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“Das Gegenteil von Gewalt”: Internationale Konferenz ESWA empfiehlt Entkriminalisierung von Sexarbeit

“Das Gegenteil von Gewalt”: Internationale Konferenz ESWA empfiehlt Entkriminalisierung von Sexarbeit

“Das Gegenteil von Gewalt”: Internationale Konferenz ESWA empfiehlt Entkriminalisierung von Sexarbeit

Die Kon­fe­renz­spra­che auf der ESWA-Kon­fe­renz 2023 war Eng­lisch. In den vie­len, gehalt­vol­len Bei­trä­gen. Aber zumeist auch in den mir so wich­ti­gen per­sön­li­chen Gesprä­chen in den Pau­sen und am Abend. Mir schwirrt immer noch der Kopf von mei­nen Über­set­zungs- und Wort­fin­dungs­be­mü­hun­gen. Von daher schrei­be ich die­sen Bericht aus mei­nem gefühl­ten Wis­sen her­aus. Das, was mir als inter­es­sant begeg­ne­te und von mir mit­ge­nom­men wer­den woll­te. Bei man­chen die­ser Bei­trä­ge spür­te ich über deren Web­sites und Ver­öf­fent­li­chun­gen Wis­sens­lü­cken auf. Für alle die mehr hören und sehen wol­len ⇒ Video-Play­list mit zahl­rei­chen Bei­trä­gen von der Kon­fe­renz am You-Tube-Chan­nel von ESWA
Alle wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en die­ser Kon­fe­renz zeig­ten,  wie schäd­lich eine Kri­mi­na­li­sie­rung von Sex­ar­beit für die Gesund­heit und Sicher­heit von Pro­sti­tu­ier­ten ist. Stell­ver­tre­tend nen­ne ich hier die bekann­te Stu­die von Nii­na Vuo­la­jär­vi „Cri­mi­na­li­sing the Sex Buy­er: Expe­ri­en­ces from the Nor­dic Regi­on“ (Kri­mi­na­li­sie­rung von Sexkäufer*innen: Erfah­run­gen aus den Län­dern mit Nor­di­schen Modell). Sie zeigt die Über­schnei­dung eines „Sexkauf­ver­bots“ mit der Migra­ti­ons­pro­ble­ma­tik, und einer damit ein­her­ge­hen­den Ver­schär­fung der Ein­wan­de­rungs- und Abschie­be­po­li­tik. Nach­dem auch in den Nor­di­schen Län­dern zumeist migran­ti­sche Men­schen in der Pro­sti­tu­ti­on tätig sind, könn­te das „Nor­di­sche Modell“ dem­nach auch als ein spe­zi­el­ler Akt der CRIMMIGRATION bezeich­net wer­den. Die Ver­schmel­zung von Kri­mi­na­li­tät und Migra­ti­on, von Pro­sti­tu­ti­ons- und Ein­wan­de­rungs­kon­trol­le, von Straf­recht und Migra­ti­ons­recht. Hier zeigt sich bereits, dass in der Dis­kus­si­on um ein „Sexkauf­ver­bot“ The­men ver­han­delt wer­den, die nicht nur pro­sti­tu­ti­ons­spe­zi­fisch sind. Es geht um Inter­sek­tio­na­li­tät, die aber im Nor­di­schen Modell hin­ter der Haupt­ziel­rich­tung einer schlei­chen­den Abschaf­fung der Pro­sti­tu­ti­on ver­schlei­ert wird.
„Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le ist von jeher mit der Kon­struk­ti­on des ‘Ande­ren’ ver­bun­den und nimmt das ‘Frem­de’ und die ‘Frem­den’ in den Blick.“ (M. Alt­hoff, Chr. Graebsch: Crim­mi­gra­ti­on — die Ver­schmel­zung von Kri­mi­na­li­tät und Migra­ti­on, in: Kri­mi­no­lo­gi­sches Jour­nal 122)
Und wir Sex­ar­bei­ten­den waren schon immer die „Ande­ren“, so wie migran­ti­sche Men­schen lei­der immer noch all­zu oft als die „Frem­den“ ange­se­hen wer­den. Und wenn ein Groß­teil mei­ner Kolleg*innen, — egal ob nun legal oder ille­gal, — nach Deutsch­land kom­men, um durch eine Tätig­keit in der Pro­sti­tu­ti­on für sich und ihre Ange­hö­ri­gen zu sor­gen, dann lässt sich die Migra­ti­ons­pro­ble­ma­tik ganz unauf­fäl­lig auch über ein Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bot gleich mit lösen. Von daher erscheint mir das Nor­di­sche Modell mit sei­nem „Sexkauf­ver­bot“ und der Kri­mi­na­li­sie­rung von „third par­ties“ fast wie ein Tro­ja­ni­sches Pferd der Migra­ti­ons­kon­trol­le.
„Decri­mi­na­li­sa­ti­on is the ans­wer to many of the issues that we face. All the evi­dence points to it.“ (Luca Ste­ven­son, Direc­tor of Pro­gram­mes ESWA) Ent­kri­mi­na­li­sie­rung ist die Ant­wort auf vie­le der Pro­ble­me denen wir gegen­über­ste­hen. Alle For­schungs­er­geb­nis­se deu­ten dar­auf hin.

