
Ein offener Brief vom BesD e.V. zur Darstellung von Sexarbeit in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ vom 28.04.2026
Sehr geehrte Redaktion, liebes Team der „Anstalt“,
lieber Max Utthoff, liebe Maike Kühl, lieber Claus von Wagner!
Als Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.) – dem größten Zusammenschluss von Sexarbeitenden in Deutschland und Europa – möchten wir zu Ihrer Sendung vom 28. April Stellung nehmen.
Warum wir uns zu Wort melden
Unsere Aufgabe als Berufsverband ist es, die Bedürfnisse derjenigen zu vertreten, die täglich in diesem Beruf arbeiten. Seit mittlerweile dreizehn Jahren setzen sich hier Sexarbeitende ehrenamtlich für bessere Arbeitsbedingungen und für die Bekämpfung von Missständen in der Branche ein.
Wir schätzen, dass „Die Anstalt” gesellschaftlich relevante Themen mit Schärfe angeht. Satire darf und muss Dinge auf die Spitze treiben und Kritik üben. In Ihrer Sendung über Sexarbeit wollten Sie einen „kritischen Blick“auf sogenannte „käufliche Liebe” werfen.
Tatsächlich wurden in Ihren Pointen aber Vorurteile reproduziert und im Hauptabendprogramm falsche Informationen rund um ein komplexes Thema gestreut.
Unserer Meinung nach haben Sie damit unterm Strich einer der am stärksten marginalisierten Gruppen in unserer Gesellschaft einen Bärendienst erwiesen.
Für Einbeziehung statt gesellschaftlicher Ausgrenzung
Als Sexarbeitende werden wir bereits zur Genüge negativ bewertet und abgewertet. Die Tätigkeit gilt als ächtenswert, sie auszuüben erst recht.
Viele Kolleg*innen sprechen aus nachvollziehbarer Sorge vor Diskriminierung nur mit ausgewählten Personen oder auch mit gar niemanden darüber, wie sie ihr Geld verdienen.
Ihre Sendung vermittelt diese Stigmatisierung mehr oder weniger als eine logische Folge der „fehlenden Seriosität” der Tätigkeit. In der Prostitution zu arbeiten, stellen Sie als das schlimmste Schicksal dar, das einem Menschen widerfahren kann, und konterkarieren damit jede Möglichkeit, Prostitution als gewählte Arbeit wahrzunehmen.
Wir wissen nicht ob es Ihnen nicht bekannt war, oder ob Sie es für irrelevant gehalten haben:
Die Anerkennung des Verkaufs sexueller Dienstleistungen als legitime Arbeit, die mit dem Schutz und den Rechten einhergeht, die anderen Arbeiter*innen zugestanden werden, ist seit ca. 40 Jahren weltweit eine zentrale Forderung der Hurenbewegung — also von Sexarbeitenden in verschiedensten Ländern, aus verschiedensten Tätigkeitsbereichen und in verschiedensten Lebenssituationen. Siehe z.B.:
https://www.nswp.org/sex-workers-speak-out
Wenig hilfreich für Betroffene: Wie „Die Anstalt“ Vorurteile über Sexarbeit reproduziert
Sexarbeit ≠ Menschenhandel
Mehrmals wird in der Sendung der Eindruck erweckt, dass die meisten in der Sexarbeit tätigen Frauen diese nicht freiwillig ausüben würden. In der Regel würden nur Zuhälter und Bordellbetreibende von deren Arbeit finanziell profitieren.
Eine solche Darstellung ist undifferenziert, missachtet komplexe Zusammenhänge und ist weder wissenschaftlich noch erfahrungsmäßig belegt.
Trotzdem führt sie regelmäßig zur Forderung eines Sexkaufverbots — der Forderung, Arbeitsplätze und weitere Infrastruktur zu verbieten, unsere Kundschaft zu kriminalisieren und unsere Arbeit langfristig aus dem Sichtfeld der Gesellschaft zu tilgen.
Ein Umstand den die meisten Sexarbeitsgegner*innen ignorieren:
Sexarbeit die aufgrund von Armut ausgeübt wird oder die Wahl des „geringsten Übels“ ist, ist nicht mit sexueller Ausbeutung, Zwang, Menschenhandel oder anderen Strafbestandstaten gleichzusetzen.
Ob jemand durch Drohungen oder mit Gewalt gezwungen wird der Prostitution nachzugehen kann und darf nicht gleichgesetzt werden mit der Entscheidung der Prostitution nachzugehen, um finanziell über die Runden zu kommen, die Familie ernähren zu können, eine Drogensucht zu finanzieren etc.
