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“Sexwork 3.0 und wie wir Zwangsprostitution verhindern”: Ein Interview mit Autorin Martyra Peng

“Sexwork 3.0 und wie wir Zwangsprostitution verhindern”: Ein Interview mit Autorin Martyra Peng

“Sexwork 3.0 und wie wir Zwangsprostitution verhindern”: Ein Interview mit Autorin Martyra Peng
In “Sex­work 3.0” lässt die ehe­ma­li­ge Sex­ar­bei­te­rin Mar­ty­ra Peng ihre Erfah­run­gen aus über zwan­zig Jah­ren inter­na­tio­na­lem Akti­vis­mus ein­flie­ßen. Die Autorin war unter ande­rem auch im BesD als inter­na­tio­na­le Spre­che­rin tätig. Lil­li Erd­beer­mund aus unse­rer Redak­ti­on hat mir ihr gespro­chen.
In der Coro­na-Kri­se zei­gen die Lock­downs, wel­che Aus­wir­kun­gen ein Sexkauf­ver­bot auf die Bran­che hät­te. Trotz­dem gibt es wei­ter eini­ge Politiker*innen, die als Lösung für die Pro­ble­me der Bran­che das soge­nann­te Schwe­di­sche Modell for­dern. Mit dei­nem Buch willst du auf­zei­gen, dass es auch anders geht. Wer soll­te es denn dei­ner Mei­nung nach beson­ders drin­gend lesen? Mar­ty­ra Peng: Ich emp­feh­le das Buch allen, denen Pro­sti­tu­ti­ons­po­li­tik und das Wohl von Sexarbeiter:innen am Her­zen liegt. Und allen inter­es­sier­te Men­schen, die bei dem The­ma Sex­ar­beit end­lich mal durch­bli­cken wol­len und sich nicht mehr von ideo­lo­gi­schen Debat­ten und media­len Dar­stel­lun­gen dumm hal­ten las­sen wol­len. Das The­ma ist inter­na­tio­nal wich­tig – das Buch wird des­halb auch noch­mal auf Eng­lisch erschei­nen. Mit „Sex­work 3.0“ will ich auf­klä­ren und aktu­el­le Irr­we­ge kor­ri­gie­ren – es muss end­lich klar­sich­tig über die Pro­sti­tu­ti­on und die Men­schen, die Sex­ar­beit machen, nach­ge­dacht und dis­ku­tiert wer­den. Wie ist dein Hin­ter­grund? Was macht dich zu einer Exper­tin bei dem The­ma? Mar­ty­ra Peng: Ich habe 10 Jah­re als Sex­ar­bei­te­rin im In- und Aus­land gear­bei­tet. Dabei war ich in fast allen Berei­chen, die es so gibt: Auto, Bor­dell, Hotel, Ter­min­woh­nung, Woh­nungs­pro­sti­tu­ti­on, Sex Par­ties, Por­no Fil­me … In die­ser Zeit habe ich mehr­fach Kun­den­ge­walt erlebt. Ich habe dann zuerst begon­nen, mei­ne Erfah­run­gen per­sön­lich mit Kolleg:innen zu tei­len, um ihnen damit Ähn­li­ches zu erspa­ren. Ich habe nach Lösun­gen für die Gewalt und Aus­beu­tung, die statt­fin­det gesucht und mich dabei sehr weit­rei­chend ver­netzt, nicht nur in Deutsch­land, son­dern inter­na­tio­nal. Mei­ne Aus­bil­dung als Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin hat mir durch die Jah­re gehol­fen, bei die­sem kom­ple­xen The­ma einen Durch­blick zu behal­ten. Seit mei­nem eige­nen Aus­stieg aus der Sex­ar­beit vor 8 Jah­ren bin ich beruf­lich in der Bran­che ver­wur­zelt geblie­ben. Ich habe nie den Kon­takt zur Basis der Sex­ar­bei­ten­den ver­lo­ren und unter ande­rem für ein nam­haf­tes Por­tal eine Sex­wor­ker-Com­mu­ni­ty mit der­zeit 18.000 regis­trier­ten Mit­glie­dern auf­ge­baut. Ich bin viel gereist und habe an unzäh­li­gen Pro­tes­ten, Kon­fe­ren­zen und Demons­tra­tio­nen von Sex­ar­bei­ten­den und Aktivist:innen teil­ge­nom­men. Ich habe vor Ort in ver­schie­de­nen Län­dern die Recht­spre­chung zur Pro­sti­tu­ti­on und ihre Aus­wir­kun­gen ken­nen­ge­lernt und ana­ly­siert. Zuletzt war ich inter­na­tio­na­le Spre­che­rin des BesD sowie im Füh­rungs­ko­mi­tee von TAMPEP, eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich seit Anfang der 1990er Jah­re für die Rech­te von migran­ti­schen Sexarbeiter:innen in Euro­pa enga­giert.