I. Mein Blick auf ausgewählte Beiträge

Ruby Rebelde zum Thema: Intersektionale Analyse von Sexwork-Phobie in Westeuropa

Ruby Rebel­de hat in ihrem Vor­trag „Inter­sec­tion­al ana­ly­sis on sex­work­pho­bia in Wes­tern Euro­pe“ her­vor­ge­ho­ben, dass vie­le der gesell­schaft­lich exis­tie­ren­den Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men sich mit Sex­work­pho­bie kreu­zen. Ras­sis­mus (migran­ti­sche Bio­gra­phien), Anti-Roma­nis­m/An­ti-Sin­tiz­zi­sm, (trans-)Misogyny-Sexismus und Ableis­mus sind nur eini­ge ihrer Bei­spie­le. Es geht also um die gesell­schaft­li­che Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung von Sex­ar­bei­ten­den. Um Inter­sek­tio­na­li­tät.
„Sex­work­pho­bia ist die struk­tu­rel­le und sys­te­mi­sche Ver­flech­tung von insti­tu­tio­nel­ler, öko­no­mi­scher, kul­tu­rel­ler und indi­vi­du­el­ler Dis­kri­mi­nie­rung, der Sexarbeiter*innen aus­ge­setzt sind, die sich in aktu­el­len poli­ti­schen, kul­tu­rel­len und sozia­len Phä­no­me­nen wie Othe­ring oder Aus­gren­zung wider­spie­geln.“ (Ruby Rebel­de, ESWA-Con­fe­rence 12/2023)
In der aktu­el­len Debat­te um das „Sexkauf­ver­bot“ wer­den fast schon klan­des­tin gesamt­ge­sell­schaft­li­che The­men und Strö­mun­gen ver­han­delt, die eben nicht aus­schließ­lich die Sex­ar­beit betref­fen. Und so tei­le ich Rubys Über­zeu­gung einer not­wen­di­gen Ver­net­zung mit zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen als ein Gebot der Stun­de. Sex­work­pho­bia spie­gelt Phä­no­me­ne, die Vie­le ange­hen. Bün­deln wir unse­re Kräf­te mit eben­falls Betrof­fe­nen. Im per­sön­li­chen Gespräch wies Ruby auch auf die Gefähr­dung unse­rer Infra­struk­tur, ins­be­son­de­re der Fach­be­ra­tungs­stel­len, unter einem „Sexkauf­ver­bot“ hin. Eine Befürch­tung, die eine Sozi­al­ar­bei­te­rin vom Gesund­heits­amt Leip­zig mir bereits zuvor bestä­tigt hat­te: „Wir sit­zen alle im sel­ben Boot“. Daher müss­te eine akti­vis­ti­sche Sex­ar­beit sich auch für den Erhalt unse­rer Infra­struk­tur ein­set­zen. Wäh­rend des „klei­nen Sexkauf­ver­bots“ (Coro­na-Pan­de­mie) blieb die­se glück­li­cher­wei­se ja noch erhal­ten.