Gegen Armut, fehlende Papiere oder fehlendes soziales Netzwerk hilft es nicht, Menschen den Weg, den sie unter den gegebenen Umständen gewählt haben, zu verunmöglichen.
Dies gilt nicht nur für Frauen in der Sexarbeit sondern insgesamt Arbeiter*innen in Niedriglohnsektoren.
Zur Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes
In Ihrer Sendung fand die Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes leider nur missbilligend Erwähnung.
Sie betonten die Nicht-Repräsentativität der Studie — ein Umstand der korrekt von Studienleiter Bartsch eingeordnet wurde.
Unerwähnt ließen sie, dass Bartsch auch erklärte, wie ungewöhnlich breit angelegt die Studie war und wie erfolgreich die Rekrutierung von Sexarbeitenden aus allen Bereichen der Branche für die Studie war.
Auch der Koordinierungskreis gegen Menschenhandel lobte die “umfassende, gründliche und ausgewogene Evaluation” explizit.
Trotz offizieller Nicht-Repräsentativität gehen wir aufgrund des bisher nicht dagewesenen Umfangs der Studie davon aus, ein realistischeres Bild von Sexarbeit zu bekommen als aus weniger umfangreichen Studien.
Quellen, die Sie zur Infragestellung der Evaluationsergebnisse herangezogen haben (z.B. bezüglich der Mehrheit der Sexarbeitenden aus dem Ausland) beziehen sich auf offiziell angemeldete Sexarbeitende.
Dass die Zahlen der angemeldeten Sexarbeitenden aufgrund der hohen Stigmatisierung der Tätigkeit keinen Rückschluss auf die Gesamtzahl der in der Sexarbeit tätigen Menschen lassen, ist Ihnen dabei bewusst.
Trotzdem halten Sie die dadurch eingeschränkten Quellen für realistischer, als die Ergebnisse einer gut finanzierten über 3 Jahre erstellten wissenschaftlichen Untersuchung, die die bisher umfangreichste ihrer Art in Europa ist. Die Logik dahinter erschließt sich uns nicht.
Versicherungs-Status von Sexarbeiter*innen
Sie suggerieren, nahezu alle Sexarbeitenden seien unversichert.
Tatsächlich bezieht sich die Zahl von 50 Personen Ihrer eigenen Quelle nach auf sozialversicherungspflichtig angestellte Sexarbeitende – eine in der Branche seltene Vertragsform, die in der Regel nicht zur hochmobilen Arbeitsrealität passt.
Der Großteil an Sexarbeitenden ist selbstständig tätig und eigenständig krankenversichert, wie es für Selbstständige üblich ist.
Erwähnenswerter sind hier unserer Meinung nach die Probleme migrantischer Personen, unabhängig vom Aufenthaltsstatus einen Zugang zur (gesetzlichen) Krankenversicherung und damit zur gesundheitlichen Versorgung zu erhalten. Das gilt für Migrant*innen in der Sexarbeit und in anderen Branchen mit hohem Anteil an mehrfach marginalisierten Personen.
Thema: Zimmermieten
Die von Ihnen genannte Tagesmiete von 150€ für ein Laufhauszimmer liegt über dem, was unsere Verbandsmitglieder durchschnittlich berichten – eher 120 € pro Tag. Vergleicht man diese Preise mit anderen tageweise buchbaren Einzel-Arbeitsorten wie Mietbüros, relativiert sich die Höhe schon wieder. Hier werden ebenfalls Preise zwischen 80 € und 200 € aufgerufen.
Man kann darüber diskutieren, ob das zu hoch ist und sicherlich würden sich viele Kolleg*innen über eine finanzielle Entlastung an dieser Stelle freuen. In der Realität muss man aber auch sehen: Ein fester Tagesmietpreis ist die von den meisten von uns absolut bevorzugte Variante der Abrechnung.
Als Verband stellen wir uns klar gegen die ansonsten üblichen %-Abrechnungen, die am Ende in der Regel bei höheren Beträgen als 150 € stehen.
So etwas kann man aber natürlich nur wissen und kritisieren, wenn man die tatsächlichen Arbeitsrealitäten in der Sexarbeit und die Wünsche und Bedarfe unserer Kolleg*innen kennt, wenn man uns also ernst nimmt, uns einbezieht und uns zuhört.
Einnahmen in der Sexarbeit
Bei den von Ihnen angegebenen „50 € pro Kunde“ handelt es sich in der Regel um einen Basispreis, auf dessen Grundlage verschiedene Extra-Leistungen zu bestimmten Konditionen vereinbart werden. Der Endpreis kann also deutlich höher liegen.
