Über Anmeldetourismus und Stellungnahmen am Beispiel Sachsen-Anhalt

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Sachsen-Anhalt gehört zu den Bundesländern, in denen es noch nicht mal Übergangsbescheinigungen für Sexarbeitende gibt, die sich laut dem ProstituiertenSchutzGesetz dort als Sexarbeitende anmelden wollen. Im Grunde sollten wir doch froh sein darüber, denn unser Berufsverband steht dieser Anmeldung und Registrierung ja sehr ablehnend gegenüber.
Leider ist es so einfach nicht, denn die meisten Sexarbeitenden arbeiten nicht nur in einer Stadt oder in einem Bundesland, sondern sind viel unterwegs um auf ausreichende Einnahmen zu kommen. Wer angibt, bundesweit tätig zu sein kann mit diesem Vermerk im „Prostituierten-Ausweis“ in ganz Deutschland arbeiten. Dazu bedürfte es aber eines solchen Ausweises, den die Kolleg*innen aus Sachsen-Anhalt ja noch gar nicht haben können.

Um diesen Thema geht es aber in der Stellungnahme nicht, denn die Mühlen mahlen langsam in manch einem Bundesland, aber es tut sich was. Und wer wird denn da nachtragend sein…
Konkret liegt jetzt der erste Entwurf zur Durchführung des ProstSchG auf Landesebene von Sachsen-Anhalt vor. Darunter muss man sich keinen fertigen Text vorstellen, sondern es ist eine vorläufige sehr grobe Definition von Zuständigkeiten und eine endlose Auflistung von möglichen Kosten. Nein, das ist nicht unprofessionell. Das wird auch in anderen Bundesländern und sogar auf Bundesebene so gemacht. Die Schreiber gehen davon aus, dass das eh alles noch wieder geändert wird. Böse Zungen würden jetzt sagen, dass die Schreiber eigentlich nicht davon ausgehen, dass noch was geändert wird, aber sie erwecken den Anschein. Deshalb werden Stellungnahmen von Fachpersonen und Gruppen, die sich mit dem Thema professionell beschäftigen, eingefordert. Manchmal bewirken die Stellungnahmen tatsächlich etwas, aber in der Regel habe ich den Eindruck, dass die Texte allenfalls vom Praktikanten gelesen werden und somit das Einfordern solcher reine Makulatur ist. Die Politiker*innen können sich dann öffentlich hinstellen und sagen, dass sie ja auch die Expertise der Betroffenenverbände eingeholt haben. Damit ist ja nicht gesagt, dass die Expertise auch berücksichtigt wurde. Holzauge sei wachsam.
In Sachsen-Anhalt könnte dies jedoch anders aussehen. Nun, es ist gerade alles sehr undurchsichtig, wer da eigentlich für was zuständig ist. Das ist keine Verschleierungstaktik, sondern es hat wirklich niemand ernsthaft Lust sich mit unserem Thema zu beschäftigen und alle hoffen, dass der Kelch an ihnen vorbeigeht. Dies Phänomän trifft man auch in etlichen anderen Bundesländern an. Irgendwann ist aber Schluss mit Aussitzen und dann wird irgendeine Person, die zumeist überhaupt gar keine Ahnung vom Thema hat zum Entwickeln von Ausführungsbestimmungen verdonnert. Vorher wird ewig darüber rumgestritten, ob denn das Land zuständig ist oder je nach Bundesland die Bezirke oder die Kreise und kreisfreien Städte. Dabei geht es dann gar nicht so sehr um das Thema, sondern um Personal, Räumlichkeiten und natürlich um Geld. Geld ist natürlich knapp. Gerade Sachsen-Anhalt gehört nicht zu den Bundesländern, in denen Milch und Honig fließen. So wurde dort nun ganz pragmatisch beschlossen, dass die entstehenden Kosten mit der Umsetzung des ProstSchG von den Sexarbeitenden und den Betreibenden getragen werden sollen. Und es ist ganz schön teuer den notwendigen Beamtenapparat für ein solches Unterfangen aufzubauen.
Auch geht es in dem Referentenentwurf um den sogenannten „Anmeldetourismus“. Damit ist gemeint, dass eine kostenlose Anmeldemöglicheit laut ProstSchG dazu führen würde, dass Heerscharen von Sexarbeitenden aus anderen Bundesländern nach Sachsen-Anhalt einfallen, um dort die kostenlosen die Leistungen in Anspruch zu nehmen. Das habe ich hier vielleicht etwas auf die Spitze getriben, aber solche Überlegeungen sind typisch für alle Bundesländer. Keiner will gerne die knappen Landesmittel für Bürger aus anderen Bundesländern einsetzen. Oft gibt es diese Dikussionen im Bereich der Schulpolitik. Besonders betroffen davon sehen sich Stadtstaaten, deren Schulen von den Kindern aus dem „Speckgürtel“ des Nachbarlandes besucht werden. Die Steuergelder des „Speckgürtels“ fließen jedoch in die Kasse des Nachbarbundeslandes. Nun, man kann das Problem verstehen. Im Bereich des ProstituiertenSchutzGesetzes hat sich das allerdigns nicht bewahrheitet.
Z.B. in Niedersachsen, gibt es regional Gebühren in sehr unterschiedlicher Höhe. Die Stadt Hannover erhebt 15 Euro und Hannover Land bietet den Service kostenlos an. Nicht einmal dort sind Wanderbewegungen erkennbar. Es handelt sich um Einzelfälle.
Nicht einmal das Bundesland Hamburg, welches aktuell als eines der Bundesländer gilt, das sehr unkompliziert und auch kostenlos die Anmeldungen für Sexarbeitende durchführt, verzeichnet größeren Zulauf aus anderen Bundesländern. Hamburg bestätigt jedoch, dass es einen Anteil an Anmeldungen von reisenden Sexarbeitenden gibt, die aus Bundesländern stammen, in denen noch keine Registrierungen möglich sind. Zu diesen Ländern gehört auch Sachsen-Anhalt.


HIER Download: Stellungnahme BesD zu Gebührenordnung Sachsen-Anhalt

Hier LINK zur Stellungsnahme der Beratungsstelle Magdalena aus Magdeburg

Gegen historisch gewachsenes Stigma hilft kein Selbstbewusstsein

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Offener Brief an den sächsischen Bundestagsabgeordneten, Martin Patzelt


Sehr geehrter Herr Patzelt,

die MDR-Sendung „Exakt“ vom 7. Februar 2018 berichtete zum Thema Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) und dem geplanten Entwurf des entsprechenden Ausführungsgesetzes des Landes Sachsen. Wir sind Sexarbeiterinnen in Leipzig und damit direkt von diesem Gesetz betroffen.

Sie wurden vom MDR hinsichtlich der Kritik befragt, dass die Anonymität von Sexarbeiter*innen durch die Anmeldung gefährdet werden könnte. Durch den Off-Sprecher wird gesagt, dass Ihrer Meinung nach die Datenspeicherung und auch der spezielle Berufsausweis niemanden stigmatisieren würden.

Außerdem machen Sie sodann folgende Aussage:
„… ob diese Branche sich nicht selber durch die Art ihrer Tätigkeit stigmatisiert.“1

Diese Aussage macht uns sehr betroffen und schockiert uns.

Insbesondere vor Ihrem Hintergrund als ausgebildeter Sozialpädagoge, ist es für uns nicht nachvollziehbar, dass Sie eine so abwertende und menschenverachtende Aussage treffen. Niemand hat das Recht, Menschen in achtenswert und weniger achtenswert einzuteilen.

Sie leiteten 20 Jahre lang ein Kinder- und Jugendheim. Ganz sicher haben die Kinder und Jugendlichen, die dort durch Sie betreut wurden, weitreichende Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung gemacht. Kindern, Jugendlichen und später Erwachsenen, die im Heim aufgewachsen sind, werden von Seiten der Gesellschaft häufig aufgrund ihrer Geschichte viele Vorurteile entgegen gebracht – von schlechten Manieren und unzureichender Bildung bis hin zu Kriminalität, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Promiskuität.

Genauso verhält es sich mit dem Stigma, das auf Sexarbeiter*innen lastet. Wir haben uns dieses Stigma ganz sicher nicht selbst auferlegt – selbst wenn wir uns aus freien Stücken für unsere Tätigkeit entschieden haben. Wir haben tagtäglich mit genau solchen Vorurteilen zu kämpfen und werden häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt.

Gegen historisch gewachsenes Stigma hilft kein Selbstbewusstsein.

Vor diesem Hintergrund ist es für uns unverständlich, dass Sie mit Ihrer Aussage einen ganzen Personenkreis derart abwerten.

Es wird mit vorgefertigten Bildern und Moralvorstellungen an das Thema herangegangen, Sexarbeit wird klar als unsittlich definiert und diffamiert. Die Behauptung, das Stigma der Prostitution sei in ihr selbst begründet, verkennt die Wirklichkeit. Sie unterschlägt die Mechanismen und Auswirkungen von gesellschaftlicher Ausgrenzung und reproduziert einzig und allein die Moral und Wertvorstellung, in der wir als Sexdienstleister*innen scheinbar nicht dazugehören. Und das, obwohl ein Großteil der Mitglieder unserer Gesellschaft diese Dienste in Anspruch nimmt.

Bezogen auf die Debatte und das verabschiedete Gesetz, wirkt das Stigma in zweierlei Hinsicht von außen auf Sexdienstleister*innen:. Wir müssen uns registrieren, ‚brandmarken‘ lassen und uns so der Gefahr aussetzen, Opfer des bestehenden gesellschaftlichen Stigmas zu werden, das unserem Berufs(um)feld anhaftet. Des Weiteren ist die Sicht auf Sexarbeiter*innen historisch geprägt durch Vorurteile und Mythen, die zu Abwertung und Ächtung der Person führen. Dies ist nichts, was ein*e Sexarbeiter*in selber zu verschulden hat, sondern ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Phänomen, dem Diskriminierungsmechanismen zugrunde liegen, die durch das ProstSchG verschärft, statt gemildert werden.

Ihre weitere Aussage im Bericht wirkt auf uns in diesem Zusammenhang recht leichtfertig:
„Und wenn sie dieser Tätigkeit nachgehen, dann müssen sie schon ein gesundes Selbstbewusstsein haben und sagen: Ich stehe dazu.“1

Gerade, weil Sie am ProstSchG mitgewirkt und sich im Zuge dessen sicherlich weitreichend damit auseinandergesetzt haben, sollte Ihnen klar sein, dass es so einfach leider nicht ist.

Die Studentin, die ihr Studium teilweise durch Sexarbeit finanziert, wird wohl kaum in einem Vorstellungsgespräch ganz selbstbewusst zu ihrer Tätigkeit stehen können – denn sie muss damit rechnen, dass sie aufgrund bestehender Vorurteile eine Absage erhält.

Die allein erziehende Mutter, welche aufgrund der minimal zu hohen Unterhaltszahlung des Kindesvaters keine Sozialleistungen erhält und ihr Einkommen zusätzlich zu ihrem Minijob durch gelegentliche Sexarbeit aufbessert, wird auch kaum beim Jugendamt selbstbewusst zu ihrer Tätigkeit stehen. Sie muss nämlich Angst haben, dass ihr aufgrund des bestehenden Stigmas unterstellt wird, ihr Kind nachts allein zu lassen und Drogen- bzw. Alkoholprobleme zu haben.

Allein diese Beispiele machen deutlich: wie sehr wir auch daran arbeiten, diesem Stigma etwas entgegen zu setzen – wir sind bei Weitem noch nicht so weit, das uns durch ein ‚Outing‘ keine Vorurteile entgegenschlagen und uns keine gesellschaftlichen Nachteile daraus erwachsen würden. Es liegt daher nahe, dass wenn wir zu einem ‚Outing‘ gezwungen werden, dieses erhebliche Folgen für uns bedeuten würde.

Vertrauensvolle Beratung statt Zwangsuntersuchung

Die Verfasserinnen dieses Briefes sind selbstbestimmte Sexarbeiter*innen und wir wissen, dass wir nicht vor unserer Tätigkeit geschützt werden müssen. Aber wir wissen auch, dass dieser Arbeitsbereich nicht einfach zu fassen und einzuordnen ist, denn die Arbeits- und Lebensbedingungen, einschließlich der Möglichkeiten der Selbstbestimmung von Menschen in der Sexarbeit sind sehr unterschiedlich.

Auf Bundesebene regelt das ProstSchG bereits seit Juli 2017 die Registrierung von Prostitutionsstätten und verlangt die behördliche Anmeldung von Sexarbeiter*innen. Um die Anmeldung vornehmen zu können, müssen Sexarbeiter*innen sich im Vorfeld gesundheitlich beraten lassen – unter 21-Jährige alle sechs, Ältere alle zwölf Monate. Bei der Anmeldung erhalten Sexdienstleister*innen einen Ausweis, auf dem Name bzw. Aliasname, Geburtsdatum und -ort sowie Staatsangehörigkeit vermerkt sind. Auf der Vorderseite ist vermerkt, dass eine Tätigkeit nach PostSchG angemeldet wurde. Der Ausweis kann auch auf einen Aliasnamen ausgestellt werden, ist jedoch mit einem Lichtbild versehen, womit der Schutz durch den Künstlernamen aufgehoben wird.

Das Gesetz und die Anmeldung sollen vermeintlich das Selbstbestimmungsrecht von Sexarbeiter*innen stärken und sie vor Ausbeutung sowie Kriminalität wie Menschenhandel, Gewalt und Zuhälterei schützen.

Bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes haben verschiedene Institutionen und Experten schwere Kritik daran geäußert, da eben die Anmeldung und die Zwangsberatung beim Gesundheitsamt jedem Schutzgedanken entgegenstehen. Denn das Tätigkeitsfeld der erotischen und sexuellen Dienstleistungen unterliegt nach wie vor einem starkem Stigma und den als Sexdienstleister*in tätigen Personen werden verschiedenste Vorurteile entgegengebracht. Daher sind diese Personen häufig darauf angewiesen, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Dies kommt auch im Entwurf des ProstSchG zur Sprache. Insbesondere müssen wirkungsvollere Schritte gegen Menschenhandel ergriffen werden, aber dafür sehen wir im verabschiedeten Gesetz keinen zielführenden Ansatzpunkt. Vielmehr macht es den Eindruck, dass es die Gesellschaft vor Prostitution schützen soll, anstatt den Sexarbeiter*innen Schutz zu bieten.

Um vor Ausbeutung und Kriminalität zu schützen, helfen keine Zwangsmaßnahmen. Vielmehr ist der umfassende Ausbau niederschwelliger und kostenloser Beratungsangebote der Schlüssel, um entsprechendes Vertrauen aufzubauen. Nur damit sind Personen, die sich in einer Zwangslage oder ausbeuterischem Verhältnis befinden, in der Lage, sich zu öffnen und entsprechende Unterstützung anzunehmen.

Sexarbeitende werden durch das ProstSchG unter einen Generalverdacht gestellt, die Ausübung ihrer Tätigkeit könne nicht bewusst gewollt und freiwillig ausgeübt sein. Sowohl die Beratungs-, als auch die Anmeldepflicht schränken massiv und in unzulässiger Weise in das grundgesetzlich geschützte Persönlichkeitsrecht ein und stehen damit dem leitenden Artikel des Grundgesetzes, nachdem die Würde des Menschen unantastbar ist, entgegen.

Wir möchten in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. sowie dem Arbeitskreis Sexarbeit in Leipzig darauf aufmerksam machen, dass man bei einem so hochsensiblen Thema nicht leichtfertig derartige Aussagen treffen sollte. Statt Stigmatisierung fordern wir, mit uns in Dialog zu treten, um gemeinsam zielführende und der Lebenswirklichkeit der Betroffenen entsprechende Gesetze zu gestalten, die im Gegensatz zu unbrauchbaren Moralkeulen dem 21. Jahrhundert angemessen sind.

Von Ihrer Seite erwarten wir eine Stellungnahme
und verbleiben mit freundlichen Grüßen,
Lydia und Violett
Sexarbeiterinnen in Leipzig


1) https://www.mdr.de/mediathek/suche/video-174072_zc-f24cd3d3_zs-20a70875.html

Nachrichten aus Hongkong

Dieser Text wurde von unserem Mitglied Maria van Daarten entdeckt und übersetzt.

Von Zi Teng *Sex workers concern group* aus Honkong
17 December 2017

>>Zum 15ten internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen können wir eigne Resultate veröffentlichen, weil viele Sexarbeiter*innen den Mut hatten, Missstände aufzuzeigen und sich für ihr Rechte zu erheben.

Zum Beispiel wurde ein Mann der eine Sexarbeiter*in mit Nacktfotos erpresst hat, für 10 Monate ins Gefängnis gesteckt. – Ein anderer Mann, der eine Sexarbeiter*in vergewaltigt und ausgeraubt hat, bekam eine Gefängnisstrafe von 11 Jahren. Das zeigt nicht nur, dass Gerichte Sexarbeiter_innen beschützen wollen, sondern auch, dass Sexarbeiter*innen nicht schwach und machtlos sind. Sie müssen sich nur trauen, eine Straftat anzuzeigen. Dann werden nicht nur die Verbrecher bestraft, sondern sie stärken gleichzeitig ihre Rechte!

Die Einstellung der Polizei Sexarbeitern gegenüber spielt dabei eine große Rolle, wenn wir wollen, dass Verbrecher vor Gericht kommen und bestraft werden. Wenn sie Sexarbeiter*innen gleichgültig gegenüberstehen oder sie als minderwertig betrachten, kommt es vor, dass sie die Verbrecher laufen lassen, oder sie legen den Sexarbeiter*innen sogar nahe, ihre Anzeige zurückzuziehen. Das wiederum ermutigt diese Verbrecher, Sexarbeiter*innen schlecht zu behandeln und auch, ihnen Gewalt anzutun. – 2015 gab es genau einen einzigen Fall, in dem der Polizei vorgeworfen wurde, eine Anzeige zurückgewiesen zu haben. – 2017 waren es schon 11 Fälle. Das hat sichtlich zugenommen!
Wir sind der Überzeugung, dass es die Pflicht der Polizei ist, die Ordnung der Gesellschaft zu erhalten und diejenigen, die das Gesetz brechen vors Gericht zu stellen und nicht Sexarbeiter*innen dazu zu drängen, ihre Anzeigen zurück zu ziehen! – Anstatt Reporte von Sexarbeiter*innen zu ignorieren, sollten die Polizeivollzugsbeamten ihre Anzeigen ernst nehmen und verfolgen.

Wir fordern, Polizeibeamte zu bestrafen, die ihre Macht missbrauchen und leichtsinnig & verantwortungslos mit dem Gesetz umgehen. – Das ist wichtig, um das Vertrauen in die Polizei und ihre Disziplin wieder herzustellen.<<

Der „Oh-Lala“-Effekt – offener Brief von Kristina Marlen an Jörg Thadeusz

Unser Mitglied Kristina Marlen wurde fürs Radio interviewt und hat etwas für Sexarbeitende Typisches erlebt.
Dieser offene Brief macht die Problematik deutlich.

Am 12.12.2017 um 19h wird das Interview gesendet: “WDR 2 Jörg Thadeusz”

Berlin, den 10.12. 2017

Hallo Jörg,

am letzten Mittwoch hatten wir ein Interview gemeinsam im ARD Hauptstadtstudio.
Danke nochmal für die Einladung. Es hat mich gefreut, Dich kennenzulernen.

Es sind nun ein paar Tage vergangen und aus gegebenem Anlass möchte ich Dir ein Feedback zu diesem Gespräch geben.
Als Überschrift möchte ich formulieren:
„Instant-Ratgeber für Journalisten im Umgang mit Sexarbeiter*innen“
oder
„Fragen die Du Sexarbeiter*innen nicht stellen solltest – und warum“.

Dein Redakteur hatte mir vor Beginn des Interviews einen Fragenkatalog geschickt. Er hatte sich ziemlich gut, wie ich finde, mit meiner Arbeit auseinandergesetzt und hat mir Fragen gestellt, die auch für mich neu waren und die ich spannend fand. Es hat mir Spass gemacht, darüber nachzudenken und hab mich auf das Interview gefreut, denn neue Blickwinkel sind wichtig für die Debatte um Sexarbeit . Sexualität ist ein Tabu, dem ich mich gerne öffentlich stelle, denn Zensur und Verklemmtheit haben noch keinen Diskurs weitergebracht.

Ich frage mich jedoch, warum Du diesen Fragenkatalog nicht ansatzweise genutzt hast. Zu meiner Überraschung kanntest Du die Fragen nicht einmal. Ich bin ein Mensch, der sich tatsächlich auf Gespräche vorbereitet. Ich ging davon aus, Themen des Gesprächs seien:
weibliche Kundschaft, die Frage nach erfüllter Sexualität für alle Geschlechter, die Magie von BDSM und auch politische Aspekte von Sexarbeit.

Es erschien mir, als seien es eher Deine persönlichen Fragen zu meinem aufregenden Job, die das Gespräch dominiert haben. Sich intuitiv durch ein Gespräch treiben zu lassen, ist ein legitimer Interviewstil. Aber auch hier spricht nichts gegen etwas Vorbereitung aufs Thema- und seine Fallen.

Ich habe in einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht erwartet, dass ich mich gegen die üblichen Fragen wappnen muss, die nerven. Ich nenne sie jetzt einfach mal die „Oh-Lala“ Fragen. Wenn es keine Möglichkeit gibt, in offener, unaufgeregter Weise über Sexualität zu sprechen, dann passiert der “Oh-lala“ Effekt. Der bewegt sich zwischen Anzüglichkeit, Unsicherheit und Distanzlosigkeit. Er mündet leider allzu häufig in offenem Sexismus. Wenn ich mich mit YellowPress verabrede, rechne ich damit und gebe mich entsprechend schlagfertig oder treffe andere Vorsichtsmassnahmen.

Es gibt Gründe, warum Sexarbeiter*innen den Kontakt zu Medien meiden. Grund sind sensationslüsterne, grenzüberschreitende Fragestellungen, die nicht zum Thema gehören, respektlos sind und damit das Hurenstigma reproduzieren.

Du hast das nicht direkt gemacht. Aber indirekt. Ich möchte Dich darauf hinweisen, weil ich eine Sensibilisierung für Journalist*innen für gut halte.
Einige dieser üblichen Fragen sind zum Beispiel (bitte erlaube mir, an dieser Stelle zuzuspitzen)

-Wie hat die kleine Physiotherapeutin denn plötzlich angefangen, schmutziges, geiles Zeug zu machen?
Es ist legitim, mich zu fragen, wie ich zu meiner Arbeit gekommen bin. Die Art, wie Du insistiert hast um zu erfahren, wie „es“ passiert ist, kann ich nur als Kundenfantasie lesen.
Zum Glück hat Dein Team das Interview gut geschnitten. Um im Radio Dirty Talk zu machen, hätte das Gespräch besser (oder überhaupt) bezahlt sein müssen.

– Macht sie „Es“ denn nun wirklich? Kannst Du mich wirklich, wirklich ficken, wenn du mich bezahlst?
Dass das die Hauptfrage ist, die sich Dir stellt, nachdem Du meine Website liest, sei dahingestellt. Es lässt auf ein Verständnis von Sexualität schliessen, dass weit verbreitet ist und davon ausgeht, dass nur „Penis-in-Vagina“ Sex sei.
Ein Großteil meiner Arbeit dreht sich darum, dieses Verständnis von Sexualität zu erweitern. Schade, dass wir die Chance verpasst haben, darüber zu sprechen. Auch schade für die Hörer*innen.

– Was machst Du, wenn Du keine „Lust“ hast? Was soll diese Frage – zu Ende gedacht?
Was soll ich darauf antworten? „Nein, weißt Du- ich bin dauergeil?“
Ich habe gesehen, dass Du auch Gregor Gysi, Peter Maffay und Katja Kipping bei Dir in der Sendung hattest. Hast Du die auch gefragt, ob sie manchmal keine Lust haben, zu arbeiten? Wäre die Frage spannend gewesen?

-Was ist das aufregendste Angebot, das Du hast?
Detailgenaue Beschreibungen meiner Sessions habe ich abgewendet. Begründung: siehe oben, Bezahlung. Ich führe unzählige Gespräche am Telefon und weiss genau, wann jemand sich bereits die Befriedigung im Gespräch holt.

– Last but not least, ein Hinweis: es gibt Frauen, die Frauen begehren. Als es um weibliche Kundschaft ging, war es mir einen Moment so, als sei Dir das nicht geläufig. Frauen, die nicht heterosexuell lieben, sind nicht nur „Grenzgängerinnen“ oder suchen das Abenteuer, sondern sind vielleicht einfach lesbisch.

Ich bin total offen, über die Themen zu sprechen, die hinter Deinen Fragen stehen. Wahrscheinlich interessieren genau diese Fragen einen großen Teil des Publikums wenn es um Sexarbeit geht. Penetration zum Beispiel ist meiner Arbeit ja nicht einmal ein Tabu. Die Frage, wie ich Nähe, Sexualität und Intimität mit Menschen haben kann, unabhängig von meiner persönlichen Befindlichkeit, auch. Aber Deine professionelle Aufgabe als Journalist ist, mit mir als Expertin ein Gespräch über diese Brennpunkte zu beginnen, anstatt mir über die Gebühr persönliche und detailgenaue Fragen zu stellen.
Du hast im Gespräch das lustige Rollenspiel entwickelt, Du seist mein Kunde und wolltest meine Dienste in Anspruch nehmen. Ich hatte während des Gesprächs tatsächlich manchmal das Gefühl, genau dies sei der Fall- einen Kunden den ich, wäre er am Telefon gewesen, erstmal in seine Schranken gewiesen hätte.
Da ich aber im Radio gern auch Haltung bewahre, habe ich das nicht getan, denn es geht mir ja darum, Inhalte zu transportieren. Nun ärgere ich mich über meine unerschütterliche Höflichkeit, denn eigentlich hätte meine Reaktion mehr Wehrhaftigkeit erfordert.

Das wollte ich hiermit nachholen und hoffe, dass Du im Umgang mit der nächsten Sexarbeiterin etwas achtsamer bist – und besser vorbereitet.

Vielen Dank
und
mit herzlichen Grüßen
Marlen

PS: Noch ein Lob: Ansonsten finde ich es prima, dass der WDR diese Themen mit größerer Selbstverständlichkeit ins Programm holt. Ich wünsche mir genau jene Unverkrampftheit, die wahrscheinich auch Ziel des Gespräches war. Ich möchte, dass eher mehr Fragen als weniger gestellt werden und all Deine gehören dazu! Ich möchte mich als Gesprächspartnerin aber auch entspannnen können. Deshalb lies doch meine Email einfach als Hinweis für die Zukunft.