Marion Pluskota zum Thema: Gesundheit, Krankheit, Macht — Die Darstellung von Sexarbeitenden als Infektionsverursacher*innen

Mari­on Plus­ko­ta ist eine His­to­ri­ke­rin von der Lei­den Uni­ver­si­ty in den Nie­der­lan­den. In ihrem Vor­trag „Health, dise­a­se and power: framing sex workers as a source of infec­tion“ hat sie einen für mich, und auch einen für das Heu­te wich­ti­gen Gegen­satz auf­ge­stellt. Seit dem „lan­gen 18.Jahrhundert der Auf­klä­rung“ wird Sex­ar­beit in dem Span­nungs­feld von „an urban issue“ oder „a sta­te pro­blem“ ver­or­tet. Also, was ist vor Ort, in den Städ­ten erlaubt? Wel­che Pro­ble­me gibt es? Wie küm­mert sich die Poli­zei dar­um? Lokal­po­li­tik. Und wie ist das The­ma Sex­ar­beit auf staat­li­cher Ebe­ne gesetz­lich gere­gelt? Gera­de in der aktu­el­len Dis­kus­si­on über das „Sexkauf­ver­bot“ fin­de ich die­se Unter­schei­dung hilf­reich. So wich­tig die Ver­hin­de­rung die­ses Geset­zes­vor­ha­ben auf bun­des­staat­li­cher Ebe­ne ist, dür­fen wir die loka­le Ebe­ne dabei nicht aus den Augen las­sen. Die kon­kre­ten Pro­ble­me und Bedürf­nis­se vor Ort. Sowohl der Sexarbeiter*innen, als bspw. auch der Anwohner*innen – der Öffent­lich­keit – und natür­lich der Lokalpolitiker*innen. Wir brau­chen für die Ver­hin­de­rung eines „Sexkauf­ver­bots“ vor allem die öffent­li­che Mei­nung, die Men­schen. Und die gewin­nen wir am ehes­ten vor Ort, wo Sex­ar­beit ein greif­ba­res, begreif­ba­res The­ma ist. Ein „run­der Tisch Sex­ar­beit“, wie es ihn bspw. in Ham­burg gibt, könn­te solch ein Ort für urban issues sein. Aber nach­dem das The­ma „Pro­sti­tu­ti­on“ so mora­lisch und ideo­lo­gisch besetzt ist, bedarf es vor allem Auf­klä­rung und Infor­ma­ti­on in der Gesell­schaft dar­über.

Layla und Mark Ferbrache: Zur Weiterbildung von Medizin-Student*innen im Bezug auf die komplexen Bedürfnisse von Sexarbeitenden und gegen Stigmatisierung

Von einer Mög­lich­keit, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das The­ma „Public Health“, hat der Vor­trag von Lay­la Fer­bra­che (The Sex Worker Uni­on) Sex Workers’ Uni­on) & Mark Fer­bra­che (Bris­tol Sex Workers Coll­ec­ti­ve and Ter­rence Hig­gins Trust, UK) „On trai­ning medi­cal stu­dents to under­stan­ding sex workers’ com­plex needs and era­di­ca­ting stig­ma“ berich­tet. In einer zuneh­mend mar­gi­na­li­sier­ten Welt, kann das Ver­ständ­nis von Sexarbeiter:innen als Rand­grup­pe par excel­lence auch ein gene­rel­les Ver­ständ­nis für alle ande­ren mar­gi­na­li­sier­ten Men­schen schaf­fen.

