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Auf Einladung von Nadeschda (Frauenberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel) und Theodora (Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution) nahm ich am 8. Oktober als Rednerin am Runden Tisch OWL in Bielefeld teil.

Das diesjährige Schwerpunktthema: Die Loverboy-Methode. 

Der weitaus üblichste Einstieg in die Prostitution geschieht nach wie vor ganz anders – zum Beispiel über die Berichte von Bekannten oder Freund*innen, die das auch machen und damit ganz gut fahren. Soll heißen: Die Loverboy-Methode ist zum Glück kein Massenphänomen. Doch sogenannte „Loverboys“ und ihre Opfer sind sehr wohl ein Thema, das unserer Aufmerksamkeit bedarf.

Emotionale Abhängigkeit und Druckmittel

Das Prinzip der emotionalen Abhängigkeit, die einer Beziehung mit einem Loverboy zugrunde liegt, ist recht weit verbreitet.

Auch ich habe ewig in solchen Verstrickungen von Beziehungen verweilt, ohne wirtschaftliche Abhängigkeit. Emotional reicht! Und ich habe lange gebraucht, um mich von diesem Unsinn endlich zu befreien. Eine wirtschaftliche Abhängigkeit kann, aber muss nicht zwangsweise in solchen Beziehungen vorhanden sein.

Wie leider so oft, ist mal wieder der Partner der Täter. Vor allem Frauen sind noch viel zu oft (sexueller) Gewalt in ihrem Heim ausgesetzt und schützen gleichzeitig allzu oft ihre Peiniger. Fälle von Beziehungssucht kennt man auch aus anderen kriminellen Zusammenhängen, z.B. den Missbrauch als Drogenkurier oder für niedere/schwere Arbeit. Bei der Loverboy-Methode sehen wir ähnliche Konstellationen wie z.B. beim Heiratsschwindel:

Eine rosige, gemeinsame Zukunft wird dermaßen in den Himmel gelobt und fest in Emotion und Kopf verankert, dass das ganze Leben und Erleben darauf ausgerichtet wird, dieses vermeintliche Ziel zu erreichen. Auf diese Art und Weise wird ein Druckmittel erzeugt, mit dem durch die Hintertür eine Freiwilligkeit erzeugt wird, die letztlich keine ist.

Es ist ähnlich wie mit dem Esel und der Möhre am Stock, die vor seiner Nase baumelt und doch nie erreicht werden kann.

Opfer der Loverboy-Methode befinden sich immer in defizitären Situationen.

Sei es die Verunsicherung in Teeny-Jahren, wenn es kaum geeignete Personen im nahen Umfeld gibt, oder seien es, wie in letzter Zeit häufiger zu beobachten, Migrant*innen die ihre Rechte als Flüchtende, Migrierende oder (Sex-)arbeitende nicht kennen. Betroffene haben oft keine eigene Zukunftsperspektive oder keinen Job. Sie nehmen die mit rosa Zuckerguss garnierte Schwindelei nur allzu begierig in sich auf und internalisieren sie, anstatt eine eigene Vision der Zukunft oder berufliche Perspektive zu entwickeln.

Wo also fangen wir an zu intervenieren? Wie und wo können wir diese Menschen erreichen, abholen, ihnen helfen?

Loverboys nutzen ganz klar emotionale Abhängigkeit aus – das Opfer wird dadurch fremdbestimmt zu einer Handlung getrieben. Sie üben dadurch eine Form der sexualisierten Gewalt aus, diese sogenannte „dirigistische Zuhälterei“ ist nach §181 StGB strafbar.

Wir brauchen keine neuen Gesetze, um Betroffene vor der Loverboy-Methode zu schützen, sondern müssen die bestehenden Gesetze lediglich anwenden. Da ist dann eben auch die jeweilige Politik einer Stadt oder eines Landkreises gefragt – sie stellt die Mittel für die zuständigen Behörden zur Verfügung und untermauert damit eine entsprechende Dringlichkeit.

Aufklärung: Für eine freie und selbstbestimmte Sexarbeit

Frauen sind keine Ware – richtig! Frisöre auch nicht. Man nennt so etwas Dienstleistung (In einem kapitalistischen System über den „Zwang“ von Lohnarbeit zu diskutieren, geht mir in dieser speziellen Debatte zu weit). Ganz egal ob davon Miete und Essen oder das Gucci Täschchen finanziert wird : Wir sind bezahlbar, nicht käuflich!

Sexarbeit die als Folge der Loverboy-Methode „geleistet“ wird, ist hingegen weder frei noch selbstbestimmt. 

Leider wird, wenn es um Loverboys geht, derzeit fast nur eine Stimme offiziell gehört. Der Landtag NRW lud im Sommer 2019  Sandra Norak als traumatisierte Betroffene zur offiziellen Anhörung „Entwicklung der sogenannten Loverboy-Methode zur Erzwingung von Prostitution in Nordrhein-Westfalen“ ein. Doch Norak spricht sich nicht nur gegen Loverboys aus, sondern fordert ein generelles Sexkaufverbot und die Abschaffung von Sexarbeit.

Noraks Sicht der Dinge medienwirksam als „DIE Wahrheit der Opfer von Loverboys“ dargestellt – dabei gibt es etliche andere Betroffene, die aber zu anderen Schlüssen kommen. Ist ja nicht so, dass diese Leute nicht bereit wären solcherlei wichtige politische Arbeit auch zu machen! Meine Kollegin und ehemalige Sexarbeiterin Susanne schreibt zum Beispiel hier von ihren Erfahrungen und warum sie gerade deshalb GEGEN ein Sexkaufverbot ist.  Wäre es nicht mal angebracht auch andere Betroffene mal offiziell an zu hören?

Wissen an die Hand geben, helfen, coachen, unterstützen.

Was schon im Vorfeld und Betroffenen hilft, ist: Aufklärung! Wer sich selbst genug akzeptiert und liebt, ist immun gegen dieses Gesülze der Loverboys. Und da brauchen wir Wissen, Informationen und Skills um uns ganz klar zu definieren um eben nicht auf Gedeih und Verderb irgendwo irgendwem zu irgendwelchen grausigen Bedingungen ausgeliefert zu sein. Fachkonferenzen plädieren für die vernetzte und abgestimmte Zusammenarbeit verschiedener Stellen, wie Jugendamt, Fachberatungsstellen, Polizei etc.

Gefragt sind hier auch sowohl der außer- als auch der innerschulische Bereich der Mädchen- und Jugendarbeit.

Mädchen und Frauen müssen von Jugend an gestärkt und gefördert werden.

Wir brauchen Frauen und Mädchen mit einem eigenen Selbstbewusstsein, nicht länger nach Zuwendung von außen lechzend. Wir brauchen keine schlafenden, wartenden und bangenden Prinzessinnen sondern Mädchen, die sich selbst als so furchtlos, großartig und frei fühlen wie es meist nur Jungs beigebracht wird!

Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein Mädchen für ihre Zeichnung mit der Prinzessin mit  dem Schwert ganz offiziell in der Schule gerügt wurde, das sei so nicht richtig. Da werden zum Teil immer noch Gender-Bilder kreiert, dass mir schlecht wird!

Und nein, da sind wir noch lange nicht angekommen – wir haben einiges an Arbeit vor uns.


Interessante Links:

„Vorsicht bei falschen Profilen: Loverboys und Cybergrooming sind eine echte Gefahr!“ (KaufMich Magazin, Plattform für Sexarbeiter*innen)

Fakten und Informationen zu Loverboys (Diakonie Freiburg)

Über die schwierige Definition von Menschenhandel (Von Online-Magazin Menschenhandel Heute)

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (auch bei Cybergrooming) – bundesweit, kostenfrei und anonym: 0800 22 55 530


Dieser Beitrag stammt von Madame Kali – Sexarbeiterin, Künstlerin und gelernte Erziehungswissenschaftlerin. Hier liest du mehr von ihr auf ihrem Blog. 

