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Datum: 02.08.2026
Uhrzeit: 00:00–00:00 Uhr (720 Std.)

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Dem Hass zum Trotz: Happy Pride! Warum es so wichtig ist, sichtbar zu bleiben

Dem Hass zum Trotz: Happy Pride! Warum es so wichtig ist, sichtbar zu bleiben

CSD Bielefeld. Sexarbeiterin Madame Kali alias Hexengeige spielt auf der Bühne vor Pride-Flagge

Gemeinsam wider der Norm – wer für Sexarbeiter*innen-Rechte kämpft, kämpft für queere Menschen!

CSD in Bielefeld, 2026, Rathaus: Warum steht jetzt da eine Sexarbeiterin auf der Bühne? Ganz einfach: Wir haben dieselben Wurzeln. Stonewall wurde erheblich durch Sexarbeitende geprägt und ein Einsatz für die Rechte von Sexworkern inkludiert immer den Einsatz für die Rechte queere Menschen.

Vor 58 Jahren waren die Aufstände in Stonewall, vor 51 Jahren fand die Kirchenbesetzung in Lyon statt, wo Sexarbeitende gegen (staatliche) Repressionen und Polizeiwillkür vorgingen. Seitdem gibt es am 2. Juni den #internationalerHurentag.

Zur PRIDE kämpfen auch wir Huren Seite an Seite mit queeren Menschen (ob Sexworker oder nicht!) und Allies um Anerkennung, Sichtbarkeit und für unsere Rechte – trotz und wegen der erschütternden Nachrichten aus Berlin müssen wir sichtbar bleiben.

Stonewall wurde erheblich durch BIPoC trans* Sexarbeitende geprägt

Die Initialzündung von Stonewall, weil sie der Polizei schon seit langem ein Dorn im Auge waren, waren trans* Frauen wie Sylvia Riviera & Marsha P.Johnson die zum Teil in der Sexarbeit tätig waren. Insgesamt haben wir in Deutschland 4-7% Männer, 3-8% trans* Personen in der Sexabeit. Überproportional viele trans* Frauen sind in der Sexarbeit tätig.

15.4% aller trans* Befragten sind auch (gelegentlich) in der Sexarbeit. (Quelle AIDS Hilfe Dortmund zum 2.6.2026) All diese queeren Menschen werden in politischen Debatten oft unsichtbar gemacht, dabei sind gerade diese oft betroffen von Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt.

Die Leugnung von queeren Lebensrealiäten ist jedoch faschistoides Gedankengut. Wir sind hier um Haltung zu zeigen, um sichtbar zu sein denn wir sind ein Teil der Gesellschaft!

Die ursprünglichen 7 rainbow Farben wurden mittlerweile um Trans*, BIPoC, Non Binary, Inter* Farben und eben auch um den roten Regenschirm, als Schutzsymbol für die in der Sexarbeit tätigen Personen ergänzt.

Der aktuelle gesellschaftliche Rollback nimmt queere Menschen ebenso wie Sexarbeitende wieder ins moralische Visier.

Als Frau hast du eine gesellschaftlich festgelegte Aufgabe – kein Recht auf so-sein wie beim Mann. Die französische Sprache entlarvt es recht gut: l-homme bedeutet sowohl Mann als auch Mensch.

Für weiblich gelesene Menschen gab es immer nur Zuschreibungen wie Magd, wie Nonne etc. die ihre Stellung in der Gesellschaft bezeichnete. Frouwa bezeichnete ursprünglich nur adelige weibliche Personen.

Als Frau musst du (unbezahlte) Carearbeit leisten und reproduktiv tätig sein. Die (weiße cis) Frau wird als gesellschaftliches Norm Konstrukt gesehen, die ihren Körper so hinzugeben hat, wie es gerne gefordert wird. Siehe zur gesellschaftlichen Fremdbestimmung auch die (aktuelle) §218 Diskussion.