© Tam­pep Net­work
War­um braucht es dein Buch „Sex­work 3.0“ gera­de jetzt? Mar­ty­ra Peng: Beim The­ma Sex­ar­beit läuft in der Poli­tik eini­ges falsch, das war schon vor der Coro­na-Pan­de­mie so und zeigt sich jetzt ein­fach über­deut­lich. Expert:innen aus NGOs, For­schung, oder der Sex­work-Com­mu­ni­ty rich­ten Hand­lungs­emp­feh­lun­gen an Politiker:innen und wer­den weit­ge­hend igno­riert, weil sie eine Berufs­grup­pe ver­tre­ten, über die man lie­ber nicht so viel nach­den­ken möch­te. Ich habe über die Jah­re selbst oft mit Politiker*innen und Abge­ord­ne­ten den Dia­log gesucht, unter ande­rem wäh­rend der etwa sechs­jäh­ri­gen Bera­tun­gen um die Neu­fas­sung des Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­set­zes in Deutsch­land. Doch ich fand nie ein Durch­kom­men und hät­te mir vie­le Emails und Gesprä­che spa­ren kön­nen. Wir wer­den mit den ewig glei­chen Argu­men­ten, die sich meist um den Kampf gegen Zwangs­pro­sti­tu­ti­on dre­hen, aus­ge­bremst. Ich habe sehr viel über Sex­ar­beit geschrie­ben und ver­öf­fent­licht – in Blogs, in Frei­er­fo­ren, auf Sex­work-Por­ta­len – aber das ist mein ers­tes Buch zum The­ma. Auch wenn ich selbst nicht mehr aktiv bin, möch­te ich damit einen Bei­trag leis­ten, dass Sex­ar­bei­ten­de mehr Rech­te bekom­men und ihre Rech­te auch ken­nen. Dass sie sich gegen Miss­brauch und Gewalt zur Wehr set­zen kön­nen und von der Gesetz­ge­bung dabei unter­stützt anstatt gegän­gelt und wehr­los gemacht wer­den.
© Tom Welt­ers
Was hältst du vom soge­nann­ten Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz? Mar­ty­ra Peng: Das gan­ze Gesetz ver­schlingt irre Kos­ten und fußt dabei auf absur­den Zah­len, Sta­tis­ti­ken und Behaup­tun­gen von Prostitutionsgegner:innen. Es gibt nicht 400.000 oder gar 700.000 Sexarbeiter:innen im Land, son­dern etwa 50.000. Von die­sen sind 40.400 offi­zi­ell regis­triert und ange­mel­det. Ich erklä­re in mei­nem Buch, wie und wo ich die Zah­len gezählt habe. Es gibt auch kei­ne „90% Zwangs­pro­sti­tu­ier­te“, wie von Prostitutionsgegner:innen immer wie­der behaup­tet wird. Im Gegen­teil sind die Zah­len von Rot­licht­kri­mi­na­li­tät und Zwangs­pro­sti­tu­ti­on in den letz­ten Jahr­zehn­ten kon­ti­nu­ier­lich gesun­ken. Behan­delst du in dei­nem Buch auch die Pro­ble­ma­tik der „Lover­boys“, also jener Män­ner, die Frau­en durch geziel­te Mani­pu­la­ti­on dazu brin­gen, der Sex­ar­beit nach­zu­ge­hen? In die­sen Fäl­len sto­ßen die Dis­kus­sio­nen rund um die Frei­wil­lig­keit von Sex­ar­beit ja regel­mä­ßig an ihre Gren­zen. Mar­ty­ra Peng: Ja – das The­ma ist mir sehr wich­tig. Man­che Frau­en gera­ten durch fal­sche Ver­spre­chun­gen, zum Bei­spiel über ver­meint­lich hohe Ver­diens­te, in ein Aus­beu­tungs­ver­hält­nis. Im Fall von Lover­boys haben wir es mit emo­tio­na­ler Gewalt — ähn­lich häus­li­cher Gewalt — und ande­ren Abhän­gig­kei­ten zu tun. Betrof­fe­ne von Lover­boys sehen sich übli­cher­wei­se selbst nicht als Opfer oder als aus­ge­beu­tet. Auch Angst und Scham kön­nen zu man­geln­der Aus­sa­ge­be­reit­schaft füh­ren. Wir brau­chen mehr Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen in Schu­len vor Ort und im Inter­net, um die Vor­ge­hens­wei­se der Täter mög­lichst bekannt zu machen.