Datum: 15.10.2020
Ort: Online
Uhrzeit: 19:00 – 20:30
Leitung: Alice und Kim | Moderation: Undine
Sprache: Deutsch
Kosten: Die Teilnahme ist BesD-Mitglieder kostenlos, Nicht-Mitglieder bitten wir um eine Spende von 20 € an den BesD e.V. Unsere –> Schnuppermitgliedschaft ist übrigens kostenlos ;-)!
Anmeldung: An Charlie via Mail: charlie@besd-ev.de oder per Telegram @CharlieHansen

Bitte benütze die Emailadresse, mit der Du beim BesD Mitglied bist für Deine Mail an Charlie und/oder gib Deine BesD-Mitgliedsnummer an. Bitte gib zusätzlich an, welchen Namen du bei „Zoom“ verwenden willst – die Moderator*innen lassen nur die Namen von der Teilnehmerliste ins Meeting rein. Falls Du nicht BesD-Mitglied bist, sende bitte einen Screenshot Deiner Spendenbescheinigung.

Bitte beachten: Für die BesD-Workshops gilt „Sexworker only“. Das heißt, eine Teilnahme ist nur für aktiv oder ehemals aktiv in der Sexarbeit tätige Menschen vorgesehen.


Inhalt

Du arbeitest selbst in der Sexarbeit und fragst dich wie es in Arbeitsbereichen aussieht, die du bisher noch nicht kennst oder ausprobiert hast? Dann ist unsere Workshopreihe „Mehr erfahren über …“ genau das Richtige für dich!

Twitter, FanSeven, Onlyfans, … gerade in Corona-Zeiten interessieren sich viele Sexarbeitende für Online-Möglichkeiten, um Geld zu verdienen. Zum Beispiel mit Fetisch-Clips, pornographischen Bildern, Webcam-Treffen oder Audioaufnahmen.  Doch wo fängt man am besten an? Was wird erwartet? Wie funktioniert die Kundenansprache online? Und worauf muss man achten, damit man als professionelle Anbieter*in der Online-Welt Erfolg hat?

Alice und Kim verdienen bereits den größten Teil ihrer Einkommen mit Online-Services – z.B. dem Verkauf von Pornographie. In diesem Workshop erzählen sie uns, wie sie es dorthin geschafft haben, teilen ihre Erfahrungen und beantworten alle Fragen rund um Online-Sexwork.


Workshop-Leitung

„Früher war ich ein paar Jahre lang Full-Service- Sexworker, hab aber gemerkt, dass mir dadurch nur noch wenig Zeit geblieben ist, in der ich nichts mit Sex gemacht habe… Irgendwann hat mich das gelangweilt. Online – Sexwork ist für mich ideal, weil ich vieles davon neben meinem Alltag erledigen kann. Außerdem liebe ich es, mich auf diese Weise auch kreativ ausleben zu können, was mir im Full Service immer schwerer gefallen ist. Wenn ihr Fragen an mich habt, nur her damit. :)“

–> Hier findest du alle Profile von Alice D. Bitchcraft

„Ich bin Kim „TS Kim Wagner“ und seit über 2 1/2 Jahre professionelle „Bizarrlady“ oder auch „Domina 2.0“ und daher auch viel auf Social Media unterwegs. Seit dem letztem Jahr April bin ich in dem Bereich „Pornographie“ tätig (ist ein persönlicher Fetisch von mir).“

—> Twitter-Account mit über 16.000 Followern. 

—> Website

Unter dem Künstlernamen Ron Hades bin ich seit knapp drei Jahren in der Sexindustrie tätig. Mein Schwerpunkt liegt im Bereich Dominanz und Bondage – ich bezeichne mich selbst als „Sensual Sadist“ und „Meditative Bondage Master“.

Ich bin auf den erotischen Einsatz von Seilen, insbesondere Shibari, spezialisiert. Sadismus und Intimität gehen für mich dabei Hand in Hand.

Die meisten Menschen, die meine Zeit buchen, wollen eine etwas andere Art der Intimität erleben oder kennenlernen, die über die „klassische“ Sexualität hinausgeht. Bei sinnlicher Dominanz kann es um vieles gehen – zum Beispiel darum Sinne zu intensivieren, Demütigung zu erfahren, Kontrolle abzugeben, körperliche Überwältigung, Dirty Talk, …

Solche BDSM-Sessions sind für mich persönlich nicht nur beruflich sondern auch privat ein fester Bestandteil meiner Sexualität und ausschlaggebend dafür, dass ich mich wohl und entspannt fühle.

Als Corona kam und ich plötzlich nicht mehr arbeiten konnte, war das deshalb nicht nur finanziell ein Schlag für mich.

„Dank“ rassistischer Vorurteile traf mich die Flaute unglücklicherweise sogar ein wenig früher als meine Kolleg*Innen – ich habe asiatische Wurzeln und bekanntlich hatte das neue Virus in China seinen Ursprung. Die letzten Monaten waren schwer, die staatlichen Hilfen reichten gerade zum Überleben.

Am 08.08.2020 traten in Berlin die Corona-Lockerungen in Kraft – das BDSM-Studio in dem ich mich einmiete, durfte seine Türen wieder öffnen und ich durfte endlich wieder arbeiten.

Erlaubt waren und sind derzeit „erotische Dienstleistungen mit Happy End“ – aber „ohne Geschlechtsverkehr und Gesichtsnähe“! Eine ungewohnte Situation.

In den Sessions mit meinen Gästen hatte ich zwar nur selten „normalen“ Sex, aber bisher jede Menge körperliche Nähe. Wie meine Kolleginnen und Kollegen musste ich mir nun also überlegen, ob und wie meine Arbeit im Rahmen des Hygienekonzepts stattfinden kann.

Ehrlich gesagt war ich anfangs sehr skeptisch. Kann hier noch eine erotische Stimmung aufkommen, mit Abstand halten und Mund-Nasen-Schutz?

Nach über einem Monat Wieder-Arbeiten kann ich sagen: Das ist nicht nur „machbar“ – es funktioniert sogar richtig gut! Kurz nachdem ich wieder Werbung schalten durfte, kamen die ersten Gäste auf mich zu – ein Pärchen. Wir besprachen die neuen Regeln und wie sich die Session dadurch verändern würde.

Klar war das ein wenig komplizierter als gewohnt, aber nicht halb so störend, wie ich gefürchtet hatte.

Während der zweistündigen Session trugen wir alle drei Masken. Meine Gäste tragen darüber hinaus meistens Augenbinden, sehr nützlich, um die Sinne für andere Empfindungen zu schärfen! Natürlich, wenn ich jemand fessele, muss ich ihn oder sie anfassen und körperlich nah kommen. Aber da ich meistens von hinten fessele, ist trotzdem Abstand zwischen unseren Gesichtern. Die Sache mit dem Abstand war kein Problem – bei meinem letzten Haarschnitt war ich meinem Friseur näher!

Auf das Feedback meiner Gäste nach der ersten Session „inklusive Schutzmaßnahmen“ war ich besonders gespannt.

Ich fühlte mich wohl und war glücklich, wieder loslegen zu können – aber wie haben meine Gäste die neuen Regeln empfunden?

Die Frau sagte: „Ich könnte wirklich spüren, dass du von am Anfang bis Ende bei mir warst – trotz Abstand. Ich fühlte mich trotzdem umarmt von dir und von meinem Freund, umarmt durch die Seile.“

Ihr Freund legte nach: „Ich konnte mich noch nie so entspannen. Und ich fühle mich gerade meiner Freundin noch näher, obwohl auch wir Abstand zwischen uns hatten. So wie sie gesagt hat, du warst die ganze Zeit bei uns, ohne uns anzufassen. Das war sehr beeindruckend.“

Ich würde sagen: Job accomplished.

