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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Armin Laschet!

Ich habe einige Fragen an Sie, auf die ich bisher eine schlüssige Antwort vermisse. Ich erwarte von einem Spitzenpolitiker, dass er willens und in der Lage ist, seine Entscheidungen rational zu begründen. Das ist aber leider nicht der Fall, wenn es um meinen Berufsstand geht.

Seit März diesen Jahres stehe ich dank Ihrer Anordnung unter Berufsverbot, viele meiner Kolleginnen haben Sie ohne Not zu Almosenempfängerinnen degradiert und unser gesamtes Metier unter dem Deckmäntelchen des Gesundheitsschutzes unter Generalverdacht gestellt.

Gleichzeitig haben Sie Tausenden von Erntehelfern aus Osteuropa die Einreise gestattet, ohne nach einem Corona-Test auch nur zu fragen.

Gleichzeitig haben Sie und Ihre Vorgängerin Hannelore Kraft über Jahre die Augen verschlossen, vor den unsäglichen und würdelosen Arbeits-und Lebensbedingungen in der Fleisch verarbeitenden Industrie.

Die Infektionszahlen in einem der größten Schlachthöfe Europas, die dem Kreis, in dem ich wohne, einen zweiten Lockdown beschert haben, sprechen für sich und bedürfen hier keiner weiteren Erörterung.

Sie begründen die Ächtung und Kriminalisierung meines Gewerbes damit:

a) dass wir  nicht in der Lage seien, die nötigen Abstandsregelungen einzuhalten.

Spätestens die Demonstration in der vergangenen Woche vor Ihrem Amtssitz hätte Sie vom Gegenteil überzeugen können – wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, uns zur Kenntnis zu nehmen.

Überdies gibt es in unserem Metier einen Berufszweig, nämlich die Dominanz, in dem sich die Frage nach dem gebotenen Abstand von allein erledigt.

b)  dass es angeblich unmöglich sei, meine Besucher für den Bedarf an einer Nachverfolgbarkeit zu registrieren

Auch DA gibt es Mittel und Wege, bei denen weder die Sicherheitsvorschriften noch die in unserem Berufsstand erforderliche Diskretion gefährdet ist. Im übrigen: wie steht es mit der Nachverfolgbarkeit von Besucherdaten in Restaurants? Da soll es ja durchaus schon passiert sein, dass sich Gäste unter falschem Namen oder mit gefakten Telefonnummern eingetragen haben …

c) dass „beim Geschlechtsverkehr notwendigerweise mit einer erhöhten Atemfrequenz zu rechnen sei.“

Zunächst einmal ist es in meinen Augen fraglich, ob ein einzelner Herr, der sich bei einer einzelnen Dame diskret seine Streicheleinheiten holt, einer größeren Anstrengung unterworfen ist als der Besucher eines Fitnesstudios, der dort keuchend seine Hanteln stemmt .

Und außerdem:

Sie erlauben den Betrieb von Massagepraxen, können aber nicht begründen, inwieweit sich eine Wellnessmassage von einer Tantramassage wesentlich unterscheidet.

Sie gestatten den Betrieb von Dating-Plattformen, können aber nicht begründen , warum ein One-Night-Stand der via Tinder oder auf anderem Wege zustande gekommen ist, nicht infektiös ist – aber in DEM Augenblick , in dem die daran beteiligte Frauensperson Honorar kassiert, AUF EINMAL infektiös sein soll und somit illegal wird.

Auf all diese Fragen, die nicht nur ich , sondern auch viele meiner Kolleginnen an Sie stellen, sind Sie bislang eine schlüssige und nachvollziehbare Antwort schuldig geblieben. Statt dessen versuchen Sie , uns zu ignorieren.

Wenn Sie wenigstens zugeben würden, dass Ihnen mein Gewerbe ein Dorn im Auge ist und dass Sie mich und meinesgleichen am liebsten wieder dorthin verbannen möchten, wo wir bis zum Jahre 2002 unser Dasein gefristet haben: zurück in die muffigen Hinterzimmer, die öden Industriegebiete und die verwahrlosten Randzonen der Städte und zurück unter die Fuchtel der Zuhälter …

Nach dem Motto: „Aus den Augen aus dem Sinn – Hauptsache , der brave Bürger merkt so wenig wie möglich vom Vorhandensein dieser verworfenen Geschöpfe.“

Dann wäre das doch immerhin eine klare Ansage. Stattdessen ducken Sie sich weg, versuchen uns zu ignorieren und verschanzen sich hinter Ausreden, die fadenscheinig und einfach nur peinlich sind.

Ich hoffe, dass Sie sich anhand meines Schreibens zu schlüssigen und nachvollziehbaren Antworten auf meine Fragen durchringen können.

„Hochachtungsvoll“,
Sibille Schäfer – Sexualassistentin


Der obenstehende Text wurde von einer Sexarbeiterin im Nachgang der Sexworker-Demo vor dem Düsseldorfer Landtag am 27. August verfasst. Kopien gingen via Email an RP ONLINE, Bild, TAZ, WDR und Der Freitag – außerdem an sämtliche Fraktionen im Düsseldorfer Landtag.