© raw­pi­xel
Gewalt und Aus­beu­tung in der Bran­che sind ein kon­stan­tes The­ma in den poli­ti­schen Kämp­fen rund um das Schwe­di­sche Modell. Hast du Lösungs­vor­schlä­ge? Mar­ty­ra Peng: Der­zeit gibt es lei­der noch um die 400 Fäl­le von Men­schen­han­del und Aus­beu­tung im Jahr. Jeder Fall ist einer zu viel. Ich rege in mei­nem Buch an, dass Wer­be­platt­for­men eine frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le ein­füh­ren – also eine Veri­fi­zie­rung aller Per­so­nen, die Ero­tik-Anzei­gen auf­ge­ben. Man muss dort anfan­gen, wo aus­ge­beu­te­te Men­schen in den Markt ein­ge­schleust wer­den und die Online-Wer­bung spielt eine wich­ti­ge und stra­te­gi­sche Rol­le, Kun­den für aus­ge­beu­te­te Frau­en zu fin­den. Täter*innen wür­de es so erschwert wer­den, die Betrof­fe­nen unter die Mas­se der frei­wil­li­gen Sexarbeiter:innen zu mischen und damit Kas­se zu machen. Im mei­nem Buch gehe ich auch aus­führ­lich auf die Pro­ble­me bei der Iden­ti­fi­zie­rung von Men­schen­han­dels­op­fern, die Pro­ble­me rund um die Aus­sa­ge­be­reit­schaft von Betrof­fe­nen und die Gren­zen der Straf­ver­fol­gung ein. Behör­den feh­len häu­fig die Kri­te­ri­en, um Opfer von Men­schen­han­del zum Zwe­cke der sexu­el­len Aus­beu­tung über­haupt kor­rekt zu erken­nen. Eine Kern-For­de­rung von mir lau­tet: Pro­fes­sio­na­li­sie­rung von Sexarbeiter:innen und jenen, die es wer­den möch­ten. Und zwar von Anfang an, um das Gesund­heits- und Gewalt­ri­si­ko zu sen­ken. Poli­tik und Ver­ord­nun­gen dür­fen nicht unbe­ab­sich­tigt Opfer schaf­fen. Genau dies geschieht aller­dings, wenn man Bar­rie­ren auf­baut, die dazu füh­ren, dass Men­schen ille­gal arbei­ten, ohne Rech­te, Wis­sen, und Infor­ma­tio­nen. Ich set­ze hin­ge­gen auf Harm Reduc­tion, den Ansatz der „Scha­dens­min­de­rung“ bei gleich­zei­ti­gem Aner­ken­nen und Respek­tie­ren der Lebens­i­tua­ti­on der Ein­zel­nen. Das ist ein Kon­zept, das man auch in der Sozi­al­ar­beit, ins­be­son­de­re im Umgang mit Drogenkonsument:innen fin­det.
© NSWP
Du selbst hast vor eini­gen Jah­ren das Por­tal bigsister.de, ein anony­mes Forum für Sex­ar­bei­ten­de gegrün­det – was war dei­ne Moti­va­ti­on dahin­ter? Mar­ty­ra Peng: Nur pri­vi­le­gier­te, infor­mier­te und über die Risi­ken von Sex­ar­beit auf­ge­klär­te Per­so­nen kön­nen bis­lang unge­fähr­lich ihren Job machen. Pro­fes­sio­na­li­sie­rung hilft — und dazu gehört auch die Peer-Arbeit, also dass Sex­ar­bei­ten­de Kolleg:innen schu­len. Ins­be­son­de­re Anfänger:innen und jun­ge Sex­ar­bei­ten­de, die sich den Job etwas zu ein­fach vor­stel­len. Prä­ven­ti­on ist Schutz. Die Infor­ma­tio­nen und Unter­stüt­zung sei­tens Bera­tungs­stel­len haben eben ihre Gren­zen – zum Bei­spiel bei Escort und Woh­nungs­pro­sti­tu­ti­on. Auf bigsister.de ste­hen Sex­ar­bei­ten­den online Wis­sens­re­sour­cen zur Ver­fü­gung. Sie kön­nen im Forum anonym Anfra­gen stel­len, wenn sie Hil­fe und Unter­stüt­zung rund um ihren Job suchen. Außer­dem ent­wi­cke­le ich der­zeit auch eine mehr­spra­chi­ge Online Aka­de­mie für Sex­ar­bei­ten­de. Mehr als 65 Natio­na­li­tä­ten arbei­ten in Deutsch­land in der Sex­bran­che, vie­le Men­schen ohne aus­rei­chen­de deut­sche oder eng­li­sche Sprach­kennt­nis­se. Es soll Video­kur­se geben, so dass auch Analphabet:innen dar­an teil­neh­men kön­nen.
© bigsister.de
Dan­ke für das Gespräch!