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“Ein Gefühl der Selbstermächtigung” — Stimmen aus dem anonymen Forschungsraum beim Hurenkongress 2019

“Ein Gefühl der Selbstermächtigung” — Stimmen aus dem anonymen Forschungsraum beim Hurenkongress 2019

“Ein Gefühl der Selbstermächtigung” — Stimmen aus dem anonymen Forschungsraum beim Hurenkongress 2019
“Am Anfang hat­te ich Angst, mich poli­tisch zu enga­gie­ren und sicht­bar zu sein”, berich­tet eine Teil­neh­me­rin auf dem Huren­kon­gress, der im ver­gan­ge­nen August bereits zum zwei­ten Mal Sex­ar­bei­ten­de aus Deutsch­land, Euro­pa und der Welt in Ber­lin zusam­men­brach­te. “Aber dadurch, dass ich Sex­ar­bei­ten­de mit ande­ren Erfah­run­gen und Bio­gra­fien getrof­fen habe, wur­de mir klar, dass ich Pri­vi­le­gi­en habe, die ich nut­zen muss, um unse­re Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern”, fährt sie fort.   Zusam­men mit 200 ande­ren Sex­ar­bei­ten­den ver­brach­te die Sex­ar­bei­te­rin und Akti­vis­tin aus Latein­ame­ri­ka daher auf dem Huren­kon­gress zwei Tage damit, sich in einem geschütz­ten Umfeld unter­ein­an­der aus­zu­tau­schen, zu ver­net­zen und Stra­te­gien zu ent­wi­ckeln. Dass die Anzahl der Teil­neh­men­den im Ver­gleich zum Vor­jahr noch gestie­gen war, sehen vie­le als Zei­chen für den zuneh­men­den Wider­stand, der sich gera­de unter Sex­ar­bei­ten­den in Deutsch­land for­miert.   Aus­schlag­ge­bend hier­für ist ins­be­son­de­re das neu ver­ab­schie­de­te Gesetz zum Schutz von in der Pro­sti­tu­ti­on täti­gen Per­so­nen, kurz genannt Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz (Pro­st­SchG), das seit 2017 die recht­li­che Dis­kri­mi­nie­rung und zuneh­men­de Stig­ma­ti­sie­rung von Sex­ar­bei­ten­den fort­schreibt. Wesent­li­che Ele­men­te die­ses Geset­zes sind eine Anmel­de­pflicht und die Mit­füh­rung einer Anmel­de­be­schei­ni­gung, dem soge­nann­ten Huren­pass; eine ver­bind­li­che Gesund­heits­be­ra­tung sowie die Ein­füh­rung einer Erlaub­nis­pflicht für Betriebs­stät­ten. Mit Schutz und Unter­stüt­zung hat das neue Gesetz aber wenig bis gar nichts zu tun: zum einen greift es unrecht­mä­ßig in das Selbst­be­stim­mungs­recht von sex­ar­bei­ten­den Men­schen ein und ist mit deren Men­schen­rech­ten nicht ver­ein­bar. Zum ande­ren zeigt sich mehr als zwei Jah­re nach Ein­füh­rung des Geset­zes deut­lich, wie sehr es die Arbeits­be­din­gun­gen für Sex­ar­bei­ten­de ver­schlech­tert.   Vor dem Hin­ter­grund die­ser Ent­wick­lun­gen war der Huren­kon­gress 2019 ein beson­ders bedeu­ten­des Event für Sex­ar­bei­ten­de. Wir als For­schen­de nutz­ten ihn auch dazu, die per­sön­li­chen Erfah­run­gen und Per­spek­ti­ven der Teil­neh­men­den zu erfra­gen und zu doku­men­tie­ren. Dazu kre­ierten wir einen anony­men For­schungs­raum, in dem Sex­ar­bei­ten­de ihre Sicht­wei­sen zu den The­men­schwer­punk­ten Pro­sti­tu­ti­ons­po­li­tik und Sex­ar­beits­ak­ti­vis­mus tei­len konn­ten. Wir erfrag­ten ins­be­son­de­re auch, wie sie die aktu­el­le poli­ti­sche Ent­wick­lung in Deutsch­land wahr­neh­men. Hier zeig­te sich ein deut­li­ches Stim­mungs­bild. Von vie­len Teil­neh­men­den wur­de die