –in Deutschland eingeführt werden.

Das schwedische Modell verbietet das Bezahlen (den Kauf) von sexuellen Dienstleistungen und jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden – auch gegenseitige Unterstützung und Schutzmaßnahmen von Sexarbeiter*innen untereinander. Unter dem Vorwand der Verfolgung von Kund*innen und der Verhinderung von Menschenhandel werden Sexarbeitende diskriminiert und entrechtet.

Eine Einführung dieser gesetzlichen Regelungen in Deutschland sind nicht „nur“ ein Angriff auf eine riesige Berufsgruppe, sondern auch:

– ein Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht

– ein Angriff auf das Freizügigkeitsrecht von Bürger*innen anderer EU-Staaten

– eine Verschleierung der Tatsache, dass es wirksamere Mittel gegen Menschenhandel und Gewalt gibt

Forschungsergebnisse von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und Expert*innen in der Bekämpfung von Menschenhandel belegen seit Jahren, dass ein Sexkaufverbot das denkbar ungeeignetste Mittel zur Verhinderung von Menschenhandel und Gewalt an Frauen ist. Im Gegenteil schaden entsprechende gesetzliche Regelungen insbesondere bereits besonders marginalisierten und gefährdeten Personengruppen, wie z.B. migrantischen Sexarbeitenden sowie LGBTQ-Sexarbeitenden.

Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserem Blogbeitrag : Strategien gegen Gewalt und Ausbeutung 

In unserem Blogbeitrag zur Kundgebung: Protest gegen die Einführung des Schwedischen Modells

Sowie in unserer Stellungnahme bezüglich eines Sexkaufsverbots in Deutschland.

Freierbestrafung nimmt uns unsere Kunden und somit die Arbeitsgrundlage

WANN?      15.10.2019, 18:00 Uhr

WO?            Bundestag „Paul-Löbe-Haus“, Paul-Löbe-Allee, 10557 Berlin

WER?         Alle Sexarbeitenden und Unterstützer

WARUM?
An diesem Dienstag findet im Bundestag die erste Sitzung des parlamentarischen Arbeitskreises zum Thema Prostitution statt. Einberufen von der Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier (SPD). Sie engagiert sich auch in der Organisation ‚Sisters‘ für das Verbot von Sexarbeit. Auch andere teilnehmende Politiker*innen der CDU/CSU und der SPD haben sich bereits positioniert: Sie wollen das „nordische Modell“ das sogenannte „Sexkaufverbot“ einführen.

Intitiert wurde diese Aktion von der Initiative „Sexarbeit ist Arbeit“.
Hier deren Aufruf

Der BesD schließt sich an deren Aktion an.
Stellungnahme des Berufsverbandes zu den Bestrebungen der oben genannten Politker*innen.

Die Justizministerin, Christine Lambrecht, hat sich allerdings schon gegen die Strafregelung im Sinne der Freierbestrafung ausgesprochen.
„Da, wo man das nordische Modell gewählt hat, hat dies nicht etwa zu einem Rückgang der Prostitution geführt, auch nicht zu mehr Rechten und mehr Sicherheit für die Prostituierten. Im Gegenteil: Sie sind mehr Gewalt und größeren Gefahren ausgesetzt.“ 1)

Der Name „nordisches Modell“ ist irreführend,
denn es handelt sich um das schwedische Modell
.
In Schweden geht man davon aus, dass Prostitution nur unter Zwang erfolgen kann. Die Frau wird als Opfer gesehen und soll geschützt werden, während der Mann pauschal als Täter veruteilt wird. Der Kauf sexueller Dienstleistungen steht unter Strafe, während Prostituierte ihre Dienstleistungen legal anbieten dürfen.
Was nicht gesagt wird ist, dass jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden illegal ist. So z.B. Fahrservice zu einem Escort-Date ins Hotel und wenn Kolleginnen sich gegenseitig Schutz bieten wollen. Auch Bordellbetriebe sind verboten, und Arbeiten in Privatwohnungen ist sehr schwierig, denn es darf nicht an Sexarbeitende vermietet werden. Es gibt Fälle, dass Sexarbeitenden das Sorgerecht für ihre Kinder aberkannt wurde. Es gibt Fälle, dass Kinder der Zuhälterei angeklagt wurden, weil sie vom „Hurenlohn“ ihrer Eltern leben. In Irland sitzen zwei Sexarbeiterinnen im Gefängnis, weil sie sich zum Schutz eine Arbeitswohnung teilten und dies als illegales Bordell gewertet wurde.
Daß der Straßenstrich kaum noch existiert wird als Erfolg des schwedischen Modells verkauft, ist aber eine natürliche Folge, wenn Sexkauf unter Strafe steht. Um überhaupt noch Kunden zu erreichen weichen die Sexarbeitenden aus an verlassene Plätze und Orte außerhalb der dichtbevölkerten Städte.
Die Arbeitsbedingungen in den Ländern mit Schwedischem Modell sind schlecht. Die Gewalt nimmt zu 2). Es gibt keine wissenschaftlich haltbaren Zahlen, dass der Menschenhandel in den Ländern zurückgegangen ist. Die Sexarbeit insgesamt verlagert sich in den Untergrund und in das Internet.
Infos dazu liefert die Schwedische Sexarbeits-Organisation Fuckförbundet: www.fuckforbundet.com

