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Angst vor der potenten Frau

Angst vor der potenten Frau

Angst vor der potenten Frau
Die­ser Bei­trag ist von unse­rem Mit­glied Kris­ti­ne Mar­len und erschien an 4. Juli 2018 in der taz. 

Befreiung des weiblichens Begehrens

Angst vor der potenten Frau

Die Phi­lo­so­phin Sven­ja Flaß­pöh­ler kri­ti­siert in ihrem Buch die #metoo-Debat­te und plä­diert für weib­li­che Lust. Das wirft wich­ti­ge Fra­gen auf.

Vor eini­gen Wochen stieß ich auf ein Zitat, das mich begeis­ter­te: „Die poten­te Frau ist eine, die patri­ar­cha­le Denk­mus­ter abge­legt hat. Die ein eige­nes Begeh­ren hat. Und sich nicht dar­auf beschränkt, Spie­gel des männ­li­chen Begeh­rens zu sein und ihn in sei­ner Gran­dio­si­tät zu bestä­ti­gen. Anstatt die männ­li­che Sexua­li­tät abzu­wer­ten, wer­tet sie die eige­ne auf.“

Geschrie­ben hat das die Phi­lo­so­phin Sven­ja Flaß­pöh­ler in ihrem gera­de erschie­ne­nen Buch „Die poten­te Frau“. Flaß­pöh­ler ist dafür von Femi­nis­tin­nen ange­grif­fen wor­den, denn sie posi­tio­niert sich dar­in als Ant­ago­nis­tin der #MeToo-Bewe­gung. Die­se, meint Flaß­pöh­ler, schrei­be die patri­ar­cha­le Erzäh­lung von der Frau als Opfer der aggres­si­ven männ­li­chen Sexua­li­tät fort. Flaß­pöh­ler plä­diert für einen offen­si­ve­ren Begriff von Weib­lich­keit: Frau­en müss­ten ihre eige­ne Potenz begrei­fen und leben, anstatt in pas­si­ver Ankla­ge zu ver­har­ren. Sie ver­mis­se die Frau als Akti­ve, als Ver­füh­re­rin, in #MeToo zei­ge sich „eine auf­fäl­li­ge Leer­stel­le des weib­li­chen Begeh­rens“.

Ich fin­de es frag­wür­dig, den Frau­en, die über ihre Erfah­run­gen mit sexu­el­ler Gewalt spre­chen, man­geln­de eige­ne sexu­el­le Akti­vi­tät vor­zu­wer­fen. Außer­dem ver­kennt es die Dimen­si­on der #MeToo-Debat­te. In ihr geht es dar­um, sexu­el­le Gewalt als Struk­tur und Mit­tel zum Macht­er­halt sicht­bar zu machen. Dass die Prot­ago­nis­tin­nen der Debat­te dies aus­ge­spro­chen und ange­klagt haben, lese ich ziem­lich klar als Ges­te der Ermäch­ti­gung und als Erfolg im Kampf um sexu­el­le Selbst­be­stim­mung.

Trotz­dem bin ich unbe­irrt begeis­tert, denn Flaß­pöh­ler the­ma­ti­siert, was oft unaus­sprech­lich scheint: die sexu­ell akti­ve Frau. Die Frau und ihre Potenz. Die Frau, die ihr Poten­zi­al erkennt und aus­schöpft. Flaß­pöh­ler schreibt: „Die poten­te Frau ist weder Rea­li­tät noch uner­reich­ba­res Ide­al. Sie ist eine Mög­lich­keit. War­um ergrei­fen wir sie nicht?“

Arbeit mit der Potenz

Gute Fra­ge. Sie beschäf­tigt mich jeden Tag. Es ist mei­ne täg­li­che Arbeit, Men­schen aller Geschlech­ter auf ihrem Weg in ihre sexu­el­le Potenz zu beglei­ten. Außer­dem arbei­te ich mit mei­ner eige­nen weib­li­chen Potenz. Das darf gern sehr weit und fan­ta­sie­voll aus­ge­legt wer­den, das kommt der Wahr­heit ver­mut­lich am nächs­ten. Ich bin Sex­ar­bei­te­rin und bie­te Einzelses­sions, Work­shops und Coa­ching für Sexua­li­tät, BDSM und Bon­da­ge an. Spe­zia­li­siert habe ich mich auf die Arbeit mit Frau­en.