Situa­ti­on als “bedroh­lich”, “beängs­ti­gend”, „restrik­tiv“ und “repres­siv”, sowie als „exis­tenz­be­dro­hend“ und “gefähr­lich” beschrie­ben. Vie­le sehen in der momen­ta­nen Poli­tik außer­dem einen Rück­schritt im lang­jäh­ri­gen Kampf um Rech­te und Aner­ken­nung. Sie for­dern statt­des­sen “Respekt”, eine “fai­re Behand­lung, wie ande­re Arbeits­be­rei­che auch”, und die Ein­be­zie­hung von Sex­ar­bei­ten­de in poli­ti­sche Pro­zes­se. Wür­de man mit Sex­ar­bei­ten­den reden, ihre Mei­nun­gen ernst neh­men und ihren Emp­feh­lun­gen fol­gen, so wäre die kom­plet­te Dekri­mi­na­li­sie­rung und Ent­stig­ma­ti­sie­rung von Sex­ar­beit unab­ding­bar, so sind sich vie­le einig.   Um sol­che poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­bes­se­run­gen zu errei­chen, orga­ni­sie­ren sich Sex­ar­bei­ten­de gemein­sam. Dabei sind unvor­ein­ge­nom­me­ne Begeg­nun­gen und ein Aus­tausch auf Augen­hö­he beson­der wich­tig, da es inner­halb der Sex­ar­beit unter­schied­lichs­te Arbeits­be­rei­che und Arbeits­for­men, und damit auch eine Viel­falt an Erfah­run­gen und Per­spek­ti­ven gibt. Beim Huren­kon­gress kamen die­se wie bei kei­ner ande­ren Gele­gen­heit in 2019 zusam­men. In 12 unter­schied­li­chen Work­shops lern­ten die Sex­ar­bei­ten­den hier Neu­es, tausch­ten Exper­ti­se aus und hiel­ten Debat­ten ab. Die Teilnehmer*innen zeig­ten sich selbst “über­rascht, fas­zi­niert, und begeis­tert von der Viel­fäl­tig­keit der Sex­ar­beit und der Men­schen” und beschrie­ben, wie die unter­schied­li­chen Selbst­bil­der der Anwe­sen­den ihren Blick öff­ne­ten.   Dass sie hier­bei zuerst ein­mal unter sich blie­ben, ist für vie­le Sex­ar­bei­ten­de unab­ding­bar: nur in einem geschütz­ten Raum kön­nen sie Per­spek­ti­ven und Erfah­run­gen aus­tau­schen, ohne die Stig­ma­ti­sie­rung und Ver­ur­tei­lung Ande­rer zu fürch­ten. Der Huren­kon­gress bot einen sol­chen Raum, in dem Sex­ar­bei­ten­de trotz aller Unter­schie­de und Mar­gi­na­li­sie­rungs­er­fah­run­gen Gemein­schaft, Soli­da­ri­tät und gegen­sei­ti­ge Hil­fe fin­den konn­ten, und för­der­te damit das Ver­ständ­nis und die Zusam­men­ar­beit unter ihnen.   Dabei wur­de die Band­brei­te an Akti­vi­tä­ten sicht­bar, durch die sich Sex­ar­bei­ten­de poli­tisch ein­brin­gen:  dass vor allem Sex­ar­bei­ten­de, die in Ver­ei­nen wie dem Berufs­ver­band orga­ni­siert sind „öffent­lich bei Demons­tra­tio­nen, Para­den und Soli­par­ties“ aktiv sind und/oder auch „Inter­views geben, Vor­trä­ge hal­ten, bei Podi­ums­dis­kus­sio­nen, poli­ti­schen Anhö­run­gen und an Doku­men­ta­tio­nen teil­ha­ben“. Eine ande­re Teil­neh­me­rin erzählt, dass sie Sex­wor­ker-Früh­stücks­tref­fen orga­ni­siert und in einem Arbeits­kreis zu Sex­ar­beit tätig ist.   Gera­de die Ver­net­zung mit Orga­ni­sa­tio­nen und NGO’s ist für vie­le Sex­ar­bei­ten­de ein ers­ter Schritt zum Akti­vis­mus – öffent­lich auf der Stra­ße, aber auch im vir­tu­el­len Raum wie auf Twit­ter, Insta­gram oder Face­book. So berich­tet eine Sex­ar­bei­ten­de aus Argen­ti­ni­en: “Ich hel­fe bei Ver­an­stal­tun­gen aus, über­set­ze Tex­te, gehe zu Demos und mache Inter­views mit Journalist*innen”. Eine wei­te­re Sex­ar­bei­ten­de aus Bra­si­li­en erzählt, dass in loka­len Gemein­schaf­ten orga­ni­siert ist und auch im Web aktiv ist, hier zwar noch “mehr im Allein­gang, aber im Kon­takt mit ande­ren”.   