„Die guten Kunden sind weg, und die schlechten sind geblieben!“

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esignierte Aussage einer schwedischen Sexarbeiterin einige Jahre nach der Einführung der Freierbestrafung.

Bei den Bestrebungen diese gesetzlichen Regelungen auch in Deutschland einzuführen, geht es nicht darum den Sexarbeitenden zu helfen, sondern die Prostitution soll abgeschafft werden – unter dem Deckmantel des Schutzes.
Den Sexarbeitenden sollen „Ausstiegs-Programme“ angeboten werden. Ein Jahr nach der Einführung der Freierbestrafung in Frankreich ermittelte eine Untersuchung  nur eine verschwindend kleine Zahl an erfolgreichen Umsteigerinnen 3)
Die angebliche Zielgruppe wird nicht erreicht, denn ein großer Teil der Sexarbeitenden möchte ihre Tätigkeit gar nicht beenden.
„Meine Arbeit ist nicht mein Problem, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht.“

Deshalb kommt alle am Dienstag zur Protestaktion vor dem Abgeordnetenhaus.

FLUGBLATT Download

Hier eine Erklärung von Sexarbeit-ist-Arbeit,
warum der Ausschuss nicht ergebnisoffen ist, sondern die Ziele schon klar auf dem Tisch liegen.
Ziel: 1. Schwedisches Modell
2. Abschaffung Prostitution

 

Fragen zur Aktion: www.sexarbeit-ist-arbeit.de

Fragen allgemein: Johanna Weber, politische Sprecherin des BesD
0151-1751 9771 oder johanna@besd-ev.de

 


1) Justizministerin, Christine Lambrecht, gegen das nordische Modell:
https://www.maz-online.de/Nachrichten/Politik/Bundesjustizministerin-warnt-vor-Prostitution-in-dunklen-Ecken

2) Extreme Zunahme von Gewalt an Sexarbeitenden nach Einführung des schwedischen Modells in Irland:
https://www.belfasttelegraph.co.uk/news/republic-of-ireland/crime-against-sex-workers-almost-doubles-since-law-change-37957334.html

3) wenig erfolgreiches Exit-Programm für Sexarbeitende in Frankreich
https://twnews.co.uk/gb-news/searching-for-the-entrance-to-france-s-prostitution-exit-programme

 


 

Hintergrundinformationen:

Fakten und Hintergründe über das Schwedische Modell:
https://menschenhandelheute.net/2014/07/01/prostitution-und-menschenhandel-1-die-wahrheit-uber-das-nordische-und-schwedische-modell/

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Schwedischen Modell (S.Dodillet,P.Östergren)
http://www.petraostergren.com/upl/files/54259.pdf

Bundeszentrale für politische Bildung: Vergleich zwischen der deutschen und der schwedischen Prostitutionsdebatte
http://www.bpb.de/apuz/155371/deutschland-schweden-unterschiedliche-ideologische-hintergruende-in-der-prostitutionsgesetzgebung?p=all

Sexarbeit in der EU und Auswirkungen für Deutschland
https://berufsverband-sexarbeit.de/wp-content/uploads/2017/11/SPEICHERN-Workshop-Sexarbiet-in-Europa-und-Schwedisches-Modell.pdf

Warum das Sexkaufverbot vor allem migrantischen Sexarbeitenden schadet
https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2019/09/04/strategien-gegen-ausbeutung-und-gewalt-warum-ein-sexkaufverbot-vor-allem-migrantischen-sexarbeiterinnen-schadet/