Rechte statt Verbote – GEGEN ein Prostitutionsverbot. FÜR den Schutz von Frauen, die Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel erfahren

 

An den Ministerpräsident Volker Bouffier,

An den Bürgermeister und Präsident des Senats Dr. Andreas Bovenschulte,

An die Ministerpräsidentin Malu Dreyer,

An den Ministerpräsident Daniel Günther,

An den Ministerpräsident Tobias Hans,

An den Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff,

An den Ministerpräsident Winfried Kretschmann,

An den Ministerpräsident Michael Kretschmer,

An den Regierender Bürgermeister Michael Müller,

An den Ministerpräsident Armin Laschet,

An den Ministerpräsident Bodo Ramelow,

An den Ministerpräsident Markus Söder,

An die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig,

An den Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher,

An den Ministerpräsident Stephan Weil,

An den Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke,

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

seit Ausbruch der Corona-Pandemie herrscht in Deutschland ein Prostitutionsverbot. In einem Brief an Sie forderten nun 16 Bundestagsabgeordnete von CDU und SPD, den Corona-bedingten Shutdown im Prostitutionsgewerbe bis auf weiteres zu verlängern  – und instrumentalisieren damit ein krisenbedingtes Berufsverbot zu dem Zweck, eine erneute Debatte um ein „Sexkaufverbot“ in Deutschland zu entfachen.

Verbote treffen diejenigen Frauen* besonders hart, die bereits zuvor zu prekären Bedingungen arbeiteten: nicht gemeldete, möglicherweise undokumentierte Sexarbeiter*innen und solche, die sich die teure Zimmermiete ohne Lohn nun nicht mehr leisten können.

Ban Ying e.V. berät seit über dreißig Jahren als Fachberatungsstelle gegen Menschenhandel Frauen*, die Gewalt und Ausbeutung erfahren. Vor diesem Hintergrund fordern wir statt Verboten Zugang zu ihren Rechten und realen Schutz für Frauen*, die in Deutschland von Zwangsprostitution und Menschenhandel betroffen wurden.

Erfahrungswerte aus der Praxis einer Fachberatungsstelle

Die zwei Projekte von Ban Ying e.V.  – eine Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und eine Zufluchtswohnung für betroffene Frauen und ihre Kinder –  bieten Betroffenen von Menschenhandel Beratung, Begleitung und Unterbringung in einer anonymen Schutzwohnung. Die Beratung von Frauen* aus bisher über 70 Ländern ist für die Klientinnen* kostenlos und vertraulich, auf Wunsch anonym. Sie erfolgt, wenn erforderlich, mit Sprachmittlung.

Frauen*, die bei Ban Ying Hilfe und Beratung suchen, berichten fast immer von außergewöhnlichen Schicksalen, die sie hinter sich haben. Sie sind geprägt von Ausbeutung, Gewalt und Diskriminierung. Ban Ying berät sie in sozialer und juristischer Hinsicht je nach Anliegen individuell.

Betroffene von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung

Zwei Beispiele: Eine junge Frau* wird von Verwandten aus ihrem Heimatland nach Deutschland geholt. Sie kommt in der Annahme, hier als Au-Pair tätig zu werden. Auch das von den Verwandten organisierte Visum trägt offiziell diesen Titel und Zweck. Hier angekommen wird sie in einem Massagesalon zur Prostitution gezwungen. Eine andere Frau* war in ihrem Herkunftsland in der Sexindustrie tätig. Ihr wird angeboten, nach Deutschland zu kommen, um unter besseren Bedingungen zu arbeiten. Bei ihrer Ankunft stellen sich die Versprechen als Lügen heraus. Sie wird zu langen Arbeitszeiten gezwungen, um ihren Lohn betrogen, ausgebeutet.

Beide Frauen* schaffen es, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien, suchen Hilfe bei Ban Ying auf und stellen eine Anzeige gegen die Täterinnen und Täter. In beiden Fällen kommt es zu einem Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Die Unterschiedlichkeit der Fälle zeigt: Menschenhandel und extreme Ausbeutung passieren unabhängig davon, ob die Person ursprünglich eingewilligt hatte, in der Sexarbeit tätig zu sein oder nicht.

Ban Ying definiert sich nicht als Pro-Sexarbeit-Verein oder Interessensvertretung der Sexarbeit an sich. Vielmehr geht es uns darum, Frauen* dabei zu unterstützen, informierte Entscheidungen zu treffen. Eine Beratung auf Augenhöhe durchzuführen und nicht Teil eines unter dem Begriff „rescue industry“ erforschten Hilfesystems werden, welches versucht, Frauen* zu bekehren, die sich selber überhaupt nicht als Opfer verstehen. Eine Beratung, welche die Lebensentscheidungen der hilfesuchenden Frauen* (bezüglich Migration, Arbeit oder auch der Anklage der Täter*innen) als solche respektiert.

Zusammenhang Menschenhandel – Sexarbeit

Auch über diese direkten Erfahrungswerte hinaus wird mit einem Blick auf Forschung zum Zusammenhang von Freierbestrafung und Menschenhandel deutlich: Das Argument, ein Verbot von Prostitution würde auch zu einem Rückgang von Frauen- und Menschenhandel führen, findet keine eindeutigen Belege.

In Frankreich wurde 2016 das sogenannte nordische Modell eingeführt, also ein Gesetz, welches Freier bestraft, für Sexarbeiter*innen selber jedoch Straffreiheit vorsieht. Eine Befragung von über 500 Sexarbeiter*innen zeigte, dass sich das neue Gesetz sowohl auf die Arbeitsbedingungen als auch auf die gesundheitlichen und sicherheitsbezogenen Lebensumstände negativ auswirkte. Statt besseren Schutz für in der Prostitution Tätige bewirkte das Gesetz im Gegenteil: Mehr Stigma, mehr finanzielle Unsicherheit. Die Ausstiegsprogramme der Regierung bieten mit der rigiden Vorgabe, bereits nicht mehr in der Sexarbeit tätig zu sein, keine realistische, schrittweise Aufnahme einer anderen Beschäftigung und werden vermutlich u.a. aus diesem Grund in sehr kleinen Zahlen aufgesucht.