Was mich an den Abolitionistinnen am meisten stört, ist ihre Scheinheiligkeit.

Dies ist ein Beitrag von unserem Mitglied Salomé Balthus:

Nein, sie hassen SexarbeiterInnen nicht. Sie glauben nur nicht, dass es sie gibt. Prostituierte sind für sie nämlich keine Frauen, die arbeiten, sondern Frauen, denen Gewalt angetan wird. Sie sehen in uns Opfer, keine handelnden Subjekte. Dass sie uns dadurch selbst die Gewalt antun, die sie dem Patriarchat zuschreiben, sehen sie nicht.

Nein, sie wollen uns nicht kriminalisieren. Nur unsere Kunden. Sie wollen uns nicht den Job wegnehmen. Sie wollen nur, dass uns niemand mehr dafür bezahlt.

Nein, sie hassen Ausländer nicht. Sie wollen sie nur nicht in ihrer Stadt und in ihrem Land. Das zu sagen fällt leichter, wenn es sich bei den Ausländern um SexarbeiterInnen handelt. Sie behaupten dann, diese Frauen würden ja selbst am liebsten gar nicht da sein. Sie behaupten, diese Frauen würden am liebsten zurück nach Hause, in einen anständigen Job im Kreise ihrer Familien. Dass es gerade diese Familien sind, um derentwillen diese Frauen in den reichen Ländern Geld verdienen, sehen sie nicht.

Nein, sie verschließen nicht die Augen vor dem Elend. Sie denken nur, wenn diese Frauen schon in Deutschland (Schweden, Norwegen, Frankreich, where ever) sind, dann sollen sie wenigstens unsichtbar sein. In Billigsektor-Jobs verschwinden. Sie finden es ok, wenn junge Osteuropäerinnen ihnen schwarz die Wohnungen putzen, aber nicht, wenn die Osteuropäerinnen für das selbe Geld mit deutschen Männern schlafen. Dass sich hinter diesem übergriffigen Paternalismus blanker Unterschichtsekel verbirgt, sehen sie nicht.

Nein, sie sind keine Feindinnen der Sexualität. Nur moralisch muss es zugehen. Sie stehen den sexuellen Freiheitsbedürfnissen offen gegenüber. Nur müssen die zum christlichen Familienbild passen. Eine Frau muss mit ihrem Körper tun können, was sie will! Außer mit ihrer heiligen Vagina. Der Körper einer Frau gehört ihr allein – es sei denn, sie will ihn verkaufen. Dass genau das dem patriarchalen Bild entspricht, nach dem eine Frau ihren Körper den Institutionen von Familie und Staat zur Verfügung zu halten hat, sehen sie nicht.

Nein, Sie sind nicht gegen die liberale Gesellschaft. Sie wollen nur, dass allein die Dinge erlaubt sind, die ihnen gefallen. Dass die Gesetze dazu da sind, ihnen das Land zu schaffen, das sie sich wünschen. Dass Staaten, in denen alle einer Meinung sind, in keiner weiter entwickelten Zivilisation bestehen, sehen sie nicht.

Und ich glaube, sie sehen es wirklich nicht. Sie sind nicht mal zynisch. Sie sind einfach nur rechts.

TIPPS zum Umgang mit dem Prostituierten-Schutz-Gesetz (ProstSchG)

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Immer wieder werden wir vom Berufsverband oder auch bei der Arbeit von Kolleg*innen gefragt, wo man sich denn nun anmelden kann und was passiert wenn man sich nicht anmeldet und wohin werden die Daten weitergeleitet und, und, und….

Ich habe Mal den aktuellen Stand für Berlin, wo ich lebe, zusammengefaßt, wobei sehr viele Punkte und besonders die Tipps für alle Bundesländer gelten.

Ab 1. Januar müssen alle Sexarbeitenden, eine Anmeldebescheinigung als Prostituierte*r haben. Zunächst müssen wir alle zu einer Gesundheits-Pflichtberatung. Mit der Bescheinigung über die Inanspruchnahme der Beratung gehen wird dann zur „Meldebehörde“. Dort werden wir dann befragt, ob wir denn zufällig Zwangsprostituierte oder sonstwie nicht zurechnungsfähig sind. Wenn nicht, bekommen wir einen „Hurenausweis“. Man verzeihe mir die Ironie.
Beide Behörden werden sich in Berlin unter einem Dach befinden und wahrscheinlich kann man den Formalkram an einem Tag erledigen. Bezirk Tempelhof/Schöneberg wird zuständig sein.

Kann man auch ohne Ausweis noch in Bordellen arbeiten?
Das wird schwierig. Leider sind Betreiber*innen durch das neue Gesetz verpflichtet, die „Hurenausweise“ und die Nachweise über die Gesundheitsberatung aller bei ihnen Tätigen zu kontrollieren und zu protokollieren.
Wenn bei Kontrollen, Sexarbeitende ohne Ausweis erwischt werden, dann heißt das bis zu 50.000 € Bußgeld und eventuell sogar Schließung. Für die Sexarbeitenden selber gibt es „nur“ eine Verwarnung und kleines Bußgeld. Es ist noch unklar, wie das in Berlin gehandhabt wird.

Die Stadt Berlin kann aktuell noch keine Adresse nennen, wo wir uns „beraten“ und anmelden müssen.
Es ist aber möglich, sich beim ORDNUNGSAMT des Bezirkes, wo du gemeldet bist, einen formlosen Schrieb zu holen: „Kann noch nicht ausgestellt werden“ oder „Person X hat versucht sich anzumelden“
Es kann sein, dass es bis 1.1. noch keine Möglichkeit zur Anmeldung gibt.

Was rate ich euch?
Rennt jetzt nicht gleich zum Ordnungsamt, sondern wartet ab. Vor ca. 10.12. würde ich nichts machen. Zu dem Zeitpunkt ist sicher abzusehen, wann man sich „richtig“ anmelden kann.

Man muss sich da anmelden, wo der Tätigkeitsschwerpunkt ist.
Der Berliner Ausweis ist in allen Bundesländern gültig.
Theoretisch.
Manche Bundesländer sehen das etwas anders, aber das wird sich zurechtrütteln. Leider erst mit der Zeit.

Tipps bei der Anmeldung:

a) Meldet euch gleich für alle Bundesländer an. Dann dürft ihr in ganz Deutschland arbeiten. Das ist auf dem Berliner Ausweis möglich. Es gibt auch Bundesländer, die machen das nicht.
Deine Daten werden NICHT an die Bundesländer weiter geleitet. Gibst du einzelne Städte an, werden sie allerdings dorthin weitergeleitet.

b) Es steht im Gesetz, dass Sexarbeitende auch gelegentliche Hotelbesuche oder kurze Arbeitsaufenthalte in Bundesländern machen dürfen, wo sie nicht gemeldet sind. Dies nur, wenn eindeutig zu erkennen ist, dass es sich um Ausnahmen handelt.
Quelle: Referentenentwurf zum ProstSchG vom 29.3.17 – §4 Tätigkeitsorte, Geltungsbereich, Zuständigkeitswechsel -> „Zudem sind wegen der örtlich unbegrenzten Geltung der Bescheinigung einmalige oder gelegentliche Tätigkeiten an nicht angemeldeten Tätigkeitsorten unschädlich.“
LINK zum Dokument -> BMFSFJ_RefE_ ProstAV_mit Anlage

Datenschutz?
– die Daten werden an das Finanzamt weitergeleitet aber sonst in keine andere Behörde. Auch nicht an die IHK oder die Krankenkasse oder Kindergeldkasse.
– die Daten bei der Gesundheitsberatung sollen nicht gespeichert werden
– Registrierung auf den Künstlernamen ist möglich. Es muss nicht dein Arbeitsname sein, sondern du kannst ihn frei erfinden.

Kosten:
In Berlin ist das Prozedere kostenlos. Das ist in anderen Bundesländern anders

Ausweispflicht und Kontrollen:
– der „Hurenausweis“ und die Bescheinigung über die gesundheitliche Beratung müssen bei der Arbeit mitgeführt werden. Wer nur im LUX arbeitet kann diese in seinem/ihrem Spind lassen.
– Kontrollbehörden sind in Berlin: ZOLL, Ordnungsamt und LKA13

Woher weiß ich das alles?
Ich bin in Berlin in einem Arbeitskreis Betriebsstätten, der gemeinsam mit dem Gesundheitssenat Konzepte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit entwickelt. Wir stehen in sehr direkten Kontakt mit den Umsetzungszuständigen.
Auch war ich als Vorstand des BesD vor Kurzem zu einem Sondierungsgespräch im Familienministerium, wo es um den aktuellen Stand der Umsetzung des ProstSchG auf Bundesebene ging. Naja, da gibt es nicht viel Positives zu berichten….

Infos zum Gesetz in tatsächlich anschaulicher Form
-> https://www.bmfsfj.de/blob/117100/02d80fdd00e863bd21e9bbc7a30d6405/prostituiertenschutzgesetz-info-verfahren-und-anmeldung-prostitutionstaetigkeit-data.pdf

Hier findet ihr unsere Deutschlandkarte, wo schon zu sehr vielen Orten die Adressen für die Gesundheitsberatung und die Registrieungsstellen zu finden sind.

Internetseiten der Länder zum Thema Prostituiertenschutzgesetz (bisher: 12 Länder):

Baden Württemberg:  
https://sozialministerium.baden-wuerttem…utzgesetz/

Bayern:
http://www.stmas.bayern.de/prostituierte…/index.php  -> leider funktioniert dieser LINK im Moment nicht. Eine alternative Info-Seite gibt es aktuell nicht. Bitte schaut auf die einzelnen Städte in unserer Deutschlandkarte

Berlin:
https://www.berlin.de/sen/frauen/keine-g….23578.php

Bremen:
http://www.wirtschaft.bremen.de/gewerbe_…setz-16129
http://www.wirtschaft.bremen.de/gewerbe_…206.de&asl
http://www.wirtschaft.bremen.de/gewerbe_…199.de&asl

Hamburg:
http://www.hamburg.de/prostitution

Mecklenburg-Vorpommern:
http://www.lagus.mv-regierung.de/Prostit…utzgesetz/

Niedersachsen:
http://www.prostituiertenschutzgesetz-niedersachsen.de/

NRW:
https://www.mhkbg.nrw/gleichstellung/Pro…/index.php

Rheinland-Pfalz:
https://mffjiv.rlp.de/de/themen/frauen/p…utzgesetz/

Saarland:
https://www.saarland.de/prostitution.htm

Schleswig-Holstein:
https://www.schleswig-holstein.de/DE/Fac…esetz.html


Hier gibt es eine sehr gute juristische Zwischenbilanz zum Umsetzungsstand in einzelnen Bundsländern -> https://www.weka.de/ordnungsamt-gewerbeamt/prostituiertenschutzgesetz-prostschg-zustaendigkeiten

Wieso sich keiner vorstellen kann, dass wir DAS freiwillig machen …?

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Ich bin Sexarbeiterin, habe aber mit dem Titel Prostituierte oder sogar Nutte kein Problem. Mein Problem ist nicht meine Arbeit, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht.

Die Behauptungen, die immer wieder laut werden, es gäbe nur eine ganz kleine Gruppe von Sexarbeiter*innen, die das freiwillig und selbstbestimmt macht, sind nicht mit Zahlen zu belegen und entsprechen auch nicht meinem Wahrnehmen im Kolleginnenkreis. Und doch haben viele Menschen exakt dieses Bild vor Augen, wenn sie an unsere Arbeit denken.

Wie kommt so etwas?

1.

Freiwilligkeit wird für unsere Berufssparte anders bewertet als für sonstige berufliche Tätigkeiten. Während es für einen Paketpacker in einem großen Versandhandel ausreicht, dass dieser leider keinen anderen Job mit guten Arbeitsbedingungen und vertretbarem Lohn gefunden hat und ja von irgendwas leben muss, gilt für die Sexarbeitsbranche ein anderer Maßstab. Als freiwillig zählt hier nur eine Person, die eindeutig jeden Morgen freudestrahlend in ihr Bordell geht und auch dort den ganzen Tag singend und jauchzend ihrer Tätigkeit nachgeht.

Ich persönlich würde mich freuen, wenn alle Menschen auf der Welt Spaß an ihrer Arbeit hätten, aber dem ist ja nun Mal nicht so. In erster Linie geht man zur Arbeit, weil man Geld verdienen muss. Und mit dem Job muss man sich irgendwie arrangieren. Schade eigentlich, denn mir würde das ja nicht reichen. Es reicht aber sehr vielen Menschen. Und so reicht es auch für mich aus, wenn mir eine Kollegin aus einem Bordell erzählt, dass sie dort halt arbeitet, weil alle anderen ihr zu Verfügung stehenden Alternativen weniger lukrativ oder zeitlich nicht passen oder, oder, oder… Wo fängt denn Freiwilligkeit an und wo hört sie auf?

2.

Ist es für die meisten Menschen nicht möglich unsere Arbeit losgelöst von eigenen Emotionen zu sehen. Über die eigene Sexualität wird ja leider in unserer Gesellschaft selten offen geredet. Somit ist nicht vorstellbar, dass andere Menschen komplett andere Empfindungen bei der Erotik haben, ja sogar ohne Probleme in der Lage sind, Liebe und Sex voneinander zu trennen. Noch weniger vorstellbar ist dann, Sex als Dienstleistung anzubieten, ohne dabei irgendeinen seelischen Schaden zu erleiden.

3.

