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2. Juni: Hurentag

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Deine Spende gegen ein Sexkaufverbot

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Aktionswoche 2026

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2. bis 6.Juni: Deutsch­land­wei­te Ver­an­stal­tungs­rei­he der Sex­ar­beit!

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Was wäre wenn — Sexarbeits-Alltag in Deutschland unter dem Nordischen Modell

Was wäre wenn — Sexarbeits-Alltag in Deutschland unter dem Nordischen Modell

Was wäre wenn — Sexarbeits-Alltag in Deutschland unter dem Nordischen Modell
Per­sön­li­cher Blog­bei­trag von Johan­na Weber, poli­ti­sche Spre­che­rin des BesD Beim Nor­di­schen Modell fin­det ein juris­ti­scher Spa­gat statt — eine ein­sei­ti­ge Kri­mi­na­li­sie­rung. Ver­ein­facht gesagt bedeu­tet es: Men­schen, die Sex­ar­beit in Anspruch neh­men, machen sich straf­bar. Men­schen die Sex­ar­beit anbie­ten, machen sich nicht straf­bar. Dies soll bewir­ken, dass die Nach­fra­ge sinkt und somit lang­fris­tig die Sex­ar­beit abge­schafft ist. Die Bezeich­nung “Nor­di­sches Modell” ist dabei eigent­lich irre­füh­rend, denn nicht alle nor­di­schen Län­der  wen­den die­se Metho­de im Umgang mit Sex­ar­beit an. Zum Bei­spiel Finn­land und Däne­mark haben sich expli­zit dage­gen aus­ge­spro­chen. Stim­mi­ger ist die Bezeich­nung: „Sexkauf­ver­bot“. Dis­kus­sio­nen um das The­ma Sexkauf­ver­bot arten in der Regel kom­plett aus, und es kommt förm­lich zu einem Kampf zwi­schen zwei schein­bar unver­söhn­li­chen Fron­ten. Auf der einen Sei­te ste­hen Men­schen, die in der Sex­ar­beit viel Elend erlebt haben, teil­wei­se auch trau­ma­ti­siert sind, und deren Unter­stüt­zen­de. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen Sex­ar­bei­ten­de, die in ihren Frei­heits­rech­ten ein­ge­schränkt wer­den und Gleich­be­hand­lung mit ande­ren Beru­fen for­dern. Für sinn­vol­le poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen zur Ver­bes­se­rung der Sex­ar­beits­be­din­gun­gen ist es wich­tig, sich die Gedan­ken bei­der Sei­ten anzu­hö­ren. Doch was Lösungs­an­sät­ze anbe­langt schei­den sich die Geis­ter. Der ver­bin­den­de Fak­tor ist dabei: Bei­de Sei­ten set­zen sich gegen Miss­stän­de in der Sex­ar­beit und gegen miss­bräuch­li­che Ver­hält­nis­se ein. Doch was Lösungs­an­sät­ze anbe­langt schei­den sich die Geis­ter. Men­schen die Sex­ar­beit gene­rell als miss­bräuch­lich wahr­neh­men, set­zen sich für Sexkauf­ver­bo­te, Hil­fe und Unter­stüt­zung beim Aus­stieg und gesell­schaft­li­che Äch­tung des Gewer­bes ein. Men­schen, die Sex­ar­beit gene­rell als Arbeit wahr­neh­men, set­zen sich für mehr Rech­te und beruf­li­che Gleich­stel­lung, gesell­schaft­li­che Ent­stig­ma­ti­sie­rung des Gewer­bes und Empowern­ment ein.

Was wären die Folgen, wenn Deutschland das Sexkaufverbot nach dem schwedischen Vorbild einführen würde?