CDU/CSU-Bundestagsfraktion überlegt Sexkaufverbot in Deutschland: Eine Stellungnahme des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

Im Juni sprachen sich zwei SPD-Politikerinnen für ein Sexkaufverbot in Deutschland aus, nun zieht der Koalitionspartner CSU/CDU nach. Der stellvertretende Vorsitzende Thorsten Frei und die Sprecherin Elisabeth Winkelmeier-Becker wollen „den Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam fortführen, ohne dabei die Prostitutierten selbst zu kriminalisieren.“

Schwedisches Modell als Nährboden für Kriminalität und Ausbeutung

Das im gleichen Atemzug von ihnen geforderte Schwedische Modell (zum Teil auch als Nordisches Modell bezeichnet) ist als Mittel der Wahl denkbar ungeeignet und pervertiert jeglichen Schutzgedanken. Im Rahmen des Schwedischen Modells bleibt nur das Anbieten sexueller Dienstleistungen legal. Der Kauf dieser Dienstleistungen sowie jede Unterstützung von Sexarbeitenden, auch untereinander, wird unter Strafe gestellt. BesD-Vorstandsmitglied und Sexarbeiterin Johanna Weber sagt: „Die Freierbestrafung führt dazu, dass wir wesentlich weniger Kunden haben und somit wesentlich weniger verdienen.“

Es gibt keine Belege für eine verbesserte Strafverfolgung von Menschenhandel innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche durch das Schwedische Modell. Das Verbot von Menschenhandel, (sexueller) Ausbeutung und Zwangsprostitution ist in Deutschland bereits seit Jahren im Strafgesetzbuch verankert und Verstöße werden strafrechtlich verfolgt. Zahlreiche Studien aus den bisher betroffenen Ländern wie Schweden, Norwegen und Frankreich weisen zudem nach, dass das Schwedische Modell die Gefahr von sexueller Gewalt und Ausbeutung erhöht.

Organisationen gegen Menschenhandel warnen geschlossen vor dem Schwedischen Modell

Amnesty International ist führend im Kampf gegen Menschenhandel und Menschenrechtsverletzungen und positioniert sich aus genau diesem Grund klar gegen strafrechtliche Restriktionen wie die Freierbestrafung und für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – genau so, wie zahlreiche andere Menschenrechts-Organisationen, Sexworker-Verbände, sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS.

Elisabeth Winkelmeier-Becker spricht von selbstbestimmter Prostitution als „Ausnahme in der Praxis“ und sieht das „Frauenbild vieler Männer durch käuflichen Sex geprägt“. Thorsten Frei findet Flatrates in unserer Arbeit so „entwürdigend“, dass er dabei vergisst, dass diese durch das seit zwei Jahren in Kraft befindliche Prostituiertenschutzgesetz bereits verboten wurden. In der Anti-Trafficking Review, eine wichtige Publikation der Globalen Allianz gegen Frauenhandel (GAATW) lässt sich nachlesen, welche Schäden genau solche vereinfachten Narrative in Form von Anti-Prostitutionsmaßnahmen bereits seit Jahren anrichten.

Arbeiten des europaweiten Global Network of Sex Work Projects (NSWP) berichten, wie sogenannte privilegierte Sexarbeiter*innen von Prostitutionsgegner*innen als „Ausnahme“ gegen ihre marginalisierten Kolleg*innen ausgespielt und mundtot gemacht werden, um moralistische Agenden durchzusetzen.

Anti-Prostitutionsgesetze gefährden insbesondere migrantische Sexarbeiter*innen 

In Deutschland wie in vielen anderen westeuropäischen Ländern, stellen Migrantinnen den größten Anteil an weiblichen Sexarbeiterinnen. Doch in keiner anderen Branche steht zur Diskussion, die Nachfrage nach Dienstleistungen oder Waren zu unterbinden und so Opfer von Menschenhandel in Fischerei und Seefahrt, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung oder Pflegeberufen zu schützen.