Das Enga­ge­ment ist also bereits viel­fäl­tig, und doch in ande­rer Hin­sicht noch begrenzt. Dies beschreibt eine wei­te­re Sex­ar­bei­te­rin, die auch beim BesD sowie auf ver­schie­de­nen sozia­len Platt­for­men aktiv ist: „Ich zei­ge gern mein Gesicht, auch weil ande­re dies (noch!) nicht kön­nen.“ Damit weist sie dar­auf hin, dass poli­ti­sches Enga­ge­ment vor allem in der Öffent­lich­keit für vie­le nicht mög­lich ist. Auch die­je­ni­ge unter den Sex­ar­bei­ten­den, die sich im Sex­ar­beits­ak­ti­vis­mus bis jetzt noch nicht enga­giert haben, nutz­ten den anony­men For­schungs­raum und erzähl­ten, war­um es für sie bis dato nicht mög­lich war. So schil­dert eine Sex­ar­bei­te­rin: „Ich habe mich fast noch gar nicht akti­vis­tisch enga­giert, außer in den sozia­len Medi­en zu kom­men­tie­ren, dass aber natür­lich auch anonym, da mein Nicht-EU Bür­ge­rin Sta­tus es auch noch­mals schwie­ri­ger macht.“ Eine wei­te­re Teil­neh­me­rin schreibt, dass sie sich „gar nicht akti­vis­tisch enga­giert, denn ein Out­co­ming kann ich mir sozi­al-gesell­schaft­lich nicht leis­ten“. Vie­le Sex­ar­bei­ten­de, sie sich öffent­lich poli­tisch enga­gie­ren, sind sich die­ser Risi­ken und Ein­schrän­kun­gen bewusst, und füh­len sich in ihrem Akti­vis­mus mit­ver­ant­wort­lich für die­je­ni­gen, die beson­ders mit Stig­ma und Recht­lo­sig­keit zu kämp­fen haben.   Für vie­le Sex­ar­bei­ten­de ist der Huren­kon­gress aber auch ein Beginn, um sich akti­vis­tisch zu enga­gie­ren: „Bis­her habe ich mich noch gar nicht akti­vis­tisch bewegt, aber das möch­te ich hier­über ändern“, so eine der Stim­men aus dem For­schungs­raum. Denn beim Huren­kon­gress mischen sich poli­ti­sche Neu­lin­ge mit den Sex­ar­bei­ten­den, die bereits ver­schie­dens­te Erfah­run­gen im Akti­vis­mus gesam­melt haben. Die­se sind so viel­fäl­tig wie Sex­ar­beit selbst, wie sich im For­schungs­raum zeig­te. So sind einer­seits Stim­men zu ver­neh­men, die von posi­ti­ven Erfah­run­gen im öffent­li­chen Umgang mit dem The­ma Sex­ar­beit berich­ten: „Zu 95% posi­tiv. Inter­es­siert sind die meis­ten, sehr vie­le sind respekt­voll und eini­ge hin­ter­fra­gen eige­ne Vor­ur­tei­le.“ Eine ande­re Sex­ar­bei­ten­de schreibt: „Über das Netz­wer­ken und die poli­ti­sche Arbeit, ins­be­son­de­re in den sozia­len Medi­en und auf Kon­fe­ren­zen, habe ich so vie­le lie­bens­wer­te und inter­es­san­te Men­schen in kür­zes­ter Zeit getrof­fen; sogar poten­ti­el­le Kli­en­ten fin­den das oft gut und fin­den da manch­mal den Ein­stieg ins Gespräch leich­ter.“ Auch auf Neu­gier­de und Beach­tung sto­ßen vie­le, so schreibt eine wei­te­re Teil­neh­men­de: „Inter­es­se und Neu­gier, Über­ra­schung über unse­re Art der Arbeit und unse­re Schwer­punk­te (Acht­sam­keit, Wert­schät­zung, Akzep­tanz)“.   