ÜBER DIE KUND*INNEN Vor ewi­ger Zeit sag­te eine schwe­di­sche Kol­le­gin zu mir: „Die guten Kun­den sind weg — die schlech­ten blei­ben.“ Jede Sexarbeiter*in weiß, was sie damit meint. Denn wel­che Kun­den blei­ben denn, wenn es ver­bo­ten ist Kun­de zu sein? Die­je­ni­gen, die es mit Recht und Ord­nung eh nicht so genau neh­men. Die­se Kun­den haben wir aber nicht so ger­ne. Das sind die Kun­den, die leicht über­grif­fig wer­den, immer noch etwas mehr for­dern, immer zu wenig bezah­len wol­len, nie zum Ende kom­men, usw. Wenn in unse­rem Arbeits­all­tag ab und zu einer von die­ser Sor­te dabei ist, dann ist das für die meis­ten Sex­ar­bei­ten­den mach­bar, und das Geld neh­men wir ger­ne mit. Wenn wir jedoch nur noch sol­che Kun­den haben, dann wird die Arbeit uner­träg­lich. ÜBER UNSERE ARBEITSPLÄTZE Unter dem Sexkauf­ver­bot wür­den Bor­del­le, Mas­sa­ge­sa­lons usw. als Stät­ten der Aus­beu­tung und Zuhäl­te­rei gel­ten und somit ver­bo­ten wer­den. Die Arbeits­plät­ze für Sex­ar­bei­ten­de wären damit weg. Sagen wir es genau­er — die siche­ren Arbeits­plät­ze sind weg. Bei uns in Deutsch­land sind Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten seit 2002 legal, und mit dem Pro­st­SchG wur­de auch eine Kon­zes­sio­nie­rung ein­ge­führt. Das heißt alle Betrei­ben­den müs­sen beim Gewer­be­amt ein Betriebs­kon­zept ein­rei­chen, und die Beam­ten kom­men dann per­sön­lich vor­bei und schau­en sich den kom­plet­ten Laden in der Pra­xis an. Da ist noch lan­ge nicht alles opti­mal, aber ich fin­de, wir sind da auf einem guten Weg. ÜBER DEN ARBEITSALLTAG Damit unter dem Sexkauf­ver­bot über­haupt noch einer kommt, müss­ten Sex­ar­bei­ten­de sich ver­ste­cken und dafür sor­gen, dass die Kund­schaft nicht ent­deckt wird. Dies kennt unse­re Bran­che schon von Coro­na. Damals war die Sex­ar­beit extrem und unver­hält­nis­mä­ßig lan­ge ver­bo­ten. Die Bor­del­le, Clubs, usw. waren geschlos­sen. Vie­le Kolleg*innen waren aus finan­zi­el­ler Not gezwun­gen, ille­gal tätig zu wer­den und sich trotz Ver­bot mit Kund­schaft zu tref­fen. Somit ent­stand ein ille­ga­ler Par­al­lel­markt an Haus- und Hotel­be­su­chen, der sich bis heu­te nicht wie­der auf­ge­löst hat. Was waren die Fol­gen? Preis­ver­fall, ver­mehr­te Nach­fra­ge nach unsa­fen Prak­ti­ken, Zunah­me von Gewalt! ÜBER HILFSANGEBOTE Die ein­zeln täti­gen Sex­ar­bei­ten­den nur noch sehr schwer für Hilfs­an­ge­bo­te zu errei­chen, denn sie arbei­ten immer an ande­ren Orten und zu fle­xi­blen Zei­ten. Prä­ven­ti­on kann aber nur direkt vor Ort erfol­gen. Prä­ven­ti­on funk­tio­niert nicht, wenn die Sozi­al­ar­bei­ten­den in der Bera­tungs­stel­le sit­zen und war­ten bis die Klient*innen vor­bei­kom­men. Bera­tungs­stel­len grü­beln des­halb schon über neue Kon­zep­te für auf­su­chen­de Bera­tung, wel­che jetzt schon sehr schwer gewor­den ist. ÜBER DIE POLIZEI In den deut­schen Medi­en sind immer die sel­ben zwei oder drei Poli­zis­ten, die das Nor­di­sche Modell for­dern. Von vie­len ande­ren höre ich Gegen­tei­li­ges: „Dann müs­sen wir unse­re Arbeits­zeit dafür ver­wen­den, die Frei­er auf­zu­spü­ren, anstatt uns um Men­schen­han­del zu küm­mern.