Auch sehr weltoffene Menschen haben interessanterweise oft sehr wertkonservative moralische Ansichten. Dass das klassische Modell der Ehe eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist, wagt kaum jemand zu denken. Wenn man sich die hohen Scheidungsraten anschaut, wundert es mich wieso immer noch das Leben mit dem EINEM Partner als Ideal angestrebt wird und mit so vielen romantisierten Sehnsüchten verbunden ist. Ich will nicht gegen diese Beziehungsform wettern, denn die bewährt sich für viele Menschen, aber eben für viele auch nicht.

Salonfähige Alternativen gibt es nicht in unserer Gesellschaft oder zumindest nicht öffentlich. Und an dieser Schieflage rütteln wir Sexarbeiterinnen, denn alleine dadurch, dass wir unsere Dienstleistung anbieten, stellen wir das klassische Beziehungsmodell in Frage. Wir lassen ungeniert Phantasien lebendig werden, die eigentlich gar nicht sein dürfen oder ausschließlich in intimer Zweisamkeit mit dem Partner ausgelebt werden sollten. Wir sind einfach nuttig. Und das ist eine Provokation. Komischerweise werden wir nicht als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern man will uns armen Frauen ja nichts Böses.

Nein, wir sind ja schließlich Opfer. Nein, wir können ja nichts dafür, dass wir DAS machen müssen. Wir werden ja dazu gezwungen. Von wem? Von bösen Zuhältern oder neu ist das Argument von der wirtschaftlichen Not. Nein, wir können ja nichts dafür und sind auch nur Opfer der Umstände. Und Opfer muss man retten.

4.

Es besteht ja die Vorstellung, dass alle unsere Kunden stinken, fett, ekelig und brutal sind. Es ist natürlich schwer vorstellbar, dass wir mit exakt diesen Menschen freiwillig Intimkontakt haben. Dass unsere Kunden aber die lieben Ehemänner sind, die sich bei uns anders verhalten als Zuhause, nämlich sich ordnungsgemäß waschen, ihre Sachen fein ordentlich zusammenlegen und höflich sagen, was sie denn wünschen, kommt in den Denkmustern nicht vor.

Ja, es gibt auch anstrengende Kunden, aber mit denen können wir professionell umgehen, denn das ist die Minderzahl.

Gruß,

Johanna Weber

Dieser Text stammt von unserem Mitlgied Pieke Biermann:

Meine Recherchen zu Wehrmachtsbordellen im WK II fördern ab und zu auch richtig schöne Fundstücke zutage. Man muss dazu wissen, dass die militärischen Top-Chefs beschlossen hatten, ihren vielen, auch jungen Soldaten die sexuelle Betätigung nicht total zu verbieten – das würde nichts bringen, sondern womöglich die „heimliche Prostitution“ fördern, also die „Volksgesundheit gefährden“ (so sahen die Herren es damals, nicht weit entfernt vom Geist der heutigen Damen und Herren, die hinter dem aktuellen Prostituierten“schutz“gesetz stecken …). Unbedingt vermieden werden sollte „natürlich“ auch: Homosexuelle Betätigung.

Also verfügten sie die Einrichtung von extra Wehrmachtsbordellen überall da, wo sie einmarschiert waren. Die dort arbeitenden Mädels waren „Lokalkräfte“ und wurden vorher auf ihre Gesundheit und ihre „politische Zuverlässigkeit“ hin untersucht. Die Puffs standen unter schärfster medizinischer Kontrolle und hatten eine bürokratisch penible Hausordnung, in der auch die Öffnungszeiten und die Preise festgelegt waren.

Die „RICHTLINIEN FÜR DIE EINRICHTUNG UND ÜBERWACHUNG VON WEHRMACHTSBORDELLEN IN DEN BESETZTEN WESTGEBIETEN, OBERKOMMANDO HEERESGRUPPE D“ (im Bundesarchiv) vom Juni 1943 empfehlen zum Beispiel für die besetzten Westgebiete einen Preis zwischen zwei und drei Reichsmark. Irgendwie extra-edle Puffs durften „bis zu fünf Reichsmark“ nehmen.
Die Realität hatte gezeigt: Wo die Preise zu hoch sind für die Masse der einfachen Soldaten, suchen die sich günstige Alternativen, blüht die unkontrollierte und unkontrollierbare Sexarbeit. Im Februar 1941 zum Beispiel fällt dem Sanitätsoffizier im besetzten Rumänien auf, dass jetzt öfter Soldaten wegen Geschlechtskrankheiten behandelt werden müssen – es stellt sich heraus: Das lokale Wehrmachtsbordell wird „wegen des zu hohen Preises wenig besucht“.

Und jetzt kommt’s: Genau deswegen treten auch die zwanzig Mädels dort in Streik, sie haben keinen Bock mehr, für deutsche Soldaten zu arbeiten, die Kohle stimmt einfach nicht.

Im Klartext: Huren streiken gegen die deutschen Besatzer, deren Terrorregime allen bekannt ist, und – siegen! Im März kriegen sie, auf Betreiben des Standortarztes, ein tägliches Fixum – in Höhe von fünfzehn Freiern, ob sie die machen oder nicht!

Auch wenn die Idee, als Militärangestellte zu arbeiten, nicht so rasend attraktiv ist und heute auch kaum aufkäme: Die Episode zeigt, dass Huren immer und überall kämpfen und Widerstand erfolgreich sein kann.

Mir fällt dazu ein: Was wohl passiert, wenn die Kolleg*innen heute einfach sämtliche Dienste an Politiker*innen einstellen?

Ich bin nicht so wie die Anderen

Gedanken zur gegenseitigen Stigmatisierung unter Freiern von Juliette:

Es ist immer wieder amüsant, von meinen Kunden diese Aussage zu hören. So wie an jenem Abend neulich, als mich mich ein Kunde nach meinem Privattanz noch auf ein Glas Sekt einlud. Wir saßen in einer Ecke und unterhielten uns. Irgendwann schaute er sich um und meinte enttäuscht zu mir: „This club is not very exclusive, is it?“ Er betrachtete dabei die betrunkene etwas prollige Junggesellentruppe auf der anderen Seite des Raumes, und rümpfte die Nase. Ich lächelte ironisch, zuckte mit den Achseln und antwortete: „Es gibt halt ganz unterschiedliche Gäste hier. Nicht alle sind so drauf wie die.“

Davor hatte ich einen Stammkunden, der oft und gerne über andere Kunden lästerte. Er war fest davon überzeugt, dass er mit Abstand der anständigste, aufgeklärteste Kunde von erotischen Dienstleistungen auf der ganzen Welt war, der sogar genau wusste, was sich jede Dienstleisterin von einem Kunden heimlich wünscht… um es noch eindeutiger zu sagen, der Herr litt an Narzissmus. Ich für meinen Teil konnte bei seinen Erzählungen nur nicken und Zustimmung vortäuschen, da er sowieso keinen Widerspruch duldete. Und erst recht nichts von anderen, wirklich anständigen Kunden hören wollte.

So wie wir Sexarbeiterinnen uns bei vielen Gelegenheiten nicht trauen dürfen, öffentlich über unsere Tätigkeit in der Sexarbeit zu sprechen, würden die meisten unserer Kunden wahrscheinlich auch nicht irgendwem von ihren Abenteuern im Bordell oder im Stripclub erzählen. Eine gewisse Anonymität wird auf beiden Seiten gewünscht. Und es ist normalerweise gar nicht so schwer, anderen Freiern aus dem Weg zu gehen, wenn man nicht gerade in einem FKK-Club oder in einem Stripclub unterwegs ist.

Gerade in einem Stripclub sieht man als Kunde seinesgleichen aus nächster Nähe. Auch wenn sie auf derselben Party sind feiern sie allerdings nicht miteinander, sondern nebeneinander, und wirken dabei immer ein wenig tapsig. Aber klar, es ist auch nicht das Ziel in einem Stripclub, mit anderen Kunden Spaß zu haben. Nur einmal habe ich während der Arbeit im Stripclub beobachtet, wie sich zwei Gruppen vorher unbekannten Männer grüßten und freundlich mit den Flaschen anstießen. Normalerweise grüßen sich einander unbekannte Gäste im Club gar nicht, auch wenn sie an einem Samstagabend, an dem der Club vollgepackt ist, eng nebeneinander sitzen. Es ist, als ob sie sich Mühe geben würden, die anderen bloß nicht wahrzunehmen. Ich habe mich schon oft gefragt, wenn die Kunden versuchen so zu tun, als wären sie die einzigen im Club, ob das nicht auch eine Auswirkung der gegenseitigen Stigmatisierung sein könnte.

Trotz des leichten Zugangs zu Freierforen im Internet, wo Kunden Gedanken, Probleme und Erfahrungen mit Dienstleister*innen austauschen können und dabei sehen, dass sie nicht „die einzigen“ sind, scheinen viele Kunden von erotischen und sexuellen Dienstleistungen eine ziemlich herablassenden Meinungen von einander zu haben. Manchmal fragen mich meine Kunden wie ich eigentlich zur Arbeit als erotische Dienstleisterin stehe und irgendwann kommen wir zum Thema „andere Kunden“ und wie die so sind. Ich werde skeptisch gefragt, wie das so ist mit „anderen Männern“ und wie unangenehm das sein muss mit den meisten. Als ob der Kunde, der mich in dem Moment ausfragt, der einzig anständige Kunde wäre und alle anderen doch äußerst schrecklich, ungepflegt, respektlos und einfach lästig sein müssten. Nach dem Motto: Ich armes Mädchen, dass ich mich jedes Mal mit solchen Schweinen herumschlagen müsse! Aber heute wäre doch mein Glückstag, weil ich mich gerade mit DEM Traumkunden unterhielte, der mich an dem Abend so großzügig von den anderen schmuddeligen Kunden abhalte, wie der Ritter in schillernder Rüstung der die Jungfrau in Nöten rettet.

Meistens waren die Kunden, die mich nach „dem Anderen“ fragten, gepflegte, höfliche Menschen, und im Umgang mit mir auch ganz in Ordnung. Wie interessant, dass diese „Ritter“ gar nicht auf die Idee kommen, dass sie möglicherweise nicht die einzigen ihrer Art sind. Dass sie solch ein schlechtes Bild von ihren Mitkunden haben, natürlich geprägt durch die „Freier“-stigmatisierenden Medien, obwohl sie in dem Moment, in dem sie Geld für Erotik ausgeben, selbst Teil dieser stigmatisierten Gruppe sind. Ja, oft muss ich schmunzeln, wenn ich schon wieder von einem Kunden zu hören bekomme, dass die „anderen“ doch alle gleich komisch, ekelhaft oder verächtlich seien und nur er wäre die tolle Ausnahme. Krass, was für verdrehte Auswirkungen die Stigmatisierung auf das Selbstbild von Männern verursacht! Sie löst Gefühle von Feindlichkeit und Verleugnung aus, anstatt Verständnis und Selbsterkenntnis.

Berufsausbildung für Prostituierte – JA oder NEIN

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Gelegentlich wird der Ruf nach einer Berufsausbildung für Sexarbeitende laut. Dieser Ruf kommt interessanterweise selten von den betroffenen Kolleg*innen selber, sondern von gutmeinenden Außenstehenden. Und grundsätzlich haben diese ja auch Recht. Eine anerkannte Berufsausbildung zum Beruf der/des Sexdienstleistenden (oder wie auch immer dieser Beruf dann zu nennen wäre) würde viel Normalität in unsere Tätigkeit bringen.
Das Ansehen unserer Branche würde sich sehr wahrscheinlich verbessern, und somit wäre dies ein großer Beitrag zur Entstigmatisierung der Sexarbeit/Prostitution. Es darf auch davon ausgegangen werden, dass ein anerkannter Berufsabschluss das Selbstwertgefühl vieler Kolleg*innen erhöhen würde. Auch würde wahrscheinlich die Qualität unserer Arbeit steigen und damit auch die Preise – was für Verbraucher schlecht wäre aber für die Sexarbeitenden gut.

So viele positive Argumente.

Und wieso sehe ich das dennoch skeptisch?

Das eben skizzierte Bild ist eine sehr gutmenschliche Herangehensweise und entspricht leider in keinster Weise der Lebenswirklichkeit in unserer Branche.

Der Haupt-Einstiegsgrund in die Sexarbeit ist monetär. Es handelt sich dabei nicht nur die übliche Notwendigkeit, dass man seinen Lebensunterhalt durch Arbeit bestreitet, sondern es handelt sich sehr oft um die totale Pleite, einen riesengroßen Schuldenberg, und bei Migrant*innen oft um große wirtschaftliche Not in den Heimatländern. Aber man muss gar nicht über irgendwelche Ländergrenzen gehen, denn auch in Deutschland gibt es Not. Als alleinerziehende Mutter ist es schon schwer die beiden Kinder mit Hartz4 durchzubringen…

Böse Stimmen würde jetzt sagen, dass Not als Einstiegskriterium ja einer freien Entscheidung im Wege steht und es sich somit um Zwangsprostitution handelt. Das ist aber glücklicherweise zu kurz gedacht. Viele Kolleg*innen, die in schwierigen finanziellen Lebenslagen sind, empfinden es als befreiend, endlich die Schuldenlast zahlen zu können, endlich den Kindern die Klassenfahrt ermöglichen zu können, endlich der schwerkranken Mutter in der Heimat das Geld für Operation geben zu können oder einfach nur für sich selbst eine auskömmliche Perspektive zu haben und nicht mehr von der Hand in den Mund oder von einem Behördenschreibtisch zum anderen leben zu müssen.