Der Körper als Konstrukt, als zentraler Gegenstand ideologischer Kontrolle – das war vor 90 Jahren schon mal richtig en vogue! Der Begriff hieß „asozial“, die Winkel (oder Sterne) waren schwarz oder rosa. Menschen entsprachen nicht dem Ideal der „Volksgemeinschaft“ und wurden aufs übelste verfolgt und letztendlich ermordet.

„Warum tut ihr denn nichts?“

Aller Abweichung von „der Norm“ wird auch jetzt wieder entgegengehalten – diese Forderungen kommen von meist gut bürgerlichen, in finanziell stabiler Lage sich befindenden und oft mit akademischem Hintergrund gesegneten radikal Feminist*innen wie Alice Schwarzer und anderen.

Der Drag King Storme de La Verie saß in der legendären Nacht des 28. Juni 1969 vor der  Stonewall Bar wegen „nicht-gender-angemessener“ Kleidung in Handschellen im Polizeiauto.

Von ihm gingen wahrscheinlich die legendären Worte aus, die das Fass um überbrodeln gebracht haben: „Warum tut ihr denn nichts?“

Trans Frauen werden als Gefahr geframed, Sexarbeitende als Opfer.

Trans-Exclusionary Radical Feminists (TERF) und Sexwork Exclusionary  Radical Feminists (SWERF) werden oft von denselben evangelikalen Strömungen getragen und gesponsert. Dieser biologistischer Feminismus der trans*, sexarbeitende, nicht-weisse und z.T. sogar lesbische Frauen ausschließt ist kein Feminismus im Sinne der Gleichberechtigung aller Geschlechter.

Das biologische Geschlecht ist beim Menschen ohnehin aus systembiologischer Perspektive sehr komplex. Es ist nicht einfach eine Gegebenheit, sondern entsteht in komplexem Wechselspiel aus dem genetischen Geschlecht (1), dem morphologischen Geschlecht (u.a. Genitalien und Gameten) (2), der sexuellen Orientierung (3), der Geschlechtsidentität (4), sowie dem Ausdruck des eigenen Geschlechtsempfindens (5) einer Person, wie es beispielsweise der Neurowissenschaftler Steven Novella unlängst prägnant dargelegt hat.

Statt patriarchale Strukturen zu hinterfragen stabilisieren sich Rad.-Fems (TERF & SWERF) durch Allianzen mit antifeministischen Akteuren – das ist internalisierte Misogynie! Denn Feminismus geht nur intersektional, nicht nur cis weiblich gedacht. Vor allem gilt der Grundsatz der Selbstbestimmung. Gerade auch wenn es um Dinge geht, die vielleicht nicht ganz so systemkonform erscheinen! #MyBodyMyChoice

Vermeintliche Eindeutigkeiten und Zuschreibungen für weiblich gelesene Menschen – diese Art biologischer Kategorisierung wertet alle Frauen ab! In vielen kulturellen Kontexten sind 5 Geschlechter oder mehr die Norm, traditionell z.B. auch die Femminielli in Neapel.

Indigene Völker sind uns sog. „zivilisierten Gesellschaften“ da um Lichtjahre voraus! Hier ein spannender Artikel aus Südostasien, aber auch in Afrika, (Süd-)Amerika und anderswo findet sich spannende Geschichte dazu!

Sexarbeitende und trans* Menschen werden als „Problem“ nicht als handelnde Subjekte gesehen

Darum auch danke, dass ich hier im Namen der Sexarbeitenden und als Pride-Beauftragte des Berufsverbandes für Sexarbeit stellvertretend reden kann. Allzuoft wird leider nur ÜBER uns geredet und gerichtet.

Sexarbeit wird als Bedrohungszenario für die „gute Frau“ genommen – also die Kränkung der respektablen bürgerlichen Frau. Weil Männer dann alle Frauen „so“ behandeln würden.

Sex wird dabei als etwas Bedrohliches gesehen was Frauen erdulden und Männer antun. Doch das ist eine moralisch sehr einseitige Betrachtung dessen wie Sexualität sein kann.