Fazit

Ein „Sexkauf-Verbot“, wie es die eingangs erwähnten Bundestagsabgeordneten fordern, würde auch in Deutschland dazu führen, diejenigen weiter in die Illegalität zu drängen, die ohnehin schon unter prekären Arbeitsbedingungen tätig sind und daher auch einer höheren Gefahr der Ausbeutung und des Zwangs ausgesetzt sind.

Zielführender ist es, Sexarbeiter*innen selber als Alliierte im Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel anzuerkennen und sie an der politischen Debatte zu beteiligen. Und denjenigen, die Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung wurden, müssen Entschädigungen und realer Schutz geboten werden – unabhängig davon, ob sie als Zeug*innen in einem Strafverfahren aussagen oder eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland besitzen.

Der Forderung nach einem „Sexkaufverbot“ setzt Ban Ying e.V. folgende Forderungen entgegen:

  • Das Recht auf Sexarbeit,
  • die Einbindung von Sexarbeiter*innen in die politischen Vorstöße der Prostitutionsgesetzgebung,
  • die Rechte von Betroffenen von Menschenhandel nicht an die Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden zu knüpfen,
  • weitere Finanzierung von Fachberatungsstellen gegen Menschenhandel,
  • die Einhaltung der EU-Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels, u.a. Weitervermittlung an eine kostenlose Beratung für undokumentierte Menschen, welche möglicherweise von Ausbeutung oder Menschenhandel betroffen sind – bevor eine aufenthaltsrechtliche Entscheidung getroffen wird.

 

Livia Valensise für Ban Ying e.V.

Die Ban Ying e.V. Zufluchtswohnung und Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel werden von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung finanziert.

Sehr geehrte 16 Bundestagsabgeordnete,

nur gut drei Jahre nach der Einführung des ProstSchG am 01.07.2017 erklären Sie das bisher nicht evaluierte ProstSchG für gescheitert und fordern die sofortige Einführung des Sexkaufverbotes in Deutschland.

Die vorübergehenden bundesweiten Schließungen von Prostitutionsstätten und teilweise Verbote der Sexarbeit aufgrund der Corona-Krise geben einen Vorgeschmack davon, was durch die Einführung des Sexkaufsverbotes passieren würde. Überwiegend unterfinanzierte Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter fangen derzeit den Beratungsbedarf unzähliger Menschen in prekären Arbeits- und Lebenssituationen ab. Ein dauerhaftes Sexkaufverbot geht aufgrund der Beratungserfahrungen aller unserer Mitgliedorganisationen vollständig an Menschen vorbei, die hier regulär der Sexarbeit nachgehen. Es schürt zudem tiefgreifende Existenzängste bei allen, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit sichern unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht. Zudem fördert ein Sexkaufverbot gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen in der Sexarbeit und reproduziert das jahrhunderte alte Hurenstigma.

Den Fokus richtig lenken

Der Bufas e.V. stellt klar, dass die Effekte des Sexkaufverbotes von Ihnen nur verkürzt und oftmals auch falsch dargestellt werden: So kommt es regelmäßig zu einer Vermischung der Begriffe Sexarbeit und Zwangsprostitution. Sexarbeit ist eine selbstbestimmte Dienstleistung zwischen Erwachsenen gegen Entgelt, während Menschenhandel/Zwangsprostitution Menschrechtsverletzungen sind, die in Deutschland hart bestraft werden. Auch Kund*innen, die die Zwangslage von Sexarbeitenden ausnutzen, werden in Deutschland seit 2016 bestraft.

Zum Anderen wird von Ihnen dargestellt, dass das Sexkaufverbot keine negativen Konsequenzen für Sexarbeiter*innen habe, oder deren Situation sogar noch verbessere. Dagegen positioniert sich der Bufas entschieden.

Auch innerhalb Deutschlands hat man durch restriktive Verordnungen wie z.B. Sperrbezirksverordnungen oder die Kontaktverbotsverordnung nicht die Prostitution und die Nachfrage vor Ort verhindert, sondern lediglich bewirkt, dass die Arbeitsbedingungen sich verschlechtern und die Vulnerabilität durch Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutung erhöht werden.

Wie das Deutsche Institut für Menschenrechte1 und amnesty international2 lehnen wir die Einführung eines Sexkaufverbotes ab. Denn es wird gerade die Situation der Menschen verschlechtern, die innerhalb der Sexarbeit am verletzlichsten sind:

Die Kriminalisierung von Kund*innen hat immer auch verheerende Folgen für die Sexarbeiter*innen selbst: Weder das Angebot, noch die Nachfrage nach Sexarbeit sinken durch ein Sexkaufverbot3. Um ihre Kund*innen zu schützen, können Sexarbeiter*innen keine offenen, legalen Verhandlungen mehr führen, sondern müssen verdeckte Anbahnungswege finden. Dies verschiebt die Machtverhältnisse zwischen Sexarbeiter*innen und Kund*innen zum Nachteil der Sexarbeiter*innen. Insbesondere prekär arbeitende und lebende Menschen sind gezwungen, Schutz und Anbindung in den Strukturen zu suchen, die selbstbestimmte Arbeit verhindern und Abhängigkeitsverhältnisse fördern. Durch die Arbeit im Verborgenen steigt die Gefahr, von Ausbeutung und Gewalt betroffen zu werden. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich erlebte Gewalt angezeigt wird.

Das Sexkaufverbot verschärft gesellschaftliche Stigmatisierung, anstatt sie abzubauen. Stigmatisierung, Diskriminierung und gesellschaftliche Marginalisierung von Sexarbeiter*innen sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Sexarbeiter*innen vorhandene Rechte nicht wahrnehmen, verdeckt arbeiten und verletzlich sind.