Gerade diese sehr große Personengruppe schließen wir mit dem Konzept „Berufsausbildung“ aus, denn das Lehrlingsgehalt ist ja viel zu niedrig um die oben genannten Bedürfnisse zu erfüllen.

Dann gäbe es ja noch die Möglichkeit eine freiwillige Ausbildungsmöglichkeit einzurichten. Ich bin auch sehr hin und her gerissen, ob dies nicht zwangsläufig zu einem zwei Klassen-System führen muss. Die gut ausgebildete, weiße, deutsche Prostituierte und die Migrantin, die aus der Not heraus für kleines Geld sich prostituiert…. Die Bildzeitung hätte statt meiner Worte geschrieben: die ihren Körper verkauft…

Gibt es da Beispiele aus anderen Branchen? 
Nun, da fallen mir die Jounalist*innen ein. Dort gibt es Leute mit Studium, Leute mit Volontariat und solche, die einfach schreiben. Welche Vor- und Nachteile dies im Einzelnen hat, weiß ich natürlich nicht, und ich möchte jetzt auch keine Übertragbarkeitsstudie auf unsere Branche anstellen. Aber man sollte vielleicht Mal in diese Richtung denken.

Ich träume von einem breit angelegten Fortbildungs-Netz für Sexarbeitende aller Art. Mir schwebt da so etwas wie eine berufsbezogene Volkshochschule vor. Es darf dort nicht nur um Professionalisierung zur Domina oder Tantra-Masseurin gehen, sondern eher um Optimierung des Arbeitsalltags im Bordell, auf der Straße, im Sexkino, in der Bar, im Saunaclub, usw.

Das wird sicher noch lange dauern, aber manche Dinge brauchen eben auch Zeit.

Ideologisch gesund – warum Solidariät mit und unter Sexarbeiter*innen alternativlos ist

Ein Beitrag von unserem Verbandsmitglied Kristina Marlen:

TANTRA – KEINE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN HEILIG UND PROFAN?

Am 1. Juli 2017 ist das „ProstitutiertenSchutzGesetz“ in Kraft getreten. Das Gesetz mit dem irreführenden Namen hält eine Reihe neuer Bestimmungen und Auflagen bereit für Menschen, die professionell mit Sexualität arbeiten. Sowohl für Betreiber*innen von Prostitutionsstätten als auch für Einzelpersonen werden die Arbeitsbedingungen massiv erschwert. Insbesondere die eingeführte Meldepflicht für Prostituierte sowie die Pflicht, ab spätestens 1. Januar 2018 den sogenannten „Hurenausweis“ mit sich zu führen, lassen starke Zweifel daran aufkommen, ob das Gesetz wirklich zum Schutze gedacht war oder nicht vielmehr zur umfassenden Kontrolle und Überwachung von Sexarbeiter*innen.

Trotz des fachkundigen Protests hat der Gesetzgeber für diese sinnlose Konstruktion gestimmt, die vielmehr der Abschaffung von Prostitution dient als der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen, die in der Branche tätig sind.

Die Hurenbewegung hat sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen das Gesetz gewehrt. Wir sind wütend. Es ist eine Verfassungsklage anhängig, und man kann sich noch an einer Verfassungsbeschwerde beteiligen. Die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt“ ist gestartet und kann unterstützt werden!

Parallel dazu bricht in den eigenen Reihen Unruhe aus: Wie soll man sich jetzt verhalten? Anmelden? Boykottieren? Illegal arbeiten? Aufhören?

Der neueste Trend in einigen Segmenten der Branche ist dabei, sich und der Welt zu erklären, warum man von dem Gesetz eigentlich gar nicht gemeint sei.
So berufen sich etwa einige Escortdamen auf den Kunstbegriff und behaupten, dass ihre Leistung in Entertainment und performativem Amusement bestehe. Wie nahe die Künstlerinnen ihren Kunden dabei kämen, obliege der künstlerischen Freiheit.

Dominas, die darauf bestehen, keine Prostituierte zu sein, weil sie ja nicht vögeln und oft nicht einmal den Körper ihrer Kunden berühren, geschweigedenn sich selbst berühren lassen, bin ich in letzter Zeit nicht mehr begegnet. Ich glaube, als BDSM praktizierender Mensch ist man es gewöhnt, (sexuelle) Randgruppe zu sein. Das reicht, um um zu verstehen: ja, wir sind gemeint. Was wir machen, bewerten andere als pervers. Auch wenn unsere Klamotten teurer sind, wir ziemlich ausgefeilte Skills haben und unsere Stundenpreise höher sind- das Gesetz richtet sich gegen uns. Wir sind nicht erwünscht.

Tantramasseur*innen allerdings wollen mit den „Schmuddelkindern“ der Prostitution nichts zu tun haben. In der Stellungnahme des Tantramassageverbandes wird ganz besonders eindringlich argumentiert, mit seiner Arbeit zur Gesundheit beizutragen: „Wir verstehen unsere Arbeit als Beitrag zu einer aufgeklärten und fortschrittlichen sexuellen Kultur, zu selbstbestimmtem sexuellen Lernen und zu mehr Lebensqualität im Sinne der WHO-Definition von „Sexueller Gesundheit“.“

Sie berufen sich auf die Seriosität, Ausbildung und quasi therapeutische Wirksamkeit ihrer Arbeit. Der Gesetzgeber habe evtl „übersehen“, dass ihre „…Berufsgruppe nicht zu anvisierten Zielgruppe (gehöre)“ und stellt klar: „Ihre Angehörige bedürfen des Schutzes durch das neue Gesetz nicht“. Wer diesen Schutzes bedürfen würde, bleibt unklar: wahrscheinlich die „ungelernten“ und „unfreiwilligen“ Sexdienstleister, von denen in der Stellungnahme häufiger die Rede ist, die aber nicht näher beschrieben sind. Mit ihnen in einem Atemzug genannt, fühlen sich die Tantramassseur*innen …in ihrem Bemühen verkannt und torpediert, ihrer wichtigen, wirksamen und wertvollen ganzheitlichen Arbeit am Menschen eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu geben.“

Ich finde, es ist legitim, in der gegebenen Situation seine Felle ins Trockene zu bringen. Das Gesetz ist schädlich, und es wird uns viel kosten, und jedem, der sich irgendwie aus seinem Griff befreien kann, gratuliere ich von Herzen.

Leider halte ich die Strategien nicht nur für aussichtslos, sondern auch ideologisch und politisch falsch. Sie sind kurzsichtig, unsolidarisch und ärgern mich maßlos.
Bei dem Versuch, sich unter dem Radar des reaktionären Gesetzes wegzuducken, begehen diese Kolleg*innen einen hässlichen, opportunistischen Fehltritt. Ihre Argumentationen entspringen dem gleichen menschenverachtenden Menschenbild, das dem Gesetz zugrunde liegt. Sie verstärken das Stigma, indem sie auf die populistischen, schlampig recherchierten Narrative von sprachlosen, geschundenen weiblichen Opfern zurückgreifen, die nicht wissen, was sie tun. Oder die wissen, was sie tun, aber das ist etwas Minderwertiges. Auch wenn unklar ist, wer „die“ sind, und was „die“ machen, dient die Konstruktion dazu, sich selbst wieder im rechten Lichte bürgerlicher Legitimität glänzen zu sehen.

Dabei ist im Gesetz genau festgelegt, was eine sexuelle Dienstleistung ist. Es bedarf weder des Geschlechtsverkehrs, nicht einmal der genitalen oder überhaupt körperlichen Berührung(* Zitat s.u.) Tantramassagen fallen klar unter die Prostitions-Definition des Gesetzes. Das geht auch aus dem Rechtsgutachten von Maria Wersig hervor.

In einem Absatz im Gesetz wird erläutert, warum sich die auch die vermeintlich qualifizierteren, gebildeteren Tantriker „Prostituierte“ nennen lassen müssen: „sexuelle Dienstleistung“ wird gleichbedeutend mit „Prostitution“ verwendet.

Ich verstehe das Unbehagen. Prostituierte nennt sich niemand gern. Niemand. Auch nicht diejenigen, die scheinbar so eindeutig welche sind. Die Anderen. Prostituierte nennt man sich nicht stolz und selbstbestimmt oder auch nur beiläufig wie „Kassiererin“ oder „Kartenabreißer“.

Prostituierte will sich deshalb niemand nennen, weil wir stigmatisiert sind. Der Ursprung des Stigmas ist eine tiefe Sexualfeindlichkeit und eine patriarchale Gesellschaftsordnung. So einfach ist das. Und so ätzend.

Die einzige Form, wie wir Stigma entgegentreten können, ist konsequente Solidarität unter und mit Sexarbeiter*innen. Wir sind verschieden, wir bieten unterschiedliche Dienste an, kommen aus diversen Hintergründen, arbeiten in einer Bandbreite von Preisklassen und Etablissements, für einige Zielgruppen mit facettenreichen Geschäftsmodellen. Die Unterschiede sollen benannt werden, so wird die Bandbreite sexueller Dienstleistungen sichtbar und wir können ein realistisches Bild von Sexarbeit in der Gesellschaft verankern. Sexarbeit verdient Respekt, aus unterschiedlichsten Gründen.

Wir sind verschieden, aber wir arbeiten alle mit Sexualität. Sexualität ist ein Tabu, und wir werden es immer mit konservativen Kräften zu tun haben, die uns Bedingungen stellen und definieren wollen, welche Sexualität(en) legitim sind und welche nicht. Es hilft nicht, wenn wir dem Tabu, das auf Sexualität lastet, begegnen, indem wir behaupten, das was wir tun, sei entweder kein oder höherwertiger Sex.

Wenn „gesund“ und „gebildet“ oder auch „künstlerisch“ jetzt die neue sexuelle Moral wird , dann ist das schlecht. Wenn nur noch ausgebildeter oder gesundheitsfördernder Sex legitim ist, dann ist das Rückschritt. Das ist Backlash.

„Gesundheit“ als Kriterium für richtige und falsche sexuelle Praxis einzuführen, geht gar nicht. Zu definieren, was „sexuell gesund“ ist, im Gegensatz zu gesundheitsschädlich oder krank, ist eine Unterscheidung, die in faschistoiden Kontexten zuhause ist. Die kranken, schmutzigen Frauen, Huren und Schlampen, also Prostituierten und promiskuitive Frauen, aber auch Schwule, Lesben und andere sexuell „Abnorme“ wurden in Psychiatrien, Krankenhäuser und Gefängnisse verschleppt und sicherten so das reinliche Selbstverständnis einer bürgerlichen Elite.

Einen Rückfall in dieses Denken können wir uns nicht leisten. Wenn die Agenda heißt, sich für eine sexuelle Kultur einzusetzen und im weitesten Sinne für Befreiung, dann ist das nicht die Befreiung einer bürgerlichen Elite mit „gesundem“ Sex.

Sexarbeit kann ein Ort sexuellen Lernens sein, und Genuss ist heilsam, davon bin ich überzeugt. Ich berate Menschen, begleite aber ganz konkret und praktisch in die Lust oder lasse mich berühren. Intimität öffnet Entwicklung. Das ist grundlegend, auch wenn unsere Arbeitsplätze, Arbeitsweisen , unsere persönlichen Grenzen und Methoden in der Sexarbeit unterschiedlich sind.
Das Magische an Sexarbeit ist für mich, dass die Parameter von Genuss, Heilung, Therapie, Geilheit, Entdecken und Lernen ineinander übergehen können und manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind. Das anarchische Moment, das ich in jeder Session erlebe, der freie Raum, der in der Begegnung zweier Menschen entsteht, wenn sexuelle Kommunikation möglich ist- das ist es, was mich interessiert.Das kann transformativ sein oder meditativ, emotional oder einfach sexy. So ist Sexualität, sie berührt nun einmal viele Facetten des menschlichen Seins.

Diese Anarchie, die dem Sexuellen innewohnt, muss erhalten bleiben. Sex und Intimität lassen sich nicht kontrollieren, das gehört zu ihrem Wesen, und das ist gut so. Das ist beängstigend, und unter anderem deshalb schielen wir auch so ängstlich auf „die Prostituierten“. In diesem scheelen, angeekelten und faszinierten Blick verbirgt sich auch tiefe Angst und Abscheu vor dem Sexuellen. Die Berührungsangst ist natürlich auch eine Klassenfrage; die unfreiwilligen Opfer, mit denen wir pflichtbewusst Mitleid haben, müssen anders sein als wir. Sie kommen von woanders, sie haben mit uns nichts zu tun. Aber vor allem ist es die Angst vor einer verrohten, entgleisten, (weiblichen) Sexualität.

In dieser Mischung aus sexueller Verklemmung und bürgerlichem Dünkel entstehen Bücher wie zuletzt „Rotlicht“ von Nora Bossong. Ein Buch, das unterirdisch schlecht recherchiert ist und schon nach wenigen Seiten langweilt, weil die Aufgeregtheit der Autorin, überhaupt irgendetwas zu sehen, was anders aussieht als ihre Blümchenbettwäsche im heimischen Schlafzimmer, unfassbar auf die Nerven geht.

