Interview mit Pieke Biermann

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Im März 2014 ist Pieke Biermanns Buch „‚Wir sind Frauen wie andere auch!‘ – Prostituierte und ihre Kämpfe“ wieder erschienen.

Es war das erste….

Interview mit Pieke Biermann
Alexa Müller, BesD (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.)

Was hat sich für Dich geändert seit der Erstveröffentlichung?

Bin einfach älter geworden. Bin jetzt etwa 35 Jahre älter…

Wie? Das ist 35 Jahre her? Krass.

1980. Tjaja. Das Buch und ich waren immer so irgendwie identisch, eben weil ich unglücklicherweise damals die einzige war, die mit der Selbstbezeichnung Hure an die Öffentlichkeit gegangen ist, zumindest in West-Deutschland. In der Schweiz gab es ja auch noch Dora, die gute alte Dora Koster. Und in Frankreich, England, Italien, USA natürlich einige.
Ich sehe mich durchaus als Ex- Hure, so wie andre Ex- Mütter sind oder Ex- Hausfrauen.
Es war mir immer wichtig, diese Ruhe, dieses „Wir sind ja so anständig und dürfen alle anderen verachten“, zu stören. Daran hat sich nichts geändert.

Es gab auch gar nicht so eine Zäsur, ab der ich gesagt habe, jetzt bin ich Hure, und das ist das Wichtigste in meinem Leben. Das war einfach eine Entwicklung aus meiner politischen Geschichte heraus. Damit hat sich verknüpft, dass ich immer irgendwie Geld verdienen musste, und früh entdeckt hatte, dass das in der Branche ziemlich gut geht. Ich hab dann erstmal getestet, kann ich das überhaupt? Kann ja auch nicht jeder Verkäufer sein, z.B. wenn das Rückrat nicht mitspielt.

Was mir immer ganz, ganz wichtig war: Die Freiheit, im  Hinterkopf zu haben: Mir kann nichts passieren. Ich kann scheitern, wo ich will – notfalls kann ich immer anschaffen gehen, kann immer mein Geld verdienen.
Ich hab das lange gemacht, von 1976  bis 1979 herum, davor noch kurz in Hannover, und in Berlin dann vor allem im Cabaret Club, den gibt es nicht mehr, Lietzenburger Ecke Uhlandstraße, eine Strip Bar.
Die Manager waren ein Ehepaar vom blödesten, aber ich hatte gute Kolleginnen, die von denen ein paar Freundinnen wurden.
Da hab ich ein meistens am Wochenende gearbeitet. Das fand ich eine intelligente Lösung: In West-Berlin konnte man ja eh am Wochenende nicht aus dem Haus gehen, da war alles besetzt von Touris aus Westdeutschland.

Und die von den Kolleginnen waren viele allein erziehende Mütter, die waren am Wochenende lieber zu Hause, damit es nicht so auffiel, dass sie nachts arbeiten.
Ich konnte immer offen mit dem Job umgehen, konnte  den politisch wichtig nehmen, allen davon erzählen.
Ich war ja nicht erpressbar, hatte keine Kinder, keine Familie. Das hab ich genutzt, um eine Bresche zu schlagen für die, die sich nicht outen können.
Ich hab auch nie aufgegeben, darüber offen zu reden, warum auch? Das Anschaffen war Teil meines Lebens , und nicht der schlechteste… wirklich nicht!

In Italien, wo ich 1973/74 ein Jahr studiert hatte, war ich mit ein paar tollen Frauen von „Lohn für Hausarbeit“  befreundet. Da hab ich mich feministisch politisiert.
In Berlin war die „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne die einzige feministische Ecke weit und breit, die den Hurenaktivismus nicht nur sofort sympathisch unterstützt hat, sondern diese ganze internationale Hurenbewegung auch forciert hat.
Es gab „Untergruppen“: die Lesbischen Frauen für Lohn für Hausarbeit, die Schwarzen Frauen für Lohn für Hausarbeit… Eine „Untergruppe Huren“ haben wir nie auf die Beine gestellt, aber wir waren gut vernetzt mit anderen Städten und Ländern.

Lustig waren die Abwehrstrategien von gewissen braven Feministinnen, die ab den 80ern anfingen, mit Feminismus Karriere zu machen – Frauenforschung, Medien usw.
Von da kam das Gerücht, ich hätte nie angeschafft, ich hätte mir das nur ausgedacht. Mit mir geredet hat allerdings keine von denen…  ich hätte ihnen den Zahn schnell ziehen können.