Countess Diamond und Josie West: Digitale/Online-Gewalt gegenüber Online Sex Work/ern

Ein Bei­trag, der mich abso­lut über­rasch­te, kam von Count­ess Dia­mond und Josie West über „Data Vio­lence Against Online Sex Work“. Ich kann­te bis­her nur die Pro­ble­me, wenn Social-Media-Accounts von Sexarbeiter*innen gesperrt oder gelöscht wer­den. Allein dadurch erfolgt bereits ein Ver­lust von Fol­lo­wern und Con­tent. Als aber Count­ess Dia­mond erzähl­te, wie ihre Bil­der und Vide­os mit ihrer Arbeit und ihren Skills, ihrem Know-How gestoh­len und in ande­ren Kon­tex­ten ver­kauft wur­den; wie ihre Ein­nah­men und ihr Bank­kon­to gehackt wur­den, so dass sie finan­zi­el­le Ver­lus­te bis hin zum Ver­lust ihres Kon­tos hat­te, spür­te ich kör­per­lich die­se aus­ge­üb­te, digi­ta­le Gewalt an ihr als Men­schen. Ein zunächst unbe­merk­ter Raub von ihrem geis­ti­gen, finan­zi­el­len und pro­fes­sio­nel­len Eigen­tum zum Zwe­cke einer Bedürf­nis­be­frie­di­gung. Eine Art digi­ta­ler KO-Trop­fen zum Zwe­cke der digi­ta­len Ver­ge­wal­ti­gung. Mit all den nega­ti­ven Gefüh­len von Hilf­lo­sig­keit, Wut, und Empö­rung. Aber sie hat bereits begon­nen, sich zu weh­ren:
„We intend to build ethi­cal labour stan­dards (@TowardsFairWork) into a plat­form coöpe­ra­ti­ve for online sex workers, to com­bat wide spread stig­ma and cri­mi­na­li­sa­ti­on.“ (Count­ess Dia­mond on X, form­er­ly Twit­ter) Unser Ziel ist der Auf­bau ethi­scher Arbeits-Stan­dards  im Rah­men einer Platt­form die mit Online Sex­wor­kern koope­riert. Damit pla­nen wir, die weit ver­brei­te­te Stig­ma­ti­sie­rung und Kri­mi­na­li­sie­rung zu bekämp­fen. (Count­ess Dia­mond auf X, ehe­mals Twit­ter)
Damit meint sie eine Zusam­men­ar­beit mit Fair­Work. Die­ses Pro­jekt ist am Oxford Inter­net Insti­tu­te und dem WZB (Wis­sen­schafts­Zen­trumBer­lin) ange­sie­delt, um den Men­schen in der wach­sen­den gig eco­no­my (Platt­form­öko­no­mie) eine ange­mes­se­ne Bezah­lung, bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und Sicher­heit zu ver­schaf­fen. Sie arbei­ten dafür eng mit Arbeiter*innen, Gewerk­schaf­ten, Platt­form­un­ter­neh­men, zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen und poli­ti­schen Entscheidungsträger*innen in 38 Län­dern zusam­men.

Stavroula Triantafyllidou zum Thema: Nicht-einvernehmliches/Heimliches Abziehen des Kondoms ohne Wissen der Sexarbeiterin

Auch der Bei­trag von Stavrou­la Tri­an­ta­f­yl­l­i­dou (Street­Work Coör­di­na­tor at Red Umbrel­la Athens, Greece) „Non-con­sen­su­al con­dom rem­oval (ste­alt­hing) in fema­le sex workers“ befass­te sich mit einem Aspekt von Gewalt an Sex­ar­bei­ten­den. Die berech­tig­te Dis­kus­si­on über Gewalt in der Pro­sti­tu­ti­on wird mei­nes Erach­tens zu ein­di­men­sio­nal geführt, indem sie sich ledig­lich auf die soge­nann­te „Zwangs­pro­sti­tu­ti­on“ beschränkt. Die­ses The­ma ist eben­so viel­fäl­tig wie unse­re Arbeits- und Lebens­rea­li­tä­ten. Ste­alt­hing ist ein­ver­nehm­li­cher Sex mit nicht ein­ver­nehm­li­cher Kon­do­ment­fer­nung. Das heim­li­che Abzie­hen des Kon­doms. Ein erschli­che­nes AO, das nicht nur die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit von uns Sex­ar­bei­ten­den, son­dern auch unse­re sexu­el­le Auto­no­mie miss­ach­tet. Fol­ge die­ses sexu­el­len Miss­brauchs sind Angst vor unge­woll­ter Schwan­ger­schaft und sexu­ell über­trag­ba­ren Krank­hei­ten. Aber auch Scham und das weni­ger kon­kre­te Gefühl einer tief emp­fun­de­nen Gewalt­er­fah­rung. Ohn­macht. Wut. Hilf­lo­sig­keit. Ste­alt­hing betrifft lei­der auch männ­li­che und trans Sex­ar­bei­ten­de. Und es ist auch eine recht ver­brei­te­te Prak­tik außer­halb der Pro­sti­tu­ti­on. Wir leben nun mal in einer patriacha­len und kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft.

Netzwerk “Safety First Wales (SFW)” zum Thema Basis-Einkommen für Mütter/Eltern in der Sexarbeit

Safe­ty First Wales ist für mich ein bei­spiel­haf­tes Pro­jekt einer neu­ar­ti­gen Ver­net­zung von Sex Workers jen­seits eines ver­ein­zeln­den Ziel­grup­pen­den­kens. „ SWF is a coali­ti­on of sex workers, health pro­fes­sio­nals, church repre­sen­ta­ti­ves, anti-pover­ty, anti-vio­lence, anti-racist and trans rights cam­pai­gners – for­med to decri­mi­na­li­se sex work in Wales and prio­ri­ti­se sex workers‘ safe­ty, health and well-being.“ Die Pro­sti­tu­ti­on nimmt in ganz Groß­bri­tan­ni­en zu, weil die Armut dort zunimmt. Und nach­dem über­wie­gend Frau­en (85–90%), zumeist Müt­ter und Migrant*innen, in der Pro­sti­tu­ti­on tätig sind, schlägt SFW u.a. ein „care-inco­me“ für Mütter/Eltern in der Sex­ar­beit vor. Ent­spre­chend einem erst kürz­lich (Janu­ar 2023) erlas­se­nen hawai­ia­ni­schen Gesetz zum „basic-inco­me of $2000 a month to sex workers aiming to exit pro­sti­tu­ti­on“ (SB3347, hawaii.gov)

Paola Gioia Macioti zum Thema: Gesundheit und Wohlbefinden von Sexarbeitenden in Systemen in denen Sexarbeit nicht kriminalisiert ist

Bel­gi­en, Aus­tra­li­en und Neu­see­land gel­ten als Vor­rei­ter einer Dekri­mi­na­li­sie­rung von Sex­ar­beit. PG Macio­ti, von der La Tro­be University/Australia, fass­te in ihrem Vor­trag „Health and well-being of sex workers in decri­mi­na­li­zed con­texts“ vor­han­de­ne For­schungs­er­geb­nis­se von zwei Stand­or­ten zusam­men, an denen Sex­ar­beit seit meh­re­ren Jah­ren ent­kri­mi­na­li­siert ist: dem aus­tra­li­schen Bun­des­staat New South Wales und Neu­see­land. Ihre Review-Stu­die beschreibt sowohl Ver­bes­se­run­gen der Gesund­heit und des Wohl­be­fin­dens als auch des Zugangs zu und der Nut­zung von Gesund­heits­diens­ten bei ver­schie­de­nen Sex­ar­bei­te­rin­nen in Bezug auf Geschlecht, Migra­ti­ons­ge­schich­te, kul­tu­rel­le Hin­ter­grün­de und Art der Sex­ar­beit in den bei­den Gerichts­bar­kei­ten. Die­se Ver­bes­se­run­gen hän­gen mit der Ent­wick­lung einer peer-basier­ten Öffent­lich­keits­ar­beit und der Bereit­stel­lung von Dienst­leis­tun­gen durch und für ver­schie­de­ne Sex­ar­bei­te­rin­nen an bei­den Stand­or­ten zusam­men. Die Stu­die hebt auch eine Rei­he bestehen­der regu­la­to­ri­scher Beden­ken her­vor, dar­un­ter die anhal­ten­de Ille­ga­li­sie­rung orts­be­zo­ge­ner Aspek­te der Sex­ar­beit auf der Stra­ße (NSW) und der gebiets­frem­den Sex­ar­beit von Migran­ten (Neu­see­land). PG Macio­ti kommt zu dem Fazit, dass die Bewei­se aus bei­den Län­der eine voll­stän­di­ge Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Sex­ar­beit als not­wen­di­gen ers­ten Schritt erfor­dern, um gesund­heit­li­che und sozia­le Ungleich­hei­ten in die­ser äußerst viel­fäl­ti­gen und stig­ma­ti­sier­ten Berufs­grup­pe anzu­ge­hen. Decri­mi­na­li­sa­ti­on (DECRIM) ist dem­nach das bes­te Modell zum Schutz der Gesund­heit und Rech­te von Sex­ar­bei­te­rin­nen.
DECRIM SEX WORK! NOW!

Nadia, Koordinatorin der Sexarbeits-Union UTSOPI, zum Thema Entkriminalisierung von Sexarbeit in Belgien

Für uns Sexarbeiter*innen in Euro­pa ist mei­nes Erach­tens die Ent­wick­lung in Bel­gi­en noch viel wich­ti­ger, weil sie einen gang­ba­ren Weg jen­seits des Nor­di­schen Modells inner­halb der EU auf­zeigt. Einen Weg, gekenn­zeich­net von Aner­ken­nung und Respekt von Sex­ar­beit als Beruf.
„We can no lon­ger turn a blind eye and pre­tend that sex work does not exist. I want to give a voice to a group that is not being heard.“ (Pierre-Yves Der­ma­gne, Wirt­schafts- und Arbeits­mi­nis­ter, Bel­gi­en) Wir kön­nen nicht län­ger die Augen ver­schlie­ßen und so tun, als gäbe es die Sex­ar­beit nicht. Ich möch­te einer Grup­pe eine Stim­me geben, die nicht gehört wird.
Kein Ver­gleich zu Olaf Scholz Äuße­rung über die „Zurück­drän­gung der Pro­sti­tu­ti­on“! Weder in der Hal­tung, noch in der Wort­wahl. Nadia (UTSOPI Koor­di­na­to­rin) gab uns mit ihrem Vor­trag „Decri­mi­na­li­sa­ti­on of sex work in Bel­gi­um“ einen Ein­blick sowohl in ihr Land als auch in die akti­vis­ti­sche Arbeit ihrer Orga­ni­sa­ti­on.
„UTSOPI is the Bel­gi­an uni­on of sex workers orga­ni­zed for inde­pen­dence. The inde­pen­dence of our bodies, our choices and our lives.“ (UTSOPI, Bel­gi­en) UTSOPI ist die bel­gi­sche Sex­wor­ker-Uni­on — uns geht es um die Unab­hän­gig­keit und Auto­no­mie unse­rer Kör­per, unse­rer Ent­schei­dun­gen und unse­rer Leben.
Glei­che Rech­te für Sex Worker zu errei­chen, ist unmög­lich, solan­ge Sex­ar­beit teil­wei­se oder ganz kri­mi­na­li­siert ist. Der ers­te Schritt zur Ent-Kri­mi­na­li­sie­rung in Bel­gi­en wur­de auch durch die akti­vis­ti­sche Mit­ar­beit von staat­lich unter­stütz­ten „com­mu­ni­ty orga­ni­sa­ti­ons“ wie bspw. UTSOPI am 1. Juni 2022 beschrit­ten. Zuvor exis­tier­te dort eine um das „Sexkauf­ver­bot“ redu­zier­te Ver­si­on des Nor­di­schen Modells. Eine „Criminalizing-all-third-parties“-Politik. Damit gemeint ist letzt­end­lich: Die Kriminalisierung/“Verpimpung“ aller mög­li­chen Unerstützer*innen (Bor­dell­be­sit­zer, Steu­er­be­ra­ter, Ver­mie­ter, Baby­sit­ter,..), um somit eine lang­sa­me, schlei­chen­de Abschaf­fung der Pro­sti­tu­ti­on zu errei­chen. Der nächs­te Schritt hin zu einer Gleich­be­rech­ti­gung ist das Vor­ha­ben eines Arbeits­ge­set­zes für ange­stell­te Sex­ar­bei­ten­de, mit dem Ziel eines bes­se­ren Schut­zes vor Miss­brauch und Aus­beu­tung. Eine Absi­che­rung durch das all­ge­mei­ne Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem ist vor­ge­se­hen, und die mög­li­che Ableh­nung von Kund*innen und Prak­ti­ken soll sicher­ge­stellt wer­den.
„The safe­ty and wis­hes of the sex worker are key.“ (Vin­cent Van Qui­cken­bor­ne, Bel­gi­scher Jus­tiz­mi­nis­ter, The Brussels Times/26.June 2023) Ent­schei­dend sind: Die Sicher­heit und die Bedürfnisse/Wünsche von Sex­ar­bei­ten­den.
„Two pairs of gloves: sex workers‘ expe­ri­en­ces of stig­ma and dis­cri­mi­na­ti­on in Euro­pe“ ist eine aktu­el­le ESWA-Stu­die von 12/2023. Sie zeigt die posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen von Ent­kri­mi­na­li­sie­rung auf die Gesund­heit und das Wohl­be­fin­den von Sexarbeiter*innen. Und es über­rascht dabei auch nicht, dass „Bel­gi­en (…) der ein­zi­ge Kon­text [war], in dem Sex­ar­bei­ten­de berich­te­ten, dass sie sich woh­ler fühl­ten als woan­ders, sowohl bezüg­lich der Offen­le­gung ihrer Sex­ar­beit, als auch bezüg­lich eines selbst­be­wuss­ten Auf­tre­tens, nach­dem sie bereits Stig­ma­ti­sie­rung und Dis­kri­mi­nie­rung im Gesund­heits­we­sen erlebt hat­ten.“

II. Meine persönlichen Schlussfolgerungen: Ein Vorschlag

Die sofor­ti­ge Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Sex­ar­beit ist die Ant­wort auf vie­le unse­rer Pro­ble­me als Sex­ar­bei­ten­de. Dazu noch­mal der ein­gangs zitier­te Pro­gramm­di­rek­tor von ESWA:
„Decri­mi­na­li­sa­ti­on is the ans­wer to many of the issues that we face. All the evi­dence points to it.“ (Luca Ste­ven­son, Direc­tor of Pro­gram­mes ESWA) Ent­kri­mi­na­li­sie­rung ist die Ant­wort auf vie­le der Pro­ble­me denen wir gegen­über­ste­hen. Alle For­schungs­er­geb­nis­se deu­ten dar­auf hin.
Die For­de­rung “DECRIM SEXWORK NOW” wäre für mich das Gegen­teil von Gewalt, dem wir Gehör und Wirk­sam­keit ver­schaf­fen müs­sen. Aber wie lässt sich die­ses Vor­ha­ben errei­chen, in einem zuneh­mend sex­ar­bei­ter­feind­li­chen Kli­ma in West-Euro­pa? Im Nach­gang, beim Schrei­ben über die­se Kon­fe­renz, schäl­ten sich für mich vier The­men­be­rei­che her­aus, die ich als kumu­la­ti­ve „Laut­spre­cher“ für unse­re DECRIM-Ant­wort vor­schla­ge. 4 Kanä­le, um die Arbeits- und Lebens­rea­li­tä­ten aller Sex­ar­bei­ten­den zu ver­bes­sern.
1) ÜBER FORSCHUNGSERGEBNISSE INFORMIEREN
Die guten, seriö­sen Stu­di­en über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen des Nor­di­schen Modells, ins­be­son­de­re auf migran­ti­sche Men­schen in der Sex­ar­beit, sind aus­rei­chend vor­han­den. Wir müs­sen sie (wei­ter­hin) ver­stärkt publik machen. In der Öffent­lich­keit. In der Poli­tik. Als Bei­trä­ge in „urban issues“-Diskussionen. Als Bei­trä­ge in Debat­ten über Pro­sti­tu­ti­on als „sta­te pro­blem“.
2) VERNETZUNG MIT ZIVILGESELLSCHAFT
Es bedarf einer Vernetzung/Kooperation mit zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen, um gemein­sa­me The­men soli­da­risch in die gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Öffent­lich­keit zu tra­gen. Denn in der anhal­ten­den Debat­te um ein schlei­chen­des Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bot wer­den mei­nes Erach­tens gera­de­zu stell­ver­tre­tend gesamt­ge­sell­schaft­li­che The­men des „Frem­den“, der „Ande­ren“ wie bspw. Migra­ti­on, Ras­sis­mus, Gen­der, Sexis­mus, Armut, patriacha­le Gewalt, Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en*, Woh­nungs­lo­sig­keit, Dro­gen­kon­sum,… ver­han­delt. Ich bin über­zeugt: Wenn wir bei gemein­sa­men Interessen/Betroffenheiten unse­re Kräf­te bün­deln und gemein­sam Posi­ti­on bezie­hen, kön­nen wir grup­pen­über­grei­fen­de Syn­er­gie­ef­fek­te erzeu­gen. Eine neu­ar­ti­ge, inno­va­ti­ve Ver­net­zung jen­seits allen Ziel­grup­pen­den­kens wäre dafür erfor­der­lich.
3) DAS “BELGISCHE MODELL” ALS GEGENBILD STÄRKEN
Es exis­tie­ren Stu­di­en über Län­der mit ent­kri­mi­na­li­sier­ter Sex­ar­beit, die gehört wer­den müs­sen. War­um erzäh­len wir nicht ver­stärkt die­ses Nar­ra­tiv von einer mög­li­chen, bes­se­ren Sex­ar­beits­welt als Gegen­bild zum Nor­di­schen Modell? Wie hat Bel­gi­en die­se ande­re Hal­tung erreicht? Was wur­de dort anders gemacht? Was kön­nen wir von Bel­gi­en ler­nen?
4) AUSEINANDERSETZUNG MIT GEWALT IN DER SEXARBEIT
Und last but not least: Wir (akti­vis­ti­schen) Sex­ar­bei­ten­den dür­fen das The­ma „Gewalt in der Sex­ar­beit“ nicht außen vor las­sen. Ein ver­ba­les und — mit fik­ti­ven Zah­len gestütz­tes — sta­tis­ti­sches aus­ein­an­der Divi­die­ren in Pro­sti­tu­ier­te und Sex­ar­bei­ten­de von Sei­ten der Prostitutionsgegner*innen lenkt für mich davon ab, dass alle Men­schen in der Pro­sti­tu­ti­on mei­ne Kolleg*innen sind, und dass auch wir Sexarbeiter*innen von Gewalt betrof­fen sind. Tag­täg­lich. Die Viel­fäl­tig­keit die­ser Gewalt reicht von bereits straf­recht­lich gere­gel­ten Makro­ag­gres­sio­nen — Ver­ge­wal­ti­gung, Zuhäl­te­rei, Men­schen­han­del, Zwangs­pro­sti­tu­ti­on und Femi­zi­den, die ver­stärkt ver­folgt und vor Gericht gebracht wer­den müs­sen — bis hin zu unse­ren all­täg­li­chen Mikro­ag­gres­sio­nen wie bspw. per­sis­ten­te AO-Anfra­gen und einer aus­ufern­den Sperr­ge­biets­po­li­tik. Und natür­lich exis­tiert auch ein Grau­be­reich zwi­schen die­sen bei­den Extre­men. Zu nen­nen wären da „Data vio­lence against online sex worker“ und „Ste­alt­hing“. Damit MY BODY – MY CHOICE wie­der zu einer “grund­fe­mi­nis­ti­schen For­de­rung” (Ruby Rebel­de) wer­den kann.