Wenn wir in dieser Verklemmung verweilen, während wir für sexuelle Befreiung eintreten, wird sich nichts bewegen. Es geht um nichts weniger als um eine sexpositive Kultur.
Dafür braucht es Bekenntnisse. Stigma bekämpfen heißt öffentlich Stellung beziehen und protestieren. Keine opportunistischen Auswege suchen. Es heißt, die Definitionen an sich zu reißen, sich anzueignen und mit neuer Bedeutung zu füllen. Bahnbrechend wie die Slutwalks können wir auf die Straße gehen und stolz verkünden, dass wir tolle, wichtige, anspruchsvolle und glückspendende Arbeit machen – die für ALLE wichtig ist .

Deshalb: „Je suis une travallieur* du sexe“ ! Und Du?
_______________________________

Bei der Reflexion über das Thema, das mich sehr beschäftigt, war es unmöglich, alle Gedanken in einem Beitrag unterzubringen.

Es folgt also :

Teil2: Genuss, Pädagogik oder Therapie? Über sexuelles Lernen.
schon bald!!
Danke an Ulrike Zimmermann und K.M. für das bewegte Am-Thema-denken und Arbeit am Text sowie auch immerwährende Inspiratorin Mithu Melanie Sanyal , (Zitat am Schluss: “Je Suis…”)

(*) Zitat aus dem ProstSchGesetz, Definition “sexuelle Dienstleistung”

(…)„Mit dem Begriff „Sexuelle Dienstleistung“ wird der Gegenstand des Prostitutionsgewerbes beschrieben. Erfasst sind alle sexuellen Handlungen, die gegen Entgelt vorgenommen werden. Umfasst sind damit alle üblicherweise der Prostitution zugerechneten Formen sexueller Handlungen gegen Entgelt einschließlich sexualbezogener sadistischer oder masochistischer Handlungen, unabhängig davon, ob es dabei zu körperlichen Berührungen oder zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs zwischen den beteiligten Personen kommt. Nicht alle dieser unter den Begriff der sexuellen Dienstleistung fallenden Erscheinungsformen werden im allgemeinen oder milieutypischen Sprachgebrauch durchgängig als „Prostitution“ bewertet. Für die Zwecke dieses Gesetzes und dieser Begründung werden die Ausdrücke „sexuelle Dienstleistung“ und „Prostitution“ gleichbedeutend verwendet.”

Safe is scary – Huren stehen im Regen

Dieser Blogbeitrag stammt von Kristina Marlen:

Heute tritt das Prostituierten”Schutz”Gesetz in Kraft. Gedanken an einem traurigen Tag.

Vor etwas mehr als einer Woche war ich eine der glücklichsten Sexarbeiterinnen Deutschlands. Ich war Teil der „SexClinic“ , einer Performance von Dr. Annie Sprinkle und Beth Stephens auf der Documenta in Kassel.

In der „ Free Sidewalk Sex Clinic“ geben Sexratgeber*innen freie Beratung an das geneigte Publikum. Alle können kommen und dieses Angebot in Anspruch nehmen. Qualifizierte Ratgeber*innen sind zum Beispiel: Sexualpädagog*innen und -therapeut*innen, Pornodarsteller*innen, selbsternannte Heiler*innen, Stripper*innen, Dominas und andere Sexarbeiter*innen. Es handelt sich also um einen sehr breites Verständnis von „Expertise“ zum Thema Sex.
Eigentlich sollte die Aktion im Freien stattfinden, direkt vor dem sehr prominenten „Parthenon der verbotenen Bücher“, an dem Ort, an dem 1933 zensierte Bücher von den Nazis verbrannt wurden. Ein performativer (Sprech-) Akt der Befreiung, ein Kraftakt wider die Zensur.

Letztendlich fand wegen Gewitterwarnung die SexClinic im Inneren statt, im Fridericianum im „Parliament of Bodies“ – und der Ort, an dem sich einst ein totalitäres Regime versammelte und seine Beschlüsse verabschiedete, wandelte sich für drei Stunden in einen Raum, in dem frei, offen und voller Neugier über Sexualität verhandelt werden konnte.
Menschen kamen, hunderte, keine*r von uns hatte fünf Minuten Pause, so groß war der Bedarf der Besucher*innen, frei über Sex zu sprechen, zu fragen, sich mitzuteilen Das Forum des Fridericianums wurde zu einem Ort intimer Interaktion.

Ich könnte mich fast berauschen an diesen Akten der Fortschrittlichkeit, und zurück in Berlin wird wenige Tage später in einer Art sintflutlichem Überraschungsakt die Ehe für alle entschieden. Von Gegnerinnen als„Sturzgeburt“ kritisiert – ein passender Ausdruck für diese Mischung aus Wasserfall, der vom Himmel kam und innerer Erneuerung, die sozusagen sturzhaft auch konservative Ressentiments mit sich riss.
Ein Regenbogen hätte am 30. Juni diesen Jahres über Berlin erscheinen müssen, im unschuldigen Morgenlicht, rein und klar und von den Gött*innen der (LGBTIQ*) Befreiung gesandt, nachdem sie Berlin mit Überschwemmung gedroht hatten. Menschen fielen in Gullis, Lastwagen schwammen davon, Keller wurden geflutet und Kühe ertranken um Berlin – nur damit endlich auch Homos heiraten dürfen.

Wir haben es geschafft!

Ja, es gäbe etwas zu feiern, und ich würde es auch tun, wenn nicht in Berlin statt des Regenbogens über dem Bundestag immer noch Regen herabfiele, keine reinigend karthatische und spektakuläre Flut, sondern ausdauernd, nachhaltig nässend und überaus nervig, und in eben diesem Regen stehen ein paar ganz Widerständige, die, die nicht klein zu kriegen sind, mit ihren roten Schirmen, und protestieren gegen die Welle des Backlashs. Der erzkonservative Rollback erwischt uns eiskalt und klatschnass, und wir stehen da mit aufgerichteten Brustwarzen und Plakate tragend auf High Heels in Pfützen.

Sexarbeiter*innen protestieren auf verlorenem, durchnässten Posten gegen das ProstitutionsSCHUTZgesetz, das am 1 Juli in Kraft tritt. Die roten Schirme, das Symbol der Hurenbewegung, gibt uns mehr Schutz vor dem Wetter als vor dem vernichtenden Gesetz mit dem irreführenden Namen.
Dass das Gesetz dieser Tage in Kraft tritt, geht an der Öffentlichkeit vorbei. Einzig in den eigenen Reihen bricht auf einmal Unruhe aus und ich erhalte täglich aufgeregte Nachrichten von Kolleginnen: was heißt das jetzt? Ich muss mich anmelden? Mit meinem echten Namen? Soll ich das wirklich machen? Was passiert, wenn ich es nicht mache? Was passiert mit meinen Daten? An welche Stelle muss ich mich denn wenden? Und wer führt diese Gesundheitsberatungen durch? Was wissen die dann von mir? Wirst du Dich anmelden?

Diese Kolleg*innen sind: Tantramasseur*innen, Escorts, Dominas, Bizarrladies, Prostituierte.

Sie sind ansonsten Fitnesstrainer*innen, Ehefrauen, Student*innen, arbeitslos, in Ausbildung, haben Kinder, sind Büroangestellte, Übersetzer*innen, Künstler*innen.

Ich weiß nicht Antwort auf alle Fragen. Ich weiß nur eines: Während in Deutschland eine marginalisierte Gruppe einen Erfolg feiert, erlebt die andere einen Backlash und gerät in eine rechtliche Zeitschleife auf das Niveau 1930er Jahre.
Sexarbeiter*innen sind das neue LGBTIQ* – weiter geht es in den erbitterten Ausenandersetzungen um die Frage, welche Sexualität(en) wir legitim erachten, wenn sie nicht der Reproduktion dienen, welche sexuellen und welche Sprech-Akte stattfinden dürfen und durch wen legitimiert, wer wem Rechenschaft ablegen muss, wer kontrolliert, katalogisiert, erfasst, reglemeniert und limitiert wird und von wem.

Ab heute müssen Sexarbeiter*innen sich registrieren lassen, mit ihrem bürgerlichen Namen und in allen Gemeinden, in denen sie arbeiten oder in Zukunft arbeiten werden. Deutschland hat dann das ersten Mal seit dem Naziregime wieder eine „Hurenkartei“. Für alle, die sich nicht anmelden können oder wollen, sei es wegen eines prekären Aufenthaltsstatus, aus Angst vor Behörden oder wegen der Unmöglichkeit, sich zu outen (Familie, Kinder, Beruf)- bedeutet das den Entzug der finanziellen Lebensgrundlage. Oder: den Gang in die Illegalität- und damit in einen gänzlich ungeschützten und rechtsfreien Raum.

Obwohl es bereits kostenfreie und anonyme Beratungen gibt, die auch genutzt werden, werden nun verpflichtende Gesundheitsberatungen eingeführt und den sogenannten „Hurenausweis“ – den die betroffene Person bei der Arbeit immer mit sich führen muss. Ein solcher Ausweis ist stigmatisierend und gefährdet ihre Besitzer*innen, denn er kann jederzeit dazu führen, dass die berufliche Tätigkeit der Person unfreiwillig sichtbar wird.
Bordellbetreiber*innen sind angehalten, ihre Mitarbeiter*innen zu kontrollieren, alle Schritte regelgerecht einzuhalten. Das heißt, es ergibt sich auch hier ein Zwang zur persönlichen Offenbarung.

Es wird eine Erlaubnispflicht für Bordellbetriebe geben und massiv höhere Auflagen. Sie dürfen sich nicht mehr in Wohngebieten befinden und es gibt erschwerende bauliche Voraussetzungen. Für viele kleinere Bordelle, bedeutet dies aus finanziellen Günden das Aus. Doch sind es gerade diese Bordelle, die oft von Frauen geführt werden oder ein Zusammenschluss von Sexarbeiter*innen sind. Für die Großbordelle hingegen dürfte es kein Problem darstellen, die Auflagen zu erfüllen.
Hinzu kommt: Prostitutions- “Schutz“ – Gesetz ist die Kondompflicht festgelegt. Unklar, wie diese kontrolliert oder durchgesetzt werden soll, ist sie zunächst einmal eine haarsträubende Entmündigung und ein Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung.

Man muss nicht Foucault bemühen um zu konstatieren:

Das neue ProstitutionsSchutzGesetz ist Scheiße.

Es verletzt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es diskriminiert. Es stigmatisiert. Es bringt Sexarbeiter*innen in gefährliche Lebenslagen. Es entzieht vielen die finanzielle Grundlage oder zwingt sie in die Illegalität. Es ist migrationsfeinlich und rassistisch. Es ist sexualrepressiv. Es verletzt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Es ist einfach mal wirklich das Allerletzte. Es ist ein Rückschritt es ist ein Schlag ins Gesicht einer stigmatisierten Gruppe, zu deren Alltag ohnehin Gewalterfahrungen gehören.

DANKE FÜR NICHTS, würde ich an dieser Stelle an einem Rednerpult ungehalten schreien, würde irgendwer Sexarbeiterinnen im Bundestag anhören.
Meine Hoffnung, dass dies jemals der Fall sein könnte ist unter den Nullpunkt gesunken, etwa auf Höhe unseres überschwemmten Kellers.

Die Motivation der Huren und ihrer Unterstützer*innen befindet sich zur Zeit ebenfalls auf diesem Pegel. Seit Jahren kämpfen wir uns ehrenamtlich die Seele aus dem Leib, stets neben unserer nicht immer einfach strukturierten, selbständigen Erwerbstätigkeit, zum Teil mit Doppelleben und auf die Gefahr hin, in der „Emma“ zwangsgeoutet zu werden.
Gegen das Gesetz haben sich nicht nur die Hurenorgansiationen und Beratungsstellen ausgesprochen, sondern auch die Deutsche Aidshilfe, der Deutsche Frauenrat, der Deutsche Juristinnenbund, die Gesellschaft für STI und die Gesundheitsämter – alle haben Stellungnahmen abgegeben, aus denen hervorgeht, dass das Gesetz keine Maßnahme enthält, die die Lebensbedingungen von Sexarbeier*innen verbessert. Keine.
Warum dann?, werde ich gefragt. Als hätte ich das Gesetz erlassen. Dummheit? Unkenntnis? Fang nach Wähler*innenstimmen? Angst?

Angst halte ich für einen validen Grund. Angst macht irrational, das ist oft so. Das Prostituiertenschutzgesetz ist ein Bollwerk der bürgerlichen Gesellschaft gegen Eindringlinge, gegen störende Objekte. Lose Dinger, sexuell freizügige Weibsbilder, Schlampen, Migrant*innen, Fremde. Ängstliche, ahnungslose Intellektuelle schreiben beleidigende Bücher über das „Rotlicht“ und die Menge, die sich gern gruseln will, kauft und geifert geil. Das Bürgertum bemitleidet pflichtbewusst die Zwangsprostituierten und gibt sich ansonsten liberal.

Dass hier im Gewande des Schutzes wieder einmal ein Eingriff in die Grundrechte stattgefunden hat, dass wieder einmal sexuelles Anderssein geahndet wird, in einen Dschungel der Ordnungswidrigkeiten verbannt, weit, weit weg vom sauberen, sicheren bürgerlichen Selbstverständnis, das bleibt getarnt.
Prostitution, das hat nichts mit uns zu tun, das sind „die Anderen“. Es sind nicht unsere Männer, die ins Bordell gehen, und es sind nicht unserer Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Geschwister, Mütter und Freund*innen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten.
Sexarbeit findet in der Mitte der Gesellschaft statt. Das darf nicht wahr sein, um keinen Preis.
Deshalb brauchen wir „Schutz“.