 

Madame Schwarzer hat damals übrigens nicht nur mit einer Titelstory gegen mein Buch gepöbelt. Mein Name durfte in der Emma auch später nicht positiv erwähnt werden. Anna Rheinsberg, eine Schriftstellerkollegin, wollte in einem Porträt von Hilde Radusch erwähnen, dass sie über Hilde von mir erfahren hatte. Das sollte sie streichen, Schwarzer teilte ihr per Brief mit, eine so „unbedeutende Person“ wie mich müsse da raus. Anna hat, glaub ich, den Artikel zurückgezogen. (Hilde Radusch war eine Freundin von mir, Jahrgang 1903, Lesbe, Kommunistin, ich hatte auch einen Film über sie mitgedreht.)
Damals, Anfang der Achtziger, waren Talkshows relativ selten. Es war heftig.  Ist es nun typisch deutsch, dass, wer mit irgendwas Erfolg hat, „prominent“ ist, beneidet wird?

Missgünstige Sprüche wie: „Die geht nur ins Fernsehen, um sich wichtig zu machen…“, oder: „Die ist ja attraktiv genug, dass sie sich neben Olof Palme in die Talkshow setzen kann“… Sowas kam in Serie.
Das ist so widerlich, so weg vom Kern, worum es geht. Ich geh doch nicht  in eine Talkshow, bloß um die Fresse zu zeigen – grauenhaft! Sondern, weil ich ein politisches Thema puschen möchte!

 

Leider haben das bei Hydra die entscheidenden Frauen auch nicht kapiert, sondern mir einen Strick draus gedreht. Ich war ja nun mal lange Zeit die Einzige, die sich getraut hat, möglichst frech und attraktiv in der Öffentlichkeit rumzuhamplen, um Fundraising zu machen, neue Projekte von Hydra in die Welt zu setzen, für den Hurenball zu werben. Das war ja mein Job. Und wenn dann solche missgünstigen Sprüche kamen, hätte ich am liebsten gesagt: „Geh du doch ins Fernsehen! Ich muss da nicht hin.“ Aber das ging ja auch nicht, jedenfalls nicht, bis der Hurenball ein satter toller Erfolg geworden war. Danach bin ich ausgestiegen.

 

Solchen Irrwitz kriegst so sofort ab, da brauchst du ein dickes Fell, ein gutes Umfeld, das dich abschirmt gegen Depression und damit du nicht abhebst. Da ist Gefährdung gegeben.
Die Kampagne Lohn für Hausarbeit war so Anfang der 80er Jahre den Bach runter gegangen, die ging nicht auf deutschem Boden. Aber ich hatte gute persönliche Beziehungen, eine tolle Liebesbeziehung, das hat mich sehr geschützt.

Und es hat meinem Selbstbewusstsein auch gut getan, Kraft aus andren Dingen zu schöpfen – ich hab eben einfach die nächste Bühne genommen und mich ausprobiert.

Hatte es mit Klasse und Herkunft zu tun, dass du das alles konntest?

Nein, ich wüsste nicht was klassenspezifisch daran sein sollte. Ich stamme aus so einer spießigen konservativen Kleinbürgerecke, ich war die einzige, die per Bildung raus durfte aus dieser kleinen engen Welt.
Kleinbürgertum ist ja geprägt von Ängsten in zwei Richtungen –  der Angst vor „Oben“, dass man vielleicht peinlich ist und  nicht genügt, und der Angst vor „Unten“, die in Verachtung gegen alles Proletarischen umschlägt, aus Panik, selbst dahin abzurutschen. Das hat meine Kindheit sehr geprägt.

 

Aber dieses Engstirnige, Ängstliche – ist ja nicht zufällig dieselbe Wortwurzel: Enge/ Angst – das kannst du in allen Klassen haben: Bloß nicht auffallen, sich nicht angreifbar machen, bloß nicht besonders sein, eigen sein, lieber nicht das Maul aufmachen… Das hat mehr mit der Ängstlichkeit der „Erziehungsinstanzen“ zu tun, und die haben sich bei mir große Mühe gegeben. Aber es nicht geschafft.