Ich freue mich natürlich, wieder arbeiten zu können. Aber ich finde es nach wie vor schlimm, wie viele Vorurteile gegen Sexworker in der Pandemie wieder hervorgeholt wurden. Spätestens als die Friseur und Tattoo Studios auf gemacht haben und Online Dating Apps wieder erlaubt waren, machte das Arbeitsverbot für Sexworker keinen Sinn mehr.

Nachdem ich jetzt schon über ein Monat wieder arbeiten darf, weiß ich, dass ich die Bedürfnisse meiner Gäste trotz Maske, Abstand und Hygienekonzept erfüllen kann.

Und das ist ein wunderbares Gefühl.


Dieser Text stammt von Ron Hades, Dominus und Bondage Meditation Instructor. Er empfängt seine Gäste im Berliner Studio Lux . Hier geht es zu seiner Website ronhades.com .

Als Sexarbeiter*innen haben wir alle etwas gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt. Alles andere ist Menschenhandel, ist Nötigung, ist Missbrauch, aber ist keine Sexarbeit.

Logischerweise setzen wir uns als Berufsverband für Sexarbeiter*innen für die Verteidigung und Wahrung von Frauenrechten ein – so wie viele andere Organisationen. Der international am 25. November stattfindende Aktions-Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen beschert dem so wichtigen Thema hoffentlich wieder das dringend benötigte Interesse der breiten Öffentlichkeit.

Doch leider ist nicht bei allen Frauenrechtler*innen mit Solidarität für Sexarbeiter*innen zu rechnen.  Die Prostitutionsgegner*innen von Terre des Femmes nützen den Termin vielmehr, um in einer Aktion vor dem Brandenburger Tor eine „Welt ohne Prostitution“ zu bewerben. Der Verein ordnet Sexarbeit pauschal als Gewalt gegen Frauen ein und setzt sich aufgrund dieser Überzeugungen für die Einführung des Schwedischen Modells der Freierbestrafung ein.

Prostitution ist kein selbstbestimmter, einvernehmlicher Sex, sondern bedeutet, dass Männer sich den Zugang zum Körper einer Frau erkaufen. (Fahnenaktion Terre des Femmes, November 2019)

Wir als Sexarbeiter*innen wehren uns aus guten Gründen gegen das Schwedische Modell – und dagegen, pauschal als Opfer abgestempelt zu werden. Unsere Tätigkeiten sind konsensuelle Dienstleistungen zwischen mündigen Erwachsenen. Und eine Differenzierung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit ist dringend nötig, um der Gleichsetzung unserer Arbeit mit Gewalt und Zwang endlich ein Ende zu bereiten.Nicht nur unser Berufsverband lehnt ein Sexkaufverbot, welches Kund*innen kriminalisieren und zu erhöhter Vereinzelung, Gefahr und Vulnerabilität von in der Sexarbeit tätigen Menschen führen würde, entschieden ab. Auch die Fachwelt äußert sich anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen zu dem Thema.

Zum 22.11. veröffentlichten Fachverbände und Beratungsstellen ein gemeinsames Positionspapier, in dem sie für mehr Unterstützung für Sexarbeitende plädieren und ausdrücklich vor jeglicher Kriminalisierung sowie einem Sexkaufverbot warnen. Bei den Unterzeichnenden finden sich unter anderem die Aidshilfe, der Frauenrat, der Juristinnenbund, die Diakonie, sowie Fachstellen für Opfer von Menschen- und Frauenhandel.

Wo Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter_innen heute menschenunwürdig sind, lassen sie sich mit einem Sexkaufverbot nicht verbessern. Im Gegenteil: Es droht, ihre Situation weiter zu  verschlechtern. Was zu ihrem Schutz gedacht sein soll, wird ihnen am Ende zum Verhängnis. Gerade wo Menschen kaum eine Wahl haben, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen, brauchen sie Hilfsangebote, die ihnen Möglichkeiten eröffnen und einen sicheren Rahmen für ihre Tätigkeit fördern. (Gemeinsames Positionspapier v. Deutsche Aidshilfe et al, 22.11.2019)

bufaS e.V, das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter veröffentlichte zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen eine Stellungnahme zu den politischen Forderungen zur Einführung eines Sexkaufverbots in Deutschland:

[Es] wird häufig dargestellt, dass das Sexkaufverbot keine negativen
Konsequenzen für Sexarbeiter*innen habe, oder deren Situation sogar noch verbessere. Dagegen positioniert sich der Bufas entschieden. Auch innerhalb Deutschlands hat man durch restriktive Verordnungen wie z.B. Sperrbezirksverordnungen oder die Kontaktverbotsverordnung nicht die Prostitution und die Nachfrage vor Ort verhindert, sondern lediglich bewirkt, dass die Arbeitsbedingungen sich verschlechtern und die Vulnerabilität durch Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutung erhöht werden. (Stellungnahme BufaS e.V., 25.10.2019)

Das Deutsche Institut für Menschenrechte veröffentlichte Mitte Oktober ein Papier, das die Themen Prostitution, Sexkaufverbot sowie die Unterscheidung zwischen Zwang und Freiwilligkeit aus menschenrechtlicher Perspektive beleuchtet. Unter anderem wird der Text des DIMR auf der Website des bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel geteilt.

(…) Studien zeigen, dass jede Form von Verboten mit einem zweifach erhöhten Risiko einer sexuell übertragbaren Krankeit inklusive HIV zusammenhängt. Darüber hinaus steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Prostituierte da, wo es Verbote gibt, Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt werden.  ( Stellungnahme DIMR, 17.10.2019)

Die Diakonie Hamburg erklärt in ihrer aktuellen Stellungnahme, warum ein Sexkaufverbot Sexarbeitende nicht vor Gewalt schützen kann. Im Gegenteil: Gerade die verletzlichsten Gruppen in der Sexarbeit würden mehr gefährdet.In der politischen Diskussion werden zum einen die Begriffe Prostitution, Zwangsprostitution und Menschenhandel vermischt oder gleichgesetzt. Armutsprostitution wird nicht selten als Zwangsprostitution bezeichnet. Zum anderen wird suggeriert, dass Gewalt und Ausbeutung im Zusammenhang mit Prostitution bisher nicht verboten und geahndet werden und es auch deswegen der Einführung des Sexkaufverbots bedarf. Hier ist auf eine genaue begriffliche Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel zu achten: Nach dem ProstSchG ist Prostitution das freiwillige Erbringen von sexuellen Dienstleistung gegen Entgelt. Menschenhandel und Zwangsprostitution hingegen stellen schwere Menschenrechtsverletzungen dar,  auf die in Deutschland hohe Haftstrafen stehen. (Stellungnahme Diakonie Hamburg, 22.11.2019)

Auch die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht spricht sich gegen das Schwedische Modell aus und die SPD in Schleswig-Holstein lehnt ein Sexkaufverbot aus den gleichen Gründen ab.

Da, wo man das nordische Modell gewählt hat, hat dies nicht etwa zu einem Rückgang der Prostitution geführt, auch nicht zu mehr Rechten und mehr Sicherheit für die Prostituierten. Im Gegenteil: Sie sind mehr Gewalt und größeren Gefahren ausgesetzt. (Bundesjustizministerin Lambrecht im Interview mit der MAZ, 13.09.2019)

Die Grüne Jugend solidarisiert sich mit Sexarbeiter*innen und kämpft für die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung von erotischen Dienstleistung.

