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Dieser Blogbeitrag wurde von Susanne verfasst und erschien in erster Version im Kaufmich-Magazin. 

Sex, Crime und Prostitution in Film und Fernsehen

Schon seit längeren hatte ich das subjektive Gefühl, dass in jedem zweiten Fernseh-Krimi in Deutschland eine Prostituierte ermordet wird. Bei näherer Nachforschung bestätigte sich dann, dass tatsächlich unter anderem im extrem populären „Tatort“ – der regelmäßig feste Sendeplätze im ARD und den Regionalsendern hat – sehr häufig Prostituierte als Opfer gezeigt werden. Konkret liegen zwischen 2012 und 2018 26 „Tatort“-Folgen vor, in denen Prostitution das Thema war und Sexarbeit ausübende Menschen ermordet, ausgebeutet oder ihnen sonstwie Gewalt angetan wurde.

Schauen Prostitutionsgegner*innen also zu viele Krimis, wenn sie den Anteil von Zwangsprostituierten bei 90% verorten? Nicht notwendigerweise – die falsche Prozentzahl hält sich hartnäckig auch in den normalen Nachrichten. Bei der unseriösen Schätzung wird immer wieder der hohe Anteil von Migrant*innen in der Sexarbeit (dieser schwankt zwischen 70% und 90%) pauschal als Anteil der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution umgedeutet. Eine ungeheure Behauptung, für die es – schenkt man dem Bundeslagebild Menschenhandel des BKA Glauben – keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Im Unterhaltungsfernsehen treibt das Thema Sex & Crime jedenfalls regelmäßig die Zuschauerzahlen in die Höhe. Kein Wunder, die Deutschen liegen beim Krimis schauen und lesen unter den Spitzenreitern –  hier schreibt zum Beispiel die FAZ, warum unsere Landsleute insbesondere von Fernseh-Morden fasziniert sind. An sich kein Problem, könnte man denken. Doch tatsächlich sind die Folgen solcher einseitiger Berichterstattungen und Serieninhalte für Sexarbeiter*innen in der Realität alles andere als problemlos.

Die fehlende Sichtbarkeit des Alltags von Sexworkern

Außerhalb von (realen oder ausgedachten) Kriminalfällen, füllt das Thema Sexarbeit und Prostitution leider kaum die Gazetten. Im Gegenteil – Sexarbeiter*innen und die Vielfalt ihrer gelebten Leben sind in der Öffentlichkeit regelrecht unsichtbar. Mit Ausnahme der Filterblase von Menschen, die sich für die Rechte von Sexarbeiter*innen engagieren, sowie im täglichen Leben von Beratungsstellen, Staatsanwaltschaften und Behörden, die beruflich mit Prostitution zu tun haben oder das „soziale Problem“ in den Griff bekommen sollen, tauchen Sexarbeit und Prostitution beinahe nirgendwo im gesellschaftlichen Diskurs auf.

Was hier stattfindet, lässt sich mit dem Begriff „Framing“ aus den Sozialwissenschaften zusammenfassen: Nur ein kleiner Teilaspekt wird aus einer vielschichtigen Realität herausgenommen und hervorgehoben, um eine einzige Interpretation von Wirklichkeit, eine moralische Bewertung oder Handlungsempfehlung zu liefern.

Ein Skandal – denn dieses einseitige Bild hat verheerende Folgen. Durch die Verbindung von Prostitution und Kriminalität wird ein extrem stigmatisierendes Bild von Sexarbeiter*innen in die Öffentlichkeit getragen.

Sind nur tote Nutten interessante Nutten? 

Die meisten Reportagen zum Thema berichten über Menschenhandel und Zwangsprostitution – und nicht über den normalen Alltag von Prostituierten. In der öffentlichen Wahrnehmung verwischen so die Grenzen zwischen Kriminalität, Straftaten und normaler, selbstbestimmter Sexarbeit. Das sorgt dafür, dass Sexarbeiter*innen in den Köpfen der (Film und Fernsehen konsumierenden) Gesellschaft auf ganz bestimmte Rollen festgelegt werden – nämlich auf die der Opfer von Gewalt und Ausbeutung. Tatsächlich wird Sexarbeit beinahe ausschließlich in Zusammenhang mit Kriminalität, Menschenhandel und Ausbeutung zur Sprache gebracht.

Wenn Sexarbeiter*innen in Film und Fernsehen ausschließlich als Opfer zu sehen sind, stellt man Gewalttätern damit schon beinahe einen Freifahrtschein aus – schließlich ist es scheinbar der gesellschaftliche Normalfall, der „Nutte“ keinen Respekt entgegen zu bringen oder ihr Gewalt anzutun.

Auch Serienkiller ermorden oft bevorzugt Prostituierte – viele Täter im In- und Ausland haben später dazu ausgesagt, dass die Existenz von Prostituierten sowieso niemanden interessiere und sich auch keiner um die Gruppe kümmere. Leider haben sie nicht unrecht. Doch es darf nicht sein, dass ein Menschenleben wertlos ist, nur weil eine Person Sexarbeit ausübt.

Warum es so wichtig ist, das Hurenstigma zu bekämpfen  

Alljährlich gedenken wir weltweit am 17. Dezember – dem Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen – unseren Kolleg*innen. Ich bin überzeugt, die Hauptursache der Gewalt, die sich bis heute gegen genau diese bereits so marginalisierte Personengruppe richtet, ist das „Hurenstigma“ in der Gesellschaft – Sexarbeiter*innen gelten als verachtenswert, potentiell kriminell oder müssen gerettet werden.

Deshalb sind die Folgen der Medienberichterstattung und der Verfilmungen zum Thema Prostitution so wichtig und sollten ans Licht gebracht werden. Durch sie werden Realitäten geschaffen, die sich in den Köpfen festsetzen, das Meinungsbild bestimmen und das Bild des Opfers/der „Nutte“ in Endlosschleife reproduzieren. Gesellschaftliche Stigmatisierung zwingt fast alle Sexarbeiter*innen zu einem Doppelleben. Sie veranlasst Gewalttäter zu glauben, im Interesse oder zumindest mit dem stillschweigenden Einverständnis einer Gesellschaft zu handeln, der Prostituierte scheißegal sind.