BesD-Pressesprecherin und Sexarbeiterin Undine de Rivière hat sich in ihrem Fachbuch zum Thema Hurenbewegung und Prostitutiertenschutzgesetz intensiv mit den Fallstricken von Anti-Prostitutionsgesetzen in Europa auseinandergesetzt: „Die Rhetorik von Prostitutionsgegner*innen gaukelt einfache Lösungen für komplexe Probleme vor. Sondergesetze wie das Schwedische Modell verschärfen Stigmatisierung, entrechten Sexarbeiter*innen und gefährden die Existenzgrundlage von tausenden Menschen.“

Von Befürworter*innen des Schwedischen Modells wird fälschlicherweise immer wieder von der Entkriminalisierung von Sexarbeitenden gesprochen. Expert*innen -­ unter anderem das TAMPEP-Netzwerk, das sich seit 1993 für die Rechte von Migrant*innen in der Sexarbeit einsetzt – weisen hingegen seit Jahren darauf hin, dass das Schwedische Modell in Europa zur Diskriminierung und Entrechtung von Sexarbeiter*innen führt und damit die Verbreitung von Kriminalität erhöht. Das sinnvollste Instrument gegen sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel ist keine restriktive Gesetzgebung, sondern die Entkriminalisierung aller Aspekte einvernehmlicher Sexarbeit und die Stärkung der Rechte und des Schutzes von Sexarbeiter*innen.

Pressekontakt:

  • Johanna Weber | 0151 – 1751 – 9771
  • Lilli Erdbeermund | presse@besd-ev.de

—UPDATE —

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht lehnt die geforderte Einführung des “nordischen Modells” bei Prostitution ab: https://www.kn-online.de/Nachrichten/Politik/Justizministerin-Lambrecht-warnt-vor-Verbot-von-Prostitution

TAMPEP ist ein von Sexarbeiter*innen geleitetes Netzwerk, das sich seit 1993 für die Rechte von Migrant*innen in der Sexarbeit einsetzt. Anlässlich des internationalen Hurentages hat die Organisation dieses Jahr einen Newsletter veröffentlicht, der die wichtigsten Aspekte der Situation von Arbeitsmigrant*innen und mobilen Sexarbeiter*innen in ganz Europa beleuchtet. Für unseren Blog haben wir die wichtigsten Stichpunkte auf Deutsch zusammengefasst, der gesamte Newsletter steht in englischer Sprache hier zum Download zur Verfügung.

In vielen westeuropäischen Ländern stellen Migrantinnen den größten Anteil an weiblichen Sexarbeiterinnen, in einigen Fällen ist von bis zu 70% die Rede. Migrant*innen in der Sexarbeit stehen vor extremen Herausforderungen: Durch einen beschränkten Zugang zu Rechten und Gerechtigkeit sind sie isolierter und verwundbarer als ihre deutschen Kolleg*innen. Das erhöht wiederum ihre Anfälligkeit für Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt.

Prostitutionsgegner*innen, darunter wenige politische Entscheidungsträger*innen, vertreten die Meinung, dass eine Beendigung der Nachfrage nach sexuellen Diensten auch den Menschenhandel beenden wird. Gleichzeitig werden aber keine Maßnahmen ergriffen, um die Nachfrage nach Dienstleistungen oder Waren in anderen Branchen zu unterbinden und mit dieser „Lösung“ Opfer von Menschenhandel in Fischerei und Seefahrt, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung oder Pflegeberufen zu schützen. Es gibt ebenfalls keine Versuche, die Entkriminalisierung von Sexarbeit als Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels zu nützen und in diesem Rahmen die Arbeitsrechte und den Schutz von migrantischen Sexarbeiter*innen zu stärken.

Im Februar 2019 präsentierte TAMPEP in Genf ein Positionspapier mit Handlungsempfehlungen zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexarbeiter*innen und zur Bekämpfung des Menschenhandels. Die Präsentation fand vor der UN-Frauenkonvention (CEDAW) im Rahmen einer von den Vereinten Nationen für Menschenrechte organisierten Diskussion statt:

1) Opfer von Menschenhandel sollten nicht als Zeug*innen ausgebeutet werden. Die Staaten sollten sich verpflichten diesen Personen Unterstützung und Schutz zu bieten – und zwar unabhängig von der Fähigkeit oder Bereitschaft zur Zusammenarbeit oder zur Aussage in Gerichtsverfahren. Anstelle einer auf Aussagen folgenden Abschiebung, sollte Opfern von Menschenhandel ein sicheres Umfeld bereit gestellt werden.

2) Regierungen sollten die Bekämpfung der Armut von Frauen, die Förderung der Bildung von Mädchen und den Schutz von Frauenrechten im Rahmen einer globalen Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels einbetten.