Wie Ihr Rechenweg von “50€ pro Kunde und 150€ Kosten” zu “6 Kunden pro Tag um die Kosten zu decken” war, haben wir nicht verstanden:
50 € sind ein üblicher Preis für 20 Minuten im Bordell oder Laufhaus, bei 30 Minuten sind es schon eher 80 Euro. Selbst ohne Extras kann die Tagesmiete inklusive der darin enthaltenen Ausgaben also schon in der ersten Stunde abgearbeitet sein.
Und bei entsprechender Kundschaft ist anschließend ein nicht unbeachtlicher Stundenlohn drin — einer der Gründe, meistens der Hauptgrund, warum sich viele von uns für diese Arbeit entscheiden.
Vom Straßenstrich und prekären Lebenslagen
Sie bewerten in Ihrer Sendung einen Teilbereich der Sexarbeit — den Straßenstrich — als repräsentativ für die gesamte Branche. Schätzungen zufolge findet auf der Straße weniger als 5 % der Sexarbeit statt.
Der weitaus größere Teil vollzieht sich in Bordellen, Laufhäusern, Saunaclubs, Terminwohnungen sowie über Escort und Online-Vermittlungen.
Straßenprostitution ist besonders sichtbar, dadurch sind auch die prekären Lebenslagen von einem Teil der dort tätigen Menschen besonders sichtbar — was direkt an unseren nächsten Punkt anschließt:
Keine Verharmlosung sondern Beschreibung der Realität vieler: Was der Satz “Sexarbeit ist nicht das Problem, sondern die Lösung” wirklich bedeutet
In Ihrer Sendung wurde der Satz ohne Kontext betrachtet — wie dies leider auch schon der Fall war in der Kritik an der Handreichung der DJV mit Tipps zum Berichten über Sexarbeit.
Mit diesem oder ähnlichen Sätzen wird die Sonderstellung von Sexarbeit als Einkommensmöglichkeit ohne elitäre Zugangshürden (z.B. Bildungsabschlüsse) herausgehoben — insbesondere als Einkommensmöglichkeit für traditionell ökonomisch unterdrückte Teile der Bevölkerung wie Frauen und trans Personen.
Hier relevant: Ob Armut, Abhängigkeit von Substanzen, fehlende Alternativen aufgrund fehlender Papiere und, und, und… :
Aufgrund der Niedrigschwelligkeit der Tätigkeit und der vergleichsweise hohen Verdienstmöglichkeit entscheiden sich viele Menschen in prekären Situationen dazu, der Sexarbeit nachzugehen.
Wichtig, auch beim Blick auf die von Ihnen genutzten Quellen, ist:
Die Ergebnisse von Studien, die ausschließlich Sexarbeitende in prekären Lebenslagen befragen oder beispielsweise ausschließlich Sexarbeitende befragen, die Unterstützung bei Beratungsstellen suchen, sind aus offensichtlichen Gründen nicht auf die Gesamtheit der Sexarbeitenden in Deutschland übertragbar.
Zu den Zitaten aus Freierforen
Leider gibt es explizit problematische Foren, in denen sich Prostitutionsgegner*innen regelmäßig die schlimmsten Ergüsse von Frauenfeinden raussuchen, um unsere männliche Kundschaft als Gesamtes zu diffamieren.
Solche respektlosen und beleidigenden Kommentare und die ihnen zugrunde liegende Haltung der Kommentierenden sind ein Problem, das in unserer Gesellschaft noch immer viel verbreiteter ist, als wir es uns wünschen würden.
Auch deshalb kämpfen wir für Anerkennung, Respekt und Wertschätzung für uns Sexarbeitende und unsere Arbeit.
Eine Einladung an das Team der Anstalt
In Ihrer Sendung haben Sie mit Sexarbeit ein gesellschaftlich wichtiges Thema aufgegriffen — mit den Schlüssen die sie dabei gezogen haben, haben Sie unserer Meinung nach
- einer kern-konservativen Antisexkauf-Agenda in die Karten gespielt
- im Hauptabendprogramm die Vorurteile gegen eine bereits gesellschaftlich nicht besonders wertgeschätzten Gruppe Menschen verfestigt.
Die besten Expert*innen um über die Lebensrealität von Sexarbeitenden zu reden, sind Sexarbeitende selbst.
Deshalb bitten wir Sie: Reden Sie nicht über uns — reden Sie mit uns!
Wir laden das Team der „Anstalt” ausdrücklich ein: zu einem Hintergrundgespräch, einem Interview oder auch gerne einer gemeinsamen Faktensitzung.
Mit freundlichen Grüßen,
Nicole Schulze, Vorstandsvorsitzende des BesD e.V.
Lillia Rubin, für die beteiligten Mitglieder des BesD e.V.




