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Natürlich habe ich die polizeiliche Kriminalstatistik gelesen und ziehe meine Schlüsse daraus. Und auch wenn es nach wie vor psychische und physische Gewalt gegen trans* Menschen gibt, so bildet diese Statistik nicht die Realität ab. Sie ist eine Annäherung an die Realität.

Wie viele Straftaten gegen trans* Menschen kommen gar nicht erst zur Anzeige?

Oder resultieren am Ende in einem Urteil? Weil die Opfer einer jeden Gewalttat sich aus Angst nicht trauen Anzeige zu erstatten? Weil „Meine Partnerin/mein Partner meint das nicht so! Sie/Er wird sich ändern“?

Die Gründe der Gewalt gegen Menschen sind niedere Gründe.

Sie sind allesamt, gegen wen sie auch gerichtet sind, absolut verachtungs- und verabscheuungswürdig. Alleine der Gedanke an „Die Transe sollte man einen Kopf kürzer machen!“ lässt mich erschaudern. Wie armselig muss man sein, um seine Weisheit auf diese brutale Denkweise über andere zu erheben?

Grundsätzlich mag ich es überhaupt nicht, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sexualität, Schuhgröße oder anderen niederen Dingen belästigt, beleidigt oder gar ermordet werden. Und eigentlich ist dieser Tag eine Auflistung wert. Namen von trans* Menschen sollen gelistet werden als Zeichen, dass Transphobie in unserer Gesellschaft immer noch einen ungebührlichen Platz hat.

Doch heute mag ich mich bedanken. Bei der Mehrheit. Wenn es auch nur die stille Mehrheit ist.

Menschen, die uns trans* Menschen als Arbeitnehmer beschäftigen.
Menschen, die uns als trans* Menschen ihre Freundschaft schenken, die uns lieben und mit denen wir vielleicht sogar unter dem Zeichen der #EheFuerAlle verheiratet sind.
Menschen, die uns trans* Menschen vorbehaltlos annehmen.
Menschen, die uns trans* Menschen einfach nur als Menschen ansehen.
Menschen, die uns trans* Menschen keine merkwürdigen Fragen stellen.

DANKE <3

PS: Der heutige Gedenktag wurde von Gwendolyn Ann Smith, einer trans Frau, die als Grafikdesignerin, Kolumnistin und Aktivistin in San Francisco
arbeitet, initiiert. Anlass war der Mord an Rita Hester in Allston (Massachusetts) im November 1998. Hester, afro-amerikanische trans Frau, war in ihrer Wohnung erstochen worden. Über den Mord gab es nahezu keinerlei Berichterstattung und der Fall gilt bis heute als ungeklärt. Smith gründete daraufhin das Internet-Projekt „Remembering Our Dead“, aus dem später zu Ehren von Rita Hester der internationale Transgender Day of Remembrance hervorging. Seitdem wird jedes Jahr am 20. November des Todes von Rita Hester und anderer Opfer transphober Gewalt gedacht. Inzwischen ist daraus eine Bewegung mit weltweiten Aktionen geworden.


Dieser Text stammt von der Kölner Sexarbeiterin Sarah Blume, Trans*-Beirätin und IT-Beauftragte beim BesD e.V. Mehr von ihr liest du auf ihrem Blog sarah-blume.de.

Sexarbeit ist ein Beruf, in dem überproportional viele trans* Personen arbeiten – doch trotz der vergleichweise hohen Anzahl an trans* Menschen in unserer Branche, hat die Sexdienstleistungs-Industrie in Sachen Offenheit und Akzeptanz keinen guten Ruf. Zu Recht! Während trans*feindliche Begriffe und Haltungen außerhalb der Sexarbeits-Branche schon längst zum No-Go geworden sind, sind diese unter Betreiber*innen von Prostitutionsstätten, auf Werbeplattformen, unter Kund*innen und sogar unter Kolleg*innen oft noch gang und gäbe.

Wir finden es ist höchste Zeit, laut und unüberhörbar bessere Arbeitsbedingungen für uns und für alle trans* Menschen in der Sexarbeit weltweit zu fordern. Schluss mit der Diskriminierung und der Sonderbehandlung!

Unsere Forderungen

Ein Ende der Gewalt gegen trans* Sexarbeitende

Gewalt kann in allen Bereichen der Sexarbeit eine Rolle spielen und ist eine Realität für viele Sexarbeitende. Als doppelt stigmatisierte Gruppe sind trans* Sexarbeitende leider am häufigsten von Gewalt betroffen.

Die Durchsetzung unseres Rechts auf Selbstbestimmung und Selbstidentifizierung

Viele trans* Menschen wollen sich bei der Arbeit nicht outen – in der Sexarbeit trifft das insbesondere dann zu, wenn z. B. erotische Massagen oder klassische Dominanz angeboten wird.

Ob sie sich outen wollen oder nicht, müssen alle trans* Sexarbeitende selbst und ohne Zwang entscheiden dürfen. Dieses Recht gilt gleichermaßen für prä-, post- und nichtoperierte trans* Menschen aller Geschlechter. Leider sehen sich besonders trans* Sexarbeitende, unter anderem unter Androhung von Gewalt, trotzdem immer wieder dazu gewungen.

