200 Sexarbeiter*innen aus ganz Deutschland und aller Welt kamen von 15.–16. September zum Hurenkongress in Berlin zusammen.
Am ersten Tag teilten
15 Workshopleiter*innen in insgesamt 12 Workshops ihre Expertise mit Kolleg*innen. Am 2. Tag fanden im Rahmen eines Barcamps
weitere 14 spontane Workshops und Gesprächsrunden statt. Workshopleiter*innen sowie Teilnehmer*innen waren alle selbst in der Sexarbeit tätig – in den Workshops wurden Tricks, Tipps und Erfahrungen aller Art geteilt und Raum für Diskussionen und Fragen geboten. Manche Workshops fanden auf Deutsch statt, andere auf Englisch und einige in beiden Sprachen – viele internationale Kolleg*innen kamen zum Kongress und rund ein Drittel der Teilnehmer*innen hatten eine andere Muttersprache als Deutsch.

Der Kongress war eine außergewöhnliche Gelegenheit für Sexworker, sich über wesentliche Themen zu informieren und zu diskutieren: So gab es beispielsweise einen Workspace von
Missy-Kolumnist Christian Schmacht, in dem die
Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*innen , die transgender/transsexuell/nicht-binär/genderqueer sind, diskutiert wurden. Anastacia Ryan von
TAMPEP – dem europäischen Netzwerk zur Förderung der Rechte von migrantischen Sexworkern – leitete eine Diskussion über die Auswirkungen von Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Nicole Schulze, Sexarbeiterin und seit kurzem auch im Vorstand des BesD e.V. vertreten, organisierte einen Workshop zum Thema
Sicherheit am Straßenstrich und berichtete dabei von ihren langjährigen Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich.
Ob „
Selbstmarketing & Kommunikation”, „
Professional BDSM for Beginners”, „
Fighting Burn-Out Through Self Love”, „
Online Sicherheit für Sex Worker“ oder „
Betriebsgründung – Selbstständig machen in der Sexarbeit” – alle Inhalte richteten sich explizit an Menschen, die in der Sexarbeit arbeiten und deren spezifische Bedürfnisse.
Es wurde geschnackt, gelacht, gelernt, vernetzt, informiert und diskutiert. Aktionspläne wurden geschmiedet, Allianzen geformt, alte Freund*innen wiedergetroffen und neue Bekanntschaften geschlossen – insgesamt war der Kongress also eine grandiose Gelegenheit für Austausch und Information zwischen Sexarbeitenden.
Auf der am 17. September anschließenden Sexwork-Messe „World of Whorecraft” zählten wir neben 150 teilnehmenden Sexarbeiter*innen rund 200 Gäste .

Von Verbündeten und interessierten Besucher*innen über Journalist*innen und Forscher*innen bis hin zu Partner*innen und Freund*innen von Sexarbeitenden, war alles unter den Besucher*innen der Messe vertreten. Unter den 17 Ausstellern waren branchenrelevante
Dienstleister*innen (z.B. der queere Sexshop
Other Nature)
Beratungsstellen und Verbündete (z.B. das Beratungsprojekt für männliche Sexarbeiter
smart berlin, Hydra e.V., oder
Dona Carmen e.V.) und deutsche sowie internationale
von Sexworkern geführte Organisationen, die ihre Arbeit und Ressourcen teilten (z.B.
Wild Thing aus den Niederlanden).

Die Ausstellung Objects of Desire vom
Schwulen Museum und der Bilderzyklus „Das neue Recht“ von Almuth Wessel sorgten für
themenbezogene Kunst in der Location. Im
Kinozelt konnten Fetisch-Filme aus der Produktion von
libido film, die Dokumentation
„Whores on Film“ von Sex Worker und Filmemacherin
Juliana Piccillo, der Film „H’Or“ von
Black Sex Worker Collective-Gründerin
Akynos sowie Videos aus dem YouTubeChannel
„Wissen.Macht.Sex!“ der Sexarbeiterin und Aktivistin
Josefa Nereus bewundert werden.