 

Ich hatte als Kind schon ein eigenes Radio, das ich heimlich gehört habe, wenn ich schlafen sollte – das war die Welt! Das war Freiheit von der Enge zu Hause. Ich hatte auch von Anfang an eine „Freiheit durch Desinteresse“. Meine Mutter war nämlich nicht so rasend interessiert an mir, was kein Wunder war. Ich sollte ja nicht passieren, sie war 40, als ich geboren wurde, und hatte grade zwei Kinder durchgebracht. Eigentlich wollte sie endlich mal selber leben. Also hab ich nebenbei auch  früh gelernt: eine Frau hat ein Recht darauf, ihr eigenes Leben zu leben.

Stimmt mein Bild, dass die meisten dieser öffentlich kreischenden Oldschool- Feministinnen, die alles besser wissen,  ohne einen Plan zu haben, aus der Mittelklasse sind? Die es gewöhnt sind zu meinen, sie haben das Recht, über andre zu urteilen?  Öffentlich bürgerliche Moral zu verströmen?

Ich glaube, es ist eher dieser verdammte Aufstiegsehrgeiz – Nachkriegsgesellschaft West-Deutschland – und so ein verdammtes Illegimitätsgefühl.
Meine Generation von Frauen, die so um 1950 geboren sind, ist noch geprägt von dem Gefühl, dass es grundsätzlich völlig illegitim ist, öffentlich zu agieren, eine öffentliche Position zu haben, sich in die Welt zu setzen mit einem Thema, mit Kunst, mit sich selbst.
Das ist geschlechtsspezifisch, nicht klassenspezifisch. Und dieses: „Ich bin ja nur eine Frau“, das sitzt tiefer, als man denkt. Das ist eine ungute Mischung aus unglaublichem Ehrgeiz und dem getarnten Gefühl der Illegitimität.
Alles was wagt, rauszubrechen, die Fresse aufzumachen, sich einfach in die Welt zu setzen mit wasauchimmer, muss abrasiert werden, ist störend, erinnert an eigene Vorsicht, eigene Komplexe. Souverän in eigenem Namen auftreten – das darf eine Frau nicht!

So entstehen dann Hausmächte, die Macht lieber ab- als aufbauen. So machen Frauen heute noch Machtpolitik und halten sich für bessere Frauen als Angela Merkel.
Du musstest damals jede Menge persönliche Power haben, um das auszuhalten, um sagen zu können: „Ja und? Was wollt ihr denn?“
Das ist auch in der neuen Generation nicht ganz weg. Viel zu viele Frauen in der Öffentlichkeit haben heute noch diese fiepsigen Stimmen, gern einen Ton zu hoch. Das ist immer noch  angesagt. Souverän klingt anders.

Was sind Unterschiede zwischen den Hurenbewegungen damals und heute, in Deutschland, aber auch international?

Knapp gesagt: Zwischen den beiden Hurenbewegungen in Deutschland liegt Aids. „Dank Aids“ gab es ab Mitte der 80er Jahre eine ganze Menge Fördergelder für kleine autonome Projekte. Als klar war: Nicht nur Schwule, sondern auch Heteros sind betroffen, kam sofort die Frage auf: Was ist eigentlich mit den Huren, haben die nicht „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr“? Das führte unter anderem auch zu einer schönen Verschränkung zwischen Schwulen- und Hurenbewegung, man stand auf einer Seite, bei allen Querelen.

Und hier hat, im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, der bundesdeutsche Sozialstaat gut funktioniert. Es gab eine vergleichsweise menschenfreundliche liberale Politik von oben, von Rita Süßmuth zum Beispiel in der Bundesregierung, auch der „Mittelbau“ war liberal besetzt, dann die Wissenschaftsseite wie das Robert Koch Institut und so weiter. Da konnte Gauweiler  aus Bayern pöbeln, wie er wollte, er kam nicht durch.
In anderen Ländern, zum Beispiel Italien, ist Aids ein anrüchiges Thema geblieben, das nie so umfunktioniert werden konnte, dass Huren unterstützt wurden.

Andererseits ist mein Eindruck, dass es – außer in den USA, wo dann die unselige Anti-Porno-Kampagne herkam – in anderen Ländern keine so massive Bekämpfung der Hurenbewegung durch Feministinnen gab wie in Deutschland. Aber wir waren in keinem Land je eine Massenbewegung, sondern eine Minderheit mit radikalen Positionen. Und warum auch nicht? Das meiste, was irgendwann Mainstream ist, hat als radikale, aufmüpfige Idee angefangen. Und verglichen mit uns paar Individuen 1980 seid ihr doch heute, eine Generation später, schon eine tolle Truppe. Ihr müsst allerdings heute Hurenrechte verteidigen, von denen wir bloß träumen konnten. Ist auch kein Zuckerschlecken.