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Mythos: „Das Schwedische Modell ist wichtig im Kampf gegen Menschenhandel.“

Fakt:

  • Kein Rückgang der Sexarbeit in Schweden, Verlagerung in den Untergrund
  • Kein Rückgang des Menschenhandels in Schweden
  • Erhöhte Gefahren für Sexarbeiter*innen
  • Verschlechterungen der Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen
  • Einschränkung der Grund- und Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen

Mythos: „Das Schwedische Modell hilft Prostituierten und schadet nur Freiern.“

Fakt:

  • Verstärkter Wettbewerb durch weniger Kunden führt zu niedrigeren Einkommen
  • Arbeiten unter riskanteren Bedingungen erhöht Gefahr von Gewalt und Ausbeutung
  • Angst vor Polizei und Verdrängung in die Illegalität behindern hilfesuchende Sexarbeitende.
  • Hilfeleistungen wie gegenseitiger Schutz oder gemeinsames Arbeiten unter Sexarbeitenden ist in Schweden illegal
  • Partner und erwachsene Kinder von Sexarbeitenden können mit dem Vorwurf der Zuhälterei belangt werden
  • Sexarbeiter*innen können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren
  • Die Wohnungen und Grundstücke von Sexarbeiter*innen können zwangsgeräumt werden

Mythos: „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen.“

Fakt:

  • Es besteht eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel / sexueller Ausbeutung / sexueller Gewalt
  • Sexuelle Handlungen ohne freiwillige Zustimmung stellen bereits heute eine Strafttat da, das Grundgesetz gilt auch für Sexarbeiter*innen
  • Die Handlungsfähigkeit und Kompetenz von Erwachsenen, die einvernehmliche Sexarbeit betreiben, muss anerkannt und respektiert werden
  • Auch negative Lebens-Umstände machen die Fähigkeit eines Menschen, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte
  • Die Zusammenführung von Menschenhandel und Sexarbeit wird durch eine moralische Agenda angetrieben, die mit vereinfachten Bildern und Narrativen, z.B. dem stereotypen Bild der Opfers, arbeitet und einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet

Am 2. Juni 1975 besetzten über hundert Prostituierte in der französischen Stadt Lyon eine Kirche, um auf ihre untragbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Seit der Ermordung zweier Kolleginnen im vorangegangenen Jahr fürchteten die Frauen um ihr Leben und hatten die Regierung mehrfach erfolglos um Hilfe gebeten. Der französische „Hurenstreik“ gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Prostitutionsbewegung und deren Engagement ist heute dringender denn je nötig: Denn die Verteidigung der Menschenrechte von Sexarbeiter*innen ist im Rahmen einer gerechten Gesellschaft nicht nur am Internationalen Hurentag, sondern an jedem Tag des Jahres brandaktuell. 

Der globale Trend hin zu politischem Konservatismus und postfaktischer Politik führte in den vergangenen Jahren dazu, dass Machthaber in Europa übermäßig auf das Strafgesetz zur Lösung sozialer und gesellschaftlicher Probleme setzen. Das Nordische Modell kriminalisiert einvernehmlichen Sex gegen Geld und wird von der mächtigen Lobby der selbsternannten „Abolitionist*innen“ europaweit als Methode zur Verhinderung des Menschenhandels angepriesen.

Seit 2017 ist auch Deutschland von dem Kriminalisierungs-Trend betroffen. Das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz verschärft die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen und erschwert menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Zwei Jahre nach der Einführung fiel die Bilanz der Evaluation des Gesetzes in NRW dementsprechend negativ aus. Nun nützen Prostitutionsgegner*innen auch in Deutschland die Gunst der Stunde, um das Schwedische Modell als „Lösung aller Probleme“ ins Gespräch zu bringen. Initiativen wie Stop Sexkauf! und Vereine wie SISTERS e.V. und SOLWODI engagieren sich für ein Sexkaufverbot und Freierbestrafung.

Akademiker*innen, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, LGBTI+-Organisationen, Sexworker-Verbände, Organisationen zur Bekämpfung des Menschenhandels sowie Kooperationen der Vereinten Nationen wie WHO und UNAIDS dokumentieren hingegen seit Jahren: Eine kriminalisierende Rechtsprechung hat nachweislich negative Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsqualität von in der Sexarbeit tätigen Menschen. Belege, dass die Kriminalisierung zu einer verbesserten Strafverfolgung von Menschenhandel innerhalb oder außerhalb der Sexarbeitsbranche führen würde, fehlen. Im Gegenteil: Während Verfechter*innen das Nordische Modell als Methode zum „Schutz der Schwächsten“ inszenieren, zeigen die Gesetze besonders fatale Folgen für eine der schützenswertesten Gruppen in der Sexarbeit: Migrant*innen.*

In bereits durch Sexkaufverbote betroffenen Ländern wie Schweden, Norwegen und Frankreich kämpfen Sexarbeiter*innen unermüdlich um ihre Persönlichkeitsrechte, Arbeitsrechte und ihre Sicherheit. Menschen in der Sexarbeit benötigen dringend Unterstützung von Verbündeten aus verschiedensten sozialen Strömungen. Lasst uns gemeinsam einer noch umfassenderen Kriminalisierung durch das Schwedische Modell schon im Vorhinein entschlossen entgegentreten!

* Die Fulbright-Stipendiatin Nina Vuolajärvi hat das nordische Model in der Praxis untersucht und Feldstudien in Schweden, Finnland und Norwegen durchgeführt (2018) : Governing in the Name of Caring – the Nordic Model of Prostitution and its Punitive Consequences for Migrants Who Sell Sex