3) Sexarbeit und Zwangsarbeit sollten als zwei voneinander getrennte Phänomene betrachtet werden. Gesetze zur Bekämpfung des Menschenhandels dürfen nicht dazu verwendet werden, Sexarbeiter*innen – insbesondere ausländische Sexarbeiter*innen – anzugreifen und ihre Rechte zu beschränken.

4) Die Realität von (Arbeits-)Migration ist anzuerkennen, auch wenn es sich um Sexarbeit handelt. Gesetze und Strategien, die Migration und Sexarbeit kriminalisieren, sollten aufgehoben werden. Um die Unabhängigkeit von migrantischen Sexarbeiter*innen zu erhöhen und deren Ausbeutung zu verhindern sollten die Möglichkeiten geboten werden, Aufenthaltserlaubnis sowie Arbeitserlaubnis zu erlangen.

5) Die Achtung und der Schutz der Menschenrechte von migrantischen Sexarbeiter*innen sollte gefördert werden.Das inkludiert deren Rechte auf:

  • gleichen Schutz nach dem Gesetz
  • Freizügigkeit und Aufenthaltsfreiheit
  • Arbeit
  • freie Wahl der Beschäftigung
  • gerechte und annehmbare Arbeitsbedingungen
  • die höchsten erreichbaren Standards von körperlicher und geistiger Gesundheit

6) Eine klare Trennung zwischen der Durchsetzung der Einwanderungspolitik und der Bereitstellung von wesentlichen Versorgungsleistungen sollte gefördert werden. Solange Einwanderungsregeln mehr Gewicht haben als Grundrechte, sind Arbeitsmigrant*innen ohne legalen Aufenthaltsstatus von grundlegenden Leistungen, der Meldung von Straftaten und von Rechtsbeistand abgeschnitten.

7) Restriktive Einwanderungsgesetze und Anti-Prostitutionsgesetze sollten als wesentliche Faktoren in der Förderung von Menschenhandel und damit zusammenhängenden Missbrauch erkannt werden.

Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass Migrant*innen ein integraler Bestandteil des Arbeitsmarktes sind. Aufgrund von Sprachbarrieren, dem Mangel an Fachkenntnissen oder fehlender Arbeitserlaubnis ist Sexarbeit für viele von ihnen eine pragmatische Lösung, um für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien aufzukommen.

Aktuelle Gesetze zur Verhinderung von Arbeitsmigration und Fluchtmigration erhöhen die Verbreitung von Menschenhandel, auch zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Menschenhandels werden migrantische Sexarbeiter*innen routinemäßig von der Polizei anvisiert und in Folge aufgegriffen und abgeschoben.

Die Diskriminierung und Entrechtung von Sexarbeiter*innen bereitet einen fruchtbaren Boden für Kriminalität. Ein umfassender Ansatz, der alle sozialen, ökonomischen und rechtlichen Aspekte berücksichtigt und Betroffene in Problemlösungen miteinbezieht, bleibt das effektivste Instrument im Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel.

Wie die taz vor wenigen Tagen in dem Artikel „SPD-Frauen wollen Sexkaufverbot“ offenlegte, findet derzeit scheinbar ein Paradigmenwechsel bei einigen Sozialdemokratinnen statt: Während ein SPD-Beschluss aus 2014 noch auf die Gefahren des Nordischen Modells für Sexarbeitende hinwies, spricht sich AsF-Bundesvorsitzende Maria Noichl mittlerweile öffentlich für ein Sexkaufverbot und Freierbestrafung in Deutschland aus. Als Berufsverband für ehemalige und aktive Sexarbeiter*innen lehnen wir jegliche Verschärfung der bereits durch das sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“ vorhandenen Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen entschieden ab.

