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Will­kom­men beim BesD e.V., dem Berufs­ver­band für sexu­el­le und ero­ti­sche Dienst­leis­tun­gen.

2. Juni: Hurentag

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Aktionswoche 2026

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2. bis 6.Juni: Deutsch­land­wei­te Ver­an­stal­tungs­rei­he der Sex­ar­beit!

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Politische Sprecherin des BesD im Gespräch: Fragen und Antworten zur Prostitution in Deutschland

Politische Sprecherin des BesD im Gespräch: Fragen und Antworten zur Prostitution in Deutschland

Politische Sprecherin des BesD im Gespräch: Fragen und Antworten zur Prostitution in Deutschland
Was for­dert der BesD, um die Situa­ti­on von Sex­ar­bei­ten­den zu ver­bes­sern? Wie­viel Sexarbeiter*innen gibt es über­haupt hier in Deutsch­land? Wie las­sen sich Sex­ar­beit und Zwangs­pro­sti­tu­ti­on unter­schei­den? Wie bewer­tet der BesD den Vor­schlag, Sex­ar­beit gene­rell zu ver­bie­ten? Was wür­de sich dann für Sexarbeiter*innen ändern? Die­se und ähn­li­che Fra­gen wer­den regel­mä­ßig von Medienvertreter*innen an unse­ren Ver­band her­an­ge­tra­gen. In die­sem Blog­bei­trag liest Du die Ant­wor­ten unse­rer poli­ti­schen Spre­che­rin Johan­na Weber (mit zum Teil per­sön­li­chen Ein­schät­zun­gen) auf zwei aktu­el­le ent­spre­chen­de Anfra­gen.

Die Koalition ist fast zwei Jahre im Amt. Was sind Ihre Forderungen an die Regierung für die restliche Legislaturperiode? Gab es Dinge, die aus der Perspektive der Sexarbeiter*innen gut liefen? Was lief schlecht?

Der Berufs­ver­band der Sex­ar­bei­ten­den begrüßt den sach­li­chen Umgang des Fami­li­en­mi­nis­te­ri­ums mit unse­rem sehr emo­ti­ons­ge­la­de­nen The­men­be­reich. Mit Bewer­tun­gen wird gewar­tet — auf die Ergeb­nis­se der sehr umfang­rei­chen Eva­lua­ti­on des Pro­st­SchG. Wir schla­gen vor, dass sich ein Expert*innen-Gremium mit den Ergeb­nis­sen der Eva­lua­ti­on beschäf­ti­gen soll — los­ge­löst von den hit­zi­gen Debat­ten. Nur ein neu­tra­les und mit allen Stim­men besetz­tes Gre­mi­um wird sinn­vol­le Lösungs­vor­schlä­ge zum Umbau des Pro­st­SchG und zum zukünf­ti­gen Umgang mit der Sex­ar­beit in Deutsch­land erar­bei­ten. Die Ergeb­nis­se sol­len dem Fami­li­en­aus­schuss als Arbeits­grund­la­ge die­nen, wie es bei ande­ren Geset­zen durch­aus auch gemacht wird. Wir hal­ten es für unab­ding­bar, dass noch in die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode über die Ein­rich­tung und die Zusam­men­set­zung des Expert*innen-Gremiums beschlos­sen wird. Bezo­gen auf Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten sehen wir drin­gen­den Hand­lungs­be­darf. Es han­delt sich dabei um unse­re Arbeits­plät­ze, wel­che größ­ten­teils dis­kret als soge­nann­tes „stil­les Gewer­be“ von der Öffent­lich­keit nicht wahr­ge­nom­men wer­den. Durch Coro­na gab es vie­le Schlie­ßun­gen. Neu­eröff­nun­gen sind extrem sel­ten, denn Sperr­ge­biets­ver­ord­nun­gen und Flä­chen­nut­zungs­plä­ne ver­hin­dern in den meis­ten Tei­len der Städ­te und Gemein­den die Zulas­sung von Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten. Dies führt zu einer Ver­la­ge­rung in nicht ange­mel­de­te Woh­nungs­bor­del­le. Wir wün­schen uns von der Bun­des­ebe­ne Impul­se an die Bun­des­län­der zu prag­ma­ti­schen Lösun­gen. Z.B. dass sie bei der Anmel­dung von Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten Ein­zel­fall­prü­fun­gen vor­neh­men. Eben­so wün­schen wir uns Impul­se an die Bun­des­län­der bezo­gen auf die Locke­rung von Sperr­ge­bie­ten. Geschlos­se­ne Sperr­ge­bie­te, in denen jeg­li­che Art von Pro­sti­tu­ti­on ver­bo­ten ist, füh­ren zu mehr Ille­ga­li­tät. Im ers­ten Schritt soll­ten Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten zuge­las­sen wer­den, die ohne soge­nann­te „stö­ren­de Umge­bungs­ein­flüs­se“ sind. Hier spre­chen wir vom oben schon genann­ten „stil­len Gewer­be“, wel­ches geschätz­te 80% der Sex­ar­beit aus­macht.