Die Frau­en, die zu mir kom­men, sind potent. Sie bezah­len Geld, um sich den Weg zu ebnen für eine Zeit, die nur ihrer eige­nen Lust gewid­met ist. Sie neh­men sich den Raum, in dem ich dafür da bin, ihre Wün­sche zu erfül­len. Er ist extra­or­di­när, aber auch nicht frei von der Geschich­te die­ser Frau­en: Wenn Frau­en zu mir kom­men, die nach 25 Jah­ren Ehe den ers­ten Orgas­mus mit einer ande­ren Per­son erle­ben als sich selbst, wenn sie über­haupt je einen hat­ten; wenn Frau­en bei mir sind, die sich dafür ent­schul­di­gen, dass sie zuge­nom­men haben; wenn Frau­en zu mir kom­men, die gar nicht wis­sen, was ihnen Lust berei­tet, weil sie sich seit ihrer Puber­tät um die Sexua­li­tät ihres zumeist männ­li­chen Gegen­übers geküm­mert haben; wenn Frau­en ihre Ana­to­mie nicht ken­nen und ihre Vul­va nie berührt haben, weil Selbst­lie­be weder in der Schu­le noch zu Hau­se auf dem Lehr­plan stand, dann weiß ich: Es ist noch Luft nach oben.

Zu mir kom­men aber auch Frau­en, derent­we­gen ich schon mit arbeits­be­ding­ten Ten­nis­ar­men beim Ortho­pä­den saß, weil sie sich wie­der­holt auf mei­ner Hand oder mei­nem Unter­arm ergos­sen haben. Es kom­men Frau­en, die ganz genau wis­sen, wie und wie oft sie kom­men und was sie dafür brau­chen, die bei mir ein­fach einen wei­te­ren Höhen­flug in ihrem sexu­el­len Hori­zont fin­den. Ich darf dabei schwit­zen, sie fes­seln oder ihnen in ande­rer Art zu Diens­ten sein. Nym­pho­ma­nin­nen, die mehr als einen Fick brau­chen, um über­haupt erst warm zu wer­den, sind kei­ne Män­ner­fan­ta­sie. Frau­en, die ihre Sexua­li­tät leben, sind durch­aus beängs­ti­gend, im bes­ten Sin­ne. Frau­en, die sexu­ell selbst­be­stimmt sind, sind unab­hän­gig. Sehr sca­ry. Für vie­le. Män­ner und Frau­en.

„Ja“ zum weiblichen Sex

Flaß­pöh­ler pos­tu­liert, dass „Nein heißt Nein“ nicht das Ende der Fah­nen­stan­ge der weib­li­chen sexu­el­len Eman­zi­pa­ti­on ist. Das stimmt. Nur: Woher kommt die Angst vor dem beherz­ten „Ja“ von Frau­en?

Ich fra­ge aus exis­ten­zi­el­lem Inter­es­se. Als Sex­ar­bei­te­rin weiß ich, dass ich mich mit einem öffent­li­chen „Ja“ zu Sex (mit Män­nern und Frau­en) mit mehr kul­tu­rel­len Tabus anle­ge, als wenn ich mich züch­tig oder streit­bar ver­wei­ge­re. Die Frau, die Ja sagt zu ihrem Begeh­ren und zu ihrer Lust, und zwar um ihrer selbst wil­len, ist für vie­le nicht denk­bar. Das zeigt sich zum Bei­spiel in der aktu­el­len Gesetz­ge­bung.

Seit Juli letz­ten Jah­res ist das soge­nann­te Prostitutions„schutz“gesetz in Kraft. Die­ses Gesetz zielt vor allem auf Aus­gren­zung und die exis­ten­zi­el­le Gefähr­dung von Sexarbeiter*innen. Mit der Ein­füh­rung der Regis­trie­rungs­pflicht für Pro­sti­tu­ier­te ist nun gesetz­lich defi­niert, wer als Sexarbeiter*in gilt: Selbst sexu­el­le Hand­lun­gen gegen geld­wer­te Zuwen­dun­gen, wie Geschen­ke, Über­nach­tung oder ande­re mate­ri­el­len Vor­tei­le, gel­ten als Pro­sti­tu­ti­on. Dabei spielt die Regel­mä­ßig­keit kei­ne Rol­le. Bereits eine ein­ma­li­ge sexu­el­le Hand­lung gegen „Taschen­geld“, ein Abend­essen oder Schmuck gilt recht­lich als Pro­sti­tu­ti­on. Und erfor­dert for­mal eine Anmel­dung als „Sex­ar­bei­te­rin“ bei der Behör­de – mit ihrem vol­len Namen und der Anga­be aller per­sön­li­chen Daten. Deutsch­land hat jetzt wie­der eine Kar­tei der losen (weib­li­chen) Sub­jek­te: Deutsch­lands Huren sind erfasst.