Die Rhetorik von Prostitutionsgegner*innen gaukelt einfache Lösungen für hochkomplexe Probleme vor. In Wirklichkeit verschärft das nordische Modell europaweit die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen und macht vor allem den besonders schützenswertesten Personen in der Branche das Leben und die Arbeit schwerer.“ (Johanna Weber, Vorstandsmitglied BesD)

Noichl ist nicht die einzige prominente Sozialdemokratin, die sich gegen die Sexarbeit stark macht. Auch Leni Breymaier – Bundestagsabgeordnete der SPD, Beiratsmitglied der Evangelischen Akademie und Vorstandsmitglied des prostitutionsfeindlichen Verbands SISTERS e.V. – setzt sich massiv für die Einführung der Freierbestrafung in Deutschland ein. Das Nordische Modell wird von angeblichen „Feminist*innen“ bereits seit Jahren und europaweit als Methode zur Verhinderung von sexueller Gewalt und Menschenhandel angepriesen – zu den lautesten Stimmen in Deutschland zählen neben dem bereits erwähnten SISTERS e.V. unter anderem Vereine wie SOLWODI, TERRE DES FEMMES, das Magazin EMMA und Initiativen wie „Stop Sexkauf!“ und „Rotlicht Aus“.

Es gibt keine Belege für eine verbesserte Strafverfolgung von Menschenhandel und Gewalt innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche durch das Nordische Modell. Studien, Evaluationen und Community Reports zeigen vielmehr, dass Verbote und Sondergesetze speziell Sexarbeitende aus ohnehin marginalisierten Gruppen in die Illegalität drängen.

Akademiker*innen, Menschenrechts-Organisationen wie Amnesty International, LGBTI+- Organisationen, Sexworker-Verbände, Organisationen zur Bekämpfung des Menschenhandels sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS empfehlen seit Jahren die Stärkung der Rechte und des Schutzes von Sexarbeiter*innen. Sie dokumentieren die negativen Auswirkungen einer kriminalisierenden Rechtssprechung auf die Lebens- und Arbeitsqualität von in der Sexarbeit tätigen Menschen. Branchenspezifische Sondergesetze, wie sie in Frankreich, Schweden oder Norwegen zum Einsatz kommen, erhöhen nachweislich die Gefahr von sexueller Gewalt und Ausbeutung. Als effektivstes Instrument gegen Ausbeutung und Menschenhandel wird hingegen die Entkriminalisierung von Sexarbeit genannt.

Nach weiteren Berichte, unter anderem im Tagesspiegel, im Print-Spiegel (hier der Link zum Spiegel+ Artikel) und der taz formiert sich hierzulande unter Oppositionspolitiker*innen, Expert*innen und Sexarbeiter*innen der Widerstand gegen die Pläne aus Teilen der SPD. Cornelia Mehring, frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion bringt die Stimmung auf den Punkt: „Für SexarbeiterInnen wäre die Einführung des nordischen Modells eine Katastrophe“.

Der BesD spricht sich für eine rechtliche Gleichstellung der Sexarbeit mit anderen Berufen und in diesem Zuge die Anwendung der bereits für andere Branchen geltenden Strafgesetze aus – Menschenhandel und (sexuelle) Ausbeutung sind in Deutschland bereits strafbar! Alternative Maßnahmen und Lösungsansätze, die zu einer Stärkung der Rechte von Sexarbeiter*innen führen, würden neben dem dringend wünschenswerten Abbau der Stigmatisierung unserer Berufsgruppe in der Gesellschaft, auch dem langfristigen Schutz vor Straftaten dienen.

Ein persönlicher Beitrag von BesD-Mitglied und Sexarbeiter Dennis

Ich bin Dennis, Mitte 20 und arbeite als schwuler Escort in Berlin. Seit knapp einem Jahr bin ich Mitglied im Berufsverband und verfolge die Debatte, wie Sexarbeitende darum kämpfen, dass ihre Arbeit als Arbeit anerkannt wird. Wie sie darum kämpfen, überhaupt existieren zu dürfen.

Stimmen in der SPD fordern ein Prostitutionsverbot. Genau genommen fordern sie ein  Verbot der Nachfrage. Es darf keine Nachfrage nach Sexarbeit mehr geben, denn Sexarbeit sei per se Vergewaltigung. Und wenn es keine Nachfrage gäbe, gäbe es auch kein Angebot mehr – das ist die Logik hinter dem sogenannten „Schwedischen Modell”.

Diese Logik ist kaputt. Die Nachfrage nach Sexarbeit ist in Schweden selbstverständlich nicht verschwunden – obwohl die Freierbestrafung dort vor mittlerweile über  20 Jahren eingeführt wurde. Es gibt noch immer Sexarbeit in Schweden. Es gibt Menschen, die Sexarbeit anbieten und es existiert auch die Nachfrage danach. Das Schwedische Modell hat dafür gesorgt, dass Sexarbeit in den Untergrund gedrängt wurde. Sie wurde weniger sichtbar, aber sie verschwand nie. Was tatsächlich eintrat: Für die Sexarbeiter*innen wurde es gefährlicher.