Wie bewerten Sie den Vorschlag, Sexarbeit generell zu verbieten?

Die Sex­ar­beit kom­plett zu ver­bie­ten ist aktu­ell nicht im Gespräch. Bei der Dis­kus­si­on um Ver­bo­te geht es der­zeit um das soge­nann­te „nor­di­sche Modell“, wel­ches eine ein­sei­ti­ge Straf­bar­keit vor­sieht. Sex­ar­bei­ten­de dür­fen ihre Tätig­keit legal anbie­ten, aber die Kun­den machen sich straf­bar. Eben­so ist jeg­li­che Art von Unter­stüt­zung der Pro­sti­tu­ti­on ver­bo­ten — dabei geht es nicht nur dar­um, dass Bor­del­le und sons­ti­ge Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten ver­bo­ten sind, son­dern auch Ver­mitt­lun­gen wie Escort-Ser­vices und Wer­be­por­ta­le — aber auch das Ver­mie­ten von ganz nor­ma­len Woh­nun­gen an Sex­ar­bei­ten­de (sie könn­ten ja dort der Sex­ar­beit nach­ge­hen), Fahr­ser­vice, Sicher­heits­diens­te, Bank­kon­ten… Wir als Berufs­ver­band für Sex­ar­bei­ten­de leh­nen das nor­di­sche Modell ab. Dann wären die siche­ren Arbeits­plät­ze weg, denn es gibt kei­ne Bor­del­le mehr und Sex­ar­bei­ten­de dür­fen sich auch nicht zu zweit zusam­men­tun und sich eine Arbeits­woh­nung tei­len.  Da die Kun­den sich straf­bar machen ver­rin­gert sich die Nach­fra­ge. Übrig blei­ben in ers­ter Linie die­je­ni­gen, die es mit Recht und Ord­nung nicht so genau neh­men. Das sind die Kun­den, die wir Sex­ar­bei­ten­de eigent­lich nicht so ger­ne mögen. Um über­haupt noch Kun­den zu haben, müs­sen Sex­ar­bei­ten­de sich ver­ste­cken, damit die Kun­den nicht von der Poli­zei ent­deckt wer­den. In Schwe­den über­wacht die Poli­zei die Tele­fo­ne der Sex­ar­bei­ten­den, um an deren Kun­den zu gelan­gen. Trag­fä­hi­ge Umstiegs­kon­zep­te für Sex­ar­bei­ten­de wür­den Mil­lio­nen kos­ten, und sind nur im gerin­gen Aus­maß vor­han­den. Somit blei­ben genau die Men­schen in der Sex­ar­beit, die eigent­lich durch das nor­di­sche Modell „geret­tet” wer­den sol­len. Es ist ein Ver­blei­ben unter erschwer­ten Bedin­gun­gen. Wir for­dern, dass bei allen Maß­nah­men bei­de Sei­ten der Sex­ar­beit berück­sich­tigt wer­den. Zum einen geht es uns um den Aus­bau von sinn­vol­len Umstiegs­an­ge­bo­ten und von auf­su­chen­der Bera­tung. Eben­so for­dern wir aber Pro­fes­sio­na­li­sie­rungs-Maß­nah­men in Form von Fort­bil­dun­gen und berufs­be­zo­ge­ne Ein­stiegs­be­glei­tung — wei­ter­hin die Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen durch Abschaf­fung der Sperr­be­zir­ke und des Huren­aus­wei­ses.

Manche Prostitutions-Gegnerinnen sprechen von einem “asymmetrischen” Verhältnis zwischen zahlendem Kunden und Sexarbeiter*in. Ist da etwas Wahres dran?

In allen Dienst­leis­tungs­be­ru­fen ste­hen die Wün­sche und Vor­stel­lun­gen der Kund*innen im Vor­der­grund. Ein Koch in einem Restau­rant kocht übli­cher­wei­se das Essen, wel­ches die Gäs­te bestellt haben. Im bes­ten Fall hat er Ein­fluss auf die Ange­bo­te in der Spei­se­kar­te. In der Sex­ar­beit ist es beson­ders wich­tig, dass die Kun­den­wün­sche, die den eige­nen Vor­lie­ben nicht ent­spre­chen, abge­lehnt wer­den kön­nen. Dazu bedarf es finan­zi­el­ler Unab­hän­gig­keit. Hier sind nicht nur Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se zu Part­nern, Fami­lie oder sons­ti­gen Per­so­nen gemeint, son­dern auch ein soli­des finan­zi­el­les Pols­ter, was es über­haupt mög­lich macht, Kun­den­an­fra­gen abzu­leh­nen.

Was ist dran an der Behauptung, es gebe zu viel Zwangsprostitution in Deutschland?

Es gibt kei­ne Nach­wei­se, dass es in Deutsch­land mehr Zwangs­pro­sti­tu­ti­on gibt als in ande­ren Län­dern. Die ein­zi­gen wis­sen­schaft­lich halt­ba­ren Zah­len fin­den sich im Lage­bild Men­schen­han­del des BKA. Die­se Zah­len sind für die Pro­sti­tu­ti­on seit Jah­ren rück­läu­fig. Frau Brey­mai­er sieht aller­dings schon die rei­ne Not­wen­dig­keit zum Geld­ver­die­nen als Zwang an, sofern es sich bei der Tätig­keit um Pro­sti­tu­ti­on han­delt. Geld­not ist ein häu­fi­ges Ein­stiegs­kri­te­ri­um in die Sex­ar­beit, muss aber nicht zwangs­läu­fig nega­tiv ver­lau­fen. Vie­le sehen Sex­ar­beit als eine Mög­lich­keit in rela­tiv kur­zer Zeit rela­tiv viel Geld zu ver­die­nen.

Wie könnte man freiwillige Sexarbeit und Zwangsprostitution besser unterschieden — geschieht da genug von Seiten der Polizei und Justiz?

Die ein­deu­ti­gen Straf­tat­be­stän­de des Men­schen­han­dels trifft man nur sel­ten an. Oft han­delt es sich um Aus­beu­tung oder Abhän­gig­keits­zu­stän­de, wel­che kaum von außen ein­zu­schät­zen sind. Betrof­fe­ne sel­ber sehen sich oft nicht als Opfer und benö­ti­gen Jah­re, um sich der Situa­ti­on klar zu wer­den und sich lösen zu wol­len. Hier ist dann nicht Poli­zei wich­tig, son­dern Ver­trau­ens­per­so­nen, wie Bera­tungs­stel­len mit auf­su­chen­der Bera­tung.

Was würde in Deutschland geschehen, wenn Sexarbeit verboten wird?

Coro­na hat gezeigt, wohin Ver­bo­te von Sex­ar­beit füh­ren: Ver­schie­bung aus den Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten in nicht ange­mel­de­te Woh­nun­gen oder Haus­be­su­che, Preis­ver­fall, Zunah­me von Anfra­gen ohne Kon­dom, ver­rin­ger­te Nach­fra­ge und somit Umsatz­rück­gän­ge. Die­je­ni­gen, die kei­ne Alter­na­ti­ve zur Sex­ar­beit haben, kön­nen nicht damit auf­hö­ren, und genau die­se eh schon Mar­gi­na­li­sier­ten müs­sen dann zu den schlech­te­ren Bedin­gun­gen wei­ter in der Sex­ar­beit blei­ben. Die Abhän­gig­kei­ten wer­den zuneh­men, denn bei man­geln­den Deutsch­kennt­nis­sen wird oft eine Ver­mitt­ler­per­son benö­tigt für die Kun­den­kon­tak­te und Ter­min­ab­spra­chen.  In Bor­del­len jedoch kann auch mit weni­gen Wor­ten das Wesent­li­che geklärt wer­den oder im direk­ten Gegen­über mit Über­set­zungs-Soft­ware gear­bei­tet wer­den.

Zahlen Sexarbeiter*innen für die Ausübung ihrer Tätigkeit in der Regel eigentlich Steuern? Wie viel Sexarbeiter*innen gibt es Ihres Wissens in Deutschland?

Die Daten der ange­mel­de­ten Sex­ar­bei­ten­den wer­den auto­ma­tisch an das Finanz­amt wei­ter­ge­lei­tet. Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten ohne plau­si­ble Steu­er­erklä­rung sind so gut wie aus­ge­schlos­sen. Sie sind oft sogar zu Son­der­steu­ern wie Ver­gnü­gungs­steu­er ver­pflich­tet. Wie vie­le Sex­ar­bei­ten­de es in Deutsch­land gibt ist sehr schwer zu sagen, denn: Wer wird denn gezählt? Zäh­len die Migran­tin­nen, die nur für ein paar Wochen oder Mona­te in Deutsch­land arbei­ten, voll mit? Zählt eine Stu­den­tin, die 4–5x pro Jahr einen Escort-Kun­den macht, voll mit? Zäh­len „Jungs“ auf dem Stra­ßen­strich mit, die an ande­ren Tagen auf dem Bau arbei­ten oder Möbel schlep­pen? Mei­ne per­sön­li­che Schät­zung ist, dass sich vor Coro­na die Hälf­te der Sex­ar­bei­ten­den ange­mel­det hat. Ende 2019 waren 40.400 Sex­ar­bei­ten­de ange­mel­det und ich schät­ze, dass die sel­be Anzahl sich nicht ange­mel­det hat. Jetzt sind es laut mei­ner per­sön­li­chen Schät­zung nur noch ein Vier­tel bis ein Drit­tel, die sich anmel­den — Ende 2021 waren es 23.700 Sex­ar­bei­ten­de ange­mel­det.