Filmemacher*innen und Autor*innen stürzen sich auf Sex & Crime, um die Zuschauer und Leser zu unterhalten – aber ist es denn wirklich so schwierig spannende Drehbücher zu schreiben, wo keine toten oder ausgebeuteten Sexworker auftauchen?

Wir müssen gemeinsam diesem Stigma entgegen treten. Und das betrifft nicht nur die Beteiligten in der Erotik-Industrie – wir als Gesellschaft sollten alle ein starkes Interesse daran haben, dass die Politik und die mediale Berichterstattung in Deutschland keine Opfer schafft, sondern im Gegenteil gefährdeten Menschen den Rücken stärkt.

Dieser Text stammt von Aya Velazquez und ist zuerst auf ihrem Twitter-Account erschienen.

Post vom Finanzamt
Ich soll einen Fragebogen zu meiner Sexarbeit ausfüllen. Ich habe Fragen dazu und rufe an.

Habe das Aktenzeichen noch nicht zuende aufgesagt, da bricht am anderen Ende der Leitung schallendes Gelächter aus.

Ich: Darf ich fragen, warum Sie lachen?

Herr X aus dem Finanzamt: (kichert weiter) Ach, nur so.

Ich: Nur so? Was meinen Sie damit?

Herr X: (beruhigt sich langsam) Na, ich erinnere mich noch an den „Fall“.

Ich: Achja? Was ist denn der „Fall“?

Herr X: Uns im Finanzamt XY war bislang nicht bekannt, dass Sie einem Prostitutionsgewerbe nachgehen. Das hat uns soeben erst das Finanzamt YZ aus ihrem vorigen Wohnbezirk mitgeteilt.

Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass der offensichtliche Grund für die Belustigung von Herr X die Tatsache ist, dass er meinte, mich mit dieser Info „überführt“ zu haben. Dass ich eigentlich Prostituierte bin, und mein Start-Up nur ein Feigenblatt.

Ich erkläre ihm, dass ich sowohl ein Start-up mit drei Mitarbeitern führe, als auch der Sexarbeit nachgehe.
2 Paar Schuhe also.

So langsam wird es stiller am anderen Ende der Leitung. Herr X wirkt plötzlich eingeschüchtert, und endlich sachlich.

Nachdem das Gespräch beendet ist, rufe ich in der Zentrale des Finanzamts an und lasse mich zum Vorgesetzten von Herrn X durchstellen.

Die Anrufweiterleitung funktioniert wie geschmiert. Nach nur drei Schaltstellen und fünf Minuten habe ich einen Verantwortlichen an der Strippe.

Ich melde den Fall als Diskriminierung seitens eines Behördenmitarbeiters. Diesmal ist die Stimmung ernst.

Ich führe an, dass es einen Antidiskriminierungsparagraphen gibt und ich als Sexarbeiterin einen sachlichen Umgang verdient habe. Es gibt ein #Recht auf Gleichbehandlung. Es kann nicht sein, dass ich im Telefongespräch von einem Finanzamt-Mitarbeiter ausgelacht werde.

Herr X‘ Vorgesetzter gibt mir Recht und gibt zu, dass „so etwas“ überhaupt nicht passieren dürfe.

Was er nun tun solle?

Ich sage ihm, mir sei wichtig, dass Herr X das erklärt bekommt, und das #Finanzamt seine Mitarbeiter für den Umgang mit Minderheiten sensibilisiert.

Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf von der Chefin des Finanzamts.

Ihr Mitarbeiter, Herr X sei von selbst zu ihr gekommen, sagt sie. Da sei ein Kundenkontakt nicht optimal gelaufen. Sie lässt sich den Fall noch einmal von mir schildern.

Es wird ein langes Gespräch.

Frau XYZ wirkt ehrlich betroffen. Sie meint, Prostitution sei doch etwas „total Normales“ und sie hätten ganz andere Jobs in den Akten. Lachen am Telefon sei nicht akzeptabel. Sie bittet mich im Namen von Herr X um Entschuldigung und will mit ihm reden.

DAS ist groß!

Am Ende wird es ein über 30-minütiges Gespräch über das grundsätzliche Verhältnis zwischen Finanzamt und Bürgern – dem Souverän. Wir Steuerzahler seien die eigentlichen Arbeitgeber des Finanzamts, sage ich. Der Umgangston des Finanzamts spiegle das unzureichend.

Ich erzähle ihr, dass viele Menschen das Finanzamt als Bedrohung empfänden. Dass Briefe des Finanzamts, sogar bei Leuten, die nichts verbrochen haben und anständig ihre Steuern bezahlen, oft Panik auslösen.

Ob das denn wirklich so sein müsse?

Ob das Finanzamt sich nicht mal von einer guten PR-Agentur beraten lassen könnte, um die ganzen Schreiben serviceorientiert umzuformulieren?

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HIER findet ihr noch ein Interview von Aya dazu bei ze.tt

HIER: Infos zu Steuern für Sexarbeitende

Dieser Beitrag ist von unserem Mitglied Kristine Marlen und erschien an 4. Juli 2018 in der taz. 

Befreiung des weiblichens Begehrens

Angst vor der potenten Frau

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler kritisiert in ihrem Buch die #metoo-Debatte und plädiert für weibliche Lust. Das wirft wichtige Fragen auf.

Vor einigen Wochen stieß ich auf ein Zitat, das mich begeisterte: „Die potente Frau ist eine, die patriarchale Denkmuster abgelegt hat. Die ein eigenes Begehren hat. Und sich nicht darauf beschränkt, Spiegel des männlichen Begehrens zu sein und ihn in seiner Grandiosität zu bestätigen. Anstatt die männliche Sexualität abzuwerten, wertet sie die eigene auf.“

Geschrieben hat das die Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrem gerade erschienenen Buch „Die potente Frau“. Flaßpöhler ist dafür von Feministinnen angegriffen worden, denn sie positioniert sich darin als Antagonistin der #MeToo-Bewegung. Diese, meint Flaßpöhler, schreibe die patriarchale Erzählung von der Frau als Opfer der aggressiven männlichen Sexualität fort. Flaßpöhler plädiert für einen offensiveren Begriff von Weiblichkeit: Frauen müssten ihre eigene Potenz begreifen und leben, anstatt in passiver Anklage zu verharren. Sie vermisse die Frau als Aktive, als Verführerin, in #MeToo zeige sich „eine auffällige Leerstelle des weiblichen Begehrens“.