Denn in Wirklichkeit geht es um Disziplinierung weiblicher Sexualität – Hurerei wurde ursprünglich als nicht eheliches Sexualverhalten verstanden, (in vergangenen Zeiten wurde es frau auch oft als Hexerei angekreidet und geahndet. Auch da dieselbe Geschichte  – es muss „gerettet“ werden in ein bürgerliches, vermeintlich besseres Leben oder eben verbrannt.)

Die weibliche Norm vs Schlampe, die Hure als Gegenspielerin zur kontrollierbaren (Ehe-)Frau – Abwertung von nicht systemkonformem sexuellem Verhalten ist konservative chauvinistische Moralethik,  sehr oft mit Wurzeln in neorechten Kreisen.

Und das trifft alle weiblich gelesenen Personen, ob sie nun Geld damit verdienen oder nicht!

Sexarbeit ≠ Zwang
Sexarbeit ≠ Happy Hooker

Schlampe – was ganz eigenes mit dem Körper machen und eben nicht nur reproduktiv tätig sein. Abgewertet, weil du nicht verfügbar bist – für wen eigentlich?! (Vor 100 Jahren galtest du schon als Prostituierte wenn du als Frau Sex hattest um Spass zu haben – der Spass galt als Bezahlung!)

Noch schlimmer, wenn du noch – unverschämterweise, ganz ohne Scham nämlich über eigene, weibliche Körperlichkeiten! – Geld einforderst, also DAS Machtinstrument unserer heutigen Zeit, wichtig für soziale Teilhabe; etwas, von dem insbesondere Frauen strukturell eher weniger haben.

Aber wir sollen ja auch gar nicht in der Gesellschaft auffallen sondern unseren reproduktiven Teil brav und still im stillen Kämmerlein als unbezahlte Care Arbeit verrichten…

Beschämung soll uns stumm schalten, mundtot machen. Aber wir bleiben sichtbar, auf CSDs, auf Slutwalks und anderswo!

Wenn 90% ihren Job nur des Geldes wegen machen, wie es ja gerne von Sexarbeitsgegner*innen erzählt wird, dann haben wir aber einen besseren Schnitt als bei den meisten anderen Arbeiter*innen. Sexarbeit ist weder Zwangsarbeit noch Zwangsprostitution.

Aber wo viele migrantische Arbeiter*innen sind, da gibt es oft prekäre, teils ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, da sie oft ihre Rechte nicht kennen und auch oft keine Sozial- oder Krankenversicherung haben. Das ist auf den Baustellen so, im Nagelstudio, der Industrie mit ihren Fabriken und Fließbändern (Fleischverarbeitung!), den Erntehelfer*innen (Gurkenflieger & co), der (24/7) Pflege etc.

Kein Mensch leugnet auch schlechte Bedingungen in  der Sexarbeit – warum sollte das hier auch anders sein als überall in unserer Gesellschaft? Prostitution ist lediglich ein Phänomen und ein Spiegel der Gesellschaft. Wir gehen auch nicht hin und nehmen Giselle Pelicot als Paradebeispiel für eine bürgerliche Ehe!

Hilfsangebote und Unterstützung sind leider Mangelware

Statements von der CDU und anderen konservativen Stimmen nach Sexkaufverboten und anderen weiteren strafrechtlichen Konsequenzen sind heiße Luft und werden weder queeren noch Lebensrealitäten von Sexarbeitenden gerecht.

#Sexkaufverbote kriminalisieren Sexarbeitende durch die Hintertür – auch uns geht es dann an den Kragen ohne sichere Arbeitsplätze in einem illegalen Feld indem dann etwaige Probleme wie Gewalt oder Abhängigkeiten dann nicht mehr benannt, geschweige denn geahndet werden können.

In Frankreich, wo seit 10 Jahren solch ein Gesetz gilt, gibt es aktuell Bestrebungen im Parlament dieses wieder abzuschaffen, da man gemerkt hat, daß es komplett kontraproduktiv ist!

Was die CDU vom Schutz für diese Menschen hält hat sie Anfang des Jahres deutlich gemacht: Der komplette Fond für Opfer sexueller Gewalt Anfang 2026 und der ebenso bundesweite Aktionsplan „Queer leben“ wurden beide ersatzlos gestrichen!