Unterstützungsstrukturen im Allgemeinen und insbesondere auch unter den Sexarbeiter*innen selbst, stellen wichtige Wirkfaktoren für sicheres Arbeiten dar. Mit dem Sexkaufverbot einhergehende gesetzliche Regelungen verschärfen die gesellschaftliche Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen noch und verhindern gegenseitige Unterstützung. So ist es in Schweden verboten, von den Einnahmen von Sexarbeiter*innen zu profitieren. Dies betrifft z.B. Vermieter*innen, Babysitter*innen und auch Sexarbeiter*innen selbst, die sich gegenseitig unterstützen.

Die mit dem Sexkaufverbot einhergehenden Regelungen verschärfen das Leben und Arbeiten von Arbeitsmigrant*innen in der Sexarbeit mit und ohne legalen Aufenthaltsstatus noch einmal deutlich. Die Folge eines Verbots wäre die mögliche Verwehrung der Einreise oder die Abschiebung. Migrant*innen würden noch häufiger als Opfer wahrgenommen werden, obwohl sie ohnehin schon als marginalisierte Gruppe an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Sexarbeit ist gesellschaftliche und soziale Realität in Deutschland. Sexarbeit ist Arbeit. Eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen kann nicht durch Kriminalisierung, sondern durch die Stärkung ihrer Rechte und durch den Kampf gegen Stigmatisierung gelingen.

Das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter fordert Sie deswegen auf:

Sexarbeit als Arbeit anzuerkennen

Deutschlandweit angelegte Anti-Stigmatisierungskampagnen zu fördern

Den Ausbau von Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen zu gewährleisten, die niedrigschwellig, ergebnisoffen und akzeptierend mit Sexarbeiter*innen arbeiten

Den Zugang für Sexarbeiter*innen zu Fachberatung, Gesundheitsberatung und gesundheitlicher Versorgung flächendeckend zu ermöglichen.

Wenn Sie Interesse haben mit uns ins Gespräch zu kommen, wenden Sie sich gerne an info@bufas.net zur Terminabsprache.

Freundliche Grüße
der Bufas Vorstand

1 Stellungsnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte „Prostitution und Sexkaufverbot“ vom 17.10.2019

2 https://www.amnesty.org.uk/policy-protect-human-rights-sex-workers-qa#Q7 (18.06.2020)

3 Susanne Dodillet, „Das schwedische Sexkaufverbot – beanspruchte Erfolge und dokumentierte Effekte“, Universität Göteborg.

Bei Thüringen handelt es sich um das letzte Bundesland in Deutschland, in dem keine Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen und damit keine Ansprechpartner*innen für jene zur Verfügung stehen.

Diesen Umstand hält der Berufsverband – besonders inmitten einer Pandemie, wo genau diese Menschen auf die Hilfe von niedrigschwelligen, akzeptierenden Beratungsstellen angewiesen sind – für dringend verbesserungswürdig.

Darüber hinaus findet die Sexarbeit in Thüringen fast ausschließlich über Wohnungsbordelle oder Terminwohnungen statt, in denen alleine, zu zweit und in ständigem Wechsel gearbeitet wird. Dies kann zur Vereinzelung führen und einen besonders schlechten Informationsfluss unter Sexarbeitenden zur Folge haben. Viele Sexarbeitende sind wenig bis gar nicht über ihre Rechte auf Gesundheitshilfe und Unterstützung informiert.

Wir unterstützen daher die —> Forderung der frauenpolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion Frau Laura Wahl, nach einer unabhängigen Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen in Thüringen. 

Des weiteren halten wir einen Ausbau der —> Fachberatungsstelle Frauenzentrum Brennessel e.V. für sinnvoll – dieses leistet Unterstützung bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und ist auch mit dem Thema Sexarbeit schon vertraut. Bei entsprechender Personalaufstockung könnte auch dort eine fundierte Beratung und Betreuung von Sexarbeiter*innen stattfinden.

Als marginalisierte Berufsgruppe mit einem Anteil von nicht krankenversicherten, nicht angemeldeten, bereits von Armut betroffenen Menschen, trifft die derzeitige Krise Sexarbeiter*innen besonders hart. Durch den Ausfall ihrer Einnahmen fehlt es jenen ohne finanzielle Rücklagen am Nötigsten – teilweise drohen jetzt Wohnungslosigkeit oder gar Obdachlosigkeit.

Anlässlich der Krise haben wir den —> BesD Nothilfe Fonds ins Leben gerufen, um Sexarbeitende ohne Anspruch auf staatliche Hilfen in Notsituationen zu unterstützen. Die Vergabe wird zum großen Teil durch die Arbeit der diversen Beratungsstellen koordiniert.


Pressekontakt:

  • Johanna Weber | johanna@besd-ev.de| 0151 1751 9771
  • Lilli Erdbeermund | presse@besd-ev.de 

Die Tagesschau berichtet am 7.4.20 auf twitter

Zitat von Tobias Schmid, Chef Landesanstalt für Medien NRW
„Wenn bei Kinder der Eindruck entsteht, Gangbang ist eine normale Sexualpraktik, in der die Frau benutzt und gedemütigt wird, dann ist das sicherlich ein extremes Problem.“

Schmid will die reichweitenstärksten Porno-Portale dazu zwingen, in ihren deutschsprachigen Angeboten eine wirksame Altersbeschränkung einzuführen.

@tagesschau

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Antwort von Madita Oeming, Uni Paderborn
Promotion zu „Pornosucht“ als moralische Panik
Web: https://uni-paderborn.academia.edu/MaditaOemingMA

@MsOeming
Lieber Tobias Schmid, da Sie offenkundig weder „Kinder“ noch das Internet noch Pornos NOCH Gangbangs besonders gut verstehen, hier ein Thread für Sie… #Jugendschutz

(1)
Erstmal zur Wirksamkeit: Altersbeschränkungen zu umgehen ist ein (pun intended) KINDERSPIEL! den Ausweis von Mama klauen, den großen Bruder fragen, per VP Client aus anderem Land zugreifen, undundund… digital natives sind verdammt clever!