Will oder muss man sich als trans* Sexarbeitende*r outen, bieten die branchenüblichen Werbeplattformen die nächsten Stolperfallen an. Trans*sein wird vor allem in Online-Profilen oft als eine Art „drittes Geschlecht“ dargestellt. Neben den Auswahlmöglichkeiten „Mann“ und „Frau“ existiert meist noch die Auswahlmöglichkeit „Trans“ – und damit hat es sich. Ein solches Schubladendenken spricht nicht nur binären trans* Sexarbeitenden das Frau- oder Mannsein ab, sondern ignoriert zeitgleich die Existenz von nichtbinären Sexarbeitenden. Wenn es binäre trans* Sexarbeitende wagen, nicht auf „Trans“ zu klicken und sich stattdessen als „Mann“ oder „Frau“ zu bewerben, müssen sie ständig damit rechnen, dass ihre Accounts gesperrt werden.

Manchmal müssen sich Sexarbeitende auf Werbeplattformen selbst mit Schimpfwörter bezeichnen, da ihnen diese Plattformen keine andere Möglichkeiten für ihre Selbstbezeichnung zur Verfügung stellen. Trans* Sexarbeitende wollen selbst bestimmen, wie sie sich vor ihren Kund*innen darstellen. Einige sind mit Begriffen, die außerhalb der Sexbranche als Schimpfwörter gelten, im Arbeitskontext einverstanden; andere nicht. Einige empfinden sich primär als trans* und erst in zweiter Linie als männlich, weiblich oder nichtbinär; für andere ist das Trans*sein ihrem Gender untergeordnet.

Wir freuen uns über alle, die einen besseren Weg gewählt haben – zum Beispiel die Betreiber*innen von Tryst.link, einer Plattform, die mit dem Thema Selbstidentifizierung von trans* Menschen in der Werbung gut umgeht. Wir bedauern, dass die größten deutschen und internationalen Portale diesem Beispiel bisher nicht gefolgt sind und hoffen, dass auch diese Webseiten in Zukunft ihren Umgang mit trans* Sexarbeitenden überdenken und verbessern.

Mehr Awareness und Weiterbildung statt Wiederkäuen trans*feindlicher Begriffe und Darstellungen

Oft wird behauptet, dass die Sexbranche trans*feindliche Begriffe verwenden müsse, da ihre Kund*innen die richtigen Begriffe nicht kennen! Unserer Erfahrung nach funktioniert das aber umgekehrt: Unsere Kund*innen erlernen trans*feindliche Haltungen eben durch deren Verwendung auf Pornowebseiten und Paysex-Plattformen. Diese trans*feindlichen Haltungen bringen sie zu ihrem Termin bei uns mit, wo trans* Sexarbeitende sie dann aushalten oder konfrontieren müssen. Trans*feindliche Haltungen, Begriffe und Darstellungen werden so in die breite Gesellschaft hinausgetragen und machen die Sexbranche zu einer großen Quelle von Trans*feindlichkeit gegenüber allen trans* Menschen – Sexarbeitende und Nicht-Sexarbeitende.

Wir sehen es als die Aufgabe kommerzieller Unternehmen in der Sexbranche an, ihre Nutzer*innen (sowohl Kund*innen als auch Sexarbeitende) beim Erlernen von trans*positiven Haltungen zu unterstützen. Es ist bereits üblich, dass Werbeportale aus der Branche kleinere Glossare mit Fachbegriffen zur Verfügung stellen, trans*positive Begriffe könnten in diese „Fremdwörterbücher“ miteinbezogen werden. Kund*innen könnten im Zweifelsfall ermutigt werden, bei Nicht-Verstehen einfach höflich bei uns selbst, den Anbieter*innen, nachzufragen.

Trans*feindliche Haltungen sind nicht nur unter Paysex-Portalen und Kund*innen von Sexarbeitenden verbreitet. Auch in unserer Arbeit mit Kolleg*innen, in Beratungsstellen für Sexworker oder in der Pflichtberatung nach dem ProstSchG erleben wir Missverständnisse und Diskriminierung. Zum Beispiel wird oft nicht mal der Unterschied zwischen transgender Menschen und Transvestit*innen/Crossdresser*innen verstanden.

Wir bitten alle, die mit der Sexbranche zu tun haben, sich über trans* Identitäten weiterzubilden und von trans* Menschen informieren zu lassen. Der BesD wird zukünftig umfassende Informationen und Workshops zu diesem Thema anbieten. Durch Zusammenarbeit ist eine trans*positive Sexarbeit möglich!

Respekt und Menschlichkeit statt Fetischisierung

Es besteht leider die weit verbreitete Haltung in der Sexdienstleistungs-Branche, dass trans* Menschen und ihre Körper offen fetischisiert werden dürfen. Gerade trans* Frauen in der Sexarbeit fühlen sich deshalb oft schlecht: Statt als Frauen oder zumindest als fühlende, denkende Menschen behandelt zu werden, dienen sie als Fetischobjekt – ein Körper mit Pimmel und Titten.