Zu keiner Zeit haben Illegalisierungen von Sexarbeit diese verhindert – lediglich die Bedingungen für die betroffenen Menschen haben sich verschlechtert. Der geforderte Strafrechtsfeminismus von bürgerlichen Frauen dient lediglich dazu uns auf die „richtige Spur“ zu bringen im Sinne einer normativen Gesellschaftsordnung.

Aber wir sind da! Wir sind anders, wir sind queer und das ist gut so! Denn anders und individuell zu sein ist das, was uns Menschen ausmacht!

Kleiner Fun Fact der Geschichte: Frauen ging es generell in der Gesellschaft besser zu Zeiten, in denen Sexarbeitende (Dirnen… wie auch immer) akzeptiert und in der Gesellschaft integriert wurden.

Was uns hilft: Anerkennung und Akzeptanz unserer vielschichtigen Lebensrealitäten

Genauso wenig wie es DIE Queerness gibt, genauso wenig gibt es DIE Sexarbeit.

Wir erreichen das Ende des Patriarchats nicht, indem man uns Huren das Leben schwer macht mit weiterer Kriminalisierung auch hier in Deutschland. Respekt, Anti-Stigmatisierung und sichere Arbeitsbedingungen, das sind die Herausforderungen, die auch die AIDS Hilfe Studie von 2024 bei vor allem marginalisierten Kollegies in der Sexarbeit herauskristallisiert hat: www.aidshilfe.de/medien/md/was-brauchen-sexarbeiterinnen-fuer-ihre-gesundheit/

Sexuelle Identitäten und Lebensweisen müssen anerkannt werden! Wir brauchen Gesetze die uns als Betroffene schützen und keine moralinsauren Sexkauf-Verbotsdebatten.

Konsequente Anwendung bereits bestehender Gesetze gegen Täuschung und  Abhängigkeiten, gegen (sexualisierte) Gewalt, Zuhälterei, Menschenhandel und anderer Missstände!

Entkriminalisierung und Entstigmatisierung unserer Arbeitsbedingungen, denn noch immer ist Sexarbeit mit Sondergesetzen z.T. aus dem vorletzten Jahrhundert belangt. Und: Die aktuelle Evaluierung des relativ neuen Prostituierten Schutz Gesetzes (ProstSchG) zeigt Lücken und Reformbedarf, aber auch, daß wir auf dem richtigen Weg sind! kfn.de/forschungsprojekte/evaluation-des-prostituiertenschutzgesetzes-prostschg/

Wir brauchen weiter CSDs und wir brauchen Schlampenparaden/SlutWalks, gerade auch für die Normalisierung des Anders-Seins! Gemeinsam sichtbar und damit stark sein – wider dem Hass und wider der Ablehnung, für Community und für Vielfalt!

UNSERE ALLIES: AIDS Hilfe, Bundesverband Trans*, LSVD Verband queere Vielfalt, Verdi, DGB, Pro Familia, Deutscher Frauenrat e.V., Linke für Selbstbestimmung, SPD Queer, deutscher Anwaltverein, Paritätischer Wohlfahrtsverband,  Diakonie Deutschland, SKF Sozialdienst katholischer Frauen, Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V,  Bund der Juristinnen, Frauengruppe der Gewerkschaft der Polizei, Bundesvorstand  – Gewerkschaft der Polizei,  KOK Koordinierungskreis gegen Menschenhandel, Amnesty International, Human Right Watch, WHO und Partnerorganisationen, DSTI Gesellschaft, GSSG,  Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. uvm

Wer schreibt denn hier?

Dieser Text stammt von BesD-Mitglied, Bizarrlady, Tantrikerin und passionierter Hobby-Historikerin Madame Kali!

In ihrem Blog schreibt sie regelmäßig aus ihrer Sicht als Sexarbeiterin über gesellschafts-politische Themen.

Neugierig geworden? Mehr über Madame Kali erfährst du hier:

https://madamekali.de – Bizarre Erotik & liebevolle Perversionen ❤️ (18+)

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