(2)
Wenn auch nur EINE Person sich Zugriff verschafft, kann sie runterladen oder screengrabben und mit einem Klick an die ganze Klasse per WhatsApp-Gruppe, E-mail etc. verschicken und die alle ebenso. Im nu können sich Bilder so trotzdem verbreiten.

(3)
Selbst WENN der Online-Zugriff erfolgreich verwährt würde, gibt es immer noch die Offline-Varianten: Festplatten voll mit Pornos oder DVDs. Glauben Sie vor Breitbandinternet wurden von Minderjährigen keine Pornos geschaut & getauscht? Wozu gab es LAN-Parties?

(4)
Vergleichbar wie im Internet müssen die jungen Menschen danach nicht unbedingt aktiv suchen. Sie können über die Sammlung der Eltern oder Geschwister stolpern, im Kiosk über Magazine, können in ihrer peer group ungefragt damit konfrontiert werden.

(5)
Kurz gesagt: ES IST UNMÖGLICH, MINDERJÄHRIGE GÄNZLICH VON PORNOGRAFISCHEN INHALTEN ABZUSCHOTTEN! Egal, was Sie sich ausdenken. Deshalb müssen wir sie anders schützen: mit Aufklärung!

(6)
Kinder sind sehr wohl in der Lage zu verstehen, was Fiktion und was Wirklichkeit ist. Sie schaffen das auch bei PawPatrol oder Superman oder Harry Potter. Wir sollten Kinder nicht unterschätzen!

(7)
Natürlich kann das bei Pornos schwerer fallen, weil echte Menschen mit echten Körpern „echten“ Sex haben und junge Menschen zunächst noch keine eigene sexuelle Erlebniswelt haben, mit der sie das Gesehene abgleichen & Widersprüche erkennen können.

(8)
Deswegen muss es ihnen jemand ERKLÄREN. Dass die Menschen bezahlt und gecastet wurden, um ein Drehbuch nachzuspielen, inmitten eines Teams von Ton, Licht und Kamera. Dass wir ganz viel nicht sehen im fertigen Bild. Das vorher, das nachher, das drum herum. Das geht.

(9)
Gleichzeitig sollte ihnen Sexualwissen vermittelt werden, nicht nur zu Schwangerschaft & Geschlechtskrankheiten, sondern zu Lust, sexueller Orientierung und Consent. Damit sie das Gesehene wenigstens mit dem Gelernten, wenn noch nicht mit dem Erlebten, abgleichen können.

(10)
Ich sage es nochmal: CONSENT!!! würden alle jungen Menschen lernen, ihre eigenen sexuellen Grenzen zu kennen, klar zu kommunizieren und zu schützen sowie die anderer abzufragen und zu respektieren, könnten wir uns so viele dieser Unterhaltungen gänzlich sparen.

(11)
Zu guter Letzt muss festgehalten werden, dass Pornos auch ein wichtiges Hilfsmittel sein können, die eigenen Vorlieben & Fantasien, und durch Masturbation auch den eigenen Körper, sicher zu erkunden – durchaus auch vor der Volljährigkeit

(12)
Insbesondere queere Menschen, die ihre Sexualität im Mainstream kaum reflektiert sehen, beschreiben immer wieder, wie zentral Pornos in ihrer Selbstfindung und Selbstakzeptanz waren – durchaus auch vor der Volljährigkeit Madita Oeming

(13)
Sowieso sollten wir aufhören, so zu tun, als würde Sexualität erst mit dem Eintreten des 18. Lebensjahres angeknipst werden (bzw. in anderen Ländern mit 21). Wir entwickeln viel früher sexuelles Verlangen und sollten damit nicht allein gelassen werden!

(14)
Ebenso ist es ein Irrglaube, dass Menschen mit Eintreten der Volljährigkeit automatisch einen gesunden kritischen Umgang mit pornografischen Inhalten hätten. Die meisten Erwachsenen haben ihn nicht! Auch für uns ist das Thema in Scham, Schweigen & Unwissen gehüllt

(15)
Ihr eigenes Fehlverständnis von Pornografie zeigt sich u.a. in Ihrer Formulierung der dargestellten „abnormalen Sexualpraktiken“ – das ist eine Wertung und Pathologisierung, auch kink shaming genannt, die sich jemand Ihrer Position nicht erlauben sollte

(16)
Auch bei einem Gangbang handelt es sich um eine vielleicht seltenere aber keineswegs abnormale Praxis, bei der auch eine Frau im kontrollierten Setting nach Abstecken ihrer Grenzen verschiedene Fantasien erfüllen kann. Passiert dies uneinvernehmlich, ist das sexuelle Gewalt

(17)
Ihre Darstellung als eine Praxis, die Frauen ausschließlich „benutzt und demütigt“, schreibt ein überholtes Narrativ der Frau als Opfer fort, in dem weibliche Sexualität gänzlich ausgeklammert wird. Hier zeigt sich ein viel schädlicheres Kernproblem

(18)
Im übrigen bedeutet sich gerne einen Gangbang im Porno anzuschauen keineswegs, dass man auch gerne selbst einen Gangbang erleben möchte. Das gilt für viele Fantasien, die Menschen ausschließlich im Porno ausleben.