Aber der Kampf gegen Huren ist auch immer einer gegen pro­mis­kui­ti­ve Frau­en. Das hat Geschich­te. Nun gibt es selbst laut Gesetz kaum noch einen Unter­schied zwi­schen einer „Schlam­pe“ und einer „Hure“. Zumin­dest, wenn frau sich in einer hete­ro­se­xu­ell kodier­ten Anbah­nungs­kul­tur bewegt, in der von Män­nern nach wie vor Initia­ti­ve erwar­tet wird mit dem ent­spre­chen­den Wer­be­ver­hal­ten im Sin­ne von Schmuck oder Geschen­ken. Will­kom­men in 2018! Es ist kei­ne gute Zeit für die sexu­ell poten­te Frau, die sich in der mono­ga­men, dau­er­haf­ten Zwei­er­be­zie­hung viel­leicht lang­weilt.

Flaß­pöh­ler wird als unso­li­da­risch erklärt, weil sie Frau­en auf­for­dert, mehr Ver­ant­wor­tung in Situa­tio­nen zu über­neh­men, die als über­grif­fig, unan­ge­nehm oder ein­fach als nicht erwünscht erlebt wer­den. Das heißt auf Deutsch: sich zu arti­ku­lie­ren und Gren­zen zu set­zen, char­mant oder eben auch nicht. Was für eine Femi­nis­tin wäre ich, wenn ich nicht dar­an glau­ben wür­de, dass Frau­en das kön­nen?

Sex ist gefährlich

Sex, und das las­sen Sie sich vom Pro­fi gesagt sein, ist kei­ne siche­re Ange­le­gen­heit. Sex ist sogar ziem­lich gefähr­lich und manch­mal außer- und unor­dent­lich. Sich ver­letz­lich machen, intim wer­den ist nicht sicher. Aus­zu­drü­cken, mehr Nähe zu wol­len und damit leben zu kön­nen, dass die­ses Begehr nicht erwi­dert wird, ist für fast alle Men­schen desta­bi­li­sie­rend.

Im inti­men Kon­takt ver­schwim­men Gren­zen, auch dar­in liegt Won­ne. Es gibt noch kei­ne Schu­le, kei­ne Kul­tur um die Fra­ge, wie die­ser Vor­gang freud­voll gestal­tet sein kann. Es gibt alte und lang­wei­li­ge Codes im hete­ro­se­xu­el­len Kon­text. Um den Preis, dass rück­stän­di­ge Rol­len­bil­der sich end­los repro­du­zie­ren, wer­den die­se wie­der­holt, um sich auf siche­rem Ter­rain zu glau­ben. Übri­gens auch von Frau­en.

Es ist Arbeit, etwas Neu­es zu ent­wi­ckeln. Mein Ein­druck ist, dass alle ideo­lo­gi­schen Debat­ten da enden, wo mein Leben beginnt: in der Pra­xis. Dazu gehört die Rede über die poten­te Frau. Sie wird unse­re Ord­nung infra­ge stel­len, des­halb geht es auch nicht rei­bungs­frei.

Sexu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ist mein Job. Gelun­ge­ne sexu­el­le Dia­lo­ge sind das Ziel mei­ner Arbeit, das „Ja“ ist die Basis. Ich weiß aus vie­len Jah­ren Erfah­rung, wie anstren­gend das sein kann. Es hat mich nicht nur mit zwei­fel­los patri­ar­cha­len Struk­tu­ren kon­fron­tiert, son­dern auch zutiefst mein eige­nes Ver­hal­ten infra­ge gestellt. Auch ich habe mich in der sexu­el­len Anbah­nung immer wie­der gefragt: Wie ange­passt bin ich? Kann ich mich spü­ren? Wie oft läch­le ich, um die Stim­mung nicht kaputt zu machen, und fin­de mich anschlie­ßend trotz­dem in einer Situa­ti­on, die ich so nicht woll­te?

Zu oft stand ich zögernd vor der Ent­schei­dung, den nächs­ten Schritt zur Ver­än­de­rung einer Situa­ti­on her­bei­zu­füh­ren, die nicht mei­nen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chend lief. Die Grün­de für das Zögern: tief in den Kör­per ein­ge­schrie­ben. Woher eigent­lich? Wer impft uns weib­lich sozia­li­sier­ten Wesen so früh ein, dass wir im sexu­el­len Dia­log gefal­len wol­len, anstatt uns aus­zu­drü­cken? Zu unge­wohnt, anstren­gend, nicht weib­lich, Angst, kein Gefühl – und den­noch mög­lich.

Good news! Sexu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ist lern­bar. Zu füh­len, zu zei­gen und zu sagen, was ich will, ist geil. Empa­thie und Respekt sind heiß. Kon­sens ist sexy! Ich hab’s gelernt und gebe die­ses Wis­sen groß­zü­gig wei­ter. Sex­ar­beit war mein Boot­camp für das gute Leben im Patri­ar­chat.