Berufsverband-Sexarbeit.de

Berufsverband-Sexarbeit.de

Will­kom­men beim BesD e.V., dem Berufs­ver­band für sexu­el­le und ero­ti­sche Dienst­leis­tun­gen.

2. Juni: Hurentag

2. Juni: Hurentag

Roter Regen­schirm, Sexy Out­fit, und dann ab zum Huren­tag!

Mehr erfahren

Deine Spende gegen ein Sexkaufverbot

Deine Spende gegen ein Sexkaufverbot

Wir brau­chen dei­ne Spen­de um wei­ter gegen ein Sexkauf­ver­bot in Deutsch­land anzu­kämp­fen.

Mehr erfahren

Aktionswoche 2026

Aktionswoche 2026

2. bis 6.Juni: Deutsch­land­wei­te Ver­an­stal­tungs­rei­he der Sex­ar­beit!

Mehr erfahren

Warum ich als Sexarbeiterin die Kondompflicht ablehne

Warum ich als Sexarbeiterin die Kondompflicht ablehne

Warum ich als Sexarbeiterin die Kondompflicht ablehne
Die Kon­dom­pflicht in der Sex­ar­beit – gesetz­lich fest­ge­legt im Para­graph §32 des soge­nann­ten „Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz“ soll zum Schutz und der sexu­el­len Gesund­heit von Sex­ar­bei­ten­den bei­tra­gen. War­um spre­chen sich also Sex­ar­bei­ten­den-Ver­ei­ni­gun­gen und die Deut­sche Aids­hil­fe seit Jah­ren so deut­lich gegen die Kon­dom­pflicht aus? Dar­über schreibt die Sex­ar­bei­te­rin und BesD-Vor­stän­din Madame Simo­ne in die­sem Bei­trag, den sie in abge­wan­del­ter Ver­si­on zuerst auf ihrem Twit­ter-Account und in ihrem Blog ver­öf­fent­licht hat.
Die­ses The­ma ist ein ziem­lich hei­ßes Eisen. Wer sich gegen eine Kon­dom­pflicht aus­spricht, muss das immer gut begrün­den, ansons­ten wird ein Shit­s­torm son­der­glei­chen auf­zie­hen. Gera­de die Aids­hil­fe wird unglaub­lich oft hef­tig ange­fein­det und als “unter­wan­dert von der Sex­wor­ker-Lob­by” bezeich­net. Die Ableh­nung der Kon­dom­pflicht ist die Stel­le, an der Sexwork-Gegner*innen ger­ne den Hebel anset­zen und mit Schlamm wer­fen. Und es ist ja vor­der­grün­dig auch ein guter Hebel. Es ist auf den ers­ten Blick gut und ver­meint­lich hilf­reich für Sex­ar­bei­ten­de, hart­nä­cki­gen Kun­den sagen zu kön­nen, dass Sex ohne Kon­dom in der Sex­ar­beit gesetz­lich ver­bo­ten ist.

Doch sieht man sich die Realität an, wird sichtbar, dass es sich bei der Kondompflicht um einen Alibi-Paragraphen handelt. Es ist Symbolpolitik – ein „Schaut, wir tun was!“, ohne tatsächlich etwas zu tun.

Der über­wie­gen­de Teil der Sex­ar­bei­ten­den, auch auf dem Stra­ßen­strich, arbei­tet von sich aus mit Kon­do­men. Der eige­ne Kör­per und die Gesund­heit sind unser Kapi­tal. Sex­ar­bei­ten­de wis­sen in der Regel ziem­lich gut Bescheid, wie man anste­cken­de Krank­hei­ten ver­mei­den kann. Sex­ar­bei­ten­den, die sich das (tat­säch­lich und im über­tra­ge­nen Sin­ne) leis­ten kön­nen, kön­nen Anfra­gen nach Prak­ti­ken ohne Schutz igno­rie­ren und haben durch die Kon­dom­pflicht nichts gewon­nen. Wer­den wir krank, dann kön­nen wir nicht arbei­ten, kein Geld ver­die­nen. Auch Schwan­ger­schaf­ten sind nicht unbe­dingt geschäfts­för­dernd. Kun­den, die hart­nä­ckig nach Sex ohne Schutz fra­gen, ist es schlicht­weg egal, ob es erlaubt oder ver­bo­ten ist.  Die Nach­fra­ge nach AO („Alles Ohne“, also jeg­li­che Form von Ver­kehr ohne Schutz) ist nach wie vor hoch. Kon­dom­pflicht hin oder her. Wenn ein*e Kolleg*in nein sagt, wird ver­sucht, die nächs­ten zu über­re­den oder zu drän­gen oder gar zu zwin­gen.

Sexarbeitenden, die keine andere Wahl haben, als alles zu machen um auch nur ein bisschen Geld anzuschaffen, hilft die Kondompflicht absolut gar nichts.