Wer von den fatalen Auswirkungen der Kriminalisierung von Sexarbeit nichts zu wissen vorgibt, hat sich entweder nie mit dem Thema beschäftigt, oder ist offen ignorant. Zumindest bei Leni Breymeier, Maria Noichl und Alice Schwarzer befürchte ich letzteres.

In der schwulen Szene ist Sexarbeit sehr verbreitet. Schwule Dating-Plattformen sind voll von „Taschengeld“-Nachfragen und Angeboten. Die rechtliche Definition von Sexarbeit umfasst jede Gegenleistung für Sex. Jede Übernachtung, jedes ausgegebene Essen, jedes Geschenk. Seitdem ich das weiß, ist mir klar, dass ich faktisch schon viel länger Sexarbeit mache, als ich dachte. Zum Beispiel, indem ich schwule Datingplattformen auch zur Reiseunterkunft-Suche genutzt habe. Indem ich seit Jahren immer wieder einen Schlafplatz gegen Sex getauscht habe. Darüber spricht aber niemand. Niemand regt sich darüber auf. Niemand fordert laut ein Verbot von derartigen Praktiken. Sie sind einfach so weit verbreitet in der schwulen Szene, dass eine solche Forderung einem Verbot der schwulen Szene nahe käme. Das trauen sie sich aber dann doch nicht. Die Szene ist zu sichtbar und zu mächtig geworden.

Die Forderung nach einem Sexarbeitsverbot konzentriert sich auf Frauen. Und ganz schnell wird es paternalistisch. Man will den sexarbeitenden Frauen erklären, dass sie geschützt werden müssen. Wenn nötig, gegen ihren Willen. Dass die, die ein Sexarbeitsverbot fordern, eigentlich viel besser wissen was den Sexarbeitenden gut tut, als die Sexarbeitenden selbst. Andere wissen besser, was Frauen wollen (müssen), als diese selbst. Diese strukturelle Bevormundung hat schon einen Namen: Patriarchat. Wer ein Sexarbeitsverbot medial als „Befreiung“ verkauft, lügt. Freiheit wird nicht geschaffen, indem Menschen vorgeschrieben wird, was sie tun müssen oder nicht tun dürfen.

Ja, es gibt viele Sexarbeitende, die lieber einen anderen Job hätten. Ja, es gibt in der Sexarbeit Ausbeutung. Ja, das ist ein riesiges Problem. Aber Menschen in schwierigen Verhältnissen wird am besten geholfen, indem man ihnen mehr Rechte zugesteht. Das fängt bei einer Arbeitserlaubnis, Sozialleistungen und Schutz vor Abschiebung an und geht mit dem Angebot von echten Alternativen weiter. Wer als Teil einer ohnehin marginalisierten Gruppe nicht mehr als Sexarbeiter*in arbeiten darf, wird oft der in Anbetracht der Realität besten Möglichkeit beraubt, genug Geld verdienen zu können. Jedes platte „Sexarbeit ist Ausbeutung!“ verstärkt das Stigma gegen Sexarbeit. Jede neue Forderung nach (direktem oder indirektem) Verbot von Sexarbeit, macht es für Sexarbeitende schwieriger einen anderen Job zu finden. Es ist absurd, die Freiheit für Sexarbeitende zu fordern – und ihnen dabei das Leben schwerer zu machen.

Die meisten Sexarbeiter*innen, die ich kenne, kamen zu diesem Job aus der finanziellen Not heraus. So auch ich. „Fuck! Ich kann meine Miete nicht bezahlen. Ich muss dringend Geld verdienen.” Und Sexarbeit ist für viele von uns eine Möglichkeit, genau das zu tun: Geld zu verdienen. Der Grund, warum die absolute Mehrzahl der Menschen einen Job haben: Um Geld zu verdienen.

Die Sexarbeitsbewegung fordert die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit. Der BesD fordert mehr Rechte und weniger Stigma für Sexarbeitende. Dass das sinnvoll wäre und seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bestätigt wird, wissen alle, die an der Debatte teilnehmen.  Doch ich glaube, den Befürworter*innen des Schwedischen Modells geht es nicht um den „Schutz“ von Sexarbeitenden und ihr Problem liegt auch nicht primär darin, dass es sich um Arbeit handelt.