Dass Annie Sprinkle und Beth Stevens mit ihrer Arbeit auf der Documenta sein konnten, ist ein Politikum. Es bedeutet eine Anerkennung ihrer Arbeit als Künstlerinnen, aber es greift darüberhinaus auch die Frage auf, wie offen, wie expizit und wie direkt die Kommunikation über Sexualität in unseren Gemeinschaften sein darf. Welche Bilder, welche Filme, welche Worte, welche Praktiken, welche Berührungen , welche Dialoge erachten wir als legitim und wo?In welchen Räumen ist was erlaubt und wer darf sprechen?
Auf der Documenta ist dieses Jahr über dem Eingang des Fridericianums der Schriftzug ersetzt worden. Wenn man hinein möchte in das „Parlament der Körper“, dort, wo sonst in Stein gemeißelt „Fridericianum“ steht, liest man nun in gleicher Schrift:

„Being safe is scary“.

Man fragt sich, ob der Künstler * vom Prostitutionschutzgesetz gewusst hat.

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Danke für die Unterstützung bei der Arbeit am Text: K.M. und Mithu Melanie Sanyal

Schrei nach Strafe – Von Moralgesetzgebung und imaginären Ängsten – Eindrücke der Strafverteidigertage in Bremen

Dieser Beitrag stammt von Johanna Weber.

Ich war eingeladen als Referentin auf den Strafverteidigertagen. Der klangvolle Name dieser drei Tage war: „Schrei nach Strafe“. Zum Zeitpunkt der Einladung wusste ich dieses Motto noch nicht so recht einzuordnen. Der Schrei nach Strafe deckte sich dann aber zu 100% mit meinen politischen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Gesetzgebung rund um die Sexarbeit.

2.Kongress-Tag: AG2-Sexualstrafrecht.
Ich selbst war eine der Referentinnen, aber um mich und das ProstSchG (ProstituiertenSchutzGesetz) ging es nur am Rande. Und das war auch völlig OK.
Es ging um die Reform des 177, wie in diesem Zusammenhang vom §177 StGB gesprochen wurde. Für alle Nicht-Juristen und alle, die zufällig das Strafgesetzbuch nicht zur Hand haben, es geht um „Nein heißt Nein“.
Auch hier, wie im ProstituiertenSchutzGesetz, zeigt sich deutlich wie „gut gemeinte“ Änderungen und Neuerungen die Situation der Betroffenen nicht verbessern, sondern sehr wahrscheinlich verschlechtern werden. Die Opferrechte werden nur scheinbar optimiert.
Ich möchte auf die Details jetzt nicht weiter eingehen, denn da knüpfe ich mir auf jeden Fall einen Strick. Insgesamt war die AG2 nur eines der Themen, welches das Ergebnis von momentaner in Deutschland vorherrschender Regelungswut und schnell geknüpfter Gesetzesflut ist.
Mit was sie sich Strafverteidiger im Moment rumschlagen ist die Gesetzesflut der Bundesregierung. Mir war überhaupt nicht klar, wie weit der momentane Regulierungswahn reicht, denn ich sitze ja auch in meinem Glaskasten und sehe nur die Regelungen für und gegen Sexarbeitende.
Ich habe gelernt, dass Moralgesetzgebung nicht nur unsere Branche betrifft, und dass die imaginären Ängste des Volkes mit immer abstruseren Gesetzen und Verboten bekämpft oder ruhig gestellt werden. Das Strafgesetzbuch als Moralkeule und Hort von konservativen Wertvorstellungen. Und es ist ja billiger ein neues Gesetz zu machen, als an echten Lösungen zu arbeiten.

Fasziniert hat mich, mit was für einer Vehemenz und Leidenschaft die Diskussionen geführt wurden. Die Herren und Damen Juristen sind wirklich in ihren Grundfesten erschüttert. Und das hat mir Mut gemacht, denn ich hatte mich schon gefragt, ob ich denn nicht ganz dicht in der Birne bin, weil ich diese politischen Bestrebungen nach immer Detail verliebteren Gesetzen höchst fragwürdig finde.

Dazu möchte ich jetzt einfach meinen Twitterstrang, den ich am 3.Tag auf der sehr inhaltsschweren und großartigen Abschluss-Diskussion mitgetweetet habe wiedergeben. www.twitter.com/Johanna_Weber_

#stv41
Angst wird in Gesetzen verarbeitet. Für die allgemeine Sicherheitslage verändert sich nichts

#stv41
Schrei nach Strafe: Expertenwissen und Rationalität bekommt eine untergeordnete Bedeutung

#stv41
Schrei nach Strafe: Kriminalität wird manchmal auch politisch geschaffen

#stv41
Schrei nach Strafe: Rechtsflut macht Bürger unmündiger – nicht mehr miteinander reden, sondern klagen

#stv41
Schrei nach Strafe: Das Verschwimmen zwischen Strafrecht und Ordnungsrecht

#stv41
Schrei nach Strafe: Ist das noch Strafrecht oder verkleidetes Polizeirecht?

#stv41
Gefühlsgesteuerte Politik sorgt für „Schrei nach Strafe“

#stv41
Von wissenschaftlicher Beratung oder Rationalität ist Gesetzesflut weit weg – Furcht vor irrationalen Bedrohungen

#stv41
Strafrecht dient als Spielwiese für den Wahlkampf – Wahrheit ist nur noch Ansichtssache

#stv41
Verlangen nach Strafhärte ist Antwort auf ein diffuses Unsicherheitsgefühl

#stv41
Neue Gesetzesflut bricht sich in der Praxis an der Wirklichkeit

#stv41
Der Staat erlässt eine Flut neuer Gesetze und tut nichts, damit sie auch umgesetzt werden können

#stv41
Immer abstraktere Rechtsgüter werden geschützt.

#stv41
Irrationale gesellschaftliche Bedürfnisse werden in Gesetzen verarbeitet, denn das kostet nichts

#stv41
Es werden Schutzgesetze gemacht ohne erkennbares Konzept und Sinn

#stv41
Stimmungslage in Deutschland – Inflation des Strafrechts im Alltäglichen durch abstrakte Gefährdungsdelikte

#stv41
Schrei nach Strafe: Warum macht der Bundestag so was mit? Suggestion von Sicherheit

#stv41
Schrei nach Strafe: Es ist eine gesellschaftliche Diskussion zu dem Thema nötig

Es endete mit:
#stv41
Schrei nach Strafe: wir müssen eine Utopie entwickeln – nicht einen repressiven Ansatz des Strafrechts

LINK -> www.strafverteidigervereinigungen.org

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TERMIN:
nächster Strafverteidigertag am 2.-4.3. in Münster
-> sehr wahrscheinlich geht es um
die Entrümpelung des Strafrechts

Selbstständig in der Sexarbeit

Dieser Text wurde uns von unserem Mitglied & Vorstand ©Josefa Nereus zur Verfügung gestellt.

Die wenigsten Menschen wissen, dass du als Hure selbstständig bist. Das bedeutet, dass du wie alle anderen Selbstständigen auch Steuern, eine Krankenversicherung usw. zahlen musst.

Vor allem, wenn du der Sexarbeit hauptberuflich nachgehst bedeutet das, dass du im Monat ca. 3.000 – 3.500€ einnehmen MUSST! Und das ist nicht wirklich viel für einen Selbstständigen!

Du zahlst min 350€ für eine gesetzliche Krankenversicherung und ähnlich viele Steuern, vielleicht sogar einen Steuerberater. Allein damit hast du schnell 1000€ im Monat ausgegeben, aber noch keine Wohnung, kein Essen und erst recht keine weiteren Sozialleistungen, wie Rente oder Arbeitslosenversicherung. Du musst auch Werbung machen und evtl. Räume mieten oder Equipment für den Job kaufen.

Es ist utopisch, dass du 12 Monate arbeitest. Jeder braucht Urlaub, jeder wird krank, also rechne damit, dass du nur 10 Monate im Jahr arbeiten kannst. Ob du auch 10 Monate im Jahr Arbeit hast, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Du brauchst die Nerven um es auszuhalten, dass dein Telefon einem Monat lang nicht klingelt und du bei Krankheit abschaltest und dich aufs Gesund werden konzentrierst. Wahrscheinlich wird beides hintereinander kommen… Dann anzufangen und zu überlegen, vielleicht sollte ich den doch annehmen obwohl ich ein schlechtes Bauchgefühl habe, vielleicht geh ich doch zum Date, obwohl ich Schmerzen habe, all das wird dir über kurz oder lang das Genick brechen. Als Selbstständiger brauchst du einen Puffer, der 2-3 Monate reicht, am besten bevor du anfängst! Und jeden Monat sollten ein paar Hundert Euro zurückgelegt werden, da du ja nicht in die gesetzlichen Kassen einzahlst und irgendwann willst du vielleicht auch mal Rentnerin sein, oder du möchtest ein Haus oder, oder, oder…

Egal ob Sexarbeiterin oder „solide“ Arbeitende: Wer sich selbstständig machen möchte, sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen und auf jeden Fall mit einem Puffer starten. Überleg dir einfach, ob du das wirklich auf die Beine stellen kannst oder du mit einem netten Teilzeitjob vielleicht besser fährst. Die Anforderungen und der Stress als Selbstständige sind nämlich nicht ohne.

Der Kleine Prinz und die Prostitution

Dieser Text wurde uns von unserem Mitglied ©Lady Tanja zur Verfügung gestellt.  www.lady-tanja-hamburg.de

Eines Tages kam der kleine Prinz auf einen merkwürdigen Planeten. Er war ganz in schwarz und rot gehüllt, und sah sehr düster aus. Der kleine Prinz fürchtete sich ein wenig. Auf einem großen Thron – ebenfalls in schwarz und rot – saß eine Frau. Sie war ganz in Leder gekleidet (natürlich auch in schwarz), ihre Augen waren mit schwarzem Kajal geschminkt, die Lippen knallrot, und in der Hand hielt sie einen langen, dünnen Stock aus Bambus. Um sie herum lagen viele merkwürdig anmutende Instrumente, deren Bedeutung sich dem kleinen Prinzen nicht erschloß.

Er sah Leder und Stahl, Seile, Ketten, Pranger,  Nadeln, Trichter, Masken, Karabiner und Peitschen. Es gab auch große Möbelstücke…ein Bett, ein Kreuz, ein Bock…alles versehen mit vielen Ösen und Haken. Die Frau auf ihrem Thron winkte den kleinen Prinzen mit einer herablassenden Geste zu sich heran. Verschüchtert und ängstlich fragte der kleine Prinz:

„Bist Du eine Prostituierte?“

„Natürlich nicht“ antwortete die Lederfrau empört. „Ich bin eine Domina“.

„Was macht eine Domina?“ fragte der kleine Prinz.

„Ich demütige und schlage Männer“ erklärte die Domina mit harter Stimme. „Männer sind meine Sklaven. Sie kriechen vor mir und küssen meine Stiefel“.

Der kleine Prinz war irritiert: „Warum machen die Männer das?“

„Weil es sie erregt“ antwortete die Domina ungeduldig. „Wenn ich mit der Behandlung fertig bin, dann dürfen die Sklaven vor mir kommen“.

Nun war der kleine Prinz noch verwirrter. „Das ist Sex“, rief er aus. „Dann bist Du ja doch eine Prostituierte“.

Die Domina war verärgert. „Nein! Niemals“ rief sie. „Prostituierte lassen sich anfassen. Sie zeigen ihre Geschlechtsteile und schlafen mit den Männern. Ich hingegen bin unberührbar. Denn ich bin eine Domina.“

„Wo finde ich denn eine Prostituierte?“ wagte der kleine Prinz eine letzte Frage.

„Auf dem Planeten dort hinten“ sagte die Domina. „Dort, wo es orange und hell leuchtet“.

Der kleine Prinz bedankte sich und verließ den schwarz-roten Planeten. Er war froh, der bösen Frau entkommen zu sein und freute sich auf den hellen Planeten, auf dem er eine Prostituierte finden würde.

Auf dem hell orange leuchtenden Planeten war es viel wärmer und schöner als bei der Domina. Überall standen kleine lächelnde Buddha-Statuen herum. Es gab viele Vasen mit blühenden Orchideen, und auf dem ganzen Planeten flackerten Kerzen und Teelichter. Es gab einladend dekorierte Betten, mit schönen Stoffen und Kissen. Hier gefiel es dem kleinen Prinzen sehr und er hoffte sehr, nun eine Prostituierte zu finden. Auf einem der Betten saß eine freundlich lächelnde Frau im Lotussitz, bekleidet mit einem Kimono. Als der kleine Prinz näher kam, verbeugte sie sich und sagte „Namaste“.

„Hallo“ antwortete der kleine Prinz. „Bist Du eine Prostituierte?“

„Nein“ sagte die lächelnde Frau. „Ich bin eine Tantra-Masseurin“.

„Was ist eine Tantra-Masseurin?“ fragte der kleine Prinz.

Freundlich, geduldig und immer noch lächelnd, sagte die Kimono-Frau: „Tantra ist eine Strömung innerhalb der indischen Philosophie und Religion, entstanden als zunächst esoterische Form des Hinduismus und später des Buddhismus. Die Ursprünge des Tantra beginnen im 2. Jahrhundert, in voller Ausprägung liegt die Lehre jedoch frühestens ab dem 7./8. Jahrhundert vor. Im Buddhismus ist auch der Begriff Tantrayana gebräuchlich. Das Wort Tantra wird manchmal von der Sanskrit-Wurzel tan ‚ausdehnen‘ abgeleitet. Tantrismus bedeutet somit auch allumfassendes Wissen oder Ausbreitung des Wissens.“

Der kleine Prinz verstand kein Wort: „und warum brauchst Du dann das Bett?“

„Auf dem Bett finden meine Tantra-Massagen statt. Das Ziel einer solchen Massage ist  eine spirituelle Erfahrung und umfasst meist auch die Massage der weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlechtsorgane, wofür die Bezeichnungen Yoni- und Lingam-Massage verwendet werden, sowie die Massage des Analbereiches und der Prostata.“ sagte die Tantra-Masseurin.