Oder glaubt ihr, jemand der Geld für den nächs­ten Druck, für etwas zu essen, oder gar für einen Arsch­loch-Lover­boy anschaf­fen muss, sagt „Née Du, sor­ry. Hier nur gel­ten­des Recht, nur mit Kon­dom!“ wenn wirk­lich, wirk­lich drin­gend Geld benö­tigt wird? Gera­de jetzt in der Pan­de­mie wur­de offen­sicht­lich, dass den am pre­kärs­ten arbei­ten­den Kolleg*innen, die zu Prak­ti­ken ohne Schutz gedrängt wer­den, oft nichts ande­res übrig bleibt, wenn sie über­le­ben wol­len. Da muss ange­setzt und gehol­fen wer­den — mit nied­rig­schwel­li­gem und ver­stärk­ten Zugang zu Auf­klä­rung, Bera­tung, Hil­fe­stel­lung. Nach wie vor gibt es davon von offi­zi­el­ler Stel­le lei­der noch viel zu wenig, was ein Grund für die Exis­tenz und die sich schnell lee­ren­den Taschen des Not­hil­fe Fonds für pre­kär leben­de Sex­wor­ker ist. Klar, wenn zum Bei­spiel ein*e Bordellbetreiber*in die anmie­ten­den Sex­ar­bei­ten­den dazu drän­gen wol­len wür­de, ohne Kon­dom zu arbei­ten, dann haben die­se durch die Kon­dom­pflicht theo­re­tisch die Mög­lich­keit, sich dage­gen zu weh­ren. Aber wür­de es wirk­lich jemand tun? Es ist doch eher unwahr­schein­lich dass Sexarbeiter*innen, die kei­ne Alter­na­ti­ve dazu sehen, in sol­chen Eta­blis­se­ments zu arbei­ten, sich dann an die Poli­zei wen­den oder sich gar anwalt­li­che Unter­stüt­zung holen.

Der Paragraph zur Kondompflicht kann von Behörden gegen Sexarbeitende genützt werden. 

Wie das? Na ganz ein­fach: Die Behör­den dür­fen auch die Ein­hal­tung der Kon­dom­pflicht kon­trol­lie­ren. Ihr fragt Euch jetzt sicher „Hä? Wie will man das kon­trol­lie­ren?! Da müss­te man ja…“ Ja. Genau. Es ist grund­sätz­lich mög­lich und tat­säch­lich schon pas­siert, dass die zustän­di­ge Ord­nungs­be­hör­de in einer Regi­on buch­stäb­lich Sex­ar­bei­ten­de vom Kun­den her­un­ter “gebe­ten” hat, um nach­zu­se­hen. Nein. Das ist kein Scherz! Wo man sonst kei­ne Hand­ha­be hat, irgend­was zu kon­trol­lie­ren, da kann man theo­re­tisch immer sagen „Ja, wir muss­ten doch die Ein­hal­tung der Kon­dom­pflicht über­prü­fen!“. Pas­siert das oft? Ich glau­be nicht. Ist es schon pas­siert? Ja! Kann es jeder­zeit pas­sie­ren? Ja!

Es gibt also keinen tatsächlichen, in der Praxis irgendwie spürbaren Wert der Kondompflicht für Sexarbeitende. Die Kondompflicht trägt weder zur sexuellen Gesundheit noch Sicherheit von Sexarbeitenden bei. Sie erlaubt aber massive Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung sowohl von Sexarbeiter*innen als auch von Kund*innen. 

Und genau des­we­gen sind vie­le Sex­ar­bei­ten­de, Bera­tungs­stel­len und Sex­wor­ker-Orga­ni­sa­tio­nen gegen die Kon­dom­pflicht. Des­we­gen applau­diert auch die Deut­sche Aids­hil­fe nicht einem völ­lig nutz­lo­sen Para­gra­phen in einem total frag­wür­di­gen Gesetz! HIV wur­de auch nicht durch eine all­ge­mei­ne Kon­dom­pflicht ein­ge­dämmt, son­dern durch uner­müd­li­che Auf­klä­rung! Durch Bera­tung und Prä­ven­ti­on. Stellt Euch mal vor, was das für ein Auf­schrei in der Bevöl­ke­rung gewe­sen wäre, wenn der Staat so in die Bett­be­zie­hun­gen der Bürger*innen hät­te ein­grei­fen wol­len! Aber war­um den­ken dann so vie­le Men­schen, die Kon­dom­pflicht in der Sex­ar­beit sei etwas Sinn­vol­les, Gutes? War­um ist es bei uns Sex­ar­bei­ten­den ok, mit Zwän­gen zu han­tie­ren, und uns damit auch unse­ren gesun­den Men­schen­ver­stand und den Wunsch nach Selbst­schutz abzu­spre­chen? Zu Weih­nach­ten haben wir vom Sex­wor­ker Stamm­tisch in Köln über 200 Goo­die Bags als Geschen­ke für Kolleg*innen auf der Stra­ße gepackt und verteilt/verschickt. In jedem ein­zel­nen Geschenk waren auch etli­che Kon­do­me. Ratet mal, war­um Sex­ar­bei­ten­de grö­ße­re Men­gen Kon­do­me in Goo­die Bags für ande­re Sex­ar­bei­ten­de packen? Genau. Weil wir sie benut­zen, da sie uns schüt­zen, nicht, weil der Staat uns das auf­zwingt.

Aufklärung, Beratung und Unterstützung bei Gesundheitsfragen sowie anonymer und niedrigschwelliger Zugang zu medizinischer Versorgung schützt Sexarbeitende! Nicht Repression oder ein nett aussehender aber nutzloser Paragraph.