Ande­re berich­ten wie­der­um auch, dass sie auf Ableh­nung und Igno­ranz sto­ßen, wenn sie sich poli­tisch enga­gie­ren: „Es begeg­nen mir auch Schwei­gen und Ver­ur­tei­lun­gen, meist nicht direkt, son­dern es besteht kein Inter­es­se mehr dar­über zu erfah­ren, da Vor­ur­tei­le (unmo­ra­lisch, soll­te nur im Pri­vat­le­ben blei­ben) vor­han­den sind.“ Es wird außer­dem deut­lich, dass Sex­ar­bei­ten­de sich nicht über­all erwünscht füh­len und gera­de den Umgang mit Medi­en oft als schwie­rig emp­fin­den, wie uns berich­tet wird: „Ganz oft sind Men­schen über­rascht von unse­rer Viel­fäl­tig­keit im sex­work-Bereich und auch begeis­tert, aber im Kon­takt mit Medi­en sind mei­ne Erfah­run­gen auch sehr ent­täu­schend und frus­trie­rend.“ Das poli­ti­sche und akti­vis­ti­sche Enga­ge­ment ist einer­seits von der Wahr­neh­mung eines Rück­schrit­tes im Kampf um Aner­ken­nung und Rech­te beglei­te­tet und von “erschre­cken­den Beob­ach­tun­gen, über hys­te­ri­sche und melo­dra­ma­ti­sche Geschich­ten von ‘Abolitionist*innen’, die immer mehr Gehör fin­den” und ande­rer­seits aber genau dadurch “ Ver­net­zung mit Kolleg*innen statt­fin­den” und auch “mehr Inter­es­se von Medi­en” kommt. Und den­noch wird im For­schungs­raum auch auf die Gefahr eines “Akti­vis­mus Burn­out” hin­ge­wie­sen. Es lässt hier fest­hal­ten, dass die Erfah­run­gen mit poli­ti­schem Enga­ge­ment oft­mals von Gegen­sät­zen geprägt sind.   Vie­le der Teil­neh­men­den äußer­ten sich im For­schungs­raum auch über den Huren­kon­gress selbst und beschrie­ben die Gemein­schaft unter Sex­ar­bei­ten­den als aus­ge­spro­chen posi­tiv. Vie­le hoben die „Offen­heit und Soli­da­ri­tät inner­halb der Sex­ar­beits­com­mu­ni­ty“ her­vor, und lob­ten die Mög­lich­kei­ten zur „kol­lek­ti­ven Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on“ und den „enor­men Erfah­rungs­aus­tausch“, den die zwei Tage boten. Eine Teil­neh­me­rin beschrieb, durch den Kon­gress ein regel­rech­tes “Gefühl der Selbst­er­mäch­ti­gung” erfah­ren zu haben.   Mit ihrer zuneh­men­den poli­ti­sche Orga­ni­sie­rung glie­dern sich Sex­ar­bei­ten­de in Deutsch­land in die Kämp­fe um Aner­ken­nung und Rech­te ein, die von Sex­ar­bei­ten­den bereits seit vie­len Jah­ren, über Län­der­gren­zen hin­weg und in glo­ba­ler Ver­net­zung geführt wer­den. Mit den seit Ende 2019 ver­stärkt auf­kom­men­den Debat­ten zum “Sexkauf­ver­bot” ste­hen Sex­ar­bei­ten­den in Deutsch­land beson­ders tur­bu­len­te poli­ti­sche Zei­ten bevor. Doch davon las­sen sie sich nicht ent­mu­ti­gen — getra­gen von den posi­ti­ven Erfah­run­gen aus dem letz­ten Jahr und vol­ler neu­er Ideen lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen für den nächs­ten Huren­kon­gress in 2020 bereits an. Zu den Autorin­nen: Joa­na Hof­stet­ter ist Sozio­lo­gin und pro­mo­viert zum The­ma Sex­ar­beits­ak­ti­vis­mus und Pro­sti­tu­ti­ons­po­li­tik in Deutsch­land an der Scuo­la Nor­ma­le Supe­rio­re in Flo­renz. Sabri­na Stranzl ist Kul­tur­anthro­po­lo­gin und beschäf­tigt sich in ihrer Mas­ter­ar­beit mit dis­kur­si­ven Kon­struk­tio­nen und visu­el­len Denk­fi­gu­ren zu Sex­ar­beit und der Trans­for­ma­ti­on und Hand­lungs­macht von Sex­ar­bei­ten­den. Und hier gehts zum gro­ßen Bericht über den Huren­kon­gress und die World of Who­re­craft — Sex­work Mes­se