(19)
Natürlich stimmt es, dass uns im Porno viele sexistische Narrative begegnen (wie in ALLEN Medien!). Aber ginge es Ihnen tatsächlich um Sexismus-Bekämpfung würden Sie woanders ansetzen. Zum Beispiel alternative Pornografie und deren ethischen Konsum fördern

(20)
Stattdessen machen Sie Pornos zum einfachen Sündenbock und mobilisieren existierende Ängste. Auch die Verwendung des Begriffs „Kinder,“ obwohl es primär um Teenager geht, scheint mir hier ein rhetorischer Kniff zu sein, den ich irreführend und problematisch finde

(21)
Was ich mit all dem sagen will:

Die Tabuisierung von Pornografie, anhaltende Sexualmoral und Genderstereotype sowie der eklatante Mangel an umfassender, queer-inklusiver, sex-positiver Sexualaufklärung – DAS ist ein „extremes Problem,“ das wir angehen sollten.

Punkt.

Bundesweit sind Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 getroffen worden, welche das Leben im öffentlichen Raum stark einschränken und reglementieren. In diesem Kontext bleiben auch Bordelle/ Prostitutionsstätten vorübergehend geschlossen.

Für Stadt und Landkreis Karlsruhe gilt jedoch über die durch die baden-württembergische Regierung erlassenen Maßnahmen und Schließungen hinaus eine Zusatzverordnung, welche „Prostitution und Sexkauf jeder Art“ untersagt. Diese Verordnung gilt nicht wie die anderen landesweiten Regulierungen bis zum 19. April, sondern bis Widerruf.

Eine Untersagung von Sexarbeit halten wir im Rahmen der Corona-Vorsorge für richtig und sinnvoll. Eine Sonderregelung, die ausschließlich fur unsere Berufsgruppe einen anderen Zeitraum festsetzt, halten wir für nicht
rechtens.

Sexarbeitende sind aktuell durch die Maßnahmen gegen Covid-19 wie viele andere Selbstständige/ FreiberuflerInnen einer Situation ausgesetzt, in welcher sie nicht ihrem Beruf nachgehen dürfen. Die Ungewissheit uber die Dauer von Verboten, schmälert das Vertrauen in staatliche Institutionen. Ein nicht nachvollziehbares Beschäfigungsverbot auf unbestimmte Zeit führt gerade bei marginalisierten Sexarbeitenden sehr wahrscheinlich zum Ignorieren der Verordnung. Wir befürworten dies natürlich nicht.

Wir vom Berufsverband BesD fordern daher:
1. Gleiches Zeitenster. Stadt- und Landkreis Karlsruhe mögen bitte für die Einschränkung der Prostitution das gleiche Zeitenster ansetzen wie auch für die anderen Maßnahmen.
2. Unwort Sexkauf. Der Begriff „Sexkauf“ ist ein unüblicher Begrif in juristschen und politschen Texten. Bitte verwenden sie „Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen“
3. Soforthilfen. Wir begrüßen vom Bund und dem Land Baden-Württemberg ausgeschriebenen Soforthilfen fur Solo-Selbstständige. Es bedarf aber der Einrichtung lokaler Notfallhilfe-Töpfe für Sexarbeitende und Betroffene anderer Berufsgruppen, die von der Hand in den Mund leben.

Gerade auch vor dem Hintergrund des aktuell diskutierten Schwedischen Modells eines Sexkaufverbots – gegen dessen Einführung in Deutschland wir uns entschieden aussprechen – ist eine solche Sonderregelung für Prostitution wie hier in Karlsruhe beunruhigend.

Wenn Menschen ihre berufliche Tätigkeit nicht ausüben dürfen, so muss selbstverständlich für ihre Grundsicherung gesorgt werden, im Hinblick auf gelingende Covid-19-Maßnahmen und auf eine gesamtgesellschaftliche Stabilität.

Gruß, Johanna Weber (Politik und Vorstand des BesD)

Der BesD zum Fall in Lippstadt-Eickelborn: Der Berufsverband setzt sich für die Stärkung der Rechte von Sexarbeiter*innen ein –  die angemessenen Rechte beziehungsweise Verbote des Alltags für Straftäter im Maßregelvollzug fallen hingegen nicht in unsere Expertise – egal, ob es sich nun um Fragen des Wohnsitzes, der Arbeitserlaubnis oder den Besuch von Bordellen handelt.

Der BesD zum Therapieexperiment in Osnabrück: Wir raten, direkten Kontakt zu der betreffenden Kollegin aufzunehmen. In Ermangelung einer persönlichen Stellungnahme der Kollegin, ohne nähere Informationen zu deren Teilnahme an dem genannten Experiment und ohne nähere Informationen zu dessen Inhalten, ist es uns nicht möglich, ein Urteil über diesen speziellen Fall abzugeben oder daraus generelle Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit einer solchen Therapie zu ziehen.

Jedoch gilt generell: Der Berufsverband steht der Entwicklung eines Konzepts beziehungsweise einer Ausbildung, die Sexarbeitenden erlaubt ihre Kenntnisse als Lehrende einzusetzen  – ob im Rahmen von Workshops, Therapien, an Schulen und anderen Fortbildungsstätten – sehr positiv gegenüber. 

Sexarbeiter*innen besitzen die verschiedensten beruflichen Hintergründe und Fähigkeiten. Grundsätzlich sind viele in der Sexarbeit tätige Menschen auch im Bereich Sexualcoaching und/oder Sexualbegleitung aktiv und in der Lage, einen verantwortungsvollen und positiven Umgang mit eigener und fremder Sexualität zu fördern.

Jede Gesellschaft profitiert von offener und ehrlicher Kommunikation und leidet tendentiell unter „Tabuthemen“ –  Sexarbeiter*innen sind durch ihre Tätigkeit oft besonders geschult darin Themen zu vermitteln, über die leider noch immer viel zu oft geschwiegen wird.

Dabei kann es zum Beispiel um das komplexe Thema Konsens, den Umgang mit Sicherheit, den Schutz vor Geschlechtskrankheiten oder schlicht die „richtige“ Kommunikation von sexuellen Wünschen gehen.  Auch denkbar ist für uns der Einsatz von Sexarbeiter*innen als Vortragende an Schulen, beziehungsweise vor Jugendlichen – um zum Beispiel Aufklärung über die Loverboy-Masche zu leisten oder den Unterschied zwischen Realität und Pornografie zu besprechen.