“ In Schwe­den wer­den die Tele­fo­ne von Sex­ar­bei­ten­den abge­hört, und dann an der ent­spre­chen­den Adres­se auf­ge­lau­ert. ÜBER DEN STRASSENSTRICH Vie­le Men­schen ver­bin­den Pro­sti­tu­ti­on zuerst mit Stra­ßen­strich. Dass der größ­te Teil der Sex­ar­beit in Woh­nungs­bor­del­len statt­fin­det ist oft nicht bekannt. Der Stra­ßen­strich macht 8–12% aus mit abneh­men­der Ten­denz. Dass es in Län­dern mit Nor­di­schem Modell über­haupt noch Stra­ßen­stri­che gibt, erscheint mir fast wie ein Wun­der, denn wer geht denn da noch hin, wo er doch öffent­lich eine Straf­tat begeht. Wel­che Aus­wir­kun­gen Ver­bo­te auf Stra­ßen­stri­che haben, zeigt sich in Ham­burg St.Georg, wo die neu­en Sperr­ge­biets­re­ge­lun­gen den dor­ti­gen Stra­ßen­strich ille­gal gemacht haben. Natür­lich ist er nicht ver­schwun­den. Die dort täti­gen Sexarbeiter*innen kön­nen aber zum Bei­spiel kei­nen „Kun­den­check“ mehr vor­neh­men. Was ist ein Kun­den­check? Man lehnt sich zunächst ins Fens­ter des Autos und redet mit dem Kun­den. Oft wird sogar aus Sicher­heits­grün­den oder Bequem­lich­keit nicht mehr ins Fens­ter rein­ge­lehnt. Und erst wenn die Kolleg*in ein gutes Gefühl hat, dann steigt sie ein. Das fällt nun mit dem Ver­bot weg. Aus Angst, von der Poli­zei erwischt zu wer­den, wird sofort ein­ge­stie­gen. Wie die dor­ti­ge Bera­tungs­stel­le Ragaz­za berich­tet, sind die Umsät­ze zurück­ge­gan­gen und die Gewalt hat zuge­nom­men. ÜBER AUSSTIEG/UMSTIEG Mit dem Kon­zept des Sexkauf­ver­bots geht ja ein­her, dass für Sex­ar­bei­ten­de “Aus­stiegs­an­ge­bo­te” gemacht wer­den, damit sie alle auf­hö­ren (kön­nen). Wenn wir nach Frank­reich bli­cken, wo vor kur­zem das Nor­di­sche Modell ein­ge­führt wur­de, dann zeigt eine Unter­su­chung von 2016, dass in fast zwei Jah­ren nur 395 Per­so­nen die Aus­stiegs-Ange­bo­te genutzt haben. Was nicht mal heißt, dass alle davon auch mit der Sex­ar­beit auf­ge­hört haben. Bei einer geschätz­ten Anzahl von 40.000 bis 100.000 Sex­ar­bei­ten­den in Frank­reich ist das nicht son­der­lich viel. In Deutsch­land gibt es bereits heu­te vie­le Mög­lich­kei­ten für Sex­ar­bei­ten­de, Unter­stüt­zung oder Beglei­tung beim Umstieg zu erhal­ten. Jede Bera­tungs­stel­le für Sex­ar­bei­ten­de bie­tet das an, das gehört zu deren täg­li­cher Arbeit dazu. Auch das Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um hat sich mit dem The­ma Ausstieg/Umstieg beschäf­tigt. Es gab ein Modell­pro­jekt mit der Lauf­zeit Novem­ber 2011 bis Mai 2015. Aktu­ell läuft seit dem 01. August 2021 ein zwei­tes Modell­pro­jekt mit 6 Städ­ten in Deutsch­land. Das ers­te Pro­jekt ist natür­lich ord­nungs­ge­mäß eva­lu­iert wor­den, ein Zitat dar­aus lau­tet: „Geschätzt wird, dass jede 10. Sexarbeiter*in im Rah­men eines Aus­stiegs auf Bera­tung und Unter­stüt­zung ange­wie­sen ist.“ (Quel­le, S.173) Das heißt, dass es für jede zehn­te Umstiegs­wil­li­ge zwar sehr wich­tig ist, dass es die­se auf­wen­di­ge und auch sehr spe­zi­ell auf Sex­ar­bei­ten­de zuge­schnit­te­ne Beglei­tung gibt. Aber auch, dass 9 von 10 Sex­ar­bei­ten­den den Umstieg allei­ne hin­be­kom­men haben oder ihn doch nicht wol­len. Das zeigt, dass Sex­ar­beit nicht zwangs­läu­fig eine Sack­gas­se sein muss. — Mehr rund um das The­ma Nor­di­sches Modell/Sexkaufverbot sowie alter­na­ti­ve Lösungs­an­sät­ze lesen Sie hier.