Im
Research-Zelt sammelten Joana Hofstetter und Sabrina Stranzl vom
Netzwerk für Kritische Sexarbeitsforschung Erfahrungen und Meinungen Sexarbeitender für ihre Recherchen.
Das ganztägige
Bühnenprogramm wurde von der Journalistin und Sexualforscherin
Kuku Schrapnell moderiert. Neben
Keynotevorträgen (z.B. von
DAH-Frauenreferentin Marianne Rademacher, Sexarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Maya Mistress aus Brasilien und Pesha Shatte aus dem französischen
Sexwork-Syndikat STRASS) gab eine spannende
Talkrunde zwischen zwei Sexarbeiterinnen und einer aufsuchenden Sozialarbeiterin über die Gefahren des schwedischen Modells, Susanne Bleier Wilp stellte das Big Sister Projekt unter dem Dach von
kaufmich.com vor,
erotische Performances fanden statt und
Lesungen von Sexarbeiterin und Autorin von „
Mein Hurenmanifest“
Undine de Rivière sowie der
ehemaligen WELT-Kolumnistin und Sexarbeiterin
Salomé Balthus sorgten für Begeisterung.
Die Ausgaben für beide Events beliefen sich auf 15.365 Euro – hierbei nicht mit einberechnet sind die Personalkosten für die Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Veranstaltungen. Diese wurden vom BesD getragen und beliefen sich bei einer 50%-Arbeitskraft für den Kongress sowie einer 25%-Arbeitskraft für die Messe auf rund 500 bezahlte Arbeitsstunden und 10.000 Euro.
1000 m² leerer Supermarkt, vier 60 m² Zelte, 844 Meter Kabel, 40 Lampen, 100 Stühle, 100 Bierbänke, 55 Tische – nicht überraschenderweise besetzte die Miete sowie Ausstattung der Location den größten Ausgabe-Posten.
Schon an zweiter Stelle folgten die Honorare und Fahrkosten für Workshopleiter*innen und Moderator*innen am Kongress — da hier ausschließlich aktive und ehemalige Sexworker als Teilnehmer*innen und Workshopleiter*innen anwesend waren, floß also ein beachtlicher
Teil der Einnahmen zurück in die Community — an Sexarbeitende, die Kolleg*innen ihre Expertise zur Verfügung stellten.
Die Einnahmen beider Events ließen sich aus Kongress-Tickets, Messe-Eintritt sowie Sponsorengelder addieren und kamen auf 17.795 Euro.
Beinahe ein Viertel des Geldes kam dabei aus der Kasse der
Deutschen Aidshilfe, welche drei Workshopleiter*innen, zwei Moderator*innen, sowie einen Zuschuss für die Raum- und Verpflegungskosten finanzierten.

Für die großzügige finanzielle
Unterstützung von Kongress-Workshops sowie das Sponsoring von Freikarten für prekär arbeitende Kolleg*innen danken wir
Autorin Anna Basener, dem
Netzwerk Kritische Sexarbeitsforschung, den Erotikportalen
berlinintim.de,
erotikinsider.com,
kaufmich.com,
rotlicht.de, escort-advisor.com und
escort-galerie.de, dem Serviceprovider
zustellanschrift.de sowie der Online Marketing Agentur
ImpulsQ.
Rund ein Drittel der Teilnehmer*innen am Kongress nahmen den ermäßigten Preis in Anspruch, ein Teil der Kolleg*innen konnte sich den solidarischen Eintrittpreis leisten. Fast 40% der Teilnehmer*innen konnten als Helfende oder mithilfe der gesponserten Umsonstticket kostenlos den Kongress besuchen.
Wir danken allen Teilnehmer*innen, Besucher*innen Workshopleiter*innen, Aussteller*innen und Mitarbeiter*innen für ihren Einsatz, ihr Interesse und ihr Engagement.

Rund 500 Arbeitsstunden wurden in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung von den BesD-Mitarbeiterinnen Charlie Hansen und Tamara Solidor gestemmt.
Ein besonderer Dank gilt auch
WAM und seinem großartigen Team, mit der
Fläming Kitchen haben sie den Kongress zu einem mehr als solidarischen Preis mit sehr gutem Essen versorgt.
Ein extra Dankeschön geht an die die unermüdlichen Helfer*innen und Unterstützer*innen, unsere Familien, unsere Partner*innen und die vielen BesD-Mitglieder die ehrenamtlich mit angepackt haben. Ohne die viele Unterstützung und gemeinsame Zusammenarbeit wären diese zwei großartigen Events überhaupt nicht möglich gewesen. Wir freuen uns riesig über euer tolles Feedback zu Kongress und Messe — und schmieden natürlich schon Pläne für nächstes Jahr …
TIPP: Auf unserem
Facebook-Account unter @Sexarbeit, auf
Twitter unter @SexworkID sowie auf der
Homepage www.berufsverband-sexarbeit.de bleibt ihr über Aktionen, Veranstaltungen und Sexarbeit in den Medien auf dem Laufenden.