Ich beginne zu glauben, das Hauptproblem dieser Menschen besteht darin, dass andere frei über ihr eigenes (Sex-)Leben entscheiden wollen. Dass wir selber entscheiden, wie wir leben und mit wem wir Sex haben und unter welchen Bedingungen. Wenn eine dieser Bedingungen Geld ist – so what?!

Die schwule Szene hat lange diesen Kampf um persönliche Rechte geführt. Heute ist es relativ akzeptiert, schwul zu sein. Es ist weitgehend okay, dass Männer auch mit Männern Sex haben. Yay! Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft auch Frauen zugestehen, Sex zu haben. Mit wem, wann und wie sie wollen. Ihnen nicht mehr vorschreiben, wie sie Sex haben dürfen. Wenn sie es gegen Geld machen, ist das allein ihre Entscheidung. Und nur ihre. Die Zeiten, in denen Frauen den Männern untergeordnet waren, sind vorbei.

Am 2. Juni 1975 besetzten über hundert Prostituierte in der französischen Stadt Lyon eine Kirche, um auf ihre untragbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Seit der Ermordung zweier Kolleginnen im vorangegangenen Jahr fürchteten die Frauen um ihr Leben und hatten die Regierung mehrfach erfolglos um Hilfe gebeten. Der französische „Hurenstreik“ gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Prostitutionsbewegung und deren Engagement ist heute dringender denn je nötig: Denn die Verteidigung der Menschenrechte von Sexarbeiter*innen ist im Rahmen einer gerechten Gesellschaft nicht nur am Internationalen Hurentag, sondern an jedem Tag des Jahres brandaktuell. 

Der globale Trend hin zu politischem Konservatismus und postfaktischer Politik führte in den vergangenen Jahren dazu, dass Machthaber in Europa übermäßig auf das Strafgesetz zur Lösung sozialer und gesellschaftlicher Probleme setzen. Das Nordische Modell kriminalisiert einvernehmlichen Sex gegen Geld und wird von der mächtigen Lobby der selbsternannten „Abolitionist*innen“ europaweit als Methode zur Verhinderung des Menschenhandels angepriesen.

Seit 2017 ist auch Deutschland von dem Kriminalisierungs-Trend betroffen. Das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz verschärft die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen und erschwert menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Zwei Jahre nach der Einführung fiel die Bilanz der Evaluation des Gesetzes in NRW dementsprechend negativ aus. Nun nützen Prostitutionsgegner*innen auch in Deutschland die Gunst der Stunde, um das Schwedische Modell als „Lösung aller Probleme“ ins Gespräch zu bringen. Initiativen wie Stop Sexkauf! und Vereine wie SISTERS e.V. und SOLWODI engagieren sich für ein Sexkaufverbot und Freierbestrafung.

Akademiker*innen, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, LGBTI+-Organisationen, Sexworker-Verbände, Organisationen zur Bekämpfung des Menschenhandels sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS dokumentieren hingegen seit Jahren: Eine kriminalisierende Rechtsprechung hat nachweislich negative Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsqualität von in der Sexarbeit tätigen Menschen. Belege, dass die Kriminalisierung zu einer verbesserten Strafverfolgung von Menschenhandel innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche führen würde, fehlen. Im Gegenteil: Während Verfechter*innen das Nordische Modell als Methode zum „Schutz der Schwächsten“ inszenieren, zeigen die Gesetze besonders fatale Folgen für eine der schützenswertesten Gruppen in der Sexarbeit: Migrant*innen.*

In bereits durch Sexkaufverbote betroffenen Ländern wie Schweden, Norwegen und Frankreich kämpfen Sexarbeiter*innen unermüdlich um ihre Persönlichkeitsrechte, Arbeitsrechte und ihre Sicherheit. Menschen in der Sexarbeit benötigen dringend Unterstützung von Verbündeten aus verschiedensten sozialen Strömungen. Lasst uns gemeinsam einer noch umfassenderen Kriminalisierung durch das Schwedische Modell schon im Vorhinein entschlossen entgegentreten!

* Die Fulbright-Stipendiatin Nina Vuolajärvi hat das nordische Model in der Praxis untersucht und Feldstudien in Schweden, Finnland und Norwegen durchgeführt (2018) : Governing in the Name of Caring – the Nordic Model of Prostitution and its Punitive Consequences for Migrants Who Sell Sex