Für weitere Informationen zu der Thematik vermitteln wir Ihnen gerne den Kontakt zu einer Kollegin/einem Kollegen die/der auch in dem Bereich Coaching tätig ist.

Pressekontakt:
Lilli Erdbeermund
presse@besd-ev.de

Mythos: „Das Schwedische Modell ist wichtig im Kampf gegen Menschenhandel.“

Fakt:

  • Kein Rückgang der Sexarbeit in Schweden, Verlagerung in den Untergrund
  • Kein Rückgang des Menschenhandels in Schweden
  • Erhöhte Gefahren für Sexarbeiter*innen
  • Verschlechterungen der Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen
  • Einschränkung der Grund- und Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen

Mythos: „Das Schwedische Modell hilft Prostituierten und schadet nur Freiern.“

Fakt:

  • Verstärkter Wettbewerb durch weniger Kunden führt zu niedrigeren Einkommen
  • Arbeiten unter riskanteren Bedingungen erhöht Gefahr von Gewalt und Ausbeutung
  • Angst vor Polizei und Verdrängung in die Illegalität behindern hilfesuchende Sexarbeitende.
  • Hilfeleistungen wie gegenseitiger Schutz oder gemeinsames Arbeiten unter Sexarbeitenden ist in Schweden illegal
  • Partner und erwachsene Kinder von Sexarbeitenden können mit dem Vorwurf der Zuhälterei belangt werden
  • Sexarbeiter*innen können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren
  • Die Wohnungen und Grundstücke von Sexarbeiter*innen können zwangsgeräumt werden

Mythos: „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen.“

Fakt:

  • Es besteht eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel / sexueller Ausbeutung / sexueller Gewalt
  • Sexuelle Handlungen ohne freiwillige Zustimmung stellen bereits heute eine Strafttat da, das Grundgesetz gilt auch für Sexarbeiter*innen
  • Die Handlungsfähigkeit und Kompetenz von Erwachsenen, die einvernehmliche Sexarbeit betreiben, muss anerkannt und respektiert werden
  • Auch negative Lebens-Umstände machen die Fähigkeit eines Menschen, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte
  • Die Zusammenführung von Menschenhandel und Sexarbeit wird durch eine moralische Agenda angetrieben, die mit vereinfachten Bildern und Narrativen, z.B. dem stereotypen Bild der Opfers, arbeitet und einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet

WANN: 15.10.2019, 18:00 Uhr

WO: Bundestag „Paul-Löbe-Haus“, Paul-Löbe-Allee, 10557 Berlin

INTERVIEWS: Vor, während und nach der Kundgebung möglich, sprechen Sie uns einfach an. Erste Teilnehmer*innen werden ab circa 17:00 Uhr erwartet.

FOTOS: Wir bieten Ihnen vor Ort jederzeit Möglichkeiten für Gruppen- oder Einzelfotos.

KONTAKT: Schreiben Sie uns per Mail an presse@besd-ev.de oder melden Sie sich telefonisch bei unserer politischen Sprecherin Johanna Weber: 0151 – 1751 9771.


HINTERGRÜNDE:

Bundestagsabgeordnete von SPD und CDU/CSU planen die Kriminalisierung von Prostitution

Am Dienstag beruft die Bundestagsabgeordnete und Sexarbeits-Gegnerin Leni Breymaier (SPD) im Berliner Bundestag die erste Sitzung des Arbeitskreises Prostitution ein. Dieser Arbeitskreis ist nicht ergebnisoffen – die teilnehmenden Politiker*innen der CDU/SCU und der SPD positionieren sich bereits im Vorfeld klar gegen die Interessen und Rechte von Sexarbeiter*innen. Geht es nach ihnen, soll ein Sexkaufverbot – das sogenannte „schwedische Modell“ –in Deutschland eingeführt werden.

Das schwedische Modell verbietet das Bezahlen (den Kauf) von sexuellen Dienstleistungen und jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden – auch gegenseitige Unterstützung und Schutzmaßnahmen von Sexarbeiter*innen untereinander. Unter dem Vorwand der Verfolgung von Kund*innen und der Verhinderung von Menschenhandel werden Sexarbeitende diskriminiert und entrechtet.

Eine Einführung dieser gesetzlichen Regelungen in Deutschland sind nicht „nur“ ein Angriff auf eine riesige Berufsgruppe, sondern auch:

– ein Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht

– ein Angriff auf das Freizügigkeitsrecht von Bürger*innen anderer EU-Staaten

– eine Verschleierung der Tatsache, dass es wirksamere Mittel gegen Menschenhandel und Gewalt gibt

Forschungsergebnisse von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und Expert*innen in der Bekämpfung von Menschenhandel belegen seit Jahren, dass ein Sexkaufverbot das denkbar ungeeignetste Mittel zur Verhinderung von Menschenhandel und Gewalt an Frauen ist. Im Gegenteil schaden entsprechende gesetzliche Regelungen insbesondere bereits besonders marginalisierten und gefährdeten Personengruppen, wie z.B. migrantischen Sexarbeitenden sowie LGBTQ-Sexarbeitenden.

Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserem Blogbeitrag : Strategien gegen Gewalt und Ausbeutung 

In unserem Blogbeitrag zur Kundgebung: Protest gegen die Einführung des Schwedischen Modells

Sowie in unserer Stellungnahme bezüglich eines Sexkaufsverbots in Deutschland.

