BesD in der Corona-Zeit: Nothilfe Fonds, Hygiene-Konzepte & Demos
Der Nothilfe Fonds war eines der wichtigsten und organisatorisch herausforderndsten Projekte des Verbands, das in eine Zeit fiel in der in Deutschland und weltweit bislang ungeahntes Chaos ausbrach. Zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 veröffentlichte der Verband als international erster Sexworker-Verbund bereits Hinweise zum Infektionsschutz speziell für Sexarbeitende.
Viele Monate updateten wir diese nahezu täglich nach den neuesten Erkenntnissen von Mediziner*innen und staatlichen Informationen, um in der Flut von Informationen und Ängsten ein wenig Orientierung zu bieten. Die englische Variante unseres Textes wurde als erstes verfügbares Dokument von mehreren Sexworker-Organisationen international übernommen.
In Zusammenarbeit mit Allies vom Fach entwickelte Mitglieder des BesD in schlaflosen Nächten die ersten Vorschläge für Hygienekonzepte — für selbstständige Sexarbeitende sowie für Prostitutionsstätten.
Als viele migrantische Sexarbeitende plötzlich vor geschlossenen Bordelltüren standen, setzte der Verband eine zwischenzeitliche Aufhebung des Übernachtungsverbots durch.
Befürworter*innen des Sexkaufverbots versuchten die Krise für eigene Zwecke zu nutzen und für ein corona-unabhängiges Sexkaufverbot Lobby zu machen.Der BesD wurde indes nicht müde, auf die offensichtlich fatalen Konsequenzen dieser Verbote und die schlimmen Auswirkungen auf Sexarbeitende hinzuweisen.
- Zusammenschluss aus dem Bundestag will Corona-Maßnahmen missbrauchen
- CDU-Frauen wollen Bordelle schließen
- Auswirkungen des Kontaktverbotes auf Sexarbeitende
Auf Demos und mit der Online-Kampage “RotlichtAN” kämpfte der Verband in erster Reihe monatelang dagegen an, dass Sexarbeitende von unverhältnismäßigen Berufsverboten betroffen waren.
- #RotlichtAN am Hurentag: Forderung nach Gleichbehandlung
- Protest vor dem Bundestag: Wir fordern ein Ende des Berufsverbots
- Öffnet die Bordelle! Demo in St. Pauli
- Demo am Dom: Sexarbeitende protestieren in Köln
Während dieser Zeit der Arbeitsverbote, Bordell-Schließungen und angesichts eines massiven Rückgangs an Kundschaft, brachen einer Mehrzahl an Sexarbeitenden mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen sämtliche Einkommen weg. Insbesondere unter Sexarbeitenden fanden sich überdurchschnittlich viele Menschen ohne Zugang zu staatlichen Hilfen wie Hartz IV oder den Corona-Überbrückungshilfen. Deshalb gründete der BesD bereits in den ersten Pandemie-Monaten den Nothilfe Fonds als unbürokratische Soforthilfe für Betroffene, denen zu diesem Zeitpunkt nicht anderweitig geholfen wurde.
Zwei Ansprechpartner*innen aus dem Verband, die sich mit besonders viel Erfahrung im Umgang mit Sozialarbeiter*innen und marginalisierten Gruppen aus dem Bereich der Sexarbeit auszeichneten, erklärten sich bereit, rund um die Uhr für die Prüfung und Weiterverarbeitung der täglich eintreffenden Anträge auf Nothilfe zu sorgen.
Gemeinsam wurden Abläufe konzeptioniert, ein Logo entworfen, Texte gebastelt, Fallgeschichten niedergeschrieben, eine Website erstellt — der Fonds und die Mission dahinter wurde massiv innerhalb der Sexworker-Community sowie auf Social Media und anderen Kanälen beworben.
Angesichts der großen Anzahl an Anträgen bildeten wir ein Komitee aus drei Sexworkern und drei externen Berater*Innen mit entsprechender Expertise, das nach dem Mehrheitsprinzip über Anträge entschied.
2020 wurden rund 126.000 € an knapp 400 Personen verteilt, die damit kurzfristig Notunterkünfte bezahlen und ihre Kinder und sich selbst mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen konnten.
Bis zum Auslaufen des Fonds Ende 2021/Anfang 2022 sammelte der Verband weiter Spenden, bearbeitete Anträge und steckte Unmengen an Arbeitszeit und Herzblut in das Projekt zur unbürokratischen nicht stigmatisierende Hilfestellung.
Über den BesD Nothilfe wurde auch medial viel berichtet — dieser gilt als ein besonders gelungenes Modell für “einzigartige Peer-Hilfe”.