Unter dem Deckmantel, Frauen vor sexueller Gewalt oder Bedrohungen wie Menschenhandel und Zwangsprostitution schützen zu wollen, werden die Rechte auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen und Queers weiter eingeschränkt und Ressentiments gegenüber Sexarbeiter*innen und Migrant*innen geschürt und damit Gewalt unsichtbar gemacht. (Protokoll 53. Bundeskongress der Grünen Jugend, 02.11.2019)Unser Berufsfeld in der Sexarbeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund*innen. Wie andere haben wir einen Berufsalltag, gute und schlechte Arbeitstage. Leider ist Sexarbeit derart stigmatisiert, dass über unsere wirklichen Arbeitsinhalte und Tagesabläufe wenig bekannt ist.

Wir vom Berufsverband möchten mehr Transparenz in das Thema bringen und laden alle engagierten und interessierten Mitmenschen zum Dialog mit uns ein. Hier geht es zu dem von Hydra e.V. und der Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ unterstütztem Schreiben des BesD e.V: Tag gegen Gewalt an Frauen – Sexarbeit ist keine Gewalt

Redet mit uns. Gesteht uns das Recht zu, selbstbestimmt der von uns gewählten Tätigkeit nachzugehen. Lasst uns gemeinsam gegen Gewalt, Missbrauch und Nötigung kämpfen! Denn wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind Teil der Emanzipationsbewegung. Wir sprechen uns als Berufsverband genau so wie Terre des Femmes entschieden gegen jegliche Gewalt an Frauen aus.

Wie die zitierten Verbände und Beratungsstellen, halten wir es aber für falsch und fahrlässig, Sexarbeit pauschal mit Gewalt gleichzusetzen. Wir halten es für gefährlich und kontraproduktiv, Gewalt mit einem Sexkaufverbot bekämpfen zu wollen. Nur Entstigmatisierung, Entkriminalisierung, eine Stärkung unserer Rechte, sowie die Möglichkeit, weiterhin sichtbar und vernetzt zu agieren, gewähren Sexarbeiter*innen eine sichere, würdige Basis.

200 Sexarbeiter*innen aus ganz Deutschland und aller Welt kamen von 15.-16. September zum Hurenkongress in Berlin zusammen.

Am ersten Tag teilten 15 Workshopleiter*innen in insgesamt 12 Workshops ihre Expertise mit Kolleg*innen. Am 2. Tag fanden im Rahmen eines Barcamps weitere 14 spontane Workshops und Gesprächsrunden statt. Workshopleiter*innen sowie Teilnehmer*innen waren alle selbst in der Sexarbeit tätig – in den Workshops wurden Tricks, Tipps und Erfahrungen aller Art geteilt und Raum für Diskussionen und Fragen geboten. Manche Workshops fanden auf Deutsch statt, andere auf Englisch und einige in beiden Sprachen – viele internationale Kolleg*innen kamen zum Kongress und rund ein Drittel der Teilnehmer*innen hatten eine andere Muttersprache als Deutsch.

Der Kongress war eine außergewöhnliche Gelegenheit für Sexworker, sich über wesentliche Themen zu informieren und zu diskutieren: So gab es beispielsweise einen Workspace von Missy-Kolumnist Christian Schmacht, in dem die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*innen , die transgender/transsexuell/nicht-binär/genderqueer sind, diskutiert wurden. Anastacia Ryan von TAMPEP – dem europäischen Netzwerk zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexworkern – leitete eine Diskussion über die Auswirkungen von Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Nicole Schulze, Sexarbeiterin und seit kurzem auch im Vorstand des BesD e.V. vertreten, organisierte einen Workshop zum Thema Sicherheit am Straßenstrich und berichtete dabei von ihren langjährigen Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich.

Ob „Selbstmarketing & Kommunikation”, „Professional BDSM for Beginners”, „Fighting Burn-Out Through Self Love”, „Online Sicherheit für Sex Worker“ oder „Betriebsgründung – Selbstständig machen in der Sexarbeit” – alle Inhalte richteten sich explizit an Menschen, die in der Sexarbeit arbeiten und deren spezifische Bedürfnisse.

Es wurde geschnackt, gelacht, gelernt, vernetzt, informiert und diskutiert. Aktionspläne wurden geschmiedet, Allianzen geformt, alte Freund*innen wiedergetroffen und neue Bekanntschaften geschlossen – insgesamt war der Kongress also eine grandiose Gelegenheit für Austausch und Information zwischen Sexarbeitenden.

Auf der am 17. September anschließenden Sexwork-Messe „World of Whorecraft” zählten wir neben 150 teilnehmenden Sexarbeiter*innen rund 200 Gäste .

Von Verbündeten und interessierten Besucher*innen über Journalist*innen und Forscher*innen bis hin zu Partner*innen und Freund*innen von Sexarbeitenden, war alles unter den Besucher*innen der Messe vertreten. Unter den 17 Ausstellern waren branchenrelevante Dienstleister*innen (z.B. der queere Sexshop Other Nature) Beratungsstellen und Verbündete (z.B. das Beratungsprojekt für männliche Sexarbeiter smart berlin, Hydra e.V., oder Dona Carmen e.V.) und deutsche sowie internationale von Sexworkern geführte Organisationen, die ihre Arbeit und Ressourcen teilten (z.B. Wild Thing aus den Niederlanden).

Die Ausstellung Objects of Desire vom Schwulen Museum und der Bilderzyklus „Das neue Recht“ von Almuth Wessel sorgten für themenbezogene Kunst in der Location. Im Kinozelt konnten Fetisch-Filme aus der Produktion von libido film, die Dokumentation „Whores on Film“ von Sex Worker und Filmemacherin Juliana Piccillo, der Film „H’Or“ von Black Sex Worker Collective-Gründerin Akynos sowie Videos aus dem YouTubeChannel „Wissen.Macht.Sex!“ der Sexarbeiterin und Aktivistin Josefa Nereus bewundert werden.

 

 

Im Research-Zelt sammelten Joana Hofstetter und Sabrina Stranzl vom Netzwerk für Kritische Sexarbeitsforschung Erfahrungen und Meinungen Sexarbeitender für ihre Recherchen.

Das ganztägige Bühnenprogramm wurde von der Journalistin und Sexualforscherin Kuku Schrapnell moderiert. Neben Keynotevorträgen (z.B. von DAH-Frauenreferentin Marianne Rademacher, Sexarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Maya Mistress aus Brasilien und Pesha Shatte aus dem französischen Sexwork-Syndikat STRASS) gab eine spannende Talkrunde zwischen zwei Sexarbeiterinnen und einer aufsuchenden Sozialarbeiterin über die Gefahren des schwedischen Modells, Susanne Bleier Wilp stellte das Big Sister Projekt unter dem Dach von kaufmich.com vor, erotische Performances fanden statt und Lesungen von Sexarbeiterin und Autorin von „Mein HurenmanifestUndine de Rivière sowie der ehemaligen WELT-Kolumnistin und Sexarbeiterin Salomé Balthus sorgten für Begeisterung.

Die Ausgaben für beide Events beliefen sich auf 15.365 Euro – hierbei nicht mit einberechnet sind die Personalkosten für die Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Veranstaltungen. Diese wurden vom BesD getragen und beliefen sich bei einer 50%-Arbeitskraft für den Kongress sowie einer 25%-Arbeitskraft für die Messe auf rund 500 bezahlte Arbeitsstunden und 10.000 Euro.

1000 m² leerer Supermarkt, vier 60 m² Zelte, 844 Meter Kabel, 40 Lampen, 100 Stühle, 100 Bierbänke, 55 Tische – nicht überraschenderweise besetzte die Miete sowie Ausstattung der Location den größten Ausgabe-Posten.

Schon an zweiter Stelle folgten die Honorare und Fahrkosten für Workshopleiter*innen und Moderator*innen am Kongress – da hier ausschließlich aktive und ehemalige Sexworker als Teilnehmer*innen und Workshopleiter*innen anwesend waren, floß also ein beachtlicher Teil der Einnahmen zurück in die Community – an Sexarbeitende, die Kolleg*innen ihre Expertise zur Verfügung stellten.

Die Einnahmen beider Events ließen sich aus Kongress-Tickets, Messe-Eintritt sowie Sponsorengelder addieren und kamen auf 17.795 Euro.

Beinahe ein Viertel des Geldes kam dabei aus der Kasse der Deutschen Aidshilfe, welche drei Workshopleiter*innen, zwei Moderator*innen, sowie einen Zuschuss für die Raum- und Verpflegungskosten finanzierten.

 

Für die großzügige finanzielle Unterstützung von Kongress-Workshops sowie das Sponsoring von Freikarten für prekär arbeitende Kolleg*innen danken wir Autorin Anna Basener, dem Netzwerk Kritische Sexarbeitsforschung, den Erotikportalen berlinintim.de, erotikinsider.com, kaufmich.com, rotlicht.de, escort-advisor.com und escort-galerie.de, dem Serviceprovider zustellanschrift.de sowie der Online Marketing Agentur ImpulsQ.

Rund ein Drittel der Teilnehmer*innen am Kongress nahmen den ermäßigten Preis in Anspruch, ein Teil der Kolleg*innen konnte sich den solidarischen Eintrittpreis leisten. Fast 40% der Teilnehmer*innen konnten als Helfende oder mithilfe der gesponserten Umsonstticket kostenlos den Kongress besuchen.

Wir danken allen Teilnehmer*innen, Besucher*innen Workshopleiter*innen, Aussteller*innen und Mitarbeiter*innen für ihren Einsatz, ihr Interesse und ihr Engagement.

Rund 500 Arbeitsstunden wurden in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung von den BesD-Mitarbeiterinnen Charlie Hansen und Tamara Solidor gestemmt.

Ein besonderer Dank gilt auch WAM und seinem großartigen Team, mit der Fläming Kitchen haben sie den Kongress zu einem mehr als solidarischen Preis mit sehr gutem Essen versorgt.

Ein extra Dankeschön geht an die die unermüdlichen Helfer*innen und Unterstützer*innen, unsere Familien, unsere Partner*innen und die vielen BesD-Mitglieder die ehrenamtlich mit angepackt haben. Ohne die viele Unterstützung und gemeinsame Zusammenarbeit wären diese zwei großartigen Events überhaupt nicht möglich gewesen. Wir freuen uns riesig über euer tolles Feedback zu Kongress und Messe – und schmieden natürlich schon Pläne für nächstes Jahr …

TIPP: Auf unserem Facebook-Account unter @Sexarbeit, auf Twitter unter @SexworkID sowie auf der Homepage www.berufsverband-sexarbeit.de bleibt ihr über Aktionen, Veranstaltungen und Sexarbeit in den Medien auf dem Laufenden.

Gedanken einer Sexarbeiterin aus Berlin:
Wir sind Menschen, die in der Sexarbeit unsere Berufung gefunden haben. Unsere Tätigkeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund_innen. Aber zwei Dinge haben wir alle gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt und wir leisten einen wichtigen zwischenmenschlichen Beitrag in dieser Gesellschaft. Dass wir dafür entlohnt werden unterstreicht unsere Professionalisierung. Sexarbeiter_innen waren und sind Teil der Emanzipationsbewegung. Dafür stehen z. B. autonome Einrichtungen wie Hydra e.V. seit 1980.Die Legalisierung und zivilgesellschaftliche Partizipation freier Sexarbeiter_innen muss ein Bestandteil einer freien Gesellschaft bleiben. Wir verfolgen mit verantwortungsbewusstem Ethos unseren Beruf. Sexarbeiter_innen hat es zu allen Zeiten gegeben. In der Vergangenheit wurden wir nicht selten an den Rand der Gesellschaft gestellt. Und doch gab es zu allen Zeiten durchaus selbstbestimmte Menschen in dem, was wir Sexarbeit nennen.Mit großer Befürchtung beobachten wir jetzt die zunehmende Diskriminierung und Ausgrenzung unserer Kolleg_innen im Jahre zwei nach dem Prostituiertenschutzgesetz.
Wer schützt uns?
Wir fühlen uns durch eine sehr tendenzielle klischeehafte Berichterstattung und einem uns gegenüber feindlich gesonnen Aktivismus betimmter feministischer Richtungen verunglimpft. Sexarbeit wird mit körperlicher Ausbeutung assoziiert und sogar in eine direkte historische Linie mit Sklavenhandel 1) gebracht. Wir verurteilen diese verhöhnende, geschichtsfälschende und menschenfeindliche Perspektive. Opfer von Gewalt und Menschenhandel können keine freien Sexarbeiter_innen sein. Freie Sexarbeit findet in einem Konsens zwischen zwei mündigen, gleichberechtigten Menschen statt. Kommunikation ist das wesentliche Stilmittel freier Sexarbeit und die Basis auf der sich jede Form von Erotik und Nähe entfalten kann. Wir verkaufen nicht unseren Körper sondern bieten eine Dienstleistung an im Rahmen unserer (sexuellen) Selbstbestimmung!Menschenhandel in jeder Form bedeutet keine freie Sexarbeit. In den letzten Monaten ist besonders mit dem Begriff „Loverboy“ ein weiteres düsteres Kapitel in den Vordergrund der Berichterstattung gespielt worden.
Wir sagen ‚Nein!‘ zu Loverboys!
Weder Loverboys, d.h. Männer, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen um diese im Rahmen eines emotionalen Abhängigkeitsverhältnis in die Prostitution/Sexarbeit zu bringen.
Die Abläufe bei der sog. Loverboy-Methode sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild einer individuellen rosigen Zukunft der Opfer aufgebaut mit der diese eingefangen und gefügig gemacht werden. Das Opfer wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert oder das engste Umfeld spielt sogar die Triebfeder und treibt das Opfer vor sich her. Die Loslösung aus einem perfide durchdeklinierten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.Wir veruteilen, diese Machenschaften. Es handelt sich nicht um freie Sexarbeit.

Freien Sexarbeiter_innen sind mündig und selbstbestimmt.
Und wir gehen hier auch davon aus, dass wir nicht in der Minderzahl sind, so wie es die Prostitutionsgegner_innen gerne sehen und oft verbreiten.
Die Beispielgeber der Antiprostitutionslobby scheuen einen offenen Diskurs mit uns. Wie kann man sich für die Grundrechte einsetzen, wenn es schon an der Artikulation und dem Austausch von Argumenten mangelt? Wir sehen uns hier, auch in Anbetracht des neuen parlamentarischen Arbeitskreises „Prostitution überwinden“ für die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“, dass Freier per se unter Strafe stellt, bevormundet und in voremanzipierte Zeiten katapultiert.
Es wird hier nicht mit uns gesprochen sondern über uns.
Und das ganze zwei Jahre nachdem dieselbe Regierung erst ein neues Gesetz verabschiedet hat.
Mit Sorge betrachten wir die eventuellen Folgen für unseren Berufsstand: Warum bekämpft Ihr uns und arbeitet nicht gegen Menschenhändler_innen?

Ansätze für freie Sexarbeit:

1. Strikte Trennung der Themenbereiche Menschenhandel und Sexarbeit.

2. Entstigmatisierung statt Kriminalisierung.
Sexarbeit in Abgrenzung zu Menschenhandel soll weiterhin nicht verfolgt, sondern als Bestandteil dieser Gesellschaft geachtet werden.

3. Rechte statt Verbote
Kein Sondergesetze, sondern Normalität über Arbeitsrechte wie in anderen Berufen auch

4. Entkriminalisierung der kompletten Sexarbeit – nicht Bestrafung unserer Kunden und Einnahmequelle

Dass Sexarbeit frei und selbstbestimmt in unserer Gesellschaft stattfinden darf muss der gesamtgesellschaftliche Minimalkonsens sein. Freier sollen straffrei bleiben!


1)   Quellen zum Thema Sklaverei und Sexarbeit:

„White Slavery“– ein Begriff mit problematischen Implikationen
https://menschenhandelheute.net/2011/10/12/white-slavery-%e2%80%93-ein-begriff-mit-problematischen-implikationen/

„Moderne Sklaverei“ als Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit im Kampf gegen Menschenhandel
https://menschenhandelheute.net/2014/12/12/moderne-sklaverei-als-begriff-in-der-offentlichkeitsarbeit-im-kampf-gegen-menschenhandel/

 

Verfassungsklage gegen Freierbestrafung in Frankreich scheitert am obersten Gerichtshof

Hamburg, 05. Februar 2019.

Vor beinahe drei Jahren wurde in Frankreich das Gesetz
„gegen das Prostitutionssystem“ verabschiedet, das Kund*innen von Sexdienstleistenden
kriminalisiert und die Arbeitsbedingungen in der Branche bereits nachweislich
verschlechtert hat. Unter Berufung auf das Recht auf Freiheit von Handel und
Unternehmertum, klagten französische Sexarbeitende mit Hilfe von unterstützenden
Organisationen – wie der NGO Medecins de Monde und der Sexworker-Union STRASS –
zunächst beim Staatsgericht. In der auch in Deutschland mit Spannung erwarteten
Urteilsverkündung am 02. Februar wies nun der Verfassungsgerichtshof die eingereichte
Klage auch in oberster Instanz ab. Die Antragstellenden und Rechtsanwalt Patrice Spinosi
bereiten sich jetzt auf den langen Gang zum Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte vor.

Die in mehreren europäischen Ländern verstärkt restriktive Gesetzgebung für die Branche
orientiert sich an dem international umstrittenen „schwedischen Modell“ und setzt
Sexarbeit vorwiegend mit Menschenhandel und Gewalt gegen Frauen gleich. Auch in
Deutschland leiden Sexarbeitende seit dem 2017 in Kraft getretenen
„Prostituiertenschutzgesetz“ an einer systematischen Einschränkung des Rechts auf freie
Berufsausübung und Selbstbestimmung. Hierzulande setzt sich unter anderem der
Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen entschieden dafür ein, der
Diskriminierung und Kriminalisierung von Menschen in der Sexarbeit entgegenzuwirken.

Eine von der NGO Medecins de Monde durchgeführte und im April 2018 veröffentlichte
Studie zeigt auf, dass französische Sexarbeitende aufgrund der Folgen des Gesetzes
bereits an massiven Umsatzeinbußen leiden und Verschlechterungen der Gesundheits- und
Sicherheitsanforderungen in Kauf nehmen müssen. Neben der berechtigten Angst vor
Verarmung und sozialem Abstieg, ist die Ausübung der Sexarbeit in Frankreich vermehrt
riskant für Leib und Leben geworden. Insbesondere Anbieter*innen, die bereits in prekären
Verhältnissen leben, sehen sich vermehrt dazu gezwungen, riskantere Arbeit zu
akzeptieren und mit ihrer Kundschaft abgelegene Orte aufzusuchen. Der Mord an der
peruanischen Sexarbeiterin Vanesa Campos im vergangenen August ist ein trauriger
Tiefpunkt der desaströsen Auswirkungen eines Gesetzes, das „zum Schutz von Frauen“
dienen soll.

Eine Entscheidung durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird in
Frankreich erst in drei bis fünf Jahren erwartet. Der Kampf von Sexarbeitenden gegen das
französische „Prostitutiertenschutzgesetz“ und dessen schädliche Auswirkungen auf ihre
Arbeits- und Lebensbedingungen scheint damit leider fürs Erste verloren – auf Kosten der
Sexarbeiter*innen.

Dieser Beitrag stammt aus der Feder unseres Mitgliedes Michael König.

Berlin im November 2013: Ein seltenes Vergnügen wurde mir gegönnt. Ich durfte Frau A. Schwarzer für ein paar Sekunden sprachlos erleben. Eben hatte sie in der Urania von der Bühne herab ca. 400 Zuhörer*innen erklärt „alle Freier sollen geächtet werden“. Bevor nun die Meute, so angefeuert, zur Lynchjustiz ausziehen konnte, ließen mich Anzug und Krawatte sowie eine gewisse Routine im „seriös-naiv-dreinschauen“ das Saalmikrophon ergattern. „Meine Kundinnen seien Frauen, ergo weibliche Freier und wie es mit deren Ächtung aussehe?“. Da waren sie, diese köstlichen 5 Sekunden der Sprachlosigkeit. Ein gefühlte süße Ewigkeit. Eine Antwort von A. Schwarzer? – Fehlanzeige. Wir reden hier schließlich über Nichtexistentes. Frauen, die sich sexuelle Erlebnisse kaufen und das bei einem Mann. Doppelter Tabubruch.

Die Erfahrungen mit weiblichen Kundinnen, die ich hier zusammenfasse, beruhen auf meiner nunmehr 12jährigen Arbeit als Tantramasseur. Ich liebe meine Arbeit. Ich bin begeistert von den mutigen Frauen, welche sich in unsere kleine Freiburger Massagepraxis trauen. Sie kommen zu Frauen und zu Männern. Sie machen in etwa 10% unserer Kundschaft aus – mit steigender Tendenz. Ihre Motive – vielfältig wie das Leben und die Lust. Oft benannt:

• Sich wieder als Frau spüren wollen, mit dem ganzen Potential weiblicher Erlebensfähigkeit in der Lust. Was gute anatomische Kenntnisse, professionelles Durchhaltevermögen, menschenfreundliches Einfühlungsvermögen und eine liebevolle, nicht wertende Zugewandheit seitens des Masseurs fordert.

• Die ob dieses Anforderungsprofils überforderten Partner*innen, denen sich Frau nicht mehr zumuten möchte oder kann oder darf (so empfindet sie es, leider). Und sie, die Partner*innen, ihren Frauen empfehlen, es doch mal mit einer Tantramassage zu versuchen. Eine win/win/win Strategie.

• Schlicht der Mangel an geeigneten Partner*innen für sexuelles Erleben und definitiv kein Interesse an mit sexuellem Genuss einhergehenden Beziehungsdeals. Sowie ein ordentliches Päckchen an Frusterlebnissen, gepackt in der Welt der Kontaktbörsen.

• Neugier. Oh ja – die wunderbare Neugier der Weiber. Sie lässt gerne mal die Angst vor dem Tabubruch verblassen. Und bevor das Fürchten sein Stammterrain wiedergewinnt und kultivierter Sexualität den Weg versperrt, ist es zu spät und der entscheidende Schritt schon getan. Dann war es so überraschend wunderbar, dass sich nun die Angst nur noch blamieren kann und rechtschaffen lächerlich macht.

• Ja und auch und nicht zu selten: der Wunsch, ein verloren gegangenes, sinnliches, feminines Wunderland wieder zurückzuerobern. Verloren ging es durch Traumatisierung, Vernachlässigung, körperliche Leiden, eine beschädigte sexuelle Biografie, moralinsaure Erziehung, Stigmatisierung oder schlicht den Mangel an sexueller Kultur. Die Rückeroberung geschieht über unmittelbare körperliche Erfahrung. Auf einem gefühlt dünnen Eis geht es, Schritt für Schritt, zurück zu Mutter Erde‘s heiligen, sicheren und frivolen Boden. Klar geführt am Händchen des Masseurs oder der Masseurin. Gerne in Ergänzung zur Therapie mit Worten.

Das Klischee möchte es gerne so geregelt wissen: Frauen kommen zum Weinen in die Tantramassage, Männer aus Geilheit. So hüllt ein nicht so kleines Seminarzentrum den Kurs zur Yonimassage ( Das ist der Tantrajargon für die Intimmassage der Frau ) sprachlich ein in: „Vom Loslassen, Tränen & tiefer Herzenslust“. Und zur Lingammassage (gleicher Jargon, jetzt der intim berührte Mann) lesen wir dort: “20 Techniken, um ihn lustvoll zu verwöhnen“. Es scheint so, als brauche Frau noch eine Zusatzlegitimation, um sich erfüllte Lust gegen Bezahlung zu gönnen. Leider geil, einfach so – geht nicht für die Frau, ist nicht salonfähig. Frauengeilheit wurde mit der Aufklärung abgeschafft. Ein paar ihrer Tränchen braucht es heute schon, damit die Sache akzeptabel bleibt.

Nach ein paar hundert gegebenen Massagen darf ich zusammenfassen: FakeNews. Bei uns kommen Männer wie Frauen in ihre eigene, individuelle Kraft und Lust. Sexuelles Referenzerlebnis nennen es manche. Das kann geil, tief, berauschend, erfüllend sein. Tränen, aus Freude, aus Trauer, aus Erkenntnis fließen bei „Ihr“ und „Ihm“ und den „Dritten“ gleichermaßen. Sie sind kein weibliches Privileg.

Allerdings, es gibt schon Unterschiede: So scheint es, als müsse Frau eine höhere (moralische?, finanzielle?) Hürde überwinden, um den Weg zu uns zu finden. Ich meine, wir haben 50% Frauen in der Gesellschaft und 10% Frauen als Kundinnen. Was für ein Riesen-Fucking-Gendergap. Wenn Frau aber da ist, dann ist sie da! In Pracht und Fülle. Fällt die Eingangstüre zur Praxis ins Schloss, scheinen vermeintlicher Tabubruch und die damit verbundene Scham außen vor zu bleiben. Frau läuft schneller, als wir sie halten könnten, und ungeniert durch die Räume der Praxis. Wie es scheint, ohne Sorge vor eventuellen Begegnungen. Männer sind da deutlich genanter. Frau guckt gleich mal ins Bad und hinter sonstige Kulissen, ob‘s sauber ist. Äußert oft recht klar Erwartungen an die Massage. Frau kommt tadellos gepflegt in die Massage. Männer müssen wir schon mal zum Duschen schicken. Frau plant ihren Termin Wochen im Voraus. Meist mit ausgeklügelter Eisprungparametrie oder scharf berechnetem Blutungstiming. Frau kommt zuverlässig zum Termin oder sagt ab. Mann ruft an und frägt ob heute, also ungefähr jetzt, noch ein Termin zu haben sei. Um dann schon mal in letzter Sekunde und ohne Absage zu kneifen. Frau gibt selten Trinkgeld, und sei sie noch so zufrieden. Männer sind da großzügiger. (Sorry Mädels, klingt komisch, ist aber so!). Frau kommt auf Empfehlung der besten Freundin oder einer Therapeutin. Mann hat die Anzeige im Erotikteil der Lokalzeitung gelesen.

Ach ja, und Frau, liebe Prophet*innen des trockenen und saftfreien männlichen Orgasmus, werte Tantraheilige: Frau kommt gerne sowas von nass, dass der männliche Erguss dagegen, rein mengenmäßig betrachtet, bestenfalls als Amuse-Gueule auf der Lustkarte durchgeht. (Gibt es schon den BigDraw gegen Freudenfluss – sorry, ein Insiderwitz, magichhiernichterklärengerneeinandermal).

Wie weiter? Amakido Berührungskunst hat 2006 damit begonnen, Tantra Massagen für Frauen von Masseuren anzubieten. Vier Kundinnen, das war die Bilanz des ersten Jahres. Heute, nach zwölf Jahren, zählen wir ca. 80 Kundinnen im Jahr. Das sind zwanzigmal mehr. Immerhin! Wir bleiben dran und lassen erst locker, wenn der Gendergap geschlossen ist. Es macht uns glücklich, wenn wir sehen und erleben, wie die Frauen nach der Massage von uns gehen: In weiblicher Fülle, stolz, leuchtend und schön. Bereit, die Männerwelt freundlich aber unmissverständlich mit der ganzen Wucht ihrer weiblichen Potenz bekannt zu machen. Ihnen jenseits von Opferrolle und reflexartigem Feindschaftsgebaren auf Augenhöhe zu begegnen. Dann ruht das Kriegsbeil des Geschlechterkampfs für einen göttlichen Moment. Und wir finden, dass wir mit unserer schönen Arbeit auch ein Stückchen Frieden stiften.

Wem das zu abgetrallert klingt, der lese sich doch noch in unserem femininen Gästebuch an den Rückmeldungen zu Tantramassagen besoffen.