Auch trans*männliche und postop trans*weibliche Sexarbeitende leiden unter dieser Fetischisierung – sie werden oft auf ihre Körper reduziert und als weniger begehrenswert eingestuft, ohne Rücksicht auf ihre Menschlichkeit, ihre Fähigkeiten oder ihre Professionalität.

Die Fetischisierung von trans* Menschen hat im Übrigen zur Folge, dass cis Menschen, die mit trans* Menschen Sex haben (egal ob Bezahlsex oder nicht) auch mit einem gewissen Stigma umgehen müssen. Einige glauben sich dafür schämen zu müssen, oder denken, dass Sex mit trans* Menschen pervers oder unnormal ist. Diese Scham und dieses Stigma führen wiederum zu mehr Gewalt gegen trans* Sexarbeitende.

Obwohl Sexarbeit sicherlich eine Dienstleistung ist, die einen verstärkten Fokus auf Körper und empfundene Attraktivität setzt, fordern wir trans* Sexarbeitende von unseren Kund*innen und Kolleg*innen den gleichen Respekt, den Dienstleister*innen in allen anderen Branchen erwarten dürfen. Insbesondere fordern wir unsere Anerkennung als Menschen und zwischenmenschlichen Respekt ein.

Eine Anerkennung der menschlichen Vielfalt (auch in der Sexarbeit)

Der Begriff „trans“ meint im Rahmen seiner Verwendung in der Sexbranche fast ausschließlich trans*weibliche Sexarbeitende. In der Realität gehen auch viele trans*männliche und nichtbinäre Menschen der Sexarbeit nach. Oft fühlen sie sich dazu gezwungen, sich in ihrer Arbeit als weiblich auszugeben – geoutete trans*männliche und nichtbinäre Sexarbeitende haben es ansonsten schwer, Räume in Bordellen mieten zu dürfen. Die meisten Prostitutionsstätten stehen zwar trans*weiblichen Sexarbeiterinnen offen, verweigern anderen trans* Identitäten aber einen Platz.

Auch trans*weibliche Sexarbeiter müssen ständig damit rechnen, an ihren Arbeitsplätzen abgelehnt zu werden – sei es durch die Fehlidentifizierung als Crossdresser oder Transvestit durch Kund*innen, oder den Vorwurf von Kolleg*innen, ein „verkappter Freier“ zu sein.

Sexarbeitende sind eine extrem heterogene und vielfältige Gruppe von Menschen. Stereotype Haltungen verschleiern diese Vielfalt und zwingen sie in einige wenige Schubladen von „typischen“ Sexarbeitenden. Uns ist es ein Anliegen, die Bildung zu trans* Themen, den Respekt für uns als Menschen, aber auch den Zugang zu Arbeitsplätzen für trans* Sexarbeitende zu fördern.

Ein Ende der Diskriminierung von trans* Menschen in allen Bereichen und Branchen

Trans* Menschen werden vielfach schon in der Ausbildung, dann bei Jobbewerbungen und schließlich am Arbeitsplatz diskriminiert. Bis zu 50% aller trans* Menschen sind arbeitslos; weltweit werden 30% bis 40% der Bewerbungen von trans* Menschen auf Grund ihres Trans*seins abgelehnt.

Viele trans* Menschen wählen die Sexarbeits-Branche als Ausweg. Es ist ein Armutszeichen einer Gesellschaft, wenn sich Menschen aufgrund einer trans*feindlichen Arbeitswelt in die Sexarbeit gezwungen fühlen. Die Diskriminierung, die in der Sexarbeit weiter geht, führt wiederum oft zu prekären Arbeitsbedingungen. Das kann einen Teufelskreis schaffen, in dem trans* Menschen der Umstieg in andere Berufe beziehungsweise der Ausstieg aus der Sexarbeit erschwert oder unmöglich gemacht wird.

Solidarität mit trans* Sexarbeitenden – in der trans* Community und in der Sexarbeits-Branche

Wie eingangs erwähnt ist es eine Tatsache, dass vergleichsweise viele trans* Menschen der Sexarbeit nachgehen. Die Rechte von trans* Menschen und die Rechte von Sexarbeitenden sind politische Themen, die sich nicht voneinander trennen lassen. Und trotzdem ist Sexarbeit in der trans* Community oft ein Tabuthema.

Wir bitten alle Angehörigen der trans* Community darum, sich mit dem Thema Sexarbeit auseinanderzusetzen. Lasst uns gemeinsam die Rechte und die gesellschaftliche Anerkennung von trans* Menschen stärken – innerhalb und außerhalb der Sexarbeit.


Dieser Text ist eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer trans* Mitglieder des BesD. Sie haben sich im Rahmen der diesjährigen Mitgliederversammlung des Berufsverbands verstärkt mit jenen Themen auseinandergesetzt, die vor allem trans* Menschen in der Sexarbeit immer wieder betreffen.