Ich finde es fragwürdig, den Frauen, die über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt sprechen, mangelnde eigene sexuelle Aktivität vorzuwerfen. Außerdem verkennt es die Dimension der #MeToo-Debatte. In ihr geht es darum, sexuelle Gewalt als Struktur und Mittel zum Machterhalt sichtbar zu machen. Dass die Protagonistinnen der Debatte dies ausgesprochen und angeklagt haben, lese ich ziemlich klar als Geste der Ermächtigung und als Erfolg im Kampf um sexuelle Selbstbestimmung.

Trotzdem bin ich unbeirrt begeistert, denn Flaßpöhler thematisiert, was oft unaussprechlich scheint: die sexuell aktive Frau. Die Frau und ihre Potenz. Die Frau, die ihr Potenzial erkennt und ausschöpft. Flaßpöhler schreibt: „Die potente Frau ist weder Realität noch unerreichbares Ideal. Sie ist eine Möglichkeit. Warum ergreifen wir sie nicht?“

Arbeit mit der Potenz

Gute Frage. Sie beschäftigt mich jeden Tag. Es ist meine tägliche Arbeit, Menschen aller Geschlechter auf ihrem Weg in ihre sexuelle Potenz zu begleiten. Außerdem arbeite ich mit meiner eigenen weiblichen Potenz. Das darf gern sehr weit und fantasievoll ausgelegt werden, das kommt der Wahrheit vermutlich am nächsten. Ich bin Sexarbeiterin und biete Einzelses­sions, Workshops und Coaching für Sexualität, BDSM und Bondage an. Spezialisiert habe ich mich auf die Arbeit mit Frauen.

Die Frauen, die zu mir kommen, sind potent. Sie bezahlen Geld, um sich den Weg zu ebnen für eine Zeit, die nur ihrer eigenen Lust gewidmet ist. Sie nehmen sich den Raum, in dem ich dafür da bin, ihre Wünsche zu erfüllen. Er ist extraordinär, aber auch nicht frei von der Geschichte dieser Frauen: Wenn Frauen zu mir kommen, die nach 25 Jahren Ehe den ersten Orgasmus mit einer anderen Person erleben als sich selbst, wenn sie überhaupt je einen hatten; wenn Frauen bei mir sind, die sich dafür entschuldigen, dass sie zugenommen haben; wenn Frauen zu mir kommen, die gar nicht wissen, was ihnen Lust bereitet, weil sie sich seit ihrer Pubertät um die Sexualität ihres zumeist männlichen Gegenübers gekümmert haben; wenn Frauen ihre Anatomie nicht kennen und ihre Vulva nie berührt haben, weil Selbstliebe weder in der Schule noch zu Hause auf dem Lehrplan stand, dann weiß ich: Es ist noch Luft nach oben.

Zu mir kommen aber auch Frauen, derentwegen ich schon mit arbeitsbedingten Tennisarmen beim Orthopäden saß, weil sie sich wiederholt auf meiner Hand oder meinem Unterarm ergossen haben. Es kommen Frauen, die ganz genau wissen, wie und wie oft sie kommen und was sie dafür brauchen, die bei mir einfach einen weiteren Höhenflug in ihrem sexuellen Horizont finden. Ich darf dabei schwitzen, sie fesseln oder ihnen in anderer Art zu Diensten sein. Nymphomaninnen, die mehr als einen Fick brauchen, um überhaupt erst warm zu werden, sind keine Männerfantasie. Frauen, die ihre Sexualität leben, sind durchaus beängstigend, im besten Sinne. Frauen, die sexuell selbstbestimmt sind, sind unabhängig. Sehr scary. Für viele. Männer und Frauen.

„Ja“ zum weiblichen Sex

Flaßpöhler postuliert, dass „Nein heißt Nein“ nicht das Ende der Fahnenstange der weiblichen sexuellen Emanzipation ist. Das stimmt. Nur: Woher kommt die Angst vor dem beherzten „Ja“ von Frauen?

Ich frage aus existenziellem Interesse. Als Sexarbeiterin weiß ich, dass ich mich mit einem öffentlichen „Ja“ zu Sex (mit Männern und Frauen) mit mehr kulturellen Tabus anlege, als wenn ich mich züchtig oder streitbar verweigere. Die Frau, die Ja sagt zu ihrem Begehren und zu ihrer Lust, und zwar um ihrer selbst willen, ist für viele nicht denkbar. Das zeigt sich zum Beispiel in der aktuellen Gesetzgebung.

Seit Juli letzten Jahres ist das sogenannte Prostitutions„schutz“gesetz in Kraft. Dieses Gesetz zielt vor allem auf Ausgrenzung und die existenzielle Gefährdung von Sexarbeiter*innen. Mit der Einführung der Registrierungspflicht für Prostituierte ist nun gesetzlich definiert, wer als Sexarbeiter*in gilt: Selbst sexuelle Handlungen gegen geldwerte Zuwendungen, wie Geschenke, Übernachtung oder andere materiellen Vorteile, gelten als Prostitution. Dabei spielt die Regelmäßigkeit keine Rolle. Bereits eine einmalige sexuelle Handlung gegen „Taschengeld“, ein Abendessen oder Schmuck gilt rechtlich als Prostitution. Und erfordert formal eine Anmeldung als „Sexarbeiterin“ bei der Behörde – mit ihrem vollen Namen und der Angabe aller persönlichen Daten. Deutschland hat jetzt wieder eine Kartei der losen (weiblichen) Subjekte: Deutschlands Huren sind erfasst.

Aber der Kampf gegen Huren ist auch immer einer gegen promiskuitive Frauen. Das hat Geschichte. Nun gibt es selbst laut Gesetz kaum noch einen Unterschied zwischen einer „Schlampe“ und einer „Hure“. Zumindest, wenn frau sich in einer heterosexuell kodierten Anbahnungskultur bewegt, in der von Männern nach wie vor Initiative erwartet wird mit dem entsprechenden Werbeverhalten im Sinne von Schmuck oder Geschenken. Willkommen in 2018! Es ist keine gute Zeit für die sexuell potente Frau, die sich in der monogamen, dauerhaften Zweierbeziehung vielleicht langweilt.

Flaßpöhler wird als unsolidarisch erklärt, weil sie Frauen auffordert, mehr Verantwortung in Situationen zu übernehmen, die als übergriffig, unangenehm oder einfach als nicht erwünscht erlebt werden. Das heißt auf Deutsch: sich zu artikulieren und Grenzen zu setzen, charmant oder eben auch nicht. Was für eine Feministin wäre ich, wenn ich nicht daran glauben würde, dass Frauen das können?

Sex ist gefährlich

Sex, und das lassen Sie sich vom Profi gesagt sein, ist keine sichere Angelegenheit. Sex ist sogar ziemlich gefährlich und manchmal außer- und unordentlich. Sich verletzlich machen, intim werden ist nicht sicher. Auszudrücken, mehr Nähe zu wollen und damit leben zu können, dass dieses Begehr nicht erwidert wird, ist für fast alle Menschen destabilisierend.

Im intimen Kontakt verschwimmen Grenzen, auch darin liegt Wonne. Es gibt noch keine Schule, keine Kultur um die Frage, wie dieser Vorgang freudvoll gestaltet sein kann. Es gibt alte und langweilige Codes im heterosexuellen Kontext. Um den Preis, dass rückständige Rollenbilder sich endlos reproduzieren, werden diese wiederholt, um sich auf sicherem Terrain zu glauben. Übrigens auch von Frauen.

Es ist Arbeit, etwas Neues zu entwickeln. Mein Eindruck ist, dass alle ideologischen Debatten da enden, wo mein Leben beginnt: in der Praxis. Dazu gehört die Rede über die potente Frau. Sie wird unsere Ordnung infrage stellen, deshalb geht es auch nicht reibungsfrei.

Sexuelle Kommunikation ist mein Job. Gelungene sexuelle Dialoge sind das Ziel meiner Arbeit, das „Ja“ ist die Basis. Ich weiß aus vielen Jahren Erfahrung, wie anstrengend das sein kann. Es hat mich nicht nur mit zweifellos patriarchalen Strukturen konfrontiert, sondern auch zutiefst mein eigenes Verhalten infrage gestellt. Auch ich habe mich in der sexuellen Anbahnung immer wieder gefragt: Wie angepasst bin ich? Kann ich mich spüren? Wie oft lächle ich, um die Stimmung nicht kaputt zu machen, und finde mich anschließend trotzdem in einer Situation, die ich so nicht wollte?

Zu oft stand ich zögernd vor der Entscheidung, den nächsten Schritt zur Veränderung einer Situation herbeizuführen, die nicht meinen Vorstellungen entsprechend lief. Die Gründe für das Zögern: tief in den Körper eingeschrieben. Woher eigentlich? Wer impft uns weiblich sozialisierten Wesen so früh ein, dass wir im sexuellen Dialog gefallen wollen, anstatt uns auszudrücken? Zu ungewohnt, anstrengend, nicht weiblich, Angst, kein Gefühl – und dennoch möglich.

Good news! Sexuelle Kommunikation ist lernbar. Zu fühlen, zu zeigen und zu sagen, was ich will, ist geil. Empathie und Respekt sind heiß. Konsens ist sexy! Ich hab’s gelernt und gebe dieses Wissen großzügig weiter. Sexarbeit war mein Bootcamp für das gute Leben im Patriarchat.

 

Offener Brief an den sächsischen Bundestagsabgeordneten, Martin Patzelt


Sehr geehrter Herr Patzelt,

die MDR-Sendung „Exakt“ vom 7. Februar 2018 berichtete zum Thema Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) und dem geplanten Entwurf des entsprechenden Ausführungsgesetzes des Landes Sachsen. Wir sind Sexarbeiterinnen in Leipzig und damit direkt von diesem Gesetz betroffen.

Sie wurden vom MDR hinsichtlich der Kritik befragt, dass die Anonymität von Sexarbeiter*innen durch die Anmeldung gefährdet werden könnte. Durch den Off-Sprecher wird gesagt, dass Ihrer Meinung nach die Datenspeicherung und auch der spezielle Berufsausweis niemanden stigmatisieren würden.

Außerdem machen Sie sodann folgende Aussage:
„… ob diese Branche sich nicht selber durch die Art ihrer Tätigkeit stigmatisiert.“1

Diese Aussage macht uns sehr betroffen und schockiert uns.

Insbesondere vor Ihrem Hintergrund als ausgebildeter Sozialpädagoge, ist es für uns nicht nachvollziehbar, dass Sie eine so abwertende und menschenverachtende Aussage treffen. Niemand hat das Recht, Menschen in achtenswert und weniger achtenswert einzuteilen.

Sie leiteten 20 Jahre lang ein Kinder- und Jugendheim. Ganz sicher haben die Kinder und Jugendlichen, die dort durch Sie betreut wurden, weitreichende Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung gemacht. Kindern, Jugendlichen und später Erwachsenen, die im Heim aufgewachsen sind, werden von Seiten der Gesellschaft häufig aufgrund ihrer Geschichte viele Vorurteile entgegen gebracht – von schlechten Manieren und unzureichender Bildung bis hin zu Kriminalität, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Promiskuität.

Genauso verhält es sich mit dem Stigma, das auf Sexarbeiter*innen lastet. Wir haben uns dieses Stigma ganz sicher nicht selbst auferlegt – selbst wenn wir uns aus freien Stücken für unsere Tätigkeit entschieden haben. Wir haben tagtäglich mit genau solchen Vorurteilen zu kämpfen und werden häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt.

Gegen historisch gewachsenes Stigma hilft kein Selbstbewusstsein.

Vor diesem Hintergrund ist es für uns unverständlich, dass Sie mit Ihrer Aussage einen ganzen Personenkreis derart abwerten.

Es wird mit vorgefertigten Bildern und Moralvorstellungen an das Thema herangegangen, Sexarbeit wird klar als unsittlich definiert und diffamiert. Die Behauptung, das Stigma der Prostitution sei in ihr selbst begründet, verkennt die Wirklichkeit. Sie unterschlägt die Mechanismen und Auswirkungen von gesellschaftlicher Ausgrenzung und reproduziert einzig und allein die Moral und Wertvorstellung, in der wir als Sexdienstleister*innen scheinbar nicht dazugehören. Und das, obwohl ein Großteil der Mitglieder unserer Gesellschaft diese Dienste in Anspruch nimmt.

Bezogen auf die Debatte und das verabschiedete Gesetz, wirkt das Stigma in zweierlei Hinsicht von außen auf Sexdienstleister*innen:. Wir müssen uns registrieren, ‚brandmarken‘ lassen und uns so der Gefahr aussetzen, Opfer des bestehenden gesellschaftlichen Stigmas zu werden, das unserem Berufs(um)feld anhaftet. Des Weiteren ist die Sicht auf Sexarbeiter*innen historisch geprägt durch Vorurteile und Mythen, die zu Abwertung und Ächtung der Person führen. Dies ist nichts, was ein*e Sexarbeiter*in selber zu verschulden hat, sondern ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Phänomen, dem Diskriminierungsmechanismen zugrunde liegen, die durch das ProstSchG verschärft, statt gemildert werden.

Ihre weitere Aussage im Bericht wirkt auf uns in diesem Zusammenhang recht leichtfertig:
„Und wenn sie dieser Tätigkeit nachgehen, dann müssen sie schon ein gesundes Selbstbewusstsein haben und sagen: Ich stehe dazu.“1

Gerade, weil Sie am ProstSchG mitgewirkt und sich im Zuge dessen sicherlich weitreichend damit auseinandergesetzt haben, sollte Ihnen klar sein, dass es so einfach leider nicht ist.

Die Studentin, die ihr Studium teilweise durch Sexarbeit finanziert, wird wohl kaum in einem Vorstellungsgespräch ganz selbstbewusst zu ihrer Tätigkeit stehen können – denn sie muss damit rechnen, dass sie aufgrund bestehender Vorurteile eine Absage erhält.

Die allein erziehende Mutter, welche aufgrund der minimal zu hohen Unterhaltszahlung des Kindesvaters keine Sozialleistungen erhält und ihr Einkommen zusätzlich zu ihrem Minijob durch gelegentliche Sexarbeit aufbessert, wird auch kaum beim Jugendamt selbstbewusst zu ihrer Tätigkeit stehen. Sie muss nämlich Angst haben, dass ihr aufgrund des bestehenden Stigmas unterstellt wird, ihr Kind nachts allein zu lassen und Drogen- bzw. Alkoholprobleme zu haben.

Allein diese Beispiele machen deutlich: wie sehr wir auch daran arbeiten, diesem Stigma etwas entgegen zu setzen – wir sind bei Weitem noch nicht so weit, das uns durch ein ‚Outing‘ keine Vorurteile entgegenschlagen und uns keine gesellschaftlichen Nachteile daraus erwachsen würden. Es liegt daher nahe, dass wenn wir zu einem ‚Outing‘ gezwungen werden, dieses erhebliche Folgen für uns bedeuten würde.

Vertrauensvolle Beratung statt Zwangsuntersuchung

Die Verfasserinnen dieses Briefes sind selbstbestimmte Sexarbeiter*innen und wir wissen, dass wir nicht vor unserer Tätigkeit geschützt werden müssen. Aber wir wissen auch, dass dieser Arbeitsbereich nicht einfach zu fassen und einzuordnen ist, denn die Arbeits- und Lebensbedingungen, einschließlich der Möglichkeiten der Selbstbestimmung von Menschen in der Sexarbeit sind sehr unterschiedlich.

Auf Bundesebene regelt das ProstSchG bereits seit Juli 2017 die Registrierung von Prostitutionsstätten und verlangt die behördliche Anmeldung von Sexarbeiter*innen. Um die Anmeldung vornehmen zu können, müssen Sexarbeiter*innen sich im Vorfeld gesundheitlich beraten lassen – unter 21-Jährige alle sechs, Ältere alle zwölf Monate. Bei der Anmeldung erhalten Sexdienstleister*innen einen Ausweis, auf dem Name bzw. Aliasname, Geburtsdatum und -ort sowie Staatsangehörigkeit vermerkt sind. Auf der Vorderseite ist vermerkt, dass eine Tätigkeit nach PostSchG angemeldet wurde. Der Ausweis kann auch auf einen Aliasnamen ausgestellt werden, ist jedoch mit einem Lichtbild versehen, womit der Schutz durch den Künstlernamen aufgehoben wird.

Das Gesetz und die Anmeldung sollen vermeintlich das Selbstbestimmungsrecht von Sexarbeiter*innen stärken und sie vor Ausbeutung sowie Kriminalität wie Menschenhandel, Gewalt und Zuhälterei schützen.

Bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes haben verschiedene Institutionen und Experten schwere Kritik daran geäußert, da eben die Anmeldung und die Zwangsberatung beim Gesundheitsamt jedem Schutzgedanken entgegenstehen. Denn das Tätigkeitsfeld der erotischen und sexuellen Dienstleistungen unterliegt nach wie vor einem starkem Stigma und den als Sexdienstleister*in tätigen Personen werden verschiedenste Vorurteile entgegengebracht. Daher sind diese Personen häufig darauf angewiesen, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Dies kommt auch im Entwurf des ProstSchG zur Sprache. Insbesondere müssen wirkungsvollere Schritte gegen Menschenhandel ergriffen werden, aber dafür sehen wir im verabschiedeten Gesetz keinen zielführenden Ansatzpunkt. Vielmehr macht es den Eindruck, dass es die Gesellschaft vor Prostitution schützen soll, anstatt den Sexarbeiter*innen Schutz zu bieten.

Um vor Ausbeutung und Kriminalität zu schützen, helfen keine Zwangsmaßnahmen. Vielmehr ist der umfassende Ausbau niederschwelliger und kostenloser Beratungsangebote der Schlüssel, um entsprechendes Vertrauen aufzubauen. Nur damit sind Personen, die sich in einer Zwangslage oder ausbeuterischem Verhältnis befinden, in der Lage, sich zu öffnen und entsprechende Unterstützung anzunehmen.

Sexarbeitende werden durch das ProstSchG unter einen Generalverdacht gestellt, die Ausübung ihrer Tätigkeit könne nicht bewusst gewollt und freiwillig ausgeübt sein. Sowohl die Beratungs-, als auch die Anmeldepflicht schränken massiv und in unzulässiger Weise in das grundgesetzlich geschützte Persönlichkeitsrecht ein und stehen damit dem leitenden Artikel des Grundgesetzes, nachdem die Würde des Menschen unantastbar ist, entgegen.

Wir möchten in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. sowie dem Arbeitskreis Sexarbeit in Leipzig darauf aufmerksam machen, dass man bei einem so hochsensiblen Thema nicht leichtfertig derartige Aussagen treffen sollte. Statt Stigmatisierung fordern wir, mit uns in Dialog zu treten, um gemeinsam zielführende und der Lebenswirklichkeit der Betroffenen entsprechende Gesetze zu gestalten, die im Gegensatz zu unbrauchbaren Moralkeulen dem 21. Jahrhundert angemessen sind.

Von Ihrer Seite erwarten wir eine Stellungnahme
und verbleiben mit freundlichen Grüßen,
Lydia und Violett
Sexarbeiterinnen in Leipzig

 


1) https://www.mdr.de/mediathek/suche/video-174072_zc-f24cd3d3_zs-20a70875.html

Unser Mitglied Kristina Marlen wurde fürs Radio interviewt und hat etwas für Sexarbeitende Typisches erlebt.
Dieser offene Brief macht die Problematik deutlich.

Am 12.12.2017 um 19h wird das Interview gesendet: “WDR 2 Jörg Thadeusz”

Berlin, den 10.12. 2017

Hallo Jörg,

am letzten Mittwoch hatten wir ein Interview gemeinsam im ARD Hauptstadtstudio.
Danke nochmal für die Einladung. Es hat mich gefreut, Dich kennenzulernen.

Es sind nun ein paar Tage vergangen und aus gegebenem Anlass möchte ich Dir ein Feedback zu diesem Gespräch geben.
Als Überschrift möchte ich formulieren:
„Instant-Ratgeber für Journalisten im Umgang mit Sexarbeiter*innen“
oder
„Fragen die Du Sexarbeiter*innen nicht stellen solltest – und warum“.

Dein Redakteur hatte mir vor Beginn des Interviews einen Fragenkatalog geschickt. Er hatte sich ziemlich gut, wie ich finde, mit meiner Arbeit auseinandergesetzt und hat mir Fragen gestellt, die auch für mich neu waren und die ich spannend fand. Es hat mir Spass gemacht, darüber nachzudenken und hab mich auf das Interview gefreut, denn neue Blickwinkel sind wichtig für die Debatte um Sexarbeit . Sexualität ist ein Tabu, dem ich mich gerne öffentlich stelle, denn Zensur und Verklemmtheit haben noch keinen Diskurs weitergebracht.

Ich frage mich jedoch, warum Du diesen Fragenkatalog nicht ansatzweise genutzt hast. Zu meiner Überraschung kanntest Du die Fragen nicht einmal. Ich bin ein Mensch, der sich tatsächlich auf Gespräche vorbereitet. Ich ging davon aus, Themen des Gesprächs seien:
weibliche Kundschaft, die Frage nach erfüllter Sexualität für alle Geschlechter, die Magie von BDSM und auch politische Aspekte von Sexarbeit.

Es erschien mir, als seien es eher Deine persönlichen Fragen zu meinem aufregenden Job, die das Gespräch dominiert haben. Sich intuitiv durch ein Gespräch treiben zu lassen, ist ein legitimer Interviewstil. Aber auch hier spricht nichts gegen etwas Vorbereitung aufs Thema- und seine Fallen.

Ich habe in einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht erwartet, dass ich mich gegen die üblichen Fragen wappnen muss, die nerven. Ich nenne sie jetzt einfach mal die „Oh-Lala“ Fragen. Wenn es keine Möglichkeit gibt, in offener, unaufgeregter Weise über Sexualität zu sprechen, dann passiert der “Oh-lala“ Effekt. Der bewegt sich zwischen Anzüglichkeit, Unsicherheit und Distanzlosigkeit. Er mündet leider allzu häufig in offenem Sexismus. Wenn ich mich mit YellowPress verabrede, rechne ich damit und gebe mich entsprechend schlagfertig oder treffe andere Vorsichtsmassnahmen.

Es gibt Gründe, warum Sexarbeiter*innen den Kontakt zu Medien meiden. Grund sind sensationslüsterne, grenzüberschreitende Fragestellungen, die nicht zum Thema gehören, respektlos sind und damit das Hurenstigma reproduzieren.

Du hast das nicht direkt gemacht. Aber indirekt. Ich möchte Dich darauf hinweisen, weil ich eine Sensibilisierung für Journalist*innen für gut halte.
Einige dieser üblichen Fragen sind zum Beispiel (bitte erlaube mir, an dieser Stelle zuzuspitzen)

-Wie hat die kleine Physiotherapeutin denn plötzlich angefangen, schmutziges, geiles Zeug zu machen?
Es ist legitim, mich zu fragen, wie ich zu meiner Arbeit gekommen bin. Die Art, wie Du insistiert hast um zu erfahren, wie „es“ passiert ist, kann ich nur als Kundenfantasie lesen.
Zum Glück hat Dein Team das Interview gut geschnitten. Um im Radio Dirty Talk zu machen, hätte das Gespräch besser (oder überhaupt) bezahlt sein müssen.

– Macht sie „Es“ denn nun wirklich? Kannst Du mich wirklich, wirklich ficken, wenn du mich bezahlst?
Dass das die Hauptfrage ist, die sich Dir stellt, nachdem Du meine Website liest, sei dahingestellt. Es lässt auf ein Verständnis von Sexualität schliessen, dass weit verbreitet ist und davon ausgeht, dass nur „Penis-in-Vagina“ Sex sei.
Ein Großteil meiner Arbeit dreht sich darum, dieses Verständnis von Sexualität zu erweitern. Schade, dass wir die Chance verpasst haben, darüber zu sprechen. Auch schade für die Hörer*innen.

– Was machst Du, wenn Du keine „Lust“ hast? Was soll diese Frage – zu Ende gedacht?
Was soll ich darauf antworten? „Nein, weißt Du- ich bin dauergeil?“
Ich habe gesehen, dass Du auch Gregor Gysi, Peter Maffay und Katja Kipping bei Dir in der Sendung hattest. Hast Du die auch gefragt, ob sie manchmal keine Lust haben, zu arbeiten? Wäre die Frage spannend gewesen?

-Was ist das aufregendste Angebot, das Du hast?
Detailgenaue Beschreibungen meiner Sessions habe ich abgewendet. Begründung: siehe oben, Bezahlung. Ich führe unzählige Gespräche am Telefon und weiss genau, wann jemand sich bereits die Befriedigung im Gespräch holt.

– Last but not least, ein Hinweis: es gibt Frauen, die Frauen begehren. Als es um weibliche Kundschaft ging, war es mir einen Moment so, als sei Dir das nicht geläufig. Frauen, die nicht heterosexuell lieben, sind nicht nur „Grenzgängerinnen“ oder suchen das Abenteuer, sondern sind vielleicht einfach lesbisch.

Ich bin total offen, über die Themen zu sprechen, die hinter Deinen Fragen stehen. Wahrscheinlich interessieren genau diese Fragen einen großen Teil des Publikums wenn es um Sexarbeit geht. Penetration zum Beispiel ist meiner Arbeit ja nicht einmal ein Tabu. Die Frage, wie ich Nähe, Sexualität und Intimität mit Menschen haben kann, unabhängig von meiner persönlichen Befindlichkeit, auch. Aber Deine professionelle Aufgabe als Journalist ist, mit mir als Expertin ein Gespräch über diese Brennpunkte zu beginnen, anstatt mir über die Gebühr persönliche und detailgenaue Fragen zu stellen.
Du hast im Gespräch das lustige Rollenspiel entwickelt, Du seist mein Kunde und wolltest meine Dienste in Anspruch nehmen. Ich hatte während des Gesprächs tatsächlich manchmal das Gefühl, genau dies sei der Fall- einen Kunden den ich, wäre er am Telefon gewesen, erstmal in seine Schranken gewiesen hätte.
Da ich aber im Radio gern auch Haltung bewahre, habe ich das nicht getan, denn es geht mir ja darum, Inhalte zu transportieren. Nun ärgere ich mich über meine unerschütterliche Höflichkeit, denn eigentlich hätte meine Reaktion mehr Wehrhaftigkeit erfordert.

Das wollte ich hiermit nachholen und hoffe, dass Du im Umgang mit der nächsten Sexarbeiterin etwas achtsamer bist – und besser vorbereitet.

Vielen Dank
und
mit herzlichen Grüßen
Marlen

PS: Noch ein Lob: Ansonsten finde ich es prima, dass der WDR diese Themen mit größerer Selbstverständlichkeit ins Programm holt. Ich wünsche mir genau jene Unverkrampftheit, die wahrscheinich auch Ziel des Gespräches war. Ich möchte, dass eher mehr Fragen als weniger gestellt werden und all Deine gehören dazu! Ich möchte mich als Gesprächspartnerin aber auch entspannnen können. Deshalb lies doch meine Email einfach als Hinweis für die Zukunft.

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Ich bin Sexarbeiterin, habe aber mit dem Titel Prostituierte oder sogar Nutte kein Problem. Mein Problem ist nicht meine Arbeit, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht.

Die Behauptungen, die immer wieder laut werden, es gäbe nur eine ganz kleine Gruppe von Sexarbeiter*innen, die das freiwillig und selbstbestimmt macht, sind nicht mit Zahlen zu belegen und entsprechen auch nicht meinem Wahrnehmen im Kolleginnenkreis. Und doch haben viele Menschen exakt dieses Bild vor Augen, wenn sie an unsere Arbeit denken.

Wie kommt so etwas?

1.

Freiwilligkeit wird für unsere Berufssparte anders bewertet als für sonstige berufliche Tätigkeiten. Während es für einen Paketpacker in einem großen Versandhandel ausreicht, dass dieser leider keinen anderen Job mit guten Arbeitsbedingungen und vertretbarem Lohn gefunden hat und ja von irgendwas leben muss, gilt für die Sexarbeitsbranche ein anderer Maßstab. Als freiwillig zählt hier nur eine Person, die eindeutig jeden Morgen freudestrahlend in ihr Bordell geht und auch dort den ganzen Tag singend und jauchzend ihrer Tätigkeit nachgeht.

Ich persönlich würde mich freuen, wenn alle Menschen auf der Welt Spaß an ihrer Arbeit hätten, aber dem ist ja nun Mal nicht so. In erster Linie geht man zur Arbeit, weil man Geld verdienen muss. Und mit dem Job muss man sich irgendwie arrangieren. Schade eigentlich, denn mir würde das ja nicht reichen. Es reicht aber sehr vielen Menschen. Und so reicht es auch für mich aus, wenn mir eine Kollegin aus einem Bordell erzählt, dass sie dort halt arbeitet, weil alle anderen ihr zu Verfügung stehenden Alternativen weniger lukrativ oder zeitlich nicht passen oder, oder, oder… Wo fängt denn Freiwilligkeit an und wo hört sie auf?

2.

Ist es für die meisten Menschen nicht möglich unsere Arbeit losgelöst von eigenen Emotionen zu sehen. Über die eigene Sexualität wird ja leider in unserer Gesellschaft selten offen geredet. Somit ist nicht vorstellbar, dass andere Menschen komplett andere Empfindungen bei der Erotik haben, ja sogar ohne Probleme in der Lage sind, Liebe und Sex voneinander zu trennen. Noch weniger vorstellbar ist dann, Sex als Dienstleistung anzubieten, ohne dabei irgendeinen seelischen Schaden zu erleiden.

3.

Auch sehr weltoffene Menschen haben interessanterweise oft sehr wertkonservative moralische Ansichten. Dass das klassische Modell der Ehe eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist, wagt kaum jemand zu denken. Wenn man sich die hohen Scheidungsraten anschaut, wundert es mich wieso immer noch das Leben mit dem EINEM Partner als Ideal angestrebt wird und mit so vielen romantisierten Sehnsüchten verbunden ist. Ich will nicht gegen diese Beziehungsform wettern, denn die bewährt sich für viele Menschen, aber eben für viele auch nicht.

Salonfähige Alternativen gibt es nicht in unserer Gesellschaft oder zumindest nicht öffentlich. Und an dieser Schieflage rütteln wir Sexarbeiterinnen, denn alleine dadurch, dass wir unsere Dienstleistung anbieten, stellen wir das klassische Beziehungsmodell in Frage. Wir lassen ungeniert Phantasien lebendig werden, die eigentlich gar nicht sein dürfen oder ausschließlich in intimer Zweisamkeit mit dem Partner ausgelebt werden sollten. Wir sind einfach nuttig. Und das ist eine Provokation. Komischerweise werden wir nicht als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern man will uns armen Frauen ja nichts Böses.

Nein, wir sind ja schließlich Opfer. Nein, wir können ja nichts dafür, dass wir DAS machen müssen. Wir werden ja dazu gezwungen. Von wem? Von bösen Zuhältern oder neu ist das Argument von der wirtschaftlichen Not. Nein, wir können ja nichts dafür und sind auch nur Opfer der Umstände. Und Opfer muss man retten.

4.

Es besteht ja die Vorstellung, dass alle unsere Kunden stinken, fett, ekelig und brutal sind. Es ist natürlich schwer vorstellbar, dass wir mit exakt diesen Menschen freiwillig Intimkontakt haben. Dass unsere Kunden aber die lieben Ehemänner sind, die sich bei uns anders verhalten als Zuhause, nämlich sich ordnungsgemäß waschen, ihre Sachen fein ordentlich zusammenlegen und höflich sagen, was sie denn wünschen, kommt in den Denkmustern nicht vor.

Ja, es gibt auch anstrengende Kunden, aber mit denen können wir professionell umgehen, denn das ist die Minderzahl.

 

Gruß,

Johanna Weber

Vor etwa 6 Jahren habe ich noch als Erotikmasseurin gearbeitet. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, fehlt mir am meisten die Kollegialität im Laden. Wir waren damals ein kleines Team (10 Frauen). In der Zeit zwischen den Massagen haben wir uns über vieles ausgetauscht: unsere Kundenerfahrungen, emotionale Wirbelstürme im Privatleben, Feiern in Berlin, oder über Sexualität und Intimität. Bevor ich angefangen habe dort zu arbeiten, hatte ich Vertrauensprobleme, vor allem gegenüber anderen Frauen. Aber im Laufe meiner Zeit im Laden habe ich gelernt, mein Vertrauen zu anderen Frauen wiederaufzubauen und hatte das Glück, einen engen Zusammenhalt unter Frauen genießen zu dürfen.

Ich erinnere mich noch, wie ich an einem Donnerstagnachmittag mit einer Kollegin, Bianca, nach Feierabend bummeln gegangen bin. Wir hatten beide die Frühschicht bis 16 Uhr und hinterher fuhren wir zur Einkaufsmeile in der Stadt, wo wir nach neuen Arbeitsklamotten schauen wollten. Als wir aus dem Auto stiegen und die Straße überquerten, wurde uns beiden plötzlich bewusst, dass wir zum ersten Mal außerhalb des Ladens auf der Strasse zusammen unterwegs waren. Bianca kicherte leise und meinte, „Was würden die Leute denken, wenn sie wüssten wo wir arbeiten?“ Wir lachten zusammen laut und eilten über die Strasse. Der Gedanke verband uns wie Geschwister in dem Moment und erinnerte mich wieder daran, wie stigmatisiert die Erotikbranche doch ist, obwohl wir in unserer Parallelwelt im Laden—wo wir so offen und ungehemmt über alles mögliche vulgäre reden konnten—die Vorurteile über das Milieu gerne vergaßen.

Obwohl wir uns im Laden viel erzählten, hatte ich den Eindruck, dass meine Kolleginnen nicht wirklich zu ihrer Tätigkeit standen. Die Sexarbeit an sich einfach zu genießen schien irgendwie ein unausgesprochenes Tabu zu sein. Natürlich hat man mal den besonders angenehmen oder charmanten Kunden erwähnt, oder über den eher seltenen jungen, hübschen Kunden geschwärmt, aber noch nie wurde im Laden über die Tätigkeit als erotische Masseurin als schmackhafte, tolle Arbeit mit emotionalen Anreizen gesprochen. Selbst Bianca, die persönlich so viel in die Arbeit investierte, hatte nie deutlich geäußert, dass ihr die Arbeit einfach Spaß machte. Wenn die Frauen über ihre Entscheidung, in die Erotikbranche einzusteigen gefragt wurden, kam immer einen Grund wie direkt aus der medialen Darstellung von Sexarbeiterinnen zitiert: alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern; hohe Schulden, die dringend abbezahlt werden mussten; zu niedrige Löhne in anderen Arbeitsbereichen; jung und brauchte das Geld…und wenn die Arbeit manchmal doch genießbar war, dann nur zufällig weil man glücklicherweise einen Kunden hatte, der nicht ganz ekelig oder respektlos war. Es war mir, als ob sich die Frauen selbst vor den Kolleginnen fast schämen würden, den Genuss an der Arbeit im Laden zuzugeben. Das fand ich manchmal schade, aber diese Selbststigmatisierung sah ich im Endeffekt als eine Auswirkung der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die von Sexarbeiterinnen leider oft verinnerlicht wird.