TAMPEP ist ein von Sexarbeiter*innen geleitetes Netzwerk, das sich seit 1993 für die Rechte von Migrant*innen in der Sexarbeit einsetzt. Anlässlich des internationalen Hurentages hat die Organisation dieses Jahr einen Newsletter veröffentlicht, der die wichtigsten Aspekte der Situation von Arbeitsmigrant*innen und mobilen Sexarbeiter*innen in ganz Europa beleuchtet. Für unseren Blog haben wir die wichtigsten Stichpunkte auf Deutsch zusammengefasst, der gesamte Newsletter steht in englischer Sprache hier zum Download zur Verfügung.

In vielen westeuropäischen Ländern stellen Migrantinnen den größten Anteil an weiblichen Sexarbeiterinnen, in einigen Fällen ist von bis zu 70% die Rede. Migrant*innen in der Sexarbeit stehen vor extremen Herausforderungen: Durch einen beschränkten Zugang zu Rechten und Gerechtigkeit sind sie isolierter und verwundbarer als ihre deutschen Kolleg*innen. Das erhöht wiederum ihre Anfälligkeit für Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt.

Prostitutionsgegner*innen, darunter wenige politische Entscheidungsträger*innen, vertreten die Meinung, dass eine Beendigung der Nachfrage nach sexuellen Diensten auch den Menschenhandel beenden wird. Gleichzeitig werden aber keine Maßnahmen ergriffen, um die Nachfrage nach Dienstleistungen oder Waren in anderen Branchen zu unterbinden und mit dieser „Lösung“ Opfer von Menschenhandel in Fischerei und Seefahrt, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung oder Pflegeberufen zu schützen. Es gibt ebenfalls keine Versuche, die Entkriminalisierung von Sexarbeit als Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels zu nützen und in diesem Rahmen die Arbeitsrechte und den Schutz von migrantischen Sexarbeiter*innen zu stärken.

Im Februar 2019 präsentierte TAMPEP in Genf ein Positionspapier mit Handlungsempfehlungen zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexarbeiter*innen und zur Bekämpfung des Menschenhandels. Die Präsentation fand vor der UN-Frauenkonvention (CEDAW) im Rahmen einer von den Vereinten Nationen für Menschenrechte organisierten Diskussion statt:

1) Opfer von Menschenhandel sollten nicht als Zeug*innen ausgebeutet werden. Die Staaten sollten sich verpflichten diesen Personen Unterstützung und Schutz zu bieten – und zwar unabhängig von der Fähigkeit oder Bereitschaft zur Zusammenarbeit oder zur Aussage in Gerichtsverfahren. Anstelle einer auf Aussagen folgenden Abschiebung, sollte Opfern von Menschenhandel ein sicheres Umfeld bereit gestellt werden.

2) Regierungen sollten die Bekämpfung der Armut von Frauen, die Förderung der Bildung von Mädchen und den Schutz von Frauenrechten im Rahmen einer globalen Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels einbetten.

3) Sexarbeit und Zwangsarbeit sollten als zwei voneinander getrennte Phänomene betrachtet werden. Gesetze zur Bekämpfung des Menschenhandels dürfen nicht dazu verwendet werden, Sexarbeiter*innen – insbesondere ausländische Sexarbeiter*innen – anzugreifen und ihre Rechte zu beschränken.

4) Die Realität von (Arbeits-)Migration ist anzuerkennen, auch wenn es sich um Sexarbeit handelt. Gesetze und Strategien, die Migration und Sexarbeit kriminalisieren, sollten aufgehoben werden. Um die Unabhängigkeit von migrantischen Sexarbeiter*innen zu erhöhen und deren Ausbeutung zu verhindern sollten die Möglichkeiten geboten werden, Aufenthaltserlaubnis sowie Arbeitserlaubnis zu erlangen.

5) Die Achtung und der Schutz der Menschenrechte von migrantischen Sexarbeiter*innen sollte gefördert werden.Das inkludiert deren Rechte auf:

  • gleichen Schutz nach dem Gesetz
  • Freizügigkeit und Aufenthaltsfreiheit
  • Arbeit
  • freie Wahl der Beschäftigung
  • gerechte und annehmbare Arbeitsbedingungen
  • die höchsten erreichbaren Standards von körperlicher und geistiger Gesundheit

6) Eine klare Trennung zwischen der Durchsetzung der Einwanderungspolitik und der Bereitstellung von wesentlichen Versorgungsleistungen sollte gefördert werden. Solange Einwanderungsregeln mehr Gewicht haben als Grundrechte, sind Arbeitsmigrant*innen ohne legalen Aufenthaltsstatus von grundlegenden Leistungen, der Meldung von Straftaten und von Rechtsbeistand abgeschnitten.

7) Restriktive Einwanderungsgesetze und Anti-Prostitutionsgesetze sollten als wesentliche Faktoren in der Förderung von Menschenhandel und damit zusammenhängenden Missbrauch erkannt werden.

Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass Migrant*innen ein integraler Bestandteil des Arbeitsmarktes sind. Aufgrund von Sprachbarrieren, dem Mangel an Fachkenntnissen oder fehlender Arbeitserlaubnis ist Sexarbeit für viele von ihnen eine pragmatische Lösung, um für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien aufzukommen.

Aktuelle Gesetze zur Verhinderung von Arbeitsmigration und Fluchtmigration erhöhen die Verbreitung von Menschenhandel, auch zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Menschenhandels werden migrantische Sexarbeiter*innen routinemäßig von der Polizei anvisiert und in Folge aufgegriffen und abgeschoben.

Die Diskriminierung und Entrechtung von Sexarbeiter*innen bereitet einen fruchtbaren Boden für Kriminalität. Ein umfassender Ansatz, der alle sozialen, ökonomischen und rechtlichen Aspekte berücksichtigt und Betroffene in Problemlösungen miteinbezieht, bleibt das effektivste Instrument im Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel.