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Will­kom­men beim BesD e.V., dem Berufs­ver­band für sexu­el­le und ero­ti­sche Dienst­leis­tun­gen.

2. Juni: Hurentag

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Roter Regen­schirm, Sexy Out­fit, und dann ab zum Huren­tag!

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Deine Spende gegen ein Sexkaufverbot

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Wir brau­chen dei­ne Spen­de um wei­ter gegen ein Sexkauf­ver­bot in Deutsch­land anzu­kämp­fen.

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Aktionswoche 2026

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2. bis 6.Juni: Deutsch­land­wei­te Ver­an­stal­tungs­rei­he der Sex­ar­beit!

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Safe is scary — Huren stehen im Regen

Safe is scary — Huren stehen im Regen

Safe is scary — Huren stehen im Regen
Die­ser Blog­bei­trag stammt von Kris­ti­na Mar­len: Heu­te tritt das Prostituierten”Schutz”Gesetz in Kraft. Gedan­ken an einem trau­ri­gen Tag. Vor etwas mehr als einer Woche war ich eine der glück­lichs­ten Sex­ar­bei­te­rin­nen Deutsch­lands. Ich war Teil der „Sex­Cli­nic“, einer Per­for­mance von Dr. Annie Sprink­le und Beth Ste­phens auf der Docu­men­ta in Kas­sel. In der „Free Side­walk Sex Cli­nic“ geben Sexratgeber*innen freie Bera­tung an das geneig­te Publi­kum. Alle kön­nen kom­men und die­ses Ange­bot in Anspruch neh­men. Qua­li­fi­zier­te Ratgeber*innen sind zum Bei­spiel: Sexualpädagog*innen und ‑therapeut*innen, Pornodarsteller*innen, selbst­er­nann­te Heiler*innen, Stripper*innen, Domi­nas und ande­re Sexarbeiter*innen. Es han­delt sich also um einen sehr brei­tes Ver­ständ­nis von „Exper­ti­se“ zum The­ma Sex. Eigent­lich soll­te die Akti­on im Frei­en statt­fin­den, direkt vor dem sehr pro­mi­nen­ten „Par­the­non der ver­bo­te­nen Bücher“, an dem Ort, an dem 1933 zen­sier­te Bücher von den Nazis ver­brannt wur­den. Ein per­for­ma­ti­ver (Sprech-) Akt der Befrei­ung, ein Kraft­akt wider die Zen­sur. Letzt­end­lich fand wegen Gewit­ter­war­nung die Sex­Cli­nic im Inne­ren statt, im Fri­de­ri­cia­num im „Par­lia­ment of Bodies“ — und der Ort, an dem sich einst ein tota­li­tä­res Régime ver­sam­mel­te und sei­ne Beschlüs­se ver­ab­schie­de­te, wan­del­te sich für drei Stun­den in einen Raum, in dem frei, offen und vol­ler Neu­gier über Sexua­li­tät ver­han­delt wer­den konn­te. Men­schen kamen, hun­der­te, keine*r von uns hat­te fünf Minu­ten Pau­se, so groß war der Bedarf der Besucher*innen, frei über Sex zu spre­chen, zu fra­gen, sich mit­zu­tei­len. Das Forum des Fri­de­ri­cianums wur­de zu einem Ort inti­mer Inter­ak­ti­on. Ich könn­te mich fast berau­schen an die­sen Akten der Fort­schritt­lich­keit, und zurück in Ber­lin wird weni­ge Tage spä­ter in einer Art sint­flut­li­chem Über­ra­schungs­akt die Ehe für alle ent­schie­den. Von Geg­ne­rin­nen als „Sturz­ge­burt“ kri­ti­siert — ein pas­sen­der Aus­druck für die­se Mischung aus Was­ser­fall, der vom Him­mel kam und inne­rer Erneue­rung, die sozu­sa­gen sturz­haft auch kon­ser­va­ti­ve Res­sen­ti­ments mit sich riss. Ein Regen­bo­gen hät­te am 30. Juni die­sen Jah­res über Ber­lin erschei­nen müs­sen, im unschul­di­gen Mor­gen­licht, rein und klar und von den Gött*innen der (LGBTIQ*) Befrei­ung gesandt, nach­dem sie Ber­lin mit Über­schwem­mung gedroht hat­ten. Men­schen fie­len in Gul­lis, Last­wa­gen schwam­men davon, Kel­ler wur­den geflu­tet und Kühe ertran­ken um Ber­lin – nur damit end­lich auch Homos hei­ra­ten dür­fen. Wir haben es geschafft! Ja, es gäbe etwas zu fei­ern, und ich wür­de es auch tun, wenn nicht in Ber­lin statt des Regen­bo­gens über dem Bun­des­tag immer noch Regen her­ab­fie­le, kei­ne rei­ni­gend kathar­ti­sche und spek­ta­ku­lä­re Flut, son­dern aus­dau­ernd, nach­hal­tig näs­send und über­aus ner­vig, und in eben die­sem Regen ste­hen ein paar ganz Wider­stän­di­ge, die, die nicht klein zu krie­gen sind, mit ihren roten Schir­men, und pro­tes­tie­ren gegen die Wel­le des Back­lashs. Der erz­kon­ser­va­ti­ve Roll­back erwischt uns eis­kalt und klatsch­nass, und wir ste­hen da mit auf­ge­rich­te­ten Brust­war­zen und Pla­ka­te tra­gend auf High Heels in Pfüt­zen. Sexarbeiter*innen pro­tes­tie­ren auf ver­lo­re­nem, durch­näss­tem Pos­ten gegen das Pro­sti­tu­ti­ons­SCHUTZ­ge­setz, das am 1 Juli in Kraft tritt. Die roten Schir­me, das Sym­bol der Huren­be­we­gung, gibt uns mehr Schutz vor dem Wet­ter als vor dem ver­nich­ten­den Gesetz mit dem irre­füh­ren­den Namen. Dass das Gesetz die­ser Tage in Kraft tritt, geht an der Öffent­lich­keit vor­bei. Ein­zig in den eige­nen Rei­hen bricht auf ein­mal Unru­he aus und ich erhal­te täg­lich auf­ge­reg­te Nach­rich­ten von Kol­le­gin­nen: was heißt das jetzt? Ich muss mich anmel­den? Mit mei­nem ech­ten Namen? Soll ich das wirk­lich machen? Was pas­siert, wenn ich es nicht mache? Was pas­siert mit mei­nen Daten? An wel­che Stel­le muss ich mich denn wen­den? Und wer führt die­se Gesund­heits­be­ra­tun­gen durch? Was wis­sen die dann von mir? Wirst du Dich anmel­den? Die­se Kolleg*innen sind: Tantramasseur*innen, Escorts, Domi­nas, Bizarr­la­dies, Pro­sti­tu­ier­te. Sie sind ansons­ten Fitnesstrainer*innen, Ehe­frau­en, Student*innen, arbeits­los, in Aus­bil­dung, haben Kin­der, sind Büro­an­ge­stell­te, Übersetzer*innen, Künstler*innen. Ich weiß nicht Ant­wort auf alle Fra­gen. Ich weiß nur eines: Wäh­rend in Deutsch­land eine mar­gi­na­li­sier­te Grup­pe einen Erfolg fei­ert, erlebt die ande­re einen Back­lash und gerät in eine recht­li­che Zeit­schlei­fe auf das Niveau der 1930er Jah­re. Sexarbeiter*innen sind das neue LGBTIQ* – wei­ter geht es in den erbit­ter­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Fra­ge, wel­che Sexualität(en) wir als legi­tim erach­ten, wenn sie nicht der Repro­duk­ti­on die­nen, wel­che sexu­el­len und wel­che Sprech-Akte statt­fin­den dür­fen und durch wen legi­ti­miert, wer wem Rechen­schaft able­gen muss, wer kon­trol­liert, kata­lo­gi­siert, erfasst, regle­men­tiert und limi­tiert wird und von wem. Ab heu­te müs­sen Sexarbeiter*innen sich regis­trie­ren las­sen, mit ihrem bür­ger­li­chen Namen und in allen Gemein­den, in denen sie arbei­ten oder in Zukunft arbei­ten wer­den. Deutsch­land hat dann das ers­ten Mal seit dem Nazi­re­gime wie­der eine „Huren­kar­tei“. Für alle, die sich nicht anmel­den kön­nen oder wol­len, sei es wegen eines pre­kä­ren Auf­ent­halts­sta­tus, aus Angst vor Behör­den oder wegen der Unmög­lich­keit, sich zu outen (Fami­lie, Kin­der, Beruf), bedeu­tet das den Ent­zug der finan­zi­el­len Lebens­grund­la­ge. Oder: den Gang in die Ille­ga­li­tät- und damit in einen gänz­lich unge­schütz­ten und rechts­frei­en Raum. Obwohl es bereits kos­ten­freie und anony­me Bera­tun­gen gibt, die auch genutzt wer­den, wer­den nun ver­pflich­ten­de Gesund­heits­be­ra­tun­gen ein­ge­führt und den soge­nann­ten „Huren­aus­weis“ — den die betrof­fe­ne Per­son bei der Arbeit immer mit sich füh­ren muss. Ein sol­cher Aus­weis ist stig­ma­ti­sie­rend und gefähr­det ihre Besitzer*innen, denn er kann jeder­zeit dazu füh­ren, dass die beruf­li­che Tätig­keit der Per­son unfrei­wil­lig sicht­bar wird. Bordellbetreiber*innen sind ange­hal­ten, ihre Mitarbeiter*innen zu kon­trol­lie­ren, alle Schrit­te regel­ge­recht ein­zu­hal­ten. Das heißt, es ergibt sich auch hier ein Zwang zur per­sön­li­chen Offen­ba­rung. Es wird eine Erlaub­nis­pflicht für Bor­dell­be­trie­be geben und mas­siv höhe­re Auf­la­gen. Sie dür­fen sich nicht mehr in Wohn­ge­bie­ten befin­den und es gibt erschwe­ren­de bau­li­che Vor­aus­set­zun­gen. Für vie­le klei­ne­re Bor­del­le bedeu­tet dies aus finan­zi­el­len Grün­den das Aus. Doch sind es gera­de die­se Bor­del­le, die oft von Frau­en geführt wer­den oder ein Zusam­men­schluss von Sexarbeiter*innen sind. Für die Groß­bor­del­le hin­ge­gen dürf­te es kein Pro­blem dar­stel­len, die Auf­la­gen zu erfül­len. Hin­zu kommt: Im Prostitutions“Schutz“Gesetz ist die Kon­dom­pflicht fest­ge­legt. Unklar, wie die­se kon­trol­liert oder durch­ge­setzt wer­den soll, ist sie zunächst ein­mal eine haar­sträu­ben­de Ent­mün­di­gung und ein Angriff auf die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung. Man muss nicht Fou­cault bemü­hen um zu kon­sta­tie­ren: Das neue Pro­sti­tu­ti­ons­Schutz­Ge­setz ist Schei­ße. Es ver­letzt das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung. Es dis­kri­mi­niert. Es stig­ma­ti­siert. Es bringt Sexarbeiter*innen in gefähr­li­che Lebens­la­gen. Es ent­zieht vie­len die finan­zi­el­le Grund­la­ge oder zwingt sie in die Ille­ga­li­tät. Es ist migra­ti­ons­feind­lich und ras­sis­tisch. Es ist sexu­al­re­pres­siv. Es ver­letzt das Recht auf sexu­el­le Selbst­be­stim­mung. Es ist ein­fach mal wirk­lich das Aller­letz­te. Es ist ein Rück­schritt, es ist ein Schlag ins Gesicht einer stig­ma­ti­sier­ten Grup­pe, zu deren All­tag ohne­hin Gewalt­er­fah­run­gen gehö­ren. DANKE FÜR NICHTS, wür­de ich an die­ser Stel­le an einem Red­ner­pult unge­hal­ten schrei­en, wür­de irgend­wer Sex­ar­bei­te­rin­nen im Bun­des­tag anhö­ren. Mei­ne Hoff­nung, dass dies jemals der Fall sein könn­te, ist unter den Null­punkt gesun­ken; etwa auf Höhe unse­res über­schwemm­ten Kel­lers. Die Moti­va­ti­on der Huren und ihrer Unterstützer*innen befin­det sich zur Zeit eben­falls auf die­sem Pegel. Seit Jah­ren kämp­fen wir uns ehren­amt­lich die See­le aus dem Leib, stets neben unse­rer nicht immer ein­fach struk­tu­rier­ten selbst­stän­di­gen Erwerbs­tä­tig­keit, zum Teil mit Dop­pel­le­ben und auf die Gefahr hin, in der „Emma“ zwangs­ge­outet zu wer­den. Gegen das Gesetz haben sich nicht nur die Huren­or­ga­ni­sa­tio­nen und Bera­tungs­stel­len aus­ge­spro­chen, son­dern auch die Deut­sche Aids­hil­fe, der Deut­sche Frau­en­rat, der Deut­sche Juris­tin­nen­bund, die Gesell­schaft für STI und die Gesund­heits­äm­ter – alle haben Stel­lung­nah­men abge­ge­ben, aus denen her­vor­geht, dass das Gesetz kei­ne Maß­nah­me ent­hält, die die Lebens­be­din­gun­gen von Sexarbetier*innen ver­bes­sert. Kei­ne. “War­um dann?” wer­de ich gefragt. Als hät­te ich das Gesetz erlas­sen. Dumm­heit? Unkennt­nis? Fang nach Wähler*innenstimmen? Angst? Angst hal­te ich für einen vali­den Grund. Angst macht irra­tio­nal, das ist oft so. Das Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz ist ein Boll­werk der bür­ger­li­chen Gesell­schaft gegen Ein­dring­lin­ge, gegen stö­ren­de Objek­te. Lose Din­ger, sexu­ell frei­zü­gi­ge Weibs­bil­der, Schlam­pen, Migrant*innen, Frem­de. Ängst­li­che, ahnungs­lo­se Intel­lek­tu­el­le schrei­ben belei­di­gen­de Bücher über das „Rot­licht“ und die Men­ge, die sich gern gru­seln will, kauft und gei­fert geil. Das Bür­ger­tum bemit­lei­det pflicht­be­wusst die Zwangs­pro­sti­tu­ier­ten und gibt sich ansons­ten libe­ral. Dass hier im Gewan­de des Schut­zes wie­der ein­mal ein Ein­griff in die Grund­rech­te statt­ge­fun­den hat, dass wie­der ein­mal sexu­el­les Anders­sein geahn­det wird, in einen Dschun­gel der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten ver­bannt, weit, weit weg vom sau­be­ren, siche­ren bür­ger­li­chen Selbst­ver­ständ­nis, das bleibt getarnt. Pro­sti­tu­ti­on, das hat nichts mit uns zu tun, das sind „die Ande­ren“. Es sind nicht unse­re Män­ner, die ins Bor­dell gehen, und es sind nicht unse­re Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Geschwis­ter, Müt­ter und Freund*innen, die sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen anbie­ten. Sex­ar­beit fin­det in der Mit­te der Gesell­schaft statt. Das darf nicht wahr sein, um kei­nen Preis. Des­halb brau­chen wir „Schutz“. Dass Annie Sprink­le und Beth Ste­vens mit ihrer Arbeit auf der Docu­men­ta sein konn­ten, ist ein Poli­ti­kum. Es bedeu­tet eine Aner­ken­nung ihrer Arbeit als Künst­le­rin­nen, aber es greift dar­über hin­aus auch die Fra­ge auf, wie offen, wie expli­zit und wie direkt die Kom­mu­ni­ka­ti­on über Sexua­li­tät in unse­ren Gemein­schaf­ten sein darf. Wel­che Bil­der, wel­che Fil­me, wel­che Wor­te, wel­che Prak­ti­ken, wel­che Berüh­run­gen , wel­che Dia­lo­ge erach­ten wir als legi­tim und wo? In wel­chen Räu­men ist was erlaubt und wer darf spre­chen? Auf der Docu­men­ta ist die­ses Jahr über dem Ein­gang des Fri­de­ri­cianums der Schrift­zug ersetzt wor­den. Wenn man hin­ein möch­te in das „Par­la­ment der Kör­per“, dort, wo sonst in Stein gemei­ßelt „Fri­de­ri­cia­num“ steht, liest man nun in glei­cher Schrift: „Being safe is sca­ry“. Man fragt sich, ob der Künst­ler vom Pro­sti­tu­ti­ons­schutz­ge­setz gewusst hat. .….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….….… Dan­ke für die Unter­stüt­zung bei der Arbeit am Text: K.M. und Mit­hu Mela­nie San­y­al