Wie alles began..
Der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.) wurde offiziel am 13. Oktober 2013 in Köln von einer Gruppe von Sexarbeiter*innen gegründet, die sich scharf gegen die Verschärfung des Prostitutionsgesetzes aussprachen. Zudem wollten sie der damals vieldiskutierten Alice-Schwarzer-Kampagne „Appell gegen Prostitution“ etwas entgegen setzen.
Seit Anfang an gehörte es zu den Zielen des Verbands, die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeitenden zu verbessern und über die unterschiedlichen Aspekte von Prostitution zu informieren und aufzuklären. Der Gesellschaft, den Medien und der Politik soll ein realistisches Bild der Sexarbeit vermittelt und so der Diskriminierung und Kriminalisierung von Menschen in der Sexarbeit entgegengewirkt werden.
Zeitzeugin und Gründungsmitglied Undine de Rivière erinnert sich:

Undine: Die Geschichte des BesD beginnt etwa 2012. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon über 15 Jahre lang unbehelligt und relativ unpolitisch mein Geld in der Sexarbeit verdient. Eigentlich wollte ich auch einfach nur weiter in Ruhe anschaffen gehen. Doch die Stimmen in Presse und Politik wurden immer lauter: “Das Prostitutionsgesetz ist gescheitert!” — “Der Staat fördert Ausbeutung und Menschenhandel!” — “Für ein Europa ohne Prostitution!” — “Da muss man doch was tun!”
In der Tat. Da muss man was tun. Aber nicht das, was manche selbsternannte Retter*innen sich in ihren gewaltpronographischen Fantasien offenbar so alles ausmalen. Ich war erschüttert. Wo kam das denn jetzt plötzlich her? Man wollte uns … was? Helfen? Indem man uns bevormundet, uns die Lebensgrundlage entzieht? Weil angeblich niemand sich freiwillig prostituiert und wir deswegen alle befreit werden müssen?
Schließlich kam Johanna Weber, damals eine meiner direkten Kolleginnen, von einer Fachtagung zurück, voller Feuer und mit der irren Idee, einen bundesweiten Sexworker-Zusammenschluss zu gründen, um unser Engagement zu bündeln und Aufklärungsarbeit zu leisten.
Ich war verhalten begeistert — das klang nach Arbeit, aber schien leider auch bitter nötig. Im Laufe der folgenden Monate wuchs die Idee. Wir nutzten unsere vorhandenen Netzwerke, um Mitstreiter*innen zu finden, und waren ganz erstaunt, wie viele genauso besorgt waren wie wir und sich nicht lange bitten ließen. Ich traf auf erfahrene Vorreiter*nnen, Menschen der ersten und zweiten Welle der Hurenbewegung in den Achtzigern und Neunzigern, deren Bücher ich gelesen hatte. Wir fanden Unterstützung in Beratungsstellen, Gewerkschaften, Parteien — manchmal von überraschender Seite.
Es gab ein erstes Vorbereitungstreffen in Frankfurt im Frühjahr 2013 mit über fünfzig Kolleginnen und Kollegen, mehr als ein ganzes Großbordell zusammen. Und so gründeten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter aus dem ganzen Bundesgebiet — Escorts, Tantramasseur*innen, Straßenstrich-Sexworker, Wohnungs- und Bordell-Dienstleister*innen, Dominas, Stricher und Callboys — nach gut einem halben Jahr intensiver Vorbereitung im Oktober 2013 den “Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen” e. V.(BesD).
“Der bundesweite Verband verfolgt das Ziel, die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern zu verbessern. Er möchte über die unterschiedlichen Aspekte von Prostitution informieren und gegenüber Politik, Medien und Öffentlichkeit ein realistisches Bild der Sexarbeit vermitteln. Damit will er der Diskriminierung und Kriminalisierung von Menschen in der Sexarbeit entgegenwirken.” So unsere Intention aus der Satzung.
Das Timing war perfekt: Seit unserem ersten Treffen hatte der SPIEGEL in einer sexarbeitsfeindlichen Titelstory mal wieder Verbote gefordert. Zwei Wochen nach unserer Gründung veröffentlichte die Zeitschrift EMMA ihren “Appell gegen Prostitution” als neuen Höhepunkt der Hassreden gegen uns. So hatten wir nach unserer ersten Pressemitteilung direkt jede Menge Anfragen und konnten dagegen halten.
“Hassreden” im Sexwork-Verbotsdiskurs? Ja, richtig. Denn es geht bei solchen Kampagnen ganz im Gegensatz zu dem Eindruck, den sie erwecken wollen, ausdrücklich nicht um das Verhindern von Ausbeutung und Gewalt. Beides ist ja bereits verboten! Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und alle anderen Menschenrechte gelten selbstverständlich auch für uns. Jedes über Straftaten hinausgehende Verbot der Sexarbeit betrifft ausschließlich den einvernehmlichen Austausch von Sex gegen Geld.
Wir hatten es satt, dass in Talkshows, Parlamenten und in der Presse immer nur über uns gesprochen wurde — als Opfer, als Kriminelle, als Problem, das es wegzuregulieren galt. Uns war klar: Wenn wir nicht selbst für uns einstehen, tun es andere, die uns unsere Lebensgrundlage und unsere Rechte nehmen wollen — in der Regel Leute, die noch nie in ihrem Leben einen Fuß in ein Bordell gesetzt haben.
Deshalb war der Grundgedanke bei der Gründung des BesD so einfach: “Nichts über uns ohne uns!” Nur wer selbst als Sexdienstleister*in arbeitet oder gearbeitet hat, kann bei uns Mitglied werden, und fast alle im Verband Aktiven sind auch aktuell in der Sexarbeit tätig.

Eine beispiellose Erfolgsgeschichte: Europas stärkste Stimme
Wir starteten mit etwas über fünfzig Leuten in Frankfurt — heute sind wir ein riesiges Netzwerk mit medialem und politischem Einfluss. Der BesD ist mit über 1000 Mitgliedern die größte Sexworker-Selbstvertretung Europas. Wir sitzen mit an den Runden Tischen der Länder und in den Experten-Anhörungen im Bundestag. Und weil unsere Probleme nicht an der Landesgrenze aufhören, sind wir international vernetzt, unter anderem im europäischen Netzwerk ICRSE.
Wenn Medien unfairen Quatsch oder falsche Opfer-Klischees verbreiten, schlagen wir zurück. Wir haben gelernt, mit der Presse umzugehen, und viele positive Berichte und Dokumentationen zeigen heute dank uns ein faireres, realistischeres Bild unserer Arbeit.
Unsere Kernbotschaft bleibt unmissverständlich: Sexarbeit ist Arbeit. Punkt. Deshalb fordern wir die vollständige Entkriminalisierung. Das bedeutet, dass alle Gesetze und Sonderregeln abgeschafft werden müssen, die uns im Vergleich zu anderen Berufen schlechter stellen. Wir wollen eine echte arbeitsrechtliche Gleichstellung, das Ende der behördlichen Zwangsregistrierungen und ein gesellschaftliches Klima, das uns mit Respekt begegnet.
Unsere Branche ist unglaublich bunt. Bei uns gibt es Menschen vom klassischen Straßenstrich, aus dem Domina-Studio, Leute vor der Webcam, aus dem Escort-Service, aus Bordellen, Saunaclubs oder der Tantramassage. Und unser Verband ist für alle da.
Jeder erwachsene Mensch hat das Recht, seine Sexualität selbstbestimmt zu gestalten. Dazu gehört auch das Recht, sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung anzubieten — sicher und ohne ständige Angst vor der Polizei oder gesellschaftlicher Ächtung.