Das findet ihr hier: Feminines Gästebuch
Michael König

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Kristina Marlen verfasst; wir wünschen viel Genuss beim Lesen:
Das Schweizer Fernsehen, SRF , hat sich in einem philosophischen Stammtisch der Frage angenommen, ob man für Sex zahlen dürfe .
Erstmal Dank an die Kollegin und einzige Sexarbeiterin am Tisch Salome Balthus, dass Du die Fassung gewahrt hast, obwohl du ja sogar angekündigt hast, im Laufe des Gespräches vielleicht ausfallend zu werden. Chapeau, nicht geschehen.
Ich wäre an der ein oder anderen Stelle vermutlich ausfallend geworden. Die reaktionäre und moralische Agenda zeigte sich in ihrem stilistisch formvollendeten Gewand (philosophisch), was sie nicht weniger ätzend macht. Ich verlaute ungern, dass mir vor allem die zweite Frau am Stammtisch ein paar Mal fast die Gebärmutter hat wandern lassen. Sandra Konrad trifft verheerende Aussagen über Sexarbeiter*innen, die anmassend sind und jeder breiteren empirischen Grundlage entbehren. Sie eliminiert damit alle anders lautenden Erfahrungsberichte, die Sexarbeiter*innen je formuliert haben und erklärt so auch die der einzigen Hure am Tisch als unglaubwürdig. In ihrem mahnend humorlosen Tonfall, als Therapeutin die absolute und bedingungslose Vertrauenswürdigkeit für immer gepachtet, holt sie jedoch die Masse der besorgten Bürger*innen ab, die sich auf ihrem Mitleid für „die Anderen“ (Huren und andere lose Subjekte) in, wie ich vermute, beinahe sexueller Erregung ergehen.
Mitleid ist die perfideste Form der Arroganz. Die effektivste Form, strukturelle Ungleichheit festzukleistern – die, die von oben herab blicken, haben sich ihren Platz im Gefüge am Besten gesichert, ohne sich die Finger schmutzig zu machen.
Es mag nicht wundern, dass Sandra Konrad so gut Bescheid weiss über das Problem aller #Huren, auch wenn sie der am Tisch nicht zuhört; denn sie hat Mitleid mit allen Frauen. Die Verfasserin des Buches „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will” hält die sexuell selbstbestimmte Frau (also nicht nur die selbstbestimmte Hure) für eine „Fata Morgana“ (Quelle: s.u.). Well then. Nichts hinzuzufügen. Oder doch?
Kurz eingeschoben: das Buch enthält eine umfangreiche Darstellung der weiblichen #Sexualität in Geschichte und Gegenwart – auch aus ihrer Perspektive als Therapeutin. Ich schätze das Buch über viele Kapitel und viele Thesen sind schlichtweg Teil eines feministischen Allgemeinwissens, das als Basis dienen muss, wenn wir Befreiung der Geschlechter heute weiter umsetzen wollen. Also danke dafür.
Wer sich intensiv mit menschlicher Sexualität befasst, wird um einige Erkenntnisse nicht herumkommen: Menschen kommunizieren zu wenig in Sexualität und tauschen im Bett alles mögliche, auch sexuelle Gefälligkeiten, und ums Fühlen geht es dabei häufig nicht in erster Linie; weibliche Sexualität ist in der Geschichte und bis heute unterdrückt und häufig ausgebeutet; wir leben in einer Welt der engen Geschlechterstereotypen, die traurig limitierend sind und Männern meistens mehr Handlungsspielraum lassen als Frauen.
All das, Dáccord. Aber wie ist es möglich, in einem so umfassenden Buch um all die Frauen* (und Männer*) herumkommen, die es anders machen und gerade mit und in dieser Geschichte umschreiben, aneignen, querleben? Die Frauen*, die ihren Sex fühlen und leben inmitten all der Klischees, Normen und Tabus, die um weibliche Sexualität aufgestellt sind wie schrankförmige SecurityCops? Wie kommt man auch um die Partner*innen dieser Personen herum, die andere Beziehungsformen, andere Kommunikationsweisen entwickeln, um Beziehung und Sex zum echten Erlebnis für alle zu machen? Wo sind überhaupt die #Lesben in diesem Buch, hat Frau Konrad schonmal davon gehört, dass Menschen jenseits heterosexueller Vorgaben leben? Und sollten wir Frau Konrad vielleicht mal ein paar Freikarten für das Pornfilmfestival Berlin geben, damit sie ihren Horizont über explizites filmisches Schaffen erweitern kann?
Dass Menschen häufig nicht über den eigenen Erfahrungsschatz hinausdenken können, ist nicht per se verwerflich, auch wenn es schade ist. Wenn man aber Bücher schreibt, die einen gewissen Wahrheitsanspruch erheben, dann geht das so leider nicht.
Wer verheerende Buchtitel in die Welt setzt, die unwahr und beleidigend sind, muss sich fragen lassen, was sie damit bewirken will. Ist “Das beherrschte Geschlecht” ein Titel, der in die #Freiheit führt und warum löscht er die Kämpfe und Existenzen wichtiger Menschen?
Mich zum Beispiel und den Grossteil meiner weiblichen* Freund*innen, Liebhaber*innen, Kolleg*innen, meine wilden Kund*innen und ihre Gespiel*innen, Porn- und Popstars, Diven, Dominas, grosse Frauen* der Geschichte, die sich nicht drum geschert haben, wie “Frau” sich verhalten sollte, und deshalb ein sehr fröhliches Leben haben oder hatten, die gibt es dann wohl einfach nicht.
BUFF – ich verschwinde dann mal. Ich bin nur ein Gespenst. So wie es auch alle Huren tun sollten. Vom Erdboden verschwinden.
Aber wartet. Wir kommen wieder. Immer und immer wieder. In Euren Träumen. In Euren Betten. Wir sprechen, wir stöhnen und wir holen uns gnadenlos unsere Orgasmen, wir sitzen auf Euren Gesichtern und kommen direkt auf Euren plattgedrückten Nasen. Es gab uns immer schon, auch wenn ihr uns bis in 21. Jahrhundert totreden wollt. Wir sind unsterblich. Wir sind und bleiben die Hexen. Verbrennt uns doch. Wir haben Wunderkräfte und kochen Zaubertränke direkt aus dem eigenen Ejakulat.
Es lebe die sexuell selbstbestimmte Frau.
PS. wie wäre es mit einem Hashtag? #Fatamorgana ….???
Faehe Michelina, Maggie Tapert Serena Laura Kristina Marlen Mareen Scholl Ruby May Henrike Iglesias Susanne Wendel Ilan Stephani Mithu Melanie Sanyal Laura Méritt Josefa Nereus Deva Bhusha Yella Cremer Rubia Bright Iva Samina and all the witches around, please share before you disappear
Quellen:
der Philosophische Stammtisch im SRF mit Salome Balthus, Sarah Konrad, Dominique Kuenzle, Peter Schaber
Sandra Konrad: Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will. Piper 2018.
Hier eines der unzähligen Interviews, alle mit dem selben trostlos besserwisserischen Duktus -Hier die FATA MORGANA: https://m.tagesanzeiger.ch/articles/5a510090ab5c373370000001
Danke De Paul, nochmal für den Anstoß, einen Kommentar dazu zu verfassen. Es gäbe noch mehr zu sagen. Dies ist nur das Wort zum Mittwoch, das bereits eine Weile in der Gruft meines Gespenstinnendaseins gewütetet hat.

Die Network of Sex Work Projects (NSWP), ein Zusammenschluss von Sexarbeitsverbänden weltweit in dem der BesD Mitglied ist, hat neulich eine Abstimmung zum Thema Mitgliedschaftskriterien gehalten. Die Frage war, ob Verbände mit Mitgliedern in jeglichem erotischen Dienstleistungsbereich eine Vollmitgliedschaft beim NSWP beantragen dürfen sollen. Das heißt, auch Verbände in denen die Mehrheit der Mitglieder Pornodarsteller*innen oder Stripper*innen sind, sollen Vollmitglieder beim NSWP sein dürfen und nicht ausschließlich Verbände mit Full-service Sexarbeitenden, wo der Kunde beim Akt persönlich anwesend ist.

Hier der offizielle Abstimmungstext:

„Full voting membership should be given to sex worker-led organisations that are made up of individuals who engage in sexual labour of any kind and who self-define as ‘sex workers’? Yes or No“

Der Hintergrund für diese Abstimmung: Bei seinem letzten Vorstandstreffen Ende April, gab es eine Diskussion zum Umfang des Begriffs „Sexarbeiter*in“. Es kam zwar zu keinem Konsens darüber, jedoch hat der Vorstand beschlossen, künftig Mitgliedschaftsanträge von Pornoverbänden abzulehnen. Eine Stripperkollektive hatte sich auch kurz vor dem Treffen beworben und wurde lediglich sowas wie eine Ehrenmitgliedschaft angeboten, ohne Wahlrecht. Im Protokoll des Vorstandstreffens steht nun, dass die Vollmitgliedschaft nur Sexarbeitsverbänden angeboten wird, die von Sexarbeiter*innen geführt werden, deren Dienstleitung einen „intimen, körperlichen und persönlichen Kontakt mit dem Kunden erfordert.“ Diese Entscheidung löste eine wochenlange Emaildebatte über den NSWP-Verteiler aus. Letztendlich beschloss der Vorstand diese Mitgliedschaftsrichtlinie zur Wahl zu stellen, weshalb es eine Abstimmung gegeben hat.

Der BesD stimmte mit „Ja“ ab, da wir der Ansicht sind, dass Menschen, die erotische und sexuelle Dienstleistungen anbieten, sich nicht wegen Unterschiede in der Art ihrer Dienstleistungen abgrenzen sollten. Wir sind alle dem gleichen gesellschaftlichen Stigma ausgesetzt, egal ob wir Geschlechtsverkehr mit Fremden gegen Geld haben oder uns „nur“ vor Fremden ausziehen und nackt auf einer Bühne tanzen. Für die meisten Leute ist das was wir machen schmählich, ekelig, pervers, abstoßend…wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der es verpönt wird, mit seiner Sexualität Geld zu verdienen, auch wenn so viele andere zwischenmenschliche Intimitäten schon kommerzialisiert worden sind. Das dürfen wir leider nicht vergessen. Wir können uns es einfach nicht leisten, uns im Kampf für mehr Rechte und Anerkennung abzuspalten. Anstatt uns auf unsere Unterschiede zu konzentrieren, sollten wir unsere Gemeinsamkeiten besser erkennen und zusammenhalten.

Wir freuen uns sehr, dass die anderen Sexarbeitsorganisationen das auch so sehen und für die Inklusion verschiedener Bereiche im Sex- und Erotikgewerbe als Vollmitglieder im NSWP gestimmt haben.