„Das ist Sex“ rief der kleine Prinz. „Dann bist Du ja doch eine Prostituierte“.

„Nein, niemals“ antwortete die lächelnde Frau sanft. „Prostituierte schlafen mit den Männern. Ich hingegen massiere das Geschlechtsteil nach festgelegten Ritualen. Das ist keine Prostitution“.

„Aber wo finde ich denn nun eine Prostituierte?“ fragte der kleine Prinz enttäuscht.

Die lächelnde Tantra-Masseurin zeigte auf einen nahen Planeten, der von Ferne sehr edel und elegant aussah. „Dort sind Prostituierte“ sagte sie. Der kleine Prinz bedankte sich und machte sich auf den Weg zum nächsten Planeten.

Als der kleine Prinz den dritten Planeten betrat, hörte  er leise klingende, wunderbare klassische Musik. Er sah einen perfekt gedeckten Tisch: Auf dem edlen Tischtuch lagen kunstvoll gefaltete Stoffservietten, es gab poliertes Silberbesteck, Porzellan und Kristallgläser. Die Frau, die dort saß, trug ein elegantes Abendkleid. Schlicht und teuer zugleich. Ihr Make-up und ihre Frisur waren perfekt, ihre Garderobe auch. Mit einer anmutigen, formvollendeten Geste hob sie das Kristallglas, in dem Champagner perlte.

„Bonjour, mon petit prince“, sagte sie mit leiser, warmer Stimme.

„Äh, äh, Bonjour“ stammelte der kleine Prinz, ganz hingerissen von dieser strahlenden Schönheit.

„Do you want to have a drink with me?“, fragte die perfekte Frau.

Der kleine Prinz staunte. Zweisprachig war er bisher noch nicht empfangen worden.

„Wie gehen die Geschäfte?“ parlierte  Mrs. Perfect weiter.

Vorsichtig näherte sich der kleine Prinz und betrachtete voller Staunen dieses Wunderwesen.

„Bist Du eine Prostituierte?“ fragte er.

„Natürlich nicht“, sagte die perfekte Frau. „Ich bin eine Escortdame“.

„Was ist eine Escortdame“? fragte der kleine Prinz.

„Als Escortdame begleite ich den solventen Geschäftsmann zum Essen, ins Theater oder in die Oper. Ich habe eine hohe Allgemeinbildung, spreche mehrere Sprachen, kenne mich sowohl mit Börsendaten und Pferderennen wie auch mit den Klassikern der Weltliteratur aus. Ich besuche Vernissagen und verkehre nur in den teuersten Hotels. Zur Zeit studiere ich Poltikwisschenschaften“.

Der kleine Prinz war sprachlos.

„Aber, aber“ stotterte er, „Du schläfst doch auch mit den Männern, oder nicht?“.

„Ja“, sagte die Escortdame. „Aber ich bin natürlich keine Prostituierte, sondern eine elegante Begleiterin auf hohem Niveau. Das betrifft natürlich auch meinen Stundenlohn. Von mir wird weitaus mehr verlangt als kunstvolle Bettakrobatik.“

Der kleine Prinz kam aus dem Staunen gar nicht heraus.

Mrs Perfect fuhr fort, während ihre weißen, geblechten Zähne im Kerzenschein funkelten: „Prostituierte verkehren in heruntergekommenen Kaschemmen oder Sexclubs, stehen an Straßenecken und bedienen die Freier für ein Taschengeld“.

Sie zeigte auf den nächsten Planeten: „Dort findest Du Prostituierte“, sagte sie und trank noch ein Schlückchen Champagner…

Wie es wirklich aussieht, wenn Sex dein Job ist!

Ein Arbeitsalltag einer Hure

Was macht man als Sexarbeiterin an einem Arbeitstag? Wie viele von euch denken, der Job besteht aus Rumsitzen, die Beine breit machen und sonst nix?

Würde es nur ein Fingerschnippen erfordern um sexwillige Männer in mein Bett zu bekommen, wäre ich inzwischen eine schwer reiche Frau. Leider bekomme ich auf diese Weise keine Männer in mein Bett, weder privat noch beruflich. Willkommen in der Realität, in der Huren sich aktiv um ihre Kundschaft bemühen müssen!

Sex sells … Sex?

Es gibt Werbeplattformen, Communities und Netzwerke, auf denen mit erotischen Dienstleistungen aller Art geworben wird und sie sind bereits voll mit unzähligen bunten Angeboten von Konkurrentinnen. Wie schaffe ich es, hier für meine Zielgruppe sichtbar zu werden? Was kann und was möchte ich anbieten? … und womit davon erreiche ich Interesse? Diese Fragen müssen immer wieder aufs neue in Fotos, Texten und Profilen vermittelt und vom richtigen Adressat gefunden werden.

Es hört sich einfach an, aber mit diesen Antworten kann sich jeder einen sicheren Rahmen schaffen. Man muss sich ein Bild von dem Menschen machen, den man erreichen und von sich überzeugen möchte.

Gelingt es nicht, die Vorstellungen in reale Treffen umzusetzen, bedarf es einer Überarbeitung. Trial and error, bis man die Gäste findet, die zu einem passen oder sich eingesteht, dass man diese Aufgabe nicht bewältigen kann!

Ring … Sorry, ich muss mal kurz ans Telefon gehen …  

Das Telefon, eines meiner wichtigsten Werkzeuge einer Hure. Jeder von den 0 bis zu 50 Anfragen täglich kann dazu führen, dass ich für tollen Sex bezahlt werde oder ich meine Zeit mit einem Trottel verschwende. Eine Entscheidung, die ich mit höchster Konzentration, voller Aufmerksamkeit und einem aufgeschlossenen Wesen treffen muss. Mit Menschenkenntnis und kommunikativem Geschick entlocke ich meinem fremden Anrufer seine intimsten sexuellen Wünsche und entscheide, ob und wie eine Umsetzung davon mit mir möglich ist. Wie ich das anstelle und mich dabei zu 100% auf meine Fähigkeiten verlasse? Ich höre meinem Gegenüber wirklich sehr, sehr, sehr aufmerksam zu. Es geht auch, aber nicht nur, darum, was er wie sagt. Viel mehr achte ich darauf, was seine Worte in mir auslösen. Die meisten Anrufer bringen mich zum lächeln und ich habe Interesse sie kennenzulernen. Empfinde ich aber Unbehagen oder Abscheu bei seinen Worten, beende ich das Telefonat, ohne einen Termin vereinbart zu haben. Keine Frage, manche werden respektlos und widerlich, wenn sie abgewiesen werden und mancher Anrufer braucht gar keinen Grund, um unangenehm zu werden. Doch ich habe diese Typen am Telefon: Auflegen, Nummer blocken und niemals mehr von ihnen hören! Nur wer einen angenehmen Eindruck hinterlässt, wird eingeladen sich zu nähern.

Dann kommen wir jetzt zum vögeln?

Egal wo man sich trifft, es geht immer darum, einen sichere und angenehme Atmosphäre zu kreieren und zu erhalten. Dieser Raum ist nicht dafür da, uns von Gästen weitmöglichst zu distanzieren, sondern sie dorthin einzuladen. Wir führen offene Gespräche, erfahren von den intimsten Gedanken, Wünschen und Bedürfnissen. Mit viel Feingefühl, Geduld und Toleranz arbeiten sich Huren an Fragestellungen heran, bei denen Sexblogs, Ärzte und der Tratsch hinter vorgehaltener Hand aufhören. Wie bereite ich einem Mann Lust, dessen Penis nach Krebskrankheiten nicht mehr funktioniert? Was wünscht sich ein Ehepaar von mir in ihrer silberne Hochzeitsnacht? Oder wie funktioniert eine erotische Vorliebe für Kleidung einer vergangenen Dekade?

Früher habe ich solche Begegnungen gemieden und bin schnellen Fußes abgehauen. Doch mit der Zeit interessierte es mich, was sich dahinter verbirgt und welche Formen Sexualität annehmen kann. Ich arbeite gerne an den Antworten und verschaffe mir und anderen inspirierende Momente. Dabei erweitert sich der Horizont und das Können. So gibt es in der Branche Felatiokünstler, ebenso wie Kuschelspezialisten und Motivationsgenies, die Menschen wundervolle individuelle Momente verschaffen können.

An diesem Abend nach drei Gästen, zwölf Telefonaten und neunzehn E-Mails, mache ich ein kleines Päuschen, denn weitere Aufgaben warten bereits ungeduldig: Steuern, Wäscheberg und ich muss mal wieder Fotos von mir machen lassen … das Telefon klingelt. Es ist kurz vor 20 Uhr …

Es ist mehr Arbeit, als ich es mir zu Beginn je ausdenken konnte und die Risiken des Kleinunternehmertums nagen in diesen Tagen. Dennoch bin ich froh, dass ich es mich getraut habe. Meine Arbeit macht mich zufrieden, denn ihre Anforderungen passen mit meinen Stärken zusammen. Ich bin begabt darin, Menschen in meinen Bann zu ziehen und sich gut fühlen zu lassen. Daneben besitze ich ein gutes Gespür für Sexualität und was ich mit wem machen will und kann. Dabei habe ich keine Scheu sie abzuweisen, wenn ich merke, dass wir nicht harmonisieren. Gleichzeitig bin ich belastbar und habe genug Durchhaltevermögen, um die Selbstständigkeit zu managen. Die eigene Persönlichkeit und die eigenen passenden Voraussetzungen entscheiden über Fluch und Segen in der Sexarbeit!

Stigmatisierter Spaß

Vor etwa 6 Jahren habe ich noch als Erotikmasseurin gearbeitet. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, fehlt mir am meisten die Kollegialität im Laden. Wir waren damals ein kleines Team (10 Frauen). In der Zeit zwischen den Massagen haben wir uns über vieles ausgetauscht: unsere Kundenerfahrungen, emotionale Wirbelstürme im Privatleben, Feiern in Berlin, oder über Sexualität und Intimität. Bevor ich angefangen habe dort zu arbeiten, hatte ich Vertrauensprobleme, vor allem gegenüber anderen Frauen. Aber im Laufe meiner Zeit im Laden habe ich gelernt, mein Vertrauen zu anderen Frauen wiederaufzubauen und hatte das Glück, einen engen Zusammenhalt unter Frauen genießen zu dürfen.

Ich erinnere mich noch, wie ich an einem Donnerstagnachmittag mit einer Kollegin, Bianca, nach Feierabend bummeln gegangen bin. Wir hatten beide die Frühschicht bis 16 Uhr und hinterher fuhren wir zur Einkaufsmeile in der Stadt, wo wir nach neuen Arbeitsklamotten schauen wollten. Als wir aus dem Auto stiegen und die Straße überquerten, wurde uns beiden plötzlich bewusst, dass wir zum ersten Mal außerhalb des Ladens auf der Strasse zusammen unterwegs waren. Bianca kicherte leise und meinte, „Was würden die Leute denken, wenn sie wüssten wo wir arbeiten?“ Wir lachten zusammen laut und eilten über die Strasse. Der Gedanke verband uns wie Geschwister in dem Moment und erinnerte mich wieder daran, wie stigmatisiert die Erotikbranche doch ist, obwohl wir in unserer Parallelwelt im Laden—wo wir so offen und ungehemmt über alles mögliche vulgäre reden konnten—die Vorurteile über das Milieu gerne vergaßen.

Obwohl wir uns im Laden viel erzählten, hatte ich den Eindruck, dass meine Kolleginnen nicht wirklich zu ihrer Tätigkeit standen. Die Sexarbeit an sich einfach zu genießen schien irgendwie ein unausgesprochenes Tabu zu sein. Natürlich hat man mal den besonders angenehmen oder charmanten Kunden erwähnt, oder über den eher seltenen jungen, hübschen Kunden geschwärmt, aber noch nie wurde im Laden über die Tätigkeit als erotische Masseurin als schmackhafte, tolle Arbeit mit emotionalen Anreizen gesprochen. Selbst Bianca, die persönlich so viel in die Arbeit investierte, hatte nie deutlich geäußert, dass ihr die Arbeit einfach Spaß machte. Wenn die Frauen über ihre Entscheidung, in die Erotikbranche einzusteigen gefragt wurden, kam immer einen Grund wie direkt aus der medialen Darstellung von Sexarbeiterinnen zitiert: alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern; hohe Schulden, die dringend abbezahlt werden mussten; zu niedrige Löhne in anderen Arbeitsbereichen; jung und brauchte das Geld…und wenn die Arbeit manchmal doch genießbar war, dann nur zufällig weil man glücklicherweise einen Kunden hatte, der nicht ganz ekelig oder respektlos war. Es war mir, als ob sich die Frauen selbst vor den Kolleginnen fast schämen würden, den Genuss an der Arbeit im Laden zuzugeben. Das fand ich manchmal schade, aber diese Selbststigmatisierung sah ich im Endeffekt als eine Auswirkung der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die von Sexarbeiterinnen leider oft verinnerlicht wird.